Offensive im Verborgenen

In vielen Ländern ist die Zivilgesellschaft eine geachtete Partnerin des Rechtsstaates – in Russland gilt sie als Gegenbewegung. Seit Jahren werden dort Grundrechte von Organisationen eingeschränkt. Doch es gibt Gruppen, die nicht aufgeben wollen und Nischen der Entfaltung finden. Auch im Fußball machen sich Aktivist*innen gegen Diskriminierung stark. Kann die Weltmeisterschaft ihren Freiraum vergrößern? Teil 2 der Themenreihe „Fußball und Menschenrechte“.

Autor: Ronny Blaschke, ronnyblaschke.de

Alexander Agapov befestigt eine fünf Meter lange Regenbogenflagge am unteren Rand der Bühne, sodass sie auch in der letzten Reihe gut zu erkennen ist. Hinter den grünen Sesseln der Diskussionsteilnehmer*innen postiert er bunte Banner von Organisationen, die sich für Homosexuelle stark machen. Am Eingang legt er Zettel aus, auf denen Fußballer Händchen halten. Dann flimmert über die Leinwand „Wonderkid“, ein Kurzfilm über einen schwulen Jugendkicker. Alexander Agapov blickt aus müden Augen in den gut gefüllten Saal. „Wir haben es wirklich geschafft“, sagt er. Eine Veranstaltung über Lesben und Schwule mitten in Moskau. Geschafft. Auf den ersten Blick.

Doch außerhalb des Saales wird fast niemand etwas von dieser Vorführung mitbekommen. Seit 2013 verbietet ein Gesetz in Russland, gegenüber Minderjährigen positiv über Homosexualität zu sprechen. Die Veranstaltung findet an einem Sonntag im deutschen Goethe-Institut statt, wenn garantiert keine Sprachschüler*innen vor Ort sind. Die US-Botschaft in Moskau half beim Visa-Antrag für den englischen Regisseur von „Wonderkid“. Alexander Agapov hatte jedem Publikumsgast die Anfahrtsbeschreibung persönlich geschickt. Keine Plakate, keine offensive Onlinewerbung. Seit drei Jahren ist Agapov Vorsitzender der „Russian LGBT Sport Federation“, eines Verbandes für sexuelle Minderheiten. Er möchte für einen Sport ohne Diskriminierung eintreten – aber er darf dabei nicht allzu sehr auffallen.

Die Zivilgesellschaft: In vielen Ländern des Westens eine geachtete Partnerin des Rechtsstaates. In Russland gilt sie als Gegenbewegung zum Kreml – und als Projektionsfläche für dessen Sorgen vor dem Machtverlust. Seit der vorletzten Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten 2012 zählten Menschenrechtler mehr als dreißig Gesetze und Gesetzesänderungen, die Bürgerrechte einschränken. Etwa 150 Organisationen sind als „ausländische Agenten“ gelistet. Darunter bekannte Einrichtungen wie Lewada, Memorial oder das Sacharow-Zentrum. Ihre Themen: Menschenrechte und eine differenzierte Aufarbeitung der Sowjet-Diktatur.

“[…] für uns ist Sport mehr als Vergnügen. Sport bietet uns einen Schutzraum.”

Alexander Agapov

Auch Mitarbeitende von deutschen Stiftungen spüren den Druck, durch Razzien, Verhöre, Bürokratie. 2012 gab es in Russland 400.000 Nichtregierungsorganisation, nun sind es 220.000. Tausende Aktivist*innen gaben erschöpft auf, gingen ins Ausland oder halten sich mit öffentlicher Kritik zurück. Die Lage mag trostlos erscheinen, doch etliche Organisationen wollen nicht aufgeben. Zum Beispiel jene von Alexander Agapov. „Wir stellen uns auf neue Herausforderungen ein“, sagt er. „Wir müssen kreativ bleiben.“

Rauchbombe beim Festival für Toleranz

Alexander Agapov, 35, ist ein nachdenklicher, wortgewandter Mann, mit Interessen weit über den Sport hinaus. Er ist in schwierigen Verhältnissen in einem Moskauer Vorort aufgewachsen. Er war ein fleißiger Schüler und studierte Geschichte. Er merkte früh, dass er auf Männer steht, und so führte er bald das Leben eines Einzelgängers. Agapov wurde gemustert, bedroht, einmal sogar überfallen. Über soziale Medien fand er die „Russian LGBT Sport Federation“. Der Sportverband für Lesben, Schwule und Transsexuelle zählt rund 1.700 Mitglieder in mehr als fünfzig Gemeinden, drei Viertel stammen aus Moskau und Sankt  Petersburg. Seit seiner Gründung 2011 hat er siebzig Sportveranstaltungen organisiert. Im Vergleich zu Deutschland, Schweden oder den Niederlanden mag das wenig sein. „Doch für uns ist Sport mehr als Vergnügen“, sagt Agapov. „Sport bietet uns einen Schutzraum.“

Wie schwer es ist, diesen Schutzraum zu verteidigen, merkte er 2014 bei den „Open Games“. Rund 300 Sportler*innen aus Russland, Europa und Nordamerika nahmen an diesem Festival in Moskau teil. Ein Zeichen der Solidarität. Agapov und seine Mitstreiter*innen hatten über Monate nach Hallen und Sponsoren gesucht. Sie verschickten Briefe, sprachen bei Behörden vor, luden bekannte Gesichter ein.

Ein prominenter Gast kam aus den USA: Greg Louganis, Olympiasieger im Wasserspringen und Ikone der LGBT-Bewegung. Ein anderer war die niederländische Sportministerin Edith Schippers. Sie waren beeindruckt von dem Mut der russischen Aktivisten, doch sie verließen das Festival aus Termingründen vorzeitig. Kurz darauf ließ die Polizei die Sporthalle räumen, angeblich wegen Terrorgefahr. Andere Sportstätten und Hotels zogen ihre Unterstützung plötzlich zurück – und begründeten dies mit Überbuchungen, Stromausfällen, Klempnerproblemen. In einer Halle zündeten Vermummte eine Rauchbombe. Seitdem bucht Alexander Agapov für größere Veranstaltungen einen Sicherheitsdienst. Ein Wintersportfest nahe Sankt Petersburg wurde durch einen Fluss begrenzt, auf der anderen Seite durch dicht geparkte Autos.

Für einige Sportler*innen wirkt der Schock der „Open Games“ bis heute nach, zum Beispiel bei Sorina. Wenn es in dem kleinen Gemeindezentrum am Stadtrand von Moskau an der Tür klingelt, schreckt sie für einen Moment hoch. Sie geht zur Freisprechanlage, blickt auf den Bildschirm und ist erleichtert. Es sind keine wütenden Nachbarn, keine Beamten, keine Neonazis, es ist ein bekanntes Gesicht. Sie öffnet ihrem Kollegen die schwere Eisentür, als wäre sie die Sicherheitskraft einer Bank. Dann setzt sie sich für das Interview wieder an den Tisch. Es geht um Homosexualität, um starke Frauen im Fußball. Um Themen also, für die in Russland eine gewisse Vorsicht nicht falsch ist.

Alexander Agapov (rechts im Bild, Quelle: Russian LGBT Sport Federation)

Homophobie und Sexismus gehen in Russland oft einher

Sorina, 33, ist in Tomsk aufgewachsen, im westlichen Teil Sibiriens. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, auch nicht für ein Medium im fernen Deutschland. Sie spricht leise, wägt jedes Wort ab, ihre mittellangen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Als sie 14 war, blätterte ihre Mutter in ihrem Tagebuch. Und fand heraus, dass sie lesbisch ist, seitdem ist das Verhältnis angespannt. Sorina studierte Architektur und baute mit Kommilitoninnen ein Fußballteam auf. Sie nannten es „1604“, nach dem Gründungsdatum ihrer Stadt.

Der Fußball war neu für die Frauen, sie genossen die Bewegung, das Gerangel vor dem Tor. Es stärkte ihr Gefühl auszubrechen, zumindest für ein paar Stunden. Sie halfen sich bei der Jobsuche und beim Studium. Sorina zog nach Moskau und ging zur „LGBT Russian Sport Federation“. Wieder formierte sie ein Team, suchte nach Plätzen und Geldgeber*innen. Sie wollte andere motivieren. Das Selbstvertrauen im Sport übertrugen sie auf ihren Alltag in Arbeit und Familie.

Sorina und ihr Team gehören zu der Generation, die sich an ein Leben ohne Putin kaum erinnern können. Aber sie weiß aus Büchern und Erzählungen, dass es um die Lage der Frauen davor nicht schlecht bestellt war: Im März 1917 hatten demonstrierende Frauen den Sturz des Zaren befördert. Russland führte 1917 als erstes Land das Wahlrecht für Frauen ein und das Recht auf Abtreibung. Danach ging es rauf und runter, berichtet Ekaterina Kochergina vom Lewada-Zentrum, dem einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstitut in Russland. Frauen kämpften im Zweiten Weltkrieg mit an vorderster Front und in den 1970er Jahren galten sie als „Heldinnen der Arbeit“. Die Sowjetunion schränkte Bürgerrechte ein, Frauen aber wurden nicht benachteiligt. Ekaterina Kochergina sagt: „Heute sind die historischen Wurzeln des Fortschritts kaum noch wahrnehmbar.“

Auf einem Konferenztisch breitet die Forscherin Ordner mit Tabellen und Diagrammen aus. „Frauen gehören in die Familie, denken heute viele. Und dieses Frauenbild ist politisch verordnet.“ Weltmachtstreben und Nationalismus sind unter Putin seit der Annexion der Krim 2014 enorm gewachsen. Das Riesenland mit seinen rund 100 Volksgruppen sucht eine übergreifende Identität, zumal der Sieg im Zweiten Weltkrieg weiter verblasst. Bis 2050 könnte die Einwohnerzahl von 143 Millionen um zwanzig Millionen sinken. Finanzielle Sorgen werden oft mit Ablehnung kompensiert, vor allem gegen Einwanderer aus dem Kaukasus und Zentralasien. Auch gegen Homosexuelle, denn die können keine Kinder gebären, sagt Ekaterina Kochergina: „Und auch für Frauen wächst der Druck. Doch die Geburtenrate bei uns ist nicht wesentlich geringer als in anderen Industrienationen.“ Der Unterschied ist, dass die Lebenserwartung der russischen Männer niedrig ist. So werden Frust und Vorurteile auf Minderheiten abgeladen. Homophobie und Sexismus gehen oft einher.

Sorina und ihre Mitspielerinnen halten sich mit politischen Kommentaren zurück. Die kleine „Russian LGBT Sport Federation“ ist nicht als „ausländischer Agent“ gelistet. Der Verband betont die Gesundheitsförderung und das Ermöglichen von Begegnungen. Der Sport gilt im restriktiven Staatswesen als ein unpolitisches und unverdächtiges Feld. „Wir gehen kein Risiko ein, dann haben wir auch keinen Stress“, sagt Sorina. Gegenüber Vermietern von Hallen präsentiert sie ihr Team als einen Kreis von alten Schulfreundinnen. Zur Homosexualität: kein Wort. Die Freundinnen nutzen die Hallen in den weniger gefragten Abendstunden. Sie kommen und gehen in kleinen Gruppen. „Und im Sommer warten wir einfach, bis irgendwo ein Platz frei wird.“

Nur sieben Prozent der Russen sind an Politik interessiert

Dabei sollte es eigentlich ganz anders kommen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Hoffnung groß auf eine wachsende gesellschaftliche Teilhabe. „Russland hatte eine blühende Szene Anfang der 2000er Jahre“, erzählt Pavel Klymenko, der aus Kiew stammt und jugendliche Subkulturen in Osteuropa erforscht. Seit 2013 arbeitet er für das internationale Antirassismus-Netzwerk Fare, Football Against Racism in Europe. Schulen starteten Wettbewerbe, Studierende gründeten Bündnisse, es entstanden tausende Vereine, Nachbarschaftshilfen, Umweltgruppen. Immer mehr Menschen übernahmen Verantwortung für ihr Gemeinwesen.

Doch der Staat schränkte die Meinungs- und Pressefreiheit zunehmend ein. Unternehmer, die dem Kreml nahestehen, übernahmen Medien und änderten deren Ausrichtung. Blogger*innen, die täglich mehr als 3.000 Menschen erreichen, müssen sich als Medien registrieren lassen. Nach zwei Verwarnungen kann die Aufsichtsbehörde die Schließung einer Website beantragen. Der ausländische Kapitalanteil an Medienunternehmen wurde auf zwanzig Prozent begrenzt. Und die Weiterverbreitung von 4.000 angeblich „extremistischen Inhalten“ kann Strafen nach sich ziehen. Zum Beispiel das Bild, das Wladimir Putin als Dragqueen darstellt.

„Es gibt so viele Einschränkungen, die kann man mit einer WM nicht rückgängig machen“

Pavel Klymenko

Viele Aktivist*innen hatten auf einen Rückgang der Repression gehofft, als die Olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi und die WM 2018 nach Russland vergeben wurden. Doch das Gegenteil war der Fall: Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung, die Einschränkung der Versammlungsfreiheit. In den Jahren 2014, 2015 und 2016 wurden jeweils um die 1.000 Menschen wegen „staatsfeindlicher Aktionen“ festgesetzt – 2017 waren es rund 4.000 Menschen.

„Es gibt so viele Einschränkungen, die kann man mit einer WM nicht rückgängig machen“, sagt Pavel Klymenko. Bei Fare ist er seit 2009 aktiv, zunächst als ehrenamtlicher Helfer, inzwischen als fester Experte für Osteuropa. Er besucht Ligaspiele in der Ukraine, Polen, Russland. Er dokumentiert Gewalt, Neonazi-Banner, SS-Runen und Affengeräusche gegen schwarze Spieler. „Jede Zusammenkunft von mehr als zehn Leuten zieht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Bei unseren Aktionswochen hatten wir mal muslimische Fußballerinnen. Sie spielten mit Kopftüchern in einem Park und wurden von Sicherheitskräften sofort als Risiko wahrgenommen.“

In diesem Klima beschreibt Klymenko die Zivilgesellschaft als orientierungslos. Der Begriff des Politischen wird in Russland oft als verächtlich gedeutet. Zwar sind die Zustimmungswerte für Putin noch immer hoch, doch das Vertrauen in andere Staatsorgane ist erschüttert. Nach der letzten Erhebung von Lewada sind nur sieben Prozent der Russen an Politik interessiert. In der Bevölkerung steht eine passive Mehrheit einer urbanen Minderheit gegenüber, die für Veränderungen offen ist.

Eine Frau und zwanzig Männer

Aber wie können daraus konkrete Taten folgen? Es ist ein kühler Nachmittag im Moskauer Gorki-Park, der Lärm der Metropole ist weit weg. Auf einem kleinen Bolzplatz treffen sich Fußballfans aus Russland, Portugal und Neuseeland zu einem Freundschaftsturnier. Am Spielfeldrand gibt Elena Erkina dem französischen Fernsehen ein Interview. Danach schaut sie auf ihr Handy und beantwortet Fragen, sie ist gut vernetzt mit Aktivist*innen in ganz Europa. Die Soziologin aus Sankt Petersburg erforscht die Fanszenen in Russland. Nun möchte sie zur WM Angebote machen: Fanturniere, Begegnungsfeste, Konzerte und Workshops.

Elena Erkina, 34, erzählt mit kräftiger Stimme von der EM 2016 in Frankreich, als russische Hooligans in Marseille auf englische Fans einschlugen. Sie wollte die bedrohliche Stimmung in sachliche Bahnen lenken. Sie sprach mit friedlichen Fans, informierte Journalist*innen, vermittelte zwischen russischen Funktionären und französischen Polizeikräften. Sie hatte kaum Schlaf, aber als die Aufregung verschwand, wurde sie von allen Seiten gelobt.

Erkina wurde ins Sicherheitskomitee des Russischen Fußballverbandes berufen, als erste und einzige Frau unter rund zwanzig Männern. „Manchmal schauen sie mich schief von der Seite an“, sagt sie.

„Viele denken, Frauen haben im Fußball nichts verloren. Und wenn, dann höchstens als Übersetzerinnen oder Sekretärinnen. Es gehen heute zwar mehr Frauen in die russischen Stadien, aber meistens begleiten sie ihre Männer.“

Elena Erkina

Je durchlässiger eine Gesellschaft ist und je lauter sich ihre Minderheiten Gehör verschaffen können, desto verzweigter kann eine Zivilgesellschaft wachsen. In Russland wurde vor kurzem ein Gesetz erlassen, das häusliche Gewalt gegen Frauen weniger bestraft als früher. Abtreibungen werden erschwert, das Kindergeld wurde reduziert. Eine Initiative zur Gleichberechtigung hängt im Parlament fest. 450 Berufe bleiben Frauen ganz verschlossen. Wladimir Putin forderte eine erfolgreiche Unternehmerin vor laufender Kamera auf, sie „möge ihren demografischen Pflichten nachkommen“.

Die Staatsmedien zeigen Putin mit freiem Oberkörper, beim Jagen, Reiten, Angeln. Nur sechs Prozent der russischen Männer wünschen sich Frauen in der Politik, und bei den Frauen liegt die Zustimmung zu dieser Frage gerade mal bei dreißig Prozent. Wie kann es um Meinungsvielfalt und Interessenausgleich bestellt sein, wenn eine Hälfe der Gesellschaft so öffentlich an den Rand gedrängt wird?

„Wir sind ihre Geiseln“

„Wir brauchen sichtbare Vorbilder“, sagt Elena Erkina. „Das geht nicht über Nacht.“ Erkina weiß, wie sie wann und wo Argumente anbringen muss. Gegenüber europäischen Journalist*innen kann sie kritischer sein als in einem Hintergrundgespräch mit russischen Polizeivertretern. Sie denkt schon jetzt an den August 2018, wenn die WM vorbei ist und die Aufmerksamkeit schwindet. Sie möchte Netzwerke knüpfen und eine Willkommenskultur fördern, damit sich wieder mehr Familien für die russische Liga interessieren. Der Kreml aber definiert Gewaltprävention anders: Mit Verboten von Fangruppen, Vorratsdatenspeicherung, Drohungen gegenüber führenden Schlägern. So könnten sich die Hooligans noch mehr in den Untergrund zurückziehen.

„Wir müssen das Thema ganzheitlicher angehen“, sagt auch Robert Ustian, seit der Kindheit Fan von ZSKA Moskau. Bei einem Spiel in der Champions League 2014 in Rom zündeten Fans von ZSKA Böller, zeigten Symbole der Waffen-SS und den Hitlergruß. Danach musste ZSKA mehrere Spiele ohne Zuschauer*innen bestreiten, der Klub erhielt eine hohe Geldstrafe. Robert Ustian war geschockt und fragte sich: „Wie können fünfzig Leute den Ruf einer großen Fanszene beschädigen? Wir sind ihre Geiseln.“

Robert Ustian, 34, wuchs in Abchasien auf, einer Region im Süden des Kaukasus am Schwarzen Meer. Während des Umbruchs Anfang der 1990er Jahre lebte seine Familie in Armut. Der Konflikt mit Georgien wurde zum Krieg. Ustian erzählt, seine Leidenschaft für ZSKA habe Ängste gemindert. Er studierte Wirtschaft, bereiste die Welt, erhielt Jobangebote. Doch er zog nach Moskau wegen des Fußballs.

Nach dem Tiefpunkt in Rom rief er seine engen Freunde an. Er schrieb einen Artikel für ein Internetportal, darin ging es um Respekt. Was ihn überraschte, waren die vielen positiven Antworten. Eine achtzig Jahre alte Frau schickte ihnen ein Foto. Darauf hielt sie ein Transparent: „ZSKA-Fans gegen Rassismus“. Sogar CNN und BBC berichteten. Ustian sagt: „Das war wirklich etwas Neues in Osteuropa.“

Frust über Polemik aus dem Westen

Robert Ustian veröffentlicht regelmäßig Fotos und Interviews für eine vielfältige Fanszene. Auch der Verein ZSKA öffnet sich und verbreitet die Inhalte. Der Klub dreht nun selbst Videos von Spielern. Gegen Affenlaute im Stadion und Manifeste für „weiße Helden“, gegen Hakenkreuzfahnen und das Verbrennen des Koran. Noch ist Ustians Gruppe eine kleine Minderheit, aber sie wächst.

Doch Robert Ustian kann sich keine Jahreskarte kaufen, denn dann wüssten die Neonazis, wo er genau zu finden ist.

„Früher dachten Fans, sie könnten nur als rechtsextrem und gewalttätig in der Kurve mitmachen. Aber wir wollen der jungen Generation eine neue Identifikation bieten. Man kann Fußball lieben, und sich zugleich für Bildung und Sprachen interessieren.“

Robert Ustian

Robert Ustian ist Mitglied eines Debattierklubs, er schätzt den konstruktiven Streit. Als Mitglied des Netzwerks Football Supporters Europe (FSE) möchte er beim Aufbau von Fan-Betreuung helfen. Und als Aktivist ist er vor einigen Monaten auch in Berlin zu Gast: Der Verein Deutsch-Russischer Austausch hat Fans und Journalisten aus Russland, Belarus und der Ukraine für Workshops eingeladen, das Projekt heißt „Fankurve Ost“.

Leidenschaftlich wirbt Ustian bei einer Podiumsdebatte für einen Dialog auf Augenhöhe. Er berichtet von einer Konferenz in Russland, auf der auch Vertreter von Borussia Dortmund und dem tschechischen Verein Slovan Liberec gesprochen haben: „Diese Leute haben nicht mit dem Finger auf uns gezeigt. Sie sprachen über ihre Probleme mit rechten Fans – und über Lösungen.“

Ustian wird emotional, wenn es um „arrogante Berichte“ einiger Menschenrechtsorganisationen geht. „Man muss sich auf die Geschichte und die Besonderheiten unseres Landes einlassen, um etwas bewirken zu können. Schon im Zarenreich kamen Reformen stets von der Spitze. Leider haben wir keine Kultur, in der wichtige Veränderungen an der Basis angestoßen werden. Alles geht von oben nach unten.“ Ustian kann aus dem Gedächtnis polemische Passagen aus britischen Medien zitieren. Er betont, dass es auch in Russland reformwillige Querköpfe gibt. Nur brauche man mehr Kraft und Geduld, um diese Ideen sichtbar zu machen.

Und das dürfte schwerer werden. Aufgrund von politischen Sanktionen und Boykotten gegen Russland, aufgrund von Kämpfen in der östlichen Ukraine, den unterschiedlichen Positionen im syrischen Bürgerkrieg und Manipulationen bei der Wiederwahl Putins.

Der Fußball öffnet Kanäle, die auf oberster Ebene oft verschlossen sind

Daher kann auch der DFB auf den ersten Blick nur verlieren. Bleiben seine Funktionäre vor der WM zurückhaltend, wird ihnen das als Anbiederei gegenüber Putin ausgelegt. Äußern sie scharfe Kritik, fühlen sich russische Eliten provoziert und laden ihren Ärger auf den Aktivist*innen ab. Wie politisch darf, wie politisch sollte der DFB handeln? „Wir möchten zivilgesellschaftliche Brücken bauen, ohne mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten“, sagt Präsident Reinhard Grindel. „Wir möchten Begegnungen ermöglichen.“

Bei diesem Thema ist es kein Nachteil, dass an der Verbandsspitze ein ehemaliger Journalist und Bundestagsabgeordneter steht. Schon während des Confederations Cups 2017 traf sich der DFB in Moskau mit Vertretern aus Stiftungen und NGOs. Zudem hielt Grindel eine Rede beim „Petersburger Dialog“, einem Forum, das seit 2001 die Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften Deutschlands und Russlands pflegt. Er beschrieb Anekdoten der deutsch-russischen Fußballgeschichte, sprach auch über Fangewalt, Doping, Diskriminierung. Unterstützt wurde er von Thomas Hitzlsperger, der als DFB-Beauftragter für Vielfalt seinen Lebensweg schilderte. Sowohl Menschenrechtler aus Deutschland als auch regierungsnahe Vertreter Moskaus fanden ihren Ton angemessen. Das gilt schon als Erfolg, weil es die reale Außenpolitik der Regierungen zumindest nicht erschwert.

Vor allem Frank-Walter Steinmeier war als Außenminister auf seinen Reisen immer wieder von Künstler*innen, Musiker*innen und Sportler*innen begleitet worden. Ein Partner: Der DFB. Im Mai und Juni wird der Verband nun verstärkt in Russland aktiv sein. Weniger durch direkte Spendenübergaben wie bei der WM 2014 in Brasilien, sondern durch einen Wissensaustausch, zum Beispiel Anfang Mai durch ein Fantreffen in Moskau und ein Juniorenspiel in Wolgograd. Überdies entwickelt das Goethe-Institut mit dem Fußballmuseum in Dortmund eine Ausstellung für Schulen, Schirmherr ist Joachim Löw. Auch durch viele der hundert Partnerschaften zwischen deutschen und russischen Städten öffnen sich Kanäle der Verständigung – was auf der obersten politischen Ebene zurzeit schwer möglich ist.

Auf dem Podium der Fifa fühlt sich niemand angesprochen

Alexander Agapov sieht in der Aufmerksamkeit für die WM auch eine Chance für die „LGBT Russian Sport Federation“. Er ist in diesen Monaten viel unterwegs, bei Konferenzen oder Workshops in Düsseldorf, Bratislava oder Kopenhagen. Er stellt seine Arbeit bei NGOs und Botschaften vor. Manchmal wird erst seine dritte Email beantwortet, manchmal gar nicht, manchmal lernt er jemanden kennen, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Und manchmal wartet er einfach, bis das Mikrofon kommt.

Auch Anfang März in Zürich, bei der Fifa-Konferenz zu „Gleichberechtigung und Inklusion“. Rund 250 Gäste verfolgen in den schwarzen Ledersesseln des Hauptquartiers eine beeindruckende Choreografie: In der ersten Podiumsrunde schildern drei Frauen, wie ihnen der Fußball eine höhere Lebensqualität beschert. So sympathisch und redegewandt, dass der Eindruck entsteht, der Fußball könne alle Weltkrisen alleine lösen. Kritische Töne über die Industrie Fußball kommen kaum vor.

Als die Moderatorin die Diskussion für das Publikum öffnet, hebt Alexander Agapov sofort die Hand. Er trägt ein blaues Sakko und eine gepunktete Krawatte. Er ist nervös und fühlt sich unwohl, weil sein Kommentar nichts mit Entwicklungsprojekten in Afrika oder Asien zu tun hat, nichts mit HIV-Prävention oder dem Schutz vor Landminen. Doch er weiß auch, dass es bei diesen prominenten Anlässen nur wenige Gelegenheiten zur Mitsprache gibt. Agapov erzählt den Gästen, dass er bei der Fifa und deren Sponsoren um Unterstützung gebeten habe, aber unbefriedigende Antworten erhielt. Und er kritisiert, dass Tschetschenien für das WM-Quartier Ägyptens zugelassen wurde; eine Region, in der Homosexuelle gefoltert und ermordet wurden.

Nach dem Kommentar Agapovs herrscht Stille, auf dem Podium fühlt sich niemand angesprochen. Sein Gesicht ist gerötet. Nach wenigen Minuten erhält er die ersten lobenden Nachrichten von Freunden, die den Livestream verfolgen. Einige Teilnehmer*innen der Konferenz wundern sich auf Twitter und Facebook, warum die LGBT-Rechte bei der Fifa nicht differenzierter zur Sprache kommen. In der Mittagspause kann Agapov den Verbandsmitarbeitern seine Vorstellungen persönlich schildern.

Emanzipation im Ausland

Nach Angaben von Lewada kennen nur zwölf Prozent der russischen Bevölkerung Schwule oder Lesben persönlich, 35 Prozent halten Homosexualität für eine Krankheit. Alexander Agapov hofft, dass viele Gäste die WM besuchen werden – und dass man seine Heimat nicht auf Putin reduziert. Das Interesse könnte die Aktivist*innen motivieren und bei ihrer Vernetzung helfen. Bis heute hat sich keine Spendenkultur für die Zivilgesellschaft herausgebildet. Irgendwann möchten sie eine eigene, kleine Geschäftsstelle haben, auch wenn sie wohl kein großes Namensschild über die Tür hängen können.

„Die russische Gesellschaft ist stark individualisiert“, sagt Alexander Agapov. „Viele Menschen haben finanzielle Probleme, sie kümmern sich um ihre Grundbedürfnisse.“ Der Verband braucht Geld, um seine Sportler*innen hin und wieder zu internationalen Wettbewerben schicken zu können, nach Stockholm, Antwerpen oder Amsterdam. Einige Fußballer fürchteten, dort von der Polizei verprügelt zu werden, denn das ist ihnen in Russland passiert. Dann konnten sie nicht glauben, als sie von tausenden Zuschauer*innen bejubelt wurden. „Das ist ein wichtiger Schritt für ihre Emanzipation“, sagt Agapov. Er hat es nicht leicht, in Russland einen ordentlich bezahlten Job zu finden, sein Ehrenamt macht ihn zu einer öffentlichen Figur.

Bei jener Fifa-Konferenz in Zürich tritt am Ende übrigens auch Alexej Smertin auf. Der ehemalige russische Nationalspieler spielte auch für Girondins Bordeaux und den FC Chelsea. Als Antidiskriminierungsbeauftragter des russischen Fußballverbandes sagt er auf der Bühne, dass Regenbogenflaggen während der WM nicht verboten seien.

Alexander Agapov zweifelt und hebt später noch einmal die Hand. Er möchte eine Nachfrage stellen, so bald kommt er an die Mächtigen des Fußballs nicht wieder heran. Doch die Moderatorin sieht ihn nicht. Oder möchte ihn nicht sehen. Alexander Agapov lächelt. Er ist trotzdem einen kleinen Schritt weitergekommen.


Autor und Themenreihe

Ronny Blaschke beschäftigt sich als Journalist mit den gesellschaftlichen Hintergründen des Sports, u. a. für die Süddeutsche Zeitung, den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle. Mit seinen Büchern stieß er wichtige Debatten an, zuletzt mit „Gesellschaftsspielchen“ zur sozialen Verantwortung des Fußballs. Blaschke stellt die Recherchen für diese Themenreihe in einer Vortragsreihe zur Diskussion.

Die kommenden Termine sind hier zu finden.


Weiterführende Links zum Thema


Die ganze Themenreihe auf einen Blick

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Bildnachweis: Illustrationen: Christoph Löffler;

Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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