Schlafende Zwerge

Warum der Fußball im Baltikum nicht auf die Beine kommt

In der Champions League oder der Euro League sucht man nach Mannschaften aus dem Baltikum vergebens. Im Teilnehmerfeld der großen Nationenturniere sind sie ebenfalls eigentlich nie zu finden. Doch auch in Litauen, Lettland und Estland selbst spielt “König Fußball” fast keine Rolle. Neben einer schlechten Infrastruktur gibt es dafür auch gesellschaftliche Ursachen.

Autor: Oliver Leiste (120minuten.net)

Jedes Jahr im Juli, wenn die großen Fußballnationen noch tief in der Sommerpause, oder wahlweise in der Endphase einer Weltmeisterschaft stecken, beginnen fernab der öffentlichen Wahrnehmung die Qualifikationsrunden für Champions League und Euro League. In Deutschland bekommt man von diesen Spielen nur etwas mit, wenn entweder die Glagow Rangers am luxemburgischen Meister Düdelingen scheitern oder RB Salzburg mal wieder frühzeitig die Segel streicht. Von Levadia Tallinn oder Zalgiris Vilnius hört man jedoch selbst dann nicht. Auch von keiner anderen Mannschaft aus Estland, Lettland oder Litauen. Und wenn Ende August die Gruppen ausgelost werden, ist die Europapokal-Saison in diesen Ländern schon längst wieder beendet.

Das gleiche Bild zeigt sich bei Welt- oder Europameisterschaften. Teilnehmer aus dem Baltikum: Fehlanzeige. Ein einziges Mal gelang Lettland die Qualifikation für eine EM. 2004 war das. Damals trotzten die Letten in Portugal dem Vizeweltmeister Deutschland sogar ein 0:0 ab. Was hierzulande das Ende von Rudi Völlers Amtszeit einläutete, wurde in Lettland frenetisch gefeiert. Von solchen Sternstunden sind die Mannschaften des Baltikums heute weit entfernt. Was mit Sicherheit auch dazu beiträgt, dass sich in den baltischen Staaten kaum jemand für Fußball interessiert, wie drei Besuche vor Ort zeigen

Nomme Kalju  – Levadia Tallinn, August 2015

An einem sonnigen Mittwochabend empfängt der Tabellenvierte der estnischen Meistriliiga, Nomme Kalju, am Stadtrand von Tallinn den Vorjahresmeister Levadia Tallinn. Ein Spitzenspiel, sollte man meinen. Das Interesse ist überschaubar. Gut 1.000 Zuschauer haben sich auf einem schicken Sportplatz eingefunden, der in Deutschland vielleicht einem Oberligisten als Heimat dienen könnte. Der “Gästeblock” – ein fünf Meter breiter Bereich auf der einzigen Tribüne – bleibt an diesem Tag leer. Die Gästefans verfolgen das Spiel lieber hinter dem Zaun in einem Waldstück stehend. Gerade mal eine handvoll Levadia-Anhänger hat die Reise, die aus dem Stadtzentrum vielleicht 20 Minuten dauert, auf sich genommen. Am Ende quälen sich beide Mannschaften zu einem müden 0:0

Auf den zweiten Blick war das Match aus Zuschauersicht aber sogar tatsächlich ein Spitzenspiel. Denn im Schnitt schauen die Spiele der Meistriliiga etwa 250 Menschen. Der Fußballblog “The Ball is round” erstellte vor einiger Zeit eine Liste der am schlechtesten besuchten Spitzenligen Europas. Estland gewann in dieser unrühmlichen Kategorie. Auch Lettland und Litauen belegten vordere Platzierungen.

Im August 2015 empfängt Nomme Kalju den FC Levadia Tallinn.

Litauen – Schottland, September 2017

Weiter geht es in Litauen. In der WM-Qualifikation empfängt die Nationalmannschaft Schottland. Dass hier ein Länderspiel stattfindet, merkt man eigentlich nur an den Gästen. Die Straßen und Kneipen der Hauptstadt Vilnius sind schon zwei Tage vor dem Spiel voll mit Schotten. Ankündigungen oder Werbung für das Spiel sucht man dagegen vergebens. Fragt man die Litauer nach ihrer Nationalmannschaft, erntet man nur Schulterzucken. “Das interessiert hier eigentlich keinen”, sagt einer. Deutlich mehr Begeisterung weckt die gleichzeitig stattfindende Basketball-EM. Im Basketball gehört Litauen zur europäischen Spitze, bei den Spielen sind die Kneipen voll. Die Nationalspieler sind auf Werbetafeln und selbst in den Kneipengesprächen omnipräsent.

Fanmarsch von litauischen Fans vor dem Spiel gegen Schottland.

Am Spieltag besteht die “Tartan Army”, so heißen die Schottland-Fans aufgrund ihrer Kilts, aus etwa 2.500 Männern und Frauen. Gemeinsam marschieren sie vom Rathaus zum nahen Stadion. Auch auf litauischer Seite gibt es einen Fanmarsch. An ihm beteiligen sich weniger als 100 Menschen. Mit etwas Rauch und viel Getöse machen sie auf sich aufmerksam. Es bleibt ein kurzer Moment, in dem der neutrale Beobachter sieht, dass Litauen am heutigen Spiel beteiligt ist.

Weil nur 5.000 Zuschauer ins LFF-Stadion passen, stehen sich beim Spiel zwei einigermaßen gleich große Fanlager gegenüber. Das kleine Häufchen Litauer, das auch den Fanmarsch veranstaltet hat, versucht, die eigene Mannschaft zu unterstützen. Nennenswerte Beteiligung der anderen litauischen Anhänger gibt es nicht – kein Vergleich zur schottischen Wand hinter dem einen Tor. Auch die Infrastruktur wirkt sich negativ auf die Stimmung aus. Tribünen gibt es nur auf drei Seiten. Hinter dem zweiten Tor ist eine weitere Spielfläche. Dort sind die Merchandise-Stände aufgebaut. Auf dem Rest der Fläche spielen Kinder, und sogar einige Erwachsene, selbst. Zur Entwicklung einer packenden Länderspielatmosphäre trägt das sicher nicht bei. Insgesamt wirkt die gesamte Veranstaltung wie ein sehr gut besuchtes Oberligaspiel und nicht wie ein Qualifikationsspiel für eine Weltmeisterschaft. Schottland hat schließlich wenig Mühe und setzt sich mit 3:0 durch.

Fanblock der litauischen Fans beim Länderspiel gegen Schottland.

Lettland – Schweiz, September 2017

Das gleiche Bild zeigt sich wenige Tage später in Riga. Hier erwartet Lettland die Schweiz. In der Altstadt findet man ebenfalls Werbung für die Basketball-EM und zahlreiche Schweizer. Fußballinteressierte Letten trifft man erst unmittelbar vor dem Skonto Stadion. Trotzdem bleiben im Stadion an diesem Tag viele Plätze leer. Gut 7.600 Zuschauer sehen die Partie, für die Stimmung sind fast ausschließlich die 1.500 bis 2.000 Schweizer zuständig. Was sicher auch daran liegt, dass die lettische Mannschaft wie eine Amateurtruppe wirkt und gegen die Schweizer Bundesliga-Auswahl von Beginn an chancenlos ist. Am Ende hält sich die lettische Niederlage mit 0:3 noch in Grenzen.

Dass es auch anders geht, zeigte sich exakt ein Jahr vor diesem Fußballspiel. Im September 2016 wurde die Olympiaqualifikation im Eishockey ausgetragen. Wenige hundert Meter vom Skonto Stadion entfernt standen sich in der Arena Riga Lettland und Deutschland im entscheidenden Spiel gegenüber. Die Euphorie der Letten war riesig, die Atmosphäre in der Halle gigantisch. Auch wenn Deutschland am Ende mit 3:2 gewann, verging den etwa 500 DEB-Fans phasenweise Hören und Sehen ob des Krachs, den 10.000 Letten veranstalteten.

Die Letten sind, genau wie Litauer und Esten, sehr stolz auf ihre kleinen Länder und entsprechend begeisterungsfähig, wenn ihre Landsleute sportliche Höchstleistungen vollbringen. Doch im Fußball sucht man diese Begeisterung vergebens. Aber woran liegt es, dass Fußball im Baltikum überhaupt keine Rolle spielt? Bei der Beantwortung dieser Frage kommen verschiedene historische, gesellschaftliche und strukturelle Aspekte zum Tragen.

Basketball als zweite Religion

Estland, Lettland und Litauen waren bis 1991 Teil der Sowjetunion. Spitzenfußball wurde aber woanders gespielt. In Moskau natürlich, in Leningrad – dem heutigen Sankt Petersburg – oder in Kiew. Aus den baltischen Staaten war lediglich Zalgiris Vilnius einigermaßen regelmäßig in der Wysschaja Liga, der obersten Spielklasse, vertreten. Zwischen 1953 und 1989 kamen die Litauer auf elf Spielzeiten in der ersten Liga. Mannschaften aus Riga und Tallinn spielten dagegen zuletzt Anfang der sechziger Jahre in der Wysschaja Liga. Die fehlende Fußballtradition wirkt bis heute nach.

Basketball sorgt in Litauen für große Begeisterung. Fußball eher nicht.

Hinzu kommt, dass es in anderen Sportarten wesentlich öfter Erfolge zu feiern gibt. Schon zu Sowjetzeiten stellten Litauer den Großteil der Basketballnationalmannschaft. Die Vergleiche zwischen Zalgiris Kaunas und ZSKA Moskau waren mehr als nur Spiele. Sie gehörten zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen das kleine baltische Land den großen Regenten in der Hauptstadt eins auswischen konnte und waren entsprechend prestigeträchtig. Seit der Unabhängigkeit gehört Litauen regelmäßig zu den Top-Teams im europäischen Basketball.

Das “Dream-Team” der USA ist wohl jedem Basketballfan ein Begriff. In Anlehnung an diese Super-Mannschaft erschien 2012 der Dokumentarfilm “The other Dream Team”. Er erzählt die Geschichte der litauischen Nationalmannschaft, die 1992 bei den Olympischen Spielen Bronze gewann. Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Basketballmannschaft damit zum Symbol für Freiheit und die großen Hoffnungen des kleinen Landes.

Auch auf Vereinsebene sind die litauischen Mannschaften sehr erfolgreich. Kaunas kann in einer modernen Arena regelmäßig fünfstellige Zuschauerzahlen verzeichnen. Man spricht sogar von Basketball als zweiter Staatsreligion. Entsprechend träumen viele Kinder von einer Basketballkarriere. Das Nachwuchssystem ist deutlich besser aufgebaut als beim Fußball. Bis heute genießt der Sport einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft, weil er für Litauen die Chance bietet, der Welt zu zeigen, dass man in etwas gut ist. Und so als Projektionsfläche für den großen Nationalstolz dient.

Fußball, der Minderheitensport

Auch in Lettland ist Basketball sehr populär und gilt im Gegensatz zum Fußball als rein lettische Sportart. Im Eishockey hat Dinamo Riga in Lettland eine ähnliche Stellung wie Zalgiris Kaunas in Litauen. Schon zu Sowjetzeiten war Dinamo Riga sehr erfolgreich. Seit einigen Jahren spielt der Klub in der KHL, dem europäischen Pendant zur amerikanischen NHL. Spiele von Dinamo sind ein nationales Ereignis, vor allem, weil der Klub auch den Großteil der Nationalmannschaft stellt. Dem Vernehmen nach haben sich vor 1991 Basketballer und Eishockeyspieler in sehr unruhigen und gefährlichen Zeiten zur Unabhängigkeit Lettlands bekannt. Die Fußballer taten das nicht, was man ihnen bis heute übel nimmt.

Am Beispiel Lettlands zeigt sich ein weiteres Problem der russisch dominierten Fußballvergangenheit. Nach der Unabhängigkeit sollte Lettisch zur Amtssprache in der Nationalmannschaft werden. Das Problem: viele Spieler sprachen damals gar kein Lettisch. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch die meisten Trainer beherrschten die Sprache nicht. Seit 1991 war Russisch nur einmal nicht Amtssprache in der Nationalmannschaft – als zwischen 1999 und 2001 mit Gary Johnson ein Engländer Nationaltrainer war. Im Futbolgrad-Blog erklärt Ruben Martinez, woran das liegt. In Lettland gibt es eine sehr große russische Minderheit. Etwa 30 Prozent der Einwohner des kleinen Landes sind russischstämmig. Während viele Letten Eishockey oder Basketball bevorzugen, ist Fußball der Lieblingssport der russischen Bevölkerungsgruppe. Entsprechend ist Russisch auch bei einem großen Teil der Spieler in der Nationalmannschaft und auch in der Virsliga, der höchsten Spielklasse Lettlands, verbreitet.

Für die Akzeptanz des Sports in Lettland ist das ein Problem. Die Repressionen der Sowjetzeit sind tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Die nationale Identität Lettlands beruht im Wesentlichen auf diesen Erinnerungen und der Abgrenzung zu Russland. Der russisch dominierte Fußball taugt deshalb nicht als Identifikationsstifter und wird auch deswegen abgelehnt.

Im Fokus der Wettmafia

Ein weiterer Grund für die geringe Beliebtheit des Fußballs ist permanenter Wettbetrug. In Lettland wurden in den vergangenen Jahren drei Mannschaften aus der Virsliga ausgeschlossen. Sie hatten sich allzu offensichtlich an Spielmanipulationen beteiligt. Mehrere Verwarnungen und Gespräche brachten keine Verbesserung. In der Saison 2017 spielen deshalb nur noch sieben Mannschaften in der höchsten Liga Lettlands. Auch in den darunter folgenden Spielklassen mussten einige Vereine eliminiert werden. Der Deutsche Oliver Schlegl arbeitet als Spielerberater in Lettland. Knapp ein Jahr lang war er Geschäftsführer der Virsliga. Gemeinsam mit dem Autoren des Textes hat er die Länderspiele in Vilnius und Riga besucht. Davor und danach diskutierten beide sehr viel über den Fußball im Baltikum. Schlegl berichtet davon, dass er während seiner Zeit als Geschäftsführer fast wöchentlich Anrufe von Sportsradar, einem Schweizer Unternehmen, das den internationalen Wettmarkt überwacht, bekam. Immer wieder gab es Anzeichen, dass Spiele in Lettland verschoben werden sollten. Dabei ist es in Lettland seit wenigen Jahren sogar strafbar, sich an Spielmanipulationen zu beteiligen.

In den anderen baltischen Ländern sieht es nur unwesentlich besser aus. Estland hatte 2013 seinen letzten großen Wettskandal. Damals wurden elf Männer, darunter acht Fußballprofis, verhaftet, weil sie Spiele verschoben haben sollen. Darunter waren auch Qualifikationsspiele zur Euro League. 2014 veröffentlichte Transparency International eine Studie zu “Match fixing in Lithuania”. Befragt wurden Fußballer und Basketballer. 28 Prozent der Fußballer und 44 Prozent der Basketballspieler wussten, dass sich Mitspieler an solchen Aktivitäten beteiligt hatten. Viele waren schon selbst angesprochen worden. Auch in Litauen wurde 2017 ein Verein eliminiert.

Wettbetrug ist für die Spieler vor allem deshalb attraktiv, weil ihre Profigehälter meist sehr gering sind. Mit europäischen Spitzengehältern lassen sich die Summen nicht vergleichen, wohl eher mit der Regionalliga in Deutschland. Auch ist die Zahlungsmoral der Klubs bisweilen sehr schlecht, so dass die Spieler immer wieder sehr lange auf ihre Gehälter warten müssen. Mit ein paar verschobenen Spielen lässt sich oft ein vielfaches des eigentlichen Lohns verdienen.  

Fehlende Infrastruktur und fehlender Wille

Ins Skonto Stadion in Riga kann man vom angrenzenden Parkplatz hineinschauen.

In den Jahren nach der Unabhängigkeit gab es sicher wichtigere Probleme als den Aufbau professioneller Fußballstrukturen. Doch auch mehr als 25 Jahre nach der Loslösung von der Sowjetunion ist in den baltischen Staaten in Sachen Fußball noch nicht viel passiert. Oliver Schlegl ärgert sich darüber maßlos und führt zwei Beispiele an, die zeigen, dass es auch anders ginge. Island und Luxemburg haben es dem Fußball-Fachmann derzeit besonders angetan. Die Isländer haben vor etwa zehn Jahren in Fußballhallen investiert und damit ganzjährige Trainingsmöglichkeiten geschaffen. Auch die Trainerausbildung wurde verändert. Viele Isländer hospitierten in anderen europäischen Ländern. Die Folge: Die Dichte gut ausgebildeter Nachwuchstrainer ist so hoch wie nirgendwo sonst in Europa. Das Ergebnis konnte man in den vergangenen Qualifikationsrunden beobachten. Die WM 2014 verpasste Island noch knapp. Für die EM 2016 qualifizierten sich die Nordeuropäer dann sicher und schafften es sogar ins Viertelfinale. Dabei hat Island gerade mal 300.000 Einwohner. “Das ist ein Stadtteil von Riga”, bemerkt Schlegl.

Fußballzwerg Luxemburg machte zuletzt durch Achtungserfolge gegen Weißrussland und Frankreich auf sich aufmerksam. Hinter diesen Ergebnissen stecken nicht nur zwei gute Spiele, sondern eine langfristige Entwicklung. 2011 wurde der Deutsche Reinhold Breu zum technischen Direktor ernannt. Gemeinsam mit einem internationalen Team sollte er die Nachwuchsförderung im Großherzogtum reformieren. Bei diesem Vorhaben orientierte sich Breu an den Entwicklungen beim DFB in den frühen 2000ern. Im Nachwuchsbereich hat Luxemburg in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Das nächste Ziel ist es, diese in den Männerfußball zu übertragen.Vor einiger Zeit betrachtete das Online-Magazin “lessentiel” das Thema. Auch Ansgar Heck, einer von Breus Mitstreitern kam dabei zu Wort: “Jonas Hector ist in Deutschland aus der Oberliga in die Bundesliga gekommen. Solch ein vergleichbarer Fall ist in Luxemburg nicht möglich. Hier muss die Förderung fast ausschließlich über den Verband laufen”.

Eine Aussage, die sich gewiss auch auf die Nachwuchsentwicklung in den baltischen Staaten übertragen ließe. Doch in der Hinsicht passiert wenig. Gelder, die dem lettischen Verband von Fifa und Uefa für Talentförderung und Infrastruktur bereitgestellt werden – gut 7,5 Millionen Euro pro Jahr – versickern überwiegend in privaten Taschen, ist sich Oliver Schlegl sicher.  “Auch von dem Geld, dass eine Bank als Sponsor nach der EM 2004 zur Verfügung gestellt hat, ist nichts Sichtbares geblieben.” Deswegen hätte es von der Bank oder anderen größeren Sponsoren auch kein Interesse gegeben, sich nach Ablauf des Vertrags erneut zu engagieren.

Die Verantwortlichen in Lettland hätten sich viel zu lange auf dem Erfolg von 2004, der zudem noch auf der Ausbildung aus Sowjettagen beruhte,  ausgeruht, so Schlegl. Notwendige Veränderungen lassen seit Jahren auf sich warten. Die Trainings- und Spielbedingungen für die Vereine sind miserabel. Das Skonto Stadion ist das einzige Stadion im Land, das für internationale Spiele zugelassen ist. Fußballhallen gibt es kaum. In den langen Wintermonaten müssen sich teilweise drei Vereine gleichzeitig eine überdachte Spielfläche teilen. Theoretisch muss jeder Erstligaverein eine Jugendakademie betreiben. Doch zu Infrastruktur und Ausbildungsqualität gibt es keine Vorgaben. “Die Trainerausbildung ist eine Katastrophe” behauptet Schlegel. “Es gibt natürlich auch A- und B-Lizenzinhaber. Aber was man hier in diesen Lehrgängen lernt, ist nicht mit Deutschland vergleichbar. Das merkt man besonders am taktischen Können der Spieler.“ Einzige Ausnahme in Lettland ist der FK Metta aus Riga. Der Klub sieht sich als reiner Ausbildungsverein. Die erste Mannschaft ist nur Beiwerk, um dem Verein ein Gesicht zu geben. Schlegl glaubt, Metta ist die erfolgreichste Jugendakademie des gesamten Baltikums. In den lettischen Nachwuchs-Nationalmannschaften stellt Metta oft die meisten Spieler. “Auch wenn sie die 1. Mannschaft ziemlich vernachlässigen, ist das der Weg, den die Vereine hier gehen sollten”, glaubt Spielerberater Schlegl. Schließlich würden Spieler aus dem eigenen Nachwuchs für eine höhere Identifikation mit den Fans sorgen. Zudem könnten gut ausgebildete Fußballer Transfererlöse und damit die so dringend benötigten Einnahmen generieren. Zu guter Letzt würde auch die Nationalmannschaft profitieren, wenn es Letten schaffen, sich später bei guten internationalen Vereinen durchzusetzen.  “Doch leider” ergänzt Schlegl “macht sich darüber in Lettland kaum jemand Gedanken.”

Funktionärskrieg in Litauen

Aus Litauen hört man ähnliches. Auf der einen Seite gibt es Funktionäre, die vor allem aufgrund finanzieller Eigeninteressen Reformen blockieren. Verbandspräsident Edvinas Eimontas wollte dies nach seiner Wahl im Januar 2016 ändern. Doch den Kampf gegen die Gremien, die ihn ins Amt gehoben hatten, verlor er. Und damit auch seinen Posten.

Auf der anderen Seite wird die Nachwuchsentwicklung sträflich vernachlässigt. Zwar gibt es in Litauen Nachwuchstrainer. Viele von ihnen sind aber mittlerweile in die Jahre gekommen und nur die wenigsten nach modernen Standards ausgebildet. Junge Trainer sehen keine Perspektive im Fußball. Im Gegensatz zu den anderen baltischen Staaten, deren Ligen relativ ausgeglichen sind, dominiert Zalgiris Vilnius die A Lyga, die erste Liga Litauens, fast nach Belieben. Der fehlende Wettbewerb trägt auch nicht unbedingt zu großem Zuschauerinteresse bei.

Zwerge werden klein bleiben

Eine kleine aktive Szene unterstützt Nomme Kalju.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass die Ausgangsbedingungen für den Fußball im Baltikum nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht besonders gut waren. Das lag zum einen an fehlenden Strukturen, aber auch an der Beliebtheit anderer Sportarten wie Basketball oder Eishockey. Fehlende Erfolge und mangelndes Zuschauerinteresse stehen seitdem in einer Wechselbeziehung. Weil baltische Mannschaften international keine Rolle spielen, kommen kaum Zuschauer zu den Spielen. Aufgrund fehlender Atmosphäre im Stadion sind die Vereine und Nationalmannschaften jedoch uninteressant für größere Sponsoren. Deshalb fehlt es an Möglichkeiten, Infrastruktur aufzubauen und Trainer auszubilden. Diese wären jedoch die Grundlage für eine mittelfristige Entwicklung starker Nachwuchsmannschaften und im nächsten Schritt von international konkurrenzfähigen Spielern. Momentan scheint es in den baltischen Fußballverbänden niemanden zu geben, der die Beharrlichkeit hätte, entsprechende Strukturen über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu entwickeln. Korruption und Spielmanipulationen tun ihr Übriges zum schlechten Ansehen des Sports in Estland, Lettland und Litauen.

Auch in den Medien spielt der Fußball kaum eine Rolle. Spiele werden nur sporadisch übertragen, in den Zeitungen finden sich nur selten große Berichte. Es fehlt also nicht nur an Publikum, es gibt auch keinen öffentlichen Druck, der manchmal nötig ist, um Veränderungen anzustoßen.

In Deutschland spricht man von “schlafenden Riesen”, wenn Vereine auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken, nun aber in den Niederungen des Amateurfußballs verschwunden sind. Oft heißt es dann, man müsste diese Riesen nur aufwecken, um sie zu alter Größe zu führen. Was aber nur in den seltensten Fällen wirklich gelingt. Die baltischen Fußballverbände sind in der Hinsicht eher schlafende Zwerge. Sie waren noch nie besonders groß und werden so wenig beachtet, als lägen sie tief schlafend im dunklen Wald. Oliver Schlegl ist überzeugt, dass neue Erfolge baltischer Mannschaften auch wieder eine Begeisterungswelle auslösen könnten. So wie in Lettland 2004. Momentan lässt sich jedoch nicht erkennen, dass sich am aktuellen Zustand mittelfristig etwas ändern wird. Es gibt ein paar private Initiativen, um dem Fußball im Baltikum auf die Beine zu helfen. Doch solange die alten Funktionäre weitreichende Veränderungen blockieren, werden die schlafenden Zwerge wohl liegen bleiben. Und solange wird Fußball im Baltikum auch niemanden interessieren.


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