Ultras und Medien: Die ewige Ambivalenz

Es ist der 24.07.2015, Auftakt in die neue Spielzeit der Dritten Liga. Als der Aufsteiger 1. FC Magdeburg den FC Rot-Weiß Erfurt empfängt, ist die mediale Aufmerksamkeit, zumindest im mitteldeutschen Raum, erheblich. Vom Spiel abgesehen ist mir eine Szene besonders im Gedächtnis geblieben: Guido Schäfer, ehemaliger Fußballprofi und jetziger Sportredakteur, begab sich mit einem Kamerateam in Richtung Gästeblock. Der Empfang dort war alles andere als herzlich, etliche Erfurter pöbelten wütend, Bierbecher flogen. Kamera unerwünscht. Natürlich kann man sich nun die Frage stellen, was Schäfer mit dieser provokant anmutenden Aktion beabsichtigt hat. Dachte er, dass der Vorsänger vom Zaun steigen würde, um sachlich-nüchtern für die Fernsehzuschauer die erste Halbzeit zu analysieren? Oder ging Schäfer mit der gezielten Absicht in Richtung Gästeblock, die Fußballfans als aggressiven Mob darzustellen, der sich weigert, mit einem Medienvertreter in Kontakt zu treten? Auch drei Jahre später kann ich mir diese Fragen nicht beantworten.

Der Versuch einer Annäherung (Screenshot YouTube)

Dennoch hat sich mir diese Szene ins Gedächtnis eingebrannt, drückt sie doch aus, wie Journalisten und aktive Fanszenen sich heute scheinbar gegenüberstehen – unversöhnlich. Begibt sich die eine Seite in Gesprächsbereitschaft auf den anderen Akteur zu, blockt dieser ab. Ultras werden von den Medienvertretern in der Berichterstattung nicht richtig einbezogen, ihnen wird häufig nicht die Möglichkeit eingeräumt, ihre Sicht der Dinge für Leser und Zuschauer darzulegen. Jene wiederum stoßen häufig auf Ablehnung und Misstrauen, wenn sie für Reportagen und Dokumentationen auf Ultras zugehen. Stimmt dieser Eindruck? Hat sich das Verhältnis von Ultras und Medien in den letzten Monaten vielleicht sogar gewandelt? Wie kommunizieren Ultras, wie verschaffen sie sich Gehör und erreichen ihre Zielgruppen? Eine Spurensuche.

von Lennart Birth (120minuten.net)

Die Ausgangslage:
Wie stehen aktive Fanszenen grundsätzlich zu Medienvertretern und umgekehrt?

Das Verhältnis von aktiven Fanszenen zu Journalisten und Berichterstattern ist ambivalent, so zumindest mein Eindruck als Fan, der zwar mit den Ultras seiner Mannschaft sympathisiert und ihre Aktionen interessiert verfolgt, jedoch etliche Begleiterscheinungen der Ultrakultur kritisch bewertet. Auf der einen Seite meiden Ultras den Kontakt zur Presse. Viele Ultragruppen sind nach außen hin homogen organisiert, eine geschlossene und verschworene Gemeinschaft. Die Ultrabewegung als Ganze besitzt diese Homogenität jedoch nicht, vielmehr weist jede Gruppe durch unterschiedliche Rahmenbedingungen und Geschichte besondere Eigenarten auf, sei es im Umgang mit Pyrotechnik, bei politischen Hintergründen oder im Verhältnis zu Vereinsvertretern. Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass Ultras grundsätzlich (vielleicht mit wenigen Ausmaßen) kritisch sehen, wie Medien über sie berichten.

Ein wohl klassisches Beispiel: Diese Ablehnung manifestiert sich, wenn bestimmte Berichterstattungen, etwa im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen mit der Polizei, als undifferenziert und einseitig kritisiert werden. Fakt ist, dass einige Medienvertreter tatsächlich dazu neigen, ohne Recherche und Prüfung der Informationen, Presseinformationen der Polizei zu übernehmen. Natürlich kann man an dieser Stelle das Argument anführen, dass Kontaktwege zu Ultras häufig fehlen. Das erklärt zwar eine mögliche Ursache, jedoch bleibt die negative Konsequenz bestehen. Denn dass dabei der Gegenseite, also den aktiven Fangruppierungen, die Möglichkeit fehlt, die eigene Sicht der Dinge zu schildern, sorgt dafür, dass bei Lesern und Zuschauern schnell der Eindruck entstehen kann, „diese Fans“ hätten sich mal wieder nicht im Griff gehabt und das Eingreifen der Polizei habe Schlimmeres verhindert. Dabei wird die durchaus legitime Frage nach der Berechtigung einer Intervention nicht ausreichend belichtet und geprüft. Leider sind sinnlose oder gar provozierte Einsätze seitens der Polizei, teilweise sogar verbunden mit grundloser Gewaltanwendung, etwa durch Pfefferspray und Schlagstock, längst Teil des Problems. Oft kritisieren Ultras im Zuge solcher Vorfälle, als Sündenbock für gewaltsame Auseinandersetzungen herhalten zu müssen. Dass die Schuld häufig wohl tatsächlich aufseiten der Fans liegen mag, rechtfertigt noch lange nicht, dass diese pauschal die Verantwortung für Eskalationen tragen. Der Aspekt der Polizeigewalt wurde im Kontext des G20-Gipfels 2017 in Hamburg durchaus beleuchtet, im Fußball passiert das bei der medialen Einordnung von Polizeieinsätzen noch zu selten.

Neben der fehlenden Möglichkeit, sich in den Medien über derlei Vorfälle äußern zu können, sind weitere Gründe auszumachen, die die Distanz von Ultras zu Journalisten erklären könnten. Die Wahrung der Anonymität wäre schließlich gefährdet, wenn es offenen Kontakt zu Medienvertretern gäbe. Da zum Selbstverständnis vieler Ultragruppierungen auch illegale Aktionen wie etwa der Einsatz von Pyrotechnik gehören, könnte ein Kontakt zu den Medien die eigene Person ins Licht der Aufmerksamkeit – auch oder gerade der Polizei – rücken. Des Weiteren drängt sich der Verdacht auf, dass Ultras den Mediendialog häufig verweigern, weil sie, wie viele andere Interessengruppen auch, bewusst steuern wollen, welche Inhalte in welcher Form der Öffentlichkeit präsentiert werden. Eine Kontrolle dieser ist nur dann vollständig möglich, wenn eigene Kommunikationswege (in klassischer Form, aber vermehrt auch digital) zur „Öffentlichkeitsarbeit“, so denn eine solche überhaupt vorliegt, genutzt werden. Fanzines eröffnen die Möglichkeit, ohne redaktionelle Kontrolle oder ähnliche Maßnahmen, Inhalte direkt vor Ort, also am Spieltag im Stadion, den Fans und Unterstützern zukommen zu lassen. Diese Art der ungefilterten Kommunikation ist auf den ersten Blick durchaus legitim, ist sie schließlich auch bei Parteien und anderen gesellschaftlichen Institutionen gängige Praxis. Dennoch bedeutet dieser Kommunikationsweg, so wie ursprünglich von vielen Fans bei den Medien kritisiert, eine einseitige Präsentation von Fakten, wobei sich in einigen Fällen schon fast der Eindruck von Propaganda und Selbstinszenierung einstellen könnte.

Informationsmaterial von aktiven Fanszenen kann den anderen Fans einen guten Einblick in deren Arbeit geben und Themen aufgreifen, die in den Medien und in der lokalen Sportberichterstattung vielleicht nicht ausreichend aufbereitet werden. Beispielhaft sind da die tiefgreifenden Diskurse, die viele Fanszenen im Zuge der Ausgliederungsdebatten oder richtungsweisender Satzungsänderungen durch die basisdemokratischen Mitgliederversammlungen innerhalb ihres Vereines anzustoßen versuchen. Andere Fans sollen informiert werden, der eigene Standpunkt wird deutlich, man wirbt um demokratische Mehrheiten. Diese Praxis ist vertretbar, dennoch sind solche Produkte stets mit einem gesunden Maß an Vorsicht zu genießen, da auch sie meist nur eine Seite der Medaille zeigen und damit selektiv Informationen präsentieren. Denn: wenn Ultras in ihren eigenen Formaten ihre Ansichten zu bestimmten Themen kundtun, so fehlt auch hier eine gewisse Opposition, die bestimmte Sichtweisen auch einmal kritisch hinterfragt. Dies ist etwa dann der Fall, wenn es durchaus verschiedene Interpretationsmöglichkeiten für einen Sachverhalt gibt, die aktiven Fans jedoch im eigenen Interesse nur eine bestimmte Sichtweise vertreten. Den kontroversen medialen Diskurs zu einem sportpolitischen Thema werden sie wohl kaum ersetzen können und wollen.

In den letzten Jahren haben aktive Fans auch das Internet für sich entdeckt. Aufrufe, Gegendarstellungen und Informationen werden auf eigens eingerichteten Webseiten übersichtlich und für jeden frei zugänglich präsentiert. Über soziale Netzwerke können sich solche Informationen direkt und sehr schnell verbreiten und die entsprechenden Zielgruppen erreichen.

Und die Presse? Eine gewisse Mitschuld der Medien deutet sich in Hinblick auf fehlenden Rechercheeifer an, sollte aber keinesfalls pauschal formuliert werden. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass einigen Journalisten im Zuge der Fußballberichterstattung die Muße oder schlichtweg das Interesse fehlt, beide Seiten in einem ausgewogenen Maß zu Wort kommen zu lassen und somit auch den Ultras die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu gewähren. Leider muss man immer wieder feststellen, dass nicht nur Polizeimeldungen unreflektiert übernommen werden; auch in anderen Fällen gehen einige Medienvertreter in der Rezeption von Ultra-Aktionen nicht differenziert genug vor. Wenn bei einer koordinierten Pyroshow inflationär und obligatorisch von „vermummten Idioten“ gesprochen wird, wo bleibt da eine Abstufungsmöglichkeit, wenn Raketen in Zuschauerblöcke fliegen? Zu oft wird medial die Moralkeule geschwungen: Spruchbanner werden kritisiert, Pyrotechnik ist im Gegensatz zu anderen Sportveranstaltungen auf einmal eine Gefahr und nicht der atmosphärische Ausdruck von Emotionen, Überschriften werden reißerisch formuliert, damit sie viele Menschen zum Lesen motivieren. Ein perfekter Nährboden für Misstrauen und Ablehnung gegenüber „den Journalisten“. Wenn eine Mehrheit der Medienvertreter es nicht schafft, bestimmte Ereignisse unaufgeregter und differenzierter einzuordnen, leiden diejenigen Kollegen, die ehrlich darum bemüht sind, im Sinne ausgewogenerer Berichterstattung Fans und Polizei beziehungsweise Fußballverband oder Vereinsoffizielle in einem guten Maß in Berichte einzubeziehen.

Andererseits haben Ultras und Medien durchaus das Interesse, sich gegenseitig auch im beidseitigen Vorteil zu nutzen oder gar zu instrumentalisieren. Die Selbstinszenierung im Zuge spektakulärer Choreografien geschieht in einer Symbiose zwischen Fans und Medien. Deutschlandweite Bekanntheit und Aufmerksamkeit, Punkte im Wettrennen mit anderen Fanszenen im Zuge des „höher, weiter, schneller“-Konkurrenzdenkens zwischen einzelnen Gruppierungen und die Erzeugung eines positiven Images für Fanszene und Verein können durchaus Faktoren sein, die Ultras dazu bringen, wohlgesonnen auf positive Medienberichterstattung zu reagieren. Bei den Medien sorgen spektakuläre Bilder und Videos dafür, dass Beiträge von Journalisten in großer Zahl gelesen und geteilt werden. Man profitiert voneinander. Die eine Seite nimmt die mediale Aufmerksamkeit wohlwollend zur Kenntnis, die andere Seite freut sich darüber, mit einem Beitrag viele Rezipienten zu erreichen.

Es besteht also durchaus ein gewisser Widerspruch im Verhältnis von Ultras und Medienvertretern. Fehler wurden und werden mit Sicherheit auf beiden Seiten gemacht. Manchmal schafft man es jedoch, auf einen Nenner zu kommen, damit alle Beteiligten profitieren. Eine durchaus interessante Gemengelage. Was sich bereits jetzt andeutet: das Verhältnis von aktiven Fans und Medien ist hochkomplex und facettenreich. Um das Feld erschließen zu können, habe ich mit Ultras und Journalisten gesprochen.

Eine Ultraszene gibt Einblicke

Sachsen-Anhalt, Anfang Juni. Auf eine Kontaktanfrage haben die Ultras des 1. FC Magdeburg überraschend schnell reagiert und ein unverbindliches Vorgespräch angeboten. Wir sitzen vor dem Fanprojekt der Landeshauptstadt im Grünen, inmitten von alten Gemäuern mit zahllosen FCM-Graffitis. In entspannter Atmosphäre berichte ich zwei Autoren des Ultraheftes PlanetMD, das inzwischen in einer Auflage von etwa 850 Exemplaren an jedem Heimspieltag und seit 2003 regelmäßig erscheint, zunächst von meiner Idee und meinem Konzept. Schnell wird deutlich, dass die beiden Ultras nicht abgeneigt sind, mir und 120minuten Einblicke in ihre Welt zu gewähren. Dennoch ist eine gewisse Vorsicht vorhanden: Vor dem Gespräch wurden mein Twitteraccount und unsere Webseite besucht. Mit Medienvertretern kooperiere man nur, wenn es positive Auswirkungen auf die Arbeit und das eigene Engagement habe, erklären sie. Mein Vorteil: ich bin selbst Fan des 1. FCM und kein Profijournalist. Dass auch diese Ultras anonym bleiben wollen, bestätigt sich in unserem Gespräch. „Wir Ultras sind in unseren Ansichten schon mal radikaler“, erklärt einer der beiden. Die Sorge, aufgrund bestimmter Äußerungen negativen Konsequenzen ausgesetzt zu sein, etwa am Arbeitsplatz, ist hoch. Deshalb: keine Namen, Sicherheit geht vor. Schlussendlich erklärt sich die Fanszene aus Magdeburg bereit, meine Fragen schriftlich zu beantworten.

Ultras singen… und schreiben (Foto: Birth)

Zunächst stimmen die Macher des PlanetMD zu, dass Ultras den Kontakt zur Presse auch wegen Faktoren wie der Anonymität oder des drohenden Kontrollverlustes meiden, stellen jedoch klar: „Ultras sind schlichtweg Fußballfans, die ins Stadion gehen wollen, ihren Verein anfeuern und auch den Wettbewerb auf den Rängen gestalten. Ständige Medienarbeit gehört da einfach nicht wirklich dazu, es gibt also auch keine Pressesprecher oder ähnliches. Wenn Ultras den ständigen Kontakt zu Medien meiden, dann vor allem deshalb, weil sie keinen Bock auf eine entsprechende Zusammenarbeit haben.“

Dass in Magdeburg, wie auch in anderen Städten, dennoch eine gewisse Bereitschaft zum Dialog mit Medienvertretern vorhanden ist, beweist unter anderem die Teilnahme an der „Ultras“-Dokumentation der ARD Anfang des Jahres 2018. In gewisser Weise könnte man dieses 45minütige Stück als Positivbeispiel des Kontaktes von Ultras und Medien, auf Augenhöhe und in einem unaufgeregten und sachlichen Dialog, anführen. Die beteiligten Filmemacher Alexander Cierpka und Tom Häussler suchten erfolgreich den Kontakt zu den namenhaften Szenen aus Stuttgart, Dresden und Magdeburg, welche größtenteils ohne zweifelhafte Interviewvoraussetzungen wie einer Vermummung oder anderer Vorsichtsmaßnahmen, ihre Standpunkte zu Streitfragen rund um den Profifußball erläuterten. Herausgekommen ist eine durchaus gelungene Dokumentation, die als erster Schritt in die richtige Richtung verstanden werden kann. Zu Beginn geht es um den sächsischen Verein Dynamo Dresden, der häufig Vorurteilen und Pauschalisierungen in den Medien ausgesetzt ist und wie das Bundesland, aus dem er kommt, allzu oft unter Verallgemeinerungen zu leiden hat. „Warum wir heute mit euch sprechen? Es liegt daran, dass wir auch erkannt haben, dass wir uns nicht permanent verschließen können. Man kann sich nicht immer nur darüber aufregen, dass über einen gesprochen wird, wenn wir das selber nicht mitbestimmen“, meint ein Ultra aus dem K-Block zu Beginn des Gesprächs.

Im PlanetMD (Ausgabe 274) äußerte sich nach Abschluss der Dreharbeiten und erfolgter Ausstrahlung auch ein beteiligter Ultra aus Magdeburg zu ebenjenem Projekt und warum man sich dafür entschieden habe, an diesem mitzuwirken. Zunächst wird eine ältere Reportage derselben Journalisten über FCM-Fans angeführt, bei der man bereits gut zusammengearbeitet hätte. Anschließend heißt es: „Dies allein war natürlich nicht der ausschlaggebende Punkt, weil wir […] normalerweise den Medienkontakt eher meiden. Vielmehr waren wir uns einig, dass eine Reportage im Sinne der Kampagne gegen die Missstände beim DFB ist, wir damit eine Öffentlichkeit für unsere Ansichten schaffen können und den Druck auf die Verbände aufrechterhalten, um so weiterhin Erfolge erzielen zu können.“ Hier scheint es, als würde für die Ultras der Zweck die Mittel heiligen. Im umfangreichen und fanszenenübergreifenden Engagement für mehr Transparenz und Offenheit für Fanthemen beim Deutschen Fußball-Bund ist eine Fanszene durchaus bereit, in Kontakt zu Medienvertretern zu treten. Dass man dabei dem eigenen Gebot des „Sicherheitsabstandes“ zu den Medien widerspricht, wird für die Sache in Kauf genommen. Aufseiten der aktiven Fans scheint ein Umdenken zu erfolgen: Wenn man in der Auseinandersetzung mit dem DFB wirklich etwas erreichen will, ist man auf Unterstützung von Medien und Gesellschaft angewiesen. Eine vielbeachtete Dokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen scheint dabei eine geeignete Plattform zu sein, die eigenen Forderungen zu postulieren. Das wird auch im Fanheft deutlich, als der Ultra ergänzt: „Das Gesamtpaket hat uns zu der Meinung gebracht, dass diese Reportage sich von den üblichen abheben könnte und qualitativ hochwertig wird.“ Insgesamt scheinen die Magdeburger durchaus zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Dem Ziel eines besseren Bildes von den Ultras bei den Durchschnittszuschauern sei man durch die eigenen Äußerungen hoffentlich näher gekommen, so das Credo. Im Gespräch mit 120minuten ergänzen die aktiven Fans dann noch: „Wenn für Außenstehende das Gefühl entsteht, dass sich Ultras permanent einmischen, dann deshalb, weil sich der Fußball permanent und selten in ihrem Sinne verändert.“

Und grundsätzlich? Wollen Ultras, wenn sie Hefte herausgeben oder im Fernsehen zu sehen sind, Öffentlichkeitsarbeit im klassischen Sinne betreiben? Etwas zwiegespalten holen die Magdeburger aus und meinen: „Die richtige Antwort auf diese Frage kann nur ganz klar lauten: Ja und nein! Ja, natürlich haben wir Interesse an Öffentlichkeitsarbeit, schließlich spielt sich der wichtigste Aspekt des Fan-Seins – und das sind wir ja – in der Öffentlichkeit, im Stadion ab und ist mit seinem performativen Charakter ja Öffentlichkeitsarbeit an sich. Der ‚Wettbewerb auf den Rängen‘, der neben der eigentlichen Unterstützung der eigenen Mannschaft immer Teil des Fanlebens ist, kann nur über Öffentlichkeit funktionieren. Nicht umsonst diskutieren tausende Fans, nicht nur die Organisierten, Zuschauerzahlen, Auswärtszahlen, Choreographien, Stimmung usw. Deshalb wollen wir oftmals viele Menschen, in der Regel die Stadiongänger beim 1. FCM, erreichen, um uns in ganz vielfältiger Form zu unterstützen. In solchen Momenten versuchen wir die ‚FCM-Öffentlichkeit‘ – wenn man alle nicht direkt bei uns organisierten Fans als solche bezeichnen möchte – über unsere Kanäle zu erreichen. Und gleichzeitig auch nein, denn wir sind immer noch ‚nur‘ Fans, ist unser Bezugsrahmen eben das Fan-Sein an und für sich. Wir haben keine Pressesprecher und wir müssen nicht jeden, der eine Meinung zu uns, aber sonst mit Fußball nichts am Hut hat, von uns und unseren Vorstellungen irgendwie überzeugen. Für uns würde das Fanleben auch ohne diese enorme öffentliche Aufmerksamkeit insbesondere von außerhalb der Fankurven gut funktionieren. Diese Öffentlichkeit ist deshalb eigentlich keine der Zielgruppen unserer Öffentlichkeitsarbeit.“

Gescheiterter Dialog, verhärtete Fronten

Deutlich angespannter sieht es beim Bundesligisten Hannover 96 aus, wo das Verhältnis zwischen Presse und aktiven Fangruppierungen weitaus schwieriger zu sein scheint. Die Ultras in Hannover haben vor allem Martin Kind, der seit Jahrzehnten als Präsident den Verein nach seinen Vorstellungen lenkt und umgestaltet, als Feindbild ausgemacht. Während sich dieser für eine Aufweichung der 50+1 Regel bei den 96igern stark macht und sich damit den Unmut vieler Fans zugezogen hat, sorgen die Ultragruppierungen gemeinsam mit der Fanhilfe Hannover für die größte Opposition. Und das nicht ohne Folgen. Kinds Einfluss in der niedersächsischen Landeshauptstadt scheint bis zur regionalen Presse zu reichen, seit Monaten läuft eine Schmutzkampagne gegen die aktiven Fans. Für Spiegel Online und NDR haben sich die Journalisten Daniel Bouhs und Andrej Reisin intensiver mit dem Konflikt auseinandergesetzt und zitieren in einem Gastbeitrag die Jurastudentin und aktive Hannover-Unterstützerin Christina Rose: „Alles, was von Ultra-Seite kommt, gilt grundsätzlich als schlecht, weil sie pauschal als dumm und kriminell gelten.” Das sei in Hinblick auf die Regionalpresse „auch das Ergebnis jahrelanger Hetze gerade lokaler Medien”. Während die Ultras mit einem Banner ihrem Unmut Luft machten („In Hannover die größte Schande: HAZ, NP und Martins Bande”), würde auf der Gegenseite von den betroffenen Blättern Hannoversche Allgemeine Zeitung und Neue Presse fast ausschließlich negativ berichtet, kritisieren Rose und ein weiterer Ultra in den Beiträgen. Einzig die überregionale Berichterstattung mache Hoffnung.

Diese Probleme kennt man auch in Magdeburg. Ich möchte wissen, ob die Ultras einem allgemeinen Trend der Medienskepsis folgen oder ob das Misstrauen eher auf jahrelangen Erfahrungswerten fußt. „Aspekte, die zur Glaubwürdigkeitskrise der Medien beitragen, kritisieren Fanorganisationen schon lange. Beispielhaft sei hier nur das unkontrollierte Übernehmen von Polizei-, Verbands- oder Vereinsmeldungen zu nennen. Hier verstärken sich Erfahrungswerte und aktuelle Trends sicherlich gegenseitig.“, kommentieren die Macher des Magdeburger Ultraheftes dazu.

Weitet man den Blick über Deutschland hinaus, so sollte man das Augenmerk wohl besonders auf die österreichische Hauptstadt legen. Dort sorgen die Ultras von Rapid Wien, dem größten Sportverein Österreichs, immer wieder für Schlagzeilen – häufig auch im Kontext von Ausschreitungen oder Platzstürmen. Ihr Verhältnis zu den Journalisten gilt als besonders zerrüttet. Über Jahre hinweg hat sich dieser Konflikt zu einem wahren Machtkampf um die Deutungshoheit entwickelt; eine Versachlichung der Auseinandersetzung scheint nicht in Sicht. Im August 2017 plakatierten aktive Rapidler in der Fankurve das polemische Banner „Ihr seid die wahren Verbrecher. Journalisten – Terroristen“ und lösten damit eine hitzige Debatte über das Verhältnis der Ultrabewegung zu den Medien aus. Das Spruchband in der Partie gegen Sturm Graz bildete für den in Wien arbeitenden ARD-Journalisten Jan Heier und seine Kollegin Andrea Beer den Ausgangspunkt für eine umfangreiche Audio-Reportage zum Verhältnis der Ultras Rapid zum Journalismus und den Medienvertretern. Heier erklärt im Gespräch mit 120minuten, dass die Ultras Rapid ihre Zielgruppen dank Social Media oder Videos problemlos ohne die Hilfe der Medien erreichen würden und kritisiert, dass daraus eine Taktik der ewigen Opferrolle hervorgehen würde. Während sich die aktiven Fans über eigene Kanäle inszenieren und profilieren, würde die kritische Berichterstattung durch Zeitung und Fernsehen immer wieder genutzt, um sich als Opfer einer polarisierenden Debatte und insbesondere der einflussreichen Boulevardmedien darzustellen.

Die Folge, so Heier, wäre, dass seriöse Medien kaum die Chance hätten, Gesprächspartner zu finden und dass selbst der Verein Rapid Wien, in dem die Ultras eine durchaus wichtige Rolle spielen, immer wieder zur allumfassenden Medienschelte ansetzen würde. „Wir erleben in Österreich eine Wagenburg-Mentalität“, berichtet der Journalist und konstatiert, dass eine sachliche Debatte kaum möglich sei. Für ihn ist ein großes Problem der Ultrabewegung, dass etwa bei Rapid Wien berechtigte Anliegen, wie Kritik an Sippenhaft oder ausgesprochenen Stadionverboten, in aller Regelmäßigkeit durch gewalttätige Auseinandersetzungen oder homophobe Äußerungen konterkariert würden. Das soziale Engagement der Ultras fände so keine Beachtung. Auf der anderen Seite seien die Medien und insbesondere der österreichische Boulevard in gewisser Weise mitschuldig. Verknappungen oder Kriegsmetaphorik („Fan-Terror“, „Geiselhaft“) würden den Konflikt zusätzlich aufladen und den aktiven Fans die Möglichkeit geben, Gewalt und überspitzte Äußerungen zu verharmlosen, in dem solchen offenkundig übertriebenen Schlagzeilen widersprochen würde. „Die gemäßigten Stimmen sind auf beiden Seiten zu klein.“, meint Heier etwas konsterniert.

Angesprochen auf die Rolle seriöser Zeitungen äußert er, dass diesen die Expertise für die Fan- und Subkultur der Ultrabewegung fehlen würde. Außerdem mangele es an Zeit und Geld, um der Komplexität des Themas ausreichend gerecht zu werden. In der Reportage wird schnell deutlich, dass der Dialog im Fall von Rapid Wien tatsächlich festgefahren scheint. Während Wolfgang Ruiner vom Boulevardblatt Österreich die Behauptung aufstellt: „Diese Ultras sind Krawallmacher, Rowdies“, beklagt Hans-Peter Trost vom ORF, dass der Weg zu Kritik und Respekt auf Augenhöhe verschlossen bleiben würde. Ein Umdenken auf beiden Seiten sei in der festgefahrenen Debatte in Wien wohl kaum in Sicht, kommentiert Heier in Hinblick auf seine Ergebnisse abschließend.

Und noch einmal zurück nach Magdeburg. Wie könnte das Verhältnis von Ultra- und Pressevertretern zukünftig verbessert werden, was also muss sich aus Sicht der Fans ändern? „Der beste Kontakt zueinander wäre es, wenn kein Kontakt nötig wäre, sondern einfach objektiv berichtet würde. Berechtigte Kritik halten die meisten Fangruppen sicherlich aus.“, heißt es vonseiten der PlanetMD-Redakteure.

Es scheint sich an dieser Stelle der Eindruck zu bestätigen, dass Ultragruppen Land auf Land ab mehr eint, als nur stimmungsvolle Gesänge, bunte Choreographien und der Einsatz von Rauch und bengalischem Feuer. Trotz regionaler Unterschiede ist man unabhängig vom Standort skeptisch und vorsichtig, wenn Journalisten den Kontakt suchen. Ultras wollen außerhalb ihrer großen und anonymen Fankurven offensichtlich mehrheitlich nicht im Rampenlicht stehen. Dass sie für ihnen wichtige Themen dieses Hindernis aber durchaus abzubauen bereit sind, wird in den letzten Monaten auch immer wieder deutlich. Denn wenn es Anliegen gibt, die über regionale Dissonanzen wie in Hannover oder Wien hinausgehen, man also viele Menschen im Fußballkosmos erreichen will oder gar muss, dann scheinen Ultras auch dem Weg über die Medien nicht abgeneigt. Für Journalisten und Medienvertreter hat das zwei Konsequenzen: Erstens wird es in der Zukunft vermutlich leichter werden, mit Ultras in Kontakt zu treten. Zweitens ergibt sich daraus neben einer Chance auch die Gefahr der Instrumentalisierung, der es sich entgegenzustellen gilt.

Die Rolle des Sportjournalismus

Aufseiten der Medien ist schnell ein Journalist gefunden, der sich bereit erklärt, meine Recherche zu unterstützen. Oliver Fritsch arbeitet als Sportjournalist für das Onlineangebot der renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT und partizipierte 2017 am Thesenprojekt von 120minuten zur weiteren Entwicklung des Fußballs, wo er das Problemfeld „Missstände in Sportpolitik und Medien“ beleuchtete. Immer wieder greift er in seinen Texten auch aktive Fans und gesellschaftliche Zusammenhänge rund um den Fußball auf.

Fritsch bestätigt zunächst den Eindruck, dass die Perspektive der Ultras häufig nicht in Berichte einfließen würde und erklärt: „Viele Journalisten kennen sich in der Fan- oder Ultraszene nicht gut aus. Wenn es dann Vorfälle gibt, reagieren manche geradezu beleidigt über die ‚so genannten Fans‘ und die ‚Chaoten‘.“ Im Hinblick auf das Misstrauen der Ultras gegenüber Journalisten ist für ihn die grundlegende Skepsis der Fanszenen Teil des Problems, sodass etwa undifferenzierte Texte lediglich eine Verstärkung jener Ablehnung zur Folge hätten und somit nicht zwingend als Auslöser beziehungsweise Ursache herhalten könnten. Den Journalisten käme demzufolge eine gewisse Mitschuld am problematischen Verhältnis zu den aktiven Fanszenen zu, jedoch sei auch die grundlegende Medienskepsis der Ultras als Kern ihrer subkulturellen Identität nicht von der Hand zu weisen. Zwar hätten Ultras grundsätzlich ein Bedürfnis, sich mitzuteilen, jedoch „wollen sie nicht den Weg über die Medien gehen.“

Beleuchtet man die Arbeit von Journalisten rund um Fußballspiele, so wird schnell eine durchaus schwierige Frage aufgeworfen. Wenn ein studierter Sportjournalist über Taktiken, Transfers und ähnliches berichtet, liegt dies eindeutig in seinem Kompetenz- und Aufgabenbereich. Doch ist es zusätzlich die Aufgabe eines Sportjournalisten, neben dem Geschehen auf dem Platz auch das gesellschaftspolitische Drumherum eines Fußballspiels, also etwa Protestaktionen oder politisch motivierte Vorfälle, aufzugreifen und einzuordnen?

Bei der Formulierung der ethischen Ansprüche und beruflichen Zielsetzungen durch den Verband Deutscher Sportjournalisten e.V. wird diese Frage nicht hinreichend beantwortet. Dort heißt es lediglich: „Sportjournalisten/innen bearbeiten und bewerten alle Bereiche des Sports. Sie üben damit eine öffentliche Kontrollfunktion aus. Sportjournalisten/innen setzen sich für einen humanen, von Korruption und Doping freien Sport ein.“ Ob damit Randerscheinungen bei Fußballspielen, etwa auf den Tribünen, inkludiert sind, bleibt wohl Ermessenssache eines jeden tätigen Journalisten.

Für Fritsch sind Ereignisse rund um Fußballspiele nicht hauptsächlich relevant, obgleich sie für seine Arbeit dennoch dazugehören: „Ich betrachte die Fans und ihre Aktivitäten in der Regel als nettes Randphänomen, das ich gerne in Reportagen einbaue. Ich rede im Stadion oder auf dem Weg dorthin mit Leuten oder höre ihnen einfach zu, was sie sagen, rufen oder singen. Ich habe aber auch schon spannende und politisch aufschlussreiche Konflikte in Ultraszenen beschrieben, etwa in Aachen, Duisburg und Braunschweig.“

Journalisten sind auf der Pressetribüne weit weg vom Geschehen in den Kurven. Notwendiger Abstand oder fehlende Nähe? (Symbolbild: © Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0, wikipedia commons)

Mehr Augenmerk auf Aktionen der aktiven Fanszenen legen anstelle der klassischen Berichterstatter rund um öffentlich-rechtliche Anstalten, das Pay-TV und Tageszeitungen schon eher Fan-nahe Portale wie turus oder Faszination Fankurve, die sich hauptsächlich dem Geschehen auf den Rängen widmen und weniger den eigentlichen Sport in den Mittelpunkt rücken. Die Arbeit solcher Seiten, die regelmäßig Aktionen von Fans ausführlich beleuchten oder im Falle von Faszination Fankurve Stellungnahmen aktiver Fanszenen und Gruppierungen aus ganz Deutschland direkt veröffentlichen und verbreiten, bewertet der Sportjournalist zwiespältig. „Einerseits ist Nähe notwendig und tut der Sache gut. Andererseits verhindert sie meist grundsätzliche Kritik.“, führt er aus. Es ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere bei gewalttätigen Auseinandersetzungen untereinander oder mit der Polizei solche Seiten eher die Perspektive der Fanszenen einnehmen – und verteidigen. Ist dies die notwendige Lobby für Fans, die sich sooft von der öffentlichen Meinung missverstanden fühlen oder doch eher ein Betrachtungswinkel, der kritische Distanz vermissen lässt?

Faszination Fankurve erklärt dazu in einer Stellungnahme: „Faszination Fankurve versteht sich als Medium, bei dem Fans jederzeit zu Wort kommen können. Unser Motto bei der Berichterstattung lautet: Im Zweifel für den Fan. Während einige andere Medien häufig vor allem auf Darstellungen von Polizei, Vereinen oder Verbänden vertrauen, versuchen wir auch immer die Sicht von Fans, Stadiongängern, Fanclubs, Ultràgruppen, Fanprojekten oder Fanhilfen in unsere Berichterstattung mit einfließen zu lassen. Doch unser Wunsch, in jeden Artikel die Sicht von Fans einzubinden, stößt manchmal an seine Grenzen, da sich manche Fangruppen bei einigen Vorfällen aus Prinzip nicht öffentlich äußern wollen. Bei Faszination Fankurve wollen wir Darstellungen der Fanszenen eine Plattform bieten und diese somit auch Journalisten anderer Medien zugänglich machen. Auch werden Äußerungen der Fanszenen von uns eingeordnet. Aber auch die Darstellungen anderer Player, wie beispielsweise der Vereine, der Verbände und der Polizei werden bei Faszination Fankurve berücksichtigt und eingeordnet.“

Neben dem Wie, also der Art und Weise der Berichterstattung, stellt sich auch die Frage nach dem Wieso. Wann also wird überhaupt über Fans berichtet? Meistens finden sie in Fernsehzusammenfassungen kurz Erwähnung, häufig jedoch treten Ultras und andere Fangruppierungen als Randakteur nicht in einem größeren Maß in Erscheinung. Es entsteht der Eindruck, als würden Fans in schriftlichen (Sonder-)Berichten und auch im Fernsehen nur dann größere Aufmerksamkeit erlangen, wenn sie durch eine spektakuläre Choreografie oder einen Gewaltexzess in Erscheinung getreten sind. Dass dies etliche Fanszenen in der Vergangenheit durchaus zur kalkulierten Eskalation bewegt hat, sollte seit dem Beispiel der Ultras von Dynamo Dresden bei ihrem martialischen Auftritt in Karlsruhe, wo dem Deutschen Fußball-Bund symbolisch der Krieg erklärt wurde, klar sein.

Eine gewisse Ohnmacht der Fans, die den Selektionskriterien der berichtenden Journalisten ausgeliefert zu sein scheinen, kann solche Auftritte erklären. Das mehr als grenzwertige Mittel eines inszenierten Kriegsmarsches, um beim Beispiel Dresden zu bleiben, könnte schlichtweg als notwendig erachtet worden sein, weil andernfalls die durchaus berechtigte Kritik am DFB nicht hätte öffentlichkeitswirksam präsentiert werden können. Sind daran die Journalisten Schuld, weil sie ein zu geringes Interesse an den Ultras zeigen? Oliver Fritsch erläutert: „Aus meiner Sicht findet eine Politisierung der Fanszenen statt. Auf Bannern lese ich heute weniger fan-interne Forderungen, sondern übergreifende. Etwa über 50+1, Korruption beim DFB, aber auch flüchtlingsfreundliche Transparente oder Kritik am bayrischen Ministerpräsidenten Söder und dem neuen Polizeiaufgabengesetz. Das finde ich gut und versuche, es hin und wieder in meine Berichte einzubauen. Viele andere Journalisten tun das weniger.“ Dennoch verteidigt er, dass Journalisten nicht immer über aktive Fanszenen berichten und ergänzt auf die Frage nach der Relevanz, etwa von Ultras: „Die Frage ist auch immer: Warum sollten sie etwa in Bundesliga und Champions League eine größere Rolle spielen? Es braucht schon einen Anlass, schließlich sind sie nicht die Hauptdarsteller.“

Im Mittelpunkt der Sportberichterstattung steht richtigerweise immer der Sport selbst. Fritsch bestätigt, dass demzufolge vielen Journalisten und auch den Lesern das Verständnis für die Ultras und ihre Kultur fehlt und konstatiert: „Die meisten interessieren sich nicht für Ultras, sondern für das Spiel und die Spieler.“ Auf der anderen Seite äußert Fritsch in Bezug auf Gespräche mit Ultras den Verdacht, „dass manche am Spiel selbst kein großes Interesse haben“. Wie kann dieses Spannungsverhältnis zwischen normalen Fans, Ultras und Journalisten aufgelöst werden? Der Sportjournalist meint: „Was ich mir wünsche: Dass sie erkennen, dass nicht alle Journalisten Teil ‚des Systems‘ sind, sondern dass es beiden Seiten manchmal sogar um die gleiche Sache geht.“

Eine Zusammenfassung

Über Jahre hinweg standen sich Ultragruppen und Medienvertretern skeptisch gegenüber. Die Besonderheiten der Ultrakultur machten es für viele Journalisten schwierig, diese zu erschließen und ihre Aktionen angemessen zu begleiten. Anderen Medienvertretern fehlt von jeher das Interesse daran, die Ultras aus neutraler Perspektive zu betrachten; zu schnell werden Allgemeinplätze und Pauschalisierungen formuliert. Auch aufseiten der Ultras mangelte es lange Zeit an dem Interesse, sich in den Medien zu äußern. Stattdessen hat man kontinuierlich eigene Wege der Vermittlung von Informationen gefunden, sei es in Form von gedruckten Heften oder eigenen Webseiten. Diese können für andere Fans durchaus hilfreich dabei sein, mehr über die Anliegen von Ultras zu erfahren, dennoch ersetzen sie aufgrund ihrer Einseitigkeit nicht den kontroversen Diskurs zu Themen wie der Erhaltung der 50+1 Regel oder des (Un-) Sinns von hohen Geldstrafen des DFB in den Medien. Negativbeispiele für das Verhältnis beider Seiten lassen sich schnell finden: So ist etwa der Konflikt Ultras und Medien in Wien und Hannover über einen langen Zeitraum hinweg eskaliert und gleicht heute einem schmutzigen Kleinkrieg zwischen zwei unerbittlichen Seiten.

Es scheint jedoch, als hätten viele Ultras mittlerweile erkannt, dass ein Miteinander mit Medienvertreter durchaus vorteilhafter ist, als sich eine dauerhafte Auseinandersetzung mit dem Journalismus zu liefern. Die Reichweite von Fernsehsendern und Zeitungen kann von Ultras genutzt werden, um eigene Standpunkte einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren und das Verständnis für die Ultrakultur wachsen zu lassen. Im Dialog mit dem DFB kann es den Ultras mithilfe der medialen Aufmerksamkeit gelingen, andere Fußballfans auf ihre Seite zu ziehen, für ihre Positionen zu gewinnen und dabei den Druck der öffentlichen Meinung auf den Deutschen Fußball-Bund zu erhöhen. Für Sportjournalisten bietet sich mit den vielschichtigen Aspekten der Ultrakultur die Möglichkeit, in ihrer Berichterstattung sportpolitische und gesellschaftliche Themen aufzugreifen und dabei der großen und komplexen Bedeutung des Fußballs für viele Menschen gerecht zu werden.

In der Zukunft muss es beiden Gruppen noch besser gelingen, offen aufeinander zuzugehen und den Dialog zu suchen. Dennoch wird sich vermutlich nichts daran ändern, dass viele aktive Fans ihre Kultur bevorzugt fernab der medialen Aufmerksamkeit ausleben möchten und dass der Sportjournalismus sein Augenmerk weiterhin auf die eigentliche Sache, den sportlichen Wettkampf zwischen konkurrierenden Fußballmannschaften, legen wird. Und solange man dabei die andere Seite nicht vergisst, ist das so auch in Ordnung.

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