Fußball beim HFC Falke: Alle Macht den Mitgliedern

Im Juni 2014 wurde von enttäuschten Anhänger*innen des Hamburger SV ein neuer Verein gegründet: der HFC Falke. Die Namenswahl nimmt dabei bewusst Bezug auf zwei der drei Gründungsvereine des Hamburger SV: Hamburger FC von 1888 und FC Falke 1906.

Von Saskia Neumann

HFC Falke, da klingelt doch etwas?

Zumindest den Namen sollte man schon mal gehört haben, wenn man sich in den letzten Jahren mit Fankultur in Deutschland auseinandergesetzt hat. Der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat und in der Konsequenz zur Falke-Gründung führte, war im Sommer 2014 beim Hamburger SV e.V. die Umwandlung der Profifußball-Abteilung des mitgliedergeführten Vereins in eine Aktiengesellschaft. Es sind üblicherweise solch dramatische Veränderungen, die quer durch Europa neue fangeführte Vereine entstehen lassen, sei es den belgischen YB SK Beveren oder mit dem FC United of Manchester in England den wohl bekanntesten Vertreter. Wenn es im Sport nur noch um enthemmte Gewinnmaximierung geht und die Gier keine Grenzen mehr kennt, wenn die Unersättlichkeit Dimensionen erreicht, die für den Einzelnen nicht mehr nachvollziehbar sind, dann ist es nicht verwunderlich, wenn sich treue Fans abwenden. Denn was dabei verloren geht, ist jene Mitbestimmung, durch die sich viele Mitglieder noch als wirklichen Teil des eigenen Vereins verstehen.

Und so trafen sich kurz nach der Ausgliederung enttäuschte Mitglieder auf ein paar Getränke in einer Kneipe. Eine Mischung aus Fans, Ultras und Allesfahrern. Mit steigendem Pegel entstand der Gedanke, einen eignen Verein zu gründen. Was man an dem Abend noch als sprichwörtliche Schnapsidee abtat, wurde beim nächsten Treffen Realität. Dabei ging es schon nicht mehr um das „ob“ – sondern bereits um das „wie“. Die Frage nach einem Vorsitz kam auf. Tamara Dwenger: „Ich ging auf Toilette und als ich wiederkam, wurde ich nur angegrinst mit den Worten ‚Du machst das‘.“ Dwenger ist seit der Gründung die Präsidentin des Vereins. „Es war wohl die beste Schnapsidee, die wir jemals hatten.“ So wurde der HFC Falke zum 16. Juni 2014 als Verein eingetragen. Am 13.Juli 2014 fand in einem Hörsaal der Universität Hamburg mit mehr als 300 Unterstützer*innen die Gründungsversammlung statt, bei der Dwenger offiziell zur Präsidentin gewählt wurde.

Am 19. Juni 2019 feierte der HFC Falke nun seinen fünften Geburtstag und hat aktuell über 400 Mitglieder. Im vierten Jahr spielt die erste Herrenmannschaft im Ligabetrieb mit und ist in der Zeit von der Kreisklasse (9. Liga) in die Bezirksliga (7. Liga) aufgestiegen. Die zweite Herrenmannschaft spielt ihre dritte Saison und ist in den letzten beiden Jahren ebenfalls aufgestiegen.

Eher Wanderfalken denn Fußballverein

Wenn man rein auf die Ergebnisse schaut, klingt das alles erst einmal super. Hinter den Kulissen sieht es jedoch anders aus. Leider hat der Verein – trotz permanenter großer Anstrengungen beim Hamburger Fußball-Verband, bei der Stadt und im Bezirk Eimsbüttel – nach wie vor keine feste sportliche Heimat und sieht in der aktuellen Situation auch keine große Chance auf Besserung. Dies hat zur Folge, dass der Falke mit zwei Mannschaften auf bis zu fünf verschiedenen Plätzen pro Woche trainieren muss. Diese Plätze werden teilweise teuer angemietet, bieten aber in Summe dennoch alles andere als optimale Bedingungen. Es kann sich zum Teil recht kurzfristig entscheiden, auf welchen Plätzen trainiert wird. Man ist jederzeit abhängig von anderen Mannschaften. Steigen zum Beispiel A-Junioren in die Bundesliga auf, können bis dato sichere Plätze wieder weg sein. Dadurch gibt es keine Planungssicherheit, was den Aufbau einer Jugendabteilung und das Melden weiterer Herren- und Frauenmannschaften angeht. Schlussendlich leidet das Vereinsleben im Allgemeinen darunter: Fußballplätze wachsen nicht von den Bäumen, sie müssen Wohnanlagen weichen oder sind bereits in fester Hand von eingesessenen Teams. Es gibt zwar städtische Anlagen, die sind jedoch bereits für Trainings- und Spielzeiten an andere Mannschaften abgestellt. Entsprechend ist es alles andere als einfach, an Platzzeiten zu gelangen. Die einzige Möglichkeit ist demnach, sich mit anderen Clubs zusammenzusetzen und sich dort einzumieten. Dies hat der Falke in den letzten Jahren zu Genüge getan.

Die Heimspiele der ersten Mannschaft wurden bis zu dieser Saison im Rudi-Barth-Stadion beim SC Union 03 ausgetragen. Eine wundervolle Anlage, bei der jedoch pro Spiel 400 Euro an Miete fällig wurden. Hinzu kommt, dass die einzigen Einnahmen durch den Eintritt und den Merchandise-Verkauf zusammenkamen, denn Getränke und Speisen wurden über den Pächter vertrieben, so dass die Erlöse gerade für die Platzmiete reichten. Die zweite Mannschaft spielte zu Beginn am Sportplatzring. Diese Anlage musste inzwischen Wohnungen weichen. Als Alternative wurde dem HFC Falke der Steinwiesenweg angeboten, eine kleine, städtische Anlage in Hamburg-Eidelstedt mit einem Grand- und einem Rasenplatz (für Leute außerhalb von Hamburg: Grand = Asche). Trainiert wird auf Grand. Im Sommer ist das noch okay, im Winter wird es allerdings zur Zumutung. Vereiste Anlagen oder durch Regen kaum bespielbare Plätze sind hier keine Seltenheit. Vor allem das Flutlicht ist diese Bezeichnung nicht wert. In den Abendstunden kann hier einfach nicht mehr ordentlich trainiert werden. Hinzu kommt, dass es keine Möglichkeit gibt, sich etwas aufzubauen. Notwendig wäre dafür eine kleine Hütte, ein Container oder irgendetwas, was einem Vereinsheim nahekommt, in dem sich Spieler und Fans nach dem Spiel noch zusammensetzen können. Im Sommer kann man die Zeit prinzipiell noch draußen verbringen, doch beim klassischen „Hamburger Sommer“ wird es eher ungemütlich. Besserung in Sicht: Fehlanzeige!

Am 13. Juli 2019 hat der HFC Falke nun – parallel zu den Feierlichkeiten des fünften Geburtstags – eine groß angelegte Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die Position in den Verhandlungen mit der Stadt und dem Verband zu verbessern. Die Verantwortlichen möchten zeigen, dass man nicht nur ein kleiner Verein ist, sondern einer mit engagierter Mitgliedschaft, die etwas verändern möchte. Dies soll einerseits durch die erwarteten Spenden und die damit verbesserte Verhandlungsposition geschehen, aber im konkreten Fall auch ganz klar durch eine größtmögliche mediale Aufmerksamkeit, mit der sich der Verein erhofft, den Druck auf Bezirk und Verband zu erhöhen. Im Zuge dessen hat sich der HFC Falke im Vorfeld diverse Crowdfunding-Plattformen angesehen und ist mit den Betreibern in Kontakt getreten. Die Wahl fiel schlussendlich auf CrowdFANding.net, die bereits mit „Südkurve bleibt“ und „Ein Fanhaus für Mainz“ tolle Fußballprojekte unterstützt hatten. Auch die Zusammenarbeit der Plattform mit dem „Fraunhofer Institut“ war ein Pluspunkt. Die erfolgreichen Kampagnen in Jena und Mainz und die guten Gespräche mit den Menschen hinter CrowdFANding.net führten dazu, dass der HFC Falke sich entschied, diese Kampagne gemeinsam mit den Betreibern anzugehen. Der Falke möchte deutlich machen, dass Sportplatznot kein reines Hamburger-, beziehungsweise Falken-Phänomen ist.

Informationen zum CrowdFANding
Hinter crowdFANding steht der gleichnamige eingetragene, gemeinnützige Verein, der Mitstreiter aus Leipzig, Mainz und Jena versammelt. Unser Antrieb ist unsere Liebe zum Sport und die Motivation, Menschen zu motivieren und zu befähigen. Da wir zu Hunderten laut und zu Tausenden unüberhörbar sind, können unglaubliche Ziele gemeinsam gestemmt werden. Für diese simple Idee stehen wir ein und geben unsere Energie in die sukzessive Entwicklung einer solidarischen Gemeinschaft.
Auf unserer crowdFANding-Plattform wird immer nur eine laufende Kampagne durchgeführt, sodass sich unser Team jederzeit zu 100 % auf das jeweilige Projekt konzentrieren kann. Das Team des crowdFANding e. V. sowie Mitarbeiter der Gruppe Innovationsfinanzierung des Fraunhofer IMW in Leipzig unterstützen die Projektinitiatoren bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ihrer Kampagnen. Zukünftige Kampagnen profitieren somit stets von den Erkenntnissen und Erfahrungen jeder einzelnen Kampagnenbegleitung. Auf diese Weise kann crowdFANding langfristig eure Herzblutprojekte erfolgreich unterstützen.

Football is for you and me, not for f***ing industry!

Worum es den Verantwortlichen des HFC Falke geht, ist, eine Heimat für Menschen zu bieten, die offen ist für alle, die an mitgliedergeführten Fußball glauben – an Demokratie, Mitgestaltung und den Sport als Ausdruck von Lebensfreude statt Geschäft. Die eigene Anlage mit Vereinsheim soll zu einem offenen Raum werden, in dem man Initiativen Platz bietet, die auf Solidarität und Austausch basieren. Menschen aus der Nachbarschaft, Vereine und Gruppen des Bezirks sollen daran teilhaben. Der Wunschstandort wäre natürlich Eimsbüttel, wo der Verein auch gegründet wurde. Man weiß aber, dass man sich hierauf nicht versteifen darf. Gäbe es das Angebot einer eigenen Anlage außerhalb von Eimsbüttel, dürfte man dies nicht von Beginn an ablehnen. Falke möchte einen Fußball, in dem das Stadion ein Haus für die GEMEINSCHAFT ist – und nicht der x-te Ort der Konsumkultur.

Demokratie, Mitgestaltung und den Sport als Ausdruck von Lebensfreude statt Geschäft

Wichtig ist es, ein Modell fortzuführen, das die wirtschaftliche Nachhaltigkeit des sportlichen Projekts nicht über einen Mäzen oder Großsponsoren garantiert, sondern über seine Verwurzelung in der Region und durch die Teilhabe der Mitglieder: Der HFC Falke will, dass der Fußball gemeinsames Eigentum der Fans ist. Der Verein möchten eine Jugendabteilung aufbauen, die auf die Bedürfnisse von Mädchen und Jungs eingeht, die Fußball spielen wollen – ganz gleich, welche Herkunft oder welchen sozialen Status sie haben. Von Beginn an wurden deshalb scheidende und aktuelle Spieler auf Trainer- und Betreuer-Lehrgänge des Verbands und Fußballschulen geschickt, um Kindern eine gute Fußball-Ausbildung mit hohem Spaßfaktor zu bieten. Falke sieht die Fußballschule als edukatives Projekt im Dienst des Stadtteils und seiner Bewohner.

Darüber hinaus möchte der Verein eine Frauenfußballabteilung aufbauen, denn Fußball ist längst keine Männerdomäne mehr. Nicht umsonst hat der HFC Falke mit Tamara Dwenger eine Präsidentin, bis vor kurzem mit Nicky Rohde eine Trainerin bei der zweiten Mannschaft und mit Katja Jürgs eine Ehrenamtsbeauftragte: Jürgs kümmert sich um das gesamte Thema Ehrenamt, besucht Lehrgänge zum Thema und ist jederzeit Ansprechpartnerin für die Mitglieder. Weiter hat der Verein mit Silke Scharnweber eine Schiedsrichter-Obfrau und auch die Sozialen Netzwerke liegen bei der Autorin dieses Artikels in Frauenhand. Es geht darum, jedem Mitglied deutlich zu machen, dass man als Gemeinschaft etwas erreichen und jedes noch so kleine Tun Großes bewirken kann.

“Allein bist du leise …”

Darüber hinaus möchten die Mitglieder des HFC Falke die eigenen Erfahrungen und das gesammelte Wissen weitergeben, damit überall bestehende Klubs und neue Vereine zur Nachhaltigkeit im Fußball beitragen können. So ist der HFC Falke zum Beispiel regelmäßiger Gast bei europaweiten Fan-Treffen wie zuletzt beim #EFFC19 (https://www.fanseurope.org/en/). Auch gab es bereits das eine oder anderen Treffen mit Fans aus ganz Deutschland, die sich über die Gründung eines fangeführten Vereins austauschen wollten. „Der HFC Falke steht hier für alle Interessierten jederzeit zur Verfügung und würde sich freuen, wenn auch andere den Mut aufbringen würden, etwas Eigenes entstehen zu lassen“, sagt Florian Neumann, Mitglied des Präsidiums. „Wir wissen bei uns nur zu gut, welche Probleme bei der Vereinsgründung und auch im Nachhinein lauern. Seien es sehr lange Diskussionsabende bei der Politik oder ganz banale Dinge wie die Finanzierung eines Spieltags. Wir möchten nun versuchen, die nächsten Steine zu beseitigen. Doch dafür brauchen wir eine Stimme, eine laute Stimme. Die Stimme von vielen“, so Neumann.

“…zu Tausenden unüberhörbar”

Der HFC Falke braucht jetzt die Unterstützung von Fußball-Fans in Deutschland und der ganzen Welt, um auf seinem Weg bestätigt zu werden, der auf Partizipation basiert. Am 13. Juli, parallel zu dem internationalen Freundschaftsspiel gegen den YB SK Beveren, ist die Kampagne gestartet. Das erste Ziel sind 50.000 Euro, danach geht es hoch auf 200.000 Euro. Viel wichtiger sind dem HFC Falke jedoch die Unterstützer: „Wir haben lieber 5.000 Menschen, die einen symbolischen Euro spenden, als einen Großspender, der mit 10.000 Euro ankommt. Dann wissen wir, dass die Menschen hinter der Idee stehen – und das ist genau das, was wir erreichen wollen“, sagt Saskia Neumann aus dem Orga-Team. Mit CrowdFANding hat der HFC Falke einen starken Partner an der Seite, der schon in Jena und Mainz gezeigt hat, was Solidarität unter Fußballfans bewirken kann. Spenden können ab sofort unter www.crowdFANding.net getätigt werden. Frei nach dem Motto: „Alleine bist du leise – zu Hunderten wird es laut – zu Tausenden unüberhörbar.“

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Autoren-Information:
Saskia Neumann ist Wiesbadenerin, hat fast 10 Jahre in Köln gelebt und ist seit über 20 Jahren verliebt in den 1. FC Köln. Mit dem Umzug nach Hamburg hat sie die Leidenschaft für den HFC Falke entdeckt. Sie interessiert sich für alles rund um die Themen Fußball und Fankultur. Ihr Motto ist “Hoppen statt shoppen.”

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2 Kommentare

  1. Ich bewundere den persönlichen Einsatz der Beteiligten sehr und grundsätzlich sind mir diese “Ausgründungen” auch sympathisch, bei den Berichten darüber fehlt mir allerdings manchmal die Einordnung hinsichtlich bestehender Fußballvereine. Ich kann mir vorstellen, dass z.B. der SV Grün-Weiß Eimsbüttel € 50.000,- auch gut gebrauchen könnte, genauso, wie viele andere Stadtteilvereine auch. Von zusätzlichen Ehrenamtler:innen (Schiedsrichter:innen!) ganz zu schweigen. Es mag sicher Gründe geben, einen eigenen Verein zu gründen, anstatt einen bestehenden Stadtteilverein zu unterstützen, aber darüber lese ich nie etwas.

    • Moin Mathias,
      Danke für Deine Anmerkungen. Klar kann jeder Amateurverein Ehrenamtler und Aktive gebrauchen. Beim HFC Falke geht es aber gerade darum keinen alteingesessenen Verein zu “übernehmen” , denn genau so würde es rüber kommen, wenn nach der Ausgliederung beim HSV 300 Leute in einen x-beliebigen Verein eingetreten wären um die Idee vom fangeführten Verein dort durchzusetzen. Das wäre ja genauso ein Diebstahl, wie uns HSVplus den Verein und die Mitbestimmung genommen hat. Bei den meisten Amateurvereinen könnte man bereits mit 30-40 Leuten auf einer Mitgliederversammlung den Ton angeben. Außerdem wollten sich die Gründer nicht in ein gemachtes Nest setzen, sondern dem Falken etwas eigenes aufbauen. Das ist in vielen Bereichen sehr gut gelungen, im Finden eines eigenen Sportplatzes aber leider noch nicht. Und dafür brauchen wir jetzt Unterstüzung!
      LG Moritz

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