Flavio Becca und die Redbullisierung der Roten Teufel?

Der luxemburgische Bauunternehmer Flavio Becca hat durch sein Engagement beim Traditionsverein 1.FC Kaiserslautern dazu beigetragen, die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit des FCK kurzfristig zu gewährleisten und damit den bundesweit bedeutenden und regional unersetzlichen Standort zu erhalten. Im Rahmen der Diskussion über das Engagement Beccas als Investor gab es viel Pro und Contra zum Einstieg eines externen Investors generell. Zudem gab es die Frage der Auswahl zwischen einer regionalen Investorengruppe auf der einen und des luxemburgischen Bauunternehmers auf der anderen Seite sowie die Nebengeräusche im Rahmen der Entscheidungsfindung. Kaum diskutiert wurde das Vereinsgeflecht, das Becca im internationalen Fußball unterstützt. Wenigen ist bekannt, wie die von ihm geförderten oder kontrollierten Vereine kooperieren. Dieser Artikel soll das „System Becca“, seine Auswirkungen auf Spielertransfers und mögliche Auswirkungen auf den FCK genauer unter die Lupe nehmen.

Thomas Hilmes / http://www.der-betze-brennt.de [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

von Matthias Busse | August 2019

Potenzielle Interessenskonflikte in der Kritik

Beggen, Stade Henri Durant, am 25.5.2019:

Im traditionsreichen Stadion des ehemaligen Landesmeisters Avenir Beggen findet vor knapp 2.000 Zuschauern das sogenannte Barragematch, das Relegationsspiel zwischen dem Drittletzten der luxemburgischen ersten Liga, US Hostert, und dem Dritten der zweiten Liga, Swift Hesperingen, statt. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten ist der Zweitligist der Favorit. Hesperingen war bereits heißer Anwärter auf den direkten Aufstieg. Der Grund: der Mäzen des Landesmeisters F91 Düdelingen, Flavio Becca, hat 2018 begonnen, sein finanzielles Engagement stark zugunsten des Swift Hesperingen auszuweiten.

Ein solcher Schritt ist nicht ungewöhnlich im modernen Fußball. Brisant machte die Partie allerdings eine Personalie: Henri Bossi, 60, Erfolgstrainer der Grünwalder aus Hostert, wurde zuvor bereits als gemeinsamer Sportdirektor für F91 Düdelingen und Swift Hesperingen gehandelt, schrieb zumindest Fupa Luxemburg am Tag des Barragematches.

Ziel von Becca sei der Aufbau von Strukturen nach dem Vorbild Red Bulls, insbesondere im Hinblick auf Synergien zwischen den von ihm kontrollierten Vereinen. Die Meldung wurde vom F91 Düdelingen freilich in das Reich der Fabeln verwiesen. Gemeinsamer Sportdirektor für beide Standorte wurde Bossi schließlich auch nicht. Immerhin jedoch ist der 60-Jährige inzwischen verantwortlicher Trainer neben Teammanager Emilio Ferrera bei Luxemburgs Serienmeister. Jener Emilio Ferrera, der auch als Sportdirektor beim 1.FC Kaiserslautern gehandelt wurde, gegebenenfalls in Doppelfunktion mit seinem Engagement in Düdelingen.

Auch der unterschwellige Verdacht der Mauscheleien erwies sich als unbegründet. Mit einem 2:0 sicherte sich Hostert den Klassenerhalt. Das Problem zweier offen von Flavio Becca unterstützter Klubs in der Eliteklasse wurde damit mindestens ein weiteres Jahr aufgeschoben. Ob es in nächster Zeit tatsächlich zu einer Interessenkollision kommt, ist offen. Flavio Becca  kündigte unlängst an, sich aus dem Sponsoring in Düdelingen mittelfristig zurückzuziehen, da die Gemeinde seine Pläne für den Stadionaus- oder -neubau blockiert. Die Gemeinde Hesperingen gab hingegen grünes Licht zu seinen Stadionplänen.

Statuten begünstigen Beccas Unternehmenspraxis

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Hesperingen nimmt 2019/20 einen neuen Erstliga-Anlauf und dürfte aufgrund der wohl beispiellosen Verpflichtung zahlreicher höherklassiger Spieler bei normalem Lauf der Dinge spätestens 2020 in die Belle Etage zurückkehren.

Dass in Luxemburg derartige Spekulationen aufkommen, sagt bereits vieles über die Turbulenzen und Machenschaften unter den Spitzenvereinen des Landes aus. Schon vor Beccas Engagement in Hesperingen, der Gemeinde, in der er als Sohn eines italienischen Vaters aufwuchs, führte das System Becca zu Spannungen unter den Vereinen der BGL-League:

Im vergangenen Sommer ließen die stärksten Konkurrenten Düdelingens, Fola Esch (trainiert von Ex-FCK-Trainer Jeff Strasser) und Progrès Niederkorn ihre Mitgliedschaft im Ligaverband LFL ruhen, um gegen angeblich unlautere Wettbewerbspraktiken Beccas zu protestieren. Stein des Anstoßes sollen informelle Absprachen des finanziell nicht mehr in der Spitzengruppe angesiedelten Rekordmeisters Jeunesse Esch mit Beccas Düdelingen gewesen sein. Esch lieh sich vor der Saison 2018/19 mehrere hochklassige, aber bei Düdelingen nicht mehr berücksichtigte Spieler wie die Torjäger Omar Er-Rafik und Antonio Luisi aus. Im Gegenzug – so die Behauptung – musste Jeunesse Esch Düdelingen versprechen, keine Spieler an die Düdelinger Kontrahenten Fola und Progrès zu verkaufen.

Düdelingens interessante Transferpolitik

Einen Nachweis für die Behauptung gibt es nicht. Dennoch ist die Transferpolitik Düdelingens für einen Verein dieser bescheidenen Größenordnung interessant. Aufgrund der vielen Leihspieler, die der Verein unterhält, ist teilweise vom „FC Chelsea Luxemburgs“ die Rede. Allein im Sommer 2019 kehrten 15 Leihspieler zum Düdelinger Lizenzspielerkader zurück. An Jeunesse Esch waren alleine sechs Spieler verliehen worden. Begünstigt wird dies durch die Statuten des luxemburgischen Vereinsfußballs, die den Gegebenheiten des zumindest semi professionellen Sports nicht angepasst sind und zu einem großen Teil EU-Recht widersprechen dürften.

Einige aktuelle Problempunkte:

  • Das Sommer-Transferfenster in Luxemburg schließt für innerluxemburgische Transfers zum 30.6., das Transferfernster für Transfers aus dem Ausland am 31.7., obgleich die Transferfenster sämtlicher anderer Ligen, mit denen man sich im europäischen Wettbewerb befindet, später schließen (Ende des UEFA-Transferfensters ist am 31.8.).
  • Im Winter-Transferfenster sind maximal zwei Transfers für den Ligakader erlaubt.
  • Die Vereine der BGL League dürfen nur 16 statt – wie international üblich – 18 Spieler in ihren Spieltagskader aufnehmen.
  • Ein Spieler darf binnen drei Jahren nach einem Transfer ins Ausland nur mit Zustimmung des letzten dem luxemburgischen Verband zugehörigen Vereins zurück nach Luxemburg wechseln. Beispiel:
    Ein Spieler wechselte 2017 von Düdelingen zum SV Elversberg. 2019 möchte ihn ein Verein aus Luxemburg verpflichten. Unabhängig vom Einvernehmen des aufnehmenden und abgebenden Vereines sowie der Vertragslage kann der Transfer nur stattfinden, wenn Düdelingen dem Transfer zustimmt.
  • Innerhalb Luxemburgs gilt, dass – unabhängig von der Vertragslage – ein Spieler drei Jahre bei einem Verein bleiben muss, ehe er zu einem anderen Klub innerhalb des Großherzogtums wechseln darf. Beispiel:
    Ein Spieler wechselt 2017 nach Düdelingen. 2019 möchte der Spieler zu einem anderen luxemburgischen Verein wechseln. Unabhängig davon, ob der Spieler vertraglich gebunden ist, ist ein Wechsel nicht möglich, er kann maximal ausgeliehen werden mit festem Wechsel 2020.
  • Nach einem Jahr Vereinszugehörigkeit darf ein Spieler an einen Drittverein verliehen werden.

Die Regeln stammen aus einer Zeit, in der es unüblich war, dass Spieler luxemburgischer Vereine Arbeitsverträge mit ihren Vereinen hatten. Bis mindestens in die 90er Jahre war der luxemburgische Fußball reiner Amateursport, in dem einzelne oder mehrere Spieler Aufwandsentschädigungen erhielten. Diese konnten je nach Verein durchaus stattliche Höhen erreichen und zogen auch bereits damals Spieler aus dem Ausland an, jedoch fehlte es an einem klassischen Markt, der sich anderenorts spätestens nach dem Bosman-Urteil bildete. Dies hatte zur Folge, dass Spieler tendenziell langfristige Verträge unterschreiben und nach Vertragsende frei wechseln können.

Die veralteten Regularien in Luxemburg führen hingegen dazu, dass der besitzende Verein eine sehr starke Machtbasis hat, was sich exemplarisch in der Kaderentwicklung des F91 Düdelingen ablesen lässt:

Im aktuellen Transfersommer musste der F91 im Nachgang zu seinem starken Europa-League-Jahr – Düdelingen erreichte als erstes luxemburgisches Team die Gruppenphase – einen großen Umbruch vollziehen. Wer mit einem Exodus zu ausländischen Profivereinen gerechnet hat, wurde jedoch eines Besseren belehrt: Nur Leon Jensen (FSV Zwickau) wechselte zu einem ausländischen Profiverein ohne Becca-Bezug. Während Marc-André Kruska seine Karriere beendete und in Bochum Nachwuchstrainer wurde, wechselten sage und schreibe 13 Spieler konzernintern zu Royal Excelsior Virton (6) und Swift Hesperingen (7).

Transfers nur innerhalb des Systems Becca möglich

Virton wurde im Sommer 2018 offiziell von Flavio Becca übernommen. Der nahe der luxemburgischen Grenze angesiedelte Verein spielte drittklassig. Binnen eines Jahres gelang der Aufstieg in die zweite belgische Liga. Diese soll nur Durchgangsstation für einen Aufstieg in die Jupiler Pro League (erste belgische Liga) sein, auch wenn Flavio Becca als Saisonziel die Akklimatisierung in der zweiten Division angibt. Hierzu wurden nicht nur namhafte Spieler aus dem Ausland verpflichtet wie der Ex-Sandhäuser Maximilian Jansen oder der Ex-Magdeburger Steven Lewerenz, sondern auch Düdelinger Schlüsselspieler wie Spielmacher Clément Couturier und Topstürmer Dave Turpel. Neuer Trainer in Virton ist zur Saison 2019/20 Dino Toppmöller, der bis zuletzt in Düdelingen an der Seitenlinie stand und großen Anteil an den Erfolgen auf der europäischen Bühne hatte. Auch umgekehrt funktioniert das System: Tim Kips, Ex-U19 Torwart des 1. FC Magdeburg, wurde von Virton eingekauft und postwendend nach Düdelingen weiterverliehen, um dort Jonathan Joubert zu beerben.

Beachtlich ist auch, wer nicht wechselte: Dominik Stolz (Ex-Sandhäuser), torgefährlicher Mittelfeldstratege, von einigen deutschen Zweitligisten umworben, sowie Halbstürmer Danel Sinani, Shootingstar der Vorsaison, dem ebenfalls mehrere Angebote aus Profiligen vorlagen. Flavio Becca soll auf einen Transfer nach Virton gedrängt haben, Sinani sträubte sich. Die Folge: Sinani steht weiterhin in Düdelingen unter Vertrag, wo er im Champions-League-Qualifikationshinspiel gegen den FC Valetta die meiste Zeit auf der Bank saß. Im Vorjahr ein noch kaum denkbares Szenario.

Für die Konkurrenz ist es unheimlich schwer, Spieler aus von Becca unterstützten Vereinen zu verpflichten. Denn – begünstigt durch die Statuten und das gute Netzwerk Beccas – sind die Hürden für Verpflichtungen sehr hoch. Die Konkurrenten sind daher angehalten, einen anderen Ansatz zu wählen.: Progrès Niederkorn ließ 2018 nach dem Europa-League-Run, der bis in Runde 3 führte, Spielmacher Olivier Thill zum russischen Erstligisten FK Ufa ziehen und stellte den bisherigen Ablöserekord in Luxemburgs Liga auf – nach unterschiedlichen Quellen zwischen 250.000 und 500.000 Euro. Im Sommer 2019 folgten Marvin Martins und Tim Hall, die zu Karpaty Lwiw nach Lemberg in die erste ukrainische Liga wechselten.

„Unser Ansatz ist der, dass wir Spielern, die sich sportlich für Profivereine interessant gemacht haben, keine Steine in den Weg legen und normalerweise vernünftige Ausstiegsklauseln festlegen“, schildert Progrès Secretaire Fernand Reiter die Vorzüge der Niederkorner Transferphilosophie, die letztlich der Not geschuldet ist: Spieler können über den Progrès als „Stepstone“ in den Profifußball kommen. Aldin Skenderovic, Neuzugang aus Elversberg, betonte, dass er sich diesen Weg über Niederkorn am schnellsten vorstellen kann und dies ausschlaggebend für einen Wechsel gewesen sei.

Das Ende eines exzessiven Leihgeschäfts

Im Hinblick auf die Leihspielerpraxis konnten Niederkorn und Fola Esch immerhin einen Erfolg erzielen. Durch den luxemburgischen Verband FLF wurde auf Drängen der beiden Vereine ein Referendum über eine Statutenänderung durchgeführt, welches mit Mehrheit angenommen wurde. Die Novellierung besagt, dass innerhalb der gleichen Liga maximal vier Spieler durch einen Verein verliehen werden dürfen, maximal zwei Spieler zu demselben Klub. So wäre zur neuen Saison eine Leihe von sechs Spielern von Düdelingen nach Esch nicht mehr zulässig.

Diese Neuregelung verhindert eine Zusammenarbeit zwischen Düdelingen und Hesperingen aktuell jedoch nicht, da Hesperingen den Aufstieg bekanntlich verpasste und Leihen von der ersten in die zweite Liga unbegrenzt zulässig sind. Für Wechsel bestehen ferner ohnehin keine Obergrenzen. Romain Schumacher, Präsident des F91 Düdelingen, kritisiert das Vorgehen der initiierenden Vereine: „Ich kann verstehen, dass eine Reform des Leihspielersystems erforderlich ist und sehe das Ausmaß der Leihen kritisch. Aber anstatt das Gesamtproblem anzugehen, hat man wieder nur Stückwerk betrieben“.

Geht es nach dem F91-Präsidenten, wäre eine umfassende Reform der Regularien für das luxemburgische Ligensystem fällig, um den Veränderungen Rechnung zu tragen, die jedoch vom Verband blockiert wird: „Dem Verband ist die Entwicklung des Ligafußballs egal. Für den Erstligafußball gibt es weder organisatorisch noch infrastrukturell Mindestanforderungen. Das ist Dorffußball und für Sponsoren einfach nicht attraktiv“. Die Vereine sollten hier zusammenarbeiten anstatt „Kirchturmpolitik“ zu betreiben. Nur gemeinsam könne man den Verband von notwendigen Veränderungen überzeugen.

Dass Düdelingen auf Grund der exponierten Stellung durch die Unterstützung Flavio Beccas Wettbewerbsvorteile genießt, ist dem Fusionsverein klar. Ebenso klar ist jedoch, dass es mit der exponierten Stellung ein Ende haben wird. „Flavio Becca hat mit Düdelingen den Himmel erreicht, mehr geht unter den aktuellen Bedingungen nicht. In Luxemburg wird er künftig Hesperingen unterstützen, die dann die jetzige Rolle des F91 einnehmen dürften“, so Schumacher.

Sportliche Auswirkungen für den 1.FC Kaiserslautern

Aktuell sind die drei Becca-Clubs Hesperingen, Düdelingen und Virton organisatorisch wie personell stark verwoben. Interessant wird die Frage, wie es sich mit dem 1.FC Kaiserslautern verhalten wird. Die dritte deutsche Liga ist dem aktuellen Niveau Düdelingens und Virtons nahe, sodass eine Erweiterung der Verwertungskette nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich ist. Wie stark diese ausgeprägt sein wird, dürfte auch damit zusammenhängen, wieviel Einfluss Flavio Becca beim FCK erhält.

Aufgrund der Verschiebung des Sponsorings in Luxemburg ist von einem Dreieck Kaiserslautern-Hesperingen-Virton auszugehen. Weitere Vereinsbeteiligungen schloss Flavio Becca kürzlich aus. Spekuliert wird bereits, dass Dino Toppmöller, der aktuell die UEFA-Pro-Lizenz erwirbt, in naher Zukunft das Traineramt bei den Roten Teufeln ausfüllen soll. Die bereits angesprochene Personalie Ferrera ließ ebenfalls erste Synergieüberlegungen erkennen. Über potenzielle Neuzugänge für den Kader aus Düdelingen oder Virton war – abgesehen von losen Spekulationen um Dave Turpel – noch nichts zu vernehmen.

Doch auch hier gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Kurzfristig besteht kaum hinreichendes Angebot für eine Verstärkung des FCK – abgesehen von Dominik Stolz und Danel Sinani, die Düdelingen aber nach Schluss des Transferfensters kaum mehr abgeben dürfte. Virton wurde zum Zwecke der Wettbewerbsfähigkeit in der zweiten Liga Belgiens gestärkt, wohl auch, weil hier früher Planungssicherheit bestand. Spieler, die diesen Anforderungen nicht genügen und aus Virton ausscheiden, genügen auch den Lauterer Anforderungen nicht oder stellen zumindest keine Verstärkungen dar. Interessant könnte es aber im kommenden Jahr werden:

Szenario 1:
Virton schafft den Durchmarsch in die 1. belgische Liga
Im Erfolgsfall müsste Virtons Mannschaft deutlich verstärkt werden, da das Leistungsgefälle zwischen erster und zweiter belgischer Liga gewaltig ist. Sollte Kaiserslautern selbst nicht aufsteigen und sollten Spieler vertraglich an Virton gebunden sein, aber keine sportliche Perspektive mehr haben, drängt sich eine „Weiterverwertung“ bei den Partnerklubs auf. Hier könnte nun Kaiserslautern ligaunabhängig interessant werden.

Szenario 2:
Virton verbleibt in Liga 2, Lautern steigt auf
Sollte Kaiserslautern aufsteigen und Virtons Aufstieg ins Stocken geraten, stellt sich die Frage der Prioritätensetzung bei Flavio Becca. Zur aktuellen Saison blieb zeitlich und organisatorisch keine Alternative zur Stärkung Virtons. Sollte Kaiserslautern zurück in Liga 2 gelangen, wäre es Beccas sportliches Aushängeschild und eine sofortige Konzentration darauf, inklusive Spielerdelegationen, könnte Sinn ergeben.

Szenario 3:
Virton und Kaiserslautern verharren in ihren Ligen
Auch hier würde sich die Prioritätenfrage stellen. Selbst wenn jedoch der Fokus (vorläufig) bei Virton bleiben sollte und dort aufgerüstet würde, könnte der eine oder andere Spieler für Kaiserslautern interessant werden und zum Leistungsträger für die dritte Liga taugen. In Virtons aktuellem Kader befinden sich Spieler, die über höherklassige Erfahrung verfügen und mithin einen Drittligakader aufwerten könnten.

RedBull als Vorbild?

Über kurz oder lang wird das Engagement auf dem deutlich größeren deutschen Markt Priorität genießen müssen, wenn es Flavio Becca an einem sportlichen Erfolg seines finanziellen Engagements gelegen ist. Gegenüber Sky Sports erklärte Becca bereits: „Natürlich ist die Champions League eines unserer Ziele, die wir uns setzen müssen. Sonst hätte es keinen Wert, in der dritten Liga in den FCK zu investieren“.

Aus den Aussagen lässt sich folgern, dass Kaiserslautern aus sportlicher Sicht die Nummer Eins im Becca-Imperium ist und Virton mindestens mittelfristig als Zugpferd ablösen wird. Ein logischer Schritt, den auch RedBull mit der Prioritätensetzung zugunsten Leipzigs und zulasten Salzburgs auf Grund der Größe des deutschen Marktes ging. Die getätigten Aussagen sowie das planmäßige Vorgehen lassen es sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass es Becca nur um Grundstücksspekulationen geht.

Hierzu passen auch die noch konkreteren Aussagen Beccas im Gespräch mit dem Kaiserslauterer Fanforum „Der Betze Brennt“. Hier äußert er sich zum Zeitplan in Kaiserslautern und auch zu den Synergien, die er in Bezug auf die Zusammenarbeit der von ihm unterstützten Fußballclubs erwartet:

„Das ist sicher eine unserer Ideen, aber natürlich in einem kleineren Rahmen als bei Red Bull. Wir wollen die Austauschmöglichkeiten maximieren. Als ersten Schritt möchten wir zeitnah ein gemeinsames Scouting-Netzwerk aufbauen, quasi in einem Dreieck: Kaiserslautern, Virton und Düdelingen/Hesperingen. Das Ganze soll von Kaiserslautern aus organisiert und verarbeitet werden. Die sportlichen Leiter der Vereine können sich dann untereinander austauschen, welcher der beobachteten Spieler am besten zu welchem Verein passt. Außerdem lassen sich die Kosten für jeden Einzelnen somit senken. Erste Gespräche dazu wurden bereits geführt.“

Dass als nächster logischer Schritt auch der interne Austausch von Spielern sowie Leihgeschäfte zwischen den Partnerklubs folgen könnten, ist durchaus denkbar. Und auch auf weiterer Ebene sind Parallelen zur Geschäftspraxis von Red Bull in den übrigen Partnervereinen bereits erkennbar. Förmliche Kooperationsvereinbarungen gebe es zwischen den Vereinen nicht, teilt F91-Präsident Romain Schumacher auf Anfrage mit. „Es ist sicherlich noch zu früh, hierzu definitiv Stellung zu beziehen. Dass es aber, in welcher Form auch immer, Synergieeffekte geben könnte, ist sehr wahrscheinlich und macht auch Sinn“, so Schumacher, wobei der F91 aus den genannten Gründen eher am Rande hiervon profitieren dürfte.

Die Roten Teufel unterwegs als Leoparden?

Flavio Becca verkauft interessanterweise in Gestalt des von ihm am Markt platzierten Energydrinks „Leopard Natural“ Dosen. Düdelingen warb zuvor jahrelang für „Lavazza“-Kaffee, sodass das Getränkesponsoring auf eine längere Tradition zurückblickt. Dass Becca an Werbewert und Sichtbarkeit seiner Investitionen gelegen ist, lässt sich nicht zuletzt am abgestimmten Design seiner bisherigen Clubs ablesen:

Das Türkis ist die Farbe des Energiedrinks, die ähnlich auffällig wirkt wie das rot-weiße Muster der österreichischen Konkurrenz. Es ist natürlich nicht zu erwarten, dass ein Verein wie der 1. FC Kaiserslautern – unabhängig vom Umfang des Mitspracherechtes des Investors – seine Trikotfarben ändert. Hierzu ist die Marke Rote Teufel zu wertvoll, was Becca in Interviews auch herausstellte.

Die starke Angleichung des Corporate Designs der übrigen Becca-Clubs zeigt dennoch, dass dem Investor an der Maximierung des Werbewertes gelegen ist. Es sollte nicht verwundern, wenn zumindest das Auswärtstrikot des FCK die Farbe des Energydrinks promoten würde. Becca erklärte bereits süffisant: „Eine gewisse Verbindung zu der Leopard-Farbe und Kaiserslautern haben wir entdeckt: Der Farbton ist fast identisch mit der Farbe des Fischs im Stadtwappen von Kaiserslautern.“

Über kurz oder lang dürfte Leopard Natural als Sponsor die Brust der FCK-Profis zieren. Der Energydrink soll in naher Zukunft auch auf dem deutschen Markt eingeführt werden, sodass ein Sponsoring Sinn ergeben würde.

Düdelingen als Blaupause

Es wäre ungewöhnlich, wenn Flavio Becca, anders als in den übrigen Klubs, nicht auf das maximal mögliche Mitspracherecht bestünde. Dass er bereits faktisch großen Einfluss besitzt, lässt sich am Rücktritt des bisherigen Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Littig ermessen, dessen Rückzug von Becca zur Voraussetzung für die Gewährung einer Bürgschaft gemacht wurde.

„Flavio Becca ist nicht einfach nur ein Geldgeber, er beschäftigt sich detailliert mit der Materie und regelt auch die kleinen Dinge“, weiß Romain Schumacher. „Flavio Becca weiß, dass er in Luxemburg den Himmel erreicht hat. Mehr als letzte Saison in der Europa League ist unter den Bedingungen hier nicht möglich. Er ist ehrgeizig und höhere Ziele kann er nur im Ausland erreichen, auch wenn er jeweils die regionale Nähe wählt“.

Interessant sind vor dem Hintergrund des Mitspracherechts auch die Aussagen Flavio Beccas zu Virton. Da im belgischen Fußball die Restriktionen des deutschen Fußballs, insbesondere die 50+1-Regel, keine Anwendung finden beziehungsweise keine vergleichbaren Regularien bestehen, hat Becca hier unbeschränkt bestimmenden Einfluss:

„Ich habe mich in Virton zuerst von Leuten beraten lassen, die den Klub kannten, dann gemerkt, dass wir so in eine falsche Richtung abdriften. Letztendlich habe ich für die Trainerposition eine interne Lösung gefunden, die dann zum Erfolg geführt hat.“

Flavio Becca hat jedenfalls klare Vorstellung von Vereinsführung und sportlicher Linie, die er im Tagesgeschäft durchzusetzen versucht. Man wird sich in Kaiserslautern darauf einstellen, dass der neue Investor in vielen Punkten mitreden und viel von seiner Agenda auch durchsetzen wird. Das bisherige Engagement in Düdelingen dürfte eine gute Blaupause darstellen, wie er sich die Zusammenarbeit seiner Vereine vorstellt.

Ausblick: Wie reagieren die Fans?

Ein großer Teil der Kaiserslauterer Fanszene legt großen Wert auf die Bewahrung des Bezuges zur Vereinsgeschichte, die Erhaltung der Vereinsstruktur und steht dem Einstieg von Investoren im eigenen Verein wie auch bei der sportlichen Konkurrenz überdurchschnittlich kritisch gegenüber. Gerade das Konstrukt des von Flavio Becca gerne zitierten Red Bull-Konzerns wurde äußerst emotional diskutiert und stieß auf starke Ablehnung.

Die Zusammenarbeit von Düdelingen, Hesperingen und Virton in Bezug auf Spielertransfers, Vereinsorganisation und Sponsoring/Vereinsfarben trägt starke Züge des Geschäftsmodells von Red Bull, die insbesondere in Sachen Spielertransfers und Scouting zwischen einzelnen Standorten Wettbewerbsvorteile schaffen und im Rahmen der Durchsetzung des Corporate Designs besonders brachial vorgehen. Es wäre zu erwarten, dass dieser Punkt in der Diskussion um das Engagement Flavio Beccas einen größeren Stellenwert erhalten müsste.

Es ist mutmaßlich der geringeren Bedeutung der Fußballligen in Belgien und Luxemburg geschuldet, dass die beschriebenen Synergien und Geschäftspraktiken weniger im öffentlichen Bewusstsein angekommen sind.

„So richtig diskutiert wird das in der Fanszene nicht. Ich denke, das könnte auch erstmal auf Ablehnung stoßen, da man eine Verschiebung der Macht weg vom FCK hin zu einer “Dachorganisation” führt“, meint FCK-Kenner Frederik Paulus.

Es kann und soll am Ende keine Empfehlung Pro oder Contra Investor getroffen werden. Flavio Becca ist ein Kenner der Szene und umgeben von kompetentem Personal, welches seine sportliche Expertise nachgewiesen hat. Auf der anderen Seite vereint er ein hohes Maß an Einfluss auf sich und kann die Ausrichtung des Vereines stark beeinflussen. Die Abwägung wird jeder FCK-Fan beziehungsweise jeder Beobachter individuell treffen.

Es dürfte umso wichtiger sein, dass sich das FCK-Umfeld und die Mitglieder bewusst machen, welche Perspektiven sich dem Verein in Zusammenarbeit mit dem Investor bieten und welche Chancen man nutzen und welche Risiken oder Entwicklungen man verhindern möchte. Dies gilt umso mehr, als der Tag kommen kann, an dem die Interessen der unterstützten Vereine nicht mehr deckungsgleich sind.

Beitragsbild: Westtribüne (“Westkurve”) mit Fans von Thomas Hilmes, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

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Autor*innen-Information: Matthias Busse ist Fan des luxemburgischen Fußballs und insbesondere von Progrès Niederkorn. Außerdem bloggt er bei www.schwabenballisten.de über Fußball im Allgemeinen und RasenBallsport Leipzig im Besonderen.

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3 Kommentare

  1. Wolfgang wickert

    Danke für diese interessanten Informationen.. Hoffentlich wissen die Entscheider beim fck wo die Reise hingehen kann.. Wenn der fck wesentliche Merkmale seiner Identität verliert….. Das Fenster aus dem man dann stürzt ist schon geöffnet…

  2. Jörg Ramstein

    Die Chancen sind ungleich größer als die Risiken! Will der FCK wieder da hin, wo er – wie sich sicherlich alle einig sind – hingehört, bleibt nur der Investorweg. Mir bahagt im Besonderen die Verbindung zu Toppmöller und weiteren Beratern, die den FCK sehr gut kennen, dbzgl. Beccas Lokalkolorit, und, daß er sich im Vorfeld mit Verein, Stadt, Historie usw. usf. detaillliert beschäftigt hat. Ich habe ein gutes Gefühl, und wir sollten uns künftig nicht mehr derart provinziell-reaktionär aufstellen, sondern innovativ-fortschrittlich – nur dann kann der Erfolg eines Tages wieder Einzug halten und wir mit dem 1. FCK an ehemals ruhmreiche Zeiten anknüpfen.

  3. Torsten Tullius

    Danke für diese hervorragende Beschreibung des Systems Becca. Für mich hat der FCK mit der Entscheidung pro Investor endgültig seine Seele verloren, dessen Inthronisierung bestätigte von Anfang an einige Klischees über schwerreiche Machtmenschen, etwa die Demission von Littig.
    Ein solcher Typus wird sich mit seinen Interessen durchsetzen, dass der FCK noch ein Verein ist, ist seit Becca endgültig eine Farce.
    Ich habe mit dem FCK nach 40 Jahren abgeschlossen, diesen Weg von Brot und Spielen gehe ich nicht mehr mit. Meine große fußballerische Liebe ist zum Zombie mutiert, und das in dem Jahr, in dem es wieder gegen den Waldhof geht.

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