Mittendrin – Fußballfans in Deutschland – Kurzrezension

Der Fußballfan, das unbekannte Wesen. Wer ein Fußballspiel im Stadion besucht, der hat mitunter mit Vorurteilen und Pauschalisierungen zu kämpfen. Dabei ist das Publikum in einem Stadion vor allem eines – divers. Die Fans eines Vereins sind keine homogene Gruppe. Verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Motiven und Individuen mit ganz eigenen Einstellungen sind die Puzzelteile aus denen sich das zusammensetzt, was man als Außenstehender und aus der Entfernung als die Fans eines Vereins identifiziert, weil sie die gleichen Farben tragen.

“Mittendrin – Fußballfans in Deutschland” versucht dieses Bild nicht aufzubrechen, indem über die Fans sondern mit ihnen gesprochen wird. Anhänger ganz unterschiedlicher Vereine erzählen wie sie fußballerisch sozialisiert wurden und warum sie überhaupt ins Stadion gehen.

“Ich sag nicht, ich geh zum Fußball, ick geh zu Hertha. Das ist ein eklatanter Unterschied! Das hat mit Fußball überhaupt nix zu tun!”

Benno, 53, Berlin

Was Benno da sagt, hört sich zunächst nach Sarkasmus an – es ist aber ganz und gar wörtlich gemeint. Die Interviewten bringen immer wieder zum Ausdruck, dass es weit mehr als das sportliche Geschehen auf dem Platz ist, was sie Woche um Woche ins Stadion zieht.

Die Fans bekommen in Mittendrin Raum sich mitzuteilen. Jeder Person werden etwa 4-8 Seiten Fließtext gewidmet, die stimmungsvoll und großformatig bebildert sind.

Die Befragten können meist auf ein wechselhaftes Fanleben zurückblicken und sind in ihrem Fandasein sehr verschieden. Da ist der ehemalige Berliner Punk, der zur Hertha geht seit er laufen kann oder der Sechzger, der sich selbst als “Ewiggestriger” bezeichnet. Sie erzählen unverblümt wie sie zu ihrem Verein gekommen sind, wie sie ihre Fanszene, ihren Verein und die Fankultur in ihrer Region wahrnehmen.

Die Ausführungen der Befragten haben teils ihre Längen, wenn sie um diese und jene Rivalität oder dem Leser unbekannte Gruppierungen herummäandern. Dafür sind die Aussagen immer offen und ehrlich, die Protagonisten verstecken sich selten hinter Plattitüden.

Die Texte würde ich als Protokolle des Fandaseins bezeichnen: die Formulierungen sind daher nicht immer geschliffen oder reflektiert, aber eben authentisch. Mittendrin erklärt nicht sondern lässt Fans zu Wort kommen und sie ihre Sicht der Dinge erläutern.

Die einzelnen Texte werden aufgelockert durch eine ganze Reihe von eingeschobenen Interviews mit Wissenschaftlern, Fanarbeitern und Funktionären.

Wer sich mit Fankultur auseinandersetzt oder wissen möchte, was Menschen dazu bewegt viel Zeit und Geld für den Fußball zu opfern, dem sei dieses von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Buch wirklich ans Herz gelegt. Wer auf der Suche nach unterhaltsamen Anekdoten und witzigen Begebenheiten von der letzten Auswärtsfahrt ist, für den ist Mittendrin wohl etwas zu nüchtern und sachlich.

Infos zum Buch

Anne Hahn, Frank Willmann: Mittendrin – Fußballfans in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2018.

ISBN: 978-3-8389-7169-8
264 Seiten

Das Werk kann für 4,50€ bei der bpb bestellt werden.
Uns wurde freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Kategorie Blog

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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