Der Pariser Fußball: Eine Spurensuche

Carsten Pilger lebt in Paris und hat sich auf eine Spurensuche nach dem Fußball in Frankreichs Hauptstadt begeben. Zlatan und Co. spielen dabei eher in der zweiten Reihe und müssen das Spielfeld der Geschichte den kleineren Vereinen überlassen.

Autor: Carsten Pilger, Das FCSblog 2.0

Jeder, der erstmals die Périphérique überschreitet und nach Paris kommt, hat eine ganz eigene Vorstellung davon, was die Seele der Stadt ausmacht. Der Duft von frisch gebrühten Espressi auf dem Boulevard Saint-Germain, der Klang von Musik am Montmartre, die Kulturgüter Europas versammelt im Louvre, die Haute-Couture auf der Pariser Fashion Week. Mit etwas Glück entdeckt jeder für sich etwas von dieser Erwartung unter der dicken Schicht aus Einförmigkeit, Massentauglichkeit und Ruß, unter der Paris begraben liegt. Doch was ist mit Fußball? Es ist eine Suche nach der eigenen Pariser Identität. Ein Wühlen in der Geschichte, ein Verzweifeln an den französischen Eigenheiten, ein Entdecken und Vergessen. Dieser Text soll keine umfassende und allgemeingültige Beschreibung dessen werden, was der Pariser Fußball ist. Es ist vielmehr mein Versuch, einen kaum greifbaren Zustand für mich etwas besser zu verstehen.

Die Konkurrenz der England-Importe

Paris hätte die besten Voraussetzungen gehabt, zur Wiege des französischen Fußballs zu werden. Ende des 19. Jahrhunderts waren es in Frankreich lebende Engländer, die den vergleichsweise jungen Sport über den Ärmelkanal exportierten. Vor allem im Norden und in der Normandie wurde der Fußball nach Regeln der englischen „Football Association“ gespielt und eben auch in der Hauptstadt Paris. Unter dem Dach der Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA, dt. Verband französischer Athletiksport-Vereinigungen) wurden die ersten Meisterschaften ausgetragen – es nahmen ausschließlich Pariser Mannschaften teil. 1894 fand im Pariser Vorort Courbevoie das erste Endspiel um den Meistertitel statt. Nach einem 2:2 zwischen den White-Rovers und Standard AC im ersten Spiel, konnte Standard das Entscheidungsspiel mit 2:0 für sich entscheiden. Diese Klubs waren überwiegend mit englischen Spielern besetzt. Erst langsam entstanden auch französische Fußballvereine, die erst jedoch in separaten Wettbewerben antraten.

Nicht nur in Paris begeisterte der Fußball. Auch in anderen Städten fanden Fußballverrückte zu Vereinsgründungen zusammen. Als ältester französischer Verein gilt heute der AC Le Havre, 1872 von britischen Hafenarbeitern gegründet. In den ersten Jahren rollte der Ball allerdings nicht, sondern das „Ei“ wurde geworfen: Rugby breitete sich einige Jahre vor dem Fußball in Frankreich aus. Vor allem im Süden fanden die Menschen eher gefallen an Rugby – was den mitunter schwierigen Stand des „eleganteren“, weniger körperbetonten Fußballs bis heute erklärt.

1899 wurde die Meisterschaft der Pariser Vereine für die „Provinz“ geöffnet. Der AC Le Havre, 1884 zum Fußballverein geworden, erreichte auf Anhieb das Finale. Der Gegner, der Club français, weigerte sich gegen einen Gegner aus der Normandie anzutreten. Kampflos trug der erste nicht-Pariser Verein die französische Meisterschaft davon. Zum ersten Mal wurde der Fußball zum Ort der Auseinandersetzung zwischen Paris und dem Rest Frankreichs. Ein bis heute immer wiederkehrender Konflikt im zentralisierten Staat, der erst in den 1980er Jahren den politischen Willen entwickeln sollte, sich zu dezentralisieren.

Die Glanzjahre des Hauptstadtfußballs

Langsam bildeten sich in ganz Frankreich Fußballvereine – allerdings auch Konkurrenzverbände. Bis zur Gründung der landesweiten Verbands FFF, der Fédération Française de Football, am 7. April 1919, dauerte es noch einige Jahre. Sein erste Präsident, Jules Rimet, der später auch FIFA-Präsident und Namensgeber der ersten Weltmeister-Trophäe werden sollte, war erst mit der Gründung einer der bekannteren Pariser Vereine beschäftigt. 1897 erblickte im siebten Arrondissement der Red Star Club das Licht der Welt, kurze Zeit später sollte er vor die Tore von Paris nach Saint-Ouen ins Stade Bauer ziehen. Red Star, ein Verein im Geiste der Dritten Französischen Republik. Die neue Versammlungsfreiheit ermöglichte den humanistischen Werten folgenden Verein, der vor allem Jugendliche aus ärmeren Familien anzog. Und doch verband man dies mit christlichen Werten, einige Jahre bevor die Republik die Trennung von Staat und Kirche beschloss.

Rimet verließ Red Star, zu großer Funktionärskarriere berufen, nach einigen Jahren. Der Verein erlebte hingegen seine rosigen Zeiten und feierte in den 1920ern vier Pokalsiege feiern. Mit Einführung der Division 1, der Vorgängerin der Ligue 1, gehörte auch Red Star (nach Fusion nun Red Star Olympique) zum erlesenen Kreis der frühen Profivereine.

Red Star Football Club Saint-Ouen 1920
Red Star 1920 via Wiki Commons

Den ersten Pariser Meistertitel in der Division 1 durfte ein anderer Verein in die Höhe stemmen: Der Racing Club, der sich als zweiter Pariser Verein in den 1930ern in der höchsten Spielklasse etablierte. In der Saison 1935/36 feierten die „Pinguine“, so der Spitzname, erstmals den Ligatitel. Mit dabei als Spieler war Auguste „Gustl“ Jordan, späterer Nationaltrainer der kurzlebigen Saarländischen Nationalmannschaft. Es war der letzte Meistertitel einer Pariser Mannschaft für ein halbes Jahrhundert.

Der Abstieg des Pariser Fußballs begann in den Zwischenkriegsjahren. Da der Fußball selbst einer mangelnden Anerkennung seitens der Stadtpolitik und einem eher geringen gesellschaftlichen Anerkennung gegenüberstand, waren die Pariser Vereine im Vergleich zur aufstrebenden Konkurrenz aus der Provinz im Nachteil. Die Vereine konnten ihre Stellung im Fußball nicht halten – die Stadt war hingegen weiter Schauplatz von Pokalendspielen.

In der Besatzungszeit schloss die Division 1 ihre Tore, auf regionaler Ebene wurden die „Championnats de guerre“ ausgespielt. 1940/41 wurde Red Star Meister in der Staffel der besetzten Zone Frankreichs, vor Rouen und Bordeaux. Viele Vereine weigerten sich aufgrund des Krieges, an Wettkämpfen teilzunehmen.

Verfall und künstliche Vereinskonstrukte – der „rote Milliardär“ aus Toulouse

Nach Kriegsende wurde der Profibetrieb wieder aufgenommen. Für Red Star sollte der Platz im Profifußball aber von einer Dauer- zur Ausnahmeerscheinung werden. Sportliche und finanzielle Probleme veranlassten den Verein erst dazu, sich 1950 in den Amateurbereich zurückzuziehen. Die Rückkehr in die Zweitklassigkeit wurde zum Drama, als 1955 der sportliche Aufstieg am grünen Tisch scheiterte – Korruptionsvorwürfe gegen Offizielle und Spieler zogen Sperren nach sich. Erst 1965 gelang wieder der Aufstieg in die Division 1, da ist Red Star aber schon der Fahrstuhlklub der Liga. Nach dem erneuten Abstieg kommt es zu einem Vorgang, der vielleicht im Jahr 2014 nicht weiter für Aufsehen sorgen würde, aber damals vor allem beim Verband dafür sorgen würde, Vereinsfusionen strenger zu reglementieren.

Der Toulouse FC, der damals vom kommunistischen Politiker Jean-Baptiste Doumeng, Spitzname „der rote Milliardär“, als Präsident angeführt wurde, spielte zur gleichen Zeit in der Division 1. Allerdings herrschte zwischen dem roten Milliardär und dem obersten Stadtherren von Toulouse, Louis Bazerque von den Sozialisten, eine angespannte Stimmung. Doumeng belebte die französische Tradition des absolutistischen Herrschers neu, indem er 1967 kurzerhand entschied, seinen Toulouse FC mit dem gerade abgestiegenen Red Star fusionieren zu lassen, inklusive dem Startrecht in der Division 1 und dem Transfer aller Spieler nach Paris. Toulouse, die „ville rose“ an der Garonne im Süden Frankreichs, verlor aufgrund der guten Beziehungen Doumengs mit dem kommunistischen Saint-Ouen kurzerhand seinen Erstligisten. Eine Lücke, die erst in den 1970ern vom neu gegründeten Toulouse FC (der heute noch erstklassig spielt) gefüllt wurde. Die Finanzspritze des „roten Milliardärs“ für Red Star hatte aber nur den Effekt eines Strohfeuers und schob den erneuten Abstieg nur einige Jahre auf. Doumeng zog sich zurück und 1975 war das Kapitel Erstklassigkeit für Red Star abgeschlossen.

Dem Racing Club erging es nicht viel besser. Anfang der 60er Jahre stieg RC in die Division 2 ab, einige Jahre später gingen der sportliche Erfolg und die Zuschauer abhanden. Eine Fusion sollte auch hier die Notbremse ziehen, Partner sollte UA Sedan-Torcy werden. Die Pläne sahen vor, dass die Heimspiele mal in Paris, mal in Sedan (an der französisch-belgischen Grenze) ausgetragen werden sollten. Doch der Verband spielte nicht mit und lediglich einige Spieler, der Präsident und der Name wechselten zum „RC Paris Sedan“. Der Pariser Klub stieg in den Amateurbereich ab, sein „Nachfolger“ aus den Ardennen benannte sich 1970 in CS Sedan Ardennes um und spielt heute nach Jahren zwischen erster und zweiter Liga im viertklassigen CFA, Gruppe A.

Paris Saint-Germain – ein Nebenprodukt des Verbands

Frankreich, dessen Zentralisierung in Sachen Mode, Kultur und Bildung zwangsläufig zur Unterscheidung in Paris und Provinz führt, wurde in den 1960ern und 1970ern von Mannschaften wie Olympique Marseille, dem FC Nantes, den Girondins de Bordeaux oder dem Serienmeister AS Saint-Etienne bestimmt. Dieser Anachronismus im französischen Fußballsystem rief den Verband auf den Plan, der 1969 eine Studie in Auftrag gab, die – wenig überraschend – zu dem Schluss kam, dass Erstligafußball in Paris wünschenswert sei. Hastig wurde der Paris FC gegründet, der zunächst einfach nur existierte, aber nicht am Ligabetrieb teilnahm. Da der Verein auch hastig in die erste Liga wollte, ohne die Ochsentour durch den Amateurbereich mitmachen zu müssen, kam erneut die Idee einer Fusion mit einem Erstligisten auf den Tisch. Der einzige Erstligist in der Nähe von Paris war ironischerweise der CS Sedan Ardennes, der aufgrund der Erfahrung mit Racing ablehnte. Zwangsläufig musste Paris eine Liga tiefer suchen – und dort fand sich Stade Saint-Germain aus Saint-Germain-de-Laye, einem Vorort von Paris. Saint-Germain war eine feste Größe im Amateurbereich und 1970 als Dritter in der Amateurmeisterschaft dazu berechtigt, in die zweite Liga aufzusteigen. Die FFF schaltete sich nun ein, mit dem Ziel, den Pariser Fußball wieder auf ein hohes Niveau zu bringen: Der bislang „virtuelle“ Paris FC und Stade Saint-Germain fusionierten vor der Saison 1970-1971 zum Paris Saint-Germain FC. In der Debütsaison verlief alles nach Plan, es gelang der Durchmarsch in die Division 1.

Doch Paris wäre nicht Paris, wenn das nicht gewisse Probleme ergeben hätte. Denn eigentlich war der neue Paris Saint-Germain FC immer noch ein Vorstadtklub, der die Pariser daran erinnerte, dass die eigenen Versuche, im Profibereich Fuß zu fassen, kläglich gescheitert waren. Die Stadt, Besitzerin des „Parc des Princes“, dem großen Stadion im Westen der Stadt, verweigert dem Verein, innerhalb der Stadtgrenzen zu spielen. Die Lösung: Knapp 18 Monate nach der Zwangsehe die Scheidung. Der Paris FC durfte den Platz in der Division 1 behalten, PSG musste zurück in die Drittklassigkeit, wo bislang die Reserve spielte.

1198px-Maillots_du_PSGInteressante Trikotsammlung von PSG via Wiki Commons

Die Ironie der Geschichte: Obwohl der Planklub Paris FC alle erdenklichen Privilegien bekam, konnte er sich nicht als Pariser Aushängeschild im Profifußball etablieren. 1974 stieg der Paris FC in die Division 2 ab – im gleichen Jahr stieg der PSG ins Oberhaus auf. Geplant war alles anderes, dennoch sollte Paris nun endlich das bekommen, was es immer wollte: Einen Profiverein. Nun lenkte auch die Stadt ein und ließ den „Vorstadtklub“ im Prinzenpark spielen, wo der PSG heimisch werden sollte. Das Trainingsgelände ist dabei allerdings bis heute in Saint-Germain-en-Laye geblieben.

Von den Rosahemden über Canal+ ins Mittelmaß

1973 waren der Modeschöpfer Daniel Hechter, der Schauspieler Jean-Paul Belmondo, der Verleger Francis Borelli und weitere Mitglieder der Pariser High Society. Die Presse verlieh ihnen den Spitznamen „la gang des chemises roses“, die Bande der Rosahemden, als leichte Spöttelei gegen die Neulinge im Funktionärswesen. Doch die Größen aus der Pariser Schickeria legten den Grundstein für den Aufstieg des neuen Pariser Clubs. Hechter selbst entwarf das traditionelle Trikot der Pariser in blau-weiß-rot. Der PSG wurde damals der Verein des „show biz“, konnte sich aber auch im Ligaalltag bewähren. Für Präsident Hechter war das Kapitel PSG bereits 1978 wieder beendet: Eine Affäre um Eintrittskarten kostete ihn das Amt.

Francis Borelli übernahm den Verein und führte ihn 13 Jahre lang. Unter seiner Ägide gewann PSG seine ersten nationalen Titel. 1982 und 1983 gewann Paris den Coupe de France, den französischen Pokalwettbewerb. Maßgeblichen Anteil an den Erfolgen hatten der aus Saint-Etienne 1980 nach Paris gewechselte Angreifer Dominique Rocheteau und der algerische Stürmer Mustapha Dahleb, der bereits seit 1974 den Pariser Aufstieg mittrug. Der ganz große Triumph folgte 1986: 50 Jahre nach dem letzten Pariser Meistertitel durfte der mittlerweile von Gérard Houllier trainierte PSG die Saison als Erster beenden. Mit Spielern wie Luis Fernandez und Safet Susic war nun Paris erstmals seit Jahrzehnten das Zentrum des französischen Fußballs.

Die künstliche Feindschaft

Doch die Konkurrenz ließ nicht lange auf sich warten. In Südfrankreich übernahm der schillernde, wie berüchtigte Bernard Tapie das Ruder bei Olympique Marseille und dominierte Ende der 1980er den französischen Fußball. Zwischen 1989 und 1992 gab es vier Meistertitel in Folge für OM. In Paris herrschte Frust. Der Bezahlfernsehsender Canal+ witterte hingegen eine Chance: Mit einem Einstieg bei PSG würde der Ligafußball wieder an Spannung gewinnen. Canal + übernahm die Mehrheit am Hauptstadtklub und Michel Denisot wurde Präsident. Der Sender profitierte von der viel älteren, tiefer sitzenden Rivalität zwischen den Städten Paris und Marseille. Allein – die Rivalität zwischen beiden Klubs ist damit eher jungen Alters und fußte vor allem auf den ökonomischen Interessen der beiden großen Männer im Hintergrund, Tapie und Denisot.

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PSG Fans beim Pokalfinale 2006 via Wiki Commons

Vielleicht eine tragische Begleiterscheinung dieser Interessen: In den 1980er Jahren schwappte der Ultra-Gedanke von Italien auch nach Frankreich. Mit dem Commando Ultra (1984) aus Marseille und den Boulogne Boys (1985) des PSG fanden auch früh die fanatischen Anhänger beider Klubs ihre Gruppen nach italienischem Vorbild. Allerdings gab es zu dieser Zeit zwischen den Pariser und Marseillaiser Gruppen keine Rivalität – im Gegenteil: Wie das französische Fußballkulturmagazin SO FOOT 2014 berichtete, existierten durchaus freundschaftliche Kontakte auf persönlicher Ebene zwischen Ultras aus Marseille und Paris. Die spätere Rivalität der großen „dirigeants“ übertrug sich erst mit Canal+ auf die Fans – und trug damit zu den unschönen Seiten des französischen Fußballs bei.

Sportlich brachte die Zeit mit Canal+ den PSG zurück an die Spitze – auch begünstigt von einem Bestechungsskandal, der OM kurz nach deren Sieg in der Champions League zurück in die zweite Liga versetzte. Mit David Ginola und George Weah gewann PSG 1994 seinen zweiten Meistertitel. Danach sollte die Ligue 1 in Frankreich allerdings eine wechselhafte Angelegenheit werden. Bis 2002 gewann kein Team zweimal in Folge den Titel, Meister wie der AJ Auxerre, der FC Nantes oder der RC Lens konnten so zwar auf nationaler Ebene das Geschehen bestimmen, auf internationaler Ebene blieben die „Großen“ wie Marseille, Monaco oder eben Paris bestimmend. 1996 sicherte sich der PSG den Europapokal der Pokalsieger – sein bis heute einziger großer Titel auf europäischer Bühne. Es drohte jedoch eine schleichende Marginalisierung. Zwischen 2002 und 2008 hatte Olympique Lyonnais den Meistertitel abonniert.

Die neue Zeitrechnung ab 2011

Im Jahr 2011 änderte sich die Hegemonie im französischen Fußball endgültig, nachdem mit Bordeaux, Marseille und Lille die alten Größen Frankreichs wieder unter Beweis stellten, dass Lyon schlagbar ist. Der PSG, in der Zwischenzeit das Eigentum vom US-Investor Colony Capital, war hoch verschuldet. Das Qatar Sports Investments, ein staatlicher Fonds des Emirats Katar, übernahm die Mehrheit am Pariser Verein und dessen Schulden, um ihn wieder auf ein internationales Niveau zu heben. Nachdem 2012 überraschend der kleine südfranzösische Montpellier HSC das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg gewann, stellte sich der erneute Planerfolg ab 2013 mit der ersten Meisterschaft seit 19 Jahren ein, die 2014 prompt verteidigt wurde. Möglich machten dies millionenschwere Neuzugänge wie Javier Pastore, Maxwell, Edinson Cavani und nicht zuletzt Zlatan Ibrahimovic. Sogar David Beckham ließ sich im Spätherbst seiner Karriere zu einem „Cameo“-Auftritt im Prinzenpark überreden, der sportlich kaum der Rede wert war und auch eher in die Abteilung Marketing gehört, da der ehemalige englische Nationalmannschaftskapitän sein Gehalt karitativen Einrichtungen spendete. International regt der Verein die Gemüter: Das finanzielle Engagement des WM-Gastgeberlandes 2022 Katar in Paris wird oft als „Whitewashing“ im Vorfeld des jetzt schon umstrittenen Turniers kritisiert. Zudem beschweren sich Konkurrenten auf internationaler Ebene, allen voran der FC Bayern München, darüber, dass der PSG die Regelungen zum „Financial Fairplay“ umgehe. Zuletzt schloss der PSG einen Sponsoringvertrag mit Katars Tourismusbehörde ab, der dem Verein bis 2016 600 Millionen Euro einbringen soll.

Stars statt Skandalklub

Die jüngsten Entwicklungen stellen die Frage nach dem Platz des Fußballs innerhalb der Stadt. Paris war und ist eine Stadt der Gegensätze, viele sagen sogar: Paris ist nicht das wirkliche Frankreich. Vielleicht geht die These zu weit, denn sie bildet die Gegensätze der französischen Gesellschaft ab: Die bürgerliche Elite, die Jahre ihrer Jugend opfert, um später leitende Positionen in Unternehmen und Behörden einzunehmen, aber auch Einwanderer und die „classe populaire“, die von steigenden Mietpreisen in den Pariser Norden und die Vorstädte gedrängt wird und für die der Alltag in Paris ein täglicher Kampf ist. Genauso war auch Paris Saint-Germain ein verbindendes Element aller Pariser und immer etwas, auf das die Einwohner zumindest in erfolgreichen Zeiten stolz sein konnten.

Allerdings sorgten andere Entwicklungen bereits vor dem Einstieg Katars bei PSG für ein Ende der Fankultur. Traditionell gab es mit dem Kop of Boulogne (KOP) eine rechts orientierte, mit Hooligans gefüllte Kurve, während in der Virage Auteuil (VA) Fans unterschiedlicher Hautfarbe und Religionszugehörigkeit zusammenfanden. Die Spannungen beider Kurven führten bei einem Heimspiel gegen Marseille im Jahr 2010 dazu, dass hunderte Hooligans der KOP Anhänger der Virage Auteuil attackierten – aus Marseille waren aufgrund eines Boykotts keine Ultra-Gruppierungen angereist. Die Angriffe endeten mit schweren Auseinandersetzungen, bei denen ein Hooligan der KOP so schwer verletzt wurde, dass er später verstarb. Für den Verein, der aufgrund früherer Vorfälle bereits auf Kriegsfuß mit seinen organisierten Anhängern stand, war das der Anlass mit dem „plan Leproux“ (benannt nach dem damaligen Präsidenten) praktisch alle bestehenden Ultra-Gruppierungen zu verbieten und künftigen Ultra-Aktivitäten strenge Auflagen vorzugeben.

Während der „plan Leproux“ 2010/2011 noch ernsthaft dazu geeignet war, dem Verein wirtschaftlich zu schaden, da die Zuschauerzahlen drastisch sanken, so erwies er sich mit der Ankunft Katars als Filter, um das Image des Vereins von Anfang an neu zu definieren. Die Nachfolger der verbotenen Ultra-Gruppen traten entweder in den Dauerboykott, die Lethargie oder gingen im nun weitgehend sterilen Prinzenpark akustisch unter. Für den Verein bot der plan Leproux die Möglichkeit, schon vor dem Stadionbesuch die künftigen Stadiongänger zu selektieren – sofern dies noch nicht über die gestiegenen Preise geschehen war. Mit den Transfers von Superstars wie „Zlatan“ nach Paris, stieg nämlich schlagartig auch wieder das Interesse am PSG.

Was bringt die Zukunft?

Die turbulente Pariser Fußballgeschichte scheint nun 2014 dort angekommen, wo sie sich immer wähnte: Ganz oben. Zum Preis einer vielfältigen Fankultur? Mal mehr, mal weniger treue Fans hat der immer noch im Stade Bauer spielende Red Star FC, den außerhalb Frankreichs noch immer der Ruf des „französischen St. Paulis“ ob seiner Fanszene ereilt. Nach Jahren der Pleite und der Bedeutungslosigkeit ist man zumindest zurück in der „National“, der dritthöchsten Liga. Altstars wie zuletzt Steve Marlet oder aktuell David Bellion nähren die Hoffnung der Red-Star-Anhänger auf einen Aufstieg in die Ligue 2. Der zweite Kampf, den die Anhänger selbst ausfechten müssen, ist der um das vom Verfall bedrohte Stade Bauer. Der Präsident Patrice Haddad würde gerne einen Neubau in den Docks von Saint-Ouen ansiedeln – die Fans drängen auf eine Modernisierung der traditionellen Spielstätte.

In einem modernen Stadion, dem Stade Charléty im 13. Arrondissement im Pariser Süden, spielt der ehemalige Planklub Paris FC. Obwohl der PSG aktuell den Platz einnimmt, der für den PFC vorgesehen war, scheint der Wille einiger Stadtherren, den Verein wieder in den Profibereich zu hieven, ungebrochen. Trotz weniger Sponsoren und einer durchschnittlichen Zuschauerzahl im dreistelligen Bereich darf der Verein das moderne Leichtathletik-Stadion nahe der Cité Universitaire nutzen und soll sich zumindest in der Ligue 2 etablieren. Aktuell ist der Paris FC in der Spitzengruppe der National und seinem ersten Etappenziel nahe.

Ob dies zu einer Renaissance der Fankultur führt? Mit Skepsis darf diese Aussicht hinterfragt werden: Als es beim Drittligaderby zwischen Red Star und dem Paris FC zu Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen beider Vereine kam, machten lokale Politiker gleich ehemalige Ultras des PSG für die Gewalt verantwortlich. Fans sind in Paris nicht Teilnehmer am Geschehen, sondern seit 2011 vor allem Kunden und Zuschauer – die beim PSG das große Erlebnis bekommen und beim Paris FC vielleicht in ein bis zwei Jahren das entsprechend kleinere zum geringeren Preis. Ultras gibt es nur vor allem noch bei Red Star, in geringerem Maße beim Paris FC und beim von Fans neu gegründeten Ménilmontant Football Club, der von ehemaligen Mitgliedern der Virage Auteil besucht wird.

Obwohl der aktuelle Präsident des PSG, Nasser Al-Khelaïfi, eine Rückkehr der Ultras in den Prinzenpark nicht ausschließt, so hat er doch offen zugegeben, dass dieses Thema für den Verein derzeit keine große Rolle spielt. So verwirklicht am Ende vielleicht doch der Schwede Zlatan Ibrahimovic, längst Figur der Popkultur in Frankreich, wie kein Zweiter das Verhältnis der Pariser zum Fußball: Es geht vor allem darum, dem Rest Frankreichs die eigene, unumstrittene Klasse zu demonstrieren. Nach einer langen Zeit der Leiden.

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2 Kommentare

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  2. Kolja Hack

    Hey und Bonjour Carsten,
    finde den Report sehr gut. Recherchiere gerade auch über Fußball Clubs in Paris, bzw. wollte damit anfangen. Dabei geht es mir aber eher um die “kleineren” Clubs, die dann die Spieler an Clubs wie PSG o.a. abgeben.
    Meinst du, wir hätten die Chance mal über die Clubs in Paris zu schnacken?
    Wäre echt nett, wenn du dich mal meldest.
    Vielen DANK und beste Grüße
    Kolja

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