United ist tot – Es lebe United?!

Dieser Beitrag ist ein Versuch, herauszufinden, was den FC United of Manchester ausmacht, was seine Fans und Anhänger denken und fühlen. Zehn Jahre nach der Vereinsgründung ist vieles nicht so einfach, wie es scheint. Noch immer nicht.

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Annäherung

Was schreibt man über einen Club, einen Fußballclub, den man selber nie besucht hat, von dem man kein Spiel im Stadion, kein Spiel im Fernsehen gesehen hat? Einen Club, der eigentlich nichts Besonderes ist – schließlich gibt es Vereinsneugründungen jedes Jahr zu Beginn einer jeden neuen Fußballsaison. Noch dazu einen Club, der von den Fans gegründet und gelenkt wird; das ist kein Alleinstellungsmerkmal für den FC United. Schon seit 2002 ist der AFC Wimbledon ein Aushängeschild für Vereine, die von Fans neugegründet wurden. Sei es aus Protest, sei es aus Trotz.(1) 

Dennoch, der FC United ist ein Club, der sehr viel Medienaufmerksamkeit erhalten hat seit seiner Gründung, weitaus mehr als Wimbledon, national wie international. Was kann man diesem Kanon an Literatur noch hinzufügen? Gibt es denn noch etwas hinzuzufügen? Getreu Karl Valentin: Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Denn es gibt etwas zu erzählen von und über diesen Verein, diesen FC United of Manchester, der in diesem Jahr stolze zehn Jahre alt wird. Am 29. Mai kam kein geringerer als Benfica (genau, die Adler aus Lissabon!) zur Stadioneröffnung. Aber der Reihe nach.

Für dieses Stück habe ich zwei Bekannte befragt. Stuart Howard-Cofield, einen langjährigen Manchester United-Fan und Neil Skinner, einen Schotten, den ich aus meiner Zeit in Leicester kenne. Stuart, der bereits einen Artikel bei 120minuten veröffentlicht hat, habe ich des Öfteren noch ausgefragt, um diesen Artikel runder zu machen. Ich habe ebenfalls Pete Crowthers Buch ‘Our Club, Our Rules’ gelesen. Er schreibt nicht nur über die erste Saison, auch über andere Themen, die den Fußball in unserer Epoche dominieren: Geld, TV, Show. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen. Dazu kommen Presseberichte und Blogbeiträge, die ich zum Einen selber recherchierte bzw. die mir Stuart empfohlen hat. Einer meiner Kollegen ist ein Manchester City-Fan und natürlich ist seine Meinung auch präsent. Er hatte nicht viel zu sagen, aber was er sagte, war interessant.

Zurück in die Zukunft: 50 Jahre FC United of Manchester, 2005 – 2055

They have a great idea. I hope they will become a great club and win the European Cup in 50 years’ – Eric Cantona

Wir schreiben das Jahr 2055 und Rory Patterson (71) erinnert sich an die Zeit, als er mit dem damals neu gegründeten FC United of Manchester erstmals durch die Lande zog. Anlass ist der Gewinn der Champions League, einem Wettbewerb, der mit dem von 2005 nur noch den Namen gemein hat. Für seine Verdienste um den Fußball hat er von Queen Charlotte einen MBE(2) erhalten und die Stadt Manchester hat ihn zum Ehrenbürger erklärt. Im Stade Velodrome zu Marseille gewann die Mannschaft 2-0 gegen starke Gegner aus Frankreichs Hauptstadt in einem atemberaubenden Spiel über 90 Minuten. Patterson erscheint zum Interview mit roten Augen, „von den Freudentränen“, wie er offen zugibt. In einem kurzen Gespräch erinnert er sich an die allererste Saison mit dem damals neu gegründeten FC United of Manchester. „Wenn man irgendwo neu hinkommt, steht man immer erst einmal unter Beobachtung. Wir, die erste Mannschaft des FCUM waren alle neu, man kannte sich flüchtig aus anderen Ligen oder hatte mal in der Jugend irgendwo zusammengespielt. Keiner hat so richtig mit uns gerechnet. Denken Sie nur an David Gills Worte:”They won’t last ’til Christmas”. Das war unser Ansporn. Aber auch, dass wir United waren. Denn machen wir uns nichts vor: ohne MUFC gäbe es den FCUM gar nicht.“ Gefragt nach dem Verlauf der ersten Saison, antwortet Patterson trocken: „Geil! Es war besser als gedacht, die Mannschaft hatte nach nur kurzer Zeit die Spielidee von Margy (Der Spitzname des ersten und bisher einzigen Trainers, Karl Marginson) verinnerlicht und die Spiele vor so einer Kulisse machten trotz aller Umstände mächtig Spaß. Damit haben wir dem Club eine super Basis gegeben, gleichzeitig aber auch die Messlatte höher gelegt. Höher als wir selber, als so ziemlich jeder erwartet hatte oder erwarten konnte“.

2005: Verzweiflung, Hoffnung, Träume

Nach diesem kurzen hypothetischen Vorgriff in die Zukunft geht es zurück in die Vergangenheit: im Juni 2005 wurde der Club in Manchester gegründet. Peter Crowther war einer derjenigen, die anwesend waren. Er beschreibt seinen Zustand nach der Übernahme ‘seines Clubs’ Manchester United durch die Glazers als traumatisches Erlebnis, es war der Moment, als Geld wichtiger wurde als Fußball in Old Trafford. Für Crowther, der lange Jahre eine Dauerkarte hatte, war es das Ende der Fahnenstange. Er konnte und wollte nicht mehr. Er besuchte jede Versammlung von Manchester United Fans, die ähnlich dachten und fühlten wie er und beschreibt, wie seine Hoffnungen nach jeder dieser Versammlungen wieder sanken. Auf einer war auch der Journalist und Reporter David Conn vom Guardian. Seine Anwesenheit deutete auf zweierlei hin. Einerseits das Interesse der Medien, auch der überregionalen. Viel interessanter ist aber die Tatsache, dass Conn ein Manchester City Fan ist und somit seine Anwesenheit die Bedeutung dieses Treffens unterstrich. Er deutete damit an, dass so eine Protestbewegung mit der möglichen Gründung eines neuen Clubs nicht nur MU betraf, sondern alle Fußballfans. Auch Kris Stewart vom AFC Wimbledon war da. Er sprach am deutlichsten von den Vorteilen eines neuen Clubs und somit Crowther aus dem Herzen. Daher schreibt er sehr glücklich über den 5. Juli 2005, als in der Central Methodist Hall in Manchester die Gründungsversammlung des FC United of Manchester stattfand. Für ihn war es ein Traum, aus dem niemand es wagen sollte, ihn zu wecken. Nun, wenn es ein Traum ist, so dauert er bereits 10 Jahre und Crowther könnte in diesem Jahr als komatös oder in einer Parallelwelt lebend beschrieben werden. Dem ist nicht so; FCUM ist real. So schön der Moment im Juli 2005 auch war, die eigentlichen Fragen kamen erst im Laufe der darauffolgenden Saison 2005/06, der ersten des FC United. Auch 10 Jahre später, der Club hat inzwischen 4 Aufstiege hingelegt, ein eigenes Stadion gebaut und ist einer der populärsten Clubs in England, sind diese Fragen immer noch nicht geklärt. Zu sehr ist der FCUM noch immer auf Manchester United fokussiert.

Fragen und Antworten Stuart Howard-Cofield

Wofür steht der FC United?

Um diese Frage nachhaltig zu beantworten, oder um einen Eindruck davon zu bekommen, empfehle ich jedem, Pete Crowthers Buch ‘Our Club, Our Rules’ zu lesen. Ihm war es nicht genug, die Dauerkarten nicht mehr zu erneuern und gleichzeitig in die nächste Kneipe zu rennen, wenn Man United spielt. Er wollte mehr. Vom ersten Treffen berichtet er, dass es in aller Eile einberufen wurde. Es war eine hitzige Debatte, bei der viele redeten. Besonders hervor tat sich Andy Walsh. Crowther beschreibt ihn als Anführer. Jedenfalls war er es, der am deutlichsten und prägnantesten die Gefühle und Gedanken der Manchester United Fans zu ordnen und artikulieren vermochte. Andy Walsh war schon in den 1990er Jahren Vorsitzender der Independent Manchester United Supporters’ Association. Er hat also eine Vorgeschichte und noch dazu eine erfolgreiche. Das Gefühl, nicht allein zu sein mit seiner Ablehnung gegenüber den Glazers machte Crowther froh, aber er fühlte, dass keiner der Anwesenden das aussprach, was nahezu allen – wenn auch unbewusst – auf der Zunge lag: einen neuen Verein zu gründen, unabhängig von Manchester United oder irgendeinem anderen Club.

Wie gespalten die Leute waren, beschreibt Crowther in einem kurzen Absatz. Ein Mann namens Pete, der sich sehr einbringt in der Fanszene von Man U sagte, er hasse die Glazers, aber er sehe keine Möglichkeit, seine Dauerkarte nicht zu erneuern bzw. nicht mehr ins Old Trafford zu gehen. Crowther zeigte sich damit unzufrieden und forderte ihn auf, beispielhaft voranzugehen und seine Dauerkarte zurückzugeben. Anstatt Unterstützung zu erhalten, erfuhr er starken Widerspruch. In seinen Worten: „most people wanted to fight for United rather than walk away from it.“(3) Wohl kaum einer war sich so im Klaren darüber wie Pete Crowther, was er wollte. Viele waren zwiegespalten. Vom ersten Spiel berichtet Crowther über eine seltsame Atmosphäre. Wie viele andere war auch er sich nicht im Klaren darüber, was FCUM ist bzw. wofür der Club steht. Dies wurde ihm und anderen deutlich als Fans von Leigh RMI fragten:

‘So who do you support – Man United or FC United?’

Diese Frage versuchte Crowther in der ersten Saison des FCUM zu beantworten.(4)

Stuart Howard-Cofield war schon in jungen Jahren Man United-Fan, etwas, was in seiner Familie Tradition hat. In den 1990ern war er mit dabei, als United Fans gegen die Übernahme ihres Clubs durch den australischen Medienmogul Rupert Murdoch protestierten. Dieser wollte neben seinen Zeitungen und Fernsehstationen auch noch einen Fußballclub in sein Portfolio integrieren. Am Ende scheiterte der Übernahmeversuch am Veto des britischen Kartellamts. Es war ein Pyrrhussieg für Man Uniteds Fans, wie sich nur wenig später herausstellen sollte.

Stuart, benannt nach dem Manchester United Spieler Stuart Pearson(5), ist immer noch Fan, er verfolgt immer noch die Spiele des ‘großen’ United, war aber nur einmal seit 2005 wieder als Zuschauer im Stadion. Anlass war der Geburtstag eines Freundes seines Sohnes; er konnte es sich nicht nehmen lassen, seinen Sohn ins Old Trafford einzuführen, zu initiieren. Einmal zurück in Old Trafford fühlte er sich unwohl zwischen den iPad schwenkenden Menschen, die ihn, einen Fan aus der Umgebung der Stadt Manchester, ersetzt haben. Er fühlte eine Entfremdung zwischen dem Fußball, der Clubs wie Manchester United einbezieht und dem, der beim FC United stattfindet. Das Spiel ist dasselbe. In Old Trafford war er Kunde, beim FC United ist er Mitglied und Teilhaber. Selbst als Journalist fühlte er noch eine große Affinität zu United; seinen Platz als Fan aber, der ist inzwischen unwiderruflich beim FC United of Manchester. Was in seinen Augen für die Roten Rebellen spricht, ist die Teilhabe der Fans, die in der Satzung festgelegt ist. Ein Club wie FC United ist Teil der Gemeinde. Und er ist basisdemokratisch: jeder Fan hat eine Stimme und abgestimmt wird über nahezu alles: Trikotdesign, Stadionname, die Mahlzeiten, die im Stadion verkauft werden sollen. Obwohl er keine Dauerkarte besitzt und auch nicht jedes Spiel besuchen kann – er bereut es nicht. Es geht ihm darum, dass Fußball auch ein menschliches Antlitz zeigen kann.

Mit dieser Ansicht ist er nicht allein: die Zuschauerzahlen der ersten Dekade des FC United untermauern dies eindeutig. Eine erste Saison mit einem Schnitt von 3056 abzuschließen, damit hatte wohl niemand gerechnet. Und auch wenn die Zahlen in den folgenden Jahren bis auf 1835 für die Spielzeit 2012/13 sanken, war der Zuschauerschnitt bei den Heimspielen des FC United weit über dem Ligadurchschnitt von etwa 500 bis 600. Selbst die Befürchtungen, die Peter Crowther in seinem Buch über die bevorstehende zweite Saison äußert, erwiesen sich als unbegründet.

Neil Skinner kommt aus einer ganz anderen Richtung zum FC United. Er ist politisch sehr links eingestellt und gegen jedwede Form der Hyperkommerzialisierung des Fußballs. Damit passt er gut ins Schema des FC United, wobei ich dennoch bezweifle, dass im Club eine durchweg linke Denke vorzufinden wäre. Neil kommt aus Schottland, aus Aberdeen, und der dortige Fußballclub war die erste Station in der langen Karriere eines gewissen Sir Alex Ferguson. Höhepunkt von Fergusons Tätigkeit war der Gewinn des Pokalsiegercups 1983 gegen Real Madrid. Damit war für Neil die Verbindung gegeben: Aberdeen FC und Big United spielen in rot; dass der FC United ebenfalls in rot spielt, war für ihn wichtig, obgleich er diese Tatsache als unsinnig bezeichnet. Viel wichtiger für ihn war der Umstand, dass er beim FC United einen Club vorfand, der seinem Bild eines Fußballvereins entspricht: er gehört den Mitgliedern, alle haben eine Stimme und dürfen an allen Entscheidungen mitwirken. Gleichzeitig ist es dem Club ein Anliegen, in der Gemeinde aktiv und offen nach außen zu sein. Neils Vorstellungen, wie ein Fußballclub aufgestellt sein sollte, sind demnach kongruent mit der Satzung vom FC United. Er bereut es nur, dass er nicht früher zum Verein gestoßen ist: er besitzt ‘erst’ seit 2009 eine Dauerkarte. Zwar verspätet, aber damit dürfte er einer von einigen Tausend sein, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Besitz einer solchen Karte waren bzw. seither sind. Neil ist, wie bereits erwähnt, sehr links und FC United passt somit in sein politisches Weltbild. Aber ist der FCUM wirklich ein linker Verein?

Was beide als wichtig betrachten, ist die Farbe rot. Neil sagt dazu treffend: ‘Silly, but it’s a factor!’ Stuart stimmt dem zu. Rot ist United und es war entscheidend. Das unterstreicht einmal mehr die Identitätskrise, die auch Crowther beschreibt. Auch deutlich wird dies in der Wahl des Gastes für das erste Spiel in Broadhurst Park, dem neuen Stadion. Gegen Benfica hat MU 1968 den Europapokal gewonnen. Es gibt also noch genug Manchester United im FCUM. 1968 hat MU in blau gespielt, soweit ist FCUM dann Ende Mai nicht gegangen. Dennoch, United ist überall spürbar. Und es wird sich wohl erst eine FCUM-Identität herausbilden, wenn der Club für einige Jahre im eigenen Stadion gespielt und sich in der unmittelbaren Umgebung häuslich eingerichtet hat.

Fragen und Antworten Neil Skinner

Arroganz

Mein Kollege Alan kommt aus Manchester und ist City Fan. Uwe Rösler ist für ihn und andere Citizens ein Gott – womit schon einmal eine Brücke zwischen dem 1. FC Magdeburg (dem Verein aus meiner Heimatstadt) und Manchester City geschlagen wäre! Er selber hat keine Probleme damit, dass City über Nacht einer der reichsten Clubs auf dem Planeten Fußball geworden ist. Er erinnert sich an Zeiten, als City in der 3. Liga spielte und selbst in der Premier League nur Mittelmaß darstellte. Kurz ausgefragt nach dem FC United sagt er: ‘Das ist so typisch Manchester United! Es ist ein Ausdruck ihrer Arroganz. Sie hätten ja auch zu Oldham, Rochdale oder Wigan gehen können! Aber nein! Arrogant wie sie sind, gründen sie einfach einen neuen Verein! Obendrein nennen sie ihn auch noch United und wählen rot als Vereinsfarbe. So typisch für United Fans, so arrogant.’ Worauf er anspielt, ist wohl klar: die genannten Vereine benötigen Geld. Alans Vorwurf: Manchester United Fans stecken ihr Geld lieber in einen Club, der MU ähnelt, als es irgendeinem anderen Club in der Region zu geben. In der Tat war die finanzielle Unterstützung in den Anfangstagen enorm. Crowther berichtet beispielsweise von Fans, die den Betrag, den sie normalerweise für eine Dauerkarte bei MU auf den Tisch legen würden, stattdessen dem FCUM gaben. Manche gaben auch mehr, andere soviel sie konnten. Das verzerrt natürlich den Wettbewerb. Hinzu kommen die hohen Zuschauerzahlen bei ‘Heimspielen’ in Gigg Lane, dem Stadion des Bury FC, welches FCUM bis zum Ende der Saison 2014/15 gemietet hat. Diese Situation hatte zur Folge, dass FCUM Stadionmiete zahlen musste, etwas, das nun entfällt. Hier muss aber hinzugefügt werden, dass der Club immer Spieler verpflichtet hat, die charakterlich zur Mannschaft passen und dabei wurden keine exorbitanten Gehälter gezahlt, beziehungsweise es wurden keine Spieler verpflichtet, die Spielerfahrung in anderen, weitaus höheren Ligen hatten.

Aufstieg, neues Stadion, Benfica! Und dann?

Nach einer zehnjährigen Odysee, die der des antiken Namensgebers einer solch langen Reise in nichts nachsteht, hat FCUM sein zu Hause gefunden. Das Ithaka des FCUM liegt in Broadhurst Park im Norden Manchesters unweit der Geburtsstätte von MU in Newton Heath.

FCUM vs Stourbridge FC – Goals – 21/04/2015 from FCUM TV on Vimeo.

Es gab mehrfachen Grund zum Feiern. Nach 10 Jahren hat der Club die Conference erreicht, eine semi-professionelle Liga. Der Club spielt nun ‘nur noch’ 2 Ligen unter der Football League, dem selbst gesteckten Ziel der Clubführung. Besiegelt wurde der Aufstieg im April diesen Jahres. Als Greg Daniels in der 69. Minute im Spiel gegen Stourbridge FC hochstieg und zum 1-0 einnickte, war sich nicht jeder im Stadion des historischen Momentes bewusst. Mit diesem Tor sicherte Greg Daniels den Aufstieg des FC United of Manchester in die Conference Northern Division, der sechsten Liga im Englischen Fußballsystem. Für Stuart Howard-Cofield war es eine Erleichterung. Nach all den verpassten Chancen der letzten Jahre wirkte es für ihn so, als sei der FC United in der siebten Liga festgeschrieben. Greg Daniels’ Tor setzte dieser Serie ein Ende. Seit 2009 spielte man in der siebten Liga und in den vergangenen 4 Spielzeiten scheiterte FC United regelmäßig in den Play-Offs. Wo andere Clubs eine Trainerdebatte geführt hätten, hat der FCUM seinem bisher einzigen Trainer Karl Marginson die Treue gehalten. Auch wenn es vielleicht ungewollt ist, aber auch damit ist man in den Fußspuren von MU unterwegs. Die großen Trainer Busby und Ferguson blieben jeweils 24 und 26 Jahre im Amt und feierten große Erfolge mit dem Club, die größten ihrer Karrieren. Konstanz ist der Schlüssel zum Erfolg; das gilt nicht nur für MU.

Vorbild

In Deutschland ist der FC United bekannt und beliebt. Wohl kein Amateurverein kann auf solche eine positive Presse blicken; die Gralshüter der Fußballkultur bekommen feuchte Augen! Der FC United ist auch ein Vorbild. Der HFC Falke in Hamburg ist aus einem ähnlichen Grund entstanden wie United. Der Club ist ähnlich aufgestellt: basisdemokratisch und nicht auf Kommerz ausgelegt. Hier enden die Parallelen. Zum ersten Spiel von United gegen Leigh RMI (RMI= Railway Mechanics Institute) kamen 2551 Fans ins Stadion Hilton Park. Zum HFC Falke kommen derzeit noch gar keine Zuschauer, denn der Club sucht noch eine Mannschaft, um für die Saison 2015/16 in den Spielbetrieb einzusteigen. Die Vorsitzende Tamara Dwenger, ehemals HSV-Fan, nennt den FC United als Vorbild. Der HFC Falke hat derzeit etwas mehr als 400 Mitglieder und wurde gegründet nachdem der HSV 2014 beschlossen hat, die Fußballabteilung als eigenständige AG auszugliedern. Der Verein möchte ein Zeichen setzen gegen den Eventcharakter der Bundesliga, die darüber ihre Identität verliert.

Gutes United? Böses United?

Diese Frage ist unmöglich zu beantworten – der Vergleich mit Äpfeln und Birnen liegt nahe. Beide Früchte haben einige Ähnlichkeiten: beide sind süß, haben eine Schale und Kerne. Da enden die Gemeinsamkeiten. Birnen faulen schneller. Äpfel bringen andere Früchte, die man direkt daneben legt, schneller zum Faulen. Grund sind die Reifeausdünstungen (Etylen) welche anderes Obst und auch Gemüse schneller altern lassen. Und so gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem großen United und dem FC United. Der FC United wäre ohne Manchester United nicht existent; böse Zungen könnten hier dem Club ein parasitäres Dasein bescheinigen und sicher tun das auch einige, besonders in der blauen Hälfte von Manchester, siehe Alans Bemerkungen.
Die Frage ist aber falsch gestellt und eigentlich wohl nicht zu beantworten. Es ist eine Frage der Perspektive und der Erwartungen. Was erwarte ich von einem Fußballclub? Nicht jeder wird diese Erwartungen teilen. Der FCUM ist kein antikommerzieller Club, wie ihn manche sehen wollen. Die Brust der Spieler ist zwar werbefrei, dafür gibt es aber Match Day Sponsors, Match Ball Sponsors, Newsletter Sponsors und noch einige mehr. Damit ist er in bester Gesellschaft wie MU und auch dem FC St. Pauli, dem Vorzeigeclub, wenn es um links sein im Fußball geht. Dabei nutzt der Club vom Kiez dieses linke Image sehr geschickt, um Geld zu verdienen.

Bleibt festzuhalten: FC United reitet auf einer Welle der Sympathie, nicht nur von enttäuschten MU-Fans, sondern auch anderer Vereine sowie im Ausland. Dabei entsagt der Club nicht dem Kommerz, nein, er verdient Geld mit dem Produkt Fußball, versucht dabei aber nicht den Kontakt zu Basis zu verlieren. Ganz im Gegenteil, FCUM ist Teil der Gemeinde und will als solcher wahrgenommen werden. Profit ist nicht das oberste Ziel des Vereins und ist wohl auch ein Grund, warum der Club solch einen Zuspruch erfährt. Einer der anderen Gründe ist die nicht übersehbare Nähe zu MU: Name, Farbe und wohl auch im Geiste. Der Club folgt aber auch noch einer ganz anderen, Manchester-typischen Tradition: Dort bildeten sich die ersten Gewerkschaften heraus und die Sufragetten(6) hatten in Manchester eine Hochburg. Rebellentum hat in der Stadt also eine gewisse Tradition, auch wenn FCUM und seine Fans sich selber nicht als Rebellen beschreiben würden. Vielmehr ist der Club ein Fanal des Umdenkens und des Aufzeigens der Möglichkeiten, dass attraktiver Fußball auch dort gespielt werden kann, wo eben nicht alles auf Profitmaximierung für einige wenige ausgelegt ist und keine Weltstars den Rasen pflügen, sondern wo Fußball sein menschliches Antlitz zeigt und er allen gehört.

Die Odyssee des FCUM mag 10 Jahre gedauert haben, bis man im Mai das eigene Stadion, eröffnen konnte und somit die geographische Reise zu einem Ende gekommen ist. Ob auch die Suche nach dem geistigen Ithaka, dem geistigen zu Hause des FC United of Manchester damit auch abgeschlossen ist, wird sich zeigen.

Nachweise

1. Mehr Informationen zum AFC Wimbledon, den Dons gibt es bei Wikipedia.

2. MBE = Member of the Most Excellent Order of the British Empire ist eine Auszeichnung, die 1917 von König George V. Gestiftet wurde. Der MBE ist die unterste von 5 Stufen. Der Titel wird nach dem Namen gestellt: Rory Patterson, MBE. Der Orden wird an Personen verliehen, die sich besonders um das United Kingdom verdient gemacht haben.

3. Pete Crowther: Our Club Our Rules. FC United of Manchester by the fans for the fans. 2006, S. 18.

4. Crowther, S. 25.

5. Stuart Pearson spielte von 1974 – 1979 bei Manchester United.

6. Die Sufragetten waren eine Frauenrechtsorganisation im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Im Jahre 1913 erlangte das Derby, ein wichtiges Pferderennen in der englischen Gesellschaft traurige Berühmtheit als Emily Davison vor das Pferd des Königs sprang um somit für Frauenrechte zu demonstrieren. Sie erlag ihren Verletzungen vier Tage später.

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Das Beitragsbild zeigt den Haupteingang von Broadhurst Park, dem neuen Stadion; via WikiCommons unter
CC BY-SA 4.0

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1 Kommentare

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