Mit Toren und Titeln für die Unabhängigkeit – Katalonien und das Baskenland

In kaum einem Land werden regionale Spannungen so emotional ausgetragen wie in Spanien. Auch der Fußball dient den Befürwortern der Abspaltung als Vernetzungshilfe, vor allem im Baskenland und in Katalonien. Was sind historische Ursachen und aktuellen Motive? Eine Erkundungsreise zu Athletic Bilbao und zum FC Barcelona. Teil 7 der Themenreihe: „Fußball und Menschenrechte“.

Autor: Ronny Blaschke, ronnyblaschke.de

Es ist ein Derby, doch von Feindseligkeit ist nichts zu spüren. In Eibar, 27.000 Einwohner, der kleinsten Erstligastadt des spanischen Fußballs, scheinen alle auf den Beinen zu sein. Der große baskische Bruder ist zu Gast: Athletic Bilbao. Auf dem Marktplatz am Rathaus stehen die Fans seit Stunden vor den Tavernen, mit Blaskapelle und bei Sonnenschein, reden und lachen miteinander. In manchen Familien sind die Trikots beider Teams zu sehen, Bilbao liegt vierzig Autominuten von Eibar entfernt.

Fanshop in Eibar, Quelle: Ronny Blaschke

Einen Kilometer weiter auf dem Hügel donnern die Gesänge durch das kleine Stadion. „Aúpa, Eibar“, vorwärts. Unter das Heimpublikum haben sich überall Fans von Athletic gemischt, einige tragen über ihrem rotweiß gestreiften Trikot die Ikurriña, die Flagge des Baskenlandes. Das grüne Andreaskreuz symbolisiert ihren Wunsch nach Unabhängigkeit. Am Stadiondach ist ein Schriftzug angebracht, ins Deutsche übersetzt: „Ein anderer Fußball ist möglich.“ Die baskischen Klubs halten zusammen, auch wenn sie gegeneinander spielen.

Eine Woche später, 600 Kilometer östlich. Im Camp Nou steht vor 93.000 Zuschauern „El Clásico“ auf dem Programm, der FC Barcelona empfängt Real Madrid. Auf den Stehplätzen schauen Fans auf die Uhr. Nach 17 Spielminuten und 14 Sekunden rufen sie mit Inbrunst „Independencia“. Dieses Ritual erinnert an das Jahr 1714. Im Erbfolgekrieg unterlagen die katalanischen Truppen dem Heer der Bourbonen, Barcelona wurde in den Zentralstaat eingegliedert.

Die Rufe nach Unabhängigkeit sind gegen die „Königlichen“ aus der Hauptstadt lauter als gegen andere Vereine. Aus Sicht der Barça-Fans symbolisiert Real Madrid den Zentralstaat, die Monarchie und vor allem: die dunkle Vergangenheit. Bis 1975 hatte Diktator Francisco Franco fast vier Jahrzehnte über Spanien geherrscht. Bei wichtigen Partien zeigen die Fans politische Transparente, nun auch im Clásico: „Nur Diktaturen sperren friedliche Politiker ins Gefängnis.“ Ein Kommentar zur Verhaftung katalanischer Mandatsträger, die 2017 ein Referendum zur Unabhängigkeit durchgeführt hatten. Viele Barça-Anhänger sehen sich als Verteidiger ihrer kulturellen Heimat. Stolz tragen sie die gelbrot gestreifte „Estelada“, die Flagge für die angestrebte Unabhängigkeit Kataloniens.

Drei Vereine sind nie abgestiegen: Real, Barça und Athletic Bilbao

Spanien ist eines der vielfältigsten Länder Europas. Seine 17 autonomen Gemeinschaften haben regionale Parlamente und Regierungen. Aber im Gegensatz zu den deutschen Bundesländern sind ihre Befugnisse und Kompetenzen höchst unterschiedlich. Ihre Selbstverwaltung und kulturellen Unterschiede haben sich über Jahrhunderte herausgebildet, doch Franco ließ Eigenständigkeiten brutal unterdrücken. Er zentralisierte den Staat, verbot Symbole und Sprachen.

Die Folgen sind noch heute spürbar: In einigen Landesteilen streben Menschen nach Unabhängigkeit, etwa im Nordwesten in Galicien, im Norden im Baskenland, im Nordosten in Katalonien. In politisch unruhigen Jahren ist das Thema Abspaltung auch für andere Bevölkerungsgruppen in Europa wieder aktuell: für Schotten in Großbritannien, für Flamen in Belgien, für Südtiroler oder Sarden in Italien. Die Ursachen sind komplex, doch so emotional wie in Spanien geht es wohl in keinem anderen Land zu. Das zeigt auch der Fußball, wie dieser Text am Beispiel zweier Städte verdeutlichen soll: Bilbao und Barcelona. In Regionen, in denen sich Zuneigung auch an der Herkunft der Spieler bemisst.

Die Leinwand an der Außenfassade von San Mamés ist schon aus der Ferne zu sehen. Das neue Stadion von Athletic wurde neben das alte gebaut und 2013 eröffnet, mitten in Bilbao. Der junge Tourguide Pablo führt an diesem Nachmittag 16 Gäste durch die Arena. Zu Beginn erläutert er das Alleinstellungsmerkmal: Athletic spielt seit 1912 ausschließlich mit baskischen Spielern. Das Motto: „Con cantera y afición, no hace falta importación”, mit einheimischen Talenten und lokaler Unterstützung brauchen wir keine Importe. Pablo formuliert es so: „Der Verein symbolisiert unsere Werte: Ehrgeiz und Heimatverbundenheit.“ Sein Idol ist Julen Guerrero. Der Mittelfeldspieler war 24 Jahre für Athletic aktiv, im Nachwuchs und bei den Profis. Einer seiner Verträge war auf zehn Jahre datiert, lukrative Angebote lehnte er ab. Nur drei Klubs sind nie aus der 1928 gegründeten Primera División, der höchsten spanischen Spielklasse, abgestiegen: Real Madrid, Barça und Athletic Bilbao.

Das neue San Mames, Quelle: Euskaldunaa, CC BY-SA 3.0, from Wikimedia Commons

Ein ehemaliger Fußballer wurde erster Präsident des Baskenlandes

Im Vereinsmuseum drei Etagen tiefer beginnt der Rundgang vor einer breiten Videowand. Eine Dampflok scheppert durchs Bild. Hochöfen, Fabrikschornsteine, hart arbeitende Männer. Aus den Lautsprechern dröhnen Hammerschläge und Schiffssirenen. Das Museum erinnert an das späte 19. Jahrhundert, als Bilbao mit seinen Werften und Minen zu den wichtigsten Industriestandorten zählte. Die wirtschaftlich aufblühende Hafenstadt war auch im Ausland attraktiv. Es waren britische Einwanderer, die 1898 Athletic gründeten, mit einem englischen Klubnamen.

Konservative Basken betrachteten den Fußball als Gefahr. Sie hatten Sorge, dass die Jugend den Kirchen fernbleiben würde, stattdessen bevorzugten sie das baskische Spiel Pelota. Das änderte sich: Unabhängigkeitsbefürworter nutzten auch die Vernetzungskraft von Athletic, um in den 1930er Jahren mehr Autonomie zu erstreiten. 1936 wurde José Antonio Aguirre, ein ehemaliger Athletic-Spieler, erster Präsident des Baskenlandes. Aguirre veranlasste den Aufbau eines baskischen Nationalteams, als Botschafter einer möglichen Loslösung von Spanien.

„Gloria y guerra“, Glanz und Krieg, mit dieser Zeile ist der Spanische Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939 im Athletic-Museum überschrieben. In der Vitrine sind Plakate, Eintrittskarten und ein geflickter Lederball ausgestellt. „Es ist schwer, für diese Zeit Erinnerungsstücke zu finden“, sagt Asier Arrate. Der Museumsdirektor hat früher als Geschichtslehrer gearbeitet. In den vergangenen Jahren suchte er Flaggen, Trikots, Dokumente und Briefe. „Es gab über Jahrzehnte kein wirkliches Archiv“, sagt Arrate. „Es ist eine baskische Tradition, mit Erzählungen an die Geschichte zu erinnern und weniger mit Gegenständen.“

Museumsleiter Asier Arrate, Quelle: Ronny Blaschke

Asier Arrate befragt Zeitzeugen, archiviert Objekte, plant Kooperationen mit Schulen. Das 2017 eröffnete Museum stellt Fans und Mitglieder in den Mittelpunkt, es ist modern, ohne beliebig zu wirken. Es soll nicht nur Kluberfolge auflisten, sondern mit Hilfe von Athletic die Geschichte Bilbaos abbilden. Dazu gehören Enttäuschungen und Widersprüche. So waren bei Athletic auch etliche Anhänger von Franco aktiv. Der Diktator verbot ausländische Vereinsnamen – aus Athletic wurde Atlético. Die baskischen Wurzeln gerieten in den Hintergrund.

Der Vereinschef von Barça wurde von Francos Truppen erschossen

Klaus-Jürgen Nagel lehrt an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, Quelle: Ronny Blaschke

„Das ganze Stadion ist ein Schrei“, so beginnt die Vereinshymne des FC Barcelona. „Es ist egal, wo wir herkommen.“ Der Gründer hatte jedoch mit Katalonien wenig zu tun. Der Schweizer Hans Gamper hatte 1896 schon den FC Zürich gegründet. Sein Onkel besorgte ihm Arbeit in Barcelona, und so baute er dort 1899 einen weiteren Verein auf: den Football Club Barcelona. „Das erste Vereinsstatut war auf Deutsch, in der Mannschaft waren vor allem ausländische Spieler“, erzählt der Politikwissenschaftler Klaus-Jürgen Nagel, der seit bald zwanzig Jahren an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona lehrt, auch mit Interesse für Fußball. „Barça half vielen spanischen Binnenmigranten bei der Integration in die katalanische Gesellschaft.“

Seit 1923 regierte in Spanien Miguel Primo de Rivera in einer Militärdiktatur. Der General beschnitt die historischen Sonderrechte Kataloniens und drängte regionale Kulturgüter zurück, erläutert Julian Rieck, Historiker an der Humboldt-Universität Berlin. Rieck führt den Fußball als Beispiel an: Bei einem Freundschaftsspiel des FC Barcelona 1925 spielte eine Marinekapelle erst die englische, dann die spanische Hymne. Im Stadion Les Corts, dem Vorläufer des Camp Nou, beklatschten die Zuschauer die englische Hymne demonstrativ, die spanische pfiffen sie aus. Daraufhin wurde dem FC Barcelona für ein halbes Jahr der Spielbetrieb untersagt, sein Stadion wurde geschlossen. Hans Gamper musste das Land vorübergehend verlassen.

Noch schwieriger wurde es während des Bürgerkrieges. Barças Vereinschef Josep Sunyol, Mitglied der Unabhängigkeitspartei ERC und Gründer des Sportmagazins „La Rambla“, wurde von Francos Truppen erschossen. Die Mitgliederzahl sank, der Klub stand vor dem Ruin. Die Mannschaft trat für Ticketeinnahmen in Amerika auf, drei Viertel der Spieler blieben im Exil. 1938 wurde das Gelände des FC Barcelona beschossen. Nach der Machtübernahme Francos musste die katalanische Symbolik aus dem Wappen weichen. Der Name wurde hispanisiert: in Club de Fútbol Barcelona. 1943 gewann Barça im Pokalhinspiel gegen Real Madrid 3:0. Vor dem Rückspiel sollen Polizisten die Barça-Spieler eingeschüchtert haben – Real gewann 11:1.

Real Madrid sicherte der Diktatur Prestige, Einnahmen und Kontakte

Ereignisse werden zu Mythen und prägen Identität. Noch heute begründen viele Katalanen ihre Abneigung gegen Madrid und die Zentralregierung mit den Geschehnissen vor mehreren Jahrzehnten. Wohl niemand fand dafür so große Worte wie der in Barcelona geborene Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán. Für ihn war Barça „die unbewaffnete Armee Kataloniens“ und eine „republikanische und laizistische Religion“. In einer Zeit, in der katalanische Geschichte und Sprache nicht gepflegt werden durfte, beschrieb Montalbán das Camp Nou als Sammelbecken für Unabhängigkeitsgefühle: Mit Taschentüchern in katalonischen Farben, auch mit Protestrufen gegen das Regime. Schon 1960, fünfzehn Jahre vor Francos Tod, formulierte Barça die Neujahrgrüße in der Vereinszeitung auf Katalanisch.

Sid Lowe schreibt für den Guardian über den spanischen Fußball, Quelle: Ronny Blaschke

War der FC Barcelona Opfer der Diktatur und Real Madrid ihr Profiteur? Sid Lowe schüttelt energisch den Kopf: „Es gab nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch Widersprüche, die Fans heute schwer aushalten können.“ Der Engländer Lowe lebt in Madrid und berichtet für die britische Zeitung „The Guardian“ über den spanischen Fußball, für seine Doktorarbeit hatte er sich mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschäftigt. „In der Diktatur war es oft schwer, die Grenze zwischen Regime-Anhängern, Mitläufern und Widerständlern zu ziehen. Wer im Fußball an die Spitze wollte, der musste sich unterordnen, sonst drohte die Entlassung.“

„Fear and Loathing in La Liga“, so heißt das 2012 veröffentlichte Buch von Sid Lowe über die Rivalität zwischen Barça und Real Madrid, es ist auch eine spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts geworden. Darin schreibt Lowe über die franquistischen Statthalter beim FC Barcelona. Das Regime ließ den Verein gewähren, um sozialen Spannungen entgegen zu wirken. Francesc Miró-Sans, langjähriger Barça-Präsident, arrangierte sich mit Franco und vernetzte sich mit Real Madrid. Einige Fans wollten ihr neues Stadion nach Gründer Hans Gamper nennen, die Politik lehnte ab. Der Name blieb unverfänglich: Camp Nou, neues Spielfeld.

Von den Vereinten Nationen war Spanien als faschistischer Staat eingestuft worden, nur wenige Länder akzeptierten diplomatische Beziehungen mit Franco. 1948 untersagte das spanische Außenministerium dem Nationalteam Länderspiele gegen nichtbefreundete Nationen. Bei der Europameisterschaft 1960 verbot Franco der Nationalelf eine Reise zum Viertelfinale nach Moskau, aus Sorge vor einem Auftrieb linker Strömungen auf der iberischen Halbinsel.

In dieser Zeit sicherte Real Madrid der Regierung Prestige und Einnahmen, schreibt der Historiker Julien Rieck. Mit internationalen Spielern wie dem Exil-Ungarn Ferenc Puskás oder dem in Argentinien geborenen und später eingebürgerten Alfredo Di Stéfano entstand „der Anschein eines freien und weltoffenen Landes“. Santiago Bernabéu, zwischen 1943 und 1978 Reals Präsident, brachte auf der Ehrentribüne Vertreter aus Politik, Monarchie und Justiz zusammen. Und bei Europokalspielen knüpfte er Kontakte in Ländern, die diplomatische Beziehungen zu Spanien ablehnten. Der Niederländer Johan Cruyff entschied sich 1973 gegen Real und für einen Wechsel nach Barcelona. Er sagte, er könne nicht für einen Verein spielen, der mit Franco in Verbindung gebracht wird.

Athletic als emotionale Kulisse für baskische Tradition

Mikel Burzako (links) und José Maria Etxebarria von der PNV, Quelle: Ronny Blaschke

José Maria Etxebarria lehnt sich vor auf den Konferenztisch, wenn er an das Ende der Diktatur denkt, er spricht lauter und schneller. Etxebarria arbeitet für die PNV, die baskische nationalistische Partei, gegründet 1895. In seiner Jugend, kurz vor Francos Tod, spielte Athletic einmal mit Trauerflor, offiziell im Gedenken an ein gestorbenes Vereinsmitglied – tatsächlich aus Protest gegen Todesurteile.

Etxebarria berichtet auch von einem baskischen Derby, das er als 1976 verfolgt hat. Vor dem Anpfiff steckten die Kapitäne aus Bilbao und San Sebastián, José Ángel Iribar und Ignacio Kortabarria, die Flagge des Baskenlandes in den Anstoßpunkt. „Dieses Bild kennt heute jedes Kind in Bilbao“, sagt Etxebarria. „Das war wie eine Wiedererweckung, denn vierzig Jahre waren unsere Symbole verboten.“

1976 tragen die Kapitäne von Athletic und San Sebastián die baskische Fahne, Quelle: Argia.eus, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die PNV, der Partido Nacionalista Vasco, ist die einflussreichste Partei im Baskenland. Ihr übergeordnetes Ziel ist die Trennung von Spanien, dabei vertritt sie gemäßigte konservative Positionen. Die PNV war stets um gute Kontakte zu den baskischen Vereinen bemüht, etliche ihrer Spitzenkräfte waren in Vorständen aktiv. So war es vor der Diktatur – und erst recht danach: Athletic nutzte nun wieder den englischen Klubnamen. 1977 übernahm der PNV-Politiker Jesús María Duñabeitia das Präsidentenamt. Baskische Sänger und Tänzer traten wieder selbstbewusst im Stadion auf.

Immer mehr Vereinsmitglieder unterstützten das Werben um Autonomie. Mit Erfolg: Baskisch wurde als eine Nationalität festgelegt und neben Spanisch zur Amtssprache erhoben. Durch neue Selbstverwaltungsrechte konnte sich das Baskenland finanziell und infrastrukturell besser entwickeln als andere Regionen. Der Fußball, so das Narrativ, lieferte die emotionale Begleitkulisse. „Athletic brachte Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammen“, sagt José Maria Etxebarria. „Jung und alt, Links und Rechts.“

Die Terrorgruppe ETA vereinnahmte den Fußball

Real Sociedad aus San Sebastián gewann 1981 und 1982 die spanische Meisterschaft, Athletic Bilbao in den beiden Jahren darauf. Politik und Wirtschaft deuteten diese vier baskischen Titel als Mutmacher, denn die Region kämpfte mit zunehmender Arbeitslosigkeit und einem starken Rückgang an Industrie. In den Vororten litten viele Jugendliche an Heroinsucht. 1984 standen mehr als eine Million Menschen an den Flussufern von Bilbao, als ihre Meister auf einer Barkasse Richtung Innenstadt schipperten. Insgesamt hat die Autonome Gemeinschaft Baskenland nur 2,2 Millionen Einwohner.

Auf diese Triumphbilder stößt man in Bilbao häufig, ob in Tourismusbüros oder im Museum der schönen Künste, doch eine andere Strömung des Nationalismus wird eher verdrängt: Euskadi Ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit, kurz: ETA. Die Untergrundorganisation tötete zwischen 1959 und ihrer Auflösung 2018 rund 830 Menschen. Und sie vereinnahmte auch den Fußball: Im Januar 1986 entführte die ETA den Unternehmer Juan Pedro Guzmán, ein Vorstandsmitglied von Athletic, Tage später wurde er wieder freigelassen. Zudem verschickte sie Erpresserbriefe an wohlhabende Basken, auch an Bixente Lizarazu, geboren auf der französischen Seite des Baskenlandes. Der Vorwurf der ETA: Als Nationalspieler habe er sich für eine „feindliche Nation“ entschieden, für Frankreich. Sie forderte von Lizarazu eine „Revolutionssteuer“, um seine Familie „vor Konsequenzen zu schützen“. Sie erhielt Polizeischutz.

Die ETA hatte einige hundert Mitglieder, aber Zehntausende Sympathisanten. Daher wägten Institutionen Stellungsnahmen genau ab. Auch auf den Tribünen von Athletic forderten Fans mitunter die Freilassung von inhaftierten ETA-Kämpfern, manche mit deren Logo, einer Axt, um die sich eine Schlange windet. Zwischen die lauten Fangesänge mischten sich vereinzelte Rufe: „Lasst uns einen Spanier töten“. Im März 2008 veranlasste Athletic eine Schweigeminute für Isaías Carrasco, der baskische Sozialdemokrat war zwei Tage zuvor ermordet worden. Ein Teil des Publikums störte die Stille mit Pfiffen. „Das waren kleine Minderheiten“, sagt Mikel Burzako von der Partei PNV. „Athletic war selbst in hitzigen Zeiten ein Ort der friedlichen Begegnung. Auf Fußball konnten sich alle einigen. So wird es immer sein.“

Der Katalane Oleguer Presas lehnte eine Berufung ins Nationalteam ab

Ernest Pujadas achtet weniger auf diplomatische Worte. Für das Interview hat er eine rustikale Taverne in der Nähe des Camp Nou vorgeschlagen. Pujadas ist Fan des FC Barcelona, seitdem er denken kann. Er kann sich gut an seinen ersten Clásico im Jahr 2000 erinnern. Er war sechs Jahre alt, saß auf dem Schoß seines Vaters, daneben sein Großvater. Es war die Saison, in der die einstige Barça-Ikone Luís Figo ins Camp Nou zurückkehrte, im Trikot von Real Madrid. Ernest Pujadas hat die ohrenbetäubenden Pfiffe noch in den Ohren. Geldstücke flogen aufs Feld, Handys, Steine, sogar ein Schweinekopf.

Ernest Pujadas gehört zur Fangruppe „Penya Almogàvers“, Quelle: Ronny Blaschke

Seine Fansozialisation durchlebte Ernest Pujadas Anfang des Jahrtausends, als aus dem katalanischen Nationalismus eine Unabhängigkeitsbewegung wurde, unterstützt durch den Anwalt Joan Laporta, der dem FC Barcelona zwischen 2003 und 2010 als Präsident vorstand. Laporta setzte sich für einen eigenen Staat ein und wertete die katalanische Sprache im Vereinsleben auf. Seine Fans skandierten: „Laporta president – Catalunya independent.“ Und er fand in Teamkapitän Carles Puyol einen prominenten Unterstützer. Dessen Kollege Oleguer Presas lehnte 2006 eine Berufung ins spanische Nationalteam ab. Das gefiel auch der Familie von Ernest Pujadas. Seine Großeltern erzählten ihm, wie sie unter Franco gelitten hatten, das Camp Nou jedoch war ein Rückzugsort.

„Wir können Fußball und Politik in Barcelona nicht trennen“, sagt Ernest Pujadas. Seit seinem 18. Lebensjahr verfolgt er Heimspiele auf den Stehrängen der Nordtribüne. Er ist ein prägender Kopf der wohl einflussreichsten Fangruppe, der „Penya Almogàvers“, gegründet 1989, mit nunmehr 600 Mitgliedern. Sie gestalten Choreografien, der harte Kern ist bei jedem Auswärtsspiel dabei. Pujadas hat zwei Jahre als Taktgeber in der Kurve getrommelt, zwei Spiele pro Woche, er hat Blasen an der Hand bekommen und konnte kaum noch schreiben. Nun pflegt er die sozialen Medien der Fangruppe und sagt: „95 Prozent unserer Mitglieder sind für die Unabhängigkeit Kataloniens, dafür setzen wir uns sein. Diese Haltung wünschen wir uns auch von neuen Mitgliedern.“

Am Tag des Referendums spielte Barça vor leeren Rängen

Ernest Pujadas hat Politikwissenschaften studiert, er ist viel gereist in der Welt, schaut gern amerikanische Politserien. Für die Separatisten hat er Flugblätter verteilt, auch für Gesprächsrunden und Solidaritätskonzerte geworben. Er nahm an dutzenden Demonstrationen teil, trug dabei gern sein altes Barça-Auswärtstrikot in den katalanischen Farben und schwenkte die Estelada. So auch im September 2017 beim Auswärtsspiel in Girona. Carles Puigdemont, der damalige Präsident der Autonomen Gemeinschaft und ehemalige Bürgermeister von Girona, wurde auf der Ehrentribüne gefeiert. Tausende Zuschauer riefen: „Wir stimmen ab!“

Am 1. Oktober 2017 hielt die Regionalregierung ein Referendum zur Unabhängigkeit ab – gegen das ausdrückliche Veto des spanischen Verfassungsgerichtes. Die Militärpolizei Guardia Civil wollte die Abstimmung verhindern und ging brutal gegen die Beteiligten vor. Die Bilder gingen um die Welt, hunderte Menschen wurden verletzt. Ernest Pujadas half in seiner Heimatstadt Malgrat, achtzig Kilometer von Barcelona entfernt, bei der Organisation des Referendums. Fünfmal schritt die Polizei im Wahllokal ein, es gab zehn Verletzte. „Ich wollte, dass meine Familie und Freunde sicher abstimmen können. Ohne Angst um ihre Gesundheit.“ 3.000 Menschen votierten in den Räumen der Schule, 87 Prozent für die Unabhängigkeit.

Pujadas telefonierte an jenem Tag dutzende Male, anfangs mit anderen Wahllokalen, später mit Fans und Mitarbeitern des FC Barcelona. Als sich die Eskalation abzeichnete, bat der Verein um die Verlegung des für denselben Tag geplanten Heimspiels gegen Las Palmas. Die Liga lehnte ab, dessen Geschäftsführer Javier Tebas gilt als konservativer Antiseparatist. Mehrere Fangruppen drohten mit einem Platzsturm und so entschied sich Barça für eine Partie vor leeren Rängen. „So konnten wir der Welt neunzig Minuten lang zeigen, wie sehr Katalonien leidet“, sagte Klubchef Josep Maria Bartomeu.

Gerard Piqué war die Anfeindungen leid und trat aus dem Nationalteam zurück

Unter den Stammspielern war es Gerard Piqué, der sich am deutlichsten positionierte: „Der Einsatz von Gewalt war eine der schlechtesten Entscheidungen in den letzten vierzig, fünfzig Jahren. Sie hat Katalonien und Spanien weiter voneinander getrennt.“ Piqué, geboren in Barcelona, seit 2008 für Barça aktiv, hat sich öffentlich nie für die Unabhängigkeit ausgesprochen, sondern für „dret a decidir“, das Recht auf Selbstbestimmung. Laut Umfragen möchten siebzig bis achtzig Prozent der Katalanen frei entscheiden können, auch viele Gegner der Loslösung. Ähnlich wie in Großbritannien: Dort haben die Schotten 2014 für einen Verbleib im Vereinigten Königreich gestimmt. Die spanische Verfassung jedoch verbietet ein solches Referendum.

In den Tagen nach der Abstimmung versammelte sich das spanische Nationalteam zur Länderspielvorbereitung, mit dabei: ihr Verteidiger Gerard Piqué. Bei einer öffentlichen Trainingseinheit mischten sich Rechtsextreme in militärischer Kleidung unters Publikum, sie sangen Lieder aus dem Bürgerkrieg. Dutzende Zuschauer skandierten: „Piqué cabrón, España es tu nación“ – „Pique, Arschloch, deine Nation heißt Spanien.“ Trainer Julen Lopetegui brach das Training ab.

Piqué hatte so etwas lange erdulden müssen, sogar den Vorwurf, er habe einmal lange Trikotärmel wegen der spanischen Nationalfarben abgeschnitten. Nach der WM 2018 beendete er mit 31 Jahren seine Laufbahn im Nationalteam. Er hat nun mehr Zeit für seine Nebentätigkeiten als Geschäftsmann und Investor, unter anderem im Tennis oder bei der Entwicklung von E-Sports-Veranstaltungen. Da könnten sich politische Debatten negativ auswirken.

Im Pokalfinale pfeifen Barça-Anhänger die spanische Hymne aus

An der Außenfassade des Camp Nou sind die Logos der Fanklubs angebracht, das der „Penya Almogàvers“ über dem Eingangstor 48. Schräg darüber hängt ein riesiges Banner mit dem Foto des kämpferisch aussehenden Piqué, ergänzt durch das Mantra des Vereins: „Més que un club“, mehr als ein Klub. Piqué bestritt 102 Länderspiele. Spanien wurde 2010 Weltmeister, gewann 2008 und 2012 die Europameisterschaft. Zu den Leitfiguren gehörten etliche Profis des FC Barcelona: Carles Puyol, Xavier Hernández, Sergio Busquets, Andrés Iniesta oder David Villa.

Vorübergehend sah es so aus, als könne das Nationalteam regionale Spannungen verringern. So war es schon 1992, als die spanische Auswahl bei den Olympischen Spielen in Barcelona Gold gewann, 95.000 Zuschauer jubelten im Camp Nou. Doch damals war die Situation noch nicht so verfahren. Jenseits dieses Turniers bestritt das Nationalteam seit 1975 kein Heimspiel mehr in Barcelona, die Fernsehquoten bei Länderspielen liegen in Katalonien, im Baskenland oder Galicien zehn bis zwanzig Prozent unter dem Landesschnitt.

Als Spanien bei der WM 2018 im Achtelfinale an Gastgeber Russland scheiterte, feierten Ernest Pujadas und seine Freunde eine Party mit Feuerwerk. Pujadas erwähnt auch die „Copa del Rey“, den spanischen Pokal unter Schirmherrschaft des Königs. Traditionell pfeifen Barça-Anhänger vor den Endspielen die Nationalhymne aus. Besonders laut war die Abneigung 2009, 2012 und 2015. Denn die Fans des Gegners stimmten mit ein: Athletic Bilbao.

Selbst Franco soll sich mit Athletic identifiziert haben

Eines der Zentren des baskischen Fußballs ist die „Cantera“, der so genannte Steinbruch von Lezama, einer idyllischen Gemeinde zehn Kilometer von Bilbao entfernt. Umgeben von Hügeln und Wiesen liegt das Trainingsgelände von Athletic. Gepflegte Rasenplätze und gläserne Bürogebäude, davor der Torbogen aus dem alten Stadion San Mamés, als Erinnerung an acht Meistertitel. Von der kleinen Tribüne beobachten Familien das Spiel ihrer Söhne. „Vamos“, rufen sie, auf geht’s. Unten am Spielfeld zieht der Sportdirektor den Reißverschluss seiner Jacke hoch und macht sich Notizen. José María Amorrortu soll das scheinbar Unmögliche auch für die Zukunft möglich machen: Erstligafußball – ausschließlich mit Spielern baskischer Herkunft.

José María Amorrortu, Sportdirektor bei Athletic Bilbao, Quelle: Ronny Blaschke

José María Amorrortu wurde 1953 in Bilbao geboren und wuchs in der Nähe des Stadions auf. Als Spieler, Trainer und Manager verbrachte er fast sein ganzes Berufsleben im Baskenland, in Bilbao, Eibar, auch San Sebastián. Zeitweilig trainierte er das inoffizielle baskische Nationalteam. „In dieser Region ist die Identifikation mit Fußball besonders hoch“, sagt der studierte Ökonom Amorrortu. „Die Menschen arbeiten hart. Sie müssen nicht immer die Besten sein, aber sie wollen in den Spiegel schauen können.“ Ehrlichkeit, Bodenständigkeit, Identität. Diese Begriffe werden von Fans und Mitarbeitern Athletics häufig genannt, auch als Abgrenzung zur turbokapitalistischen Fußballindustrie. Handelt es sich um Nostalgie, Sozialmarketing oder Naivität?

Seit mehr als hundert Jahren setzt Athletic auf Spieler mit baskischen Wurzeln. Eine vergleichbare regionale Rekrutierung betreibt sonst nur Deportivo Guadalajara in Mexiko. In Spanien hatten viele Anhänger Francos den FC Barcelona als Symbol für Internationalität abgelehnt, doch mit Athletic soll sich sogar der Diktator identifiziert haben: für die „Bewahrung der spanischen Rasse“, für „die Reinhaltung des Blutes“.

In Zeiten des sportlichen Misserfolgs stand diese Talentsuche bei Fans in der Kritik, sie fürchteten um die Wettbewerbsfähigkeit. 1959 kam für eine Verpflichtung Miguel Jones Castillo in Betracht, geboren in Äquatorialguinea, groß geworden im Baskenland. Jones wurde nicht für gut genug befunden. Manche denken noch heute: es lag an seiner schwarzen Hautfarbe. Jones wechselte zu Athlético Madrid und war erfolgreich. In den Achtziger und Neunziger Jahren nutzten radikale Nationalisten auch den Fußball als Ventil. Ein beliebter Slogan: „Gott hat nur eine perfekte Mannschaft erschaffen, den Rest überhäufte er mit Fremden.“

Iñaki Williams gilt als Symbolfigur für das moderne Bilbao

Die Gesellschaft veränderte sich, Athletic auch. Lange wurden nur Spieler aus den drei Provinzen der Autonomen Gemeinschaft Baskenland zugelassen, aus Gipuzkoa, Biskaya und Álava. Später wurde die Suche auf benachbarte Gebiete ausgedehnt, auf Navarra, La Rioja und den französischen Teil des Baskenlandes. Diese Regeln sind in keiner Satzung festgeschrieben, vermutlich würden sie sonst das Verfassungsgericht auf den Plan rufen.

Zuschauer auf dem Trainingsgelände Lezama von Athletic, Quelle: Ronny Blaschke

Athletic erwarb sich den Ruf eines Ausbildungsvereins, herausragende Spieler zogen weiter. Mittlerweile ist nicht mehr der Geburtsort der Spieler zentral, sondern ihr „Aufwachsen im baskischen Fußball“. Im Jahr 2000 wurde Blanchard Moussayou als erster schwarzer Spieler in den Nachwuchs aufgenommen. Nach Verletzungen musste er seine Laufbahn früh beenden. Jahre später gab er zu, dass er es als Schwarzer doppelt so schwer hatte. 2008 wurde der aus Kamerun stammende Jugendspieler Ralph N’Dongo bei einem Training von einem Zuschauer rassistisch beleidigt, Athletic erstattete Anzeige. 2011 spielte dann ein Schwarzer erstmals für Athletic in der Primera División, begleitet von einer intensiven Debatte in den Medien. Jonás Ramalho, Sohn eines Angolaners, konnte aber sich nicht in der Stammformation etablieren.

Der Durchbruch gelang 2014. Iñaki Williams, geboren in Bilbao, Sohn eines ghanaischen Vaters und einer liberianischen Mutter, war in der Europa-League der erste schwarze Torschütze für Athletic. Bis ins Detail beschrieben die Medien seine Biografie: die Gelegenheitsjobs seiner Eltern oder die Unterstützung des Pfarrers mit dem baskischen Namen Iñaki. Williams entwickelte sich zu einem treffsicheren und beliebten Stürmer. Und er galt als Symbolfigur für das moderne Bilbao. Mit architektonischen Glanzlichtern wie dem Guggenheim-Museum hat sich die Stadt als Kulturmetropole neu erfunden. Sie gehört zu den zwölf Austragungsorten der EM 2020, die über den Kontinent verteilt sind.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass wir mit unserem Modell in der ersten Liga spielen“, sagt Sportdirektor José María Amorrortu. „Also müssen wir konzentriert und professionell sein.“ Athletic hat im Umland 150 Partnervereine, die ihre größten Talente nach Bilbao melden und dafür finanziell unterstützt werden. Zwanzig Scouts sind im Baskenland unterwegs. Eine Datenbank speichert Kandidaten aus anderen Ländern mit baskischen Vorfahren. Inzwischen kicken in den Jugendteams etliche Spieler, die in Afrika oder Lateinamerika zur Welt kamen.

Kaum jemand von ihnen spricht Baskisch. Etwa dreißig Prozent der regionalen Bevölkerung beherrscht diese Sprache, deren Entstehung unbekannt ist und die mit keiner anderen europäischen Sprache Gemeinsamkeiten hat. Athletic zögerte kommerzielle Entwicklungen gern hinaus, musste sich aber doch anpassen. Als einer der letzten Profivereine ließ Athletic Werbung auf Trikots und Stadionbanden zu. Und was würde mit der Talentförderung passieren, sollte der Klub zum ersten Mal in die zweite Liga müssen? Die rund 50.000 Mitglieder werden dann diskutieren, ob sie weiter von ihrer Hymne abweichen können: „Weil du aus dem Volk geboren bist, liebt dich das Volk.“

Der internationale Nationalismus Kataloniens stößt im Ausland auf Unverständnis

Der FC Barcelona erreicht mit 170.000 Mitgliedern andere Dimensionen. Auch an diesem Vormittag hat sich vor dem Vereinsmuseum eine Schlange gebildet. Touristengruppen schieben sich durch den dreistöckigen Fanshop, Trikotpreise von 170 Euro scheinen keine abschreckende Wirkung zu haben. Schnell laden sie ihre Handyfotos vor Werbebannern ins Internet hoch. Es funkelt an allen Ecken, dazu Chartmusik aus den Lautsprechern, die Besucher sprechen Englisch, Japanisch oder Deutsch. Barça erzeugt ein Viertel des Umsatzes im spanischen Profifußball und strebt mittelfristig einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro an. Der Clásico gegen Real Madrid ist im Fernsehen eines der meistgesehen Fußballspiele weltweit. Was wäre „La Liga“ ohne dieses Duell?

Journalist Florian Haupt lebt in Barcelona, Quelle: Ronny Blaschke

Kaum ein Verein hat so sehr von der Globalisierung profitiert wie der FC Barcelona. Wie passt es dazu, dass sich viele Fans als katalanische Nationalisten bezeichnen? Als Verteidiger eines Landstriches von siebeneinhalb Millionen Einwohnern, die innerhalb der spanischen Demokratie nicht unterdrückt werden? „Wir haben es hier nicht mit einem ethnischen Blut- und Bodennationalismus zu tun“, sagt der Journalist Florian Haupt, der in Barcelona lebt und unter anderem für „Die Welt“ berichtet. „Viele Katalanen orientieren sich regional und global. Viele Unabhängigkeitsbefürworter wünschen sich eine weltoffene Nation, die in der EU bleibt.“ Mit Begriffen wie Offside, Penalty oder Corner ist die katalanische Alltagssprache mehr von englischen Fußballvokabeln durchmischt als die spanische.

Die Frontverläufe sind widersprüchlich, die Lager gespalten, auch in Familien, Freundeskreisen und in der Anhängerschaft des FC Barcelona. Der Klub unterstützt das Selbstbestimmungsrecht. Die Pressemitteilungen sind diplomatisch formuliert, werben für „Dialog, Respekt, Sport“. Der Verein sei unpolitisch, stehe aber „auf der Seite des katalanischen Volkes“. Als die Polizei beim Referendum 2017 Gewalt ausübte und katalanische Politiker wegen mutmaßlicher Rebellion festgenommen wurden, äußerte sich die Barça-Führung offensiver, aber für die Abspaltung von Spanien tritt sie nicht ein. Auch aus Rücksicht vor den Fans in anderen Regionen. Und wie würden wohl Sympathisanten in China, Indien oder der Türkei reagieren, die mit dem Kampf von Minderheiten etwas anderes verbinden? Auch die spanische Liga, der Fußballverband und die Sportmedien scheinen ihre Äußerungen genau abzuwägen.

Guardiola sagt: „Ich bin nicht nur Trainer, sondern vorrangig Mensch“

Trotzdem scheint es dem Präsidium von Barça recht zu sein, wenn Stimmen aus dem Vereinsumfeld kompromissloser Stellung beziehen. Fans dürfen Banner entrollen, auf denen zu lesen ist: „Willkommen in der katalanischen Republik“ oder „SOS Democràcia“. Der wohl bekannteste Unterstützer der Unabhängigkeit ist Pep Guardiola, ehemaliger Spieler und Trainer von Barça. 2015 trat er bei der Regionalwahl auf dem letzten Listenplatz der separatistischen Einheitsliste „Junts pel Sí“ an. Mehrfach trug er bei Veranstaltungen Gedichte des katalanischen Lyrikers Miquel Martí i Pol vor.

Bei seinem aktuellen Arbeitgeber Manchester City trug Guardiola seit Oktober 2017 eine gelbe Schleife am Revers, eine Solidaritätsbekundung mit inhaftierten Unabhängigkeitsunterstützern. Für das Tragen von „politischen Symbolen“ wurde er vom englischen Verband FA verwarnt und mit einer Geldstrafe belegt. Dessen Geschäftsführer Martin Glenn sagte: „Wo zieht man die Linie – soll es jemanden geben, der ein ISIS-Abzeichen trägt?“ Und er nannte Beispiele, die er nicht im Fußball sehen wolle: „Starke religiöse Symbole, der Davidstern, Hammer und Sichel, das Hakenkreuz und so etwas wie Robert Mugabe auf dem Shirt“.

Martin Glenn entschuldigte sich auf Druck für diesen „beleidigenden Vergleich“, doch seine Äußerungen verdeutlichen die Unbeholfenheit bei politischen Themen. Wofür darf der Fußball eintreten? Wogegen sollte er Position beziehen? „Ich bin nicht nur Trainer, sondern vorrangig Mensch“, sagte Pep Guardiola. „Es geht nicht um Politik, es geht um Demokratie.“ Wenn er früher mit Barça in Madrid oder Sevilla spielte, dann schwenkten gegnerische Fans leidenschaftlich die spanische Flagge. Sie wollten Guardiola provozieren, und er akzeptierte das. Denn er weiß: In vielen Ländern wird ein solcher kultureller Wettstreit schon brutal im Keim erstickt.


Autor und Themenreihe

Ronny Blaschke beschäftigt sich als Journalist mit den gesellschaftlichen Hintergründen des Sports, u. a. für die Süddeutsche Zeitung, den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle. Mit seinen Büchern stieß er wichtige Debatten an, zuletzt mit „Gesellschaftsspielchen“ zur sozialen Verantwortung des Fußballs.


Die ganze Themenreihe auf einen Blick

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