Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR aufwachsen. Die im gleichen Viertel groß werden, sich aus dem Schutt des Krieges einen eigenen Fußballplatz an ihrer Straße bauen, dort die Spielansetzungen gegen die Teams aus den anderen Straßen an die Wände schreiben. Die schließlich als Klassenmannschaft 1954 den Titel des “Stadtmeisters der Magdeburger Schulen” erringen, um anschließend auf Bezirksebene erst im Finale zu unterliegen. Eine Handvoll Freunde, die nach der 8. Klasse geschlossen in einen Verein eintreten, dort die B-Jugend-Konkurrenz zwei Jahre lang nach Belieben dominieren und denen schließlich, als aus Jungen Männer werden, für eine Karriere im höherklassigen Fußball die damaligen Strukturen im Wege stehen. Einer dieser Jungs ist mein Vater. Das ist auch seine Geschichte.

Alexander Schnarr, nurderfcm.de | 120minuten.net

Magdeburg, Anfang der 1950er Jahre. Die heutige Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts wurde am 16. Januar 1945 durch einen verheerenden Luftangriff der alliierten Streitkräfte stark zerstört, 90% der Altstadt fielen den Bomben zum Opfer, über 2.000 Menschen starben, mehr als 190.000 wurden ausgebombt. Die Auswirkungen sind noch deutlich zu spüren, die Aufräum- und Aufbauarbeiten kommen nur langsam voran. Wenige Jahre zuvor war ein neuer Staat gegründet worden; Magdeburg liegt nun auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik, des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates. Die Helden unserer Geschichte kümmern die politischen Umstände freilich wenig und die sozialen wie ökonomischen nur insofern, als dass man im Alltag einfach gewaltig improvisieren und mit dem klarkommen musste, was man eben so vorfand. Das war zwar nicht allzu viel, reichte aber trotzdem, um sich mit den für damalige Verhältnisse typischen Aktivitäten die Zeit zu vertreiben: Man ging zur Schule, half den Eltern mit Haus und Hof und spielte ansonsten vor allem Fußball. Immer. Die ganze Zeit. Und: bereits in jungem Alter erstaunlich selbstorganisiert. Glaubt man den Erzählungen, müssen das große Schlachten gewesen sein damals, die die Jungs aus der “Wedringer” in Magdeburg-Neustadt zum Beispiel gegen die Friedrich- oder die Kurze Straße geschlagen haben, auf einem Fußballplatz, den man sich auf einem Trümmergrundstück selbst hergerichtet hatte. Die Duelle wurden auf Häuserwänden angekündigt und Sieg oder Niederlage machten einen entweder zum König des Viertels oder zum Gespött der anderen. Eine Zeitlang zumindest, bis zum nächsten Duell.

Magdeburgs Beste und Vize im Bezirk

Die Talente der Jungs blieben natürlich auch den Erwachsenen nicht verborgen und so kam der eine oder andere schon im jungen Alter mit dem Vereinsfußball in der Nachbarschaft in Kontakt. Wirklich ernsthaft gekickt wurde aber überwiegend weiter auf der Straße mit den Freunden aus dem Viertel, die neben Mannschafts- irgendwann zu Schulkameraden wurden. Und das war – zumindest in fußballerischer Hinsicht – ein großes Glück für die Truppe, denn: organisierter, wettbewerbsorientierter Fußball war in jenen Jahren unterhalb der B-Jugend lediglich auf Schulebene möglich, weil sich die Strukturen im Jugendfußball, wie so vieles in dem noch jungen Staat, gerade erst im Aufbau befanden:

“Bis zur Gründung der DDR gab es erst eine zentrale Veranstaltung für den Nachwuchs: die Meisterschaften für die 16- bis 18jährigen Fußballspieler (A-Jugend). Ein Jahr später folgte der “Junge-Welt”-Pokal, im Jahr 1949 vom Zentralorgan der FDJ zur Förderung des Berliner Nachwuchsfußballsports ins Leben gerufen, nun ein als Einladungsturnier im Republikmaßstab ausgeschriebener Wettbewerb. In der Saison 1951/1952 kamen die Meisterschaften der 14- bis 16jährigen (B-Jugend) und der FDGB-Wanderpokal, zunächst für die A- und ab 1955 für die B-Jugend, sowie Ende des Jahres 1952 das Hallenfußball-Schülerturnier um den “Wanderpokal des 13. Dezember”, anläßlich des 4. Jahrestages der Pionierorganisation “Ernst Thälmann” aus der Taufe gehoben, in Dippoldiswalde hinzu.” (Schulze 1976, S. 77)

Mit anderen Worten: Wollte man als Zehn-, Elf- oder Zwölfjähriger Anfang der Fünfziger Jahre in der DDR wettbewerbsorientiert Fußball spielen, ging das im Prinzip nur über die Schule. So ist denn auch im Zusammenhang mit dem besagten Wanderpokal ausschließlich von Schulmannschaften die Rede:

“Am 13. Dezember 1952 schließlich fand dann in der Jahnturnhalle das erste große republikoffene Hallenturnier statt, das der Dresdner Hallenmeister, die 7. Grundschule Dresden, durch einen 5:2-Endspielsieg über die Ernst-Thälmann-Schule Kirschau gewann. Der wertvolle “Wanderpreis des 13. Dezember” wurde im nächsten Jahr von der 7. Grundschule Grimma errungen.” (ebd., S. 78)

Auch die Jungs aus der Wedringer Straße in Magdeburg kickten dementsprechend zusammen in der Schulmannschaft, die genau genommen eigentlich eine Klassenmannschaft war, rekrutierte sich das Team doch im Wesentlichen aus der “a”, also der Klasse meines Vaters und dem großen Teil seiner Freunde. Enorme Unterstützung erfuhr das Team vom damaligen Direktor der Schule, einem absoluten Fußballfanatiker, der die Jungs mitunter schon auch mal einfach trainieren ließ, wenn eigentlich Unterricht anstand. Waren Vergleiche mit den anderen Magdeburger Schulen angesetzt, konnte auch mal auf wundersame Weise der Unterricht ausfallen; zum Stadtmeisterschaftsfinale 1954 war komplett schulfrei, während alle Kinder gleichzeitig angehalten waren, sich am Endspielort im Süden der Stadt einzufinden, um die eigene Mannschaft zu unterstützen. “Weitere Privilegien in dem Sinne haben wir eigentlich keine gehabt”, erzählte mir Wolfgang Bäse, Vizekapitän der ‘54er Stadtmeistermannschaft, im April 2017 bei einem Gespräch im Wintergarten meiner Eltern, “aber es konnte durchaus schon mal vorkommen, dass man, wenn man eine Arbeit verhauen hatte und deswegen eigentlich nicht hätte spielen dürfen, die Unterschrift der Eltern erst ein, zwei Tage nach dem Spiel vorzeigen musste.”

Ähnlich wie früher auf der Straße, ging es nun auch in der Schulmeisterschaft in jedem Spiel um alles, war der Wettbewerb doch als K.O.-Turnier organisiert und konnte dementsprechend jede Partie die letzte sein. Und wie früher im Viertel gab es nun auch im organisierten Wettkampfbetrieb hartnäckige Konkurrenz, die es zu schlagen galt. Wie ernst auch die Zuschauer die Begegnungen zwischen den Schulen nahmen, illustriert eine Anekdote aus dem Halbfinale: Mittelfeldspieler Manfred Schnarr will eine Ecke schlagen, wird aber in der Ausführung zu Fall gebracht – von einem Rentner im Publikum, der mit seinem Krückstock ausgeholt hatte und dem jungen Kicker mitten in der Bewegung das Bein wegzog.

Diesen und anderen Widrigkeiten zum Trotz stieß das Team bis ins Finale vor und gewann es schließlich auch – vielleicht nicht unbedingt als technisch und taktisch beste Mannschaft, wohl aber als vermutlich eingespielteste Truppe im Teilnehmerfeld. Ein Pfund, mit dem man auch später im Verein noch gewinnbringend würde wuchern können. Als “Stadtmeister der Magdeburger Schulen” war man nun auch berechtigt, die eigenen Farben auf Bezirksebene zu vertreten. Plötzlich kamen die Gegner nicht mehr von der Richard-Dembny-Schule in Magdeburg-Ottersleben oder der Martin-Schwantes-Schule in Magdeburg-Sudenburg, sondern aus der Magdeburger Börde und der Altmark. Auch hier waren die Jungs, die einst auf der Straße zusammen kickten und plötzlich als beste Magdeburger Jugendmannschaft am Bezirkspokal teilnahmen, überaus erfolgreich und scheiterten erst im Finale. Dennoch ein Riesenerfolg für die Truppe der Thomas-Müntzer-Schule aus Magdeburg-Neustadt: Man stellte im Jahr 1954 die zweitbeste Schülermannschaft im gesamten Bezirk, also der nördlichen Hälfte des heutigen Sachsen-Anhalt.

Die Stadtmeister 1954

Wie sich erst viel, viel später herausstellen sollte, würden diese Erfolge die einzig zählbaren für das Team um Wolfgang Bäse, Manfred Schnarr, Günther Warras, Hansi Lorenz, Ingo Bode und Co. bleiben. Und das, obwohl man nach dem Verlassen der (damals noch achtjährigen) Grundschule im Jahr des Stadtmeisterschaftsgewinns nahezu geschlossen in die B-Jugend der BSG Einheit Magdeburg wechselte, dort zwei weitere Jahre lang äußerst erfolgreich zusammen kickte und unter anderem im Rahmen eines Einladungsturniers im Jahr 1956 die Altersgenossen der Stuttgarter Kickers besiegen konnte. Das heißt, genau genommen wechselte man nicht in die B-Jugend, man war die B-Jugend des Clubs. Oder noch genauer: Man war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich die einzige Jugendmannschaft, die für die BSG Einheit Magdeburg um Punkte kämpfte – und das sollte, was zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls noch nicht absehbar war, für den weiteren Werdegang der Bezirksvizemeister von 1954 entscheidend sein.

Betriebssport “von oben”

Bevor wir diesen Punkt wieder aufgreifen, lohnt an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Ausflug in den leistungsorientierten DDR-Fußball zur damaligen Zeit und zur Bedeutung Magdeburger Fußballmannschaften im republikweiten Vergleich. Organisiert gekickt wurde sowohl in der sowjetischen Besatzungszone als auch bundesweit nach dem 2. Weltkrieg relativ schnell wieder; für den Osten Deutschlands ist bereits ab Herbst 1945 wieder ein geregelter Wettkampfbetrieb dokumentiert, der allerdings zunächst lediglich auf Stadt- und Kreisebene stattfand und sich nur langsam auf überregionale Vergleiche ausdehnte. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Entwicklung des Sports in der ehemaligen DDR immer auch eng mit dem Versuch der Entwicklung der Gesellschaft als Ganzer verwoben war. Mit anderen Worten: Der Aufbau von Strukturen im DDR-Fußball war immer auch eine politische Veranstaltung. Gut zeigen lässt sich das anhand des Umstandes, dass zunächst der kommunistische Jugendverband FDJ (“Freie Deutsche Jugend”) mit der Organisation und Leitung des Spielbetriebs betraut war: “Anstelle einer Aufsicht durch die Sportämter trat die politische Führung des Sports durch die einheitliche, antifaschistisch-demokratische Jugendorganisation. Die Beschränkungen des Sportverkehrs auf das Kreisterritorium wurden durch einen Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) aufgehoben.” (ebd., S. 16).

Im Oktober 1948 trat der “Freie Deutsche Gewerkschaftsbund” (FDGB) neben der FDJ als weiterer Träger der im politischen Vokabular der DDR-Führung so bezeichneten “demokratischen Sportbewegung” hinzu; gemeinsam mit dem FDGB-Vorsitzenden Hans Jendretzky verkündete ein gewisser Erich Honecker, Ende der 1940er Jahre Vorsitzender des Zentralrats der FDJ, bereits am 1. August 1948 folgendes:

“Die Zeit des Aufräumens und der Vorbereitung ist nun vorbei. Endlich können wir an den Aufbau einer einheitlichen demokratischen deutschen Sportbewegung herangehen… Wir rufen auf, in allen Dörfern, Städten und Großbetrieben Sportgemeinschaften ins Leben zu rufen, an deren Spitze die besten und bewährtesten antifaschistischen Sportler treten sollen. Die demokratischen Sportler, vereint in den Sportgemeinschaften, sollen ihre ehrenvollen Aufgaben in der Gesundung unseres Volkes sowie der Wiederherstellung einer friedlichen Wirtschaft erblicken… Wir wollen unseren Sport so entwickeln, daß er der Gesunderhaltung des Körpers und der Leistungssteigerung im Beruf dient und damit Freude, Frohsinn und Entspannung von der täglichen Arbeit schafft. Die Sportler und Sportlerinnen werden gemeinsam mit den Millionen organisierter fortschrittlicher Menschen den Kampf gegen den Faschismus und für den Frieden führen. Unsere demokratische Sportbewegung wird der Wiederherstellung des Ansehens Deutschlands in der Welt und der Freundschaft der Jugend aller Völker dienen.” (ebd., S. 20)

Mit dieser Initiative einer “demokratischen Sportbewegung” endete im Osten Deutschlands gewissermaßen auch endgültig die Zeit bürgerlicher Vereine (die mit Kriegsende ohnehin verboten und weitestgehend aufgelöst worden waren), stellte man doch im weiteren Verlauf auf “Betriebssport” in Trägerschaft der staatlichen Unternehmen, der sogenannten “volkseigenen Betriebe”, um. Fortan traten die Teams also als Betriebssportgemeinschaften (BSG) gegeneinander an, wobei die Vereinsnamen anzeigten, zu welcher Organisation die Mannschaften jeweils gehörten. Während die Paarungen in der Saison 1949/1950 beispielsweise “BSG Waggonbau Dessau” gegen “BSG Märkische Volksstimme Babelsberg” oder “ZSG Horch Zwickau” gegen “ZSG Industrie Leipzig” lauteten, spielte später ‘Traktor’ gegen ‘Aktivist’ und ‘Chemie’ gegen ‘Lokomotive’.

Dominanz sächsischer Teams in den Anfangsjahren des DDR-Fußballs
Magdeburger Mannschaften sucht man übrigens an der Spitze der DDR-Liga-Pyramide bis 1960 vergebens; erst in der (unterjährig ausgespielten) Saison 1959 konnte sich der SC Aufbau Magdeburg erstmals seit der Gründung der DDR für die höchste Spielklasse qualifizieren. Dominant waren in der Anfangszeit des DDR-Fußballs vor allem sächsische Teams. Horch Zwickau stellte den ersten DDR-Meister 1949, in den Jahren 1950 bis 1954 waren stets mindestens 2 sächsische Sportgemeinschaften unter den ersten 3. In der Spielzeit 1952/1953 belegten mit Dynamo Dresden, Zentra Wismut Aue, Motor Zwickau und Rotation Dresden sogar gleich vier Vereine aus Sachsen die vordersten Plätze.

Auch wenn der Magdeburger Fußball zunächst überregional überschaubar erfolgreich war, erfreute er sich in der Stadt doch ausgesprochen großer Beliebtheit. In der 2. Liga erreichten der SC Aufbau bzw. seine Vorgänger, die BSG Krupp-Gruson und Motor Mitte, einen Zuschauerschnitt von knapp 11.700 Menschen (Saison 1953/1954). In den Ligen darunter kämpften 1954 vor allem die Teams von Turbine, Aufbau Börde, Traktor Süd-West (Bezirks- und damit 3. Liga) oder Motor Magdeburg-Neustadt (Bezirksklasse) um Punkte. Die BSG Einheit, das Team der Stadtverwaltung, bei der unsere Magdeburger Stadtmeister von 1954 inzwischen den Nachwuchs bildeten, sucht man allerdings in den ersten vier DDR-Ligen vergeblich.

Das lag allerdings weniger an einem Mangel an fußballerischer Qualität, als vielmehr an den insbesondere für die Anfangszeit des DDR-Fußballs typischen Umorganisations-, Umbenennungs- und Delegationsmaßnahmen. Die Mannschaft war nämlich eigentlich im Magdeburger Fußball recht erfolgreich, trat 1949/1950 noch unter dem Namen “BSG Grün-Rot Stadt Magdeburg” in der zweitklassigen Landesklasse Nord Sachsen-Anhalt an und belegte dort den 6. Rang. Ab 1950/1951 hieß man dann eben “Einheit”, spielte drittklassig und sollte schließlich 1952/1953, nach einer weiteren Ligenreform, in der (ebenfalls drittklassigen) Bezirksliga Magdeburg an den Start gehen. Allerdings wechselte die komplette Fußball-Sektion des Stadtverwaltungsteams noch vor Saisonstart zur eben schon erwähnten BSG Aufbau Börde, die fortan den Bezirksligaplatz einnahm – ein Schicksal, das im DDR-Fußball alles andere als untypisch war und in weitaus größerem Maßstab später beispielsweise auch Empor Lauter aus dem Erzgebirge ereilen sollte. Deren Fußballabteilung musste nicht nur in eine ganz und gar andere Stadt, sondern gleich in einen völlig anderen Landesteil umziehen und ging plötzlich als SC Empor Rostock an den Start. Bei Einheit Magdeburg wurde indes zwar weiter Fußball gespielt, aber eben irgendwo unter “ferner liefen” in den Niederungen des Magdeburger Stadtfußballs.

“Wir sind vergessen worden”

Und in dieser Situation stießen nun eben unsere Stadtmeister als neue B-Jugend zum Verein. Über die Frage, warum es ausgerechnet “Einheit” wurde, lässt sich nach über 60 Jahren nur noch spekulieren – der Umstand, dass es enge personelle Verknüpfungen zwischen dem Sektionsvorstand “Fußball” im Verein und dem für Sport in Magdeburg zuständigen Stadtvorstand gab, der auch die Auszeichnung der Schulmannschaft für ihre Kreis- und Bezirksmeisterschaftserfolge vorgenommen hatte, dürfte aber keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Wie das als neue und gleichzeitig einzige Jugendmannschaft eines Vereins dann so ist, starteten die Jungs konsequenterweise auch ganz unten in der Ligapyramide – und da man nun bereits seit gut 10 Jahren zusammen Fußball spielte, war man der Konkurrenz trotz des Status’ als Neuling ob der eigenen Eingespieltheit um Längen überlegen. Dementsprechend pflügte man der Legende nach durch die eigene Staffel, nur, um in der Saison darauf wieder in der gleichen Spielklasse antreten zu müssen. Weil es bei Einheit keine weiteren Jugendmannschaften gab, die irgendwie hätten aufrücken können, blieb den Jungs der sportlich eigentlich errungene Aufstieg schlicht und ergreifend verwehrt. Das und der Umstand, dass dem Verein die erfolgreiche Herren-Mannschaft 1952/1953 durch den Wechsel zu Aufbau Börde verlustig gegangen war, erklärt vielleicht auch, warum die Stadtmeister von 1954 nie als A-Jugend-Vereinsmannschaft um Punkte kämpften: Als es soweit war, dass man eigentlich in die höhere Altersklasse hätte aufrücken sollen, wurde gar nicht erst ein A-Jugend-Team gemeldet – die Jungs, die aus dem 54er Team noch übrig waren (und nicht aufgrund von Ausbildungen oder Umzügen ohnehin schon irgendwo anders spielten oder ganz mit dem Fußball aufgehört hatten) rutschten mit 17, 18 Jahren direkt in die unterklassig antretende Herrenmannschaft – und damit wohl endgültig aus dem Fokus des leistungsorientierten Fußballs, zumal sie in so jungen Jahren im Männerbereich “einfach untergingen” (Mittelfeldspieler Hansi Lorenz).

Die Geschichte könnte an der Stelle eigentlich enden, würde nicht eine entscheidende Frage offen bleiben. Eine, die mich umtreibt, seitdem mir mein Vater vor vielen, vielen Jahren erstmals von dieser Mannschaft erzählte, diesem “Wunderteam”, das 1954 das beste der Stadt und später in seiner Spielklasse im Jugendfußball konkurrenzlos war: Warum, zum Teufel, ist aus diesem Team niemand im höherklassigen Magdeburger Fußball angekommen? Schaut man sich den Kader des SC Aufbau an, des Vorgängervereins des heutigen 1. FC Magdeburg, dem 1959 der Erstliga-Aufstieg gelang, findet man dort Namen wie Uwe Meistring und Jürgen Isleb, ebenfalls Jahrgang 1940 und bereits mit 18, 19 Jahren mit Einsatzzeiten in Liga 1 und 2. Die Namen “Bode”, “Schnarr”, “Jungmann” oder “Lupner” findet man dort nicht – und das, obwohl es ja in der Laufbahn der ‘54er Stadt- und Bezirksvizemeister durchaus Begegnungen mit späteren Magdeburger Fußballgrößen wie Rolf “Bolle” Retschlag oder Rainer Wiedemann gab, mit denen der eine oder andere in der Jugend-Bezirksauswahl kickte; trainiert übrigens von “Anti” Kümmel, der zunächst vor allem für den Nachwuchs und die 2. Mannschaft des FCM-Vorgängers verantwortlich zeichnete und ab 1962 sogar Cheftrainer der Ersten war.

Die Antwort geben mir Wolfgang Bäse, Ingo Bode, Hansi Lorenz und mein Vater, Manfred Schnarr, im gemeinsamen Gespräch. Und sie ist erstaunlich einfach: “Wir sind vergessen worden”. Ein Sichtungssystem, wie man das heute kennt, bei dem junge Talente schon frühzeitig entdeckt werden, schnell in die entsprechenden Nachwuchsleistungszentren wechseln und dann dort unter professionellen Bedingungen technisch, taktisch und persönlich auf höchstem Niveau ausgebildet werden, war Mitte, Ende der fünfziger Jahre in der jungen DDR noch vollkommen undenkbar. Hinzu kamen die bereits erwähnten strukturellen Defizite, die längere Zeit unterhalb der B-Jugend keinen vereinsseitig organisierten Jugendfußballbetrieb vorsahen. Zwar gab es in Magdeburg ab dem Schuljahr 1953/1954 eine “Allgemeinbildende Schule mit erweitertem Unterricht im Fach Körpererziehung” (Malli/Laube 2000, S. 20), die später zur “Kinder- und Jugendsportschule” wurde und damit in das DDR-System der Nachwuchsförderung im Sport eingebunden war, allerdings kam deren Gründung für unsere Magdeburger Stadtmeister zu spät – oder die eigene Geburt zu früh, je nachdem, wie man es sehen will. Denn noch einen anderen Aspekt darf man nicht außer Acht lassen: In der Entwicklung des DDR-Sports hatte der Fußball anfangs einen schweren Stand, waren es doch eher die Einzelsportarten, die gefördert wurden, weil sie im Vergleich zu einem erst aufwändig zu entwickelnden Mannschaftssport die schnelleren (internationalen) Erfolge versprachen.

Und so kommt es, dass vier Männer Ende 70 im April 2017 irgendwo in Magdeburg gemeinsam beim Kaffee sitzen, sich an die gute, alte Zeit erinnern und im Laufe der Diskussion irgendwann die Erkenntnis reift, dass es sicherlich nicht unbedingt (nur) mangelndes Talent, sondern vor allem die zur damaligen Zeit vorherrschenden Strukturen waren, die den ganz großen Wurf und eine Karriere als Fußballer in den höchsten Spielklassen der DDR verhindert haben. Aber was heißt das schon, ‘großer Wurf’? Denn auch in diesem Punkt sind sich alle einig: Trotz der Entbehrungen, trotz der vielleicht verpassten Chancen, trotz der sicher nicht immer ganz einfachen Jahre nach dem Krieg war es rückblickend doch eine schöne Zeit. Kindheit und Jugend eben, die man weitestgehend bolzend und als eingeschworene Truppe verbrachte. Oder um es mit den Worten von Außenverteidiger Ingo Bode zu sagen: “Das waren unsere besten Jahre.”

Und es bleibt eine Stadtmeisterschaft, an die sich heute vielleicht wirklich nur noch die Spieler erinnern, die damals selbst dabei waren, die ihnen aber trotzdem niemand je wird nehmen können.

Literatur:

Malli, Hans-Joachim/Laube, Volkmar (2000): 1. FCM – Mein Club. Magdeburg: ESV Verlagsgesellschaft mbH.

Schulze, Gerhard (1976): 1949-1956/57. In: Zöller et al.: Fußball in Vergangenheit und Gegenwart. Band 2: Geschichte des Fußballsports in der DDR bis 1974. Berlin: Sportverlag.

Weitere Quellen:

Husmann, Rolf/Buss, Wolfgang (2007): “Das war gar nicht so einfach” – Fritz Gödicke und der Fußball in der DDR. Online verfügbar unter: https://doi.org/10.5446/19126.

Deutscher Sportclub für Fußballstatistiken e.V. (2015): DDR-Fußballchronik. Band 1: 1949/50-1956. Berlin.

Deutscher Sportclub für Fußballstatistiken e.V. (2006): DDR-Fußballchronik. Band 2: 1957-1962/63. Berlin.

Teichler, Hans Joachim (2006): Fußball in der DDR. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/apuz/29767/fussball-in-der-ddr?p=all.

7 Kommentare

  1. Ja, auch ich finde, dass das eine tolle Geschichte ist. Vielen Dank dafür ! Sie erinnert mich an meine Kindheit in den 70 er Jahren, im Westen Deutschlands und am Harzrand aufgewachsen haben auch wir Straßenmannschaften gehabt, teils auch aus Mitschülern bestehend, und uns fußballerisch mit anderen Straßenkickern auf der grünen Wiese gemessen.
    Und auch wenn es vielleicht wirklich nur oberflächlich mit der hier festgehaltnen Geschichte vergleichbar ist: Es war Kindheit, es war Jugend, es war toll: es waren unsere besten Zeiten.
    Kai S.

  2. Wieso Wunderteam?
    Hab ehrlich gesagt was Anderes erwartet, als ich die Überschrift gelesen hab.
    Ansich eine schöne Geschichte, aber wenn man mal realistisch ist, sind da sicher keine großen Fußballer verloren gegangen. Dieses Denken im Konjunktiv nimmt immer den positivsten Verlauf der möglich ist an.
    Eigentlich die beste Sache am DDR Sportsystem, nämlich dass man die Einzelsportarten stärker gefördert hat, sollte man hier nicht in ein schlechtes Licht rücken.
    Davon profitiert der von einer extrem einseitigen Sportkultur geprägte deutsche Sport noch heute.

  3. Olivia Poppey

    Wunderschöne Geschichte, ehrlich und auch durchaus kritisch. Nicht wie diese oftmals verallgemeinerte Lobhudelei von Spitzensportlern wie z.B. Kati Witt.
    Vielen Dank dafür

  4. @ Uri
    Sei mir bitte nicht böse Uri, aber warum muss immer einer, in dem Fall jetzt Du, die netten Geschichten zu Tode sezieren??
    Mensch lass es den Leuten doch mal etwas aus ener Zeit zu erzählen die wir nur noch vom Hörensagen und Opas Erinnerungen kennen… ist doch ok… auch wenn die Schuldfrage nie geklärt wird, ist es schön erzählt. Und man erkennt, wer mit Wenig glücklicher war, als viele mit Viel in der heutigen modernen ach so tollen Zeit.

  5. Edwin Anton, 76855 Annweiler

    Mit großem Interesse habe ich heute am 10.3.2019 die “Wundergeschichte” der Freunde von damals gelesen. Toll die schönen Bilder! Die hätten auch von uns stammen können, wir sahen genauso aus, die gleichen Frisuren, die gleichen Klamotten usw. Wir – das waren Jungs vom Pfälzer Wald und der Reblandschaft am Rhein. Diesem Fluß konnte man nichts anhaben. Er kam aus der schönen Schweiz und mündete in der flachen Niederlande (gemeint ist Holland) in die Nordsee. Und das tut er heute noch. Erinnert wurden wir auch stets an das Saarland, das in der Nähe von ca. 50 km an die Pfalz angrenzt oder auch das herrliche Elsaß mit ca. 30 km nach Wissembourg bzw. 90 km nach Straßbourg. – Nun eine Erinnerung zu Ihrem Beitrag aus Magdeburg: Wir, Pfälzer Jungs, aus 1938 stammend, noch “Friedensware” also, wie ihr lieben Leute aus Sachsen-Anhalt, spielten Fußball auf der Dorfstraße, die heutige B 10, auf Pflastersteinen, die später einem Teerbelag wichen. Eine “Spezialität” war unser Tor – meistens gab es nur ein Tor pro Spiel – linker Pfosten war ein dicker Lindenbaum, der rechte bestand aus irgend einem Gegenstand, vielleicht einem Schulranzen oder einer Tasche. Ein Novum zu heute: es gab nur einen Torsteher/in, weil im Notfall ein Mädchen diesen Job bekam, die oder der sollte alles halten, was 2 gegnerische Mannschafen à mindestens 2 Mann draufknallten, wobei der Fußball bedeutend kleiner war als die heutigen “Superbälle”. Ein ausgedienter Tennisball reichte aus. Man mußte eben besser zielen. Außerdem litt das zweckentfremdete Schuhwerk, was erst daheim zu Problemen führte. Ein so genanntes Fußballspiel wurde beim Erkennen eines ankommenden Autos unterbrochen, das ab und zu durchs Dorf fuhr, meist kam das Milchauto mit einem Holzvergaser. Aber die kannten schon unsere Spielplätze und fuhren sehr vorsichtig, damit die Ware Milch in bestem Zustand ihr Ziel errichte. Spielende brachte war, wenn eine siegreiche Mannschaft 10 Tore erreichte, oder meist eine Mutter uns für eine wichtigere Arbeit brauchte, was natürlich auch zu unserem Leidwesen vorkam. Mangels einer Uhr hatten die Spiele an und für sich eine unbegrenzte Dauer. Abendspiele begannen meistens so ab 19 Uhr im Sonner. Allerdings mußte bei denen entschieden mehr aufgepaßt werden, wenn Fahrradkolonnen von oft 20 Leuten – Frauen und Männer – mit ihren Kriegsmodellen angerauscht kamen. Sie bremsten nicht ab, weil sie eine “Formation” bildeten, sondern rasten durchs Dorf – ja vielleicht ohne Rücksicht auf Verluste! Aber, warum so schnell? Verstehen Sie, die hatten alle nach getaner Arbeit von oft 10 oder mehr Stunden in einer der vielen Schuhfabriken in einem entfernten großen Dorf Hunger und Durst und wollten heim. Schließlich gab es dort ja auch noch was zu tun, nicht nur in den 36 Schuhfabriken, die in Hauenstein mal existierten. Da es viele “Schuhfabrikler-Kolonnen” gab, waren unsere Fußballspiele auch häufiger unterbrochen. Dafür dauerten diese “Gegen-Abend-Spiele”
    eine Geringigkeit länger. Sie wurden beendet, wenn es finster wurde, und man den Ball nicht mehr richtig sehen konnte. Manchmal war man auch müde. Es gab damals noch nicht diese tollen, energiespendenden “Drinks” wie heute. Leitungswasser oder vielleicht sogar Milch daheim waren zeitgemäße Getränke, wobei man die Milch auch in der Pfalz “Magermilch” nannte. Die Mutter oder Mama hatte sie nämlich vorher schon “bearbeitet”. Wohl dem, der im Stall seinerzeit noch eine “Nachkriegskuh” beheimaten konnte oder gute Nachbarn hatte. Anfangs hatten wir sogar 2 solcher Tiere. Ich weiß noch, wie sie hießen: das eine war die “Liß” und die andere die “Scheck”! Verwechseln Sie bitte das nicht mit den später aufkommenden “Schecks”. Die sind und waren wohl immer aus Papier und bedruckt, ich glaube, man nennt sie heute “cheques” ist französisch, mußte ich ab 1948 in der Oberschule auch lernen. Nun zum Schluß noch etwas zum Fußballspielen: auch wir im Südwesten Deutschlands nannten diesen Sport “Fußball – kicken. ” Und da wir uns damals auch schon mit unseren Fußball-Helden identifizieren wollten, haben wir von Spiel zu Spiel deren Namen “übernommen”. Wir waren z.B. der “Fritz Walter vom Betze”, gemeint war vom 1. FCK – Kaiserslautern oder der “Langlotz vom VfR Mannheim.” Das waren bekannte Namen der damaligen Zeit. – Und wir denken auch als 81-jährige noch gern an unsere Jugendzeit zurück, mit all den positiven und auch negativen Dingen, mit denen wir leben mußten. – Negativ und positiv empfanden wir auch das Geschehen vor 45 Jahren, als wir bei einem Familienbesuch in der damaligen DDR in einer sächsischen Schusterwerkstatt, das onuminöse Fußball-Match zwischen DDR und BRD in Hamburg mit einem kleinen Koffer-Radio verfolgten. Die DDR gewann 1 : 0, die BRD wurde später Weltmeister. Unsere Wahrnehmungen waren unterschiedlich, aber nicht trennend. Wie dankbar können wir sein , daß unsere Enkel/innen inzwischen in Weimar und Leipzig studieren konnten, und wir durch viele Besuche und anderes dazubeitragen konnten, daß Deutschland wieder beisammen ist, so wie es sich gehört.
    Das empfinden meine Frau und ich als “gesamtdeutsches Paar” seit 1995. Der Tod einer Ehepartnerin hat uns in diesem Fall vereint. So Gott will, feiern wir im nächsten Jahr mit über 80 Jahren Silberhochzeit. – Anmerkung: was Sie mit meinem Kommentar machen, überlasse ich Ihnen gern selbst. Es hat mir jedenfalls Spaß gemacht, auch mal etwas von hier bzw. von Ihnen sagt man auch “von drüben” zu berichten. Ich wünsche Ihnen bzw. den Sachsen-Anhaltinern eine gute Zeit. Und noch zum Schluß einen Ratschlag: “Ärgern Sie sich über manches Ungute – vielleicht auch über Dinge des Westens – Sie sind aber nicht dazu verpflichtet”! Und das war es. Ich sage es mir immer wieder selbst.

  6. Edwin Anton, 76855 Annweiler

    Mit großem Interesse habe ich heute am 10.3.2019 die “Wundergeschichte” der Freunde von damals gelesen. Toll die schönen Bilder! Die hätten auch von uns stammen können, wir sahen genauso aus, die gleichen Frisuren, die gleichen Klamotten usw. Wir – das waren Jungs vom Pfälzer Wald und der Reblandschaft am Rhein. Diesem Fluß konnte man nichts anhaben. Er kam aus der schönen Schweiz und mündete in der flachen Niederlande (gemeint ist Holland) in die Nordsee. Und das tut er heute noch. Erinnert wurden wir auch stets an das Saarland, das in der Nähe von ca. 50 km an die Pfalz angrenzt oder auch das herrliche Elsaß mit ca. 30 km nach Wissembourg bzw. 90 km nach Straßbourg. – Nun eine Erinnerung zu Ihrem Beitrag aus Magdeburg: Wir, Pfälzer Jungs, aus 1938 stammend, noch “Friedensware” also, wie ihr lieben Leute aus Sachsen-Anhalt, spielten Fußball auf der Dorfstraße, die heutige B 10, auf Pflastersteinen, die später einem Teerbelag wichen. Eine “Spezialität” war unser Tor – meistens gab es nur ein Tor pro Spiel – linker Pfosten war ein dicker Lindenbaum, der rechte bestand aus irgend einem Gegenstand, vielleicht einem Schulranzen oder einer Tasche. Ein Novum zu heute: es gab nur einen Torsteher/in, weil im Notfall ein Mädchen diesen Job bekam, die oder der sollte alles halten, was 2 gegnerische Mannschafen à mindestens 2 Mann draufknallten, wobei der Fußball bedeutend kleiner war als die heutigen “Superbälle”. Ein ausgedienter Tennisball reichte aus. Man mußte eben besser zielen. Außerdem litt das zweckentfremdete Schuhwerk, was erst daheim zu Problemen führte. Ein so genanntes Fußballspiel wurde beim Erkennen eines ankommenden Autos unterbrochen, das ab und zu durchs Dorf fuhr, meist kam das Milchauto mit einem Holzvergaser. Aber die kannten schon unsere Spielplätze und fuhren sehr vorsichtig, damit die Ware Milch in bestem Zustand ihr Ziel errichte. Spielende brachte war, wenn eine siegreiche Mannschaft 10 Tore erreichte, oder meist eine Mutter uns für eine wichtigere Arbeit brauchte, was natürlich auch zu unserem Leidwesen vorkam. Mangels einer Uhr hatten die Spiele an und für sich eine unbegrenzte Dauer. Abendspiele begannen meistens so ab 19 Uhr im Sonner. Allerdings mußte bei denen entschieden mehr aufgepaßt werden, wenn Fahrradkolonnen von oft 20 Leuten – Frauen und Männer – mit ihren Kriegsmodellen angerauscht kamen. Sie bremsten nicht ab, weil sie eine “Formation” bildeten, sondern rasten durchs Dorf – ja vielleicht ohne Rücksicht auf Verluste! Aber, warum so schnell? Verstehen Sie, die hatten alle nach getaner Arbeit von oft 10 oder mehr Stunden in einer der vielen Schuhfabriken in einem entfernten großen Dorf Hunger und Durst und wollten heim. Schließlich gab es dort ja auch noch was zu tun, nicht nur in den 36 Schuhfabriken, die in Hauenstein mal existierten. Da es viele “Schuhfabrikler-Kolonnen” gab, waren unsere Fußballspiele auch häufiger unterbrochen. Dafür dauerten diese “Gegen-Abend-Spiele”
    eine Geringigkeit länger. Sie wurden beendet, wenn es finster wurde, und man den Ball nicht mehr richtig sehen konnte. Manchmal war man auch müde. Es gab damals noch nicht diese tollen, energiespendenden “Drinks” wie heute. Leitungswasser oder vielleicht sogar Milch daheim waren zeitgemäße Getränke, wobei man die Milch auch in der Pfalz “Magermilch” nannte. Die Mutter oder Mama hatte sie nämlich vorher schon “bearbeitet”. Wohl dem, der im Stall seinerzeit noch eine “Nachkriegskuh” beheimaten konnte oder gute Nachbarn hatte. Anfangs hatten wir sogar 2 solcher Tiere. Ich weiß noch, wie sie hießen: das eine war die “Liß” und die andere die “Scheck”! Verwechseln Sie bitte das nicht mit den später aufkommenden “Schecks”. Die sind und waren wohl immer aus Papier und bedruckt, ich glaube, man nennt sie heute “cheques” ist französisch, mußte ich ab 1948 in der Oberschule auch lernen. Nun zum Schluß noch etwas zum Fußballspielen: auch wir im Südwesten Deutschlands nannten diesen Sport “Fußball – kicken. ” Und da wir uns damals auch schon mit unseren Fußball-Helden identifizieren wollten, haben wir von Spiel zu Spiel deren Namen “übernommen”. Wir waren z.B. der “Fritz Walter vom Betze”, gemeint war vom 1. FCK – Kaiserslautern oder der “Langlotz vom VfR Mannheim.” Das waren bekannte Namen der damaligen Zeit. – Und wir denken auch als 81-jährige noch gern an unsere Jugendzeit zurück, mit all den positiven und auch negativen Dingen, mit denen wir leben mußten. – Negativ und positiv empfanden wir auch das Geschehen vor 45 Jahren, als wir bei einem Familienbesuch in der damaligen DDR in einer sächsischen Schusterwerkstatt, das onuminöse Fußball-Match zwischen DDR und BRD in Hamburg mit einem kleinen Koffer-Radio verfolgten. Die DDR gewann 1 : 0, die BRD wurde später Weltmeister. Unsere Wahrnehmungen waren unterschiedlich, aber nicht trennend. Wie dankbar können wir sein , daß unsere Enkel/innen inzwischen in Weimar und Leipzig studieren konnten, und wir durch viele Besuche und anderes dazubeitragen konnten, daß Deutschland wieder beisammen ist, so wie es sich gehört.
    Das empfinden meine Frau und ich als “gesamtdeutsches Paar” seit 1995. Der Tod einer Ehepartnerin hat uns in diesem Fall vereint. So Gott will, feiern wir im nächsten Jahr mit über 80 Jahren Silberhochzeit. – Anmerkung: was Sie mit meinem Kommentar machen, überlasse ich Ihnen gern selbst. Es hat mir jedenfalls Spaß gemacht, auch mal etwas von hier bzw. von Ihnen sagt man auch “von drüben” zu berichten. Ich wünsche Ihnen bzw. den Sachsen-Anhaltinern eine gute Zeit. Und noch zum Schluß einen Ratschlag: “Ärgern Sie sich über manches Ungute – vielleicht auch über Dinge des Westens – Sie sind aber nicht dazu verpflichtet”! Und das war es. Ich sage es mir immer wieder selbst.
    Ich habe bei Ihnen noch nie etwas geschrieben, außer dem obigen Kommentar.

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