Alle Artikel von Christoph Wagner

Buchbesprechung: Philipp Winkler – Hool

Bücher, die sich fiktional mit Fußball beschäftigen sind rar, was wohl zum einen daran liegen kann, dass die Materie Fußball schwer in Worte zu fassen ist, oder zum anderen weil der Sport eher nicht als literarisch betrachtungswürdig angesehen wurde. Bisher. Wie dem auch sei, Philipp Winkler ist mit “Hool” nicht der große Fußballroman gelungen, aber dennoch ein Buch über einen jungen Menschen, der Fußball nutzt, um seine Aggressionen auszuleben und dessen Leben irgendwie ins Negative abzugleiten scheint.

Die Figuren in Winklers Roman Hool sind zum größten Teil sogenannte Millennials, die oft als Zielgruppe beschworen werden, aber selten zu Wort kommen, bzw. ernst genommen werden. Das ist ein Fehler, sind diese Leute doch die Zukunft. Dabei könnte Winklers Hauptfigur Heiko Kolbe für so etwas wie eine Versinnbildlichung von Leuten stehen, die per se nicht politisch sind, eine Meinung gegen Nazis haben, die aber durch gezielte Falschinformation dem rechten Pöbel von AfD und Pegida auf den Leim gehen. Das Vakuum ist vorhanden in der Person Kolbes.

Dabei ist Heiko Kolbe kein Einzelfall; Leute wie ihn gibt es viele in Deutschland. Oftmals besteht ihre einzige Möglichkeit der öffentlichen Kommunikation in der Kommentarfunktion bei facebook oder anderen ähnlichen Netzwerken. Und das ist, was Hool so interessant macht. Winkler gibt denen eine Stimme, die keine haben oder deren Stimme gern überhört wird. Die Stimmen sprechen dabei im Dialekt der Hannoveraner Gegend, was durchaus schlüssig ist. Würde ein Fitnessstudiobetreiber in korrektem Hochdeutsch sprechen, fehlte dem Roman ein gehöriges Stück Authentizität. Ähnlich wie Clemens Meyer, dessen “Als wir träumten” die Verunsicherung der Wendezeit sehr gut beschreibt, schafft es Winkler mit seiner Figur des Heiko Kolbe ein Bild einer Generation zu skizzieren, die alles andere als nur auf Party aus ist, die genauso verunsichert ist und darunter leidet, dass man sie nicht ernst nimmt.

Hool beginnt mit einer Kampfszene und man befürchtet, dass dem eine Aufreihung von Kämpfen, Saufgelagen und Frauengeschichten folgt. Dem ist aber nicht so. Vielmehr erliest man einen Lebensabschnitt von Heiko Kolbe, dem Protagonisten und Ich-Erzähler der Geschichte. Hier geht es um Erinnerungen an die Kindheit als die Familie intakt und das Leben einfach waren. Ganz anders als die Realität, in der Kolbe sich als Aushilfe in der Muckibude seines Onkels finanziell über Wasser hält, seine Beziehung in die Brüche gegangen ist und er darunter leidet. So sehr, dass er des Nachts sogar vor ihrem Haus im Auto sitzt, nur um zu sehen, ob und dass sie zu Hause ist. Gleichsam ist die Familie ein Problem; der Vater ist Alkoholiker und bedarf stationärer Hilfe, die Schwester dagegen ist ein Musterbeispiel der Mittelklasse: Haus, Mann und Kind. In ihrer Mittelklasseexistenz ist aber keine Zeit für den Vater und dessen liebstes Hobby: Tauben. Letztere verpflichtet sich Heiko zu versorgen als dieser in einer Entzugsklinik ist. Dies geschieht mehr schlecht als recht. Die Mutter kommt nur in Erinnerungen vor. Diese Gemengelage machen es nicht einfach für Heiko Kolbe, das Leben zuversichtlich zu sehen. Sein Halt sind die Mitstreiter der Hannover 96 Firm, deren Anführer sein Onkel Achim ist.

Der Suizid von Robert Enke im Herbst 2009 kommt im Buch ebenso vor wie eine Diskussion über die Kommerzialisierung des Spiels. Ultras sind nur eine Facette davon, denkt sich Heiko. Für ihn ist es ein Greuel, sich im Stadion hinsetzen zu müssen; selbst stehen, ja das Spiel an sich, ist für ihn nur Nebensache. Es geht ausschließlich darum, sich mit anderen zu verabreden und zu kämpfen, ihre Stadt, ihre Farben zu vertreten und zu verteidigen. Sie sind Hooligans, haben nichts mit Nazis am Hut, Politik ist ihnen egal, sie wollen Spaß haben. Genau darauf werden sehr gern die Millennials reduziert: Spaß und sorgenfreies Leben. Was ist daran falsch fragt man sich? Gleichzeitig ist es eine groteske Fehleinschätzung, deren Folge Radikalisierung sein kann, egal in welche Richtung.

“Some guys come home from work and wash up,
And go racing in the street”*

So oder so ähnlich fühlt es sich auch für Heiko an: er wartet darauf, dass etwas geschieht, was, weiß er selber nicht. Während seine Freunde neue, sie erfüllende Aufgaben haben, tritt Kolbe irgendwie auf der Stelle. Er ist ein Bewahrer des Status Quo, dem jede Änderung zuwider scheint und doch weiß er sehr wohl, dass etwas geschehen muss. Ein letzter Kampf gegen Braunschweig und dann ist es vorbei. Als sein Vermieter, Arnim verschwindet, ist es Zeit für Heiko, die Zelte abzubrechen. Arnim hatte eine Vorliebe für seltene Tiere. Bei seinem fluchtartigen Abschied muss Heiko den Tiger erschießen, nur einer der Kampfhunde ist noch am Leben und Siegfried der Geier will trotz offenem Fenster nicht in die Freiheit. Und ist damit irgendwie auch Sinnbild für Heiko: er könnte, will aber nicht.

*Bruce Springsteen: Racing in the Street, Columbia Records, 1978

”Hool”
Philipp Winkler, Hool, Roman. Berlin: Aufbau-Verlag, 2016. ISBN: 978-3-351-03645-4. Der Roman ist in jedem gut sortierten Buchhandel und beim Aufbau-Verlag erhältlich.
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

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Buchbesprechung: Uwe Karte – Montreal Privat. Die unglaubliche Geschichte vom Olympiasieg der DDR-Fußballer

Die Frage, die sich mir beim Lesen dieses Buches stellte, war, was man erwarten sollte vom Titel: Montreal Privat. Aussagen der Spieler der DDR, die in Montreal dabei waren? Private Fotos? Späte Bekenneraussagen, dass man doch lieber in Kanada geblieben wäre, sich aber – aus welchen Gründen auch immer – doch entschieden hat, zurückzukehren? Nichts von alledem. Vielmehr erzählt Uwe Karte uns die Vorgeschichte der DDR-Fußballnationalmannschaft auf dem Weg zu Olympia 1976 und spannt den Bogen vom Herbst 1973 bis zum Finale im Olympiastadion von Montreal bis zum Sommer 1977. Dabei begleitet ihn Hans-Jürgen ‘Dixie’ Dörner, die Ikone von Dynamo Dresden mit Erinnerungen und Anekdoten.

Eins ist festzuhalten: Der Titel ist etwas irreführend. Privat sind nur die Fotos der Spieler, die alles mögliche festhielten, sogar von der Ersatzbank aus knipsten! Der Text dagegen behandelt die Entwicklung der DDR-Fußballnationalmannschaft in der ersten Hälfte der 1970er Jahre bis 1976, bis zum Olympiasieg in Montreal gegen Polen. Dabei verfolgt Uwe Karte die Entstehung der Mannschaft, der Georg Buschner vertraute und untermalt diese mit Ausschnitten aus der Karriere einzelner Spieler. Zentrale Figur 1976 war Dixie Dörner, der Kapitän und Spielmacher dieser Elf und auch bei diesem Buch war er mit dabei und hat in kleinen Interviews seine Sicht der Dinge präsentiert. So entsteht ein unglaublich dichtes Bild des DDR-Fußballs in seiner erfolgreichsten Phase. Uwe Karte gelingt hierbei etwas, was wohl sonst nur Jonathan Wilson schafft. Stück für Stück erläutert, er wie sich die Mannschaft herauskristalliert, wie Spiel für Spiel die Bausteine besser in die Gesamtkonstruktion passten. So erscheint es schlüssig, dass der Erfolg nur möglich war durch den Umbau der Mannschaft; die Zeit des Magdeburger Blocks, der 1974 bei der WM und vorher im Europapokal noch für Furore sorgte, war vorbei. Dresden war an der Reihe. Kraftfußball wurde durch Spielfreude und Technik ersetzt. Es sind dies die besten Passagen des Buches, weil es eben diese Einsichten in die Genese dieser Mannschaft sind, die Spannung schaffen.

Olympiasieger bist Du ein Leben lang (S.152)

Ein Erinnerungsbuch würde in den meisten Fällen die unschönen Momente auslassen oder nur sehr kurz streifen. Der Autor dagegen schließt die Berichte der Presse mit ein und diese ließ wahrhaftig kein gutes Wort an den Spielern und ihren gezeigten Leistungen. Der Leistungseinbruch nach der WM war selbst für den Trainer Buschner überraschend gekommen, was er selber gegenüber den Parteigenossen unumwunden zugab; die Presse zerriss die Mannschaft förmlich. Die fuwo war dabei wohl noch am sachlichsten, wenn sie nach einer 3:1-Schlappe gegen die CSSR schrieb: ‘Was dabei enttäuschte, war das WIE dieses 1:3.’ (S.31) Dafür sind kritische Worte, sachlich und offen, scharf und helfend, durchaus angebracht.’ (S.33) Selbst während des olympischen Turniers waren die Schreiberlinge nicht zufrieden. ‘Endlich mal Tore’ (S.133), maulte etwa die fuwo nachdem Frankreich mit 4-0 geschlagen wurde. Immerhin spielte ein gewisser Michel Platini mit, der 1984 seine Mannschaft zur Europameisterschaft führen sollte.

Nicht unerwähnt lässt Karte ebenso die unschöne politische Situation im Hintergrund. Der DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) und der DFV der DDR (Deutscher Fußballverband) lagen im Dauerstreit, die Gründe waren vielfältig. Der Erfolg von 1974 hatte auf beiden Seiten Begehrlichkeiten geweckt. Der DTSB sah im Fußball die Möglichkeit, doch Medaillen zu gewinnen, der DFV wollte mehr Unabhängigkeit. Dass dies logischerweise zu Konflikten führen musste, war klar. Eins der prominentesten Opfer war kein geringerer als Heinz Krügel, der den 1. FCM zwischen 1966 und 1976 zu 3 Meisterschaften, 2 Pokalsiegen sowie zum Europapokalsieg 1974 führte. Vorgeworfen wurde ihm eine mangelhafte Vorbereitung der Olympiakader; der wahre Grund waren sein Erfolg und seine politische Unangepasstheit.

Einen Schnitzer leistet sich Karte, indem er die erste Weltmeisterschaft 1930 von Uruguay nach Argentinien verlegt. Dem folgt ein kurzer Abriss über die Geschichte des Fußballs während der olympischen Spiele; leider kommt dieser mittendrin und unterbricht den Erzählstrang. Überhaupt würden dem Buch Zwischenüberschriften sehr gut tun. Dies würde dem Lesefluss helfen. Ohne jede Unterteilung geht es flott voran und man wechselt sehr häufig Szenario und Personal ohne Vorwarnung. So geht es von der Entlassung mit anschließendem Berufsverbot für Heinz Krügel im Frühsommer 1976 direkt ins vorolympische Trainingslager nach Kienbaum. Leider kommen diese Szenenwechsel ein wenig zu oft und unerwartet; eine Trennung würde hier gut tun. Nichtsdestotrotz ist Uwe Karte mit diesem Buch ein großartiger Wurf gelungen von einem Turnier und einem Olympiasieg, der heute gern vergessen und belächelt wird. Es ist kein Buch, welches in einen Ostalgieton verfällt oder in die Kategorie “Sicher gibt es bessere Zeiten, aber diese war die unsere” einzuordnen wäre.

Bei 120minuten haben wir uns dem Olympiasieg der DDR-Fußballer ebenfalls gewidmet – Autor Fedor Freytag lässt das olympische Fußballturnier Revue passieren:

Der vergessene Triumph

Bei den olympischen Sommerspielen 1976 konnte die Fußballnationalmannschaft der DDR ihren ersten und einzigen Titelgewinn feiern, der heute etwas in Vergessenheit geraten ist.

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Die Akademie für Fussballkultur

oder: Preise für Fußballblogger

Zur Mitte des Jahres bekamen wir die Mitteilung, dass die Deutsche Akademie für Fußballkultur uns, 120minuten, in der Kategorie ‘Fußballblog des Jahres’ nominiert hat. Gemeinsam mit 23 anderen Blogs waren wir in der Auswahl. Das hat uns gefreut, wir haben uns allerdings keine Chancen ausgerechnet, außer der Nominierung selbst etwas zu gewinnen.

Die Akademie wurde 2004 ins Leben gerufen mit dem Ziel, den “Zwischenraum zwischen Fußball und dem Feuilleton zu besetzen”. Ihre Existenz ist Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins, dass Fußball ein nicht ganz unwichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist. Jahr für Jahr beraten die Mitglieder der Akademie über das beste Fußballbuch des Jahres. Bisherige Gewinner waren beispielsweise Christoph Biermann, Jorge Valdano, Ronny Blaschke sowie Péter Esterhazy. Nürnberg ist die Stadt des Sportmagazins ‘Kicker’, welches auf Walther Bensemann zurückgeht. So wundert es wenig, dass ebenso ein Walther-Bensemann-Preis vergeben wird an eine Persönlichkeit, die “im Sinne der Völkerverständigung Besonderes im Fussball geleistet hat.” Im Wechsel werden eine nationale und eine internationale Persönlichkeit geehrt; in der Vergangenheit wurde diese Auszeichnung unter anderem bereits Franz Beckenbauer, Bert Trautmann, Bobby Charlton, Marcelo Lippi oder Alfredo di Stefano zuteil.

Eine besondere Sparte ist der Fan-Preis, der jährlich in einer wechselnden Kategorie vergeben wird. Mal sind es die besten Fangesänge, Fanzines oder Videos oder die beste Choreographie. In diesem Jahr sind es die Blogs, die gekürt werden. Hier zeigt sich, welche Rolle Blogs inzwischen in der fußballbezogenen Medienlandschaft spielen. Sie bieten eine Ergänzung, zu dem was Tageszeitungen, Radio und TV zum Fußball anbieten und konzentrieren sich dabei auf das Wesentliche: das Spiel. So schön die Anerkennung auch ist, spiegelt dieser Sonderpreis auch die Distanz zwischen etablierten Medienmarken und den Autoren bekannter und weniger bekannter Blogs wider. Es herrscht gesundes Misstrauen bzw., etwas wohlwollender ausgedrückt: ein Verhältnis irgendwo zwischen Argwohn und friedlicher Koexistenz.

Nicht nur haben wir es auf die Liste der besten 24 Blogs geschafft, nein, wir landeten am Ende sogar in der TOP 11, sprich der Startelf der besten deutschsprachigen Fußball-Blogs. Das freut uns sehr, ist es doch Bestätigung für unsere bisher geleistete Arbeit. Und hat uns doch, wenn wir ehrlich sind, (überaus positiv) überrascht. Gleichzeitig ist es auch ein Ansporn, an 120minuten weiterzuarbeiten und zu feilen. Wir haben Ideen und Pläne, die wir in den nächsten Monaten umsetzen wollen.

Zunächst gilt es aber erst einmal, die Smokings zu entstauben, den Bart zu richten, die Sneakers gegen die guten Schuhe zu tauschen und am 21.10.2016 bei der jährlichen Preisverleihung der Deutschen Akademie für Fußballkultur in Nürnberg dabei zu sein. Wir freuen uns, sind sehr gespannt und: wir werden berichten!

Pariser Euro-Notizen

Ein Turnier vor der Haustür

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Teil 1 unseres EM-Rückblicks von Alex, der sich an Fußball-Entzug versuchte, lest ihr hier.

Es ist Europameisterschaft und sie findet unmittelbar vor meiner Haustür statt. Die WM 2006 sah ich in England, was eine besondere Erfahrung war, weil die Engländer festgestellt haben, dass die Deutschen durchaus eine fröhliche Party organisieren können. Die Betonung hier liegt auf fröhlich; dass die Deutschen in der Regel gut im Organisieren sind, hat sich auch auf der Insel herumgesprochen. Nun also dieses Turnier in Frankreich. Unter durchaus besonderen Vorzeichen.

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Von der Kreisliga in die Nationalmannschaft

Vor einigen Monaten begann ich, meine Erfahrungen als Kreisligaspieler aufzuzeichnen und zu veröffentlichen. Teil 1 und 2 können hier und hier nachgelesen werden. Eigentlich sollte nun Teil 3 folgen, der die Zeit in Frankreich beleuchtet. Leider ist etwas dazwischen gekommen. Ich wurde in die Nationalmannschaft berufen. In die Autorennationalmannschaft. Wie es dazu kam, soll hier kurz umrissen werden.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Die Helden von ’66

Während Fußballfans in England und sicher auch anderswo mit der Jahreszahl vor allem die WM 1966 in England assoziieren, gedenkt man in Dortmund im Mai dem Europapokalfinale der Pokalsieger 1966 gegen Liverpool. Dies wurde besonders deutlich vor dem Achtelfinalhinspiel gegen den FC Porto als auf der Südtribüne ein großes Banner mit dem Spruch

“Das Album vollenden – Ihr habt es in den Händen.”

hochgehalten wurde. Das spricht durchaus für Geschichstbewusstsein der Borussenfans, denn es dürfte den wenigsten bekannt, dass der BVB 1966 erstmals eine europäische Trophäe mit nach Hause brachte. Leider wird das Album auf unabsehbare Zeit weiterhin unvollendet bleiben und Borussia Dortmund wird dem erlauchten Kreis der Clubs nicht beitreten dürfen, die alle drei Europapokale gewonnen haben. Im Halbfinale hatten die Borussen mit West Ham den Titelverteidiger ausgeschaltet; diese wiederum hatten in der Runde davor den 1. FC Magdeburg in zwei durchaus packenden Spielen geschlagen. Im Finale dann war der BVB gegen Liverpool der krasse Außenseiter. So krass, dass selbst Billy Shankly der legendäre Trainer der Reds im Vorfeld sagte:

“Borussia Dortmund? Wer ist das schon? Das Finale in Glasgow ist für mich schon abgeschlossen. Mein neues Ziel ist das Finale der Landesmeister in der nächsten Saison.” (S. 119)

Wenn Die Dortmunder noch eine weitere Motivation benötigten, so hat Shankly sie ihnen frei Haus geliefert. Das Finale ist hart umkämpft, der Rasen durch Regen aufgeweicht. In der Verlängerung macht ausgerechnet der Spieler ein Tor, der sonst für seine Technik und seine Dribblings bekannt ist: Reinhard ‘Stan’ Libuda. Ein Torschuss von Held wird abgeblockt und fällt zu Libuda. Dieser, etwa 25m vom Tor entfernt, tut, was er sonst nie macht: er zieht ab. Die Bogenlampe wird lang und länger, geht gegen den Innenpfosten und die Hüfte von einem Verteidiger und vor dort ins Tor. Der Rest ist Geschichte und Libuda machte sich unsterblich. Vor der Saison von Schalke zum BVB gewechselt, um nach Schalkes Abstieg weiterhin in der 1. Liga zu spielen, ging er mit diesem Tor in die Annalen ein; sechs Jahre später gelang ihm dies mit den Knappen als er den DFB-Pokal gewann.
Das Buch von Gregor Schnittker beleuchtet die gesamte Saison im Europapokal, angefangen vom DFB-Pokalfinale 1965 gegen Alemannia Aachen, welches Dortmund 2-0 gewinnen konnte. Es folgen Kapitel für Kapitel die einzelnen Spiele in jeder Runde; insgesamt 4 Runden bis zum Finale im Hampden Park, der Heimspielstätte von Celtic. Soweit ist das auch gut.
In jedem Kapitel geht Schnittker auf den Gegner ein und beschreibt das Spielgeschehen. Jedoch, ehe es dazu kommen kann, werden wir mit Details überhäuft, die sich um Personalien oder Ereignisse in der Clubgeschichte des BVB drehen. Das ist etwas lang geraten und bedarf einer Kürzung bei einer zweiten Auflage.
Die interessanteste Frage wird gleich zu Beginn gestellt und soll hier kurz ausführlicher Platz finden. Kann man den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft 1954 mit dem der Dortmunder von 1966 vergleichen? Schnittker bejaht diese Frage, wird doch Erinnerung und damit Identität viel eher im Lokalen als im Nationalen gestiftet. Es war vor allem ein Achtungserfolg, dass der deutsche Fußball eben nicht nur in München, Hamburg oder Köln sein zu Hause hat, sondern auch im Ruhrgebiet, mit Ausnahme der Blau-Weißen Rivalen des BVB und sicher auch den Fans einiger anderer Clubs. Einer, der es wissen muss, ist Aki Schmidt, Kapitän der Dortmunder Elf von 1966. Er war 19 als Rahn Herbergers Elf 1954 zum Sieg schoss und 31 als er Dortmund zwölf Jahre später zum Titel führte. Er sagt:

“Der Sieg über Liverpool hat aber nicht nur uns gefallen, sondern auch Schalkern, Essenern, Duisburgern, Bochumern, den Menschen in Erkenschwick und was weiß ich noch wo.” (S. 8)

Dabei ist das Jahr 1966 in der Tat wichtig für die alte BRD. Adenauer war Geschichte und sein Nachfolger Ludwig Erhard hatte mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, die man fast gar nicht mehr kannte. Das Wirtschaftswunder kam zu einem Ende und es begann der Prozess der De-Industrialisierung und machte vor den Zechen und Stahlküchen keinen Bogen. Damit brach der Region ein wichtiges Standbein weg, was blieb war Fußball. Und Bier und die Erinnerungen. Somit half der Fußball als identitätsstiftendes Vehikel dem Pott in dieser Periode des Wandels. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die These die Erfolge von 1954 und 1966 miteinander zu vergleichen, durchaus haltbar: beide Spiele wurden im Nachgang als Vehikel zur Identitätstiftung genutzt. Obschon auf sehr verschiedenen Ebenen, wird sowohl bei Deutschlands Sieg in Bern sowie Dortmunds Triumph in Glasgow, die Fähigkeit des Fußballs hervorgehoben, eine imaginäre Gemeinschaft zu kreieren: “Wir sind wieder wer.” Im dritten Anlauf einer deutschen Vereinsmannschaft schaffte es Borussia Dortmund, ein Finale zu gewinnen und somit den Stellenwert des deutschen Fußballs auch auf Vereinsebene zu untermauern.
Ein dickes Plus gibt es für die zahlreichen Zeitdokumente, seien es Fotos, Postkarten oder handschriftliche Notizen; dieses Buch füllt eine Lücke. Großer Kritikpunkt ist das unhandliche A4-Format des Buches, welches es nahezu unmöglich macht, es unterwegs zu lesen. Ein weiterer ist die Langatmigkeit der Kapitel. Weniger ist mehr, gilt einmal mehr. Es finden zu viele Nebensächlichkeiten Eingang in die Geschichte dieser Saison. Sicher sind das alles wichtige Puzzleteile im Gesamtbild dieser Saison, jedoch kommen diese Stücke oft zäh daher; die Protagonisten kommen ins Erzählen und dürfen das auch. Hier wäre ein etwas kritischerer Blick vom Lektor hilfreich gewesen.

Gregor Schnittker: Die Helden von ‘66. Erster deutscher Europapokalsieger Borussia Dortmund. Erschienen im Werkstatt-Verlag, 2016. ISBN: 978-3-7307-0250-5. Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar zur Besprechung zur Verfügung gestellt.

Buchbesprechung: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland, 1933 – 1938

Trotz der rasanten Entwicklung der Sportgeschichtsschreibung in den letzten Jahren gibt es immernoch weiße Flecken. Einer dieser Flecken war die Geschichte jüdischer Fußballvereine. In einem Forschungsprojekt haben sich Lorenz Peiffer und Henry Wahlig dieses Themas angenommen und ein Standardwerk geschaffen, welches einen ersten Überblick auf die Entwicklung der jüdischen Fußballvereine zwischen 1933 und 1938 erlaubt. Diese Lücke vollends zu schließen wird dennoch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Der Untertitel “Eine Spurensuche” beschreibt sehr deutlich die Arbeit, welche die Autoren unternommen haben, um dieses Nachschlagewerk zu erstellen, welches nach Bundesland geordnet, die Vereine auflistet, kurz die Geschichte und Geschicke beschreibt, wichtige Persönlichkeiten hervorhebt und – wo möglich – auch Statistiken liefert. Neben den 16 Bundesländern der heutigen BRD sind auch die ehemaligen Gebiete Ostpreußen und Schlesien in diesem Buch erfasst. Diese Spurensuche begann 2010 und förderte um die 200 Vereine zutage. Neben dieser lexikalischen Funktion dieses Werkes erlaubt die Forschung ebenso Rückschlüsse auf die Bedeutung des Fußballs für jüdische Mitbürger während der Zeit der Nationalsozialisten. So zynisch es klingen mag und angesichts des bekannten Verlaufs der Geschichte auch ist, ohne die Nationalsozialisten und ohne die Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 und ohne die vorauseilende Gehorsamkeit vieler Vereine und allen voran des DFB, hätte es eine solche Blüte jüdischen Fußballvereinslebens nicht gegeben. Dies heben Peiffer und Wahlig in der Einleitung sehr deutlich hervor. Aus Briefen und Tagebuchnotizen zitieren sie und beschreiben so den Effekt, den die Aktionen des DFB auf die Personen und die Vereine hatten. So berichtet Julius Hirsch, wie er “bewegten Herzens” seinem “lieben KFV”, dem er immerhin seit 1920 angehörte, seinen Austritt anzeigte. Allerdings nicht ohne zu erwähnen, “daß es in dem heute so gehaßten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene Juden gibt.” (S.20)

9783730702215_cover_0Peiffer und Wahlig haben für diese Studie eine große Zahl an lokalen und überregionale jüdischen Zeitungen und Gemeindeblättern ausgewertet. Insgesamt waren das mehr als 5000 Seiten Material: “Eine in dieser Form bislang nicht zur Verfügung stehende Quellenbasis.” (S.9) Hinzu kommen Dokumente aus Archiven im In- und Ausland, wobei die ausländischen Archive weitaus ergiebiger waren, da geflüchtete Athleten Erinnerungen in diesen deponierten und so vor der Vernichtung bewahrten. Einführend gibt es einen kurzen Abriss der Geschichte des jüdischen Fußballs vor 1945. Dieser dient dazu, explizit darauf hinzuweisen, dass es Juden waren, die den Fußballsport förderten als dieser noch als “undeutsch, unelegant” (S.13) – also ganz ähnliche Stereotype, mit denen sich Juden konfrontiert sahen – oder als “englische Krankheit” bezeichnet wurde. Die wohl bekanntesten sind Kurt Landauer, Präsident des FC Bayern und Walther Bensemann, Gründer des Kicker und beteiligt an mindestens 8 (!!!) Vereinsgründungen wie beispielsweise Eintracht Frankfurt. Er war in die Gründung des DFB involviert organisierte das erste offizielle Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft 1908 gegen die Schweiz. Mit anderen Worten: ohne Bensemann sähe der deutsche Fußball heute anders, ganz ganz anders aus, gäbe es keine 4 Weltmeistertitel, derer man sich rühmt, vorzuzeigen. Angesichts dieser Tatsache war diese Forschungslücke nahezu grotesk; gepaart mit einzelnen Episoden aus der Geschichte des DFB post-1945 lassen sich hieraus unglücliche Rückschlüsse ziehen, die den DFB in die Verantwortung nehmen. Ohne Übertreibung kann man dem Buch das Siegel Pflichtlektüre aufdrücken. Jede und jeder, die/der sich mit deutscher Fußballgeschichte auseinandersetzt, sei es aus persönlichem Interesse oder im akademischen Rahmen sollte dieses Buch kennen.

Lorenz Peiffer, Henry Wahlig: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland: Eine Spurensuche (Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2015) ISBN: 978-3730702215

Das Buch ist erhältich über den Verlag oder kann bei allen anderen anderen Verkausstellen bezogen werden.

Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

Buchbesprechung und Verlosung: Imran Ayata – Ruhm und Ruin. Ein Roman in 11 Kapiteln.

Wir verlosen den Roman “Ruhm und Ruin” von Imran Ayata!

Der Verbrecherverlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar des Romans zur Verlosung bereitgestellt. Wie Ihr gewinnen könnt? Indem Ihr bis 28. Januar, 12 Uhr, über die unten eingebundene Box teilnehmt. Dann heißt es Daumen drücken. Zur Teilnahme genügt bereits ein Kommentar, Ihr könnt aber auch zusätzliche Lose verdienen. Was Ihr dafür tun müsst, erfahrt Ihr unten. Allen Teilnehmern wünschen wir viel Glück.

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Unsere Rezension zu “Ruhm und Ruin”

Das Thema ist derzeit in aller Munde: Migration und Flüchtlinge. Imran Ayatas Buch “Ruhm und Ruin”, welches im Verbrecher-Verlag erschienen ist, vereint zwei Themen, die Deutschland derzeit in Atem halten. Da ist zum Einen der Fußball, bei dem es zusehends klar wird, dass die WM 2006 nicht mit rechten Dingen nach Deutschland kam. Das Interview von Franz Beckenbauer in der Süddeutschen Zeitung im November ist ein guter Beleg für den Morast, in dem der DFB steckt. Und auch sonst liegt im Fußball einiges im Argen. Das Andere ist das Thema Migration. Jahrzehntelang wurde es totgeschwiegen beziehungsweise wurde so getan als ob das Thema nicht existierte, denn Migranten aus Jugoslawien, der Türkei, Griechenland, Makedonien waren keine Migranten, sondern Gastarbeiter. Die Problematik wurde linguistisch weggeschlossen, ehe sie in den 90ern und frühen Nullerjahren brachial zurückkam. Dabei war die alte Bundesrepublik sehr wohl ein Einwanderungsland, nur wollte es keiner wahr haben.

 

Dieses kleine Bändchen enthält 11 Kapitel, besitzt also Mannschaftsstärke, dreht sich dabei aber nur periphär um Fußball, sondern vielmehr um die Einbettung eines Fußballvereins in seine unmittelbare Umgebung. In jedem dieser 11 Abschnitte spricht eine andere Person über Fußball bzw. über die Beziehung zum eben jenem Kiezverein. Im Mittelpunkt steht dabei ein deutsch-türkischer Fußballer, Arda Toprak, der es schafft, vom Kiezclub zu einem Bundesligaverein zu wechseln und sogar in die Nähe der Nationalmannschaft rückt. Dann werfen ihn zwei Verletzungen zurück und die Laufbahn ist beendet. Dass seine Begabung ihn in seinem Kiez herausstellte, ist ihm bewusst:

“In unserer Hood träumten alle davon, entdeckt zu werden. Jeder wollte raus aus Elend und Mittelmaß … Mich traf es besser. Ich hatte das Ticket zum Glück gelöst.” (S.13)

In elf Kapiteln reden elf verschiedene Menschen über die Rolle des Vereins und ihre Sicht der Dinge auf den Club, das Schicksal Topraks, von dem vieles abhing, was ihm wiederum zu viel war und wie alles irgendwie zusammenhängt: Leben, Liebe, Fußball. Was passiert, wenn alles auf eine Karte, in diesem Fall auf die Karrierehoffnung des Sohnemanns, gesetzt wird, zeigt sich am Schicksal des Vaters, der sich als Manager in die totale Abhängigkeit seines Sohnes begibt und das größte Opfer bringt: er erleidet einen Zusammenbruch und muss ins Krankenhaus; aus Fikret Toprak wird Deli Fikret: der verrückte Fikret. In seinem Gespräch, eigentlich sind Selbstgespräche im Krankenhaus verboten, sagt er:

“Es sollte unseren Kindern anders ergehen. So haben Esra und ich uns das ausgemalt. Bei Allah, was ist daran falsch? Wir waren bereit, alles dafür zu tun, damit sie Erfolg haben. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert.” (S.29)

Da ist die Schwester, Yasemin, die gern die traditionellen Schubladen schließen möchte und ein eigenes Modelabel gründen möchte. Aber:

“Eine Frau, die Yasemin Toprak heißt, ist für andere Schubladen vorgesehen.”

Sie redet über Mode und Sex. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über die gescheiterten Modepläne. Sie hat die Nase voll und wer könnte es ihr verwehren? Hoffnung kommt auf für sie, als sie ein Angebot eines Praktikums in Paris erhält.

Das Schicksal der Familie ist aber nur eine Facette dieses gut geschriebenen Buches. Viel aufschlussreicher sind dagegen die Kapitel, in denen Vereinsmitglieder zu Wort kommen, also Vereinspräsidenten und solche, die es werden wollen, die Social-Media-Beauftragten, Trainer und anderen Leute, die alle irgendwie mit dem Verein zusammenhängen. Dabei kommt zutage, wie vielschichtig der Verein ist; längst sind nicht mehr nur türkischstämmige Spieler dabei und sogar ein Afrikaner mischt mit, genannt Türk Richard. Dieser mag keinen türkischen Tee, weil er so süß ist. Das Buch entlarvt den typischen deutschen Rassismus und so wird Kabul schon mal in die Türkei gelegt und ein Jugendtrainer des Kiezclubs wird Kollege Kebab genannt. Die Kurdenfrage ist problematisch und wird so gut es geht vermieden. Wenn aber jemand diese Frage in den Raum wirft auf einer Vereinssitzung – und das geschieht mit Regelmäßigkeit – ist schnell alles andere nebensächlich und Fußball sowieso. Wie für Türken ist es auch für afrikanisch-stämmige Deutsche schwierig oder gar unmöglich, als solche wahr genommen zu werden. So ergeht es Türk Richard, einem Lokalpolitiker, der im Vereinsvorstand sitzt, obwohl Fußball ihn “nicht sonderlich interessiert”. Er habe so viele Rollen bekleidet und alles dreht sich bei seinen Mitmenschen um die eine Frage:

“Warum tun sich die meisten damit schwer, dass ich Deutscher bin? Natürlich kenne ich die Antwort”. (S. 98)

Was dann folgt, ist eine Watsche an die Politik, die sich nur zu Wahlkampfzeiten blicken lässt, denn die meisten Mitglieder haben einen deutschen Pass und Pass = Wählerstimme.

Was ist ein Fußballverein? Eine Institution zur Identitätsbildung? Oder ein aus Ich-AGs bestehendes Gebilde? Genau diese Diskussion ist eines der zentralen Themen, die Komünist Yusuf, Türk Richard oder andere Vereinsmitglieder diskutieren. Hintergrund ist die Idee eines türkischen Geschäftsmannes, Şefik Aslan, den Verein als Präsident zu leiten und zu professionalisieren. Letzterer scheitert und die Tradition obsiegt. Verharrt der Fußball zu sehr im Überkommenen und wehrt sich gegen die Veränderung? Für Aslan ist es so und es kränkt ihn, dass er seine Ideen im Verein nicht wird umsetzen können. In wohl keinem anderen Bereich frönt man der Tradition so sehr in Deutschland wie im Fußball und dabei ist doch klar, dass Tradition erfunden ist.
Wie sehr der Volkssport Nr. 1 bereits wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist, tritt deutlich zutage in der Aussage des Schiedsrichters Herr Licht. Videobeweis? Da wurden die TV-Anstalten eher befragt als die Unparteiischen. Rassismus auf dem Platz? Nicht in Deutschland und die Polizei hat den Hitlergruß auch nicht gesehen, also keine Aufregung erzeugen. Bestechung? Suizidversuche eines Schiedsrichters? Morddrohungen? All das ist der wöchentliche Wahnsinn auf Deutschlands Plätzen, nur kümmert es keinen, wie es scheint. Irgendein großer Trainer postulierte einst, dass die Wahrheit auf dem Platze liege; nach Lektüre dieses Buches bleibt festzuhalten, dass dem nicht so ist.
Es bleibt “Türk Richard” überlassen, es auf den Punkt zu bringen, was den Verein ausmacht, für ihn und andere. Der Verein “ist eine hochpolitische Veranstaltung” sowie ein “Labor für Machtspiele”. Denn, “es geht um Fußball, es geht um unseren Alltag. Es geht um unser Leben”. Bill Shankly hätte seine Freude. Dieser Satz soll als Schlusspunkt dienen, denn er fasst es treffend zusammen, was dieses Buch und diesen Sport ausmacht.

NB: Der Roman basiert auf dem Theaterstück “Liga der Verdammten” welches 2013 im Berliner Ballhaus Naunynstraße aufgeführt wurde. Das Buch ist im Verbrecher-Verlag erschienen und kostet €19.-