Moralität des Fußballkonsums

Autor: Daniel Roßbach, pressschlag.net

Was hat Profifußball eigentlich mit Propaganda zu tun? Sind wir als Konsument*innen individuell verantwortlich für die Korruption im Sport? Und muss schließlich das Nachdenken über die Mechanismen des Profigeschäfts notwendiger- und konsequenterweise dazu führen, sich von der Glitzerwelt des bezahlten Fußballs abzuwenden? Der folgende Text versucht, sich diesen Fragen aus philosophischer Perspektive zu nähern.

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Vor etwas mehr als einem Jahr stand ich in einer Küche in Canberra und unterhielt mich mit meinen Mitbewohnern über die Gründe, die einige von uns dazu bewegt hatten, Vegetarier zu werden. Während ich sagte, dass ich im Prinzip davon überzeugt sei, dass kein Fleisch zu essen moralisch geboten sei, bemerkte ich, dass mir zu dem ‘aber’, das mein Carnivorendasein rechtfertigen sollte, nichts einfiel. Also bekannte ich mich stattdessen dazu, mein Handeln  meinen Überzeugungen von nun an folgen zu lassen. 

Warum ziehe ich ähnliche Konsequenzen nicht für meinen Konsum von (Profi)Fußball – und werde angesichts von Stadionwurst an der Alten Försterei gelegentlich rückfällig? Sollte ich mich von ihm ebenso lossagen? Schließlich gilt wohl für das Fußballgeschäft wie für Wurst, dass man, um das Produkt genießen zu können, nicht zu genau in Erfahrung bringen möchte, wie es entsteht. Die Erkenntnis, dass die Sportverbände, die Profifußball organisieren, korrupt sind, ist alles andere als neu. Genauso offensichtlich ist, dass große Vereine im besten Fall erfolgreiche Vertreter der Unterhaltungsindustrie sind, in weniger guten Fällen Steuerhinterzieher (Barcelona), das Privatvergnügen von -Menschen- Männern mit Vermögen zweifelhafter Provenienz (Chelsea) oder Imagekampagnen weniger-als-demokratischer Regimes (Manchester City). Ist also auch Profifußball ethisch in einer Weise bedenklich, die uns bewegen sollte, ihm abzuschwören?

Da diese Frage konkrete individuelle moralische Verpflichtungen betrifft, sollten wir sie wie folgt konkretisieren: Wie tragen wir, trage ich, durch unsere Anteilnahme am Fußballgeschehen zu dessen Pathologien bei; und machen wir uns für sie verantwortlich?

Um diese Frage zu beantworten, will ich mich hier auf zwei problematische Aspekte des Fußballgeschäftes konzentrieren, die aber bei weitem nicht die einzigen sind: die Korruption der Verbände und die Vereinnahmung des Fußballs für Zwecke, die ihn als Sport und als zivilgesellschaftliche Institution unterminieren, kurz, seine propagandistische Nutzung (was damit gemeint ist, werde ich weiter unten ausführen). Die Antwort auf die Frage der individuellen Verantwortung fällt für die verschiedenen Gebrechen unterschiedlich aus; wir stehen in einem anderen Verhältnis zu der grassierenden institutionellen Korruption als zu dem zweiten Haupt-Problem des Fußballs, seiner Überfrachtung mit Propaganda.

Korrupter Sport

Dieser Text ist nicht der Ort, um die komplizierten Verwicklungen der Korruption im Fußball auszubreiten. Diese Aufgabe haben eine Reihe hervorragender investigativer Journalisten geleistet (man denke beispielsweise nur an die Arbeiten von CORRECTIV oder Jens Weinreich). Wir müssen die korrupten Verstrickungen aber soweit analysieren, wie notwendig ist, um die Verantwortlichkeit für sie zu klären.

Die Korruptionsskandale der Fifa und ihrer Kontinentalverbände sowie einiger Clubs verlaufen etwa in den folgenden Bahnen: Kleine Gremien von Funktionären bestimmen direkt oder indirekt über die Verteilung von Geld und Prestige. Die Entscheidungsprozesse sind intransparent und Verantwortlichkeit für kompetentes Handeln und Integrität ist nicht vorgesehen. Diese Strukturen setzen sich auf allen Organisationsebenen fort und sind nie inklusiv genug, um es unmöglich zu machen, dass (Macht-)Positionen durch gegenseitige Abhängigkeiten gesichert werden. Diese Strukturen sind die erste Voraussetzung für das andauernde Bestehen von Korruption.

Die zweite ist, dass es in diesen Strukturen fortwährend etwas zu verteilen gibt. Dafür sorgen die Popularität und Strahlkraft des Fußballs. Weil das sportliche Geschehen als getrennt von den Funktionärsstrukturen wahrgenommen wird, leidet das Interesse an den ersteren nicht unter den Enthüllungen über die Machenschaften des letzteren – und folglich sinkt damit auch nicht die Attraktivität der Produkte für diejenigen, die Geld in den Kreislauf bringen, also neben Rechtevermarktern und -käufern vor allem Sponsoren.

Außerdem sind manche Finanziers des Systems auf intransparente und undemokratische Entscheidungsprozesse angewiesen, da sich ihre Interessen – etwa, eine Weltmeisterschaft in ihrem Emirat auszurichten – im Publikum des Sports keiner nennenswerten Beliebtheit erfreuen.

Aus dieser Gemengelage, zu der noch gehört, dass es staatlichen Stellen an Mitteln und Willen fehlt, gegen Korruption vorzugehen, ergibt sich die Gelegenheit zu skandalträchtigem Verhalten im Fußball.

Konsumenten sind für die Korruption in den Institutionen nur indirekt verantwortlich (wenn man nicht gerade die Gelegenheit hat, einen der Verantwortlichen nicht zum Präsidenten seines Vereins zu wählen). Durch das öffentliche Interesse am Fußball gibt es dort mehr Geld zu veruntreuen. Das eigentliche Problem ist aber eben das Fehlverhalten selbst.

In dieser Konstellation stellen sich ähnliche Probleme wie etwa in der ethischen Diskussion über den Klimawandel und die moralischen Pflichten, die angesichts dieser Katastrophe erwachsen. Philosophen tun sich in dieser Frage notorisch schwer, auf einer individuellen Ebene Pflichten zu anderem Handeln oder die Falschheit emittierender Akte nachzuweisen, da diese nicht in sich katastrophal sind, sondern nur Teil, Ausdruck oder weitere Instanz kollektiven Versagens.

In unserem Fall ist die Lage noch schwieriger, weil der Konsum korrumpierten Fußballs nicht selbst schädlich ist, sondern nur die Bedingungen für falsches Handeln schafft – das aber auf allen Organisationsebenen stattzufinden scheint. Einige der einfacheren Lösungen des genannten Problems stehen also nicht zur Verfügung. Diese wären etwa, Schwellenwerte ausfindig zu machen, ab denen sich die Lage merklich verschlechtert: Damit, das Risiko, denjenigen Beitrag zu leisten, der diesen Schwellenwert überschreitet, auf das eigene Handeln zu beziehen, ließe sich die unspezifische kollektive Verpflichtung auf individuelle Vorgaben herunterbrechen. Oder zu behaupten, dass unabhängig von den Folgen der Fakt, etwas prinzipiell falsches zu tun, Grund genug ist, das eigene Verhalten zu ändern. Darüber hinaus sind konsequentialistische Wasser vielleicht zu trübe, um in ihnen nach klaren Antworten zu fischen; insofern etwa unklar ist, ob und wie nach einer durch moralisch-bewusstes Desinteresse ausgelösten Krise bessere Strukturen entstehen würden.

Diese Unsicherheit sollte uns aber nicht daran hindern, es trotzdem zu versuchen. Und das nicht zuletzt, weil schwache und korrupte Verbände das zweite Problem, um das es hier gehen soll, verschärfen. Aus diesem wiederum ergeben sich sehr wohl persönliche Folgen.

Es gibt kein Recht auf Fußballpropaganda

Auch die zweite hier untersuchte Malaise des Fußballs ist nicht neu, und der Vorwurf, dass sie grassiere, schwingt immer dann mit, wenn in Bezug auf Fußball vom Motto panem et circenses (“Brot und Spiele”) gesprochen wird. Bei diesem Problem handelt es sich um die Nutzung von Fußball zu Propaganda-Zwecken.

Propaganda?

Der Philosoph Jason Stanley unterscheidet in seinem Buch How Propaganda Works zwischen verschiedenen Arten von Propaganda, deren geteiltes Merkmal ist, dass in derartigen Beiträgen zum öffentlichen Diskurs Ideale in den Dienst konkreter Ziele gestellt werden. Die konkreteren Arten von Propaganda, die in unserem Interesse stehen, sind die unterminierender Propaganda und von Werbung als Propaganda. Akte von unterminierender Propaganda werden definiert als “Behauptungen im öffentlichen Raum, die Anliegen als Ausdruck von Ideal darstellen, die eben jene Ideale unterlaufen” [S. 53]

Werbung kann ein Fall unterminierender Propaganda sein, wird aber unabhängig von dieser Subkategorie als “Beitrag zum öffentlichen Diskurs [definiert], der vorgibt, Prinzipien zu dienen, tatsächlich aber auf Ziele gerichtet ist, die für diese Prinzipien irrelevant sind.” [S. 56]

Diese Definitionen lassen sich auf die Vereinnahmung des Fußballs anwenden. Dabei zeigt sich, dass fast aller Profifußball mindestens eine dieser Formen von Propaganda verkörpert. Er wird genutzt, um als fairer sportlicher Wettkampf die Beteiligten als angemessene Teilnehmer eines solchen darzustellen. Doch wenn die Identität der involvierten Parteien genau diesen Status konterkariert, unterläuft dies auch die Integrität des Spiels.

Recht offenkundig unter diese Rubrik fällt das Handeln von Arabischen Staaten – das heißt, deren Feudalherrschern, – die Vereine wie Paris Saint Germain und Manchester | Melbourne | New York City FC  kaufen und als ihre Aushängeschilder auf einer globalen Bühne auftreten lassen. Diese ‘Vereine’ werden von undemokratischen Staaten kontrolliert und dienen dazu, deren Bild in der globalen Wahrnehmung positiv zu stimmen (und die narzisstischen Triebe ihrer Besitzer zu befriedigen).

Aber was ich mit Propaganda meine, endet nicht mit diesen Clubs, und nicht bloß, weil auch andere, wie Bayern oder Barcelona, sich mit den selben Staaten gemein machen. Soweit hier relevant können Konzerne ebenso gut Propaganda verbreiten wie Staaten. In Fällen wie Газпром ist der Unterschied ohnehin gering. Und auch ‘normale’ Unternehmen nutzen Fußball in einer Weise, die genügend falsches Bewusstsein produziert, um als Propaganda gelten zu können. Man muss nicht die Argentinische Militärdiktatur 1978 sein, um Fußball propagandistisch zu gebrauchen.

Das ist der Fall, weil Werbung im Umfeld von Fußball darauf beruht, beworbene Produkte und Firmen mit dem sportlichen Geschehen und den daran gebundenen Emotionen in Verbindung zu bringen. Je enger diese Verbindung ist, je näher die fußballerischen Räume des Spielfeldes, die sozialen Räume der Ränge und die kommunikativen Räume der Werbung aneinander rücken, desto stärker die (angestrebte) propagandistische Wirkung. Diese Einschätzung bringt offenbar die meisten Vereine auf das propagandistische Spektrum, einige am entfernteren Ende (ja, RB), andere kaum merklich. Für diese Warte steht tatsächlich, und nicht bloß qua Klischee, Union Berlin, wo sich ernsthaft darum bemüht wird, die kommerziellen Aktivitäten, auf die der Verein angewiesen ist, vom Kern des Ereignisses im Stadion, dem Spiel, zu trennen: etwa, indem Spielereignisse wie Einwechslungen nicht mit Sponsorenbotschaften, sondern kommunikativen Ritualen zwischen den Anhängern verbunden sind. Das bedeutet auch, dass nicht aller Fußball gleich problematisch ist – es gibt echte Unterschiede in Inhalt und Konnotation von Fußball an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten. Aber offensichtlich kann auch ‘authentischer’ Fußball als unique selling point kommerzialisiert werden.

Um greifbar zu machen, was hier gemeint ist, ein Beispiel. Was passiert mit dem Ereignis von Fußball beim FC St. Pauli, wenn die gegnerische Hymne, die dort traditionell vor Partien gespielt wird, Teil der Marketingmaschinerie von Red Bull ist? Dieses Ereignis verändert seinen Inhalt, indem eben die Rituale, die für seine eigentliche Bedeutung stehen (sollen), unterminiert werden. Wir finden hier also genau die Form von Propaganda, die Stanley als unterminierend beschreibt.

Medium und Botschaft definieren sich in dieser Konstellation gegenseitig. Das Medium ist – einerseits – die Botschaft. Die Bühne für die Projektion von Firmen oder staatlichen Fonds definiert das Ideal, das diese für sich in Anspruch nehmen. Andererseits unterläuft dieser Versuch eben jene projizierte Bedeutung. Damit wird die Botschaft propagandistisch, weil ihre Übertragung auf der Übernahme des Mediums Fußball für fremde Zwecke beruht, in der die eigentlichen unterminiert werden.

Anders als korrupte Funktionäre sind Propagandisten im Fußball auf die Teilnahme des Publikums unbedingt angewiesen. Das Wesen von Propaganda liegt in ihrem Einfluss auf das Bewusstsein seiner Zielgruppe. Propaganda ist im Frankfurtschen Sinn Bullshit, besteht also aus unaufrichtig geäußerter Behauptungen, an die niemand wirklich glaubt, am wenigsten derjenige, der sie macht. Der Bullshit ist stark im Fußball. Aber zu den Eigenschaften von Bullshit gehört, dass man ihn zurückweisen kann. Es ist geboten not to take any (bull) shit from football and those coopting it.

Wozu genau würde uns dieser Anspruch verpflichten? Gibt es Weisen, professionell betriebenen Fußball zu verfolgen, ohne diesen Gefahren anheim zu fallen? Oder müssen wir uns gänzlich von dieser Unterhaltungsindustrie distanzieren? Das hängt im wesentlichen davon ab, in welcher Relation Fußball genau zu der mit ihm verbundenen Propaganda steht. Ist Profifußball möglich, in dem die beschriebenen korrumpierenden Einflüsse nicht vorhanden oder wenigstens nicht dominant sind? Altmodisch philosophisch formuliert: Sind Fußball und seine Vereinnahmung substantiell verschieden, oder ist die letztere Teil der Essenz des Spiels selbst?

Mir scheint (zunehmend) letzteres der Fall zu sein. Die korrumpierenden Einflüsse auf den Sport sind genau diejenigen, die bestimmen, welche Teams in welchen Wettbewerben, welche Spieler bei welchen Clubs und welche Sponsoren dazu ihre Werbe-Jingles spielen. Das Spielgeschehen selbst wird bestimmt durch Kräfteverhältnisse, die von ‘investiertem’ Geld und Marktmechanismen produziert werden. Wenn Sport in einem Umfeld stattfindet, in dem spielerische Leistungsfähigkeit fast vollständig durch ökonomische Macht festgelegt ist, erodiert das Prinzip des sportlichen Wettkampfes – nämlich, dass Kontrahenten auf ebener Spielfläche gegeneinander antreten, um zu sehen, wer besser ist. In einem rein sportlichen Wettkampf ginge es darum, wer aus sich die besseren Fußballer machen kann, und wer aus den besseren Fußballern die bessere Mannschaft formt. Doch in professionellem Fußball ist der entscheidende Faktor für die Verteilung sportlichen Talents und Kompetenz Geld. Wer Geld hat wiederum hängt einerseits von kapitalistischen Märkten, andererseits der Willkür superreicher Akteure ab. Keiner dieser beiden Einflussfaktoren ist unpolitisch. Auch aus diesem Grund können wir uns nicht darauf zurückziehen, “Politik und Sport auseinander zu halten,” den Sport und seine Faszination über die abstoßenden Randerscheinungen zu stellen und uns am agonalen Austausch weiter erfreuen. Fußball ist nicht nur eine Bühne für politische Botschaften und Instrument politischer Kabale, sondern auch selbst ein System, in dem politische Entscheidungen getroffen werden.

“Es gibt weder einen Spielstand noch Mannschaften noch Spiele. Die Stadien sind längst Steinbrüche und fallen in Stücke. Heute passiert alles im Fernsehen und im Radio. Haben Sie denn bei der falschen Aufgeregtheit der Kommentatoren noch nie vermutet, daß alles nur gespielt ist? Das letzte Fußballspiel in dieser Hauptstadt hat am 24. Juni 1937 stattgefunden. Genau seit diesem Tag sind nicht nur der Fußball, sondern auch alle anderen Sportarten eine Form des Dramas und für die Durchführung ist ein einziger Mann in einer Kabine zuständig, oder ein paar Schauspieler mit Trikots, vor einem Kameramann.” – Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares in “Esse est percipi”

Damit normalisiert schon, eine solche Veranstaltung rein sportlich zu diskutieren, die vertretenen Institutionen (als Teil eines kulturellen und sozialen Kontextes). Es ist also kaum möglich, den Sport als solchen zu betrachten und nicht Ziel und/oder Träger der Propaganda zu werden. Wir müssen uns stattdessen die Bedingungen vergegenwärtigen, unter denen der Sport, den wir konsumieren, produziert wird; und uns fragen, ob wir an diesem Prozess beteiligt sein wollen – indem wir Trikots mit Sponsorenlogos tragen, über Spiele von Paris St. Germain als ganz normale Sportereignisse schreiben, oder in Stadien Ecken und Tore präsentiert von Baumärkten bejubeln. Jubel, der als Kulisse künftiger Inszenierung genutzt werden mag.

Die Konsequenz aus diesen Argumenten ist, dass es nicht haltbar ist, zwischen dem reinen Spiel und den verkommenen Verbänden zu unterscheiden. Und dass, um unsere eigene Integrität aufrecht zu erhalten, wir uns der Partizipation in diesem Mechanismus verweigern müssen.

Meinem Gedankengang hier könnte entgegnet werden, dass ihm selbst ein naives Missverständnis der Ausgangsposition zugrunde liege. Schließlich sei Fußball gerade in den Stadien, die ich als Beispiele des ‘richtigen’ angeführt habe, alles andere als neutral. Vielmehr bestehe gerade dort das Wesen von Fußball aus den mit ihm verbundenen sozialen und politischen Aspekten. Wenn nun also im Zentralstadion andere Inhalte mit Fußball verbunden werden, stehe das vielleicht für Änderungen darin, womit soziale Räume wie Fußballstadien überformt werden, sei aber schwerlich ein qualitativer Unterschied. Ideologien gäbe es schließlich überall, das Ereignis Fußball mit einer von ihnen zu verknüpfen ist nicht propagandistischer als mit einer anderen.

Das ist aus zwei Gründen falsch. Einerseits sind die Inhalte entscheidend. Daran, ob in Stadien eine authoritätsskeptische Haltung ausgelebt wird oder die hegemoniale Ideologie kapitalistischer Gesellschaften eine weitere Bühne bekommt, entscheidet sich, wie dieses Forum zu bewerten ist. Denn würde Fußball Inhalte propagieren, die seinem Wesen entsprechen, wäre das vielleicht noch Propaganda, aber nicht verwerflich. Dass diese begrüßenswerte Form der Politisierung des Fußballs in der gegenwärtigen Form des Sportes kaum möglich ist, oder wenigstens oft durch die Strukturen erschwert wird, zeigt sich auch an Versuchen, progressive Gesten mit Fußball zu verbinden. So wurde etwa Megan Rapinoe, die gegen soziale Missstände protestierte, indem sie während der Amerikanischen Hymne vor einem Spiel kniete statt stehend zu salutieren, die Möglichkeit zu diesem Protest dadurch genommen, die Hymne vorzeitig zu spielen, als die Teams noch in ihren Kabinen waren. Hier zeigt sich, dass es nicht für alle Inhalte eine Plattform im Fußball gibt, und es also bedeutsam ist, welche Botschaften vorkommen dürfen und welche nicht. Andererseits würde ich zumindest behaupten, dass in einem Fall die Bedeutung von Fußball für die Menschen, die ihn erleben, aus den darin geteilten Emotionen erwächst; während in dem anderen diese bestehende soziale Institution und ihr kulturelles Kapital kooptiert wird.

Wären, wenn stimmen würde, was ich bis hierher gesagt habe, aber nicht alle möglichen anderen Aktivitäten des Lebens im kapitalistischen Humanismus genauso verwerflich wie Fußballkonsum? Nein. Denn natürlich mag es sein, dass ich allein laufen gehe, um nicht daran zu denken, dass ich Teil einer Gesellschaft bin, die Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lässt. Aber erstens wird etwas falsches durch noch mehr falsches höchstens schlimmer. Und zweitens hat, was in Verbindung mit Fußball geschieht, auf Grund von dessen herausragender, fast hegemonialer Position in der Breite der öffentlichen Wahrnehmung besondere Relevanz, verglichen etwa mit anderen Sport- oder Kulturereignissen.

Was nun?

Trotzdem stellt sich die Frage, was wir mit der Einsicht in die Irrungen unserer Wege als Fußball-Anhänger anfangen sollen. Es ist definitiv möglich, diese Einsicht zu haben und trotzdem zu handeln wie zuvor. Mit Gewohnheiten und in Umständen zu leben, die ethisch nicht zu rechtfertigen sind, sollte für viele in den reichsten Ländern der Welt nicht allzu neu sein. Und wenn sich an der eigenen Einstellung zu diesem Handeln etwas ändert, kann schon das einen Unterschied für dessen moralische Bewertung ausmachen. Außerdem ist, wie bereits angedeutet, nicht aller Fußball gleichermaßen diskreditiert, eine lokale Betrachtung der jeweiligen Umstände also notwendig.

Darüber hinaus sind einige eskapistische Tendenzen wenig vielversprechend. Sich etwa statt Fußball American Football zuzuwenden, wäre eine Verschlimmbesserung, da dieser “Sport”, soweit dies in einem amerikanischen Kontext möglich ist, viele Probleme des Fußballs teilt und dazu ebenso gravierende eigene hat. Zu diesen Eskapismen gehört auch, das Heil des Fußballs in der Vergangenheit zu suchen. Das ist einerseits nicht produktiv, und andererseits in vielen Fällen sachlich unangemessen, weil die hier kritisierten Tendenzen nicht neu sind. Die guten alten Zeiten waren nur die alten, manchmal noch schlechteren Zeiten.

Auch Fußball weiter zu begleiten, aber ohne die Emotionen, die ihn zu einem möglichen Träger von Propaganda machen, ist eine suboptimale Lösung. Sie würde zwar den status quo insofern verbessern, als die Vereinnahmung des Sports weniger mächtige Hebel ansetzen würde. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass sie deswegen ausbleiben würde. Wichtiger ist aber, dass dieses emotionale Potential positiv genutzt werden sollte. Man denke etwa an Ultra- und Fangruppen, die sich für Flüchtlingshilfe, soziale Projekte im Umfeld ihres Vereins oder gegen Homophobie engagieren – Engagement, dass ohne die von Fußball geschaffene Bindung vielleicht nicht stattfinden würde. Darin besteht auch die einzige Chance für professionellen Fußballs, als zu rechtfertigende Institution bestehen zu bleiben und nicht einer Selbstkannibalisierung anheim zu fallen.

Natürlich besteht die Gefahr, dass der Versuch, den richtigen Fußball im falschen Geschäft auszutragen, letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Das würde diesen Versuch zwar nicht entwerten, könnte aber zu einem slippery slope in die Implikationen werden, die hier kritisiert wurden.

Wie weit darf man sich nun in Fußball involvieren? Die Antwort auf diese Frage muss jede und jeder für sich und die eigene Szene beantworten, abhängig davon, wie viel Gutes sie bringt, und wie weit die problematischen Tendenzen fortgeschritten sind. Zwischen einem Boykott einer WM in Russland, der für alle geboten ist, und dem ehrlichsten Stadionerlebnis, an dem teilzunehmen in jedem Fall gestattet ist, gibt es viele Graustufen der amoralischen Toleranz.


Beitragsbild: Wir bedanken uns bei Eleni Papaioannou für das Foto zu diesem Beitrag. Mehr von Eleni Papaioannou gibt es bei flickr. Lizenz CC BY-SA 2.0

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