Tobias Escher – Mein Fußball-Medien-Menu VI

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Wer sich für Fußball und Taktik interessiert, dazu noch auf Twitter aktiv ist und möglicherweise gerade die Saisonvorschau-Folge des hervorragenden Rasenfunk-Podcasts gehört hat, der kennt auch Tobias Escher. Als einer der Köpfe hinter Spielverlagerung.de analysiert er aus taktischer Sicht vor allem die Bundesliga und die Auftritte der Nationalmannschaft; darüber hinaus versorgt er als freier Journalist unter anderem auch die 11Freunde mit seinen Analysen. Seitdem ein Teil des 120minuten-Redaktionsteams seinem Vortrag über “Taktik für Einsteiger” auf dem Hamburger #Fubacamp beiwohnte, besteht auch für  uns die Welt immer häufiger aus Dreiecken.

Tobias Escher

TOBIAS ESCHER

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Meine Tante, die auch als Journalistin arbeitet, fragte mich vor einiger Zeit, welche Print-Magazine ich lese. Sie selbst hat zig Zeitungen und Zeitschriften im Abonnement. Dementsprechend schockiert war sie, als ich gestand: Ich lese praktisch kein Print mehr. Den kicker habe ich noch immer abonniert. Wirklich lesen tue ich aber nur die Donnerstagsausgabe, um mich fit zu machen für das Bundesliga-Wochenende – Aufstellungen, Verletzungen, Konfliktlinien, so ein Zeug. Ansonsten kaufe ich mir die 11Freunde am Kiosk. Das war’s aber auch schon.

Neunzehntel meiner Leseaktivitäten habe ich an den PC verlagert. Als digitales Magazin lese ich regelmäßig den Blizzard. Statistiken klaube ich mir bei WhoScored zusammen. Fußballblogs, die ich nahezu täglich abarbeite, sind Spielverlagerung (man muss ja wissen, was die Kollegen schreiben), Miasanrot, Zonal Marking und Bundesliga Fanatic. Das sind die einzigen fußballbezogenen Webadressen, die ich tatsächlich in die Adresszeile meines Browsers eingebe. Texte in „klassischen Medien“ entdecke ich fast ausschließlich, indem ich auf Links klicke, sei es auf Twitter, Facebook oder bei Fokus Fussball.

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Meine Frau behauptet, „Aber“ sei mein Lieblingswort. Aber das stimmt natürlich gar nicht. Ernsthaft: Ich tue mich mit dem Wort „uneingeschränkt“ schwer. Es gibt praktisch keine Texte, an denen ich nichts zu mäkeln habe – und sei es nur, dass mir aus Sicht eines Korrekturlesers Grammatikfehler auffallen. Dem Ideal nahe kam zuletzt ein Interview mit Roger Schmidt, das Christoph Biermann für die 11Freunde geführt hat. Das war einer jener Artikel, bei dem ich mir selbst gedacht habe: „Den hätte ich selber gerne gemacht.“

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

News greife ich praktisch nur noch über Twitter auf. Ich käme nie auf die Idee, kicker.de oder Sport1.de für Nachrichten anzusurfen. Auch längere Texte entdecke ich oft bei Twitter. Manchmal werden mir auch Leseempfehlungen zugeschickt, bspw. von meinen Spielverlagerung-Kollegen. Ansonsten ist die Link11 von Fokus Fussball eine sehr gute Anlaufstelle – und das sage ich nicht nur, weil ich selber dort arbeite.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Fürs Drucken bin ich ein Jahrzehnt zu jung. Ich lese hauptsächlich am Laptop, unterwegs auch mal auf dem Tablet.

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Das beste Fußballbuch ist und bleibt die Enke-Biographie von Ronald Reng. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt hat. Für mich als Taktiknerd war jedoch kein Buch so wichtig wie Jonathan Wilsons ‘Revolutionen auf dem Rasen’. Das Buch hat meine Leidenschaft für Fußballtaktik erst so richtig entfacht.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Ich bin kein Radiomensch. So überhaupt nicht. Es gelingt mir einfach nicht, mich 90 Minuten hinzusetzen und konzentriert einer Stimme zu lauschen; nicht einmal, wenn ich Zug fahre oder Laufen gehe. Das Medium Podcast ist daher fast vollständig an mir vorbeigerauscht. Bei Collinas Erben und dem Rasenfunk höre ich regelmäßig rein, aber immer nur in homöopathischen Dosen. Das hat nichts mit der Qualität der Podcasts zu tun, die ist herausragend. Ich bin einfach der falsche Ansprechpartner. Daher nehmen die Jungs von Spielverlagerung auch nicht gerne mit mir Podcasts auf. Ich dränge immer darauf, dass sie sich kurz fassen sollen, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sich irgendjemand mehr als zehn Minuten Taktikgelaber am Stück anhören mag.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Mit einem Freund hatte ich früher ein Ritual: Einmal im Jahr sind wir ins Stadion gefahren und haben den Besuch mit viel Bier begossen, um dann abends vor der Sportschau zu versacken. Da wir mittlerweile beide am Wochenende berufstätig sind, hat sich dieses Ritual leider erledigt. Bleibt festzuhalten: In den vergangenen acht Jahren habe ich fünfmal die Sportschau gesehen, und jedes Mal war ich voll. Anders wäre das für mich auch nicht auszuhalten. Fußball dauert 90 Minuten. Da kenne ich keine Kompromisse.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Meine klassische Morgenrunde beginnt bei Zeit Online und führt mich über The Escapist und Gamepro hin zu Filmstarts und abschließend zu Allesaussersport. Erst dann werden die Fußballblogs und Twitter abgearbeitet.

Nicht täglich, aber regelmäßig besuche ich zudem Sportsscientists.com (Sportwissenschaften), Chess24.de (Schach), das Altpapier (Medienkolumne) und Rezensionen für Millionen (Brettspiele). Neu dazugekommen ist vor einigen Wochen der Twitter-Account „The Greek Analyst“, der sich mit der Griechenlandkrise beschäftigt. Das ist der einzige Twitter-Account, den ich direkt ansurfe. Der einzige Podcast, den ich zumindest ab und an in voller Länge höre, ist Stay Forever, ein Podcast über alte Videospiele. Eine wilde Mischung, aber ich denke, man kann die Themen herausfiltern, die mir wichtig sind: Viel Sport, viel Nerdkram, ein bisschen Film und ein bisschen Politik.


In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0

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