Schlagwort: Vereinsgeschichte

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft

Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn in den vergangenen drei Jahren Leyton Orient hingelegt hat. 2014 war man mit einem Bein schon in Englands zweiter Liga, der Championship. Drei Jahre später stieg der Club aus der 4. Liga ab und ist somit erstmals seit 112 Jahren nicht mehr der Teil der Football League, sprich Mitglied einer der vier obersten Ligen im englischen Fußball. Wie konnte es dazu kommen? Was ist passiert?

Autoren: Oliver Leiste und Christoph Wagner (120minuten.net)

Ein Fußballfeld in der Sonne, dahinter eine Tribüne mit dem Schriftzug Orient

Leyton Orient hat in den vergangenen Jahren einen dramatischen Absturz hingelegt.

London im Juni 2017: An einem sonnigen und ungewöhnlich warmen Tag ist der Treffpunkt die U-Bahn-Haltestelle Leyton. Dort wartet der 69-jährige Universitätsprofessor Dilwyn Porter und will uns seinen Fußballclub vorstellen: Leyton Orient. Nur wenige Gehminuten von der Haltestelle entfernt liegt, versteckt zwischen Wohnhäusern, das Matchroom Stadium – die Heimat der “O”s. So wird der Verein von seinen Fans genannt.

Am Stadion angekommen ist alles ruhig, fast schon gespenstisch. Logisch, es ist schließlich Sommerpause. Doch die Ruhe passt so gar nicht zur Situation des Vereins. Schließlich erlebt der kleine Club aus dem Osten Londons in jenen Tagen im Juni die wahrscheinlich gefährlichste Phase seiner Geschichte. Ein paar Wochen vorher wurde der Abstieg in die National League besiegelt. Erstmals seit 1905 gehört Leyton Orient damit nicht mehr zur Football League, dem vier Klassen umfassenden Profisystem des englischen Fußballs. Wenige Tage vor unserem Treffen war die Situation besonders heikel. Schließlich drohte dem Club aufgrund seiner Schulden die Auflösung. Die ausstehenden Zahlungen wurden von Besitzer Francesco Becchetti vor dem entscheidenden Gerichtstermin beglichen, die Zukunft der “O”s war danach jedoch ungewisser denn je. Becchetti hatte sich zuvor monatelang nicht im Stadion sehen lassen. Und als wir das Stadion besichtigten, konnte noch niemand abschätzen, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Ob es überhaupt weiter geht. In einer Phase, in der andere Vereine allmählich in die Vorbereitung starten, hatte Leyton Orient kaum mehr als eine handvoll Nachwuchsspieler unter Vertrag. Einen Trainer oder einen Sportdirektor gab es nicht. Selbst Geld, um die kleinen Traktoren zum Rasenmähen zu betanken, war nicht da. Tottenham Hotspur und Crystal Palace, zu denen der LOFC ein gutes Verhältnis pflegt, halfen mit ein paar Handrasenmähern aus.

Es ist noch gar nicht lange her, das stand Leyton Orient mit einem Bein in der Championship, Englands zweiter Liga. 2014 war das. Im Play-Off-Finale gegen Rotherham ging es ins Elfmeterschießen. Dort bewahrheitete sich einmal mehr eine der Grundregeln des Fanseins bei Orient: “Don’t follow Orient, they’ll break your heart.”

Auch in diesem Finale brachen die “O”s ihren Fans das Herz. Von fünf Versuchen traf Orient nur dreimal, Rotherham machte vier rein. Aus war der Traum von der 2. Liga. Doch viel schlimmer: Mit dem geplatzten Aufstieg begann der tiefe Fall des Vereins. Daran hatte der Italiener Francesco Becchetti, der den Club 2014 übernahm, sicher erheblichen Anteil. Für den Niedergang gibt es jedoch noch weitere Gründe, wie im Folgenden gezeigt wird. Um das Ausmaß des Absturzes zu verstehen, lohnt sich jedoch zunächst ein Blick in die Geschichte von Leyton Orient.

Historische Eckpfeiler

Gegründet wurde der Club von Mitgliedern des Glyn Cricket Clubs im Jahre 1881. Viele dieser Mitglieder waren einst Schüler am Homerton College im Londoner Bezirk Hackney. Der Tradition folgend findet auch heute noch alljährlich ein Spiel zwischen dem Leyton Orient Supporters Trust (LOST) und einer Mannschaft des Homerton College, das inzwischen in Cambridge angesiedelt ist, statt. Der Club erlebte eine Reihe von Namensänderungen. So hieß man zuerst Eagle Cricket (1886) und nur zwei Jahre später Orient Football Club.

Laut Clubhistoriker Neilson N. Kaufman geht der Name auf einen Mitarbeiter der P&O Peninsula & Orient Shipping Company zurück, der darauf drängte, Orient in den Namen aufzunehmen. Erst als man nach Leyton umzog, wurde aus Orient der Leyton Orient Football Club. Hier hat der Club nun seine Heimstatt gefunden und trägt seit 1937 seine Spiele im Matchroom Stadium in der Brisbane Road aus. Doch obwohl der Club sehr klein ist, sorgte er bisweilen für große Schlagzeilen. Am 30. April 1921 schrieb der Verein Geschichte, als kein Geringerer als der Prince of Wales – der zukünftige König Edward VIII. – dem Club einen Heimspielbesuch abstattete. Gegner Notts County wurde mit einer 0:3-Niederlage nach Hause in die Midlands geschickt. Es war das erste Mal, dass ein Mitglied der königlichen Familie einem Fußballspiel beiwohnte. Heute erinnert eine Gedenktafel am Clapton Stadium – auch bekannt als Millfields Road – an diesen Tag.

Im für England so wichtigen Jahr 1966 benannte man sich erneut um: aus Leyton Orient wurde, nachdem der Bezirk Leyton im größeren Bezirk Walthamstow aufging, Orient. In seiner Geschichte erlebte der Verein einige finanzielle Krisen, sportliche Höhepunkte waren dagegen selten. So war Orient genau eine Saison lang erstklassig: 1962/63. Mit einem Punktekonto von 21:63 wurde man abgeschlagen Letzter. Zumindest konnte man sich jedoch brüsten, den Lokalrivalen West Ham auf dessen Platz geschlagen zu haben. Danach ging es munter hoch und runter zwischen der vierten und der zweiten Liga im englischen Ligasystem, doch die Zuschauer kamen oft zu Zehntausenden. Die größten Erfolge gab es im FA-Cup: ein 3:2-Erfolg über Chelsea, nachdem diese bereits 2:0 führten und ein Halbfinale gegen Arsenal 1978 sind die herausragenden Ereignisse im Pokal. 1976/77 wurde man Zweiter im  Anglo-Scottish Cup.

Seit 1987 ist Leyton Orient Football Club wieder der offizielle Name. Die Auswirkungen der Kolonialgeschichte Großbritanniens führten 1994 erneut zu finanziellen Problemen Der Vereinsvorsitzende Tony Wood verlor sein Unternehmen durch den Bürgerkrieg in Ruanda und stand dem Verein nicht mehr zur Verfügung. Der Londoner Unternehmer und Sportpromoter Barry Hearn sprang ein und es folgte eine Zeit der relativen Stabilität in Liga drei und vier. 1999 und 2001 vergeigte Orient das Playoff Finale in der League Two, der vierten Liga. Erst 2005 gelang der Aufstieg in die League One, also Liga 3. Dort hielt sich der Verein bis 2015. Ein Jahr zuvor misslang der Aufstieg in die Championship und anschließend übernahm mit Becchetti der wahrscheinlich unfähigste Eigentümer der Clubgeschichte das Kommando. Der Einstieg des italienischen Geschäftsmanns sollte zu einem Schlüsselerlebnis für den Club werden.

Das Logo des Clubs Leyton Orient mit zwei Drachen.

Die Zukunft von Leyton Orient war im Sommer lange ungewiss.

2014-2017: Lange Krise und dramatische Wochen im Juni

Krise ist im Fußball ein häufig verwendetes Wort, das oft schon nach einer Serie von drei oder vier nicht gewonnenen Spielen bemüht wird. Bei Orient war die Negativentwicklung deutlich langwieriger. Seit dem Sommer 2014 gab es nahezu keine Woche, in der nicht negativ über den Club berichtet wurde. Das lag natürlich auch am sportlichen Verfall, vor allem aber an Clubbesitzer Becchetti. Das Playoff-Finale 2014 war der Höhepunkt der Mannschaft, die seit 2010 von Russell Slade trainiert wurde. Eine Chance, das Ergebnis zu verbessern, bekam er nicht. Am 24. September 2014 wurde er entlassen. Allein bis Weihnachten versuchten sich drei weitere Trainer im Matchroom Stadium. So begann der Abwärtsstrudel, der Orient langsam nach unten zog.

Francesco Becchetti ist ein Bau- und Abfallunternehmer, der zudem auch einen Fernsehkanal in Albanien unterhielt. Dieser wurde im Oktober 2015 eingestellt, nachdem die laufenden Kosten nicht gedeckt wurden. Zudem beantragte die albanische Staatsanwaltschaft einen Auslieferungsantrag, weil Becchetti Betrug vorgeworfen wurde. Kurz darauf folgte ein öffentlicher Ausraster, als er dem Cheftrainer Andy Hessenthaler nach dem Abpfiff eines Ligaspiels in den Hintern trat und dabei gefilmt wurde. Die Szene ist auch auf YouTube zu sehen. Becchetti gab später zu, sich unverhältnismäßig aufgeführt zu haben, was die Football Association (The FA) jedoch nicht davon abhielt, ihn für sechs Spiele zu sperren und eine Geldstrafe von 40.000 Pfund zu verhängen.

Personen, die Fußballclubs in England übernehmen wollen, müssen nachweisen, dass sie bestimmte Voraussetzungen und Eignungen mitbringen. Dazu gibt es den “fit and proper persons test”, der 2004 im Fußball eingeführt wurde und seither für Personen, die sich um Managementpositionen im Fußball in den obersten fünf englischen Ligen sowie der Conference und der schottischen Premier League bewerben, Pflicht ist. Um einen Club zu besitzen, ist es Voraussetzung, dass

  • der Eigentümer keine Anteile an anderen Vereinen hält, bzw. Einfluss auf einen anderen Club ausübt,
  • der Gesetzgeber die Ausübung der Rolle als Direktor eines Vereins nicht verbietet,
  • die Person sich nicht in einem Insolvenzverfahren befindet,
  • die Vereine, welche die Person/Personen vorher führte/n, während dieser Zeit nicht durch Insolvenzverfahren gegangen sind.

Für die Premier League gelten strengere Regeln. So muss ein Club jede Person nennen, die 10% oder mehr der Vereinsanteile hält. Die Football League sieht diesen Passus nicht vor. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass es keinen Passus gibt, der sich zu etwaigen kriminellen Vorbelastungen äußert. Die britische Anwaltskanzlei SpringLaw hat sich dazu in einem kurzen Text geäußert. So wurde der italienische Geschäftsmann Massimo Cellino nicht als Eigentümer von Leeds United zugelassen, weil er in Italien wegen Betrugs vorbestraft war. Der britische Journalist David Conn sieht noch ein weiteres Problem mit diesem Test. Er argumentiert, dass die Pläne und Ziele, die ein Investor oder neuer Eigentümer haben könnte, nicht genau hinterfragt werden. Ebenso wird auch nicht geprüft, ob der zukünftige Eigentümer auch wirklich die finanziellen Mittel hat, um den Club nicht nur zu erwerben, sondern auch die laufenden Kosten decken zu können. Es gab einige Fälle, in denen die Übernahme eines Clubs abgelehnt wurde, weil der potenzielle Investor die Kriterien nicht erfüllte.

Im Fall von Orient und Becchetti hat der “fit and proper person test” versagt. Die Übernahme wurde damals durchgewunken, was heute als Fehlentscheidung gesehen werden muss. Denn auch wenn ein Fußballverein ein Wirtschaftsunternehmen ist, unterliegt er doch anderen Regeln als die Firmen, in denen Becchetti bis dato involviert war. Auf dem Papier war Becchetti eine geeignete Person, um einen Club zu führen. Die Entwicklung von Leyton Orient bewies das Gegenteil.

Sportlich entpuppte sich der Eigentümer schnell als ziemlich inkompetent. Sein Vorgänger war der Sportpromoter Barry Hearn, der in den achtziger Jahren erfolgreich wirkte und der es schaffte, den Club über einen langen Zeitraum zu stabilisieren. Glaubt man verschiedenen Beobachtern, verfügte Becchetti dagegen über keine nennenswerten Kenntnisse des Clubs, der Liga oder des englischen Fußballs insgesamt. Auch fehlte es ihm an Kontakten im Mutterland des Fußballs. Wichtige Positionen im Verein besetzte er mit Vertrauten und Gefolgsleuten, Widerstand gegen sein Gebahren gab es deshalb kaum. Für Becchetti war es selbstverständlich, sich in Belange der Mannschaft einzumischen. Ein Umstand, der es den Trainern auf dem “heißesten Stuhl Englands” – so nannten Medien die oft vakante Position – nicht leichter machte. Insgesamt dreizehn Trainerwechsel in drei Jahren sprechen eine deutliche Sprache.

Durch sein Verhalten geriet der Verein mächtig in Schieflage. Im Frühjahr gab es eine Abwicklungsandrohung vom Finanzamt. Insgesamt waren mehr als 250.000 Pfund an Steuern zu zahlen. Hinzu kamen 5,5 Millionen Pfund Schulden. Becchetti bekam schließlich noch etwas mehr Zeit um die Schulden zu begleichen. Im Juni sollte dann die endgültige Entscheidung fallen. Der Italiener war ein Mysterium, der nur selten direkt mit der Öffentlichkeit kommunizierte. In den vergangenen Monaten sprach er fast ausschließlich über einen seiner Mittelsmänner. Die Fans sahen dem Treiben des Inhabers lange tatenlos zu. Erst im Frühjahr, als die Zukunft von Leyton Orient akut gefährdet war, formierte sich Widerstand. Dieser äußerte sich unter anderem in einem Platzsturm beim Spiel gegen Colchester Ende April. Die Fans auf dem Feld äußerten mit Transparenten und Sprechchören ihren Unmut. Das Spiel wurde daraufhin in 85. Minute scheinbar abgebrochen, zwei Stunden später unter Ausschluss der Öffentlichkeit aber doch beendet.

Am 12. Juni stand dann die entscheidende Gerichtsverhandlung an. Während Becchetti sich auch diesmal nicht sehen ließ, strömten die Fans in großer Zahl in den Verhandlungssaal und auf den Vorplatz. Dort gab es dann die erlösende Nachricht. Der Besitzer hatte die Schulden beglichen, die angedrohte Liquidation des Vereins wurde nicht vollzogen. Doch überstanden war die kritische Phase damit noch nicht. Denn anschließend begann die Zeit, in der niemand wusste, was die Gerichtsentscheidung tatsächlich wert war. Der Club schwebte tagelang zwischen tot und lebendig. Fans wie Dilwyn Porter wussten nicht, wer eigentlich gerade verantwortlich war. Auch Roy Cliffdon vom Supporters Club konnte nicht helfen. Der Supporters Club betreibt unterhalb der Haupttribüne einen Pub, ist Anlaufpunkt für Fans und sammelt Geld, was dem Verein zur Verfügung gestellt wird. Durch die Nähe zum Stadion und den Vereinsmitarbeitern sind Leute wie Cliffdon normalerweise besonders gut über die Vorgänge im Verein informiert. Doch diesmal war auch er völlig ahnungslos. Die Situation war ähnlich chaotisch wie bei 1860 München nach dem Abstieg aus der zweiten Liga. Zwischendurch gab es auch Überlegungen des Leyton Orient Fans’ Trust (LOFT) – ein weiteres Fanbündnis neben dem Supporters Club, dass sich deutlich mehr in die Vereinspolitik einmischen will – in in der untersten Liga neu zu beginnen. Dazu kam es letztendlich nicht, denn zwei Wochen nach der Verhandlung gab es die erlösende Nachricht. Becchetti hatte den Verein verkauft – und die neuen Besitzer lassen auf eine bessere Zukunft hoffen.

Eine Tafel am Stadion zeigt statt des nächsten Gegners ein leeres Feld.

Viele Fans befürchteten im Sommer, dass künftig keine Spiele mehr im Matchroom Stadium stattfinden werden.

Hoffnung für den Moment

Der neue Inhaber ist Nigel Travis, der den Club an der Spitze eines Konsortiums führen will. Sein Vermögen hat er unter anderem als Vorstandsvorsitzender von “Dunkin’ Donuts” gemacht hat. Geboren wurde er im Osten Londons und war deshalb schon als Kind ein Anhänger Orients. Bei seinem Antritt erklärte Travis, dass er künftig auch einen Fanvertreter im Vorstand installieren möchte. Beim LOFT sorgte diese Ankündigung für viel Vorfreude. Kurz nach der Übernahme wurde Martin Ling als Sportdirektor vorgestellt. Ling spielte früher selbst für Orient und war schon einmal Sportdirektor, als der Club 2006 den Aufstieg in die League One schaffte. Der neue Trainer Steve Davis hat eine Mannschaft zusammengestellt, die von Experten als vielversprechend eingeschätzt wird. Auch wenn nach den Wirrungen der jüngsten Vergangenheit von einer direkten Rückkehr in die League Two niemand etwas wissen will. Stattdessen ist von einer Mittelfeldplatzierung und Konsolidierung die Rede. Dass einige Spiele der “O”s in den ersten Saisonwochen live im Fernsehen gezeigt werden, zeigt jedoch, dass der Club eigentlich eine Nummer zu groß ist für seine jetzige Umgebung. Die Vorfreude bei den Fans jedenfalls ist riesig, es wurden deutlich mehr Dauerkarten verkauft als in den vergangenen Jahren. Auch Dilwyn Porter blickt optimistisch in nähere Zukunft.

Spannend ist jedoch ein Blick auf die langfristige Perspektive von Leyton Orient. Denn auch wenn der Niedergang durch Francesco Becchetti dramatisch beschleunigt wurde, gab es doch auch schon vorher Entwicklungen, die den Verein vor enorme Herausforderungen stellten. Diese sind, aller aktuellen Euphorie zum Trotz, nach wie vor aktuell. In London gibt es gleich fünf Premier-League-Teams. Arsenal und Tottenham spielen in relativer Nähe des Matchroom Stadiums, West Ham in direkter Nachbarschaft. Von der Leyton-Tube-Station sieht man das Olympiastadion, in dem die “Hammers” ihre Heimspiele austragen. Die großen Clubs bekommen medial deutlich mehr Aufmerksamkeit. Für Orient ist dann oft nur in den Randspalten Platz. Auch die Gelegenheitszuschauer in der Stadt werden im Zweifelsfall ein Erstligaspiel einer Partie in der vierten oder fünften Liga vorziehen. Von den Touristen ganz zu schweigen. Welchen Effekt der Umzug West Hams ins Olympiastadion hat, lässt sich nicht direkt beziffern. Einfacher ist es für Leyton Orient dadurch sicher nicht geworden.

Hinzu kommt, dass sich das Viertel verändert hat. Früher war der Osten Londons ein Arbeiterbezirk, der vornehmlich von weißen Engländern bewohnt wurde. Dilwyn Porter, Inhaber Nigel Travis oder Roy Cliffdon vom Supporters Club, alle um die 70 Jahre alt, verbrachten hier ihre Kindheit und Jugend. Sie repräsentieren eine Gruppe, die Leyton Orient seit vielen Jahrzehnten die Treue hält. Selbst wenn ihr Lebensmittelpunkt längst woanders liegt. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte das Viertel einen enormen wirtschaftlichen Abschwung, viele verließen Leyton. Erst mit Entscheidung, im benachbarten Stratford im Osten Londons die Olympischen Spiele auszurichten, begann die Modernisierung. Die Mieten und Hauspreise waren in Leyton lange Zeit sehr günstig, was zur Folge hatte, dass sich Menschen aus aller Welt dort ansiedelten. Mittlerweile sind zwei Drittel der Bewohner schwarz, asiatisch oder gehören zu einer ethnischen Minderheit. Mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Stadtteil sind unter 30. Durch Modernisierung und Gentrifizierung sind die Preise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aufgrund der Entwicklung wäre auch das Stadiongelände ein lukratives Grundstück für neue Wohnungsbauten.

An der Internationalität Leytons haben die höheren Preise wenig geändert. Wohl aber an der Bedeutung von Orient. Viele der insbesondere asiatischen Bewohner interessieren sich kaum für Fußball. Und schon gar nicht für eine Mannschaft aus einer unteren Spielklasse. Stattdessen steht Cricket bei ihnen hoch im Kurs.

Leyton Orient hatte in den vergangenen Jahren zwar meist recht ordentliche, vierstellige Zuschauerzahlen, lebte zuletzt aber vor allem von der Tradition. Von Leuten wie Porter, die schon immer hingegangen sind und die dann später ihre Familien mitgebracht haben. Doch diese Generation, der auch der neue Inhaber angehört, wird den Club nicht mehr ewig tragen können. Im Sommer ist Leyton Orient dem schnellen Tod von der Schippe gesprungen. Doch wenn der langsame Tod des Vereins verhindert werden soll, braucht der Club eine jüngere Fangeneration, die Verantwortung übernimmt. Und auch wenn sich das Viertel stark verändert, braucht der Verein gerade dort großen Rückhalt. Die gespenstische Ruhe aus dem Juni ist am Matchroom Stadium einer spürbaren Aufbruchsstimmung gewichen. Und vielleicht kann Leyton Orient die nutzen, um den Verein fit für die Zukunft und für die nächsten hundert Jahre im englischen Profifußball zu machen.

Zwei ältere Männer stehen vor einer TReppe in einem Stadion.

Dilwyn Porter (l.) und Roy Cliffcon können nun wieder hoffnungsvoller in die Zukunft schauen.

________________

Die Veröffentlichung dieses Beitrags wurde auch durch die Unterstützung des 120minuten-Lesekreises möglich. Stellvertretend für alle bedanken wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Melanie, unserem neuesten Lesekreis-Mitglied. Du möchtest 120minuten ebenfalls aktiv unterstützen? Dann bitte hier entlang!