Der Fußball verdrängt nicht mehr

Über Jahrzehnte war der Fußball ein Symbol für die Ignoranz gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus. Doch inzwischen haben Fans, Aktivisten und Historiker eine lebendige und kritische Erinnerungskultur rund um ihre Vereine entwickelt. Mit Forschungen, Gedenkstättenfahrten und politischer Bildung. Ihr Leitmotiv: „Nie Wieder!“ Teil 9 der Themenreihe: „Fußball und Menschenrechte“.

Autor: Ronny Blaschke, ronnyblaschke.de

In den vergangenen Tagen sind Stadien, Plätze und Vereinsheime zu Gedenkorten geworden. In Gelsenkirchen putzten Fans des FC Schalke 04 Stolpersteine. In St. Pauli, Mainz oder Freiburg überspannten riesige Banner die Tribünen, darauf war unter anderem zu lesen: „Kein Vergeben, kein Vergessen!“ In Düsseldorf trugen Spieler T-Shirts mit dem Schriftzug „Nie Wieder!“ In Frankfurt, Hamburg oder Osnabrück diskutierten Zeitzeugen, Wissenschaftler und Fans über Vereine im Dritten Reich.

In München arbeitete das Museum des FC Bayern mit dem Stadtarchiv zusammen. Auf Tafeln in der Stadt und am Stadion informierten sie über die 26 Vereinsmitglieder, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Passanten sahen das Klublogo auf den Tafeln, blieben stehen, kamen mit den Mitarbeitern des Museums ins Gespräch. Der Internetsender des FC Bayern drehte einen kurzen Film darüber, inzwischen mit rund 240.000 Aufrufen. Diese Ereignisliste ließe sich lange fortsetzen.

Der Anstoß für den Erinnerungstag kam aus Italien

Lange war der Fußball ein Symbol für die weit verbreitete Ignoranz gegenüber der Geschichte. So wie Ministerien, Unternehmen oder Banken wollten auch der Deutsche Fußball-Bund und die großen Vereine nicht über ihre Rolle im Nationalsozialismus nachdenken. „Doch das hat sich geändert. In nur einem Jahrzehnt ist aus dem Nachzügler ein Vorbild geworden“, sagt Sporthistoriker Lorenz Peiffer, der lange an der Universität Hannover gewirkt und etliche Bücher zum Thema herausgegeben hat, unter anderem: „Hakenkreuz und rundes Leder“ sowie „Sportler im Jahrhundert der Lager“.

Vereine gegen Rechts, Quelle: Archiv Nie Wieder

Peiffer hielt Mitte Januar in Frankfurt am Main einen Vortrag auf einer Konferenz des Bündnisses „Nie Wieder“. Mehr als 200 Zeitzeugen, Aktivisten und Fans diskutierten in Workshops. Die übergeordnete Frage: Welche Rolle kann der Fußball in einer zeitgemäßen Erinnerungskultur einnehmen? In einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeugen von ihrem Leid berichten können. Wie schafft man es 74 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, dass das Gedenken nicht zum Ritual verkümmert?

Seit nunmehr 15 Jahren stößt das Netzwerk „Nie Wieder“ rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar Aktionen im Fußball an. Und von Beginn an war es eine Bewegung der Basis. Der Anstoß war aus Italien gekommen. Dort hatte Riccardo Pacifici, Präsident der Jüdischen Gemeinde in Rom, Gedenkaktionen in die Stadien gebracht. Aktivisten der Versöhnungskirche Dachau haben diesen Anspruch 2004 und 2005 auf die deutschen Arenen übertragen. Sie mussten viel Geduld aufbringen.

Die Quellenlage der Vereine ist dürftig

Denn nur langsam schenkten Präsidien, Aufsichtsräte und Mitarbeiter der Vereine den geschichtsbewussten Anhängern etwas Aufmerksamkeit. Wichtige Referenzwerke zu Beginn waren die Bücher „Stürmer für Hitler“, 1999 vorgelegt von den Journalisten Gerhard Fischer und Ulrich Lindner, sowie 2002 die Studie von Gerd Kolbe über den „Der BVB in der NS-Zeit“. Es folgten zahlreiche Bücher über Vereine und ihre Verstrickungen im Nationalsozialismus, meist recherchiert und geschrieben von engagierten Fans und Historikern, oft unter Duldung der Klubs, manchmal gegen Widerstände. Der Verlag, der die meisten Bücher zum Thema veröffentlicht: „Die Werkstatt“ mit Sitz in Göttingen.

„Die Quellenlage bei den meisten Vereinen ist dürftig“, sagt Matthias Thoma, der als Leiter des Eintracht-Frankfurt-Museum eine intensive Forschung begleitet. Alte Mitgliederlisten oder Korrespondenzen seien kaum erhalten, und doch gebe es Möglichkeiten für Recherchen: in Stadtarchiven, Amtsgerichtsakten oder historischen Instituten. „Vor 15 Jahren war es etwas Besonderes, wenn Vereine sich der Erinnerungskultur gewidmet haben, heute wird eher der Verein beäugt, der sich dazu nicht äußert“, sagt Thoma, der nur noch wenige Zeitzeugen interviewen kann. Daher werden die biografischen Interviews digital festgehalten.

Dieser Wandel brachte mehr Fans dazu, nach vergessenen Persönlichkeiten zu suchen. Der DFB rehabilitierte Julius Hirsch, einen von zwei jüdischen Nationalspielern seiner Geschichte, ermordet 1943 in Auschwitz. Hirsch wurden Auszeichnungen, Sportstätten und Theaterstücke gewidmet. Die Ultras der „Schickeria“ in München hielten über Jahre die Erinnerung an Kurt Landauer wach, den einstigen jüdischen Aufbauhelfer des FC Bayern. Der Name Landauer prägt nunmehr Turniere und Veranstaltungen, einen Spielfilm, eine Ausstellung, eine Stiftung und eine App. Auch in Nürnberg, Fürth, Mainz und vielen anderen Orten schufen Fans Öffentlichkeit für verfolgte jüdische Mitglieder. Aber immer mehr auch für andere Opfergruppen: Sinti und Roma, Homosexuelle, Andersdenkende. „Mit dem Bezug zu ihrer Leidenschaft Fußball erreichen wir junge Menschen auf einer emotionalen Ebene, die sie woanders seltener zulassen”, sagt Eberhard Schulz, Sprecher und prägender Kopf des Netzwerkes „Nie Wieder“.

Durch das Gedenken begegnen sich Milieus, die sonst nebeneinander leben

Zunehmend ging das Interesse von kleinen Fachkreisen innerhalb der Vereinslandschaft auf andere Bereiche über. Klubs und pädagogische Fanprojekte gingen Partnerschaften mit Gedenkstätten ein. Vor ihren Auswärtsspielen in München besuchen Fangruppen das frühere KZ im nahen Dachau. Über den Bezug zu Sportlern aus Hamburg informiert die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme. In Berlin erforschten Hertha-Fans in Archiven das Leben des jüdischen Mannschaftsarztes Hermann Horwitz, die Ergebnisse wurden auch im Stadtmuseum diskutiert. Und die Schalker Fan-Initiative arbeitet für Konzerte, Vorträge und Ausstellungen mit der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen zusammen. „Es ist uns wichtig, dass wir uns nicht nur zu Aktionen treffen, sondern auch darüber hinaus“, sagt Susanne Franke von der Schalker Gruppe. So kommen sich Milieus näher, die sonst mitunter nebeneinander leben.

Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Dachau, Quelle: Archiv Nie Wieder

Von den rund sechzig Fanprojekten in Deutschland haben sich fast alle der Erinnerungsarbeit angenommen. Doch mit einem kurzen Besuch in einer Gedenkstätte sei es nicht getan, findet Daniel Lörcher, Abteilungsleiter für Fanangelegenheiten bei Borussia Dortmund. Lörcher hat mehrfach Fans, BVB-Mitarbeiter sowie Fanexperten aus ganz Deutschland auf Gedenkstättenfahrten begleitet. Wichtig sei eine ausführliche Vorbereitung, in der sich die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Altersgruppen kennenlernen. „Manche Opferzahlen mögen abstrakt erscheinen, daher möchten wir das Thema über Biografien von Opfern erschließen“, sagt Lörcher. „Wir individualisieren und stellen einen breiteren Kontext her. Wir möchten uns auf den Ort einlassen.“

In einer Umfrage der Wochenzeitung Die Zeit 2010 kam heraus, dass sich mehr als zwei Drittel der Jugendlichen ab 14 Jahren für den Nationalsozialismus interessieren. Allerdings fühlen sich vierzig Prozent genötigt, Betroffenheit zu zeigen. Die Freiwilligkeit der Teilnehmenden sei wichtig, sagt Lörcher, es gehe nicht darum, zu belehren oder eine Schockwirkung zu erzeugen. Ein abschreckendes Beispiel: Der FC Chelsea schickte rund hundert Fans vor kurzem für einen Tagestrip nach Auschwitz. Einige von ihnen hatten bei Spielen antisemitische und rassistische Schmähungen gerufen, so konnten sie ihre Stadionsperren mindern.

Die Täter und Profiteure bleiben im Hintergrund

„Es darf keine Erwartungen an das Empfinden geben“, sagt der Berliner Historiker Andreas Kahrs, der ebenfalls Gedenkstättenfahrten im Fußballkontext didaktisch begleitet. „Das emotionale Aufladen kann zu einer Abkehr vom Thema führen.“ Manchmal wird Kahrs in Workshops gefragt, ob rechte Hooligans auf solchen Reisen „bekehrt“ werden können. „Eine Gedenkstätte, in der Familien an ihre Vorfahren erinnern, sollte man nicht instrumentalisieren.“ Für Diskussionen von Sozialarbeitern mit rechtsoffenen Fans gibt es andere Orte, zum Beispiel das Haus der Wannseekonferenz, wo führende Nazis 1942 den Holocaust organisiert hatten. Und generell müsse man nicht immer in die Ferne streben. In fast jeder Stadt gibt es Erinnerungsorte, historische Museen oder Gedenktafeln.

Die Universität Bielefeld untersucht seit langem die menschenfeindlichen Einstellungen in der Gesellschaft, auch die Verharmlosung des Holocaust. 55 Prozent der Befragten stimmten 2014 folgendem Zitat zu: „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“

Was sind die nächsten Schritte in der Erinnerungskultur rund um den Fußball? Es ist das eine, an die Opfer zu erinnern, aber wie sieht es mit den Tätern, Profiteuren und Mitläufern aus? Der DFB gestaltet und fördert mittlerweile viele Gedenkprojekte, insbesondere durch seine Kulturstiftung. Aber zu seinem vierten Präsidenten äußert er sich kaum. Felix Linnemann war als Leiter der Kriminalpolizeileitstelle in Hannover auch an der Deportation von Sinti und Roma beteiligt. Und auch viele Geldgeber sind noch nicht so weit wie „Evonik“, der Hauptsponsor von Borussia Dortmund, der etliche Projekte unterstützt, immer mit dem Verweis zu den Verstrickungen seiner Vorgängerunternehmen im Nationalsozialismus.

Der Historiker Lorenz Peiffer glaubt, dass das Geschichtsbewusstsein im Fußball noch tiefer verankert wird: „In den Verbänden übernimmt eine junge Generation wichtige Posten.“ Vereine wie der HSV und Hertha BSC haben den Ausschluss jüdischer Mitglieder im Dritten Reich nachträglich zurückgenommen. In Frankfurt wird jährlich eine Auszeichnung für Erinnerungsarbeit ausgerufen, ihr Name: „Im Gedächtnis bleiben“. So kommt Cacau, Integrationsbeauftragter des DFB, zu der Schlussfolgerung: „Ich glaube, dass kein Land so offen zu seiner Geschichte steht wie Deutschland. Auch der Fußball hat daran seinen Anteil.“

v.l.: Matthias Thoma, Susanne Franke, Daniel Lörcher, Foto: Ronny Blaschke

Weiterhören: Über Erinnerungskultur im Fußball sprach Ronny Blaschke beim DLF im Sportgespräch mit Matthias Thoma, Susanne Franke und Daniel Lörcher.


Autor und Themenreihe

Ronny Blaschke beschäftigt sich als Journalist mit den gesellschaftlichen Hintergründen des Sports, u. a. für die Süddeutsche Zeitung, den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle. Mit seinen Büchern stieß er wichtige Debatten an, zuletzt mit „Gesellschaftsspielchen“ zur sozialen Verantwortung des Fußballs.


Die ganze Themenreihe auf einen Blick

Der Fußball verdrängt nicht mehr

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Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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