Von der Kreisliga in die Nationalmannschaft

Vor einigen Monaten begann ich, meine Erfahrungen als Kreisligaspieler aufzuzeichnen und zu veröffentlichen. Teil 1 und 2 können hier und hier nachgelesen werden. Eigentlich sollte nun Teil 3 folgen, der die Zeit in Frankreich beleuchtet. Leider ist etwas dazwischen gekommen. Ich wurde in die Nationalmannschaft berufen. In die Autorennationalmannschaft. Wie es dazu kam, soll hier kurz umrissen werden. 

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Irgendwann im Frühjahr erhielt ich von Frank Willmann eine Nachricht, dass im Juni in Frankreich ein Länderspiel stattfinden würde. Nun kann man als gemeiner Fußballfan davon ausgehen, dass während der EM in Frankreich im Juni einige Länderspiele stattfinden würden. Das Spiel, von dem Frank sprach, war aber ein besonderes. Es war ein Freundschaftsspiel zwischen den Autorennationalmannschaften des DFB und Frankreichs. Anlass war natürlich die EM. Im Pariser Goethe-Institut sollte dann abends noch eine Lesung mit zwei Autoren aus den jeweiligen Ländern stattfinden. Ich war eingeladen, das Spiel zu verfolgen und am Abend den Worten der kickenden Autoren zu lauschen. Klar, gar kein Problem, mache ich gern. Immerhin geht es um Fußball und ausnahmsweise müsste ich mal nicht irgendwohin reisen und auswärts übernachten. Nun wissen die Leser von 120minuten aber, dass ich selber gespielt habe und deshalb konnte ich mir die Frage auch nicht verkneifen, was es denn braucht, um mitzukicken: Mindestens zwei belletristische Werke und einigermaßen kicken können. Ok, Belletristik ist nicht meins, was das Schreiben bisher betraf. Eher die Kommentarfunktion bzw. die historische Recherche und Analyse. Schade, es hat also nicht sollen sein. Denn so ein Altherrenkick würde mich schon reizen. Sollte ich die französische AES anschreiben und darum bitten, auf der anderen Seite mitspielen zu dürfen? Wäre das Verrat oder gar Desertion? Ich beließ es dabei, nicht spielen zu können, sondern nur zuzuschauen.

Wie das so ist, kommt es dann meist anders. Ende Mai erreichte mich erneut eine Nachricht von Frank mit der Frage, ob ich mir vorstellen könnte, als Spieler auszuhelfen, da es einige Ausfälle gab. Meine Antwort: Ich habe insgeheim mit dieser Berufung gerechnet, aber mir keine Hoffnungen gemacht.

Eigentlich habe ich es nicht so sehr mit Deutschland und Trikot tragen. Will sagen, klar, die Mannschaft soll doch bitte gut spielen und wenn möglich gewinnen, aber ich bin kein Superfan. Und Trikots eines Vereins trage ich sehr selten, ein solches der DFB-Mannschaften besitze ich gar nicht und das Wort ‘Schland’ gehört in meinen Augen verboten. Dennoch, ich würde also ein Trikot tragen mit vier Sternen auf der Brust und ich wusste, es würde mich unheimlich stolz machen. Das ist Fußball. Also habe ich mir den 4. Juni rot im Kalender angekreuzt und mich gefreut.

AutoNaMa und AES

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Das Stadion

Wer glaubt, der Pariser Fußball dreht sich nur um den Prinzenpark oder findet ausschließlich im Stade de France statt, der hat keine Ahnung. Fast 30 km außerhalb der Stadtmauern von Paris spielt seit inzwischen fast 100 Jahren der Racing Club de Paris. Seit 1920 ist man im Stade Yves du Manoir in Colombes beheimatet. Davor war der Club im Prinzenpark zu Hause. In den 1930er Jahren erlebte der Club Racing seine größte Zeit und gewann 1936 das Double aus Meisterschaft und Pokal. Das erste Double einer Pariser Mannschaft überhaupt, lange vor PSG à la Katar. Der Pokal ging noch insgesamt vier weitere Male nach Colombes: 1939 und 1940 und 1945 gleich nach dem Krieg wieder. Letztmalig wurde die Trophäe 1949 gewonnen. Racing erreichte 1950 sowie 1990 noch einmal das Finale, mehr ging nicht. Derzeit spielt der Klub in den unteren Amateurligen und lebt von seiner Geschichte. Man ging mehrere Fusionen mit anderen Vereinen ein, letztlich kam man doch immer wieder auf den originalen Namen zurück. Das Stadion in Colombes wurde für die Olympischen Spiele 1924 errichtet, später auf wahnsinnige 60.000 Plätze ausgebaut und wurde Olympiastadion von Colombes genannt. Das Stadion wurde ebenfalls 1938 für die WM in Frankreich genutzt; der spätere Weltmeister Italien spielte dort gegen Ungarn und zahlreiche Finalspiele des französischen Verbandspokals fanden dort statt. Am 5. März 1963 waren sage und schreibe 63.638 Menschen in diesem Stadion, um Ajax gegen Benfica spielen zu sehen im Landesmeisterpokal. Von dieser Größe ist heute nichts mehr zu erkennen; gut ein Viertel davon passt noch in die offene Schüssel rein. Im großen Stadion spielt heute der Racing Metro 92, eine Rugby-Mannschaft, die in der ersten Liga Frankreichs, der Top14, verortet ist.

Der Spieltag

Treffpunkt war vor eben jenem Stadion. Unser Spiel sollte auf einem Nebenplatz stattfinden. Nichtsdestotrotz war der Rasen wohl der beste, den ich je betreten durfte. Die bisherigen Plätze waren je nach Witterung entweder noch furztrocken vom Sommer und somit Staubwüsten, auf denen man Rasen bestenfalls erahnen konnte oder tiefe Schlammgruben und bedeckt mit Pfützen. Das hier war mein Wembleyrasen. Kurz gehalten und aufgrund des Regens in den Tagen zuvor relativ tief. Sogar in den Toren war Rasen zu finden! Auf der kleinen überdachten Tribüne finden etwa 1.000 Zuschauer Platz, insgesamt können wohl etwas mehr als 2.000 ein Spiel verfolgen.

In Frankreich und speziell in Paris sind Verabredungen eher Richtwerte. So kam ich etwas später als vereinbart; der Bus mit den Mannschaften, der Betreuung vom Goethe-Institut, den Fernsehteams, Fotografen etc. kam geschlagene 25 Minuten verspätet an. Als dann der Bus da war, kam Frank als Erster raus. Ich wurde sogleich allen vorgestellt, die nach und nach einzeln aus dem Bus purzelten. Wolfram Eilenberger, Simon Roloff, Lucas Vogelsang, Moritz Rinke … viele kannte ich nicht einmal. Nach gefühlt 100 Mal Hände schütteln erwähnte Frank, der mich jedem vorstellte, die französischen Autoren, die über Fußball schrieben und die durchaus interessante Kontakte darstellen könnten. Es war die reinste Informationsflut, die ich gar nicht bewältigen konnte in der kurzen Zeit. Der Weg zur Kabine: noch mehr Fragen, viel vorstellen, viel reden über mich, über die Bloggerei, über Paris, was ich hier so tue. Dazwischen immer wieder Frank, der mir Menschen zeigte, mit denen ich in Kontakt kommen sollte. Und dann die Mannschaftskameraden, die ebenfalls wissen wollten, woher man kam.

“Bist du denn fit?”, fragte Frank. “Klar, ich laufe ne 10 aus dem Stand in 48 Minuten.” Was nach Angeberei klang, war durchaus realistisch, selbst ohne Training. Die Fitness war also nicht das Problem. Eher die fehlende Spielpraxis. Das letzte Großfeldspiel war 2013 und zwischendurch gab es nur 2 Auftritte auf dem Handballfeld in der Halle in Magdeburg. Der letzte im April war durchaus vielversprechend. Trotzdem, Großfeld ist eine andere Hausnummer. Klar, Erfahrung meine ich genug zu haben, nach einer illustren Karriere in drei Ländern. Die Wahrheit würde wohl auf dem Platz zu finden sein. In der Kabine dann die offizielle Begrüßung durch die gesamte Mannschaft: Beifall von den Spielern und Vorstellung durch Trainer Frank. Ich nahm Platz in einer Ecke neben Wolfram Eilenberger und Moritz Rinke, beides keine Unbekannten. Das Umziehen war begleitet vom Üblichen: Geplänkel von den Spielern, Musik und eine Ansprache von Trainer Frank. Und dann war auch schon Aufwärmen angesagt. Vorher konnte ich mir die Frage an Frank nicht verkneifen, ob er mich denn mal bitte kneifen könne, als ich das Trikot übergestreift hatte.

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Wie es sich für ein Länderspiel gehört, wurden vor dem Anpfiff noch reichlich Fotos geschossen, jede Mannschaft für sich, dann gemeinsam. Mit dabei Arte und ein weiteres Kamerateam sowie die DFB-Kulturstiftung, das Goethe-Institut und noch einige mehr. Zum Glück wurde auf das Singen der Hymnen verzichtet. Abklatschen der Mannschaften mit den besten Wünschen auf ein schönes Spiel: bon match. Auf des Gegners Seite war dieser Satz verbunden mit dem Wunsch, es doch bitte ruhig angehen zu lassen; die Franzosen sollten heute zum ersten Mal gemeinsam spielen. Bevor es nun endgültig losgehen konnte, noch ein kurzer Moment der Besinnung: Muhammad Ali war in der Nacht zum Sonnabend verstorben und seiner sollte gedacht werden. Aber dann, dann ging es endlich los. Kaum war das Spiel 15 Minuten alt, stand es schon 2-0. Zweimal war Philipp Reinartz der Torschütze. Hernach entwickelte sich eine flotte Partie, bei der durchaus mehr Tore hätten fallen können auf beiden Seiten.

Nach 25 Minuten war es dann soweit: ich kam auf den Platz und spielte auf der rechten Außenbahn. Keine 5 Minuten später zwickte es in der Wade und eigentlich wäre ein Weitermachen töricht und leichtsinnig. Geht man aber schon nach 5 Minuten runter, wenn man so eine Chance bekommt? Wenn man spielen will? Genau. Als Läufer weiß ich, dass so eine kleine muskuläre Disbalance “rausgelaufen” werden kann. Das versuchte ich. Und lief rum wie Falschgeld. Die mangelnde Spielpraxis war mir eindeutig anzumerken. Ich würde dennoch sagen, dass es durchaus auch gute Szenen gab, muss aber hinzufügen, dass Frankreich aufgrund der Uneingespieltheit zur Improvisation gezwungen war. Als weiterer Punkt zu meiner Verteidigung sollen meine Gegenspieler nicht unerwähnt bleiben. Es gab derer zwei, die mir sehr auf den Fersen standen und von einem hatte ich sogar Stollen auf meinem Schienbeinschoner. Kein Pfiff, ich stand und spielte weiter, aber heftig war das schon.

Halbzeit. Kurze Ansprache und Erinnerung, weiterhin konzentriert zu spielen. Ein Schluck Wasser, ein Bissen vom Müsliriegel.

In der zweiten Hälfte ging es schon viel besser auf meiner Seite. Jedenfalls waren wir dem dritten Tor näher als Frankreich dem Anschlusstreffer. Die Wade wurde zum Weitermachen gezwungen und fügte sich. Im Adrenalinrausch des Spiels hatte sie auch keine Wahl. Es lief gut. Die Wechsel während des Spiels waren fließend, sodass jeder mal spielte und ausreichend Spielzeit bekam. So war es auch bei mir, als ich irgendwann runtergenommen wurde; die Pause war auch das Ende: der Wadenmuskel wurde hart und an Laufen war nicht mehr zu denken. Mit schmerzverzerrtem Gesicht setzte ich mich und fluchte laut. Selbst Versuche, noch einmal zu laufen waren wenig erfolgreich. Es ging einfach nicht weiter.

Auf dem Rasen wurde das Spiel mehr und mehr ein Wettstreit zwischen deutscher Organisation und französischer Improvisation. Letztere schien durch beim Gegentreffer. Einer nahm sich ein Herz, zog aus 40 Metern ab. Die Bogenlampe war unhaltbar. Und plötzlich hatte Frankreich wieder Schwung und Energie, kamen die Pässe an. Deutschland hielt dagegen und siegte am Ende nicht ganz unverdient 2-1.

Die Dritte Halbzeit

Dieser Begriff hat einen schlechten Beigeschmack, steht er doch für Gewalt vor und nach dem Spiel. Für die AutoNaMa gab es eine dritte Halbzeit im Goethe-Institut in der Nähe des Eiffelturms. Unter dem Oberbegriff Fußball und Kultur wurde aus deutsch-französischer Sicht diskutiert. Darüber, ob Karim Benzema wegen zweier Straftaten nicht in die Nationalmannschaft Frankreichs berufen wurde oder nicht. Der Spieler selber behauptet, aufgrund seines nicht französisch klingenden Namens nicht nominiert worden zu sein. Das ist natürlich Unsinn, warf aber dennoch die Frage auf, inwieweit der Fußball rassistische Ressentiments bedient. Es wurde auch diskutiert darüber, welche literarische Form am besten zum Fußball passt. Die Vorschläge reichten von Drama über Poesie bis hin zur Oper und erklärt vielleicht, warum es bis heute noch keinen wirklich überzeugenden Fußballroman gegeben hat. Denn zu jeder der hier erwähnten Formen der Musik oder Literatur kann man zustimmen und es finden sich Beispiele zur Genüge. Anschließend gab es noch ausreichend Gelegenheit, bei einem Bier und belegten Broten Kontakte zu knüpfen, sich kennen zu lernen, auszutauschen, zu erzählen und einen schönen Abend zu haben.

Der Abend hatte gar nicht genug Stunden, um mit allen zu reden. Es fiel schwer, mich zu entscheiden: Franzosen? Deutsche? Beide!

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Es war ein tolles Erlebnis, einmal international zu spielen, wenn auch Licht und Schatten dicht beieinander lagen. Es hat Spaß gemacht; ich trug das Weltmeistertrikot für 90 Minuten und habe jetzt ein Länderspiel auf der Habenseite, war im Fernsehen und habe mit einigen literarischen Größen aus Deutschland und Frankreich auf dem Rasen gestanden und hinterher auch noch das eine oder andere Bier getrunken. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Mein Dank geht an Frank Willmann, der mich eingeladen hat, mitzuwirken. Ebenso möchte ich der gesamten Mannschaft meinen Dank aussprechen, für den warmen Empfang und einen sehr sehr interessanten Tag. Hier noch einmal die Namen aller Beteiligten: Andreas Merkel, Marius Hulpe, Thomas Klupp, Moritz Rinke, Wolfam Eilenberger, Lucas Vogelsang, Uli Hannemann, Bernd Oeljeschlaeger, Philipp Witte, Norbert Kron, Philipp Reinartz, Michael Kröchert, Falko Hennig und Simon Roloff, in dessen Trikot ich auflaufen durfte und den ich hoffentlich gebührend vertreten habe. Die Einladung zum Training in Berlin nehme ich gern an, wenn ich denn mal da bin.

Mein Dank gilt ebenso den Mitarbeiterinnen des Goethe-Instituts Paris. Allen voran Aurélie Marquer, die den gesamten Tag organisiert hat. Dem Fotografen Philippe Lelluch sei ein Dank ausgesprochen dafür, dass er die Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Alle Fotos: © Goethe-Institut/Philippe Lelluch
Video: Kamera/Schnitt: Olivier Morice Redaktion: Katja Petrovic

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