Small Worlds – Amateurfußball als Forschungsprojekt

Schätzungen aus dem Jahr 2006 zufolge sind etwa 265 Millionen Menschen aktive Fußballspieler. Die wenigsten davon sind Profis. Während diese kleine Gruppe professioneller Spieler die meiste Aufmerksamkeit (und das meiste Geld) bekommt, wird die große Masse ignoriert. Das Forschungsnetzwerk “Small Worlds” möchte dem Amateurfußball die Aufmerksamkeit widmen, die er verdient.

Sonntagskick im Victoria Park, Leicester 2005

Von Kristian Naglo

Amateurfußball: Ein wenig untersuchtes Phänomen

Zieht man die offiziellen Zahlen des Fußballweltverbandes FIFA heran, haben sich ungefähr 1,12 Milliarden Menschen das Finale der Weltmeisterschaft 2018 in Russland zwischen Frankreich und Kroatien angeschaut, davon circa 884,37 Millionen im Fernsehen und etwa 231,82 Millionen auf öffentlichen Events und auf digitalen Plattformen. Diese Statistiken deuten auf die Popularität des organisierten Fußballs weltweit hin. Doch wie viele Menschen spielen eigentlich Fußball unter dem allumfassenden Schirm des Weltverbands?

Die jüngsten Schätzungen aus dem Jahr 2006 sprechen von circa 265 Millionen organisierten Fußballer*innen weltweit. Doch offensichtlich ist nur ein sehr geringer Prozentsatz dieser Spieler*innen als professionell zu bezeichnen. Für die überwiegende Mehrheit spielt sich die Teilnahme am Fußball im nicht-professionellen (oder Amateur-)Bereich ab. Die Feststellung, dass dem nicht-professionellen Fußball in der akademischen Forschung nur wenig Beachtung geschenkt wird, ist dabei schlichtweg eine Untertreibung: Die Amateurspieler*innen auf lokaler Ebene, insbesondere wenn sie oder er nicht in die formale Organisationsstruktur von Vereinen und Verbänden eingebunden ist, sind weitgehend ein marginales und wenig untersuchtes/verstandenes Phänomen.

Das internationale Forschungsnetzwerk “Small Worlds: Football at the Grassroots in a Comparative European and Global Perspective” wurde im Jahr 2015 von Forschern aus Deutschland, Großbritannien und Irland ins Leben gerufen, um neue, innovative Perspektiven zum nicht-professionellen Fußball aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln der Sozialwissenschaften einen Raum beziehungsweise diskursiven Rahmen zu geben. Unsere Gruppe beschäftigt sich daher vornehmlich mit dieser nur selten untersuchten Dimension der Fußballkultur.

Kultureller und medialer Wandel

Das Fußballspiel hat sich zu einem bedeutsamen Alltagsphänomen mit globaler Reichweite und beachtlichem Potential für soziale Mobilisierung entwickelt. Als populäre Kultur des Globalen und Nationalen ist Fußball stark medial inszeniert und ohne die modernen Massenmedien schlechthin nicht mehr vorstellbar. Historisch kann man seit den späten 1980ern und dem Aufkommen des Privatfernsehens von einem tiefgreifenden Wandel im Sinne einer Beschleunigung von Kommerzialisierungsprozessen sprechen – vor allem aber mit Beginn der 1990er Jahre und der schrittweisen Übernahme der Übertragungsrechte des Profifußballs durch Pay TV-Sender etwa in Deutschland und Großbritannien. Fraglos hat die Form der Darstellung des professionellen Fußballs im Fernsehen und Internet wesentliche Auswirkungen darauf, wie die Beteiligten das globale Spiel wahrnehmen, was sie darüber wissen, und auch, wie sie sich dem Spiel gegenüber verhalten.

Solche Entwicklungsschübe des Fußballs haben eine große Anzahl an akademischen Studien hervorgebracht, die sich mit den Funktionen und Konsequenzen des Spiels auf der höchsten Ebene auseinandergesetzt haben. Im Anschluss an diese Arbeiten lässt sich formulieren, dass der professionelle Fußball Menschen zusammenbringt und Kommunikation stimuliert. Er beeinflusst Identitätsbildungsprozesse sowie Prozesse sozialer Integration und Exklusion, weil er das Potential besitzt, soziale Konflikte gleichzeitig zu entschärfen und zu befeuern. Außerdem kann er für Fans Aspekte einer Zivilreligion annehmen. Er ist dann oft nicht nur (bedeutsame) Trivialität in ihrem Alltag und eine Quelle kultureller Bereicherung, sondern häufig auch ein zentraler Referenzpunkt, gleichsam der wichtigste Teil ihres Lebens.

Der Ausgangspunkt der Small Worlds-Gruppe ist nun folgende Beobachtung: Die globale Fußballforschung setzt sich vor allem mit dem elitären, professionellen Spiel auseinander. Diejenigen, die auf den unteren Ebenen am Spiel partizipieren, angefangen bei semi-professionellen und hochklassigen Amateur*innen bis hin zu denjenigen, für die das Spiel im Wesentlichen eine Freizeitbeschäftigung oder eine Form der Teilhabe an der lokalen Gemeinschaft ist, werden bislang kaum berücksichtigt. Unsere Gruppe möchte dieses Ungleichgewicht angehen, indem wir Forscher_innen zusammenbringen, die ein gemeinsames Interesse an unterschiedlichen Interpretationen des nicht-professionellen Fußballs haben. Die Mitglieder*innen unseres Netzwerks untersuchen verschiedene Aspekte in verschiedenen nationalen Konstellationen mit dem Anspruch, Forschungsansätze zu etablieren, die international vergleichende Perspektiven ermöglichen sollen.

Forschungsfragen, Konzepte und Beispiele

Wie entwickelte sich der nicht-professionelle Fußball in unterschiedlichen nationalen Kontexten? Welche Ziele verfolgen Amateurvereine und wie versuchen sie, diese zu erreichen? Wie versuchen sie ihr Potential auf und jenseits des Spielfeldes in den jeweiligen regionalen und nationalen Kontexten umzusetzen? Welche Werte sind den teilnehmenden Akteur*innen dabei wichtig? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich in den verschiedenen nationalen Zusammenhängen verdeutlichen? Das sind einige der Fragen, denen sich die Gruppe unter Einbindung diverser Forschungsansätze und Perspektiven (Kulturgeschichte, Sozialwissenschaften) widmet.

Small Worlds of Football können in diesem Zusammenhang allgemein den Bereich des organisierten und nicht-organisierten Fußballs bezeichnen und somit die kleine Welt der Verbände und Vereine, der Spieler*innen, Trainer*innen, Funktionär*innen, Zuschauer*innen und Spielorte umreißen. Mit einem soziologischen Ansatz kann man kleine Welten des Fußballs auch als soziale Welten konzeptualisieren. Soziale Welten sind in diesem Sinne unterteilt in verschiedene Handlungs- und Wahrnehmungssphären, die jeweils ihren eigenen Wissens- und Bedeutungsvorrat haben und Muster sozialer Praktiken und Beziehungen aufweisen. In der Regel sind diese Welten und Subwelten um formale Organisationen herum angeordnet und kreisen um spezifische Kernaktivitäten (‚Fußball spielen‘). Beide Versionen kleiner Welten sind relevant für unsere Gruppe.

Beispielhaft lässt sich die Produktion von Bedeutung und Wissen auf unterschiedlichen Ebenen des Fußballs anhand des „katholischen“ schottischen Fußballvereins Celtic Glasgow verdeutlichen, dessen Gründung gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einem irischen Priester initiiert wurde: Narrative betonen nun einerseits die Herkunft des Clubs durch die Hervorhebung der vermeintlichen Bedeutung des irischen Katholizismus. Die Fans von Celtic beziehen sich während der Spiele – insbesondere während des „Old Firm Derby“ in der konflikthaften Auseinandersetzung mit dem „protestantischen“ Stadtrivalen Glasgow Rangers – symbolisch auf die irische Geschichte durch Lieder oder popkulturelle Versatzstücke: Songs wie „Fields of Athenry“ behandeln Themen wie die große irische Hungersnot (1845–1852) und die britische Besatzungszeit im 19. und 20. Jahrhundert, sie beziehen sich auf paramilitärische Gruppierungen (wie die Irisch Republikanische Armee, IRA) oder positiv auf die katholische Kirche (zum Beispiel durch Vergleiche zwischen dem gegenwärtigen Trainer Neil Lennon und dem Papst). Andererseits agiert der Verein als Global Player und verfolgt Investmentstrategien, die auf die Rekrutierung von Spielern und Zuschauern auch außerhalb des lokalen, spezifisch historisch-kulturell geprägten Raums abzielen. Auf der Ebene internationaler Wettkämpfe zwischen Nationalmannschaften, wie etwa bei Fußballweltmeisterschaften, lässt sich wiederum auf die symbolhafte Konstruktion nationaler Stile und Praktiken verweisen, etwa beim Singen der Nationalhymne oder der medialen Betonung historischer Rivalitäten (Deutschland – England), die letztlich die imaginierte Gemeinschaft „Nation“ als homogen erscheinen lassen, obwohl soziale Heterogenität offensichtlich Normalität ist.

Besonders spannend werden diese Zusammenhänge von Wissen und Bedeutung aber im Bereich des Amateurfußballs. In der Folge werde ich das am Beispiel der Symbolik von Kunstrasenplätzen skizzieren. Kunstrasenplätze als Spielflächen, die in den 1960er Jahren zunächst in den USA im American Football eingesetzt wurden und die seit den 1970er Jahren auch in Deutschland für Hockey und im Fußball angeboten werden, sind insbesondere im Profifußball als reguläre Wettkampfstätten umstritten. Der Plan des Weltfußballverbands FIFA beispielsweise, die Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada im Jahr 2015 auf Kunstrasenplätzen auszutragen, hat bei den Beteiligten Proteste hervorgerufen und dazu geführt, dass eine Gruppe von Spielerinnen eine Klage gegen den Weltverband, unter anderem wegen vermeintlich erhöhter Verletzungsgefahr, anstrengte. Dennoch fand die Veranstaltung auf Kunstrasenplätzen statt, gedacht wohl auch als Testlauf für zukünftige Wettbewerbe der Männer. Während der frühere FIFA-Präsident Sepp Blatter Kunstrasenplätze für die „Zukunft des Fußballs“ hielt – und übrigens auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seit den frühen 2000er Jahren offensiv für den Bau von Kunstrasenplätzen wirbt –, bezeichneten die protestierenden Spielerinnen den Belag als „Untergrund zweiter Klasse“ und fühlten sich diskriminiert.

Im Amateurfußball nimmt die Diskussion nun eine andere Stoßrichtung. Hier werden Kunstrasenplätze in der Regel als Ausdruck eines Modernisierungsprozesses der Vereine im Sinne einer existenzsichernden Maßnahme gedeutet. Die Krise, die es zu überwinden gilt, wird in der Wahrnehmung der Akteure meist durch die nicht mehr zeitgemäßen Tennenflächen („Aschenplätze“) ausgelöst, die durch die neuen Astro Turfs ersetzt werden. Der Bau von Kunstrasenplätzen im Amateurbereich gilt dann als Prestigeobjekt. Seine Einweihung – z.B. durch einen Priester oder die Traditionsmannschaft eines Bundesligisten – wird in der Regel als großes Event gefeiert. Dies schließt in zweifacher Hinsicht an Entwicklungen im Bereich des professionellen Fußballs an: Zum einen haben sich Stadien in Deutschland seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu Vorzeigeobjekten des öffentlichen Raums entwickelt. Zum anderen symbolisieren diese Plätze häufig eine „hochgradig funktionale Differenzierung “, da sie einen Bereich repräsentieren, der vornehmlich für den Fußball und die lokale Gemeinschaft konstruiert wurde. Ihr Bau wird im Rahmen spezifischer Diskurse („Existenzsicherung durch Konkurrenzvorteil“ beziehungsweise „Gleichziehen mit der lokalen Konkurrenz“, „Grundlage für künftigen sportlichen Erfolg“, „Möglichkeit der Anwerbung besserer Spieler durch attraktiven Bodenbelag“) als alternativlos und Errungenschaft des Vereins dargestellt.

Die optische Gleichartigkeit der Kunstrasenplätze drückt dabei eine zunehmende Standardisierung und damit Homogenisierung des Raums aus, die dem Stadionprinzip im professionellen Fußball nahe kommt. Kunstrasenfelder bieten in dieser Hinsicht ein ideales Umfeld für die zunehmend kommunikative und praktische Modernisierung des Spiels, auch in den untersten Amateurbereichen und im Jugendfußball. Ihre Eigenschaften lassen daher vermehrt an Versatzstücke anschließen, die aus der kulturellen, medialen Zirkulationssphäre des Profifußballs stammen. Gleichzeitig wird im Rahmen von Legitimitätsdiskursen die Integration der lokalen Gemeinschaft betont. Paradoxerweise lösen also ausgerechnet „Plastikplätze“ – die ja ebenso gut lila eingefärbt sein könnten – ein Authentizitätsversprechen ein, indem sie einerseits die Teilnahme am großen Fußball suggerieren und andererseits das Lokale integrieren.

Eine besonders interessante Wendung nimmt die Diskussion um Kunstrasenplätze gegenwärtig, da Teile des zum Bau verwendeten Materials (‚Granulat‘) als umweltschädlich angesehen und von einer EU-Behörde auf seine Umweltverträglichkeit (Stichwort: Mikroplastik) geprüft werden. Während (eigentlich offensichtliche) umweltpolitische Belange oder gar Bedenken bislang überhaupt keine Rolle bei entsprechenden, in der Regel lokalpolitischen Genehmigungsprozessen und beim Bau der Astro Turfs spielten, könnte nun europaweit ein Verfahren eingeleitet werden, indem Vereine verpflichtet werden, das Granulat durch alternatives Material (z.B. Kork) zu ersetzen. Dies dürfte mit erheblichen Kosten verbunden sein. Es wird daher interessant sein, zu sehen, wie die unterschiedlichen Interessen (z.B. Modernisierungsbestrebungen vs. Umweltschutz) in den jeweiligen Kontexten (europaweit, national, lokal) moderiert werden.

Welten des nicht-professionellen Fußballs sind also ambivalente und hochinteressante Bedeutungsräume, da sie Repräsentanten einer gesellschaftlichen Tendenz sind, die durch die Dialektik zwischen Effizienzgedanken, Optimierungsprozessen und gesellschaftlich erzeugtem Druck (‚Fortschritt‘; ‚mithalten können‘; ‚Imitation‘) einerseits, sowie der Forderung, unter kontrollierten Bedingungen Spaß zu haben andererseits, charakterisiert werden kann. In der komplexen, aber regulierten Welt des Fußballs ist es nahezu unmöglich, klar zu differenzieren zwischen guter Leistung, (taktischer) Disziplin, Konzentration, Selbstbeherrschung und der alles überlagernden Forderung nach Spaß. Hier findet sich ein Bezug zur klassischen soziologischen Annahme, dass soziale Standards zunehmend internalisiert und in verschiedenen Bereichen kreativ umgesetzt werden (Norbert Elias). Entsprechend ist der nicht-professionelle Fußball charakterisiert durch seine spezifische Form der Institutionalisierung und Bürokratisierung (Verbände und Vereine), gleichzeitig aber auch durch die soziale Welt des Vereinsfußballs und die rahmensetzende Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft wird immer wieder neu definiert und neu geschaffen durch die Praktiken der involvierten Akteur*innen.

Demzufolge stellen der nicht-professionelle Fußball und seine Einbettung in die Vorstellung einer lokalen Identität die dominante Idee von Globalisierung als eindimensionalem Prozess, der vor allem durch Standardisierung gekennzeichnet wird, in Frage. Gleichzeitig sind lokale Praktiken und Wahrnehmungen im Amateurfußball durchaus stabil (z.B. Werte, Traditionen, Mythen) und beeinflussen Modernisierungsprozesse der Vereine unterhalb der professionellen Ebene. Aus diesem Zusammenhang lässt sich schließen, dass das Globale einen Bereich von Wahrnehmungen darstellt, der letztlich auf der lokalen Ebene interpretiert und analysiert werden muss. Unsere Annahme ist folglich, dass auf der Ebene des nicht-professionellen Fußballs ähnliche, gleichsam transnationale Wahrnehmungen existieren, die häufig von der globalen Welt des professionellen Fußballs beeinflusst werden. Von zentraler Bedeutung sind daher, aus unserer Sicht, unterschiedliche Annäherungen an den Gegenstand, die sich etwa mit der Geschichte, mit Spielern, mit Praktiken, Politiken oder der Wahrnehmung von Legitimität und Loyalität beschäftigen.

Unsere Analyse, wie auch unser Netzwerk, beruht damit auf der Idee des internationalen Vergleichs, auch wenn dieser nicht immer explizit geäußert wird: Das Ziel der Small Worlds besteht nicht in der Beschreibung einzelner Phänomene, sondern in der Ausweitung unserer inhaltlichen Basis, um zukünftig systematische und vergleichende Analysen zu ermöglichen. Dies beinhaltet vor allem die Suche nach Ähnlichkeiten und Differenzen, nach Mustern, Parallelen, Analogien und Ambivalenzen.

Special Issue: Small Worlds: Football at the Grassroots in Europe

In einem kürzlich erschienenen Sonderheft der Zeitschrift Moving the Social haben wir unter dem Titel ‚Small Worlds: Football at the Grassroots in Europe‘ erste in der Diskussion entwickelte Gedanken zum organisierten, nicht-professionellen Fußball in Deutschland, England und Irland ausgearbeitet. Diese drei Länder boten sich zunächst zur vergleichenden Analyse an. Fußball hat hier wenigstens seit 150 Jahren eine zentrale Position innerhalb der jeweiligen nationalen Gesellschaft eingenommen, mit jedoch teilweise stark unterschiedlichen Ausprägungen. Die einzelnen Beiträge des Bandes beschäftigen sich etwa mit der Quellenlage der historischen Forschung zum grassroots football in England und den sich aus der entsprechenden Forschung ergebenden Möglichkeiten (Dilwyn Porter, Leicester) oder mit der Entwicklung und Einordnung des nicht-professionellen Spiels in der Donegal League zwischen 1971-1996 im irischen Kontext (Conor Curran, Dublin). Ein Beitrag aus soziologischer Perspektive thematisiert die Bedeutung von Krisen (Symbolik von Kunstrasenplätzen), Events (Hallenfußballturnier) und Kernaktivitäten (Spielzug) in einem ethnografisch-soziologischen Rahmen anhand von Fallbeispielen im deutschen Kontext (Dariuš Zifonun/Kristian Naglo, Marburg). Ein weiterer Artikel aus wissenssoziologischer Perspektive fokussiert Eltern im deutschen Kinderfußball (Jochem Kotthaus, Karsten Krampe, Nina Leicht, Sina-Marie Levenig, Sebastian Weste, Dortmund). Ebenfalls soziologisch ist die Perspektive von Nina Degele (Freiburg) in ihrem Beitrag, der sich mit deutschen nicht-professionellen Spielern und Sportjournalisten und deren Positionen gegenüber Homophobie im Fußball auseinandersetzt. In einem review article bietet Jürgen Mittag (Köln) schließlich eine Übersicht der neuesten Entwicklungen im Bereich der Fußballforschung im Hinblick auf Protestbewegungen im lokalen und globalen Kontext.

Workshops

Der mittlerweile dritte Workshop im Rahmen unseres Netzwerks (nach Köln 2015 und Belfast 2018) fand am 12. Oktober 2019 in der Universität Bayreuth statt, und zwar unter dem Titel Non-Elite Football in a Comparative Context. Wesentliches Ziel der Diskussionen war die Etablierung international vergleichender Perspektiven in diesem Forschungskontext. Folgende Wissenschaftler_innen stellten ihre aktuellen Forschungsprojekte zur Diskussion: Den ersten Vortrag des Tages hielt Kristian Naglo aus Marburg, und zwar zur Frage integrativer Potentiale im Bereich des nicht-professionellen Fußballs (‚Sport as a Universal Language? Perspectives on Lower League Football and Integration‘). Benjamin Perasovic, Marko Mustapic und Dino Vukusic aus Zagreb sprachen im Anschluss über Entwicklungen im kroatischen Fußball, insbesondere über Neugründungen von Teams durch Fans (“Youth, Stigma and Non-elite Football: Notes from the Field”; “Futsal Dinamo – Example of a Fan-Ran Club”). Tarminder Kaur aus Johannesburg gab in ihrem Vortrag “Black Swallows FC: Ethnographic notes on how to get adopted by a football club in a remote South African village” ethnographisch orientierte Einblicke in die Fußballwelt einer südafrikanischen Dorfmannschaft, während Nina Leicht und Sina-Marie Levenig aus Dortmund Annahmen zu Perspektiven von Eltern und Kinder im Jugendfußball formulierten (“The Discovery of Talent – A mundane phenomenology of hopeful parents in non-professional soccer”). Dem folgend beschäftigte sich Michael Wetzels aus Berlin vor allem auch theoretisch mit Fragen nach Affekten, Gefühlen und Emotionen im Fußball (“Affect, Feeling, and Emotion as Processes of Belonging in the Cultural Field of Football”), und Christian Brandt aus Bayreuth referierte über Gründe und Hintergründe des Vereinssterbens im nicht-professionellen Fußball (“How does a club die? – First findings from the world of amateur football”). Jürgen Mittag aus Köln vermittelte Eindrücke hinsichtlich eines Projekts zu Ruhrgebiets-Bolzplätzen, die in Kürze zum Weltkulturerbe ernannt werden sollen. Dilwyn Porter und Kristian Naglo aus Leicester und Marburg stellten dann abschließend einen vergleichenden Forschungsansatz zur Untersuchung des deutschen und englischen Amateurfußballs vor (“Small soccer clubs as social entrepreneurs: some Anglo-German perspectives”).

Für den nächsten Workshop im kommenden Jahr sind bereits Veranstaltungsorte in Kroatien und England im Gespräch. Für weitere Informationen zu unserem Netzwerk richtet Euch bitte direkt an Dr. Kristian Naglo (kristian.naglo@uni-marburg.de).

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Autor*innen-Information: Dr. Kristian Naglo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Kultur- und Sprachsoziologie mit besonderem Fokus auf dem Gebiet des Sports mit den Schwerpunkten Ethnografien von Fußballwelten und Konzepte von Mehrsprachigkeit und Interkulturalität. Seit 2015 ist er gemeinsam mit Professor Dilwyn Porter Leiter der internationalen Forschungsgruppe Small Worlds: Football at the Grass Roots in a Comparative European and Global perspective.

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