Der Letzte Flug von Zulu Uniform

Über das Unglück von Manchester United im Februar 1958 auf dem Flughafen München Riem. Eine Zeitreise in die 1950er Jahre, in die Anfangszeit des Europapokals und das Ende der Nachkriegszeit. Ein Text anlässlich des 60. Jahrestages der Tragödie

von Christoph Wagner



Wie nur wenige Clubs entzweit Manchester United die Meinungen: entweder man mag sie oder eben nicht. Derzeit ist das Team von Trainer Jose Mourinho im Vergleich zum Stadtrivalen Manchester City im Hintertreffen; vom letzten Derby Anfang Dezember gibt es zudem auch Berichte, wonach es nach dem Spiel einen handfesten Kampf zwischen Spielern und Verantwortlichen beider Clubs gegeben haben soll. United trägt sicher schwer daran, nicht mehr Platzhirsch zu sein, wie noch zu Fergusons Zeiten (1986-2013). Diese Ära gab dem Club die Aura eines Superclubs, einer globalen Marke. Es gab jedoch auch eine Zeit, in der beide Clubs sehr enge Beziehungen pflegten. Dies war besonders in den Nachkriegsjahren der Fall, als Old Trafford durch Bombeneinschläge beschädigt war und United an die Maine Road, in das Stadion des Rivalen, ausweichen musste. Auch fanden die Europapokalspiele Uniteds dort statt: Old Trafford hatte kein Flutlicht. Die Gegner hießen Borussia Dortmund, Real Madrid, Dukla Prag und Roter Stern Belgrad. Und hier beginnt diese Geschichte. Im Januar 1958 waren die Roten Sterne aus der jugoslawischen Hauptstadt zu Gast in Nordwestengland, um im Viertelfinale des Europapokals gegen Manchester United anzutreten. Das Spiel endete 2-1 für die Heimmannschaft. Das Rückspiel fand am 5. Februar 1958 in Belgrad statt. Die Mannschaft kehrte nie zurück. Es war das Ende einer bis dahin großen Saison, in der United so selbstbewusst und schön spielte, wie nie zuvor.

Die Geschehnisse am 6. Februar 1958 auf dem Flughafen München Riem

Hier soll geschildert werden, was geschah am Nachmittag des 6. Februar 1958 auf der Startbahn des Flughafens München-Riem. Um zu verstehen, was München für Manchester United bedeutet, soll hier kurz geschildert werden, was geschah. Dazu bedarf es einer kurzen Vorgeschichte in die Anfangsjahre des Europapokals. Der Europapokal war erst in seiner dritten Saison, hatte aber bereits eine große Mannschaft hervorgebracht: Real Madrid. Die Königlichen hatten die ersten beiden Auflagen des Wettbewerbs gewonnen und waren auch in der Saison 1957/58 Favorit auf den Titel. Größen wie Alfredo di Stefano oder Raymond Kopa untermalten Reals Status als beste Mannschaft Europas. Die Zeichen standen gut für die Madrilenen. Im Viertelfinale besiegte die Mannschaft von Trainer Luis Antonio Carniglia den FC Sevilla mit 10:2 Toren in zwei Spielen. Erstmals war 1957/58 auch eine englische Mannschaft im Viertelfinale: Manchester United. Der Meister von 1955, Chelsea war nicht angetreten. Es war ihnen schlicht und ergreifend verboten worden. In den 1950er Jahren hatten die Football Association und die Football League noch das Sagen und untersagten dem Meister von 1955, am Europapokal teilzunehmen. Der Generalsekretär Alan Hardaker war offen antieuropäisch: “Ich mag Europa nicht! Zu viele Wops und Dagoes!”[1] England hatte das Spiel erfunden und es sollte auch Englisch bleiben. Obendrein war man bei der Football League der Ansicht, dass das Ligaprogramm und der FA Cup ausreichten, da benötigte es keinen weiteren Wettbewerb, noch dazu in Europa. Diese Ablehnung gegenüber dem Kontinent und überhaupt ausländischem war nicht neu. Als 1930 die erste Weltmeisterschaft in Uruguay ausgetragen wurde, gaben die englischen Fußballoberen diesem Wettbewerb keine lange Lebensdauer. Während also Chelsea auf eine Teilnahme verzichtete, ließ es Matt Busby, der Trainer von Manchester United, auf ein Kräftemessen mit der Football League ankommen. Ihm waren der Club und Erfolge wichtiger als der reguläre Ablauf der Liga. Er setzte sich durch und Manchester United nahm teil. Im Halbfinale unterlag die junge Mannschaft dem späteren Titelträger aus Madrid mit 5:3. Um sich ein Bild von Real zu machen, flog Matt Busby nach Nizza. Bei seiner Rückkehr wurde er mit Fragen überhäuft: “Boss, wie gut sind sie?” “Ist dieser Gento wirklich der schnellste Spieler?” Busby antwortete ganz ruhig: “Jungs, Ich will mit Euch darüber nicht sprechen. Ihr konzentriert euch auf das, was ihr zu tun habt: spielt so gut wie nie zuvor”.[2] Sein Mannschaftskamerad Bill Foulkes sieht es ähnlich. Busby hatte sie bewusst über Real im Unklaren gelassen, und Foulkes meinte: “Je weniger wir wussten, desto besser!”[3]

“der kann laufen, Bill, der kann laufen.”

Matt Busby spricht mit Bill Foulkes über den Brasilianer Gento

Was den Spielern jedoch anzumerken war und auch Busby war der Reiz des Neuen, die Möglichkeit, gegen Weltklassespieler zu reüssieren und eventuell sogar zu bestehen. Es sollte nicht sein. Real war einfach eine Nummer zu groß. Manchester United hatten mit ihrem Ausscheiden im Halbfinale ihre Duftmarke in Europa hinterlassen und es war klar, dass sie wiederkommen würden. Dafür war die Mannschaft zu gut, um das nicht zu erreichen. Nur wenige Wochen nach den Spielen gegen Real wurde United erneut Meister und spielte daraufhin im Europapokal. Die Gegner hießen Shamrock Rovers, Dukla Prag und Roter Stern Belgrad. Das Viertelfinale gegen Belgrad sollte das letzte werden für die Busby Babes[4] getaufte Mannschaft, die als eine der besten Mannschaften Englands betrachtet wurde und im Begriff war, sich im Europapokal durchzusetzen. Das Hinspiel fand im Januar (!) 1958 an der Maine Road, dem Stadion des Stadtrivalen Manchester City, statt, da Old Trafford noch immer kein Flutlicht hatte. Die Heimmannschaft konnte sich mit 2-1 durchsetzen. Das war knapp, jedoch nicht unlösbar. Es galt ein Tor auswärts zu erzielen, was es Belgrad schwer machen würde, in die nächste Runde einzuziehen. Am 4. Februar 1958 flogen die Mannschaft und deren Betreuer sowie insgesamt neun Sportjournalisten nach Belgrad. Unterwegs wurde mehrfach gestoppt, um die Maschine aufzutanken. Das Flugzeug, eine Airspeed AS.57 Ambassador war eines der modernsten seiner Zeit, der Spitzname der Flieger war Elizabethans, weil Queen Elizabeth II. damit geflogen ist, und bot bis zu 50 Passagieren Platz. Der Journalist Frank Taylor bezeichnete die Maschine als “Aristokraten der Lüfte”, die zwar langsam war, aber das Fliegen angenehm machte. Das Rückspiel in Belgrad endete 3:3 wobei es United unnötig spannend machte. Nach einer 3-0 Halbzeitführung kam Roter Stern zurück und glich vier Minuten vor Abpfiff aus. Entsprechend waren die letzten Minuten nervenaufreibend. Die Rückreise am folgenden Tag verlief bis zur Zwischenlandung in München problemlos. Nach dem dritten Startversuch um 16:04 Uhr mitteleuropäischer Zeit war nichts mehr so wie es mal war. Die Mannschaft musste zurück, denn obwohl Alan Hardaker und die Football League es ungern sahen, akzeptierten sie die Entscheidung von Busby und United, am Europapokal teilzunehmen unter der Bedingung, dass die Mannschaft 24 Stunden vor Anpfiff des Ligaspiels am Sonnabend Nachmittag wieder im Land ist. Es ging gegen keine geringere Mannschaft als Wolverhampton Wanderers, eine der besten des Jahrzehnts und dem Spiel wurde entsprechend Bedeutung beigemessen, denn beide Teams spielten um die Meisterschaft. Es bestand also Zeitdruck, die Rückreise schnellstmöglich anzutreten und heimzukehren. Das Wetter in München war durchweg schlecht. Heftiger Schneefall und Matsch auf der Startbahn.

Der Kapitän des Flugzeugs, James Thain, erhielt die Freigabe zum Start und gab den Motoren allen Schub. Um 15:30 Uhr rollte die Maschine los, nur um 40 Sekunden später auf der Startbahn stehen zu bleiben. Grund war ein plötzlicher Druckabfall in den Motoren, welche die Piloten Thain und Co-Pilot Ken Rayment zum Abbruch bewegten. In Absprache mit dem Tower durfte die Maschine zurückkehren und einen zweiten Versuch unternehmen. Um 15:34 Uhr rollte die Maschine wieder an. Erneut dauerte es nur 40 Sekunden, bevor der Versuch erneut abgebrochen wird. Diesmal ist es ernst. Die Piloten bringen das Flugzeug zum Terminal zurück, die Passagiere müssen raus aus der Maschine und ins Gebäude. Die Piloten erklären dem ortsansässigen BEA-Ingenieur William Black, was vorgefallen ist. Bei beiden Versuchen gab es Probleme mit dem Schub der Motoren. Der Grund war die Höhe über Normalnull des Flughafens München-Riem sowie die Luftfeuchtigkeit. Aufgrund dieser Aussagen, entschieden sich Thain und Rament einen dritten Startversuch zu unternehmen. Eine gute Viertelstunde später waren alle wieder an Bord und die Maschine bewegte sich zur Startbahn. Hier muss ein wichtiges Detail erwähnt werden. Im Funkprotokoll gibt der Tower die Information an Thaine und Rayment weiter, dass sie zwar starten könnten, jedoch dies nur in einem Zeitfenster von zwei Minuten möglich ist, zwischen 16:02 und 16:04. Danach gäbe es keine Starterlaubnis mehr. Grund waren wohl die sich verschlechternden Wetterbedingungen. Hatten die Piloten also die Möglichkeit, abzubrechen und auf Nummer sicher zu gehen? Die Möglichkeit bestand, doch ist zu bedenken, dass eben eine Verspätung durchaus delikate Strafen von der Football League hätte nach sich ziehen können. Denn eine Garantie auf Besserung der Witterungsverhältnisse gab es nicht. Es war eine lose-lose-Situation für alle Beteiligten.

Der dritte Startversuch verlief tödlich. Bei 117 Knoten (etwa 217 km/h) fiel die Geschwindigkeit plötzlich auf 105 Knoten, viel zu wenig um das Flugzeug in die Luft zu bekommen. Grund war Schneematsch am Ende der Startbahn. Es war zu spät für einen Abbruch. Die Maschine durchbrach mit voller Geschwindigkeit den Zaun am Ende der Startbahn und raste auf ein Haus zu, in dem zu diesem Zeitpunkt eine Frau mit drei Kindern weilte. Alle vier überlebten. Eine Tragfläche wurde abgerissen, der Rumpf diagonal zertrennt und der hintere Teil ging in Flammen auf. Alle Passagiere im hinteren Teil der Maschine waren sofort tot. Darunter waren Tommy Taylor, David Pegg und Roger Byrne, aber auch alle Sportjournalisten bis auf Frank Taylor, der sich selber nicht erklären kann, warum er sich weiter vorn einen Platz suchte.

Das Flugzeug rutschte weiter über eine Straße und kam auf einem Feld zum Stillstand. Harry Gregg und der Pilot Captain Thain waren die ersten, die reagierten. Thain löschte alle Brände am und um das Flugzeug herum, Gregg brachte sich in Sicherheit, bis er ein Baby schreien hörte. Er kehrte um und holte erst das Baby, dann die Mutter aus dem Wrack. Er stabilisierte Matt Busby, den er schwer verletzt fand und suchte nach weiteren Überlebenden. Bobby Charlton und Dennis Violett, die aus dem Flugzeug geschleudert wurden, saßen bewusstlos in ihren Sitzen; Gregg hielt sie für tot. Als sie später vor ihm standen, glaubte er seinen Augen kaum.

Meet the Babes

Die Ursachen

Es soll im Folgenden darum gehen, die Faktoren, die das Unglück herbeigeführt haben könnten, zu benennen. Dabei stehen sowohl interne (menschliches Versagen) als auch externe (Technik, Wetter, Rollbahn) Faktoren zur Debatte.

Das Flugzeug

Die Maschine galt als eines der besten und komfortabelsten Flugzeuge in den 1950er Jahren. Die Schwankungen der Leistung beim Start auf höher gelegenen Flughäfen waren bekannt, jedoch stellte dies keinen Grund dar, den dritten Startversuch abzubrechen, bzw. gar nicht erst anzutreten. Die Flugkapitäne hatten sich hierzu mit dem in München stationierten Mechaniker Mr. William Black ausgetauscht. Er schlug ihnen vor, die Motoren zu untersuchen und eventuell auch neu einzustellen, sodass die Druckschwankungen bei der Drehzahlerhöhung unterblieben. Beide lehnten ab.

Das Wetter

Die Umstände waren durchaus katastrophal, denn Schnee, vor allem aber Schneematsch machten das Starten nahezu unmöglich, bzw. im Falle von Zulu Uniform führte der Matsch zur Katastrophe. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte das Team Thain/Rayment die Reise unterbrochen, wäre ihnen bekannt gewesen, wie viel Schneematsch und Wasser auf der Startbahn waren. Auf den Tragflächen der Maschine war zum Zeitpunkt des dritten Startversuches kein Eis, das wurde später festgestellt.

Der Flugkapitän und sein Co-Pilot

James Thain und Kenneth Rayment waren erfahrene Piloten, die mehr als 3000 Flugstunden zu Buche stehen hatten. Klar gibt es auch für erfahrene Mitarbeiter neue Situationen, jedoch gibt es Grenzen dessen, was möglich ist. In diesem Fall war es das fehlende Wissen über den Effekt von Schneematsch auf ein beschleunigendes Flugzeug, welches im Begriff ist, den point of no return zu erreichen, also den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und es nur noch nach oben gehen kann.

Liest man die Debatte, die Thain angestoßen hat, dann wird klar, wie neu und unbekannt der Flugverkehr in den 1950er Jahren noch war. Wie wenig bekannt war über Startbedingungen auf unterschiedlicher Höhe, bei Schneefall und anderen Umständen. Und wie einfach es sich die deutschen Techniker und Ingenieure gemacht hatten, als sie sich auf vereiste Flügel als Ursache festlegten.

Die Konsequenzen…

… waren verheerend. Es starben 23 Menschen wegen einer schlecht geräumten Startbahn. Es war der Club, der die Folgen am schärfsten spürte. Aus dem Nichts musste eine Mannschaft aufgebaut werden. Auch die Überlebenden wie Scanlon, Morgans, Blanchflower oder Berry mussten ersetzt werden. Nie wieder würden sie so gut werden wie vor München, bzw. ihre Karrieren waren beendet. Johnny Berry hatte aufgrund einer Gehirnverletzung seine Hand-Augen-Koordination verloren. Weniger als 12 Monate nach dem Unglück musste er sein von United zur Verfügung gestelltes Haus räumen. Er starb 1994 und seine Frau hat es United nie verziehen, wie sie die Familie behandelt haben. Ebenso Jackie Blanchflower, der jüngere Bruder von Tottenhams Dannie. Mit 25 Jahren war seine Karriere zu Ende. Er erlitt einen Beckenbruch und einen Nierenschaden. Auch er musste seine Unterkunft verlassen, obwohl seine Frau schwanger war. Seine Frau Jean riet ihm, eine Karriere als Gastredner zu starten, die einigermaßen erfolgreich verlief. Er ging nie wieder zu Old Trafford, nachdem ihm Tickets verweigert wurden. Er starb 1998. Kenny Morgan spielte bereits im April 1958 wieder für United, konnte aber seinen Startplatz nicht halten und ging 1961 zu Swansea City. Albert Scanlon wurde ursprünglich von den Rettungskräften am Unglücksort für tot gehalten, kehrte aber lebend schon nach einem Monat nach England zurück. Im November 1960 wurde er abgegeben; er hat es United nie verziehen und fühlte sich insbesondere vom Clubvorsitzenden Louis Edwards betrogen. Man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass United versuchte, die Kosten zu drücken und dazu zu den schlimmsten aller Mittel griff: man setzte die Spieler, insbesondere Berry und Blanchflower, einfach vor die Tür. Es gibt aber eine Komponente, die nicht außer Acht gelassen werden darf: wer würde für die Versicherungen aufkommen? Der Club? Welcher Club ist gegen den Verlust von 10 Spielern (rechnet man die 8 Verstorbenen und Berry und Blanchflower zusammen) versichert? Dennoch ist der Rausschmiss von Berry und Blanchflower ein trauriger Punkt. Fakt ist jedoch, dass diese Angelegenheit auch viel Ansehen wieder verspielte und für Verbitterung sorgte. Verbitterung und Enttäuschung, die nie aufgearbeitet wurde. Zu den acht verstorbenen Spielern kommen also noch einmal vier hinzu.

Einzig Bobby Charlton, Harry Gregg, Bill Foulkes und Dennis Viollet waren in der Lage, wieder Fußball zu spielen. Viollet wurde 1962 abgegeben, Gregg 1966. Foulkes und Charlton gewannen 1968, zehn Jahre später, den Europapokal. Neben den Spielern verlor United mit Walter Crickmer den Vereinssekretär und zudem zwei Trainer: Tom Curry und Bert Whallet.

Die unmittelbaren Folgen im Winter und Frühjahr 1958 stellten United vor eine sehr große Herausforderung, zweifelsohne. Der Schritt, die Spieler aus ihren Wohnungen zu werfen, war kein populärer und sicher nicht zwingend nötig, um den Club am Leben zu halten. Viel schwerer dürfte wohl das Verhalten in den Jahren und Jahrzehnten danach wiegen. Hier hat sich United wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Dies hat Jeff Connor, selber United-Fan, aufgeschrieben. Er hat mit vielen Angehörigen und Überlebenden gesprochen, unter anderem auch Albert Scanlon. Unmittelbar vor der Reise nach Belgrad hatte er sich in die Mannschaft gespielt. Sein Auftritt in Highbury gegen Arsenal am 1. Februar 1958 war legendär. Das Spiel endete 5-4 für United. Scanlon war nach einem Monat wieder in Manchester und spielte den Rest der Saison. Insgesamt folgten noch etwa 40 Spiele nach München. Im Gespräch mit Connor erzählte Scanlon, dass er das Gefühl hatte, Busby wollte sie aus dem Verein drängen, so als wolle er mit ihnen nichts mehr zu tun haben.

Busbys Obsession

Nach 1958 dauert es Jahre, ehe United wieder eine Trophäe gewinnen konnte. Erst 1963 wurde der FA Cup geholt, 1965 und 1967 konnten sie jeweils die Meisterschaft gewinnen. Es sollte die letzte sein für 25 Jahre. Kann man von einer Obsession sprechen? Davon, dass Matt Busby besessen war, diesen Europapokal zu gewinnen? Ganz klar ist, dass Busby als einer der ersten in England den zukünftigen Stellenwert des Europapokals erkannte und bestrebt war, diesen auch zu gewinnen. Das war sein Ziel, welches er mit seinen Babes von 1956 an verfolgte und welches im Schnee von München unterging. Es oblag jedoch Birmingham als erster englischer Mannschaft in einem europäischen Finale zu reüssieren. Im Messepokal unterlagen die Brummies 1960 der Auswahl aus Barcelona mit 4-1; nur ein Jahr später war der AS Rom zu stark für Birmingham. Eine Mannschaft aus London gewann den ersten europäischen Titel: 1963 holte Tottenham den Pokal der Pokalsieger gegen Atletico mit 5-1. Dass Wembley ein gutes Pflaster für englische Mannschaften ist, zeigte West Ham 1965 mit dem Sieg im selben Wettbewerb gegen den TSV 1860 München. Nur zwei Jahre später gelang einer britischen Mannschaft dann endlich ein Sieg im Europapokal der Landesmeister: Celtic gewann 2:1 gegen Inter. Den Hat-trick internationaler britischer/englischer Erfolge in Wembley komplettierte United dann 1968. Seit der Katastrophe von München waren zehn Jahre vergangen.

Busby baute ein neues Team auf und jene Mannschaft erfüllte den Traum vom Europapokal in Wembley. Benfica wurde nach Verlängerung mit 4-1 geschlagen. Busby hatte sein Ziel erreicht und auch sein Trauma besiegt. Was er dabei vergaß oder verdrängte, war, die Mannschaft zu verjüngen oder wenigstens die Jugend soweit aufzubauen, dass der Umbruch glatter ablief. Die darauffolgenden häufigen Trainerwechsel und der Abstieg in die zweite Liga nur sechs Jahre später legen Zeugnis ab von Busbys Versäumnis. Jedoch, wer will es ihm verübeln? Er hat die Katastrophe von München überlebt und um sein Leben gerungen. Er musste überzeugt werden, überhaupt weiterzumachen. Seine Frau und sein engstes Umfeld arbeiteten hart, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Wie auch Charlton plagten ihn Schuldgefühle, dass er diese jungen Menschen nicht lebend aus München heimbrachte. Wie Charlton und Taylor, fragte sich auch Busby, ‘Why Me?’ Warum ich? Dass Busby weitermachte, lag wohl auch daran, dass er noch eine Aufgabe hatte: er wollte den Mount Everest erklimmen, sprich den Europapokal gewinnen. Fortan sollte das sein Antrieb werden. Zehn Jahre später hatte er den Gipfel erreicht.

Schaut man sich die Startelf des Europapokalfinals von 1968 an, sieht man mit Charlton, Foulkes und Brennan drei Spieler, die schon in den 1950ern für United spielten. Brennan rutschte in die Mannschaft durch den Tod von David Pegg. Er stand mit Gregg und Foulkes am 19. Februar 1958 auf dem Platz um im Pokal gegen Sheffield Wednesday zu spielen und erzielte zwei Tore. Vier aus dieser Mannschaft wurden eingekauft: Sadler (Maidstone, 1963), Dunne (Shelbourne, 1960), Crerand (Celtic, 1963) und Stepney, der 1966 von Chelsea kam. Alle anderen, wie Stiles, Charlton, Foulkes, Aston, Kidd, oder Best waren als Trainees zu United gekommen und können somit als Eigengewächse bezeichnet werden. Die These, dass Busby den Gewinn des Europapokals über die Jugendarbeit stellte, ist fast nicht zu halten. Hinzu kommt, dass die Eigengewächse alle in der Region um Manchester aufgewachsen sind. Busby setzte also den Jugendkurs fort bis Mitte der 1960er Jahre. Erst 1967 kam mit Brian Kidd das letzte Eigengewächs aus der Jugend zur Mannschaft. Vielmehr war es Busby selbst, der den Club fest im Griff hatte, was auch kaum verwundert. Er war seit 1945 beim Verein und hatte drei große Teams geformt. Matt Busby war United und United war Busby. Es ist kaum verwunderlich, dass seine Nachfolger sich nur schwer oder gar nicht aus seinem Schatten bewegen konnten. Zu sehr lenkte Busby auch nach seinem Abgang 1969 noch die Geschicke des Clubs. Seine Nachfolger, Wilf McGuinness, Frank O’Farrell spürten den Einfluss direkt. McGuinness wollte die sogenannte Heilige Dreieinigkeit: Law, Best und Charlton langsam aber sicher ausmustern, doch Busby hielt schützend die Hände über diese drei. Im Gegenzug verwehrte Busby seine Zustimmung zu Transfers, die getätigt werden mussten. Anstatt also allein die mangelnde Jugendarbeit als Auslöser für Uniteds langsamen Abstieg nach 1968 zu betrachten, muss die Person Busby ebenso in Betracht genommen werden. Er war es, der die Transfers seiner Nachfolger bestimmte und somit bewies, dass er trotz seines Rückzuges aus dem Tagesgeschäft nicht loslassen konnte/wollte. Mit Busby ging auch Jimmy Murphy, seine rechte Hand, von Bord. Auch dieser Faktor wird schwer gewogen haben. Er entdeckte beispielsweise Duncan Edwards und formte ihn, wie er auch Charlton und Best formte. Zu guter Letzt darf nicht vergessen werden, dass so ein Triumph im Europapokal sehr oft das Ende einer Entwicklung darstellte und nicht den Beginn. Das stellte auch George Best fest, als er sagte, dass ein Gefühl der Erleichterung vorherrschte, als Bobby Charlton den Pokal entgegennahm. Potentielle Neuzugänge wie Alan Ball oder Mike England, die hervorragende Spieler waren, wurden nicht verpflichtet; Busby blieb seiner Mannschaft von 1968 treu. Es fügte sich eins zum anderen in diesem Puzzlespiel und sechs Jahre nach dem Erfolg von Wembley war es Denis Law, der mit einem Hackentor im Trikot von Manchester City Uniteds Abstieg in die zweite Liga besiegelte. Erst 20 Jahre später, Anfang der 1990er Jahre sollte Manchester United wieder eine Mannschaft haben, die das Zeug hatte, auch in Europa für Aufsehen zu sorgen.

München, Manchester und die Britisch-Deutschen Beziehungen

Neben der tragischen Komponente steht das Unglück auch für einen Neuanfang, wenn auch unter denkbar schlimmen Vorzeichen, der deutsch-britischen Beziehungen. Albert Einstein sagte einst, dass es leichter sei, ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil zu widerlegen. Dass es eines Unglücks diesen Ausmaßes bedurfte, um Matt Busby davon zu überzeugen, dass die Deutschen eben nicht mehr nur ‘Der Feind’ seien, ist bedauerlich, zeigt aber dennoch die Lernfähigkeit des großen Trainers. Während des Ersten Weltkrieges hatte er seinen Vater verloren; der 2. Weltkrieg beendete seine Karriere. Es war also nur allzu verständlich, dass Busby gegenüber den Deutschen eine Abneigung hegte. Während Bobby Charlton sich zu diesem Thema gar nicht geäußert hat, nahm sich Frank Taylor des Themas ausführlicher an. Dies liegt darin begründet, dass Taylor älter war und als RAF-Pilot Erinnerungen an den Krieg und somit auch andere Erfahrungen gemacht hatte. Und diese beginnen weit vor 1945. Sie beginnen in den 1920er Jahren, als Adolf Hitler eben von München aus, seinen Staatsstreich begann, der getreu dem italienischen Vorbild, in einem Marsch auf Berlin enden sollte. Dazu kam es nicht; er wurde verhaftet und hatte in der Festung Landsberg Zeit und Muße, seine Schrift “Mein Kampf” zu verfassen. In den 1930er Jahren war es die Konferenz von München 1938, auf welcher die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland beschlossen wurde. Diese Konferenz steht sinnbildlich für das Scheitern der britischen Appeasementpolitik. Es sind diese Gedanken, die Taylor im Krankenhaus durch den Kopf gegangen sind. Gleichzeitig erschien es ihm befremdlich, dass ihn eben solche Gedanken heimsuchten, hatte er doch den Ärzten und Schwestern des Rechts der Isar Krankenhauses seine Gesundheit zu verdanken.

Der behandelnde Chefarzt Professor Maurer und seine “Engel von München” wurden in Manchester empfangen und ganz Old Trafford stand, um ihnen zu danken. Mehr noch, als die deutsche Hymne gespielt wurde, war es sehr wahrscheinlich, dass viele der Anwesenden die erste Strophe sangen. „Die Zeit heilt alle Wunden“, geht ein Sprichwort. Inwieweit der Inhalt der Wahrheit entspricht, kann im Fall von München 1958 nicht mehr festgestellt werden. Dankbarkeit gegenüber Maurer und seiner Mannschaft war allerorten, besonders in Old Trafford.

Dennoch gab es ein Kapitel, welches die Beziehungen zu belasten drohte. Die Schuldfrage. Eine Katastrophe diesen Ausmaßes bedarf der Aufklärung und im April 1958 nahm eine Kommission ihre Arbeit auf, um die Ursachen zu finden und um der Luftfahrt durch Wissenszuwachs zu helfen. Stephen Morrin, selbst ein Flugingenieur hat sich die Arbeit und Akten der Kommission angeschaut und kam zu dem Schluss, dass die Deutschen sehr schnell einen Hauptschuldigen gefunden hatten: Captain James Thain. Laut Akten war es seine Aufgabe gewesen, die Flügel zu enteisen. Thain hielt dagegen, dass dies nicht notwendig war, da er sich selber davon überzeugt hatte, dass der Schnee auf der Tragfläche kein Problem darstellte. Vielmehr wies er auf den Schneematsch hin, der sich nach etwa zwei Dritteln der Startbahn gesammelt hat. Selbst als feststand, dass es eben nicht die vereisten Flügel waren, sondern der Schneematsch und damit auch feststand, dass die Deutschen nachlässig gearbeitet hatten, kam von britischer Seite kein Protest. Ein Jahrzehnt kämpfte Thain um seinen Namen reinzuwaschen und erst 1968 wurde die Unfallursache Schneematsch anerkannt. Thain war unschuldig aber seinen Job los. Das Verhalten der britischen Seite hatte Gründe. Böse Zungen mögen eine erneute Appeasementpolitik darin erkennen. Der Grund war aber ein einfacher. Überspitzt gesagt: das UK kuschte, um die deutsche Zustimmung zu ihrem Beitritt zur EEG zu bekommen. Als diese ausblieb, war die britische Seite enttäuscht. Die Ablehnung Frankreichs, bzw. de Gaulles zum britischen Beitritt galt als sicher. Aus Deutschland dagegen wurde Unterstützung erwartet. Die britische Seite agierte mit äußerster Zurückhaltung und hielt es sogar für unangemessen, ihren deutschen Kollegen zu erklären, dass sie eben nicht an die Theorie der vereisten Flügel glaubten. Dies geschah einzig und allein aus Rücksicht und Angst vor einem diplomatischen Affront. Selbst während der WM 1966 kam dieses Thema nicht zur Sprache und auch während der EURO 1996 tauchte München 1958 nicht in den Tageszeitungen auf. Letzteres ist durchaus überraschend, wurde doch von der Regenbogenpresse jedes noch so kleine Detail zum Anlass genommen, die Deutschen in ein negatives Licht zu rücken.

Die Reporter
Neben den Spielern von Manchester United hat die englische Presselandschaft in München einen schweren Verlust erlitten. Gleich acht populäre Reporter und Schreiber starben im Flugzeug. Hier sollen kurz ihre Namen und Zeitungen erwähnt werden.

Frank Swift
‘Big Swiftie’ kam 1932 zu Manchester City und wurde schnell zum Stammtorhüter. Insgesamt spielte er 376-Mal für City zwischen 1933 und 1949. Er selber sagte, dass der Krieg ihm die besten Jahre raubte. Sein Spiel war für die damalige Zeit modern: er bevorzugte lange Abwürfe in den Lauf eines Feldspielers statt eines wahllos nach vorn geschlagenen Balles. Er wurde als freundlicher Mann mit großen Händen beschrieben. Frank Swift war nach seiner Karriere als Torhüter Journalist bei News of the World. Als Torwart wurde er von Bert Trautmann bei Manchester City im Tor ersetzt. Er war eng befreundet mit Matt Busby.

Eric Thompson
Für den Sprachwitz und Esprit gab es keinen besseren als ihn, so Taylor. Für Kollegen war er der J.B. Priestley der Journalisten von Manchester. Er schrieb seit 1931 für die Daily Mail und war ebenso Experte für Cricket und Leichtathletik.

Henry Rose
Als der vergessene Mann hat ihn David Dee beschrieben. Dabei war Rose einer der bekanntesten und populärsten Reporter seiner Zeit, berühmt und beliebt für seine frechen Artikel und seine blumige Sprache. Er hat 32 Jahre für den Daily Express geschrieben und war mindestens genauso populär wie einige der Athleten, über die er berichtete. Frank Taylor beschrieb ihn als verwegen und kess. Rose über sich selbst:

“Mich interessieren keine schlauen Worte oder ein perfekter Prosastil. Ich will wissen, was der einfache Mann am Tresen vom Daily Express und Henry Rose denkt. Dafür schreibe ich …”

Don Davies
Der Namenspatron von An Old International war Reporter, der wie kein zweiter ein Fussballspiel beschreiben konnte. Für viele, die seine Berichte lasen, war er der Neville Cardus des Fußballs. Der genannte Cardus war einer der bekanntesten und populärsten Cricketreporter der Nachkriegszeit und sagte über seinen Kollegen, dass er über allen stand. Taylor sah in ihm einen Kenner, der ein Spiel und die Technik beschreiben konnte.

Archie Ledbrooke
Auch er hatte eine feinere Feder, schrieb Taylor. Sein Buch ‘Soccer from the Press Box’ ist eines der frühesten Werke in dem sich ein Journalist mit dem Inhalt seines Berufes auseinandersetzte. Neben Fußball war er auch ein sehr guter Cricketreporter. Er liebte es Bridge zu spielen.

George Follows
Seine Aphorismen und geflügelten Worte waren legendär. Keiner konnte es besser als er. Auf ihn geht der Begriff der ‘Red Devils’ zurück. Er hatte zwei Wünsche: dass United den Europapokal holen würden und dass sein Sohn Richard eines Tages das Trikot der Roten Teufel trüge.

Tom Jackson
Er wusste viel über das Innenleben von United Bescheid und schrieb darüber für die Manchester Evening News. Wie sein Kollege vom Evening Chronicle, begleitete Jackson die Entwicklung von United in der Nachkriegszeit.

Alf Clarke
Auch er war gesegnet mit Insiderwissen aus Old Trafford. Er war United, schreiben Cavanagh und Abbott. Er war Anteilseigner und Vize-Präsident des Manchester United Supporters’ Club. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jackson zeichnete er verantwortlich für den Begriff ‘Busby Babes’.

Wofür steht München 1958?

Jeder Club hat seine Mythen, seine Geschichte, seine Tradition. Jeder Club hat einen Punkt, der über allem steht als Definition, als das Mark des Clubs. Der 1. FC Magdeburg hat Rotterdam 1974, England hat Wembley 1966 und Manchester United hat München 1958. All diese Orte sind Erinnerungsorte, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Erinnerungsorte sind Plätze und Orte, die sowohl geographisch als auch metaphorisch als das Gedächtnis einer Nation bzw. einer sozialen Gruppe dienen können. Es gibt keine Nation ohne Gedenkfeiern und Denkmäler, keine soziale Gruppe ohne gemeinsame Erinnerungen und damit ohne gemeinsame Identität. Diese Konstrukte gehen auf den französischen Soziologen Maurice Halbwachs zurück. Er postulierte, dass Erinnerung sozial konstruiert ist, durch Familie, Freunde, Kollegen und andere soziale Interaktionen. Er unterscheidet zwischen Erinnerung und Geschichte. Erinnerung ist personen- oder gruppenspezifisch. Das Anliegen der Geschichte dagegen ist es, ein Bild zu erstellen, welches alle Einflüsse berücksichtigt und sich hauptsächlich mit Kontroversen und Brüchen beschäftigt. Erinnerung ist immer verzehrt und unterliegt stärkeren Schwankungen als beispielsweise Geschichte.

Es war Pierre Nora, der die Theorien seines Landsmannes Halbwachs umsetzte in seinem Werk ‘lieux de memoire’, Orte der Erinnerung. Für Nationen wie Frankreich beispielsweise wären der Eiffelturm oder die Tour de France solche Erinnerungsorte. Für Deutschland die Berliner Mauer und das Brandenburger Tor. Das Unglück von München im Februar 1958 ist solch ein Erinnerungsort. Über die inzwischen verstrichenen sechzig Jahre wurde das Unglück verschiedentlich interpretiert. Einerseits steht es für den Pioniergeist von Matt Busby und United in den 1950er Jahren an diesem neuen Wettbewerb, dem Europapokal entgegen der Direktive der Football League, teilzunehmen. Andererseits steht München auch für den Beginn der Marke Manchester United, wenn auch viele dies bestreiten wollen und stattdessen das Europapokalfinale von 1968 als den Beginn der weiteren Popularität Uniteds außerhalb Großbritanniens sehen. Doch ohne das Unglück von München 1958 hätte es den Erfolg von Wembley im Mai 1968 nicht gegeben. Die Mannschaft von 1958, so der allgemeine Tenor, war der designierte Nachfolger von Real Madrid auf dem europäischen Parkett. Doch dieses Versprechen blieb unerfüllt und kann somit weder bestätigt noch belegt werden. United wurde zurückgeworfen und musste neu beginnen.

Für jeden Mancunian war das Unglück ein Kennedy-Moment: jeder wusste, wo er/sie war, was er/sie tat zu dem Zeitpunkt als sie die Nachricht erreichte, dass es ein Unglück gegeben und Tote gegeben hat. Die Stadt stand unter Schock und es fiel schwer zu hören, zu verstehen geschweige denn zu akzeptieren, was geschehen war. Wohl auch hierin liegt der Ursprung für die Popularität von United in den folgenden Jahren. Es war ein Unglück, welches sehr schnell nationales und International Aufsehen erregte. Ganz anders als die Tragödie von Superga vom Mai 1949 als die gesamte Mannschaft von Torino FC starb. Superga war und ist eine lokale Tragödie geblieben, Uniteds Unglück in München hatte von vornherein eine internationale Komponente, egal ob gewollt oder nicht.

Über die Jahrzehnte hat sich die Form der Erinnerungskultur verändert. Es gibt einen Moment des Innehaltens, Gedenkens gefolgt von Applaus. Mit Bobby Charlton und Harry Gregg leben nur noch zwei derjenigen, die an Bord der Maschine waren, die auf einem Acker zerschellte. Vor zehn Jahren waren die Zeitungen in England über Tage voll mit Artikeln über München, was die Bedeutung noch einmal hervorhebt. Zufällig gab es an diesem Tag ein Manchester Derby und beide Mannschaften liefen in Retro-Trikots auf, was viele Fans beider Vereine als weiteren Versuch des Geldverdienens gesehen haben. Unter der nach Sir Bobby Charlton benannten Tribüne läuft der ‘Munich Tunnel’, das Museum des Clubs hat eine Sektion zu München eingerichtet, die sich besonders abhebt vom Rest der Einrichtung. War München bis in die 1990er Jahre hinein ein eher unterbelichteter Abschnitt der Vereinshistorie, ist das Unglück seither sehr viel mehr in den Mittelpunkt gerückt. Was auch verständlich ist. Die Zeitzeugen sterben aus und es ist wichtig für nachwachsende Generationen festzuhalten, dass Fußball nicht erst 1992 mit der Einführung der Premier League begann, sondern viel älter ist.

Es ist seither Tradition, dass am 6. Februar ein Gedenkgottesdienst stattfindet und unterhalb der Munich Clock werden Blumen und Fanutensilien niedergelegt; einige Unitedfans reisen gar nach München, um der Mannschaft zu gedenken. Heute ziert dort ein Stein die Stelle des Unglücks.

Die Erinnerung hat sich nahezu ausschließlich auf die Verstorbenen konzentriert, die zweifelsohne eine große Lücke hinterlassen haben. Dabei wurden die Überlebenden aus dem Bild gedrängt und erst spät kam es zu einer Annäherung beider Seiten. Die Mannschaft von 1958 hinterließ ein unerfülltes Versprechen; erst 1968 wurde es eingelöst. Neues wird es über München 1958 nicht mehr zu berichten geben, die öffentliche Anteilnahme auch 60 Jahre danach lässt jedoch darauf schließen, dass dieses Unglück noch immer in Manchester und unter United Fans nachhallt.

Literatur

Fußnoten

[1]Richard Skinner: The Busby Babes (Chatham: Urbane Publications, 2016), S. 106. Wops ist ein Schimpfwort für Italiener oder Südeuropäer im Allgemeinen, während Dagoes sich auf Einwohner Spaniens bezieht.
[2]Sir Bobby Charlton: My Manchester United Years (London: Headline Publishing, 2014), S. 226.
[3]Bill Foulkes with Ivan Ponting: United in Triumph and Tragedy. The story of a Manchester United legend (Know the Score! Books, 2008), S. 67.
[4]Der Begriff Busby Babes geht auf Tom Jackson zurück, der im November 1951 seinen Spielbericht United vs. Liverpool mit ‘Busby’s Babes Confident’ überschrieb. Jackson starb ebenso in München. Siehe dazu: Roy Cavanagh, Carl Abbott: The Day Two Teams Died. A tribute to the journalists who died at Munich (Eigenverlag: 2018), S. 15.

Bibliografie

Frank Taylor: The Day a Team Died (London: Souvenir Press, 1983)
Gary James: Manchester. A Football History (Halifax: James Ward, 2008)
John Ludden: The Promise (CreateSpace Independent Publishing Platform, 2014)
Ders.: Jimmy Murphy: Once Upon a Time in Munich (CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016)
James Leighton: Duncan Edwards: The Greatest (London: Simon & Schuster, 2012)
Jeff Connor: The Lost Babes: Manchester United and the Forgotten Victims of Munich (London: HarperCollins Publishers Ltd., 2007)
Dietrich Schulze-Marmeling: United. Vom Arbeiterverein zum Fußball-Unternehmen (Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2014)
Stephen R. Morrin The Munich Air Disaster (Dublin: Gill & Macmillan, 2014)
Gavin Mellor: ‘The Flowers of Manchester’: The Munich Disaster and the Discoursive Creation of Manchester United Football Club Soccer and Society, vol. 5, No. 2 Summer 2004, S. 265-284, DOI: 10.1080/1466097042000235254
Ders. The Genesis of Manchester United as a National and International ‘Super-Club’, 1958-68 Soccer and Society, Vol. 1, No. 2 Summer 2000, S. 151-166, DOI: 10.1080/14660970008721269
Dave Dee: “Personality and Color into Everything He Does”: Henry Rose (1899-1958) – Journalist, Celebrity, and the Forgotten Man of the Munich Disaster Journal of Sport History, Vol. 41, No. 3, Fall 2014, S. 425-445, https://muse.jhu.edu/article/566618


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