Thomas Tuchel – Ein Meister ohne Titel

Nicht Bayern München, sondern Paris St. Germain. So lautete Thomas Tuchels Entscheidung im Frühjahr 2018. Nach dem Aus bei Borussia Dortmund im Sommer 2017 gönnte sich der gebürtige Krumbacher zunächst ein Jahr Auszeit vom Profifußball, um dann den Sprung ins Ausland zu wagen, der ihm zu seiner aktiven Zeit als Spieler verwehrt blieb. In Paris soll er nun den langersehnten Champions-League-Titel gewinnen und PSG an die Spitze des europäischen Fußballes führen. Doch nicht nur sportlich wird Tuchel mit seinem Team an Grenzen stoßen, sondern auch mit der Gruppendynamik sowie menschlichen und teaminternen Problemen. Paris ist ein Zusammenschluss unterschiedlicher, teils exzentrischer Stars, die Tuchel in puncto Team- und Menschenführung alles abverlangen werden. Wir werfen einen detaillierten Blick auf sein erstes Jahr bei PSG und analysieren den Verlauf der Saison. Vorhang auf!

“PSG NANCY” von Philippe Agnifili via Flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0)

von Olaf (@footballyse) | Juli 2019

Eine Sache des Respekts

Mit seiner Antrittsrede bei Paris St. Germain im Sommer 2018 setzte Tuchel ein erstes Ausrufezeichen. In gepflegtem Französisch gab er sein erstes Statement als neuer Trainer ab und skizzierte der Öffentlichkeit sein Trainerbild. Dabei wurde deutlich: Respekt ist einer der wichtigsten Eckpfeiler, auf denen seine Arbeit mit der Mannschaft basiert. Aus Respekt vor dem Verein und den anwesenden Journalisten wählte Tuchel seine ersten Worte in der Landessprache und unterstrich auf diese Weise seine Dankbarkeit für das entgegengebrachte Vertrauen und die Freude, die erste Station im Ausland anzutreten.

Auch in Interviews und anderen Äußerungen bringt Tuchel immer wieder den Punkt Respekt zur Sprache und verdeutlicht dessen Wichtigkeit für ihn als Mensch und Trainer. So berichtet er beispielsweise 2013 in einem Vortrag zum Thema „Ausbruch aus den Routinen“ von seinen ersten Tagen als neuer Cheftrainer beim 1. FSV Mainz 05. Dort war er kurzfristig zum Nachfolger des zuvor entlassenen Jørn Andersen ernannt worden und musste schnellstmöglich seine neue Mannschaft und das Umfeld des Profiteams kennenlernen. Zuvor hatte Tuchel erfolgreich im Juniorenbereich der 05er gearbeitet und war vor allem in die dortigen Abläufe involviert gewesen. Die Erfahrungen, die Tuchel dann bei den ersten beiden Mittag- und Abendessen mit der ersten Mannschaft machte, brachten ihn dazu, dort Regeln zum gemeinsamen, respektvollen Umgang miteinander zu etablieren. Offenbar war es innerhalb des Teams nicht üblich, dass man zusammen zu einer vereinbarten Zeit isst und abwartet, bis auch das letzte Teammitglieder mit der Mahlzeit fertig ist.

Tuchel, der von dieser Art und Weise des Umgangs innerhalb einer Profimannschaft schockiert war, stellte ab diesem Zeitpunkt die Regel auf, dass das Team pünktlich zu den vereinbarten Zeiten im Essenssaal eintrifft und mindestens zwanzig Minuten zusammen verbringt. Er selbst beschreibt den Moment der Regelaufstellung als einen, in dem „der Anfang gemacht wurde“ und er selbst begonnen hat, sein Trainerprofil zu etablieren. Die Installation von Grundpfeilern wie Anstand und Respekt war somit eine seiner ersten, grundlegenden Amtshandlungen, die sich im weiteren Verlauf seiner Trainertätigkeit bei Mainz 05 noch weiterentwickelten. Tuchel begrüßte danach in Mainz jeden Spieler per Handschlag, um Offenheit und Freude darüber, mit ihm arbeiten zu dürfen, zu signalisieren. Bis 45 Minuten vor dem Training musste sich jeder Spieler in ein Buch eintragen und damit seine körperliche und geistige Anwesenheit bestätigen. Diese Beispiele verdeutlichen Tuchels Verständnis bzw. Vision von den Mechanismen einer Gruppe und zeigen zudem seine akribische und genaue Haltung bei diesem Aspekt.

Eine weitere Eigenschaft des Trainers Thomas Tuchel liegt in der Interpretation seiner Rolle innerhalb eines Mannschaftsgefüges. Er sieht sich und sein Trainerteam grundsätzlich als Dienstleister, die dem Team Hilfestellung und Unterstützung gewährleisten. Hierbei nimmt er eine klare Unterscheidung zwischen dem „Was“ und dem „Wie“ vor. Er übernimmt die volle Verantwortung für das „Was“. Das bedeutet, dass die aufgestellten Regeln, das gespielte System, die Taktik etc. vollständig in seinem Verantwortungsbereich liegen und er dafür die Konsequenzen trägt. Das „Wie“ hingegen liegt vollständig im Verantwortungsbereich der Spieler. Hier sieht Tuchel das Team ganz klar in der Bringschuld und stellt hohe Anforderungen an seine Spieler. Wie beispielsweise bestimme taktische Muster erfüllt werden, muss somit von Team und Trainerteam gemeinsam erarbeitet werden. Tuchel gibt keine gebrauchsfertigen Anleitungen vor, die stupide von seinen Fußballern heruntergespielt werden. In dieser Art des Arbeitens wird auch eine Art Wechselspiel deutlich: Je intensiver das Team an den eigenen Aufgaben arbeitet und versucht, die Frage nach dem „Wie“ zu beantworten, desto stärker fällt auch Tuchels Dienstleistung gegenüber der Mannschaft aus. Die Initiative liegt aber eindeutig aufseiten der Spieler, die neben intensiver körperlicher Arbeit zudem in hohem Maße kognitiv beansprucht werden und inhaltlich gefordert sind.

Ziele und Ambitionen – mit einem enttäuschenden Ende

Wenngleich Tuchel in seiner Antrittsrede bei PSG noch nicht von Siegen und Titeln sprechen wollte, wurden dennoch zwei Ziele direkt und indirekt deutlich. Zum einen setzt er bestimmte qualitative Aspekte voraus, die unbedingt erreicht werden müssen. „Struktur“, „Teamgeist“ und „die tägliche Arbeit“ sind die konkreten Punkte, die Tuchel in diesem Zusammenhang im Sommer 2018 benennt. Das zweite Ziel wird zwar in dieser Antrittsrede nicht direkt adressiert, schwebt aber seit jeher wie ein Damoklesschwert über dem Hauptstadtclub: der lang ersehnte Gewinn der Champions League. Unzählige Millionen sind in den letzten Jahren in den Club investiert worden, und wie bei jeder Geldanlage fordern die dahinterstehenden Personen der katarischen Investorengruppe Qatar Sports Investments allmählich ihre Rendite. Der europäische Titel ist dabei gerade gut genug, um die hohen Ambitionen der Kataris zu erfüllen.

Doch insbesondere bei diesem Hauptziel konnte Thomas Tuchel in seiner ersten Saison 2018/2019 die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Paris scheiterte im Achtelfinale in letzter Minute an Manchester United, obwohl man in den Spielen zuvor durchaus zu überzeugen wusste. Die als Todesgruppe betitelte Gruppe C mit Liverpool, Neapel und Belgrad war zuvor mit 17 erzielten Treffern und elf Punkten als Tabellenführer abgeschlossen worden. Besonders im Rückspiel an Spieltag fünf der Gruppenphase gegen Liverpool zeigt sich PSG von einer bis dahin eher unbekannten Seite: Paris lag vor dem Spiel auf Platz drei der Gruppe C – ein Sieg war also Pflicht. Mit extrem viel Kampf und Defensivarbeit wurde die Liverpooler Offensive lahmgelegt und in Richtung Offensive setze Tuchel weniger auf Ballbesitz, sondern verstärkt auf Umschalt- und Konterspiel. Liverpool konnte auf diese Weise mit den eigenen Waffen geschlagen werden und es zeigte sich, dass Tuchel sein Weltklasse-Ensemble von einem kompletten Stilbruch überzeugt hatte.

Doch im Achtelfinalrückspiel gegen Manchester United waren weder das Spielglück noch eine konzentrierte Mannschaftsleistung auf Seiten der Pariser zu sehen. Individuelle Fehler von Kehrer und Buffon luden ManU zum Toreschießen ein, und mit einem äußerst unglücklichen Handspiel von Kimpembe auf der Strafraumlinie war das in der Summe letztlich zu viel für PSG. Nach dem 2:0 Auswärtserfolg im altehrwürdigen Old Trafford schied Paris mit der 1:3-Heimniederlage aufgrund der Auswärtstorregel aus der Champions League aus. Alle Primärdaten (Ballbesitz, Torschüsse etc.) lagen eindeutig bei PSG, doch letztendlich konnte Tuchels Team die Vorteile nicht in Zählbares ummünzen.

Woran es letzten Endes lag, dass die Champions-League-Saison nicht erfolgreicher abgeschlossen werden konnte, ist sicher einen eigenen Longread wert. Reflexartig bewertet man die Niederlage als „unglücklich“ oder „unverdient“. Gewiss hat Manchester stark von den individuellen Fehlern der PSG-Defensive profitiert, hat diese jedoch auch mit der eigenen Herangehensweise provoziert. Bevor Kehrer beispielsweise den zu kurzen Rückpass spielte, der zum 0:1 führte, wurde er beherzt von Marcus Rashford angelaufen und unter Druck gesetzt. Eben jener Rashford leitete später auch noch das zweite Tor von Manchester ein, indem er mutig aufs Tor schoss und dadurch einen technisch perfekten Aufsetzer produzierte, der von Buffon nur nach vorne abgewehrt werden konnte. Im weiteren Spielverlauf konnte Paris keinen entscheidenden Zug mehr zum Tor entwickeln und einen personell arg gebeutelten Gegner nicht bezwingen.

Die Performance in der heimischen Ligue 1 verlief dagegen planmäßig: Paris stellt mit 14 Siegen in Folge einen historischen Startrekord auf, der erst nach 21 Spieltagen durch die 1:2-Auswärtsniederlage bei Olympique Lyon sein Ende fand. Zuvor sammelte Paris 56 Punkte aus 18 Siegen und zwei Unentschieden. Diese Dominanz in der eigenen Liga hat jedoch auch eine Kehrseite der Medaille. Paris’ Titel war zu keinem Zeitpunkt der Saison in Gefahr, sodass sich ernsthafter Wettkampf nur bei Spielen in der Champions League einstellte. Ein Problem, mit dem sich auch schon Pep Guardiola in seiner Amtszeit bei Bayern München konfrontiert sah und das auch seinen Anteil daran hatte, dass Guardiola seine Trainertätigkeit im Süden der Republik nicht mit dem europäischen Titel krönen konnte.

Im Gegensatz zur Liga endete der französische Pokal wie die Champions League enttäuschend: Im Finale unterlag Paris Stade Rennes im Elfmeterschießen und zeigte insgesamt eine schwache Leistung.

Gestatten, Monsieur Schlendrian

Am Abend des 6. März 2019, an dem PSG gegen Manchester United ausschied, gesellte sich ein neues Teammitglied zur Mannschaft von Paris St. Germain, ein unliebsamer Gast namens Schlendrian, und führte zu einem spürbaren Spannungs- und Leistungsabfall. Das Google-Wörterbuch definiert den Begriff des Schlendrians mit einer „von Nachlässigkeit, Trägheit, einer gleichgültigen gekennzeichnete Art und Weise, bei etwas zu verfahren“. Gerade diese Punkte, die Tuchel laut seiner Antrittsrede mit Struktur, Teamgeist und täglicher Arbeit eigentlich hatte vermeiden wollen.

Es dauerte rund einen Monat, bis sich der Schlendrian vollumfänglich im Team von Thomas Tuchel entfaltet hatte und seine ersten Auswirkungen auch in den Ergebnissen spürbar machte. Ganze vier Niederlagen im April, darunter die schmerzhafte Pokalpleite gegen Rennes, setzten der Stimmung zu und ließen Zweifel an der Erfüllung der von Tuchel eigens definierten Zielen aufkommen. Mbappé kritisierte Mitte April öffentlich die Leistung der Mannschaft und sprach dem Team insbesondere Persönlichkeit ab. Auch Neymar schlug in eine ähnliche Kerbe und prangerte das Verhalten der jungen Spieler an. Den erfahrenen Spielern sei zu wenig Respekt entgegengebracht worden. Tuchel äußerte sich zu diesen Stimmen und gab zu Protokoll, dass im Team insgesamt zu wenige Spieler vorhanden seien, die es hassen, zu verlieren.

Hat Paris ein Mentalitätsproblem?

Während seiner Amtszeiten in Mainz und Dortmund sprach Thomas Tuchel gerne von Handlung- und Leistungszielen. Weg von Ergebnisorientierung und Fokus auf die Tabelle, hin zu bestimmten qualitativen Zielsetzungen, an denen ein Team sich messen lassen muss. Intensiver Einsatz, Kampf und Laufbereitschaft sind hier sicherlich einige von vielen durch Tuchel definierten Leistungsziele, die ein Team erreichen kann bzw. muss. In seiner Antrittsrede in Paris sprach er konkret von Struktur, Teamgeist und der täglichen Arbeit. Ist Thomas Tuchel an diesem Anspruch gescheitert?

Es ist sicher menschlich, dass nach einer Enttäuschung eine gewisse Motivationslosigkeit bei Trainer und Mannschaft eintritt. Das eigentliche und über allem schwebende Ziel konnte durch das Ausscheiden gegen Manchester United in der Champions League endgültig nicht mehr erreicht werden. Eben jenes Ziel, das der täglichen Arbeit eine gewisse Zweckmäßigkeit und Zielrichtung verliehen hat. Mbappés rohes Foul im Pokalfinale und Neymars Schlag gegen einen Fan nach demselben Spiel sind zumindest Indizien dafür, dass die Struktur des Teams einen Bruch durch das Ausscheiden in der Champions League erlitten hat. Einen tatsächlichen Beweis hierüber zu führen ist aber praktisch unmöglich, jedoch kann hieraus geschlossen werden, dass Paris den enttäuschenden Ausgang der Saison nicht optimal verkraftet hat. Tuchel wird dadurch sicherlich dazugelernt haben und wird in der kommenden Saison den Fokus verstärkt auf diese Problempunkte legen müssen.

In die gleiche Kerbe schlägt auch PSG-Präsident Nasser al-Khelaifi, der in der kommenden Saison eine komplett andere Mentalität von seinen Spielern verlangt. Insbesondere Starallüren sollen in Zukunft keinen Platz mehr im Team haben, wer sich nicht daran halten will, darf den Verein verlassen. Klare Worte also, die einige interne Probleme offenlegen und das Mentalitätsproblem der Mannschaft bestätigen. Durch die direkte Adressierung der Spieler wird hierbei Tuchels Position zwar gestärkt, indirekt wird der Druck auf den Trainer jedoch zugleich auch erhöht.

Empfehlung des Hauses: Tactique à la Tuchel

In dieser Analyse soll neben den bisher behandelten Aspekten auch der taktische Gesichtspunkt von Paris St. Germain unter Thomas Tuchel beleuchtet werden. Der Trainer von Paris gilt als Verfechter des Positionsspiels. Grob gesagt handelt es sich um eine Spielidee, bei der bestimmte Zonen und Räume beim Angriff besetzt sein müssen. Das Spielfeld ist dabei durch vertikale und horizontale Linien unterteilt und hat, je nach Trainer, bestimmte Vorgaben zur Besetzung dieser Zonen. Durch eine optimale Anordnung der Spieler entstehen auf diese Weise zahlreiche Dreiecke, bei denen der Ballführende stets zwei potenzielle Anspielstationen hat, wodurch das Team grundsätzlich über einen hohen Ballbesitzanteil verfügt. Wer diese Zonen letztendlich besetzt, ist dabei nicht entscheidend. Durch ständige Freilaufbewegungen der Spieler bleibt die Besetzung der Zonen variabel und führt auch dazu, dass eine mögliche Manndeckung des Gegners deutlich erschwert wird.

Besonders das Hinspiel im Achtelfinale gegen Manchester United ist ein geeignetes Beispiel für Tuchels Spielweise in der abgelaufenen Saison. Ein sehr flexibles und auf Ballbesitz ausgerichtetes System führte in Kombination mit einer sehr gelungenen Umsetzung seines Teams zu einem 2:0-Auswärtserfolg in England. Hier lässt sich auch die oben angesprochene Verknüpfung zwischen dem „Was“ und „Wie“ aufgreifen: Tuchels System gibt vor, was gespielt wird (3-6-1, 4-4-2), die Umsetzung, das Wie, bleibt jedoch zum Großteil in der Verantwortung des Teams.

Das folgende Schaubild skizziert die Offensivanordnung von PSG. Die sehr breit positionieren Außenbahnspieler Bernat und Dani Alves geben dem Spiel von Paris sehr viel Breite, die dazu führt, dass die gegnerischen Außenverteidiger diese Breite ebenfalls in der Defensive halten müssen und sich der Abstand zu den eigenen Innenverteidigern auf das Maximum vergrößert (siehe rot eingekreiste Bereiche). Draxler und di Maria besetzen dabei die enorm wichtigen Halbräume und halten sich stets flexibel. Hierbei können beispielsweise Überzahlsituationen erzeugt werden, wenn sich beide Spieler auf eine Seite konzentrieren und dort überladen.

Auch Mbappé ist in dieser Anordnung grundsätzlich nicht auf seinen Platz in der Sturmmitte beschränkt, seine Wirkungskreise fallen ebenfalls flexibel aus.

Defensiv fällt Paris bei dieser Offensivgrundordnung in ein 4-4-2:

Mit dem sich zurückziehenden Bernat und dem nach außen gehenden Kehrer als Außenverteidiger bildet PSG eine Viererkette in der Defensive. Marquinhos spielt in diesem System ebenfalls eine sehr wichtige Rolle, indem er stets ein Auge für die Raumbesetzung in der Defensive hat und sich etwaig auftuende Löcher situativ schließt.

Fakten auf den Tisch!

Tuchels erste Saison bei Paris St. Germain endete auf den ersten Blick nicht so erfolgreich wie erhofft. Das frühe Aus in der Champions League hat einen Bruch für Paris markiert, von dem sich der Club bis zum Saisonende nicht erholen konnte. Durch den Gewinn der heimischen Ligue 1 hat Tuchel das Mindestziel erreicht, die Niederlage im Pokalfinale trübt seine Bilanz jedoch zusätzlich.

Mit Tuchel verfügt Paris über einen sehr akribischen Fußballexperten, der insbesondere im Spielstil des Positionsspiels weltweit eine der führenden Rolle einnimmt. Durch die vorzeitige Vertragsverlängerung hat die Vereinsführung ein klares Signal gesetzt und Tuchels Position in Paris (zunächst) gestärkt. Weiteren Zuspruch erhielt er durch die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem bisherigen Sportdirektor Antero Henrique. Zwischen den beiden Funktionsträgern waren dem Vernehmen nach in der abgelaufenen Saison deutliche Stimmungstiefs erkennbar, insbesondere in puncto Kaderzusammenstellung und Transferplanung. Tuchel bekommt nun mit Leonardo einen neuen sportlichen Direktor an die Seite gestellt, mit dem er im Optimalfall seine Spielerwünsche umsetzen kann. Denn nicht nur sportlich, sondern auch auf charakterlicher sowie mentaler Ebene ist deutlich geworden, dass bestimmte Spielertypen fehlen, die einen Schlendrian entschieden aus der Mannschaft drängen würden oder gar nicht erst einreißen lassen. Letztlich sind Fußballer auch nur Menschen (die fünf Euro für das Phrasenschwein werden im Anschluss überwiesen), die wie jede andere Gruppierung auch mit bestimmten gruppeninternen Problemen zu kämpfen hat. Jedes Team braucht einen gesunden Mix aus Führungstypen, Mannschaftsspielern und Individualisten. Betrachtet man den Kader von Paris, fällt die starke Konzentration von Individualisten auf, die natürlich auch den Reiz der Mannschaft ausmacht und die Fans ins Stadion strömen lässt, das Gruppengefüge jedoch schnell destabilisieren kann. Insbesondere in diesem Punkt steht Thomas Tuchel eine große Aufgabe bevor, die jedoch auch von der Vereinsführung klar und deutlich erkannt wurde und konsequent angegangen werden soll. Es ist Tuchel zu wünschen, dass er diese Probleme in den Griff bekommt und sich in den kommenden Jahren hauptsächlich auf den Fußball konzentrieren kann.

Bonne chance!

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Autoren-Information: Olaf verfasst seit September 2018 Analysen und Berichte im Fußball-Kontext. Neben taktischen Aspekten interessiert er sich zudem auch für verschiedenste Statistiken, die einen tieferen Einblick in die Funktionsweise des modernen Fußballs geben

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1 Kommentare

  1. Uwe Claassen

    Ein interessanter und informativer Beitrag zu T.T. in Paris. Ich war vor der letzten Saison sehr skeptisch, ob Tuchel zu PSG passen würde. Eine brasilianische Super-Diva und mehrere Mini-Diven im Kader, dazu der akribische Tüftler Tuchel, das würde Konfliktpotential mit sich ziehen. PSG ist eine undankbare Aufgabe als Einstieg in die internationale Top-Trainer-Szene: die nationale Meisterschaft wird selbstverständlich erwartet, ein Gewinn der Champions League bleibt jedoch bei der Konkurrenz aus Spanien, England und Italien unwahrscheinlich. Während Klopp sich mit einem englischen Titel unsterblich machen würde, erscheint er für Tuchel mit PSG eher als Randnotiz. So könnte die Saison 2019/20 ähnlich verlaufen wie die vorherige. Trotz Tuchels Tüfteleien wird er von der Gnade Neymars und den Geniestreichen von M’Bappe abhängig sein, von deren Gesundheitszustand sowieso. PSG wird als Einstieg Tuchels in die Top-Class der Trainerstühle in Erinnerung bleiben, von denen er hoffentlich den ein oder anderen besteigen kann, denn ein erstklassiger Coach ist er allemal.

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