Kategorie: a Alexander Schnarr

WM 2019 – 24 Spielerinnen, die die Welt verändern – Gruppe A

Mit Norwegen und Nigeria treffen in WM-Gruppe A zwei Nationalteams aufeinander, die bisher noch keine einzige Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen verpasst haben. Reichlich Erfahrung also, was man von Gastgeber Frankreich (bisher 14 WM-Partien) und den Südkoreanerinnen (7 Weltmeisterschaftsspiele) nicht unbedingt behaupten kann. Trotzdem dürften Les Bleues die Favoritenrolle für sich reklamieren, wenngleich Nationaltrainerin Corinne Diacre wohl nicht ganz zu unrecht von einer “schwierigen Gruppe” spricht.

Corinne Diacre – Pionierin, Trainerin, Hoffnungsträgerin

“Je größer die Herausforderung ist, desto größer wird meine Bereitschaft, sie anzunehmen”, so Corinne Diacre im Juni 2017 in einem Beitrag für das Socrates-Magazin. Zu jenem Zeitpunkt steht die heutige französische Nationaltrainerin noch bei Clermont Foot unter Vertrag und trainiert dort die Männer – als erste Französin im heimischen Profifußball überhaupt.

Ohnehin ist “Erste” ein Label, das zu vielen Punkten in Diacres Karriere passt. 2014 war sie die erste Frau, die das höchste Übungsleiter*innen-Diplom in Frankreich erwarb und mit dem sie fortan auch im professionellen (Männer-)Fußball arbeiten konnte. Im November 2002 erzielte sie das Siegtor in einem Qualifikationsspiel gegen England, das der französischen Frauen-Nationalmannschaft das erste WM-Ticket in der Geschichte des Verbandes sicherte. Diacre war außerdem die erste Frau, die über 100 Mal für Frankreich spielte, bis 2008 war sie Rekordnationalspielerin ihres Landes. Es ist sicherlich nicht vermessen, zu behaupten, dass Corinne Diacre im französischen (Frauen-)Fußball eine Vorreiterinnen-Rolle einnimmt.

Dass das nicht immer einfach ist, illustrieren Erinnerungen an ihre Anfangszeit bei Clermont:

“Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv. Nach fünf Spieltagen unter meiner Regie hatten wir keinen Sieg errungen. Ich spürte bereits die Egos mancher Spieler und die Unzufriedenheit mir gegenüber, weil ich eine Frau bin. Der Druck war immens. Für ein halbes Dutzend unserer Spieler war ich nicht wirklich legitim, eine solche Position auszuüben, nur mit dem Argument, dass ich eine Frau bin.” (Socrates-Magazin)

Mit dem Druck weiß Diacre umzugehen. Einerseits, weil Clermont nicht ihr erster Trainerinnen-Job ist, andererseits, weil sie sich während ihrer gesamten Zeit im Club der Rückendeckung von Vereinspräsident Claude Michy sicher sein kann. Im Winter trennt sich Diacre von fünf Spielern und führt den Verein in ihrem ersten Jahr zum Klassenerhalt. In der darauffolgenden Saison spielt Clermont lange um den Aufstieg in die Ligue 1 mit und wird am Ende Siebenter – ein großer Erfolg für einen Verein, der mit verhältnismäßig geringen Mitteln auskommen muss. Für Diacre persönlich bringt die gute Arbeit bei Clermont die Auszeichnung als “Bester Zweitligatrainer des Jahres” (sic!) im Dezember 2015.

Die Fußballleidenschaft wurde Diacre in die Wiege gelegt: Ihr Vater arbeitete als Sportlehrer und nahm seine Tochter regelmäßig mit auf den Fußballplatz. Bald beginnt die heutige Trainerin selbst mit dem Kicken und spielt ab ihrem 12. Lebensjahr in gemischten Mannschaften. Das ist Mitte der 80er Jahre, der Frauenfußball in Frankreich steckt allenfalls in den Kinderschuhen.

“Am Anfang waren meine Eltern nicht gerade begeisterte Anhänger des Frauenfussballs. Aber mein Vater, der ein leidenschaftlicher Fußballanhänger ist, wurde bald auf mein fußballerisches Talent aufmerksam. Seitdem hat er mich eigentlich nur unterstützt, ohne jemals Druck auf mich auszuüben.” (FIFA.com)

Die Unterstützung geht so weit, dass die Eltern ihre Tochter 220 Kilometer nach Soyaux fahren, damit sie dort in einer reinen Frauenfußball-Mannschaft spielen kann. Diacre tut das von 1988 bis 2007, die Association Sportive Jeunesse Soyaux ist der einzige Verein im Erwachsenenbereich, für den sie die Töppen schnürt. In dieser Zeit erlebt sie die Entwicklung des französischen Frauenfußballs hautnah mit; mehr noch: sie ist eine der Protagonistinnen, die ihn in dieser Zeit deutlich prägen. Dass Diacre als Spielerin nie einen Titel gewann, stört sie rückblickend nicht:

“Ich habe nichts gewonnen. Es ist kaum zu glauben, aber ich habe weder mit meinem Klub noch mit der französischen Nationalmannschaft einen Titel gewonnen. Für mich ist das nicht frustrierend. Ich hätte jederzeit zu einem größeren und finanzkräftigeren Verein als Soyaux wechseln können, das stimmt. Auch wurde mir angeboten, in der U.S.-Liga zu spielen, aber ich habe das abgelehnt. Auch diese Entscheidung habe ich mir, wie übrigens alle, die ich in meinem Leben getroffen habe, reiflich und lange überlegt.” (FIFA.com)

Wie lange die Entscheidung reifte, Clermont Foot im September 2017 zu verlassen und den Cheftrainerinnen-Posten der Nationalmannschaft zu übernehmen, ist nicht überliefert. Bekannt ist hingegen, dass der französische Verband Diacre bereits ein Jahr zuvor als Nachfolgerin von Philippe Bergeroo verpflichten wollte. “Man geht im September nicht von Bord seines Schiffes”, hatte die Trainerin seinerzeit noch gesagt, zwölf Monate später dann aber doch beim Verband angeheuert. Davon, dass auch diese Entscheidung reiflich überlegt war, darf allerdings ausgegangen werden.

Die Mission für Diacre und ihr Team im Sommer 2019 ist eindeutig: Bei der Heim-Weltmeisterschaft soll der Titel her, nachdem die Mannschaft bei den letzten Turnieren jeweils im Viertelfinale gescheitert war. Insofern ist dieser Job nun die bisher vielleicht größte Herausforderung in der Karriere der Corinne Diacre. Mit Blick auf ihre bisherige Laufbahn und die letzten Ergebnisse des französischen Nationalteams spricht vieles dafür, dass die Ex-Nationalkapitänin und -Rekordspielerin auch dieser Herausforderung gewachsen sein wird.


Zur Person: Alex Schnarr ist Teil der 120minuten-Redaktion und beschäftigt sich dort mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen in und um den Fußball.

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Cho So-hyun – “Ich muss auf dem Platz eine Anführerin sein”

Cho So-hyun wird die koreanische Auswahl in Frankreich als Kapitänin aufs Feld führen. Das Turnier in Frankreich ist die zweite WM-Teilnahme für Südkorea. Wir sprachen mit Cho So-hyun über ihren Wechsel nach England, ihren Spielstil und die Erwartungen an das WM-Turnier.

Was war Ihr Beweggrund, von Korea nach Europa zu wechseln und insbesondere zu West Ham?

Es war immer mein Ziel, in England zu spielen. Ich habe gespürt, dass ich mich durch einen Wechsel hierher als Spielerin weiterentwickeln kann. Ich erhoffe mir auch, dass ich anderen koreanischen Spielerinnen zeigen kann, dass es möglich ist, in Europa Fuß zu fassen. Ich denke, es würde unserer Nationalmannschaft helfen, wenn mehr Spielerinnen hier aktiv wären. Es gab Interesse von anderen englischen Klubs, aber nachdem ich mit meinem Agenten gesprochen hatte, war klar, wie stark das Interesse von West Ham war, und dass ich gut ins Team passen würde. Der Manager suchte eine Box-to-Box-Spielerin für das Mittelfeld – meine Paraderolle. Es fühlte sich gut an, bei West Ham zu unterschreiben. Ich denke, wir haben bereits durch das Erreichen des FA-Cup-Finals bewiesen, dass der Wechsel für alle Beteiligten ein Erfolg war.

Cho So-hyun im FA-Cup-Finale gegen Manchester City (Foto: Tom Seiss)

Wie würden Sie Ihren Spielstil beschreiben?

Ich gebe immer mein Bestes. Ich bin Kapitänin der koreanischen Auswahl und muss auf dem Platz eine Anführerin sein. Mir wird nachgesagt, dass ich den Ball gut behaupten kann, über ein gutes Passspiel verfüge und das Spiel lesen kann. Koreanische Spielerinnen sind immer zurückhaltend und haben Freude am Fußball. Wir haben immer ein Lächeln im Gesicht – auch in schwierigen Situationen. In England hat man sich über mein Lächeln gewundert, als ich zum entscheidenden Elfmeter anlief, der uns das FA Cup Finale sicherte – ich war dabei nicht nervös und schoss den Elfmeter wie jeden anderen.

Füllen Sie im Verein eine andere taktische Rolle oder Position als in der Nationalmannschaft aus?

Am liebsten spiele ich als Acht. Als ich zu West Ham kam, gab es einige Verletzte im defensiven Mittelfeld, deshalb habe ich in einigen Spielen eher auf der Sechs gespielt. Das wird sich ändern, sobald die verletzten Spielerinnen zurück im Team sind. West Ham wird mich auf der Acht spielen lassen und ich kann das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff sein. In der Nationalmannschaft hatte ich eine eher defensivere Rolle, da wir eine sehr junge Mannschaft haben und der Trainer meine Erfahrung in der Defensive benötigte. Das ist nicht meine Lieblingsposition, aber ich stelle mich immer in den Dienst der Mannschaft und spiele dort, wo ich dem Team weiterhelfen kann – auch wenn das bedeutet, meine Qualitäten in der Offensive nicht voll ausspielen zu können.

Wie konnten Sie sich so schnell einen Stammplatz bei West Ham sichern?

Wegen meiner Erfahrung wurde mit mir von Anfang an als Stammspielerin geplant. Am besten gewöhnt man sich an den englischen Fußball, indem man Spielerfahrung auf dem Platz sammelt und Pflichtspiele bestreitet. Ich bin noch damit beschäftigt, mich an den Fußball hier zu gewöhnen und weiß, dass ich mich noch verbessern kann. Meine besten Leistungen für West Ham werde ich erst noch zeigen.

Können Sie beschreiben wie sich der koreanische Fußball seit Ihrem ersten A-Länderspiel 2007 entwickelt hat?

Die letzte Weltmeisterschaft hat uns Selbstbewusstsein eingeimpft, aber im Achtelfinale wurden uns Grenzen aufgezeigt. Frankreich spielte sehr guten Fußball und wir lernten, dass wir uns noch entwickeln müssen. Wir können uns mit unserem aktuellen Leistungsstand noch nicht zufrieden geben.

Wie schneidet die koreanische WK League im Vergleich zur englischen Liga ab?

Der englische Fußball ist schneller, das gilt auch für das Umschalten zwischen Abwehr und Angriff. In der koreanischen Liga wird mehr Wert auf Taktik gelegt und viel am Spielaufbau gearbeitet. Auch die Kommunikation läuft ganz anders ab. Koreanische Spielerinnen wollen keinen Ärger machen. Wenn jemand einen Fehler macht, dann nehmen wir das hin und versuchen einfach, zu helfen. Englische Spielerinnen äußern sich viel öfter, wenn ihnen etwas nicht passt. Es wird viel Wert darauf gelegt zu zeigen, was man selbst auf dem Platz möchte und was man von seinem Team erwartet. Die koreanische und die englische Herangehensweise – beides hat Vor- und Nachteile.

Wie populär ist Frauenfußball in Südkorea und hat es in den letzten Jahren diesbezüglich eine Entwicklung gegeben?

Es hat in letzter Zeit keine großen Veränderungen gegeben. Der Fußball muss sich immer noch weiter entwickeln. Wie in England gibt es große Unterschiede in der Bezahlung und der Behandlung zwischen weiblichen und männlichen Fußballer*innen. Das macht sich in Korea, wo das Interesse am Frauenfußball nicht so ausgeprägt ist, noch stärker bemerkbar. So gibt es zum Beispiel Gehaltsobergrenzen, die auch für die Nationalmannschaft gelten.

Können Sie die Spielphilosophie der koreanischen Auswahl erläutern – gibt es einen bestimmten Stil, den Ihr Coach etablieren möchte?

Wir befinden uns gerade im Umbruch. Mehr junge Spielerinnen werden in die Auswahl berufen, um sich dort weiterzuentwickeln. Als wir mehrere Verletzte hatten, bedeutete das, dass ich in einigen Freundschaftsspielen defensiver spielen musste, weil hinten die Erfahrung fehlte. Nichtsdestotrotz, sobald die Stammspielerinnen zurückkehren, werde ich auch wieder im Mittelfeld spielen, wo ich am effektivsten bin. Meine Aufgabe ist es oft, das Team anzutreiben und die Intensität unseres Spiels hoch zu halten – dafür muss ich mit gutem Beispiel vorangehen.

Welche Erwartungen haben Sie an das Turnier in Frankreich? Denken Sie, die koreanische Auswahl kann besser abschneiden als 2015?

Unser erstes Spiel haben wir gegen den Gastgeber – das wird eine schwierige Aufgabe, um ehrlich zu sein. Aber wir sehnen uns danach, uns mit spielstarken Teams zu messen. Ich freue mich auf das Spiel gegen Frankreich und kann es kaum erwarten. Bei der letzten WM in Kanada haben wir es bis ins Achtelfinale geschafft. Ich hoffe, dass wir diesmal eine Runde weiterkommen und ich in einem wichtigen Spiel ein Tor erzielen kann.

Zur Person: Das Interview hat die 120minuten-Redaktion geführt.

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Caroline Graham Hansen – Top-Vorbereiterin mit klarer Haltung

2017 gab die damals gerade 22-jährige Weltfußballerin Ada Martine Stolsmo Hegerberg ihren vorzeitigen Rücktritt aus der norwegischen Nationalmannschaft bekannt. Zuvor waren die Norwegerinnen, die sich in der Qualifikation den Gruppensieg erkämpft hatten und damit zum Kreis der potenziellen Titelaspirantinnen zählten, bereits in der Vorrunde der Europameisterschaft punkt- und torlos ausgeschieden – ein historisches Novum.

2019 meldeten sich die Norwegerinnen dann eindrucksvoll zurück: Nachdem sie am 4. September 2018 durch einen 2:1- Sieg gegen die amtierenden Europameisterinnen aus den Niederlanden die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Frankreich geschafft hatten, sicherten sie sich ein halbes Jahr später den Sieg beim Algarve-Cup mit einem souveränen 3:0-Sieg gegen Polen.

Doch nicht etwa die amtierende Gewinnerin des Ballon d’Or hat den Norwegerinnen die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Frankreich oder den Titel beim Algarve-Cup gesichert – ihren Namen sucht man dort ebenso vergeblich wie in dem von Trainer Martin Sjögren veröffentlichten Kader für die bald beginnende Weltmeisterschaft in Frankreich. Wie kam es dazu, dass eine derart erfolgreiche Spielerin wie Ada Hegerberg im Team fehlt?

Ada Hegerberg (Foto: Tom Seiss)

Nach der verpatzten Europameisterschaft 2017 wäre es für Hegerberg aufgrund ihrer Referenzen ein Leichtes gewesen, an der Weltmeisterschaft 2019 teilzunehmen. Ein Rücktritt vom Rücktritt wurde ihr seitens des norwegischen Fußballverbandes mehrfach angeboten – bislang jedoch erfolglos. Es drängt sich die Frage auf: Wieso?

Hegerberg wollte mit ihrem Rücktritt ein Zeichen setzen. Sie sprach sich offen gegen den norwegischen Verband aus und forderte mehr Gleichberechtigung und bessere Bezahlung, prangerte an, dass man den Frauenfußball in Norwegen nicht genügend respektieren würde. Nur wenige Monate später einigte sich der norwegische Verband NFF mit dem Spielerverband NISO auf bessere Bezahlung für die Fußballerinnen.

Das Honorar der Frauenfußball-Nationalmannschaft wurde dem der Herren angeglichen. Wie der NFF damals mitteilte, sollen die Fußballerinnen für ihre Länderspiel-Einsätze insgesamt sechs Millionen norwegische Kronen bekommen, was in etwa 640.000 Euro entspricht. Außerdem tritt das norwegische Team der Herren knapp über eine halbe Million Kronen ab, die die Auswahl durch Werbeaktivitäten einnimmt.

Die gleiche Bezahlung sei zwar ein erster Schritt, aber die strukturellen Probleme lägen tiefer: „Ich wäre nicht die Spielerin, die ich heute bin, wenn ich nicht für meine Werte, meine Leidenschaft und meinen Glauben einstehen würde. Manchmal muss man schwierige Entscheidungen treffen, um sich selbst treu zu bleiben“, erläuterte Hegerberg in einem Interview mit The Guardian. Derzeit ist eine Einigung zwischen Hegerberg und dem Norges Fotballforbund nicht absehbar.

Die sportliche Lücke, die Hegerberg in der Nationalmannschaft hinterlassen hat, musste jedoch geschlossen und andere Spielerinnen mussten in die Verantwortung genommen werden. Eine davon ist Caroline Graham Hansen vom frisch gekrönten deutschen Double-Gewinner VfL Wolfsburg. Die 24-Jährige zählt schon lange zu den besten Spielerinnen der Welt, überzeugt mit ihrer unverwechselbaren Technik. Die in Oslo geborene Flügelflitzerin kann jedes Spiel entscheiden und ihre Mitspielerinnen in Szene setzen, glänzt aber auch selbst mit einem starken Abschluss.

In der vergangenen Frauen-Bundesliga-Saison bereitete sie stolze 28 Treffer vor und bildete gemeinsam mit Pernille Harder und Ewa Pajor das gefährlichste Offensiv-Trio der Liga. Hansen, die ihre Nichtteilnahme an der Weltmeisterschaft vier Jahre zuvor aufgrund eines anhaltenden Patellaspitzensyndroms noch mit „Natürlich bin ich enttäuscht, aber ich habe die besten Jahre noch vor mir“, kommentierte, ist bereit bei ihrer nun anstehenden ersten WM mit der A-Nationalmannschaft zu zeigen, was sie 2015 mit diesen „besten Jahre[n]“ meinte.

Hansen, die bis 2010 für Lyn Oslo spielte, wechselte wenige Monate nach ihrem 15. Geburtstag zum norwegischen Erstliga-Frauenfußball-Verein Stabæk FK in Bærum. Gleich in ihrem ersten Jahr bei Stabæk FK konnte sie die Meisterschaft in der Toppserien gewinnen. 2013 wagte Hansen dann den Schritt von Stabæk FK in die Damallsvenskan zu Tyresö FF, wo sie an der Seite von Ikonen wie Marta und Caroline Seger spielen durfte. Jedoch währte dieses Glück nicht lange, denn der Verein musste kurze Zeit später Insolvenz anmelden.

Es folgte eine kurze Rückkehr zu Stabæk FK, ehe sich Hansen 2014 für einen Wechsel in die Allianz Frauen-Bundesliga zum VfL Wolfsburg entschied. In fünf Jahren reifte sie dort zu der Führungsspielerin heran, die sie heute ist. Mit den Wölfinnen durfte sie drei Mal die Meisterschale und fünf Mal den DFB-Pokal in die Luft stemmen.

Caroline Graham Hansen im Spiel gegen den FC Bayern München (Foto: Tom Seiss)

Doch Hansen verdiente sich nicht nur auf dem Feld Respekt, sondern bewahrt auch daneben ihre klare Haltung. Im März 2018 kritisierte die 24-Jährige öffentlich FIFA-Chef Gianni Infantino. Infantino hatte im Iran das Derby zwischen den Männerteams Esteghlal und Persepolis Teheran besucht, bei dem 35 Frauen der Zutritt zum Stadion verwehrt wurde. Die Frauen wurden vor dem Stadion festgenommen und abgeführt. „Es ist sehr hoffnungslos, an einem Sport festzuhalten, bei dem unsere Hauptverantwortlichen sich dafür entscheiden, ein Land zu unterstützen, das Frauen unterdrückt, weil sie Frauen sind“, erklärte Hansen damals.

Infantino, der sich nach dem Spiel noch mit dem iranischen Präsidenten Rohani traf, versuchte diesen zwar zu einem Umdenken zu bewegen und auch Frauen den Zutritt zu Fußballspielen der Männer zu gewähren, verkündete aber gleichzeitig, dass die Fifa keinerlei Sanktionen wegen dieser Vorkommnisse gegen den Iran verhängen werde. Hansen rief daraufhin am letztjährigen Weltfrauentag via Twitter zur Solidarität mit Frauen weltweit auf, die nur deswegen benachteiligt werden, weil sie Frauen sind. Sie rief dazu auf, dass diese Frauen, die sie als ihre größten Vorbilder bezeichnete, nicht aufgeben – und weiterhin für ihre Rechte kämpfen sollten.

Klar ist schon jetzt: Die überwiegend in der Toppserien aktiven Spielerinnen der norwegischen Frauenfußballnationalmannschaft werden alles dafür tun, nach dem Gewinn des Algarve-Cups ihren zweiten Titel in diesem Jahr zu gewinnen, um so die Schmach der letzten Europameisterschaft endgültig vergessen zu machen. Die Chancen für die derzeit auf Platz zwölf in der Fifa-Weltrangliste gesetzten Norwegerinnen stehen hierfür auch dank Spielerinnen wie Caroline Graham Hansen, die zur kommenden Saison zum FC Barcelona wechselt, nicht schlecht. Immerhin haben sie der Offensivspielerin in gewisser Weise auch die Qualifikation zu bedanken: die 24-Jährige stand in allen acht Quali-Spielen auf dem Platz und erzielte sechs Tore.

Zur Person: Jasmina Schweimler schreibt als Journalistin unter anderen für die WAZ und den Sportbuzzer über Frauenfußballer und gehört zum Podcast-Kollektiv-FRÜF.

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Faith Ikidi – Routine, Ruhe und Erfahrung

„Gibt nicht auf, der Anfang ist immer schwer!“ Solche Motivationssprüche zieren in den vergangenen Wochen häufig das Instagram-Profil der nigerianischen Nationalspielerin Faith Ikidi. „Nicht das Ergebnis, das wir wollten, aber wir werden weiter hart arbeiten“, steht unter einem Mannschaftsfoto, das sie nach der 1:2-Niederlage im Vorbereitungsspiel gegen Kanada gepostet hat. Die nigerianische Nationalmannschaft hat es nicht immer leicht: Auf dem afrikanischen Kontinent ist sie unbestritten das beste Frauen-Team. International lässt der Erfolg jedoch auf sich warten. Mit der WM in Frankreich nehmen sie zum achten Mal an einer Weltmeisterschaft teil. Nur einmal, 1999, schafften sie es über die Vorrunde hinaus bis ins Viertelfinale.

Auch in der WM-Gruppe für dieses Turnier zählen sie deutlich zu den Underdogs: Frankreich, Norwegen und Korea lauten die Namen ihrer Gegnerinnen. Nur sechs der nigerianischen Nationalspielerinnen spielen im eigenen Land – der Rest verdient sein Geld im Ausland. So zog Asisat Oshoala dieses Jahr mit dem FC Barcelona ins Champions-League-Finale ein. Und Ikidi ist schon seit vielen Jahren in der schwedischen „Damallsvenskan“ zuhause – und verzeichnet immer mehr Erfolge.

Gemeinsam mit jungen, talentierten Spielerinnen zu spielen, macht sie froh. Das sagte Faith Ikidi vor drei Jahren gegenüber dem nigerianischen Guardian. Heute ist sie nach wie vor Teil des Nationalteams und nach Kapitänin Onome Ebi eine der Mannschaftsältesten. 2004 lief sie das erste Mal für ihre Nationalmannschaft auf. Sie ist die Routinier. Die Abwehrspielerin, die Ruhe und jahrelange Erfahrung in die Mannschaft bringt. Doch beim Afrika-Cup in Ghana im vergangenen Jahr musste sie sowohl im Halbfinale als auch im Finale auf der Bank sitzen. Ihre Mannschaft gewann den Pokal trotzdem.

Mit der Vorbereitung zur WM in Frankreich tauchte sie wieder in der Startelf auf: immer als Verteidigerin, mal innen, mal außen. Ikidi hat eine bemerkenswerte Vita – aber leicht hatte sie es trotzdem nicht immer. Im Jahr 2006 waren Ikidi, Maureen Mmadu und Yinka Kudaisi – beides ebenfalls nigerianische Nationalspielerinnen – die ersten Spielerinnen mit afrikanischem Hintergrund, die es in die schwedische Liga schafften und um die Meisterschaft mitspielen durften. Damals standen alle drei bei QBIK Karlstadt unter Vertrag und machten direkt eine schlechte Erfahrung: Sie hatten gerade der Nationalmannschaft geholfen, zum fünften Mal den Afrika-Cup zu gewinnen, waren noch vor Ort und feierten, als sie erfuhren, dass ihr Club ihre Verträge beendet hat. Sie hatten ohne Erlaubnis des Clubs in ihrem Heimatland gespielt. Diese hätten sie aber gebraucht, da die Afrikameisterschaft nicht im internationalen Spielkalender steht.

Aus heutiger Sicht ein klarer Fall von Diskriminierung, denn das Turnier fungiert als Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Der nigerianische Fußballverband bat den schwedischen Verein, das nicht durchzuziehen, doch die Spielerinnen verloren diesen Kampf. Im Nachhinein entschädigte der Verband seine Spielerinnen für das verlorene Gehalt durch den Verlust ihres Jobs mit 10.000 US-Dollar pro Person.

Für Ikidi hatte das auch fünf Jahre später noch Folgen: Während sie nach QIBK zuerst bei Eskilstuna United DFF, dann bei Linköpings FC und ab 2011 Piteå IF spielte, pausierte sie in der Nationalmannschaft: Der Zeitplan der schwedischen Liga ist mit dem des Nationalteams nicht mehr vereinbar. „Viele Leute sagen, dass die Verpflichtung gegenüber der Nation zuerst kommt. Da stimme ich zu. Aber ich will, dass diese Menschen auch wissen, dass es die Clubs sind, die unser Gehalt zahlen“, sagte sie rückblickend gegenüber dem Guardian. Erst ab 2016 ist sie wieder Teil des Kaders. Sie handelt jedoch vorsichtiger, wenn sie für das Nationalteam einberufen wird.

Und das, obwohl die „Super Falcons“, wie die Mannschaft auch genannt wird, in Nigeria ein echtes Vorbild sind: Die Frauennationalmannschaft gilt als das beste Team auf dem afrikanischen Kontinent und viele Mädchen und Frauen schauen zu den Spielerinnen auf, auch, weil sie Vorurteile und Rollenklischees bekämpfen. Dreizehn Mal wurde der Africa-Cup bereits gespielt, elf Mal haben sie ihn gewonnen. So triumphierten die Super Falcons gegen Südafrika im vergangenen Jahr beim Elfmeterschießen im Finale im Accra Sports Stadium in Ghana. Die Super Falcons sind durch ihre Erfolge bekannt und genießen ein gewisses Ansehen unter den Nigerianer*innen.

Was Geld und den eigene Wert betrifft, sind die Spielerinnen ebenfalls ein Vorbild: Als sie 2016 keine Siegprämie für den Afrika-Cup erhalten sollten, protestierten sie gegen den Verband, indem sie zehn Tage lang in einem Hotel in Abuja verharrten und nicht gehen wollten, bevor sie bezahlt würden. Auch Ikidi nahm an der Aktion teil. Der Protest hatte seine Berechtigung: Während die Männermannschaft für jede WM-Teilnahme Boni erhielt, sollten die Frauen bei ihrem zehntem Africa-Cup-Titel leer ausgehen. Für einen Tag organisierten sie sogar einen Protest-Marsch, für den sie mit Plakaten am Parlament vorbeizogen. Dieser zeigte seine Wirkung: Die Regierung gab dem Verband Geld, so dass am Ende jede Spielerin 23.650 Dollar erhielt.

Die Infrastruktur vor Ort ist allerdings immer noch schlecht. Nur sechs Nationalspielerinnen spielen in der nigerianischen Liga. Sie bekommen zwar ein festes Gehalt, doch manchmal kann der Club nicht zahlen und ihr Lohn wird erst später ausgezahlt. Auch bietet die nigerianische Liga wenig Attraktivität, da es lediglich die Ligaspiele gibt, aber keine Pokalspiele oder etwas, das mit der Champions-League vergleichbar wäre.

Erfolge verzeichnet Ikidi nicht nur mit den Super Falcons: 2015 bekam sie die Auszeichnung zur Abwehrspielerin des Jahres in Schweden. Mit Pitea IF holte sie 2018 für den Club erstmals den Meistertitel in der Schwedischen Liga. Und beim entscheidenden Meisterschaftsspiel zeigte Ikidi eine so gute Leistung, dass sie zur Spielerin des Spiels gewählt wurde. Ob sie das bei der kommenden WM als eine der Ältesten auch schaffen kann? Wir werden sehen.

Zur Person: Tamara Keller ist Journalistin und schreibt für die Badische Zeitung. Zu hören ist sie bei FRÜF – Frauen reden über Fußball.

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Hier geht’s zu den anderen Gruppen:

“Allmächtige Corinthians-Girls”: Wie brasilianische Fußballfans gegen Sexismus kämpfen

Als leidenschaftliche Fußballfans gründen brasilianische Frauen feministische Gruppen, um Sexismus im Sport zu bekämpfen. Dabei scheuen sie auch nicht die Auseinandersetzung mit Giganten, zeigt das Beispiel Corinthians.

Von Rosiane Siqueira
Übersetzung: Alexander Schnarr

Movimento Toda Poderosa Corinthiana: Eine feministische, brasilianische Gruppe weiblicher Corinthians-Fans, die gegen Sexismus im Fußball kämpfen.

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Ins Heft geschaut: ballesterer Nr. 141

“Gönner, Geld und Glitzer – Die wilden 90er” – ballesterer, Ausgabe 141

Die neunziger Jahre waren eine wilde Zeit – in Deutschland genauso wie in Österreich. Dort veränderte eine Generation von Managern den Fußball für immer. Die Folgen sind bis heute spürbar, berichtet der ballesterer in seiner aktuellen Ausgabe.

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Bildet Banden!

Sportjournalistinnen in der Fußballberichterstattung

40 Prozent der Fans von Bundesligamannschaften sind weiblich, aber nur etwa 10 Prozent der im Fußballjournalismus Tätigen sind Frauen. Woran liegt das? Und wie blicken Sportjournalistinnen eigentlich selbst auf ihr Arbeitsfeld? Ein Text über Selbstvertrauen, Mut, Vorbilder und: Netzwerke.

© Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0

Alexander Schnarr, 120minuten.net | Januar 2019

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Buchbesprechung: Mirco von Juterczenka – Wir Wochenendrebellen

“Die Scheiße kannst du alleine fressen.”

Kapitel, die so beginnen, können nicht in schlechten Fußballbüchern enthalten sein – wobei “Wir Wochenendrebellen” von Mirco von Juterczenka eigentlich gar kein Fußballbuch im engeren Sinne ist. Der Untertitel (“Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa”) lässt zwar eine Aneinanderreihung von Groundhopping-Episoden erwarten, schnell wird beim Lesen allerdings deutlich, dass das eigentliche Thema ein ganz anderes ist. Es geht um Autismus (genauer: um das Asperger-Syndrom von Sohn Jason), darum, wie die Diagnose den Alltag der Familie von Juterczenka beeinflusst (hat) und um die Rolle, die die gemeinsamen Stadiontouren von Vater und Sohn in dieser Gemengelage nicht nur für die Protagonisten, sondern für die ganze Familie spielen.

Besagte Touren und die damit verbundenen Erlebnisberichte in 17 Kapiteln dienen dementsprechend eher als Rahmen denn als Haupthandlung, was gleichzeitig aber auch eine besondere Stärke des Buches ist. So erfährt man beispielsweise nach dem eingangs zitierten Einleitungssatz, warum bereits die Bestellung einer Mahlzeit in einem ICE-Bordbistro unter den gegebenen Umständen für Jason, aber auch für Vater Mirco eine besondere Herausforderung darstellen kann. Oder warum der Besuch einer Pizzeria in Kiel schon auch mal eine abendfüllende Veranstaltung wird, an deren Ende ein überzeugendes Argument des Sohnes und ein völlig übersättigter Vater stehen. Oder was eine Bierdusche in Freiburg mit einem Vierbett-Abteil im Nachtzug und einem, nun ja, etwas anderen Toilettengang im Hamburger Millerntor-Stadion zu tun hat.

Besonders großartig ist “Wir Wochenendrebellen” an den Stellen, an denen die Leser*innenschaft die Stadionbesuche in Dortmund, Gelsenkirchen, Aue oder Hoffenheim aus der Perspektive von Jason erlebt bzw. an denen deutlich wird, auf welch besondere Weise Jason die Stadionerlebnisse wahrnimmt. Da können dann – aus guten Gründen – die Betonstufen in Hoffenheim oder die Fangesänge in Aue schon auch mal deutlich interessanter sein als das Spiel an sich. Gleichzeitig stellen genau diese Episoden Vater Mirco immer wieder vor Herausforderungen, sei es, weil das Verhalten des Sohnes mitunter für unwissende Umstehende nicht immer plausibel erscheint und durchaus auch mal in unschönen Formen der Selbsterniedrigung enden kann oder weil über allem ja irgendwie auch noch die Aufgabe steht, Jason seinen Lieblingsfußballclub finden zu lassen. Alles nicht so einfach, dafür aber schonungslos ehrlich erzählt, was beim Lesen zu herzhaftem Lachen, ungläubigem Kopfschütteln, aufrichtiger Bewunderung und ja, auch dem einen oder anderen feuchten Auge führt.

Müsste man “Wir Wochenendrebellen” in drei Sätzen zusammenfassen, ginge das eigentlich nicht besser als mit den Worten von Juterczenkas auf Seite 209:

“Die Welt braucht keinen weiteren weißen Mann, der Minderheiten und behinderten Menschen sagt, was sie dürfen und können oder gar wert sind. Mir war es ein Bedürfnis, meinen wunderbaren Sohn vorzustellen, die Behinderungen und “Behilflichkeiten” aufzuzeigen, vielleicht mit unseren Erlebnissen zu unterhalten, zu überraschen und klarzustellen, dass Fußballstadien mit ihren Fans ein Mikrokosmos der Gesellschaft sind, in dem man unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder sexueller Orientierung sehr viele großartige Menschen kennenlernen kann. Fußballfans, die uns auf unserer Suche halfen, und von denen einige heute Freunde sind.”

Nach der äußerst kurzweiligen Lektüre des 242 Seiten starken Buches lässt sich kurz und knapp festhalten: Dieses Anliegen ist vollumfänglich geglückt, zumal die Berichte durch ein Vorwort und ein ausführliches Glossar von Jason gerahmt werden und die Leser*innenschaft so auch die Gelegenheit bekommt, seine Perspektive einzunehmen.

“Wir Wochenendrebellen” ist bei Benevento Publishing erschienen und ja, das ist eine Marke der Red Bull Media House GmbH. Eine klare Kaufempfehlung gibt es trotzdem, und wer die 20 Euro investieren möchte, tue dies am besten über diesen Link: http://www.wochenendrebellen.de/bestellen. Jeder Kauf unterstützt so die Neven-Subotic-Stiftung.

Ein Exemplar des Buches wurde uns zur Rezension vom Autor kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Beitragsbild: (c) Sabrina Nagel, www.siesah.de

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR aufwachsen. Die im gleichen Viertel groß werden, sich aus dem Schutt des Krieges einen eigenen Fußballplatz an ihrer Straße bauen, dort die Spielansetzungen gegen die Teams aus den anderen Straßen an die Wände schreiben. Die schließlich als Klassenmannschaft 1954 den Titel des “Stadtmeisters der Magdeburger Schulen” erringen, um anschließend auf Bezirksebene erst im Finale zu unterliegen. Eine Handvoll Freunde, die nach der 8. Klasse geschlossen in einen Verein eintreten, dort die B-Jugend-Konkurrenz zwei Jahre lang nach Belieben dominieren und denen schließlich, als aus Jungen Männer werden, für eine Karriere im höherklassigen Fußball die damaligen Strukturen im Wege stehen. Einer dieser Jungs ist mein Vater. Das ist auch seine Geschichte.

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Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

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Die EM und ich

oder: Über die Sucht

Autor: Alexander Schnarr, nurderfcm.de

In Teil 2 unseres EM-Rückblicks beschreibt Christoph, der in Paris lebt, seine Eindrücke von der Euro vor der Haustür – seine Euro-Notizen könnt ihr hier lesen.

Mein Name ist Alex und ich bin ein Junkie. Ein Fußballjunkie. Und: Ich habe versagt. Gründlich, vollständig und auf ganzer Linie. Ein kritisches, alternatives EM-Tagebuch wollte ich schreiben. Dokumentieren, wie es sich im Schland-Wahn lebt, wenn man versucht, sich dem UEFA-Festival der Unmöglichkeiten, das auch “Fußball-Europameisterschaft 2016” heißt, vollständig zu verweigern. Die Zeit einfach sinnvoll nutzt, anstatt jeden verdammten Abend vor dem Fernseher zu sitzen und sich so illustre Paarungen wie Island-Ungarn anzuschauen. Und nein, ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob es diese Paarung überhaupt gab.

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Hoch-professionelle Fußball-Romantik – revisited

Liga 3 – ein Saisonrückblick

Vor dem Beginn der Drittligaspielzeit 2015/2016 gingen wir hier bei 120minuten der These auf den Grund, ob die 3. Liga interessanter und relevanter wäre denn je. Wir beleuchteten die dritthöchste deutsche Spielklasse hinsichtlich ihrer fußballerischen Qualität, schauten auf die wirtschaftliche Situation und ließen natürlich auch die Fan-Perspektive nicht zu kurz kommen. Inzwischen ist die letzte Minute gespielt, das letzte Tor geschossen und die letzte Entscheidung hinsichtlich des Aufstiegs in die 2. Bundesliga gefallen – Zeit also, Bilanz zu ziehen.

In unserer Retrospektive auf die 3. Liga 2015/2016 gibt Sebastian Kahl eine sportliche Einschätzung der Spielklasse ab; Endreas Müller interviewte sowohl Fedor Freytag, der “Drittliga-Urgestein” FC Rot-Weiß Erfurt die Daumen drückt als auch Eric Spannaus, dessen SG Dynamo Dresden die Liga souverän in Richtung 2. Bundesliga verließ. Alex Schnarr sprach mit Frank Rugullis, seines Zeichens Leiter des Online-Bereichs bei MDR Sachsen-Anhalt, über die 3. Liga aus Medien-Perspektive, während Christoph Wagner die Spielzeit und insbesondere das hervorragende Abschneiden des 1. FC Magdeburg aus dem fernen Paris verfolgte und zum Abschluss des Textes seine Eindrücke schildert. Ist die 3. Liga also der Ort hoch-professioneller Fußballromantik?

Autoren: Sebastian Kahl (yyfp.rocks), Endreas Müller (endreasmueller.blogspot.de), Christoph Wagner (anoldinternational.co.uk) und Alex Schnarr (nurderfcm.de)

Die 3. Liga als Zweieinhalbklassengesellschaft

Das Klassement der 3. Liga lässt sich heuer in zweieinhalb Gruppen einteilen: An der Spitze zog Dynamo Dresden einsame Kreise. Am dritten Spieltag übernahm die SGD die Tabellenführung und gab sie nicht mehr ab. Nebenbei brach die Mannschaft von Uwe Neuhaus den vereinsinternen Rekord für den besten Saisonstart, blieb die ersten zwölf Partien ungeschlagen. Dresden stellt zwei der treffsichersten Stürmer, den (auch historisch) besten Vorlagengeber und insgesamt die beste Offensive der Liga. Der Aufstieg schien bereits frühzeitig gebucht. Einzig vor Weihnachten durchlebten die Schwarz-Gelben eine Schwächephase (fünf Unentschieden in Folge), wirkten etwas überspielt. Vier Spieltage vor Schluss war die Rückkehr in die 2. Bundesliga auch rechnerisch durch.  Weiterlesen