Taktik ist überbewertet?!

Autor: Endreas Müller, endreasmueller.blogspot.de

Wie viel Taktik steckt im Fußball bzw. wie viel Wahrheit in der Taktikanalyse? Unser Autor versucht es herauszufinden – im Selbstversuch und im Gespräch mit Taktikexperten.

Früher war alles besser!

Es war alles so einfach. 2 Mannschaften, 22 Spieler, 1 Schiedsrichter, 1 Ball. Das Runde muss ins Eckige. Denkt man. Der Fußball erscheint rückblickend nachvollziehbarer, berechenbarer, langsamer. Kurz gesagt: schaut man sich heute eine ältere Aufzeichnung eines Fußballspiels an, kann man sich mitunter an dem ein oder anderen Ausnahmekönner erfreuen, die Subtilität und Schönheit des “einfachen” Fußballs bewundern oder sich langweilen, ob der Langatmigkeit. Standfußball, zuweilen. 

Es ist keine andere Sportart, die heute auf den Plätzen der Bundesliga gespielt wird. Aber der Sport hat sich gewandelt. Alles ist athletischer und schneller geworden. Die Bewegungsabläufe sind runder, die technischen Fähigkeiten besser. Der heutige Fußball wirkt, verglichen mit seinem älteren Ich, komplexer, schwerer durchdringbar. Die Torhüter stehen nicht mehr schreiend zwischen den Pfosten und warten darauf, dass der Mittelstürmer aufs Tor schießt. Die Torhüter leiten mit klugen Pässen die Angriffe ein und klassische Strafraumstürmer findet man schon lange nicht mehr in jeder Mannschaft. Auf dem Platz herrscht eine ungekannte Gleichzeitigkeit von Ereignissen, die schwer zu erfassen ist. Was ist da los?

Wer Erklärungen für das sucht, was auf dem Platz passiert, dem bietet das Fernsehen die einfache Lösung. Schaltet man Sportschau und Co. ein, bekommt man oft einen Mix aus Unterhaltung, Küchenpsychologie und die auf einer eigenen Karriere im Profifußball beruhende “Expertenmeinung” präsentiert. Das ist leicht verdaulich für den Fernsehkonsumenten. Bloß nicht die Zuschauer überfordern. Würde man sich die Zeit nehmen, die Worthülsen zu überdenken, es bliebe vermutlich kaum etwas Zählbares übrig. Die Manifestation des Ganzen ist der sonntägliche Doppelpass. Zwei Stunden lang dürfen sich die Protagonisten launige Kommentare um die Ohren hauen: “Da stimmt die Einstellung nicht”.

Und auch Spieler und Verantwortliche verstecken sich nicht selten hinter leeren Worten. Jahrelanges Medientraining und die absurd anmutende Praxis des Field Reporting, also Interviews direkt nach dem Spiel, lassen die Profis Sätze sagen, auf die niemand gewartet hat: “Wir müssen jetzt nach vorn schauen…”

Das kann doch nicht der Kern des Fußballs sein. Es muss mehr dahinterstecken.

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Taktikanalyse – Fußball für Fortgeschrittene?

Wer nach anderen Erklärungen für die Niederlage seines Lieblingsklubs sucht, der wird seit ein paar Jahren fündig. Da starteten nämlich die ersten deutschsprachigen Websites, die sich explizit der Spielanalyse und Taktik widmeten. Daraus hat sich eine Art Gegenkultur zur Spielanalyse, wie man sie aus den Massenmedien kennt, entwickelt. Weiche Faktoren spielen bei den Analysen selten eine Rolle. Es geht nicht um Formtiefs, einen schlechten Lauf oder fehlende Gier auf Erfolg, wie sie so oft beschworen wird. Im Mittelpunkt steht die Formation, mit der eine Mannschaft aufläuft, die Bewegungen und das Verhalten der Spieler auf dem Platz.

Was man augenscheinlich als Nischenthema einordnen würde, ist auf dem Weg in den Mainstream. Spielverlagerung.de, die Vorreiter in Deutschland in diesem Themenfeld sind längst kein reines Hobbyprojekt mehr. Mehrere hundertausend Interessierte besuchen die Seite monatlich, damit ist man zwar weit entfernt von ausgewachsenen Onlinemagazinen mit finanzstarkem Verlag im Hintergrund, aber der Sportblogosphäre ist man damit deutlich entwachsen. In den Foren wird leidenschaftlich diskutiert. Es ist ein kleiner Kult entstanden, um die Spielanalyse. Wortneuschöpfungen sind an der Tagesordnung. Die Beiträge auf den einschlägigen Websites lesen sich manchmal wie in einer speziellen Insidersprache abgefasst. Sehr sachlich, das Geschehen auf dem Platz beschreibend, die Emotionen außen vor lassend. Sie sind die Vulkanier unter den Fußballberichterstattern.

Alles wird bis ins Detail analysiert. Als ich das erste Mal von kühlen Analysen, ganz ohne Blabla und Befindlichkeitssprech erfuhr, war ich begeistert. Genau das Richtige für einen emotionsvermeidenden Pragmatiker wie mich. Ich wollte mich einarbeiten in die Materie, Taktik verstehen, um dem Fußballkonsum noch mehr Unterhaltung abgewinnen zu können. Jedoch, ich scheiterte. Ein ums andere Mal. Ich biss mir die Zähne aus an den Erläuterungen. Den Ausführungen konnte ich immer nur für ein paar Zeilen folgen, danach verlor ich mich in den Spezialvokabeln. Ich zweifelte. An mir selbst, aber auch an den Analysen.

Bin ich zu doof, Fußball zu verstehen oder interpretieren die Analysten da etwas, wo es gar nichts zu interpretieren gibt? Einzelne Passagen hinterließen bei mir den Eindruck, dass sie zwar das Geschehen auf dem Platz schilderten, aber keinen Mehrwert lieferten. Wissen die Jungs auf dem Platz wirklich wie und wo sie sich bewegen?

Ein paar Beispiele:

Die Kraichgauer standen defensiv zunächst in einem herkömmlichen 4-4-2, verdichteten dann aber in der zweiten Phase des Verteidigungsvorgangs die Mitte, was durch die flexiblen Mannorientierungen im Zentrum sehr klassisch ausgeführt wurde.

FCB VS. TSG, 31.1.16

 

Der ballnahe Sechser sollte für den Flügelstürmer absichern und die Passoption auf den ballnahen Achter versperren, der Zehner orientierte sich wiederum am Stuttgarter Sechser und der ballferne Sechser besetzte die Mitte.

VFB VS. HSV, 30.1.16

 

Nachdem die beiden Sechser in den ersten Minuten bei Offensivversuchen noch – abgesehen von kleineren Flügelrochaden – sehr passiv geblieben waren und keine gute Rückraumbesetzung gezeigt hatten, kamen im weiteren Verlauf zunehmend aufmerksame und vielseitige Herausrückbewegungen, die mit gutem Timing die Tiefensicherung organisierten.

Wolfsburg vs. Eintracht, 25.1.16

Ich weiß, aus dem Zusammenhang gerissen, aber man versteht worauf ich hinaus will. Wenn man jeder Bewegung eine Bedeutung beimisst, klingt das für mich auch immer ein bisschen so, als wollte man aus dem Runden das Eckige machen.

Schließlich ist der Zufall ein entscheidendes Element im Fußball. Der Ball ist ein wankelmütiger Gesell. So detailliert die Matchpläne der Trainer auch sein mögen, entscheiden die Spieler doch letztendlich selbst, wohin sie laufen und passen. Und das Spielgerät folgt auch nicht immer exakt der Intention, mit der es von einem Spieler auf den Weg geschickt wird. Die Wege von 22 Protagonisten lassen sich wohl kaum planen, auch in Anbetracht dessen, dass sich beim Fußball potentiell jeder Spieler auf dem Platz hinbewegen kann, wo er will.

Die Schwergewichte der Fußballbranche versuchen den Zufall zu eliminieren. Sie kaufen die technisch besten Spieler zusammen, die schlafwandlerisch mit dem Ball umgehen und denen selten Fehler unterlaufen. Sie setzen auf eine durchorganisierte breitgefächerte Jugendarbeit, damit alle Jugendspieler die gleichen Fähigkeiten mitbringen und flexibel einsetzbar sind. Die Konkurrenz soll durch wirtschaftliche Überlegenheit ausgebootet werden, sodass die besten Spieler im eigenen Kader akkumuliert werden können. Die Taktik auf dem Platz dient selbstverständlich auch der Minimierung des Zufalls, aber es kann doch nicht jede Bewegung geplant sein. Was nützt es dann, so detailliert zu analysieren? Suggeriert mir die Taktikanalyse die Erklärung des nicht Erklärbaren?

Ich möchte der Taktikanalyse nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen, aber sie befriedigt, zumindest sekundär, noch eine ganze Reihe anderer Gelüste. Schließlich kann man sich als Taktikkenner im Besitz eines Wissensvorsprungs wähnen und sich vom restlichen Fußballzirkus abgrenzen. Nicht umsonst wird den Taktikfreunden auch das Prädikat “Hipster” oder “Nerd” angehängt. Die Taktikanalyse als Nische bzw. Subkultur für Fußballkonsumenten, die mit den üblichen fankulturellen Ausschweifungen nichts anfangen können.

Kann man den Taktikanalysten Klugscheißerei unterstellen oder ist das eine Schutzbehauptung der Unwissenden (wie mir), weil ich mit den Analysen überfordert bin und mich nicht näher damit beschäftigen möchte?

Die Taktikanalyse treibt mitunter seltsame Blüten. Mir wurden schon Tweets in die Timeline gespült, in denen Spielern in 5-sekündigen Videoschnipseln für diese oder jene im Bruchteil einer Sekunde vorgetragene Körperzuckung und dem sich daraus eröffnenden Raum gehuldigt wird. Kontextbefreiter Molekularfußball. Fakt ist, wir können das inzwischen. Man kann sich heutzutage noch den uninteressantesten Kick über die volle Länge ansehen. Bei den wichtigen Spielen fangen unzählige Kameras das Geschehen aus allen Perspektiven ein. Jede Szene kann man sich, ausreichend Zeit vorausgesetzt, ansehen, so oft man möchte. Echtzeitstatistiken bilden den Fußball in Zahlenkolonnen ab. Doch nur weil wir all diese Informationen konsumieren können, muss das nicht heißen, dass sich damit der Fußball besser erklären lässt.

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Wie viel Taktik steckt im Fußball? Ein Selbstversuch.

Ich will versuchen herauszufinden, wo die Grenze ist zwischen “jetzt verstehe ich den Fußball besser” und “kann man so machen, aber jetzt kapiere ich überhaupt nichts mehr”.

Ich starte einen Selbstversuch. Ein Bundesligaspiel will ich mir in voller Länge einzig und allein mit dem analytischen Auge ansehen. Ich will versuchen zu sehen, was die Taktik-Experten sehen und dann vergleichen inwieweit sich meine Beobachtungen mit denen der Spezialisten decken.

Ich beginne zumindest nicht ganz bei Null – Fußball konsumiere ich seit 20 Jahren und in meiner Jugend habe ich das Einmaleins des Spielens erlernt. Zehn lange Jahre trat ich mehrmals wöchentlich zum Training an und musste auch das ein oder andere Mal vor einer Taktiktafel Platz nehmen. Hängengeblieben ist davon jedoch erstaunlich wenig, vor allem was die praktische Umsetzung des Erlernten auf dem Platz anging. Aber ich bin nicht komplett pressing-renitent – soll heißen: ich gehe davon aus, dass ich die Grundzüge des Fußballs und seiner Taktik kenne – nur ob ich sie spielanalytisch zur Anwendung bringen kann? Zur Einstimmung lese ich noch den Grundkurs Fußballtaktik bei Spielverlagerung – nicht immer auf den Ball achten, Konzentration ist das A und O. Ich kann dem Ganzen einigermaßen folgen und muss erstmals bei Van Gaals Vier Phasen Modell grübeln. Ok verstanden.

Die Auswahl der Partie erfolgt willkürlich – ich muss an eine Aufzeichnung der Partie herankommen, es sollte ein Match sein, bei dem die Mannschaften sich einigermaßen auf Augenhöhe bewegen und es muss eine Vergleichsanalyse bei Spielverlagerung geben. Meine Wahl fällt auf Mainz – Gladbach, 19. Spieltag.

Es geht los, ich versuche mich zu konzentrieren – nicht immer nur auf den Ball schauen. Die Gladbacher wirken von Beginn an wie die Mannschaft, die sich vorgenommen hat, spielbestimmend zu sein. Die ersten Minuten sind ein Fehlpassfestival. Das ist dann wohl die “nervöse Anfangsphase” wie sie in herkömmlichen Spielberichten immer zitiert wird.

Im Spielaufbau der Mönchengladbacher erkenne ich ein Muster. Die Innenverteidiger verteilen den Ball auf die Außenverteidiger, dann kommt meistens schon ein langer Ball die Außenlinie entlang, der aber selten einen Abnehmer findet.

Die Gladbacher, so kommt es mir vor, greifen die Mainzer bei deren Ballbesitz früher, teilweise schon kurz vor dem Mainzer Sechzehner an – ich kann allerdings nicht erkennen, ob das nur in bestimmten Situationen, z.B. nach einem direkten Ballverlust, passiert.

Immer je ein Außenverteidiger der Gladbacher, meist der linke, rückt etwas höher auf beim Spielaufbau – ich sehe es, kann aber nicht sagen, warum – da geht mir die Erfahrung ab.

Die erste echte Torchance entsteht aus einer Ballstafette nach einem Einwurf. Die 2. Chance nach einer Ecke. Das waren aus meiner Sicht keine von langer Hand geplanten strategischen Schachzüge, eventuell einstudierte Spielzüge, die da zur Anwendung kamen.

Bei Gladbacher Ballbesitz erkennt man bei den Mainzern sehr deutlich das 4-4-2. Die beiden Viererketten der Mainzer stehen eng beieinander. Das ist dann wohl diese Kompaktheit von der immer die Rede ist.

Mönchengladbach versucht seine Angriffe über außen vorzutragen, wobei die Außenstürmer Flanken vermeiden und probieren, sich vor das Tor zu kombinieren – das ist mäßig erfolgreich. Ich denke an meine Erfahrungen auf dem Fußballplatz. Wenn ich als Außenverteidiger mit dem Ball auf dem Flügel auf Höhe des Sechzehners angekommen war? Flanken!

Linkliste Taktikanalysen

Bei Mainzer Ballbesitz fällt mir auf, dass wenig Verbindung zwischen Mittelfeld und Abwehr besteht – die Lücken sind zu groß und von Gladbachern zugestellt. Was mir auch auffällt – ich halte die Aufzeichnung an, um mir eine Notiz zu machen. Ich blicke auf den Bildschirm. Die Situation sieht aussichtslos aus. Die Mainzer haben den Ball, aber der Ballführende und alle Anspielstationen sind umstellt, das scheinen die Gladbacher gut zu machen. Ich lasse weiterlaufen. Fünf Sekunden später haben sich die Mainzer aus der Umklammerung befreit und sich eine Torchance erspielt – Standbilder sind trügerisch.

Im Spielaufbau lässt sich bei beiden Teams immer wieder ein Mittelfeldspieler situativ nach hinten fallen, um besser angespielt werden zu können. Situativ – auch so ein Wort. Ich frage mich: ist das intuitiv-situativ oder geplant-situativ? Beim Zuschauen macht das keinen Unterschied, beim Niederschreiben des Spielgeschehens ebenso wenig, aber ob es für das situative Zurückfallenlassen einen Plan oder einen bestimmten Trigger gibt, würde mich schon interessieren – ich erkenne erstmal keinen.

Die Gladbacher versuchen das Spiel zu kontrollieren, aber die Mainzer gewinnen mehr Zweikämpfe, der Phrasenautomat würde wohl ausspucken, dass die 05-er “wacher” sind und die Gladbacher “noch nicht im Spiel angekommen”.

21. Minute. Die Mainzer machen das 1:0. Gladbach verliert den Ball, von Mainz unter Druck gesetzt, an der Mittellinie. Jairo kommt an den Ball. Mit seiner Einzelaktion, einem Dribbling von links außen in die Mitte, zieht er vier Gegenspieler auf sich, die ihn nicht vom Ball trennen können. Jairo passt zu Clemens, der etwas unvermittelt aus zentraler Position schießt. Ein Flatterball. Yann Sommer im Tor der Gladbacher wirkt passiv – der sah haltbar aus. Ich kann mir vorstellen, dass das Vorgehen im Moment des Ballgewinns geplant war, aber das Danach. Kann ja nicht der Matchplan sein, aus mehr als 20 Metern abzuziehen und auf einen passiv-überforderten Keeper zu hoffen. Solcherlei kenne ich nur aus der Kreisklasse, wo die Torhüter des Gegners argwöhnisch beäugt und mit “da müsst ihr nur aufs Tor schießen” abgeurteilt werden.

Nach dem Tor gehen die Gladbacher früher drauf. Sie scheinen in einen aggressiveren Modus gewechselt zu sein. Am Mainzer Spiel fällt mir auf, dass dort eher mal zur Flanke gegriffen wird. Gladbach hat weiterhin mehr Ballbesitz, erreicht aber wenig Zählbares. Immer noch werden viele lange Bälle geschlagen, die meist von den Mainzern erkämpft werden.

Der nächste größere Aufreger ist ein kleiner Zupfer an Hofmann im Strafraum der Mainzer, der gerade versucht einen nicht erlaufbaren Pass zu erlaufen. Kein Elfmeter. Hätte der Schiedsrichter anders entschieden – dieser Zufall hätte den Spielverlauf konterkariert.

Nun muss Karius das erste Mal ran nach einem Gladbacher Konter, der trotz Unterzahl der Grünen gut zu Ende gespielt wurde. Gladbach erspielt sich zwei weitere Chancen nach einem Freistoß und einer Einzelaktion von Stindl.

Die nächste gefährliche Aktion nach einem Freistoß. Das nächste Mal erobert Mainz den Ball wieder an der Mittellinie und erarbeitet sich eine Torchance. Ich kann nicht sagen, warum sich Gladbach nun mehr Chancen erspielt, vieles wirkt zufällig, die langen nutzlosen Bälle vom Anfang sieht man zum Ende der ersten Hälfte seltener. Die Mainzer machen ihre Sache gut, finde ich. Sie spielen geradlinig und sind zweikampfstark. Plus, sie haben ihre Chancen besser genutzt, obwohl das Tor in Anbetracht der Entfernung keine hochkarätige Chance war.

Halbzeit. Ich erkenne das große Ganze und ein paar Besonderheiten. Bewegungsmuster – schwierig. Formationsveränderungen – puh. Als Taktikanalyst sähe ich wohl keinen Stich. Zum tickernden Aushilfsvolontär würde es vielleicht noch reichen. Ich brauche einen Kaffee.

2. Halbzeit und zunächst das gleiche Bild, aber die Pässe der Außenverteidiger an der Außenlinie entlang, meist über die linke Seite, finden oft keinen Abnehmer. Die erste Torgefahr entsteht eher zufällig nach einem Ballgewinn nach Einwurf.

Jetzt erst fällt mir auf, wie aggressiv die Mainzer einzelne Spieler der Gladbacher umstellen – Raffael bekommt Dreifachbewachung und das merkt man. Am Ende wird er keinen Torschuss abgegeben und nur eine Torschussvorlage beigesteuert haben.

Die Mainzer ziehen sich jetzt öfter die Stutzen hoch. Bälle werden vor Freistößen sehr akkurat ausgerichtet. Das dauert. Schön, dass es das noch gibt. Von der Kreisklasse bis in die Bundesliga existieren diese kleinen Versatzstücke seit mehreren Jahrzehnten – die Zeitschinderei, mag dem ein oder anderen ein Dorn im Auge sein, ich sehe sie als ein verbindendes generationen- und klassenübergreifendes Spielelement.

Traore, von dem man zu Beginn viel gesehen hat, geht runter. Hazard kommt und wechselt die Seite. Auch scheint er situativ mehr vom Flügel ins Zentrum zu rücken bei Angriffen der Gladbacher. Johnson bewegt sich dafür öfter mal aus dem Zentrum auf den Flügel.

Es folgen weitere Auswechslungen, die ich aber aufgrund fehlender Kenntnis der Spieler schwer einordnen kann. Trotz Führung behält Mainz seinen Spielstil bei und zieht sich nicht weiter zurück. Die nächste große und vermutlich größte Chance der Gladbacher ergibt sich nach einem Einwurf und einem schnellen Seitenwechsel. Aus dem Spiel heraus finden solche Flügelwechsel selten statt.

Immer, wenn Mainz sich in seinen zwei Viererketten positionieren kann, gibt es für Gladbach kaum ein Durchkommen. Die Zusammensetzung der Ketten verändert sich je nach Situation – das fällt mir erst nach über einer Stunde auf.

75. Minute – ein Mainzer sucht das erste Mal den Weg Richtung Eckfahne. Die Taktik der Mainzer im Angriffsspiel würde ich als Unsortiertheitvermeidungstaktik beschreiben. Das Team sucht lieber den schnellen, manchmal überhasteten, Abschluss und legt nicht unnötig quer. Sollen so Ballverluste im Angriff vermieden werden? Und folgte Clemens auch dieser Maxime, als er das Tor erzielte. In der Verteidigung legen die Mainzer eine energische Zweikampfführung an der Grenze des Erlaubten an den Tag – der Phrasenautomat würde wohl ausspucken: Mainz zielstrebig, Gladbach fahrig.

Drmic kommt für Korb – das ist jetzt wohl eher ein verzweifelter “Alle nach vorn” Move.
Mainz erspielt sich noch eine Riesenchance, wieder nach einem Ballgewinn an der Mittellinie. Gladbach kommt nochmal nach einem Freistoß vors Tor.

Die Mainzer sind von Verletzungen geplagt. Sampero bekommt just vor seiner Auswechslung einen Krampf. Schlimm. Die Gladbacher belagern noch ein paar Minuten das Tor, aber das war’s. Mainz gewinnt, wie ich finde, nicht unverdient. Bei den Gladbachern konnte ich kein durchschlagendes Konzept erkennen, sich Chancen herauszuspielen. Die Mainzer haben diszipliniert und gut verteidigt und über Konter ständig Gefahr erzeugt. Eine tiefentaktische Analyse sieht anders aus. Aber ich habe es geschafft, das Spiel etwas analytischer zu rezipieren. Das Gemecker der Spieler, die Emotionen auf dem Platz, ließen sich ausblenden, ein paar Muster habe ich erkannt und hier beschrieben. Aber was jetzt der Gladbacher Plan war und warum er nicht funktioniert hat – keine Ahnung. Wer wann wohin aus der Formation herausrückte um dies oder jenes zu tun – keine Idee. Viele der Situationen, in denen Torgefahr entstand, erschienen mir zwar nicht vollends zufällig, aber eben auch nicht wie auf einem Masterplan basierend.

Jetzt wird abgerechnet. Ich vergleiche meine Wald-und-Wiesenanalyse mit der Einschätzung der Taktikspezialisten

Ich verstehe kein bisschen von Fußballtaktik. Zu diesem Schluss komme ich nach der Lektüre bei Spielverlagerung. Einsteiger-Guide hin. Erfahrung auf dem Platz her. Den Aspekt, den ich kein bisschen erfassen konnte, widmet sich die Betrachtung bei Spielverlagerung fast ausschließlich – der Formation. Autor RM vertritt eine zu meiner Analyse konträre Auffassung:

Gladbach spielte grundsätzlich sehr gut mit dem Ball.

Die weiteren Beobachtungen des SV-Manns kann ich erstmal nachvollziehen – das habe ich auch gesehen, vor allem fehlende “Erfolgsstabilität […] in den vorderen Zonen”, wenn ich das richtig verstehe.

Das Mainz mit seinem Pressing das Spiel der Gladbacher nach außen lenkte, darüber würde ich eventuell sogar eine Diskussion mit einem Taktikpapst anfangen – Stichwort: Ursache und Wirkung. Die Analyse erläutert weiter welche Passwege von den Mainzern zugestellt wurden und die Bogenläufe sowie weitere Kapriolen der Flügelstürmer. Ich komme mir vor, als hätte ich nur einen kleinen Ausschnitt dessen gesehen, was RM gesehen hat. Mein Bildschirm muss bis auf ein kleines Quadrat um den Ball herum abgeklebt gewesen sein. Ein paar Parallelen in den Beobachtungen kann ich noch erkennen, aber den Knackpunkt, nämlich warum Gladbachs Ballbesitz nicht zum Erfolg führte, hat der SV-Mann besser beschrieben bzw. überhaupt erstmal mit seiner Analyse eingekreist:

Gladbach konnte in tieferen Zonen nie den freien Spieler finden, weil Mainz gut übergab und eine gute Mischung im Deckungsverhalten hatte. In vorderen Räumen fehlte es wiederum an den nötigen Staffelungen und Mainz stellte immer wieder Überzahl her; auch dank der hervorragenden Mitarbeit der Stürmer.

Ich konnte beim Analysieren zwar ein paar der üblichen Dinge ausblenden, aber nicht alle. Wo ich den Mainzer Erfolg in der Zweikampfführung begründet sehe, sieht RM gute Mitarbeit der Mainzer Stürmer und gutes Deckungsverhalten. Damit ist er wohl näher an der Wahrheit als ich mit meiner Zweikampfhypothese. Denn wer nicht gut gestaffelt nah am Gegner ist, kommt nicht in den Zweikampf. Vor allem nicht gegen Spieler wie Raffael. Ich hätte mir etwas mehr Selbsterkenntnis von meinem Versuch erwartet. Nachdem ich das Spiel in Gänze gesehen und zumindest versucht habe, mit dem analytischen Auge hinzusehen, kann ich die SV-Analyse besser nachvollziehen als sonst.

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Nachgefragt bei den Taktikspezialisten

Aber wenn es in diesem Text schon um die Taktikanalyse geht, dann soll nicht nur ich, der taktikblinde Laie zu Wort kommen sondern auch einer, der etwas davon versteht. Nach meinem Selbstversuch und mit meinen bisherigen Eindrücken, formuliere ich ein paar Hypothesen und Fragen, die ich Tobias Escher stelle, einem der Gesichter hinter spielverlagerung.de und eine der Koryphäen im deutschsprachigen Raum.

120minuten: Wie behält man beim Analysieren einer Liveübertragung den Überblick? Insbesondere was die Positionierung und Laufwege der einzelnen Spieler angeht.

Tobias Escher: “Das ist letztlich in “normalen” Situationen gar nicht so schwer. Plötzliche oder wirre Laufwege kommen im Profifußball nur noch höchst selten vor. Oft sind es Muster, die sich wiederholen, gerade im Spiel der Defensive. Und diese Muster erkennt man irgendwann.”

120: Zu wie viel Prozent passiert das, was auf dem Rasen vor sich geht, unwillkürlich? Erkennt man immer, dass die Spieler auf dem Platz mit ihren Bewegungen, ihrer Positionierung und ihren Laufwegen einem größeren Plan folgen (wollen)?

TE: “Willkürlich und unwillkürlich sind keine guten Kriterien für eine Analyse. Letztlich ist der Anspruch einer Taktikanalyse, keine Kaffeesatzleserei ala “Die Spieler waren nicht motiviert” zu betreiben. Ob Sane am vergangenen Wochenende nun mehrmals vom rechten Flügel in den Strafraum gesprintet ist, weil Breitenreiter ihm das gesagt hat oder weil er selber das geplant hatte oder weil auf seiner Seite ein Hornissennest war und er davon weglief, kann ich nicht erklären. Ich kann nur sagen: Sane lief in die Schnittstelle, die Gegenspieler kamen nicht hinterher, Meyer bediente ihn, Sane war durch diesen Laufweg an zwei Toren beteiligt. Daher kann ich auch keine Prozentzahl sagen, wie viel geplant und wie viel Zufall ist – es wäre Kaffeesatzleserei. Fakt ist: Jede Aktion provoziert eine Reaktion, und darum dreht es sich bei einer Taktikanalyse.”

Der Fußball in der Vergangenheit war nicht so unkomplex, wie er manchmal dargestellt wird.

Tobias Escher

120: Gibt es Partien, die nicht analysierbar sind?

TE: “Es gibt Partien, in denen Taktik eine wichtigere Rolle spielt, und es gibt Partien, in denen Taktik eine unwichtige Rolle spielt. Gerade bei Partien aus der Vergangenheit gab es häufig den Fall, dass ein Team nach 60, 70 Minuten offensichtlich körperlich am Ende war. Das hatte natürlich wiederum taktische Folgen, aber niemand würde behaupten, die Taktik habe das Spiel entschieden. Es geht eher in die andere Richtung: Es gibt Partien, die sind so komplex, da hat man Probleme, mitzuhalten.”

120: Ständiges Herausrücken, Zurückfallenlassen und situatives Pendeln – hat die taktische Grundformation (noch) eine große Bedeutung? Oder ist Fußballtaktik inzwischen Einzelfallmanagement?

TE: “Einzelfallmanagement ist ein schönes Wort. Die Grundformation ist in der Tat nur ein Richtwert. Letztlich kommt es darauf an, wie dieser Richtwert interpretiert wird.”

120: Ist der Fußball heute um ein Vielfaches komplexer als noch vor, sagen wir, 30 Jahren oder lässt er sich durch die vielen neuen Statistiken, Kamerawinkel und permanente Liveübertragungen einfach nur besser einfangen? Macht die Komplexität des heutigen Fußballs die tiefgründigen Analysen notwendig oder macht der Stand der Technik die Analysen erst möglich?

TE: “Ja und nein. Der Fußball in der Vergangenheit war nicht so unkomplex, wie er manchmal dargestellt wird. Die Trainer haben sich schon in den 50ern und 60ern viele Gedanken gemacht, welche Spieler sie aufstellen und welche Formationen sie wählen. Mit den steigenden athletischen und auch finanziellen Möglichkeiten vervielfacht sich aber auch die Möglichkeit für die Trainer, ihr Team zu beeinflussen. Man kann heute, dank mehr Trainingseinheiten und besserer Leistungsdiagnose, viel stärker ins Detail gehen, als es früher der Fall war.”

120: Wohnt der Taktikanalyse auch eine Bedeutung inne, mit der sich Fußballfans identifizieren können? D.h. siehst du darin eine Art Subkultur der sachlichen Analyse, um sich gewissermaßen vom teils emotionsgeleiteten Fantum und mitunter tendenziöser Berichterstattung abzugrenzen?

TE: “Ja, ja und ja. Fußball ist omnipräsent mittlerweile, und das sieht man auch an den vielen verschiedenen Formen, in denen über Fußball berichtet wird. Manch einer schaut fünfmal täglich auf Transfermarkt.de – der andere will lieber Taktikanalysen lesen.”

120: Gibt es eine Grenze der Interpretation – d.h. Dinge, die du zwar auf dem Platz erkennst, jedoch nicht analysierst, weil sie zu kleinteilig und zufällig sind?

TE: “Man könnte jedes Spiel sehr kleinteilig analysieren, verliert sich dadurch aber oft im Detail. Manche Kollegen machen das, ich mache das eher ungerne. Zufall ist aber, wie gesagt, keine Komponente – selbst der Zufall hat ja Auswirkungen in taktischer Hinsicht.”

Wo ist die Grenze zwischen Interpretation und Überinterpretation?

Der Zufall ist immer präsent. Taktikanalysen für hinfällig zu erklären, weil es den Zufall auf dem Platz gibt, ist kein Argument. Schließlich bedeutet Taktik auch, dem Zufall auf die Sprünge helfen. Indem sich die Spieler in bestimmten Situationen in definierte Zonen bewegen, wird es wahrscheinlicher, dass sie an den Ball kommen oder den Gegner in einen Zweikampf zwingen können.

Die Neu- und Andersartigkeit der detaillierten Taktikanalyse macht Sie zu etwas Besonderem. Sie erlaubt eine Abgrenzung von herkömmlichen und oft eindimensionalen Erklärmustern. Aber: Sie ist nur ein Teil der Erklärung – nicht DIE Erklärung. Die analytische Herangehensweise ist eine Möglichkeit Fußball anders zu konsumieren, reduziert auf den Kern des Spiels. Ich kann verstehen, dass man daran Gefallen finden kann. Mir fehlt allerdings etwas, wenn ich mich nur auf Bewegungen, Formationen und Anlaufverhalten konzentriere – vielleicht weil ich es nicht komplett durchschaut habe. Eine Taktikanalyse kann helfen, das Geschehen auf dem Fußballplatz zu verstehen. Kritik die den Analysten und ihren Lesern entgegenschlägt, und da möchte ich mich nicht ausnehmen, kann auch darin begründet sein, dass die Kritiker die Analysen ganz einfach nicht verstehen und sich bevormundet fühlen. Und zwar dahingehend, dass jemand kühl ihr heißgeliebtes Lieblingsspiel in seine Einzelteile zerlegt, gewissermaßen entzaubert und suggeriert, es besser zu verstehen, als man selbst.

Der Vorwurf der Überinterpretation, den ich hier ebenfalls ins Feld geführt habe, ist nicht neu. Das Argument, dass Taktikanalyse nun mal einfach beschreibt “was ist”, egal ob auf dem Platz gewollt oder nicht, kann ich akzeptieren. Die Unwillkürlichkeit der Ereignisse ist integraler Bestandteil des Fußballs. Was mein eigenes Verständnis des Spiels angeht, bleibe ich skeptisch, bis zu welchem Grad eine Analyse ein Match aufdröseln kann, um mir noch einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu liefern. Das mag zum einen an meiner Unkenntnis liegen, aber vielleicht auch ein bisschen daran, dass sich im Fußball nicht alles planen lässt.

Update - eine Replik von RM
RM von Spielverlagerung hat sich kurz nach der Veröffentlichung dieses Texts mit dem Autor in Verbindung gesetzt und eine treffende Replik formuliert, die bei Spielverlagerung.de zu finden ist:

Eine Analyse der Analyse der Taktikanalyse

Danksagung: Besonderer Dank geht an Tobias Escher für die Beantwortung unserer Fragen, RM für seine umfassende Replik und an @halbraumrandale für die Unterstützung bei der Zusammenstellung der Linkliste.

 

Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

12 Kommentare

  1. Danke für den ausführlichen Artikel. Die Idee einmal selbst eine Analyse anzufertigen hatte ich auch mal, allerdings war ich zu faul. Umso schöner deinen Selbstversuch hier zu lesen.

    Ich hab spielverlagerung.de auch vor längerer Zeit entdeckt und war zunächst froh über diese Alternative. Mittlerweile lese ich dort kaum noch. Zum einen, weil sich die Berichte – wie die Spielen – eben sehr ähnlich sind, es ist irgendwann nicht mehr neu und interessant. Zudem werden häufig Spiele der gleichen Vereine beschrieben (FCB, BVB, die sind ja vermutlich auch interessanter).

    Dazu kommt allerdings, dass ich auch ein Problem mit den Analysen an sich habe. Zum einen mit der Sprache, das beschreibst du ja sehr gut.

    Zum anderen habe ich eben auch oft das Gefühl, dass man jede Sekunde eines Spiels interpretieren und analysieren kann, aber die Tore – das Entscheidende – ist dann oft “wenig taktisch”, sondern oft zufällig. Was hilft mir dann so eine kleinteilige Analyse?

    Eine gute Taktikanalyse muss für mich nur eine Handvoll Fragen beantworten: Wie will Team A ein Tor schießen? Wie will Team A Tore des Gegners verhindern? Wie will Team B ein Tor schießen? Wie will Team B Tore des Gegners verhindern? Wer konnte sich mit seinem Ansatz durchsetzen und warum? Das “Warum” kann natürlich “Zufall” sein, weil die Tore “zufällig” fielen (Tore aus dem Nichts, ungerechtfertigte Elfer, Sonntagsschüsse,…), oder das “Warum” lässt sich taktisch erklären: Ansatz A war Ansatz B überlegen “weil dies und das klappte und das nicht”.

    Antworten auf diese Fragen finde ich zu selten, oder sie sind versteckt in Aussagen, dass “Spieler A jetzt in Minute X “abgekippt” ist und Spieler B und C vor der Chance Y rochiert haben” – nunja …

    Was ich jedoch immer interessant finde, das sind Spielvorschauen bei wichtiger Spielen. Dort wird nämlich oft genau das erklärt: Was ist der taktische Ansatz von Team A? Was bei Team B? Wie könnte sich das Spiel entwickeln?
    Das bringt mir oft einen deutlich höheren Mehrwert.

    • Mir geht es mit den Vorschau-Artikeln ähnl. Dazu habe ich einen deutlich besseren Zugang. Und auch sonst bin ich bei deinem Kommentar ganz bei dir. Aber da kommt man natürlich auch schnell zur Definitionsfrage – was bezwecken die Taktikanalysen? Der Kern ist vermutlich, dass du und auch ich sich etwas von den Analysen erhoffen, was sie laut Definition der Schreiber gar nicht liefern sollen.

  2. Pingback: did war die woche: aytac sule rebel club periscope-broadcast aus der columbia university | Fokus Fussball

  3. Schöner Artikel. Ein paar lose Gedanken dazu.

    – Bei der Frage “Ist Taktik wichtig?” kommt es ganz darauf an, wer sie stellt. Für den Fan? Nicht unbedingt. Man kann auch viel Freude am Fußball zu haben, ohne zu wissen, was ein Antizipationstorhüter ist. Für den Trainer? Auf alle Fälle. Das beweisen alle Ergebnisse aus hundertfünfzig Jahren Fußballgeschichte. Wer einen taktischen Vorsprung hatte, hat meistens auch gewonnen.

    – Taktik ist ein integraler Bestandteil des Fußballs. Was wir auf Spielverlagerung machen, machen praktisch alle Bundesligisten, teilweise noch viel eindrucksvoller, mit statistischen Modellen und Detailanalysen kleinster Bewegungen. Das ist kein Wunschdenken meinerseits, das weiß ich mittlerweile aus Gesprächen mit Leuten aus dem Fußballbereich. Ein Fußballspiel kann nicht allein durch Taktik verstanden werden – ohne Taktik aber genausowenig. Wer sein Geld mit Expertise über Fußball verdient, muss zumindest rudimentäre Grundkenntnisse in diesem für den Fußball wichtigen Bereich besitzen, um wirklich gehaltvolle Aussagen über ein Fußballspiel treffen zu können. (Dasselbe Argument zieht übrigens für alle Teilbereiche des Fußballs, von der Kondition über die Technik bis hin zur Trainingswissenschaft.) Das halte ich ohnehin für ein Problem des Journalismus, das fehlende Fachwissen. Zu diesem Punkt weiterführende Gedanken dazu in der Zeit-Kolumne “Fischer im Recht”: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-02/medien-strafrecht-luegenpresse-journalismus-fischer-im-recht/komplettansicht

    – Ich glaube, das Problem ist gar nicht so sehr die Sache an sich, also die Taktik. Sondern die Sprache. Ich gebe offen zu, dass auch ich manchen Spielverlagerung-Artikel nur halb verstehe – und das obwohl ich mich mittlerweile hauptberuflich mit Fußball beschäftige. Das liegt aber nicht an der Sache, sondern an der Ausdrucksweise der Texte. Man sollte den Leser dort abholen, wo er ist. Das wird oft genug nicht getan. Das soll aber keineswegs Kollegenschelte sein. Schönschreiben treibt keinen Taktikblogger an, zumal auch einige Autoren ganz bewusst die Fußballsprache benutzen, um tiefer in die Materie eintauchen zu können. Denn so nervig Fachsprache sein kann, manchmal erleichtert sie das Gespräch über einen Fachgegenstand ungemein.

    – Ich glaube, dass Worte nicht halb so viel sagen wie Bilder. Wenn das Spielverlagerung’sche Ansatz tatsächlich mal im Fernsehen ankäme (und nein, Erik Meijer macht nicht dasselbe wie wir!), wäre ich gespannt, ob du es dann besser verstündest.

    – “Kontextbefreiter Molekularfußball” – großartig! Genau das stört mich auch. Das große Ganze wird zu oft aus den Augen verlieren. Ich möchte aber behaupten, dass diese Sünde auch abseits der Taktik verbreitet ist. Die sozialen Medien verleiten dazu, kleine Schnipsel zu teilen.

    • @Tobias Escher: In der Tat – die Sprache scheint eine der größten Barrieren zu sein. Einerseits sind die Fachbegriffe für Laien schwer zu erschließen, andererseits erkenne ich an, dass solche Termini nötig sind, um die Beschreibungen nicht zu sehr ausufern zu lassen. Was mich nicht davor schützt, mich in ihnen zu verlieren – ein Umschalter “Leichte Sprache” für SV.de wäre da eine Innovation 😉

      Auf eine Spielverlagerung ‘sche Analyse im TV/als Bewegtbild wäre ich wirklich gespannt. Zu RM’s Analyse hatte ich nach ausgiebigem Konsum der Buli-Aufzeichnung schon einen deutlich besseren Zugang als sonst.

  4. Ich würde SV.de nicht als Gegenkultur bezeichnen (eher als kulturelle Horizonterweiterung). Das Projekt startete weil die Autoren ein Bedürfnis für sich befriedigen wollten. Sie wollten selber verstehen warum eine Mannschaft gewinnt, warum sie einen Lauf hat. Dafür sind Spielanalysen wichtig. Warum? Weil man sich bei Spiel Analysen auf das konzentrieren kann was tatsächlich passiert. Man ist nicht auf Spekulationen Gerüchte oder Vermutungen (so interessant sie auch sein mögen) angewiesen. Für Gerüchte und vermeintliche Internas waren die Autoren vor Jahren auch nicht nahe genug an den Teams dran.
    Natürlich beinhalten die Analysen mittlerweile detaillierte Statistiken und Beobachtungen. Aber so funktioniert eine Analyse doch, oder?! Man verlässt sich in der Wissenschaft auch auf belastbare Daten und nicht auf Schätzungen.

    SV ist ein optionales Angebot. Wer den Fußball anders verfolgen will, kann das tun. Und wer meint die Form von SV würde der Zielgruppe nicht gerecht werden, der kann gerne selber Analysen schreiben und veröffentlichen.
    Es gibt unzählige Fußballblogs, mit unterschiedlichem Schwerpunkt, jeder findet das was ihm/ihr gefällt.

    • Vielleicht nicht Gegenkultur, aber eine Gegenbewegung steckt schon in den Motiven aus denen heraus Taktikanalysen verfasst werden. In der Rezeption von Fußball gab es schon immer eine sehr emotionale Komponente und auch die pure Unterhaltung spielt eine Rolle. Eine Taktikanalyse subtrahiert genau dies (was nicht heißt, dass sie nicht unterhaltsam ist).

      Das sie ein optionales Angebot sind, sehe ich auch so. Analysen liefern neue Erklärungen und Einblicke, die helfen, das Spiel besser zu verstehen.

  5. Schöner Artikel! Und während des Lesens ist mir erst bewusst geworden, wie viel von der Gestaltung des Rasenfunk mit Beobachtungen wie deinen zusammenhängt. Taktik ist definitiv wichtig, allerdings nur ein Teil des Spiels. Gleichzeitig gibt es wichtige Grundpfeiler und molekulare Beobachtungen, nicht alles ist immer sofort ausschlaggebend. Im Grunde versuche ich im Rasenfunk deshalb Taktik immer dann zu erwähnen, wenn sie in meinen Augen tatsächlich eine Hauptrolle für ein Spiel hatte bzw es etwas so Auffälliges im Spiel gab, dass es auch mir Halblaien aufgefallen ist. Im Grunde also SV ‘light’, ergänzt um andere Faktoren, nur ohne Boulevard. Im Grunde müsste eine große Masse an Fans sich für eine solche, zugegeben aber sehr sachliche und deshalb manchmal trockene, Berichterstattung begeistern können. Zumindest in der Theorie. Mal sehen, was sich da noch tut.

  6. Zum Thema noch ein Nachtrag zu meinem Kommentar ganz oben: ich habe gestern ASR-RMD geschaut, dort war sehr auffällig, dass Real im Spielaufbau immer die gleiche Strategie wählte:
    Aufbau über die IV und Kroos/Modric, dann ein lange Ball auf hochstehende AV oder rausrückende Flügelstürmer, Spiel über den Flügel und schnelle Kombinationen in Richtung Tor.
    Genau so fiel dann auch das 1:0: Pass auf Marcelo, Weiterleitung zu Ronaldo, der zieht zum Tor und schießt.

    Diese Strategie mit diesen Spielzügen war so auffällig, dass es geplant sein muss. Eine gute Analyse (für mich) würde diese Strategie beschreiben und anschließen erklären, WARUM Madrid diese Strategie gewählt hat.
    Sind Roms AV so schwach?
    Ist die Mitte so stark besetzt?
    Sind Angriffe über Außen gegen eine Raute (laut Kicker) oder ein 433 erfolgversprechend?
    Konnte oder wollte Rom darauf nicht reagieren?
    Evtl. wäre auch interessant, wie eine sinnvolle Reaktion darauf ausgesehen hätte.

    Für eine solche Beschreibung und Erklärung braucht es meiner Meinung nach keine besondere Sprache. Das kann man recht klar ausdrücken.

    Ob sich Kroos jetzt zwei mal zwischen die IV fallen ließ oder lieben neben die IV, das ist mir dann nicht sooo wichtig, höchstens es gibt eine sinnvolle Begründung dafür. Das könnte man dann auch noch detailliert erklären, wenn man will. Oder man könnte noch auf die spezielle Rolle von Modric eingehen. Oder man erklärt, warum Isco so unauffällig war und was seine Aufgabe war.
    Wichtig ist für mich allerdings in erster Linie das “grobe” taktische, wie oben beschrieben.

  7. Pingback: #Link11: Die Revolution ist verschoben | Fokus Fussball

  8. Ich lese Spielverlagerung fast seit der ersten Stunde und auch heute noch fast täglich, trotzdem verstehe ich von den Analysen meistens nur 30%. Mich fasziniert es wohl einfach, dort Leute beim Austausch über ein Thema zu beobachten, das ich einfach nicht in Gänze verstehen k a n n und ab und an mal ein Häppchen Erkenntnisgewinn zu haben, das vom Tisch fällt.

  9. Pingback: Round-Up: Reiner Maurer - Miasanrot.de

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