Gegen den Willen des Sultans – Fankultur in der Türkei

Im Zuge des Machtgewinns für Präsident Erdoğan sind gesellschaftliche Freiräume in der Türkei geschrumpft. Wie unter einem Brennglas wird das seit Jahren im Fußball deutlich. Politiker und Unternehmer nutzen den Sport für ihre Zwecke. Kritische Fußballfans halten sich mit politischen Botschaften zurück oder meiden die Stadien. Teil 6 der Themenreihe: „Fußball und Menschenrechte“.

Autor: Ronny Blaschke, ronnyblaschke.de

Hunderte Fußballfans in schwarz-weißen Trikots drängen sich durch die engen Gassen von Beşiktaş, fünf Gehminuten vom Bosporus entfernt. Sie klatschen, singen, stoßen mit Raki auf ihren Verein an. Junge Männer stellen sich neben die Adler-Statue im Herzen des Viertels und entzünden bengalische Fackeln. Der donnernde Jubel hallt hinüber bis zum kleinen Markt, wo die sozialdemokratische CHP ihre Fahnen ausgebreitet hat. Es gibt nicht viele Stadtteile in Istanbul, wo die größte Oppositionspartei so selbstbewusst auftreten kann. In Beşiktaş schneidet die konservative AKP-Regierung mit ihrem Präsidenten Erdoğan traditionell schlecht ab.

Etliche Anhänger*innen von Beşiktaş bekennen sich stolz zu Çarşi, der vielleicht bekanntesten Fangruppe der Türkei. Sie engagieren sich für Umweltprojekte und Tierschutz, sammeln regelmäßig Spenden. Auf den Kneipenbänken ihres Viertels sprechen sie leidenschaftlich über Politik, über Erdoğan, Repression, über die zunehmende Religiosität im Alltag. Es sind Themen, die sie vor einigen Jahren noch ins Stadion getragen hätten, mit wütenden Gesängen und Protestbannern. „Doch diese Zeit ist erstmal vorbei“, sagt Bariş, ein Mitglied von Çarşi. Er trägt Vollbart und schwarze Klamotten:

„Niemand möchte für Fußball ins Gefängnis gehen.“

Bariş, Mitglied der Fangruppe Çarşi, Quelle: Ronny Blaschke

Von der Adler-Statue ziehen die Fans vor Heimspielen Richtung Taksim-Platz, vorbei am eindrucksvollen Dolmabahçe-Palast, hin zum Stadion von Beşiktaş. Wer Spiele in der Türkei besuchen möchte, muss seit 2014 in einem elektronischen Ticketsystem registrieren und persönliche Daten hinterlegen. Die einzige Betreiberfirma ist eine Bank mit Verbindungen zur AKP. Innerhalb der Stadien wurden noch mehr Überwachungskameras installiert, politische Botschaften sind untersagt. „Viele von uns wollen das nicht mehr mitmachen“, sagt Bariş mit seiner rauchigen Stimme. „Es ist traurig, dass wir selbst im Fußball vom Staat bedrängt werden.“ Einige seiner Freunde schauen sich Spiele nur noch in der Kneipe an.

Rivalisierende Gruppen schlossen sich gegen Regierung zusammen

Am 27. September wird die Fußball-Europameisterschaft 2024 nach Deutschland oder an die Türkei vergeben. Der europäische Verband Uefa hat im Bewerbungsverfahren erstmals auch Menschenrechtsfragen in den Fokus gerückt. Und da schneidet die Türkei wesentlich schlechter ab. Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, Demonstrationsrechte: Im Zuge des Machtgewinns für Recep Tayyip Erdoğan sind Freiräume enger geworden. Wie unter einem Brennglas wird das im Fußball seit Jahren deutlich. Politiker, Unternehmer und Aktivisten*innen nutzen den Sport für ihre Zwecke. Wie wird Erdoğan am Freitag bei seinem Staatsbesuch in Berlin reagieren, sollte der Türkei das erste große Turnier auch im vierten Anlauf verwehrt bleiben?

Es begann im Mai 2013 mit Kundgebungen gegen ein Bauvorhaben im Gezi-Park, im Herzen von Istanbul. Die Polizei reagierte mit Gewalt, doch die Demonstranten wollten sich nicht einschüchtern lassen. Die Bewegung wuchs, ging auf andere Städte über. Auf dem Taksim-Platz stellten sich unterschiedliche Gruppen gegen die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan. Auch hunderte Fans der sonst verfeindeten Vereine Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray. Sie waren in ihrem Fußballalltag oft auf aggressive Sicherheitskräfte gestoßen. Mit Hilfe ihrer Erfahrungen schützten sie nun auch die demonstrierenden Jugendlichen und Senioren vor Tränengas und Wasserwerfern.

Erdoğan beschimpfte die Fans als Plünderer. Wenige Stunden später schlossen sie sich zusammen, klatschten im Rhythmus, stampften mit den Füßen und sangen: „Die Plünderer kommen“. Doch an einigen Tagen war die Stimmung ganz und gar nicht aggressiv, erzählt Emre, ein weiteres Mitglied von Çarşi: „Lange war es friedlich, ja sogar humorvoll. Es gab Vorträge, Konzerte, Diskussionen. Aber unsere Erwartungen waren wohl zu hoch, und die Probleme zu komplex. Einige Gruppen protestierten für die Kurden, andere für die Flüchtlinge aus Syrien. Die Demonstranten gingen bald ihren eigenen Weg und verstreuten sich.“

Der Zuschauerschnitt in der Süper Lig ist um ein Drittel gesunken

Mehr als drei Millionen Menschen nahmen 2013 an 5.000 Protestaktionen teil. Auch danach regte sich Protest, besonders in den Stadien. Ein beliebter Gesang: „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“. Fans in Istanbul zeigten regierungskritische Transparente und besangen Mustafa Kemal, genannt Atatürk, den Gründer der modernen Republik nach dem ersten Weltkrieg. In Beşiktaş ist Atatürk überall sichtbar. Fotos auf Hauswänden, Zitate auf Mauern, ein riesiges Banner im Stadion: „Der größte Beşiktaşli“. Fans übertönten die Nationalhymne vor Spielen oft mit Atatürk-Gesängen.

Doch die Netzwerke der AKP erholten sich von den Gezi-Protesten – und wollten ein Wiederaufflammen verhindern. Fans von Beşiktaş stürmten bei einem Derby den Rasen. Das Spiel wurde abgebrochen, der Verein bestraft. Später wurde bekannt, dass die Täter Verbindungen zur Regierung hatten. Sie nannten sich „1453 Adler“, nach dem Wappentier von Beşiktaş und dem Jahr, in dem das christliche Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde. „Diese Leute wollten die Gezi-Demonstranten gegeneinander ausspielen und unseren Ruf kaputt machen“, sagt Bariş von Çarşi. Auch andere Fanszenen berichteten von Unruhestiftern mit Kontakten zur AKP.

„Lange gehörten Stadien zu den Orten, die man schwer kontrollieren kann“, sagt der britische Journalist Patrick Keddie, der gerade ein Buch über den türkischen Fußball veröffentlicht hat. „Der Staat schaut mit Sorgen auf die Vernetzungskräfte der Fans.“ Die Regierung ging mit dem elektronischen Ticketsystem in die Offensive, offiziell als Prävention gegen Fangewalt. Hunderte Fans wurden vorübergehend festgenommen. 35 Anhänger von Beşiktaş standen 2015 vor Gericht. Der Vorwurf: Terrorismus und Pläne für einen Staatsstreich. „Wir können nicht mal unseren unbeliebten Klubchef stürzen“, scherzte ein Beschuldigter bei der Anhörung. „Wie sollen wir dann die Regierung zu Fall bringen?“ Die Vorwürfe wurden fallengelassen, doch viele Fans wurden in ihrem Alltag eingeschüchtert, auf der Straße oder am Arbeitsplatz. Sie sind seither vorsichtig oder bleiben den Stadien ganz fern. 2013/14 lag der Zuschauerschnitt in der Süper Lig bei etwa 12.000. Inzwischen ist er um ein Drittel gesunken.

Neue Stadien stärken das konservative Netzwerk der AKP-Regierung

Doch verschwunden ist die Politik aus den Stadien nicht. Im Juli 2014 wurde das Stadion von Başakşehir eingeweiht, in einem konservativ geprägten Vorort von Istanbul. Der damalige Ministerpräsident Erdoğan führte eine Auswahl von Politikern aufs Feld, im Eröffnungsspiel schoss er drei Tore. Seine Rückennummer 12 wird im Verein nicht mehr vergeben. Erdoğan hatte sich schon als Oberbürgermeister von Istanbul in den Neunziger Jahren für die Stadtentwicklung Başakşehirs eingesetzt. Der Klub ist in wenigen Jahren ins Spitzenfeld der Süper Lig vorgestoßen. Er ist gut vernetzt mit Sportministerium, Fußballverband, Sportmedien. Başakşehir möchte eines der modernsten Trainingszentren etablieren. Der Bau des Stadions dauerte nur 16 Monate.

Reporter Patrick Keddie, Quelle: Ronny Blaschke

„Die AKP-Regierung will ihre eigene konservative Mittelschicht aufbauen. Ein Mittel dafür ist die Bauindustrie“, sagt der Reporter Pattrick Keddie. Die Wirtschaftselite der Türkei hatte sich über Jahrzehnte an den säkularen Werten des Staatsgründers Atatürk orientiert. Erdoğan und seine Gefolgsleute haben dann mehr Bauaufträge an islamisch-konservative Firmen aus Anatolien übertragen. Für Flughäfen, Straßen, Moscheen – und Stadien. „So kann die Politik ihre Ideologie auf einfache Art verbreiten“, sagt Keddie.

Bis zum Währungsverfall in diesem Sommer hatte die Türkei ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum. Seit Beginn des Jahrtausends wurde der Bau von dreißig Stadien in 27 Städten auf den Weg gebracht. Selbstbewusst verkündete die Regierung ihre Beteiligung an den Kosten mit einer Milliarde Euro. Die Stadien sind oft in Besitz der Regionalverwaltungen. Gerade in mittelgroßen Städten haben sie einen besonderen Wert weit über den Sport hinaus, sagt der türkische Sportjournalist Volkan Ağır. „Viele alte Stadien lagen in den Stadtzentren. Sie wurden abgerissen, und auf den wertvollen Grundstücken entstehen dann Einkaufszentren und Wohngebäude. Vor allem die Netzwerke der AKP profitieren langfristig. Die neuen Stadien werden in konservativen Außenbezirken errichtet, die dadurch ebenfalls aufgewertet sind.“ Neben den Stadien entstehen häufig Wohnkomplexe und Kulturzentren, der touristische Wert steigt.

Imam las Koran-Verse bei Stadioneröffnung

Zwölf alte Stadien waren nach Atatürk oder seinen Weggefährten benannt. Sie hatten in der Türkei nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches Staat und Religion voneinander getrennt. Bei den Neubauten ist davon kaum etwas zu spüren. In Istanbul war das alte Stadion von Beşiktaş nach İsmet İnönü benannt, einem Freund Atatürks – das neue trägt den Namen eines Mobilfunkunternehmens. Erdoğan bestimmte sogar, dass Stadien nicht mehr als Arenen bezeichnet werden dürfen. Das klang ihm zu amerikanisch.

Er hofft, dass ein Zuschlag für die EM 2024 neue Investoren ins Land holt. In der Wirtschaftskrise könnten die Betriebskosten der Stadien zur Bürde werden. „Die Verschuldung vieler Firmen ist enorm“, sagt Felix Schmidt, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Istanbul. „Die Folgen könnten eine Pleitewelle und eine höhere Arbeitslosigkeit sein.“

Journalist Volkan Ağır, Quelle: Ronny Blaschke

Doch auch ohne EM werden die Arenen gebraucht. Im Dezember 2016 wurde das neue Stadion von Trabzon eingeweiht, im Nordosten der Türkei am Schwarzen Meer. Ein Imam las vor 40.000 Zuschauern Verse aus dem Koran und gedachte der Opfer von Terroranschlägen. Er forderte Solidarität mit türkischen Soldaten in Kriegseinsätzen, vor allem in Syrien. Immer wieder zeigten die Fernsehkameras Erdoğan auf der Ehrentribüne. „Solche Gebete gehören zum Alltag, doch in einem Fußballstadion war es das erste Mal“, sagt der Journalist Volkan Ağır.

„Religion und Politik wurden vor einem großen Publikum zusammengeführt.“

Es war eine neue Dimension in der türkischen Fußballgeschichte, die nie frei von politischen Einflüssen war. Britische Kaufleute und Seefahrer hatten das Spiel in den 1870er Jahren ins Osmanische Reich importiert, in Hafenstädte wie Istanbul, Izmir oder Thessaloniki. Minderheiten des Riesenreiches wie Griechen, Armenier oder Italiener verfielen dem Fußball schnell, doch für Muslime war er zunächst verboten. Der autokratische Sultan Abdülhamid II. glaubte, das Spiel würde moralische Werte untergraben. Und er hatte Sorge, dass sich kräftige Männer in einer Mannschaftssport gegen die Herrscher verschwören könnten.

Vereine greifen Symbole der osmanischen Kultur auf

Spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts war die Leidenschaft für Fußball nicht mehr aufzuhalten. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg wurden Spiele als nationale Bewährungsproben überhöht. Etliche Vereine stützten die Unabhängigkeitsbewegung von Mustafa Kemal und schmuggelten Waffen beim Befreiungskrieg. Eine Professionalisierung mit Ligenbetrieb setzte in den 1950er Jahren ein. Seit den 1980er Jahren nutzen Politiker und Unternehmer die Reichweite des Fußballs. Regionalverwaltungen legten sich Klubs zu, Bürgermeister übernahmen Posten in den Vorständen. Korruption und Spielmanipulationen führten immer wieder zu hitzigen Debatten. Es war eine Zeit, in der auch Gewalt zwischen Fans zum Alltag wurde, in seltenen Fällen mit tödlichen Folgen.

Recep Tayyip Erdoğan fühlte sich, wie schätzungsweise drei Viertel aller Türken, früh dem Fußball verbunden. Er hat in seiner Jugend auf beachtlichem Niveau gespielt, sogar eine Profilaufbahn erschien möglich. Sein Spitzname: „Imam Beckenbauer“. Als Politiker lässt er sich in Stadien oder Spielerkabinen blicken. Vor allem in islamisch-konservativen Städten wie Trabzon, Konya oder Bursa. Das Stadion aus seinem Istanbuler Heimatviertel Kasimpaşa trägt seinen Namen. Auf den Ehrentribünen treffen sich Vertreter der Regionalverwaltungen und der Moscheen. Und manchmal werden sie Verhandlungsorte: Erdoğan lud mehrere Staatschefs zu Länderspielen ein, etwa den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad oder den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.

Einige Klubs folgen dem kulturellen Kurs ihres Staatschefs. Sie greifen in Wappen oder Hymnen Symbole der osmanischen Kultur auf. Allen voran Osmanlispor in Ankara. Das wiederum nutzen gegnerische Fans für Provokationen gegen Osmanlispor. Sie besingen die Schlacht bei Ankara 1402: Das Osmanische Reich erlitt eine der schwersten Niederlagen, der Sultan wurde gefangen genommen, einmalig in der Geschichte. „Die säkulare Türkei nimmt ab und die religiöse Türkei nimmt zu“, fasst Felix Schmidt von der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen. „In den Schulen wird der Islam-Unterricht in den Vordergrund gerückt. Es werden auch immer mehr Religionsschulen gegründet. Und das wird eine Generation hervorbringen, die sehr viel stärker der Religion nahe steht.“

2011 wurde in einem Istanbuler Vorort die neue Arena von Galatasaray eröffnet. Erdoğan wurde ausgepfiffen, zornig verließ er noch vor dem Anpfiff das Stadion. Seitdem lässt er sich bei Partien der großen Istanbuler Klubs nicht mehr blicken. Und auch das türkische Nationalteam bestreitet Heimspiele kaum noch in Istanbul, sondern eher in konservativen Hochburgen wie Konya, so auch im Oktober 2015 gegen Island. Vor dem Anpfiff war eine Schweigeminute für Opfer eines islamistischen Selbstmordattentäters geplant. Hunderte Zuschauer störten die Stille mit Pfiffen, dankten den „Märtyrern“, priesen Allah als den „einzigen Gott“.

Der Rekordtorschütze wird zum Staatsfeind erklärt

Das gesellschaftliche Klima hat sich verschärft, insbesondere seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 und dem folgenden Ausnahmezustand. Auch im Fußball scheint Erdoğan oft nur noch zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden. Zu den Freunden gehört Yildirim Demirören, seit 2012 Präsident des türkischen Fußballverbandes. Der Unternehmer, dessen Mischkonzern auch auflagenstarke Zeitungen verwaltet, sprach sich im Verfassungsreferendum 2017 für Erdoğan aus. Aktuelle und ehemalige Nationalspieler wie Arda Turan, Burak Yilmaz und Ridvan Dilmen stimmten ein.

Zu den Gegnern zählt Hakan Şükür, Galatasaray-Ikone und Rekordtorschützenkönig des türkischen Nationalteams. Şükür, der 2011 für die AKP ins Parlament eingezogen war, trat 2013 aus der Partei aus. Er gilt als Anhänger der oppositionellen Gülen-Bewegung, die in der Türkei als Terrororganisation betrachtet wird. 2016 wurde Şükür wegen angeblicher Präsidentenbeleidigung angeklagt und zur Fahndung ausgeschrieben. Seit 2015 hält er sich in den USA auf. Auf Druck des Sportministeriums wurde ihm 2017 die Mitgliedschaft bei Galatasaray entzogen. Ebenfalls längst in Ungnade gefallen: Deniz Naki, deutsch-türkischer Spieler kurdischer Abstammung. Immer wieder hatte sich der ehemalige Spieler des FC St. Pauli für das Selbstbestimmungsrecht der Kurden in der Türkei stark gemacht. Dafür wurde er beschimpft, attackiert und angeklagt.

Sener, Mitglied der Fangruppe Vamos Bien, Quelle: Ronny Blaschke

Diese Feindseligkeiten führen dazu, dass immer weniger liberale Menschen in die Stadien gehen. Deutlich wird das bei einem Besuch in Kadiköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls. Zwischen Flohmärkten, Buchläden und Musikshops zeigen die rustikalen Kneipen vor allem die Spiele von Fenerbahçe. „Wir halten uns mit politischen Botschaften zurück, auch in sozialen Medien, die Leute haben Angst vor der Regierung“, sagt Sener von Vamos Bien. Die linke Fangruppe von Fenerbahçe boykottiert seit Einführung des elektronischen Ticketsystems die türkischen Stadien. Stattdessen fahren sie zu Europapokalpartien ins Ausland oder besuchen Basketballspiele.

Vor vier Jahren hatten Vamos Bien noch hundert aktive Mitglieder, nun sind es dreißig. Früher haben Gruppen wie Vamos Bien Solidaritätsbotschaften für verhaftete Wissenschaftler und Journalisten veröffentlicht, doch das ist ihnen nun zu heikel. „Lange hat sich alles um Fenerbahçe gedreht“, sagt Sener. „Wir vermissen diese Zeit sehr.“ Er wird sein Studium in Bremen fortsetzen, andere Freunde wollen die Türkei ebenfalls verlassen.

Für die EM 2024 hätte die Türkei zehn Stadien vorgesehen. In konservativen Städten wie Konya oder Trabzon, nicht aber im westlich geprägten Izmir. In Istanbul sind zwei Arenen vorgesehen. Die Heimstätten der kritischen Fanszenen von Beşiktaş und Fenerbahçe gehören nicht dazu.


Autor und Themenreihe

Ronny Blaschke beschäftigt sich als Journalist mit den gesellschaftlichen Hintergründen des Sports, u. a. für die Süddeutsche Zeitung, den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle. Mit seinen Büchern stieß er wichtige Debatten an, zuletzt mit „Gesellschaftsspielchen“ zur sozialen Verantwortung des Fußballs. Blaschke stellt die Recherchen für diese Themenreihe in einer Vortragsreihe zur Diskussion.

Die kommenden Termine sind hier zu finden.


Die ganze Themenreihe auf einen Blick

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Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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