Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

Schaut man sich die Tabelle der letzten DDR-Oberligasaison 1990/1991 an, kommt einem als im Osten Deutschlands sozialisierter Fußballfan zu allererst ein Begriff in den Sinn: “Traditionsvereine”. Neben allseits bekannten Clubs, die auch heute im Profifußball (wieder) eine Rolle spielen, stritten während des Abgesangs auf den organisierten DDR-Fußball so klangvolle Namen wie die BSG Stahl Brandenburg, der 1. FC Lokomotive Leipzig oder der Eisenhüttenstädter FC Stahl um Punkte; Vereine, die heute in den Amateurligen der Republik zuhause sind und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch noch eine ganze Weile sein werden. Ihre Bedeutung für den gesamtdeutschen Fußball ist inzwischen allenfalls marginal, trotzdem sind die Erfolge dieser Mannschaften im und für den DFV, das DDR-Pendant zum Deutschen Fußball Bund, nicht von der Hand zu weisen: Lok Leipzig spielte einst vor 100.000 Zuschauern im Zentralstadion, dribbelte mit einiger Regelmäßigkeit im Europapokal auf und konnte 1987 sogar das Finale des Pokalsiegercups erreichen. Stahl Brandenburg und Eisenhüttenstadt traten ebenfalls jeweils eine Saison im Europapokal an.

Gemeinsam haben diese Clubs mit (wieder erwachten) Größen und ehemaligen Liga-Konkurrenten wie dem 1. FC Magdeburg und der SG Dynamo Dresden, dass die glorreichen Zeiten der nationalen Erfolge mit dem Fall der Mauer mehr oder weniger enden; die Wiedervereinigung nicht nur als historischer Meilenstein in der Weltgeschichte, sondern auch als Zäsur für den ostdeutschen Fußball. Und dennoch: Im kollektiven Gedächtnis der Fußball-affinen DDR-Sozialisierten wird man mit dem 1. FC (früher Vorwärts) Frankfurt/Oder, der BSG Chemie Leipzig oder dem Eisenhüttenstädter FC Stahl nicht zuvorderst Amateurclubs aus der Nachbarschaft, sondern den eben schon genannten Begriff der ‘Traditionsvereine’ verbinden, womit sie letztlich eben doch in einer Reihe stehen mit dem BFC Dynamo, dem FC Carl Zeiss Jena, dem 1. FC Magdeburg oder dem FC Rot-Weiß Erfurt.

Was genau verbirgt sich aber hinter dem Begriff der ‘Tradition’ und: Inwiefern ist es überhaupt legitim, von ‘Traditionsvereinen’ zu sprechen, wo doch die Traditionslinie, auf die man sich notwendigerweise berufen muss, (sport)politisch spätestens 1991 endet? Ein Umstand übrigens, der für Vereine im Osten der Bundesrepublik gleich im doppelten Sinne gilt:

“Für die Ostvereine gab es […] eine weitere Zäsur, die mit der Besatzung durch die Rote Armee 1945 begann und nach der DDR-Gründung fortgeführt wurde. Alle Verbindungslinien in die Vergangenheit, auch die vor Hitler, sollten gekappt werden. Das gelang beeindruckend gut. Danach begann ein großes Wirrwarr von Neugründungen, Zusammenlegungen, Neu-Neugründungen etc. bis dann 1966 der DDR-Fußball durch die Erschaffung von Fußballklubs seine endgültige Form annahm. Wie widersprüchlich das alles ist, kann man gut daran erkennen, dass am 26. Januar [2016] der FC Rot-Weiß Erfurt seinen 50. Geburtstag feierte. Am darauf folgenden Wochenende laufen die Spieler des Vereins mit einem Trikot auf, das mit einen Stern und der Ziffer zwei darin geschmückt ist. Die beiden solcherart zur Schau getragenen Meisterschaften wurden 1954 und 1955 gewonnen, mithin mehr als 10 Jahre vor der Vereinsgründung. Darüber kann man leicht Witze machen, es ist aber andererseits sehr schwierig, eine wirklich belastbare Verbindung zum 1895 gegründeten Cricket Club Erfurt nachzuweisen, der die ersten Fußballspiele in Erfurt durchführte und in seinem Nachfolger SC Erfurt schnell auch überregionale Erfolge feierte.” (Fedor Freytag, stellungsfehler.de)

Ähnlich verhält es sich mit dem 1. FC Magdeburg. In der Statistik stehen sieben FDGB-Pokalsiege zu Buche. Damit hat der Club von der Elbe gemeinsam mit Dynamo Dresden die meisten Pokalsiege in der ehemaligen DDR. Dabei wird aber übersehen, dass der Verein zwei dieser sieben Erfolge vor 1965 erzielt hat. Das ist insofern wichtig, als dass die Größten der Welt vor dem 22. Dezember jenen Jahres noch als SC Aufbau Magdeburg aufliefen und in rot-grünen Trikots spielten. Erst nach diesem Datum hieß der Club 1. FC Magdeburg und spielt seitdem in blau-weiß.

Nähert man sich dem Begriff der Tradition, ohne an dieser Stelle eine differenzierte theoretische Diskussion beginnen zu wollen, wissenschaftlich, so sind nach Götte drei Verwendungsweisen unterscheidbar: “In der einen wird der Traditionsbegriff zur Klärung normativer Fragen genutzt, in der zweiten wird er als Gegenbegriff zur Rationalität verwendet und in der dritten Verwendungsweise werden erfundene von echten Traditionen unterschieden.”[1] Alle drei Lesarten seien hier mit Beispielen aus der Welt des Fußballfantums kurz erläutert:

Ein normativer Traditionsbegriff verhandelt im Wesentlichen die Frage, was genau eigentlich der ‚richtige’ Gegenstand von Tradition ist und wie die Überlieferung bzw. die Weitergabe dieses Gegenstandes zu gestalten sei. Hier rücken, häufig unhinterfragt, die Erfolge früherer Tage ins Blickfeld: Die oben zitierten Meisterschaften des FC Rot-Weiß Erfurt, bevor es überhaupt einen FC Rot-Weiß Erfurt gab, oder auch der Europapokalsieg des 1. FC Magdeburg im Jahre 1974, der noch dazu mit einer Auswahl an Spielern errungen wurde, die alle aus dem gleichen Bezirk stammten. An der Stelle interessieren weniger die (gesellschaftlichen und/oder strukturellen) Rahmenbedingungen, als vielmehr die Erfolge an sich, die für ganze Fan-Generationen zu einem konstitutiven, identitätsprägenden Element werden – und sich dann eben beispielsweise auch in Form von Meisterschaftssternen auf aktuellen Trikots wiederfinden können.

Als Gegenbegriff zur Rationalität bezeichnet der Traditionsbegriff in einer vor allem soziologischen Perspektive Handlungen, die vorreflexiv, also ohne darüber nachzudenken bzw. sie zu hinterfragen, ausgeführt werden, weil man ‘es eben immer schon so gemacht hat’. Hierunter fallen beispielsweise gelebte Rivalitäten zu anderen Fangruppen, deren Ursprung für den Einzelnen sehr häufig gar nicht mehr bestimmbar sind – und auch gar keine Rolle spielen. Da hasst man dann als 18jähriger Fan des 1. FC Magdeburg mal eben den BFC oder ist sich als Anhänger des FC Erzgebirge Aue spinnefeind mit dem Nachbarn, der es mit dem Chemnitzer FC hält. “Traditionen verdanken ihre Geltungskraft also ihrer “lebensweltlichen Authentizität”, sobald aber ihr Inhalt oder auch ihr Prozess explizit zum Gegenstand der Reflexion und Überprüfung gemacht werden, werde damit die Sphäre der Tradition verlassen.”[2]

Für den Fußball generell, für Vereine aus der ehemaligen DDR-Oberliga aber in besonderem Maße interessant ist das Konzept der ‘erfundenen Traditionen’, wie es 1983 von Hobsbawm und Ranger eingeführt wurde. “Das Charakteristikum “erfundener Traditionen” ist – wie das Wort schon sagt – die erstaunliche Tatsache, dass die Kontinuität mit der historischen Vergangenheit, auf die in solchen Traditionen Bezug genommen wird, weitgehend künstlich ist. Mit anderen Worten: Es ist ein erfundener Zusammenhang, ein konstruierter.”[3] Nun wird niemand bestreiten, dass nationale Meisterschaften und Pokalsiege oder europäische Titel, auf die man sich in Memorabilia oder Liedgut beruft, lediglich ausgedacht waren. Natürlich gehören sie genauso zur Vereinsgeschichte einer SG Dynamo Dresden oder eines 1. FC Magdeburg wie die entsprechenden Pokale im Vitrinenschrank. Was – auf dieser Basis – konstruiert wird, ist vielmehr eine Aura des bruchlos Ewigen, eine Legitimation als “wahrer Traditionsclub” auf der Grundlage einer genau genommen gerade einmal fünfzigjährigen Vereinsgeschichte, die noch dazu nach 1991 einen tiefgreifenden Einschnitt erfahren hat. “Fußballfolklore” sagen die Einen, “das, was wir sind” die Anderen.

Fußballliteratur als Erinnerungsort

Unabhängig davon, wie man Tradition nun verstehen will, bleibt unbestritten, dass die eigene Geschichte, gerade dann, wenn sie Brüche aufweist, die nicht zuletzt mit massiven gesellschaftlichen Veränderungen zusammenhängen, Orte der Erinnerung benötigt. Das kann, wie z.B. im Fall des F.C. Hansa Rostock, ein Vereinsmuseum sein, aber eben auch Literatur, in der vergangene Erfolge lebendig bleiben.

Der Begriff Erinnerungsorte geht auf den französischen Historiker Pierre Nora zurück, der in den 1980er Jahren eine Aufsatzsammlung unter dem Titel Les Lieux des Mémoire veröffentlichte.[4] Die Aufsätze befassen sich mit Themen wie “Kaffee”, “Vichy” oder “Der König” und stellen eine Sammlung von Erinnerungsträgern dar, die in verschiedenen Konstellationen das Gedächtnis französischer Individuen und zugleich eine einheitliche Geschichte unter dem Begriff des Französischen bilden. Für die Bundesrepublik gibt es ein ähnliches Werk; Deutsche Erinnerungsorte und auch die DDR wurde so untersucht.[6] Allen drei Werken ist gemein, dass der Sport als Erinnerungsort darin vorkommt: Für Frankreich ist es die Tour de France, für die BRD ist es die Bundesliga und für die DDR das Sparwasser-Tor.

Das Sparwasser-Tor von 1974

Schaut man etwas weiter, so kamen weitere interessante Werke zutage. Dennoch blieb ein Eindruck: es besteht eine Unwucht im Literaturmarkt, was Oberliga-Vereine angeht. Es gibt sie, die historische Literatur zum Ostfußball, sie ist nur etwas schwerer zu finden, betrachtet man die Angebote der Sport- und anderen Verlage. Auch wenn die breite Masse an Büchern nicht vorliegen mag, so ist doch der DDR-Sport erforscht und ist darüber geschrieben worden.

Den Rahmen bilden hierbei Werke, die die Steuerung des Sports durch die SED hervorheben und sich selbstverständlich auch mit der Thematik Doping beschäftigen. Hervorgetan hat sich hier Giselher Spitzer mit einem historischen Überblick zum Doping in der DDR bzw. dem Einfluss der Stasi auf den Sport. Vergessen wird in dem Zusammenhang gern, dass es in der BRD auch ein breit angelegtes Dopingsystem gab, welches Spitzer ebenfalls erforscht und monographisch festgehalten hat. Die Verbindung Mielkes auf das runde Leder hat auch Hanns Leske untersucht.[7]

Des weiteren bietet der Werkstatt-Verlag mit Sitz in Göttingen Nachschlagewerke und Übersichtsdarstellungen zum DDR-Fußball an, jedoch ist die Diskrepanz enorm, sodass man durchaus von einer literarischen Unwucht sprechen kann. Allein von den Hamburger Vereinen kann man sich mit 10 Werken eindecken, ebenso gibt es 3 Bücher vom MSV Duisburg. Vom FSV Zwickau dagegen findet man kein Buch. Warum Duisburg und Zwickau? Zwickau war der erste DDR-Meister 1950 (damals noch als Horch Zwickau) und 1975 gewannen sie den FDGB-Pokal. Im Pokalsiegercup scheiterten die Westsachsen erst an RSC Anderlecht, dem späteren Sieger, im Halbfinale. Keine schlechte Bilanz und weitaus mehr, als die Zebras auf nationaler und europäischer Bühne vorzuweisen haben. Ein anderes Beispiel: Die Stadt Leipzig kann getrost als die Wiege des Fußballs bezeichnet werden. Hier wurde 1900 der DFB gegründet; der VfB Leipzig wurde 1903 der erste deutsche Fußballmeister überhaupt. Dazu findet sich kein Werk im Verlagsprogramm. Wir haben beim Verlag nachgefragt und standen mit Christoph Schottes in Kontakt. Seine Antwort war nicht ganz zufriedenstellend. Man habe zwar den Mangel festgestellt, könne aber keine Erklärung liefern. Der Rückbezug auf eine Westverschiebung nach 1989 ist etwas dünn, denn die gab es schon vorher. Zu Länderspielen der BRD in den Ostblock fuhren beispielsweise die DDR-Fans in Scharen; so waren 1971 bei einem Spiel in Polen mehr Anhänger aus der DDR als aus der BRD vor Ort.[8] Die Titel zur DDR im Verlagsprogramm seien immer gut gelaufen, versichert er in der Korrespondenz. Die Unterbelichtung sei da und sie wird wahrgenommen, doch das Angebot sei vorhanden, wenn auch weniger stark öffentlichkeitswirksam und stärker regional geprägt. Schottes erwähnt einen ‘kleinen regionalen Verlag aus Berlin’, der Bände über Union und Babelsberg veröffentlicht hat.

Er spricht von der Fußballfibel, die von Frank Willmann herausgegeben wird und im Culturcon medien-Verlag erscheint. Lok Leipzig, die BSG Chemie und Hansa Rostock haben schon einen Band in dieser kleinen, aber feinen Serie erhalten ebenso der 1. FC Magdeburg. Auf die Frage, wie viele Vereine denn diese ‚Bibliothek des Deutschen Fußballs’ genannte Reihe umfassen solle, antwortete Willmann im Juni 2016 bei einem Bier ganz trocken und eindeutig: “Alle.” Sein Verleger Bernd Oehlschlaeger fügte im nächsten Atemzug hinzu, dass das Konzept funktioniert. Dieses stammt von Willmann selbst und sieht vor, ähnlich (aber doch mit anderer Ausrichtung) wie in der „111 Gründe…“-Reihe des Verlags Schwarzkopf & Schwarzkopf, Fußballbücher aus Fanperspektive schreiben zu lassen, da die üblichen Nachschlagewerke Tabellen, Daten und Namen abfeierten, aber letztendlich blutleer sind. Für Fans sind Fußballvereine doch viel mehr als Zahlen und Fakten. Man denke nur an das bekannte Zitat von Bill Shankly! Der Titel “Bibliothek des Deutschen Fußballs” ist dabei als augenzwinkernder Größenwahn zu verstehen, das Ziel ist aber eindeutig: den deutschen Fußball in seiner gesamten Bandbreite abzubilden und dazu gehören nun mal die Fans.

Neben den oben erwähnten akademischen Werken zur Geschichte des DDR-Fußballs im Werkstatt-Verlag gibt es aber auch Ansätze, einzelne Vereine gezielt zu untersuchen. Die Dissertation von Michael Kummer, Ex-Herausgeber von OstDerby, ist hier beispielhaft zu nennen, der die Beziehungen von Rot-Weiß Erfurt und dem FC Carl Zeiss Jena untersuchte.[9] Sein Fazit: Die Jenaer wurden über Jahrzehnte wenn nicht bevorzugt, so doch genossen sie einen gewissen Bonus an den entscheidenden Stellen. Kummer untersucht die gesamte Zeit der DDR. Einen Blick von außen gibt es von Alan McDougall, der eine wunderbare Kulturgeschichte des Fußballsports geschrieben hat.[10]

Trotzdem bleibt die Frage, wie ehemalige DDR-Oberligisten selbst ihre eigene Tradition verstehen, verhandeln und pflegen. Deutlich werden müsste das, so unsere Idee bei den Überlegungen zu diesem Text, an der Art und Weise, wie jene Vereine und die heute handelnden Personen auf die eigene Geschichte Bezug nehmen. Anlass genug für uns, bei der “Klasse von 1990/1991” einfach einmal nachzufragen.

Zwischen Nachschlagewerk, Vereinsmuseum und Fan-Engagement

Wir haben die Clubs der letzten Oberliga-Saison in der Geschichte des DDR-Fußballs angeschrieben und jeweils um Antwort auf die folgenden 2 Fragen gebeten:

Welche Buchpublikationen zur Geschichte des Vereins sollte man unbedingt gelesen haben?

Wie ist das Thema ‚Traditionspflege und Erinnerungsarbeit‘ im Verein verankert? Gibt es z.B. eine Traditionsmannschaft, eine Dauerausstellung, regelmäßige Veranstaltungen mit Bezug zur Vereinsgeschichte…?

Geantwortet haben auf diese Anfrage der F.C. Hansa Rostock, der FC Rot-Weiß Erfurt, der Chemnitzer FC, der FC Carl Zeiss Jena, die BSG Chemie Leipzig und, nach telefonischer Nachfrage, der FSV Zwickau. Dazu haben wir noch Fedor Freytag und Uwe Busch, ihres Zeichens Fans des FC Rot-Weiß Erfurt bzw. des F.C. Hansa Rostock, um ihre Einschätzung zu den o.g. Fragen gebeten. Nachfolgend ihre Antworten:

F.C. Hansa Rostock
FC Rot-Weiß Erfurt
Chemnitzer FC
FC Carl Zeiss Jena
BSG Chemie Leipzig
FSV Zwickau

Es zeigt sich, dass die Themen „Traditionspflege“ und „Erinnerungsarbeit“ bei den ehemaligen DDR-Oberligisten (zumindest bei jenen, die sich hierzu äußern wollten oder konnten) durchaus eine Rolle spielen; allerdings bestätigt der Blick in die zitierten Rückmeldungen auch die Annahme, dass außerhalb der klassischen Vereinschronik nur wenige Werke existieren, die sich mit den Clubs intensiver auseinandersetzen. Interessant auch, dass seitens der Vereine dort, wo es ein entsprechendes Exemplar gibt, die „Fußballfibel“-Reihe erwähnt wird. Das verdeutlicht, dass sie sich in ihrer kurzen Zeit des Bestehens bereits die Aufmerksamkeit erarbeitet hat, die sie auch verdient.

Der Begriff der „Tradition“ ist selbstredend nicht nur bei Autorinnen und Autoren oder Vereinsoffiziellen, sondern natürlich auch bei den Anhängern jener ostdeutschen Teams bedeutsam, die sich, wie eingangs erwähnt, trotz ihrer verhältnismäßig kurzen Geschichte als „Traditionsvereine“ begreifen. Einer, der die Fanszenen des Ostens und hier insbesondere die Ultrà-Gruppen in der Saison 2015/2016 wissenschaftlich untersuchte, ist Julien Duez. Er ist Franzose, studierte in Brüssel und schrieb seine Abschlussarbeit zur Frage, welche Rolle ‚Tradition’ und der Bezug zur ehemaligen DDR bei jenen Gruppen heutzutage spielt. Für 120minuten schildert er, gewissermaßen aus einer ‚doppelten Außen-Perspektive’, nachfolgend seine Eindrücke:

„Man schaut rückwärts, denn man hat keine Zukunft”

Vielfach habe ich diesen Satz gehört: „Man schaut rückwärts, denn man hat keine Zukunft“. Ich behaupte, das fasst die Situation des Fußballs 2015/2016 in der ehemaligen DDR gut zusammen. Als Ausländer war ich erstaunt über so viele Leute und Medien, die den Ausdruck „DDR-Oberliga 2.0“ benutzen, um über die acht Ostvereine zu sprechen, die dieser Saison in der 3. Liga gegeneinander kickten. Wenn man behauptet, dass die DDR eine Diktatur war, dann klingt es logisch, dass man nach der Wende probierte, alle ihre Spuren zu löschen, um sich der Zukunft zuzuwenden. Es würde aber bedeuten, die Normalität des Alltags in der DDR in den Wind zu schlagen. Nach vierzig Jahren Bestehen, sprich zwei Generationen, hat sich eine andere Mentalität entwickelt. Eine „Ostmentalität“, die zwar nicht unbedingt im Sozialismus erworben wurde, sich aber trotzdem anders als die in der liberalen BRD während des Kalten Krieges begründet hat. Als ich über die sogenannte „Ostalgie“ mit Leuten verschiedenen Alters redete, bezog sich diese DDR-Sympathie auf ihr besseres Sozialleben oder auf freundlichere menschliche Beziehungen oder günstigere Lebenshaltungskosten oder mehr öffentliche Ordnung oder die Abwesenheit von Immigranten usw. Die Ostalgie existiert also nicht als Massenphänomen, sondern in der Form von persönlichen Erinnerungen und Gefühlen. Das Fazit bleibt offenbar das gleiche: Keiner möchte, dass die Mauer wieder aufgebaut wird. Dies gilt insbesondere für die junge Generation, die mit verschiedenen materiellen Vorteilen der europäischen Integration sehr zufrieden ist, wie zum Beispiel der Abschaffung der Grenzen oder dem Euro als Einheitswährung. Ein Schritt nach hinten würde sich von diesem Lebensraum, in dem sie sich wohl fühlen, radikal abheben.

Es war also unmöglich, dass die Wiedervereinigung das Erbe der ehemaligen DDR zunichte macht. Auch war es unmöglich zu verhindern, dass die Eltern bzw. Großeltern, die vollständig in dieser Epoche gelebt haben, ihre Kinder bzw. Enkel mit den Prinzipien, nach denen sie selbst erzogen wurden, voll oder teilweise erziehen. Darum benutzen die aktuelle Ost-Ultraszenen verschiedene Elemente, die an die DDR erinnern, obwohl sie damit nichts zu tun haben wollen in Anbetracht ihrer negativen Konnotation.

Das Wort „Tradition“ hat in Deutschland einen sehr speziellen Sinn, da man dort immer mit einer Dichotomie zwischen den so genannten „Traditions-“ bzw. „Kommerzvereinen“ operiert. Die Tradition ist nicht nur mit dem Alter oder dem kommerziellen Status des Vereins verbunden (siehe oben). Ansonsten könnte ein Club wie Bayer Leverkusen – 1904 gegründet – mehr Tradition einfordern als die SG Dynamo Dresden, die 1963 gegründet wurde. Tradition ist mit den Werten des Vereins verbunden. Auch mit der Treue seines Publikums (27.000 Zuschauer besuchten im Durchschnitt das Stadion Dresden, obwohl der Club in der 3. Liga spielte) und einer Menge Symbolen, wie zum Beispiel dem Namen des Clubs. Auch die lokale Verankerung, der Name des Stadions (das Publikum des 1. FC Magdeburg nennt die MDCC-Arena lieber Heinz-Krügel-Stadion), die Erfolge (z.B. die zehn Meistertitel in Folge des BFC Dynamo), die bedeutenden Spiele (der „Schandelfmeter aus Leipzig“ zwischen dem 1. FC Lokomotive und dem BFC Dynamo im März 1986), eine eventuelle Teilnahme an europäischen Wettbewerben (z.B. der Sieg des FCM im Europapokal der Pokalsieger 1974) oder Kultspieler (Torsten Mattuschka beim 1. FC Union Berlin) spielen eine Rolle. Tradition ist nicht unbedingt mit Erfolg verbunden: Fans von Mannschaften wie Lok Leipzig (2015/2016 noch Oberliga Nordost) oder der FC Carl Zeiss Jena (Regionalliga Nordost) fordern mehr Tradition als Kommerzvereine wie der VfL Wolfsburg (obwohl der seit neunzehn Saisons in Folge in der ersten Liga spielt) oder die TSG Hoffenheim (obwohl der Investor aus dem Ort stammt). Man kann also behaupten, dass die Tradition anstelle des sportlichen Erfolgs das einzige Ding ist, mit dem die Fans im Osten prahlen können. Quod erat demonstrandum.

Die Ostmannschaften – so wie viele andere Bereiche der ostdeutschen Gesellschaft – haben durch die Wiedervereinigung sehr gelitten. In der Tat sollten sie in die Meisterschaft der BRD integriert werden, obwohl das Niveau der Bundesliga schon hoch genug war und man eigentlich auf die Dienste ihrer Ostkollegen verzichten konnte. So wurde die sogenannte „Zwei-plus-sechs“-Regel entschieden. Nach der Saison 1990/1991 wurden nur zwei Ostmannschaften in die erste Liga integriert und sechs in die zweite. Acht Vereine der ehemaligen DDR-Oberliga (und alle der DDR-Liga, der zweithöchsten Spielklasse) verschwanden also in der Versenkung. Egal wie viel Erfolg sie hatten. Außerdem sind viele erfolgreiche Ostspieler während und nach der Wiedervereinigung in den Westen gegangen, weil die Löhne dort viel attraktiver waren. Dies hat nachhaltig dazu beigetragen, das Niveau des Ostfußballs zu schwächen. Auch der Übergang von einer Clubverwaltung nach sowjetischem Vorbild zur Realität des Fußballs der Gewinner des Kalten Krieges, der auf Professionalität und Kapitalismus gegründet war, wurde ein Misserfolg. Das Zerschlagen der Betriebssportgemeinschaften, die nicht mit privaten Investoren verwechselt werden dürfen – und dieses System gilt auch heutzutage – hat dazu beigetragen, die finanzielle Unterstützung der Ostvereine versiegen zu lassen.

Trotz der relativ schwachen Situation der Ostvereine, schaffen die meisten von ihnen es immer noch, jedes zweite Wochenende eine großartige Zuschaueranzahl ins Stadion zu bringen. Das Beispiel lautet SG Dynamo Dresden. Mit den bereits genannten 27.000 Zuschauern im Durchschnitt ist der Verein der sächsischen Hauptstadt eine Illustration des Ausdrucks „Liebe kennt keine Liga“, den die Ostmannschaften so lieben. Im K-Block treffen sich im Durchschnitt 9000 Fans, die mit Wut und Leidenschaft ihr „Dynamo“ bei jedem Heimspiel unterstützen. Einer der bedeutendsten Gesänge erinnert an die europäische Vergangenheit in Elbflorenz:

Ich hatte nen Traum und dieser Traum war wundervoll
Europacup – ein Auswärtsspiel, in Amsterdam
Alle Dresdner im Block, sangen nur ein Lied für Dich
Elbflorenz -Ihr kämpft für uns, wir für Dich!

Das hört man auch in Magdeburg:

Von Hamburg bis nach Liverpool
von Glasgow bis Athen
der 1.FC Magdeburg
wird niemals untergehen!

In Aue, obwohl der Club 1993 in „FC Erzgebirge Aue“ umbenannt wurde, nennen immer noch die Ultras und sogar der Pressesprecher die Mannschaft bei ihrem DDR-Namen: BSG Wismut Aue. Auch erstaunlich, dass „Wismut Aue“-Schals im Fanshop verkauft werden. In Magdeburg kann man Schals mit der DDR-Fahne kaufen. Beim BFC Dynamo gibt es kaum Fans, die Merchandise mit dem neuen Logo – ein Berliner Bär auf weinrot-weißen Streifen, weniger politisch konnotiert – tragen. Die haben inoffizielle Produkte mit dem alten kommunistischen Logo lieber. Man stellt also fest, dass das Publikum den Erhalt der goldenen Zeiten mag. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil es an bessere Zeiten erinnert ohne zu leugnen, dass es dem Verein zurzeit schlecht geht. Es ist selbstverständlich, dass man seinem Verein den sportlichen Erfolg wünscht, weil es das Grundprinzip des sportlichen Wettbewerbs ist. Es abzulehnen, dass der Club seine Werte bzw. starke Identitätselementen wegwirft, ist keine Sache des Ostens. Der Begriff „Tradition“ trifft die ganze Bundesrepublik. Kein Fan würde eine externe finanzielle Unterstützung ablehnen, wenn sie dem Verein hilft, seine Situation zu verbessern, solange der Geldgeber ihre Identität und Tradition respektiert. Darum haben die Fans der BSG Chemie Leipzig (damals FC Sachsen Leipzig) die Unterstützung von Red Bull abgelehnt, denn der Brausehersteller wollte die Farben und das Logo des Clubs verändern. Und deshalb hat sich der Konzern in Richtung SSV Markranstädt – weniger anspruchsvoll, aber auch weniger Traditionsträger – orientiert.

Kann man ein Vierteljahrhundert nach der Wende von zwei Fußballwelten sprechen, wie man immer noch von zwei Ländern sprechen kann? Der Ausdruck des „zweitklassigen Bürgers“ wird ab und zu von Wende-Enttäuschten benutzt. Aber statt über zwei distinkte Welten zu reden, kann man lieber über wirtschaftlich benachteiligte Regionen sprechen, die kaum Privatinvestitionen bekommen, mit einem schwächeren Fußballniveau als im Westen als direkter Konsequenz. Jedoch scheint seit dem Boom der Ultrabewegung überall in Europa nach dem Kalten Krieg die deutsche Szene in der Sache und den Ausdrucksmitteln relativ vereint. Kampagnen wie „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung“ oder „Nein zu RB“ sind relevante Beispiele einer nationalen Union, wenn die Verteidigung von gemeinsamen Werten über Partikularismen nötig wird. Wenn man die Webseiten dieser Aktionen anschaut, merkt man, dass Ost- sowie Westgruppen gemeinsam daran teilnehmen.

Nichtsdestotrotz, behaupte ich, dass es nicht nur das Ziel der Ultragruppierungen ist, die Stimmung ins Stadion zu bringen. Es gibt auch einen Wettbewerb des Images zwischen den Gruppen, wobei der Gewinner der stärkste, der männlichste, der dominanteste ist. In dieser Sache scheinen die Gruppierungen des Ostens gegenüber ihren regionalen bzw. nationalen Gegnern argwöhnischer. Sie behaupten meistens, keine offizielle Fanfreundschaft zu haben, sondern viele Fanfeindschaften und zögern nicht, im Stadion zu provozieren. Dies gibt auch in besonderen Medien – zum Beispiel Fanzines – oder online, durch die Entwicklung der sozialen Netzwerke, wo die Provokation permanent und nicht mehr punktuell stattfindet. „Wilder Osten“ oder „Härter als der Rest“ sind häufig wiederkehrende Ausdrücke, um die Szenen der neuen Bundesländer zu bezeichnen. In diesem Image-Spiel fordern sie ihre Zugehörigkeit zur großen Region ‚Osten’, im Gegensatz zu ihren Westkollegen, die sich nicht als Wessis bezeichnen, sondern eine lokale bzw. regionale Zugehörigkeit fordern. Dieses „Wessis/Ossis“-Vokabular bleibt meistens das Privileg der ostdeutschen Ultragruppierungen.

Seit dem Abstieg von Energie Cottbus in die 2. Bundesliga 2009 gibt es in der Eliteklasse keinen Ostverein mehr. Dieser Ost-West-Unterschied ist gewissermaßen das Ebenbild der sozial-wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die neuen Bundesländer kennen. Jedoch sollte am Ende der Saison 2015/2016 ein sächsischer Verein das erste Mal in seiner Geschichte in die Bundesliga aufsteigen: RB Leipzig. Aber kaum ein Fußballfan im Osten bezeichnet diese Mannschaft als einen Ostverein, da dieses Wort nicht für die geografische Herkunft gilt, sondern als Reminiszenz an die DDR-Zeiten und die Tradition, die den Verein trägt. Darum ist RB Leipzig der erste Verein aus dem Osten, der aufgestiegen ist, ohne ein Ostverein zu sein. Die Gründe dafür sind die Abwesenheit von Tradition, der kommerzielle Charakter und der Umstand, dass der Investor nicht aus der Region stammt. Aber in der Messestadt selbst klingt die Situation anders, da viele Fans mit diesem Verein sehr zufrieden sind. RB Leipzig ist die populärste Mannschaft der Stadt geworden. Da ist es auch egal, dass es fast unmöglich ist, Mitglied zu werden. Die Fans sind einfach glücklich, dass ein sportlich erfolgreicher Club die Stadt Leipzig repräsentiert und dies in einer modernen Arena. Die regionale Rivalität verhinderte, dass dieses Publikum eine andere Mannschaft, wie z.B. die SG Dynamo Dresden, unterstützt. Auch das Thema Gewalt bei Chemie oder Lok Leipzig war für viele ein guter Grund, um sein Kind nicht mit ins Stadion zu nehmen. Die Gegner des Projekts RB Leipzig sind meistens Ultragruppierungen und Fans von Traditionsvereinen, aber das stellt eine interessante Frage: wem gehört der Fußball? Dies ist aber eine andere Diskussion.
Meine Meinung ist, dass es gegenüber vielen neutralen Leipziger Fans respektlos ist, dieses Projekt radikal abzulehnen. Die wollen einfach einen erfolgreichen Verein unterstützen, was in einer benachteiligten Region selten ist. Viele bleiben realistisch und träumen noch nicht von der Champions League. Sollte ein Spieler des Kaders in der Nationalelf berufen werden, wäre es der Beweis, dass RB Leipzig gut in der deutschen Fußballlandschaft angekommen ist.

Im Unterschied zu einem Land wie Frankreich, wo der Traditionsbegriff so innerhalb der Kulturidentität der Fans nicht verankert ist, haben die deutschen Fans den Brauch, “ihre” Mannschaft im Laufe ihres Lebens nicht zu ändern. Obendrein richtet sich ihre Auswahl meistens auf einen örtlichen Klub, aber die jungen Generationen sind öfter geneigt, eine stärkere Mannschaft sportlich zu unterstützen, weil ihr Interesse für die Fußballsache mehr auf das Ergebnis gerichtet ist als auf Werte und Traditionen. Aber das Beispiel des Aufstiegs des 1. FC Magdeburg in die 3. Liga hat es ermöglicht, eine neue Gruppe junger Anhänger zu rekrutieren, die ihr Trikot des FC Bayern oder von Borussia Dortmund gegen das ihres lokalen Vereins tauschen, was in der traditionellen Konzeption des deutschen Fanseins viel logischer erscheint. Trotzdem ist die Betrachtungsweise, die sie bezüglich ihrer Mannschaft haben, von derjenigen ihrer Eltern oder ihrer Großeltern grundverschieden, die die Glanzzeiten der Mannschaft miterlebt haben. Für sie schreibt sich eine neue Geschichte, diejenige innerhalb des wiedervereinigten Fußballes, im wiedervereinigten Deutschland, ihrem Deutschland. Deshalb scheint es widersinnig, dass die jüngeren Ultras (unter dreißig) einige Vokabeln und visuelle Elemente benutzen, die an die DDR erinnern, obwohl sie mit einer Epoche, mit der sie in der Mehrheit in Anbetracht ihres diktatorischen Charakters, bei der Entwicklung ihrer Identität als Individuum nichts zu tun haben wollen. Aber nolens volens, hat die Wiedervereinigung nur vor einem Vierteljahrhundert stattgefunden, und es ist unmöglich, in einem genauso kurzen Zeitraum die Mentalitäten und die Art und Weise zu ändern, seine Kinder zu erziehen, was erklärt, warum die Jugendlichen immer noch das Wort „Osten“ benutzen, um über ihre Ursprünge zusätzlich zu ihrer geografische Region zu sprechen.

Die Fans von Clubs der ehemalige DDR sind ihren Westkollegen nicht so unterschiedlich, und die Benutzung von Elementen, die an der DDR erinnern, soll nicht als Ostalgie verstanden werden, sondern wie eine Gegen- bzw. Subkultur und als Provokation im Kontext der schlechten sozioökonomischen Situation, die die neuen Bundesländer seit 1990 kennen. Aber die Situation entwickelt sich und das Beispiel RB Leipzigs, obwohl es dort keine Ultragruppen gibt, ist symbolisch für die Veränderung einer vorwärtsschreitenden Assimilation der Ultrakultur, die einen Einfluss der DDR in den Wind schlägt und sich lieber auf die regionalen Anforderungen konzentriert. Es liegt daher nahe, dass die sogenannten „Ostderbys“, denen Medien wie der MDR eine entsprechende Bühne bieten, nur Marketingargumente sind. Im Stadion bringen diese Begegnungen nicht unbedingt mehr Zuschauer als wenn das Team auf eine westliche Mannschaft trifft. Ihr Hauptvorteil ist, dass sie Vereine, die aus derselben geographischen Zone des Landes kommen, innerhalb eines nationalen Wettbewerbes verbinden. Fünfundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung scheint es, als hätte sich der Ostfußball gemausert. Der Misserfolg der „Zwei plus sechs“-Regel scheint der Vergangenheit anzugehören und Mannschaften in den neuen Bundesländern haben gelernt, sich ins kapitalistische Modell des Fußballes zu integrieren. Das geht mit einer gesunden finanziellen Basis, manchmal mit wichtigen finanziellen Investitionen, die auf ein treues und hoffnungsvolles Publikum treffen. Wenn der Fußball als eine Sache von Werten betrachtet werden soll, zeichnen diese sich zweifellos im Osten der Bundesrepublik am besten ab.

Sicher gibt es bessere Zeiten, aber diese war die unsere

Fußball, Tradition, Geschichte, Erinnerung: allein diese vier Begriffe zueinander in Relation zu setzen, fiel in Deutschland lange Zeit schwer, bzw. wurde als unmöglich betrachtet. Wie wichtig jedoch der Fußball als (H)Ort der Erinnerung und damit nicht zuletzt auch der Geschichte ist, wurde hier deutlich gemacht. Dass diese Geschichte und Erinnerung durchaus verschiedene Formen annehmen kann, ist klar und deutet auf eine sehr differenzierte Wahrnehmung dieser Begriffe bei den Vereinen im Osten der Republik und deren Fans hin. Dabei wird bei ehemaligen Oberliga­-Vereinen inzwischen sehr wohl auch die Zeit vor 1989 einbezogen und in einem weiteren Schritt sogar die Periode von 1945 bis 1965. Dieses Bewusstsein war lange Zeit abwesend, wenn nicht gar unterdrückt, und war nicht einmal zu Hochzeiten der Ostalgie­-Welle Mitte der 1990er Jahre spür­- bzw. sichtbar. Dass die Zeit von 1945­ bis 1991 aufgearbeitet und als Teil der eigenen Geschichte betrachtet wird, war nötig und passierte viel rascher, als das im Westen der Fall war. Bei vielen Vereinen wurde erst um die Jahrtausendwende die Zeit zwischen 1933 und 1945 aufgearbeitet, in der ehemaligen DDR bereits nach weniger als einem Vierteljahrhundert. War die erste Welle der Ostalgie in den 1990ern geprägt von Verlust, handelt es sich bei dieser zweiten Welle um die Erkenntnis, dass eben jene Zeitabschnitte in der Historie eines Vereins, die vor 1990 liegen, genauso zur Geschichte gehören, wie die vermeintlich besseren seit der Wiedervereinigung. Insofern ist ‚Tradition’ hier als große Klammer zu verstehen, die – zumindest für den Fall der „Klasse von 1990/1991“ – in Form einer Traditionsmannschaft, von Büchern, eines Vereinsmuseums, Fangesängen oder in sonst irgendeinem Format ihren Ausdruck findet. Und als solcher vermutlich auch noch für viele weitere Jahre und folgende Fangenerationen zum identitätsstiftenden Moment wird.

Fußoten

[1] Götte, P. (2013): Von der Tradition zur Erforschung von Tradierungspraxen – Überlegungen zu Tradition und Tradierung aus familienhistorischer Perspektive. In: Baader, M./Götte, P./Groppe, C. (Hg.): Familientraditionen und Familienkulturen. Theoretische Konzeptionen, historische und aktuelle Analysen. Wiesbaden: Springer VS, S. 14.

[2] Götte, P. (2013), a.a.O., S. 20 nach Oevermann, U. (2005)

[3] Götte, P. (2013), a.a.O., S. 20 ff.

[4] Nora, P., Les Lieux de Mémoire (Paris: Gallimard, 1997)

[5] Carrier, P., Pierre Noras Les Lieux de Mémoire als Diagnose und Symptom des zeitgenössischen Erinnerungskultes, In: Echterhoff, G., Saar, M. (eds.) Kontexte und Kulturen des Erinnerns. Maurice Halbwachs und das Paradigma des kollektiven Gedächtnisses (Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2002), 141-162, S. 141.

[6] Francois, E., Schulze, H. (eds.) Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bände (München: CH. Beck, 2001); Sabrow, M., Erinnerungsorte der DDR (München: CH. Beck, 2009)

[7] Spitzer, G., Siegen um jeden Preis. Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik 1972-1990 (Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2013).; Leske, H., Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder. Der Einfluss der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Fußballsport in der DDR (Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2014)

[8] Urban, T., Schwarze Adler, Weiße Adler, Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik (Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2011), S. 137.

[9] Kummer, M., Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR. Ein Vergleich ihrer Bedingungen. (Potsdam: unveröffentlichte Dissertation, 2010)

[10] McDougall, A., The People’s Game: Football, State, and Society in Communist East Germany (Cambridge: Cambridge University Press, 2014)

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0526-010 / Kasper, Jan Peter via Wiki Commons CC-BY-SA 3.0

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2 Kommentare

  1. Es folgt Haarspalterei, die der sehr lesenswerte und erhellende Text eigentlich nicht verdient hat. Dennoch juckt es mir beim Vergleich zwischen Zwickau und dem MSV Duisburg in den Fingern. Also:

    Der MSV Duisburg spielte 1978/1979 im UEFA-Pokal, scheiterte erst im Halbfinale am späteren Sieger Borussia Mönchengladbach. Ansonsten ist der Club der erste Vizemeister der Bundesliga und war zudem vier Mal Vizepokalsieger. Dazu weitere Teilnahmen am Europapokal, insgesamt 3x. (Auf dem Weg ins Halbfinale schlug man übrigens u. a. Jena.) Außerdem 3x Gewinner des Intertoto-Cups, natürlich auch eine europäische Bühne, wie auch die eine Halbfinal- und die eine Finalteilnahme im UI-Cup. Ob man da von “weitaus” mehr auf Seiten der Zwickauer sprechen kann, würde ich doch ein wenig in Frage stellen. Auch wenn zwei Titel definitiv mehr sind als keiner. Aber eben nicht “weitaus” mehr, wenn auf der anderen Seite fünf Vizetitel und zahlreiche internationale Auftritte mit vielen Erfolgen stehen.

    Aber natürlich ging es darum nicht, sondern um eine grundsätzliche Illustrierung des Gedankens. Allerdings hat man damit auch illustriert, dass man in der Historie des MSV Duisburg nicht ganz so zu Hause ist. Genauso wenig wie man das hier in Bezug auf Zwickau ist, das ja eventuell auch noch mehr als das oben Aufgeführte vorzuweisen hat. Doch wie gesagt, das tut der Qualität dieses Textes keinen Abbruch und ich danke für viele aufschlussreiche Ansichten.

    /haarspaltereioff

    • Christoph Wagner

      Hallo Trainer Baade,

      Zuallererst einmal vielen Dank für diesen erleuchtenden Kommentar und den Erkenntnisgewinn meinerseits. Es stimmt, weder ist die Geschichte des MSV Duisburg bekannt noch die des FSV Zwickau (ehemals BSG Sachsenring Zwickau). Genau hier ist die Haarspalterei dann auch angebracht, weil sie Wissenszuwachs bedeutet, bzw. einen Anreiz gesetzt hat, doch mal genauer nachzuschauen. Und wer weiß, vielleicht können wir ja mal ein Equivalent für die Vereine aus der Bundesliga verfassen.

      Dankend und einen schönen Advent wünschend,
      Christoph Wagner

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