Wenn Fußball und Trauer aufeinandertreffen

Ein Querpass durch die Trauerkultur im Fußball

Als im Januar 2019 das Flugzeug mit dem argentinischen Spieler Emiliano Sala auf dem Weg zu seinem neuen Verein Cardiff City als vermisst gemeldet wurde, löste dies eine Welle großer Anteilnahme der Fans und der Akteur*innen rund um den Fußball aus. Das konnte man auch Ende Oktober des vorherigen Jahres beobachten, nachdem der Besitzer von Leicester City, Vichai Srivaddhanaprabha, verunglückte. Gerade im Fußball sind Trauer und Tod so sichtbar und präsent wie sonst fast nirgends. Der folgende Text beschreibt das Verhältnis des Fußballs und seiner Akteur*innen zu diesen Themen und zum Umgang mit ihnen.

(c) 2018 Martin Widdra, alle Rechte vorbehalten / all rights reserved

von Carmen Mayer, trauerundfussball.de | Februar 2019

Samstagnachmittag 15.30 Uhr in den 1980er Jahren.

Mein Vater fegte den Hof, putzte das Auto oder werkelte in der Garage, mit dabei war immer das Radio. Es lief die Liveübertragung der Bundesligaspiele. Damals war dies die einzige Möglichkeit, die Partien live zu verfolgen. Längst vergessene Namen wie Bayer Uerdingen und Waldhof Mannheim schallten durch die Nachbarschaft, die sich mehr oder weniger freiwillig mit dem samstäglichen Open-Air-Bundesligaradio abgefunden hatte.

Heute ist mein Vater schon einige Jahre tot, die Fußballanstoßzeiten sind nicht mehr nur am Samstag um 15.30 Uhr und die Übertragung im Radio gibt es zwar noch, doch sie scheint angesichts der modernen Medien in die Jahre gekommen zu sein. Auch wenn heute alles anders ist, so sind mir doch meine ganz persönlichen Erinnerungen an die gemeinsamen Fußballzeiten mit meinem Vater geblieben. Fußball ist somit auch Erinnerungskultur – Erinnerung an verstorbene Menschen.

Nicht nur in der Erinnerung, sondern auch in Zeiten der individuellen Trauer kann Fußball Halt und Unterstützung geben, wie Fußballer und Fans immer wieder berichten. Darüber hinaus ist gerade das Tabuthema Tod und Trauer im Fußball sehr sichtbar, man denke nur an die Schweigeminute, den Trauerflor, die Choreographien für verstorbene Spieler oder Fans oder das Verlesen von Nachrufen auf verstorbene Anhänger*innen in der Halbzeitpause beim 1. FC Union Berlin.

Deshalb geht der folgende Text der Frage nach, was passiert, wenn Trauer und Fußball aufeinandertreffen. Welchen Beitrag kann Fußball zur Trauerkultur leisten? Neben der Auswertung von Artikeln aus Zeitungen, Zeitschriften und Fanzines sowie Aufsätzen, die sich mit dem Thema Fußball, Tod und Trauer beschäftigen, werden auch Auszüge aus Interviews mit Fußballfans hinzugezogen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Trauer-, Abschieds- und Gedenkritualen im Stadion. Daneben soll ein kleiner Einblick in weitere Formen des Gedenkens, Erinnerns und Abschiednehmens rund um den Fußball gegeben werden.

Trauerflor und Schweigeminute als sicht- und hörbare Trauerzeichen

Gerade im Stadion gibt es eine ganze Reihe von Trauer-, Gedenk- und Abschiedsritualen. Dabei handelt es sich um Rituale, die zum Teil institutionalisiert sind, aber auch um solche, die aus den Fanszenen oder aufgrund von Besonderheiten des Vereines entstanden sind. Zunächst sei auf das Tragen des Trauerflors hingewiesen. Klare Regularien gibt es dafür keine; es bleibt jedem Verein selbst überlassen, wann ein Trauerflor getragen wird. Er muss lediglich bei dem jeweiligen Verband angemeldet werden. Der Trauerflor kommt zum Einsatz, wenn Fußballer, Trainer, Vereinsfunktionäre oder Verwandte von Spielern gestorben sind oder auch nach großen nationalen und internationalen Katastrophen. So berichtet Jan, Hertha-BSC-Fan, auf meine Frage, ob in der Kurve über das Thema Trauerflor gesprochen wird, Folgendes:

„Kommt darauf an. Manchmal sind es ja auch persönliche Schicksale der Fußballer, wo sie dann Trauerflor tragen. Ich weiß von Kalou, dass irgendwann sein Vater gestorben ist. Daraufhin hat er erstmal im nächsten Spiel drei Tore geschossen […]. Da hat auch die Mannschaft mit Trauerflor gespielt und das war natürlich Megathema. Weil er einfach die Tore seinem Vater gewidmet hat. Klar, dann redet man darüber […]. Ansonsten geht’s so, wenn es irgendein Präsi war oder ein offizielles Vereinsmitglied, was im Hintergrund gearbeitet hat, was für den Verein tatsächlich wichtig war, aber für den allgemeinen Fan nicht, dann reden die Fans nicht so viel darüber.“

Das Tragen des Trauerflors im Fußball als sichtbares Trauerzeichen bietet so die Möglichkeit, Anteilnahme und Mitgefühl öffentlich zu zeigen – für Trauer, die sonst oft nicht sichtbar wäre. Denn zumindest optisch gibt es diesbezüglich heutzutage starke Einschränkungen, da es anders als früher keine eindeutige Trauerkleidung gibt. Das Tragen des Trauerflors ist aber auch eine institutionalisierte Handlung. Die Fans haben in der Regel keinen direkten Einfluss darauf oder Teilhabe daran. Allerdings wird, wie das Interview auch zeigt, das Tragen des Trauerflors vor allem dann thematisiert, wenn man einen Bezug zur verstorbenen Person oder dem Hinterbliebenen hat. Es wäre sicher interessant, Fußballer, die den Trauerflor tragen, dazu zu interviewen, um vielleicht so neue weitere, spannende Aspekte zu entdecken.

Die Schweigeminute vor Beginn eines Fußballspieles ist eine weitere Trauerbekundung, die wieder von jedem einzelnen Verein beantragt werden kann. Im Gegensatz zum Trauerflor, der lediglich angemeldet wird, prüft der jeweilige Verband allerdings die Schweigeminute, da diese in den Spielverlauf eingreift. Hier kann – genau wie beim Trauerflor – je nach Anlass auch eine Schweigeminute für die gesamte Liga festgelegt werden. Die Befragung von Fans, wie sie die Schweigeminute erleben und an was sie denken, ergab diese Antworten:

Michael und Anja, Schalke-04-Fans:

„An vieles. Nicht nur an die Schweigeminute für denjenigen, den es betrifft, sondern in dem Moment kommen auch andere Menschen in Erinnerung hoch, die aus unserem Leben gegangen sind. Ob das jetzt meine Mutter ist [Michael] oder mein Papa [Anja].“

Steffi, BVB-Fan:

„Ich denke über verschiedene Sachen nach, nicht unbedingt über die Person, aber auch grundsätzlich über andere Personen, die bei mir im Leben waren und die nicht mehr sind.“

Tobi, Hertha-BSC-Fan:

„Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, woran ich gedacht habe, aber ich würde schon sagen, dass ich an andere Verstorbene denke aus meinem Leben.“

Jan, Hertha-BSC-Fan:

„Ich finde den Cut so krass, ich gehe ins Stadion, freue mich auf das Spiel, bin gehypt, habe mir die Aufstellung vorher durchgelesen, weiß alles über den Gegner, was ich denke wissen zu müssen und bin mehr oder minder euphorisch und dann kommt immer diese Schweigeminute und die zieht einen doch immer ziemlich schnell vom Fußball weg […] klar, meistens hat es einen Fußballbezug, aber diese Schweigeminute, da denk ich dann nicht, mal schauen, wie sie heute spielen. Da ist dann wirklich in dem Moment die Trauer im Vordergrund oder die Schweigeminute für sich. Und da habe ich sicher auch schonmal an meine [2010 gestorbene] Schwester gedacht, explizit wissen tue ich es nicht, aber ich gehe einfach davon aus.“

Dann erzählt Jan weiter:

„Also grundsätzlich, Schweigeminuten werden, zumindestens aus meiner Sicht, gerade in der Kurve, eigentlich ziemlich ernst genommen. Weil die eben auch mal eine Schweigeminute außerhalb der Reihe machen. […] so habe ich auch ganz oft schon erlebt, dass die Kurve die erste Minute oder die ersten 5 Minuten schweigt. Weil einer von ihren Fans gestorben ist. Und deswegen, ich glaube gerade die Ultraszene, oder dieser härtere Fan-Kern, die nehmen diese Schweigeminute auch sehr ernst.“

Dies hat den Hintergrund, dass, wenn ein einzelner Fan stirbt, in der Regel keine offizielle Schweigeminute abgehalten wird, weil, wie zuvor erwähnt, es einen minutengenau getakteten Spielablaufplan gibt und so der Verein dies nicht für verstorbene Fans durchführen kann. Deshalb initiieren die Fans dann ihre eigene Schweigeminute und zusätzlich wird dann oft noch „entweder ein ganzes Spruchbanner hochgehalten oder so ein Starbanner, wo ein Konterfei drauf ist, der Name und ein Rest in Peace“, berichtet Jan.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Schweigeminute als Trauerbekundung der hörbaren Stille in der Öffentlichkeit und in der Gemeinschaft Trauer zulässt und gemeinsam erlebbar macht. Neben der institutionalisierten Schweigeminute gibt es auch die von Fans initiierten Momente des Innehaltens. Diese schaffen damit ihren eigenen Trauerraum und setzen durch das Schweigen in der Kurve auch ein Zeichen des Erinnerns und Gedenkens. Unterstrichen wird dies oft zusätzlich durch aufwendige und mit viel Herzblut gestaltete Choreographien, die an verstorbene Fans oder Fußballer erinnern.

An dieser Stelle sei noch kurz erwähnt, dass die Fans auch spontane Trauerbekundungen im Stadion initiieren, wie zum Beispiel im März 2016 im Signal Iduna Park. Beim Spiel Borussia Dortmund gegen Mainz 05 erkrankten zwei Fans im Stadion schwer, einer von ihnen starb. Nachdem sich das herumgesprochen hatte, schwiegen beide Fangruppen gemeinsam, die Transparente wurden eingerollt und gegen Ende „You’ll never walk alone“ gesungen. Ein Moment, der sowohl Fans als auch Fußballern unter die Haut ging und deutlich macht, dass in solch einem Augenblick die Rivalität und das Spiel in den Hintergrund rücken können. In einem solchen Moment der Trauer steht ein ganzes Stadion geschlossen und gemeinschaftlich da und setzt damit ein eindrucksvolles Zeichen des Mitgefühls und der Anteilnahme.

Union Berlin: Nachrufe in der Halbzeitpause

Eine besondere Form der Trauer- und Erinnerungskultur im Stadion findet sich beim 1. FC Union Berlin. Dort werden in der Halbzeitpause Nachrufe auf verstorbene Fans verlesen, einmalig in der Bundesliga. Christian Arbeit, Stadionsprecher und Geschäftsführer Kommunikation von Union, erzählte mir dazu folgendes:

„Es passiert dann immer in einer Halbzeitpause […] es ist natürlich nicht der Hauptinhalt dessen, was wir hier tun. Auch nicht der Hauptinhalt der Pause, aber wir haben Platz dafür, wir nehmen uns diesen Platz dafür und das können wir, weil wir auf vieles andere, was man so in Fußballstadien in Halbzeitpausen sieht, sehr gerne verzichten […] diesen Platz füllen wir, im Grunde kann man sagen, mit uns selbst. Mit Unionfaninhalten […]. Wir leisten uns etwas, was wir selbst als Fußball pur bezeichnen […]. Wenn man […] sich die großen Inszenierungen von Profifußballspielen in vollen Stadien anschaut, dann denkt man ja manchmal, dass das eigentliche Spiel fast nur noch so eine Beigabe ist, zwischen irgendwelchen von Musik bis Cheerleader oder ähnlichen Dingen. Machen wir alles nicht. Wir lassen die Leute im Stadion weitgehend in Ruhe mit anderweitiger Unterhaltung. Insofern gibt es keine Bestrebungen, dies mit etwas anderem zu ersetzen, solange wir den Eindruck haben, dass ein Großteil der Menschen dies als einen sehr legitimen Ablauf betrachtet und anerkennt, dass es für die konkret Betroffenen einfach ein wichtiger Moment ist.“

Auf die Frage, ob er es wichtig findet, dass Trauer, Tod und Sterben wieder mehr im Alltag Platz haben, antwortete er Folgendes:

„Sagen wir so, ich hatte jetzt nicht eine Agenda oder einen Plan zu sagen, dieses Thema möchte ich wieder verstärkt irgendwo stattfinden lassen. Eigentlich ist es umgekehrt. Man wird mit diesem Thema konfrontiert, weil es passiert, weil es zum Leben dazugehört und dann sortieren wir es nicht aus, dann lassen wir es zu. Wir machen aus diesem Ort auch keinen Trauerort, aber es findet genauso seinen Platz wie Geburt und Hochzeit. […] Es ist im Grunde so ein Ding, was von den Menschen kommt, die zu uns kommen. Also dieses Thema, wie kann ich mich eigentlich einbringen, was macht meinen Verein denn zu meinem Verein. Das ist in vielen Dingen ein Thema bei uns. Also sich dieses Beteiligen-können oder selbst aktiv etwas herbeiführen. Da gehört dieses Thema genauso mit dazu. Wir haben nicht irgendwann überlegt, das wäre jetzt mal irgendetwas ganz besonders schönes, und bieten das jetzt mal an und schreiben wohin: Wenn also bei euch jemand verstorben ist, dann meldet euch, wir verlesen das. Es ist umgekehrt gekommen, es ist hineingewachsen in den Verein und wir geben dem Raum. Sich das zu leisten als Verein.“

Stefanie Fiebrig, Union-Fan, Designerin und Fotografin, Bloggerin und Podcasterin von textilvergehen.de, erzählt zu dem Verlesen der Nachrufe bei Union folgendes:

„Das ist tatsächlich so, dass ich glaube, dass es den Leuten hilft, die trauern und die merken, dass sie nicht allein sind, sondern dass da gerade ganz viele Leute sind, die in dem Augenblick anteilnehmen. Und das ist generell was in diesem Fußballfankulturding drinnen ist, dass man sich an jemanden erinnert, als jemanden, der immer da drüben stand. Oder mit dem man dies und das erlebt hat, mit dem man auswärts war […]. Und deshalb glaube ich, ist das auch genau der richtige Rahmen, wenn was Trauriges ist, dass man auch damit nicht allein ist.“

Auf die Frage, ob es auch einfacher ist in Gemeinschaft zu trauern, antwortet sie:

„Ja, auf jeden Fall, weil man sich nicht doof vorkommt und man ist als diese spezielle Gemeinschaft auch gefühlserprobt […] da schämt man sich auch nicht, weil wenn man sich aufregt, macht man das genauso so. Da ist man es eben gewöhnt, alle möglichen Gefühle sowieso zuzulassen und deshalb ist es eben ein total guter Ort dafür, also auch ein guter Rahmen […] Ich finde es gut, dass wir das so machen, auch wenn es traurig ist, finde ich es trotzdem notwendig“.

In den Interviews wird sehr deutlich, dass das Verlesen der Nachrufe bei Union eine wichtige Unterstützung in der Trauer sein kann. Zum einen sind die Hinterbliebenen nicht allein gelassen in ihrer Trauer, sie erfahren Anteilnahme in und mit einer Gemeinschaft, zum anderen wird an die Verstorbenen erinnert und gedacht. Das ist “eine große Würdigung” und viel “schöner als Blumen”, meint auch Stefanie. Auch wurde betont, dass gerade das Stadion ein guter Ort für Trauer sei, denn dort sei man „gefühlserprobt“. Dort im Stadion muss man sich für nichts schämen, kann allen Gefühlen freien Lauf lassen und so kann und darf die Trauer da sein, zugelassen werden und sichtbar sein.

Möglich ist das Verlesen von Nachrufen in der Halbzeitpause bei Union nur, weil auf vieles andere verzichtet wird. So wird “Platz und Raum für Unionfaninhalte” geschaffen. Für das, was man auch als Fußball “pur” bezeichnen kann. Fans können sich einbringen in ihren Verein, können teilhaben und dazu gehört neben vielen anderen Dingen auch das Verlesen der Nachrufe. Trauer gehört hier also genauso dazu wie Geburt und Hochzeit und wird nicht aussortiert. All diese Dinge sind selbstverständlich. Die Gemeinschaft schafft so auch eine Verbindung und Zugehörigkeit, die über das Spiel hinausgeht.

Fußballbestattungen und weitere Formen des Gedenkens abseits des Stadions

Abschließend soll noch kurz auf weitere Formen von Trauer-, Gedenk- und Abschiedskultur rund um den Fußball eingegangen werden. Als erstes sei hier auf die Treue zum Verein auch über den Tod hinaus verwiesen. So wird die Bestattung eines Fußballfans oft individuell gestaltet – es ertönt als Musik die Vereinshymne, der Blumenschmuck entspricht den Vereinsfarben, die Trauergäste erscheinen in Trikot und Fanbekleidung. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl von verschiedenen Fußballurnen und Fußballsärgen. Darüber hinaus entstanden auch Fanfriedhöfe, wie der von Hamburg und das Schalker Fanfeld, so dass man sich in der Nähe des Stadions bestatten lassen kann.

Eine weitere Form der Vereinsbestattung gibt es jetzt auch in Mönchengladbach. Nach dem Umbau einer früheren Pfarrkirche zur Grabeskirche entstand dort Platz für Urnengräber für Borussen-Fans. Die Glaskacheln der Urnengräber haben die Farben der Borussia: Schwarz-Weiß-Grün.

Zum Thema Bestattung von Fans hat mir Susanne, Vorsitzende vom Fanclub Turbinefans e.V. von Turbine Potsdam, eine ganz berührende Erinnerung erzählt:

„Das […] war ein Fan, der wirklich sehr aktiv war, auch bei vielen Nachwuchsspielen dabei war. Wo erst im Nachhinein, nachdem er verstarb, herauskam, dass er ein ganz einsamer Mensch war. Das hätte man nie erwartet, weil er sehr aktiv war. Er war auch über 70 […] und auch ein sehr lebensfroher Mensch. […] als es rauskam und man mitbekam, dass es nicht mal Familienangehörige gab, die ihn beerdigen, haben wir alles in Gang gesetzt. Also gemeinsam, weil es dann so eine Art Armenbegräbnis [eine sogenannte ordnungsbehördliche Bestattung, C.M.] seitens der Stadt gibt. Da haben wir dann Kontakt aufgenommen durch den Fanclub […], um dieses angestrebte Armenbegräbnis noch aufzupeppen. Da haben wir ein bisschen Spendengelder gesammelt und, was viel wichtiger war: Dass wir eine Beerdigung organisiert haben, die seiner würdig war, weil wir doch sehr betroffen waren. Und uns ist damals gelungen, dass der damalige Cheftrainer Bernd Schröder, das ist jetzt 3–4 Jahre her, auch zur Beerdigung kam. Dass er auch an das Grab kam und das sehe ich bis heute noch vor mir: Wie der einen Kniefall macht vor dem Grab, also wie von Brandt zu Warschau der Kniefall. Das war fantastisch. Das hat es auch nochmal bestätigt, ich sag mal, dass Trauerarbeit und Fußball Dinge sind, die sind ganz nah, also ganz viel miteinander zu tun haben, weil es ist eine Fanfamilie ist. Eine absolute Gemeinschaft, die die Menschen auch wirklich so nimmt, also, ohne, ich sag mal, gesellschaftlichen Status, […] wie sie sind. Man ist wirklich füreinander da […] man ist für eine Sache da und auch füreinander.“

In memoriam
Karl-Liebknecht-Station, Potsdam-Babelsberg
(c) 2018 Martin Widdra, alle Rechte vorbehalten / all rights reserved

Auch hier wird die Verbundenheit der Fans miteinander sehr deutlich und dass die Gemeinschaft auch über den Tod hinausgeht. Die letzte Reise des verstorbenen Fans soll würdevoll und respektvoll gestaltet werden, er soll sich auch da begleitet und geborgen fühlen in der Gemeinschaft der Fans. Keiner soll allein und einsam von dieser Welt gehen.

Weitere Formen, wie Fußball-Fans ihrer Verstorbenen gedenken, sind Artikel in Fanzines, ebenso finden sich auch in Fußballmagazinen wie dem „Tödlichen Pass“ oder der „11Freunde“ feste Rubriken, die sich mit „Todesnachrichten“ beschäftigen. Daneben gibt es Erinnerungen an verstorbene Fans in Stadionheften und natürlich auch in den sozialen Netzwerken. Ebenso finden sich manchmal in Stadionnähe spezielle Graffiti, die an verstorbene Fans erinnern. Manche Vereine veranstalten auch Gedenkspiele und Turniere für verstorbene Fußballer oder Trainer aus ihren Reihen. Zuletzt sei hier noch das Archiv der verstorbenen Bundesligaspieler genannt. Der Sammler Peter Plum hat zusammen mit anderen Sammlern dieses ganz besondere Archiv zu allen verstorbenen Bundesligaspielern angelegt, unabhängig davon, wie viele Einsätze sie hatten. Dort finden sich Artikel über die jeweiligen Akteure sowie die Todesursache und das Todesdatum. Ein Archiv, das so auch ein Zeichen der Erinnerung an verstorbene Bundesligaspieler ist.

So bleibt abschließend festzuhalten, dass es sehr viele verschiedene, kreative Formen des Abschieds, des Erinnerns und Gedenkens im Fußball und der Fankultur gibt – sowohl innerhalb als auch außerhalb des Stadions. Sie alle ermöglichen einen aktiven Umgang mit der Trauer und sind fest im Fußball und der Fankultur verankert. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Trauerkultur. Fast nirgendwo geschieht dies in einer so großen Öffentlichkeit wie beim Fußball. Viele Menschen in den Stadien und auch vor dem Fernseher haben teil daran, die Trauer ist sichtbar im öffentlichen Raum. Sie gehört ganz selbstverständlich mit dazu und bekommt ihren Platz. Dann geht es aber auch wieder weiter, und zwar mit dem sportlichen Geschehen auf dem Rasen. Alles ist in Bewegung und Veränderung, nichts bleibt wie es war, nur eines ist sicher: Nach 90 Minuten plus Nachspielzeit pfeift der Schiri ab. Dann heißt es: „Das Spiel ist aus!“, aber eben auch: „You’ll never walk alone.“

Weiterlesen:

  • Cardorff, Peter / Böttger, Conny: Der letzte Pass. Fußballzauber in Friedhofswelten, Göttingen 2005.
  • Hebenstreit, Stefan: Torjubel, Tod und Trauerrituale. Beobachtungen zur Sepulkral- und Memorialkultur von Fußballfans, in: Gugutzer, Robert / Böttcher, Moritz (Hrsg.): Körper, Sport und Religion. Zur Soziologie religiöser Verkörperungen, Wiesbaden 2012, S. 141–165.
  • Herzog, Markwart (Hrsg.): Memorialkultur im Fußballsport. Medien, Rituale und Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und Vergessens (Irseer Dialoge, Bd. 17), Stuttgart 2013.

1 Kommentare

  1. Pingback: Die Auswärtsbilanz des 1. FC Union ist sehr ausbaufähig › ***textilvergehen*** › Auswärtssieg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.