Schlagwort: Longread

Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf den Punkt, mitunter aber auch recht deutlich unter der Gürtellinie, werden sie nicht nur als Stilmittel zur Unterstützung der eigenen Mannschaft, sondern auch als Ausdrucksform der aktiven Fanszene gegenüber sportlichen Gegnern, dem eigenen Verein oder dem Deutschen Fußball-Bund genutzt. Immer häufiger werden allerdings die Medienberichte davon bestimmt, dass der DFB eben diese Form der Meinungsäußerung mit Geldstrafen sanktioniert. Von “Schmähgesängen” ist dann die Rede, oder von Diffamierung und unsportlichem Verhalten, sodass sich dem geneigten Beobachter durchaus die Frage aufdrängen kann, wie es eigentlich so bestellt ist mit der Meinungsfreiheit im Stadion. Ein Debattenbeitrag.

(Hinweis: Ergänzend zum Text finden sich am Ende der Seite Auszüge aus der Rechts- und Verfahrensordnung des Deutschen Fußball-Bundes sowie ein Interview mit Dr. Andreas Hüttl, einem Anwalt für Strafrecht aus Hannover)

Autor: Lennart Birth, 120minuten

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England – Deutschland: Eine Rivalität

England gegen Deutschland: man denkt sofort an Wembley 1966 oder an Turin 1990. Es werden Erinnerungen an einen Septemberabend in München 2001 oder an Bloemfontein 2010 wach. Es gibt aber auch Aspekte, die selten oder gar nicht betrachtet wurden.

Autor: Christoph Wagner, An Old International

Deutschland gegen England. Während diese Begegnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Säbelrasseln und Krieg nach sich zog, ist diese seit den 1950er Jahren ausschließlich mit Fußball verbunden. So sehr, dass viele bei dieser Spielansetzung von einem Klassiker sprechen. In der Tat haben einige Spiele das Zeug zum Klassiker und zur Legendenbildung. In England ist das schon geschehen: Keine Mannschaft wird mehr in den Fußballhimmel gelobt als jene, die 1966 den Weltmeistertitel im eigenen Land gewann. Dabei war die Mannschaft die 1970 im Viertelfinale an Deutschland scheiterte, weitaus besser und stärker als jene Helden von 1966. Das untermauert einmal mehr die These, dass nie die besten Mannschaften Turniere gewinnen, sondern die konstantesten.
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Der letzte Leitwolf

Am 3. März 2010 war es noch nicht absehbar, doch ein Großer verließ die Nationalmannschaft. München bereitete im Testspiel gegen Argentinien die Bühne für den letzten Auftritt Michael Ballacks im schwarz-weißen Dress. Der Abgang selbst sollte sich elendig lang hinziehen. Der dritte Teil einer Retrospektive (hier geht es zu Teil 1, Teil 2 ist hier zu finden).

Autor: Sebastian Kahl, yyfp.rocks

Das Ende nahm in Wien seinen Anfang. Auch bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz liefen die Fäden des deutschen Spiels bei Michael Ballack zusammen. Erneut trieb der nun 31-Jährige sein Team mit wichtigen Treffern an. Im letzten Gruppenspiel gegen Österreich erzielte er das einzige Tor der Partie. Ballacks brachialer Freistoß wurde anschließend in Deutschland zum Tor des Jahres gewählt. Im Viertelfinale gegen Portugal stellte er per Kopf auf 3:1. Nach einem Anschlusstreffer von Helder Postiga gereichte das zum Siegtreffer.  Weiterlesen

Die heimlichen Hüter der Regeln

Die Arbeit des International Football Association Board

Ein kleiner Personenkreis legt die Regeln fest, nach denen Fußball gespielt wird. Sie bestimmen über die Zukunft des Spiels. Die Strukturen und die Entscheidungsfindung folgt jahrzehntealten Mustern und man lässt sich nur ungern in die Karten schauen.

Autor: Endreas Müller (120minuten.net, endreasmueller.blogspot.de)

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Der Fußball und das Fernsehen

Über die mediale Inszenierung der schönsten Nebensache der Welt

Das erste in Deutschland live ausgestrahlte Fußballspiel fand am 24. August 1952 in Hamburg zwischen dem Hamburger SV und Altona 93 statt. Das Fernsehversuchsprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks, kurz: NWDR war für die Übertragung verantwortlich. Seit dieser ersten Liveübertragung sind viele Jahre ins Land gegangen und nicht nur der Hamburger SV hat sich verändert, sondern auch die Fernsehübertragungen. Mittlerweile befindet sich der Fußball in Bezug auf seine mediale Übertragung an einem Scheideweg. Die Europa-Liga scheint nicht mehr komplett unrealistisch, die Schere zwischen kleinen und großen Klubs wird immer größer und die Preise für die Übertragungsrechte an der Bundesliga oder der WM steigen jedes Jahr aufs Neue in schwindelerregende Höhen.

Zeit für eine nüchterne Analyse der grundlegenden Zusammenhänge der medialen Inszenierung des Fußballs. Wie wird eine Fußballübertragung inszeniert? Warum generieren Fußballspiele solch hohe Einschaltquoten? Und: Was sagt das eigentlich über das Verhältnis zwischen uns als Rezipienten und der Fußballwelt aus?

Autor: Luca Schepers (prettylittlemovies.blogspot.de)

Abhängigkeitsverhältnisse

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Fußball seine heutige globale Ausdehnung und die riesigen Geldbeträge, um die es inzwischen geht, niemals ohne die mediale Verbreitung vor allem durch das Fernsehen hätte erreichen können. Gerade deshalb mutet die „Medienkritik“ mancher (nicht aller) Mitglieder der Fußball-Welt etwas seltsam an, da es in letzter Konsequenz diese Medien sind, die dafür sorgen, dass sie ihren gut bezahlten Job behalten können. Die Massenmedien und der Fußball befinden sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Der Fußball ist darauf angewiesen, dass in den Massenmedien über ihn berichtet wird, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Für selbige ist es wichtig, einen guten Draht zu den Verantwortlichen zu haben, um sich in Zeiten von Twitter, Facebook u.ä. ihre Aktualität zu bewahren (u.a. zu diesem Thema hat Georg Seeßlen in der Jungle World 02/17 einen brillanten Text geschrieben.) Außerdem interessiert Fußball extrem viele Menschen, sodass er als stets sicheres Mittel zur Quotensteigerung gesehen werden darf. Man schaue sich bloß einmal Rupert Murdoch und den Fernsehsender TM3 im Jahr 1999 an. Damit sich jedoch der Kauf des wahrscheinlich teuersten Programmpunkts für einen Fernsehsender lohnt, müssen die Quoten stimmen. Tun sie das nicht, können die Fußballrechte sehr schnell zu einem existenzbedrohenden Risiko werden. Es stellt sich also die Frage, wie ein Fernsehsender eine Fußballübertragung inszenieren muss, um möglichst viele Zuschauer vor den Bildschirm zu ziehen.  Weiterlesen

Jogo Politico

Fußball und Politik in Brasilien

Die Fußball-WM 2014 in Brasilien bot einen Einblick in das Land, welches für das schöne Spiel – jogo bonito – bekannt ist. Dass dabei nicht Alles glänzt, was Gold ist, versucht Rouven Ahl anhand zweier grundsätzlich verschiedener Fußballikonen Brasiliens darzustellen. Zum Einen Pelé, der Strahlemann und dreifacher Weltmeister 1958, 1962 und 1970, der das Gesicht des Turniers war. Zum Anderen Sócrates, der mit Corinthians versuchte, einen Gegenentwurf zur Militärdiktatur zu vorzuleben.

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Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

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Moralität des Fußballkonsums

Autor: Daniel Roßbach, pressschlag.net

Was hat Profifußball eigentlich mit Propaganda zu tun? Sind wir als Konsument*innen individuell verantwortlich für die Korruption im Sport? Und muss schließlich das Nachdenken über die Mechanismen des Profigeschäfts notwendiger- und konsequenterweise dazu führen, sich von der Glitzerwelt des bezahlten Fußballs abzuwenden? Der folgende Text versucht, sich diesen Fragen aus philosophischer Perspektive zu nähern.

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Vor etwas mehr als einem Jahr stand ich in einer Küche in Canberra und unterhielt mich mit meinen Mitbewohnern über die Gründe, die einige von uns dazu bewegt hatten, Vegetarier zu werden. Während ich sagte, dass ich im Prinzip davon überzeugt sei, dass kein Fleisch zu essen moralisch geboten sei, bemerkte ich, dass mir zu dem ‘aber’, das mein Carnivorendasein rechtfertigen sollte, nichts einfiel. Also bekannte ich mich stattdessen dazu, mein Handeln  meinen Überzeugungen von nun an folgen zu lassen.  Weiterlesen

Die Angst pfeift immer mit?

Aggressionen gegen Schiedsrichter

Autor: Adrian Sigel, Endreas Müller

Immer wieder liest man über Angriffe auf Schiedsrichter im Amateurbereich. Selten stehen dabei die Unparteiischen und ihr Umgang mit Drohungen und Gewalt im Mittelpunkt. In seiner Masterarbeit hat sich Adrian Sigel genau dieser Frage gewidmet, eine Reihe aufschlussreicher Interviews geführt und eine großangelegte Umfrage unter Schiedsrichtern durchgeführt.

„Eeyyy!!!“ ein langgezogener Schrei vom Platz und von den Rängen. Kurz darauf legen die Zuschauer nach: „meine Fresse, du pfeifst sonst jeden Scheiß!“ Die Schreie gelten unmissverständlich dem Schiedsrichter, ein junger Mann in seinen Zwanzigern, der gerade entschieden hat, dass ein Rempler im Strafraum nicht eines Elfmeters würdig ist. Es ist ein x-beliebiges Spiel der Kreisoberliga Ende Mai. Der Tabellenerste ist zu Gast und die Saison so gut wie gelaufen. Nur etwa 50 Zuschauer haben sich bei bestem Wetter auf der großen Tribüne eingefunden. Die Ultras scheinen sich heute eine Auszeit zu nehmen.  Weiterlesen