Meanwhile in Österreich – Red Bulls Dominanz

Der österreichische Fußball schreibt seine eigenen Geschichten. Titel, Spielerpersönlichkeiten mit Legendenstatus, schillernde Vereinsmäzene, Abstürze und Abstiege – das alles gibt es auch in der Alpenrepublik. Marco Stein lässt die jüngere Geschichte des österreichischen Fußballs Revue passieren.

Zuerst Teil 1 lesen – 1997-2005

Autor: Marco Stein, cavanisfriseur.de

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Der erste Teil dieser Reihe widmete sich vorrangig der Zeit von 1998 – 2004 und den Teams aus Graz, dem FC Tirol, dem FC Pasching und der Wiener Austria. Bis auf letztere kamen alle diese Klubs in arge finanzielle Schwierigkeiten und verschwanden vorübergehend oder komplett von der Bildfläche. Inmitten dieses Kommens und Gehens verschiedenster Vereine wurde ein neuer „gegründet“. Im April 2005 stieg Red Bull bei der finanziell schwankenden Austria Salzburg ein, die zuvor ihre letzte Hochzeit Mitte der 90er erlebt hatte. Unter Protesten vieler Fans wurden die Vereinsfarben zu Rot-Weiß und der Name zu FC Red Bull Salzburg geändert. Trainer wurde der aus Deutschland zurückgeholte Kurt Jara.

Während Salzburger Fans einen neuen SV Austria Salzburg gründeten wurde Red Bull Salzburg bereits in der ersten Saison, 2005/06, Vizemeister – was unter anderem 18 Neuzugängen zu verdanken war. Für Schlagzeilen sorgte der Verein bereits im Winter. Die Salzburger verpflichteten Andreas Ivanschitz von Rapid Wien für vier Millionen Euro. Die Rapid-Fans waren empört, der österreichische Fußball gespalten. Es gab kaum Spiele ohne Hassrufe gegen den Österreicher. Es dauerte viele Jahre bis der Ruf des Ex-Rapidlers wiederhergestellt war. Zwischenzeitlich musste der ehemalige Kapitän aus der Nationalmannschaft genommen werden, um ihn zu schützen. Der Druck und der Widerstand waren zu groß – im Sommer 2006 wurde Ivanschitz an Panathinaikos verliehen und kam nie wieder zurück.

Namhafte Spieler, Gezänk und Erfolg – Red Bull Salzburg

Beim Bankrott gegangenen FC Tirol, war Jaras Ziel, das beste Team mit so vielen Österreichern wie möglich zusammenzustellen. Die Geschäftsführung in Salzburg verfolgte einen anderen Ansatz. Man wollte exotischen Fußball – den Zuschauern Stars und Erfolg bieten. Also wurde Jara entlassen. Der Verein warf ihm “Ungereimtheiten bei Spielertransfers” vor – bei Spielerwechseln sollen von der FIFA nicht anerkannte Berater beteiligt gewesen sein. Beide Seiten überzogen sich mit Vorwürfen und einigten sich schlussendlich außergerichtlich.

Auf die Salzburger Trainerbank kamen die erhofften Exoten: Trapattoni und Matthäus. Red Bull Salzburg war erneut sehr aktiv auf dem Transfermarkt und wollte die Fans mit namhaften Spielern locken. So wurden unter anderem Christian Tiffert, Johan Vonlanthen und Niko Kovac verpflichtet. Die Mannschaft war gut unterwegs und scheiterte trotz ansprechender Leistung in der Champions League-Qualifikation an Valencia. Die Salzburger spielten eine hervorragende Saison, kassierten nur 25 Gegentore und wurden mit 75 Punkten Meister 2007.

Lothar Matthäus war da schon wieder weg vom Fenster. Die Zusammenarbeit mit Trapattoni war ein einziges Missverständnis, wie die FAZ im Juni 2007 feststellte. Matthäus wollte sich nicht mit der Assistentenrolle begnügen, krittelte an der defensiven Spielweise des Mister herum und sorgte mit öffentlicher Kritik an einem Transfer Trapattonis für seine Entlassung:

“Ich habe den Spieler nicht gesehen. Ich glaube auch nicht, dass ihn Giovanni Trapattoni spielen sah. Ich weiß nicht, ob der Spieler auch die Qualitäten zeigen kann, die auf einer DVD zu sehen sind.”

Doch auch der Italiener nahm kein Blatt vor den Mund. Aus seiner Zeit beim FC Bayern erinnern sich viele beim Namen Trapattoni an eine legendäre Pressekonferenz, Stichwort “Flasche leer”. In Salzburg reagierte Trapattoni mitunter ebenso impulsiv auf Kritik, was Journalisten nach dem Ausscheiden aus dem ÖFB-Pokal im Mai 2007 zu spüren bekamen:

„Wörter sind sehr einfach. Wer kann machen, machen. Wer kann nicht machen, sprechen. Wer kann nicht sprechen, der schreiben.“

TRAPATTONIS AUSRASTER

Im nächsten Anlauf wollte es mit einer internationalen Teilnahme wieder nicht klappen. Erneut lieferte man eine hervorragende Leistung ab, scheiterte aber knapp an Shahktar Donezk. Der interne Druck wurde größer, Dietrich Mateschitz war unzufrieden. So auch die Fans. Durchschnittlich besuchten 2.000 weniger Zuschauer die Heimspiele der Bullen und die Saison 2007/08 beendete man als Vizemeister.

Umdenken in der Jugendarbeit

In Kanada sorgte währenddessen Österreichs U20-Nationalmannschaft für Furore. Österreich landete bei der WM 2007 in Gruppe A mit Gastgeber Kanada, Kongo und Chile. Nach tollen Leistungen qualifizierten sich die Rot-Weiß-Roten mit 5 Punkten auf Platz 2 für das Achtelfinale. Dort besiegte man Gambia mit 2:1 und schaffte es sogar ins Viertelfinale, wo man auf die USA traf. Aber auch die wusste man auszuschalten. Noch nie hatte es eine österreichische U20 so weit gebracht, wie diese. Nicht mal, als man Spieler wie Toni Polster & Co. hatte.

Der U20-WM-Kader 2007

Erst im Halbfinale scheiterte man an Tschechien mit 0:2. Im Spiel um Platz 3 verlor man gegen Chile – mit Spielern wie Alexis Sanchez oder Arturo Vidal – mit 0:1. Während Argentiniens Team um Angel di Maria oder Sergio Agüero das Finale gegen Tschechien mit 2:1 für sich entschied. Der Jubel über die Leistung der Österreicher war groß. Die Gazetta dello Sport wählte Sebastian Prödl sogar in die Elf des Turniers und ernannte ihn zum Verteidiger des Turniers. Vereine standen Schlange um Prödl, Hoffer, Harnik, Junuzovic, Okotie & Co.

Das gute Abschneiden war das Ergebnis neuer Ansätze in der Nachwuchsarbeit. Eine Entwicklung, die in Österreich um die Jahrtausendwende in Gang gebracht wurde. Nach deutschem Vorbild entstand ein Netz von Nachwuchsakademien. Eine der bekanntesten und erfolgreichsten ist inzwischen die Nachwuchsschmiede der Wiener Austria in Hollabrunn, die auch dank des Engagements von Magna bzw. Frank Stronach hervorragende Bedingungen bietet. Spieler wie Aleksandar Dragovic (heute bei Dynamo Kiew), Markus Suttner, Alexander Grünwald (beide Austria) und nicht zuletzt David Alaba haben dort das Fußballspielen gelernt. Der Fall David Alaba veranschaulicht aber auch ein Problem, dem sich die österreichischen Vereine ausgesetzt sehen: Noch bevor er ein Spiel für die 1. Mannschaft der Austria machen konnte, wechselte er nach München. Ein Muster, dass in Österreich immer wieder auftritt.

Auch soll nicht in allen Akademien vorbildlich gearbeitet werden – mancherorts soll es sehr autoritär zugehen, attestiert Mental-Coach Marcus Salhofer, der seit vielen Jahren in Österreich arbeitet:

“Manche Akademien wirken schlimmer, als das Militär. Die Spieler lernen über Jahre, dass sie gehorchen und Befehle ausführen sollen. Dann kommen sie in eine Kampfmannschaft und müssen plötzlich verantwortungsvoll agieren und Entscheidungen treffen.”

Nichtsdestotrotz, im österreichischen Nachwuchsfußball ist ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar, der dazu führte, dass sich 2015 gleich drei Teams für große Turniere qualifizieren konnten: für die U-17-EM, die U-20-WM und die U-19-EM. Wer sich für die Entwicklung der österreichischen U-Mannschaften interessiert, dem sei diese Zusammenfassung von Philipp Eitzinger empfohlen.

Eine EM der unerfüllten Erwartungen

2008 waren die Auswirkungen der verbesserten Nachwuchsarbeit im Profibereich noch nicht so stark zu spüren. Dennoch stand ein Großevent vor der Tür, das den ganzen österreichischen Fußball verändern sollte. Die EM in Österreich und der Schweiz.

Im Vorfeld war die einhellige Meinung zum UEFA-Turnier, dass Österreich davon in erster Linie wirtschaftlich profitieren könnte. Die Realität sah anders aus. Vor allem Stände vor den Stadien, Geschäfte, Hotels und die Wirte auf den Fanmeilen beschwerten sich immer wieder über den geringen Absatz, der weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Auch sportlich hatte man sich mehr erwartet. Während ÖFB-Trainer Josef Hickersberger in der Vorbereitung immer gegen große Gegner spielen ließ und – logischerweise – einige Niederlagen einstecken musste, hatte man eine gut eingespielte Mannschaft für die Europameisterschaft. Viele namhafte Spieler aus dem erweiterten Kader schafften es nicht ins EM-Aufgebot, wie beispielsweise Andreas Ibertsberger, Marc Janko und Stefan Maierhofer. Dafür standen mit Martin Harnik, Ramazan Özcan, Erwin Hoffer und Christian Fuchs viele Talente im Kader, die auch später noch Teil der österreichischen Nationalmannschaft sein sollten.

Im ersten Spiel gegen Kroatien trat man mit einer überraschenden Formation auf, und auch der Spielstil überraschte viele Zuseher. Großen Anteil hatte daran auch Fitnesstrainer Roger Spry. Das kolportierte Gehalt des Briten, der noch immer für den ÖFB arbeitet, soll angeblich bei 1 Million Euro monatlich liegen und lag definitiv über dem von Nationaltrainer Hickersberger. Aber: Spry war sein Geld wert. Er machte die Mannschaft zur fittesten des Turniers und verhalf dem Team zu einem fantastischen Mannschaftsklima. Die laufstarken Österreicher begannen mit viel Tempo und setzten schnell die Kroaten unter Druck. Pech nur, dass René Aufhauser gleich in der vierten Minuten ein Foul im Strafraum beging und den schnellsten Elfmeter einer Europameisterschaft verschuldete. Luka Modric erzielte so den Führungstreffer für die Favoriten. Aber Österreich ließ sich nicht unterkriegen. Vor allem der zur Halbzeit eingewechselte Ümit Korkmaz sorgte für Furore. Am Ende ging sich ein Unentschieden nicht aus, aber wäre nicht ganz unverdient gewesen.

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Public Viewing auf Österreichisch – Bergisel, Innsbruck, by Klaus Hagen (Self-photographed) [ CC BY-SA 2.0 de ] via Wikimedia Commons

Im zweiten Spiel gegen Polen kam es zu einigen Änderungen. Unter anderem rutschte Turnier-Überraschung Korkmaz in die Startelf. Es war ein Spiel mit vielen Chancen für Österreich, vor allem Martin Harnik hatte zwei Großchancen, mit denen er das Spiel bereits vorzeitig entscheiden hätte können (Anhänger des VfB Stuttgart werden beim Lesen dieser Zeilen seufzend Nicken). Aber es kam anders. Roger Guerreiro erzielte die 0:1-Führung für Polen aus Abseitsstellung, was dem Linienrichter jedoch erst später auffiel. In der 93. Minute kam es zu einer der bekanntesten Szenen des Turniers. Sebastian Prödl wird im Strafraum zu Fall gebracht, sein weißes Untershirt wird klar sichtbar, nachdem Mariusz Lewandowski ihn durch Trikotziehen hinderte. Ivica Vastic erzielte gewaltvoll – genauer gesagt mit 134 km/h – den Ausgleich für Österreich. Für viele war es ein eindeutiger Elfmeter, nicht so für die Polen. Die Emotionen kochten hoch, Schiedsrichter Howard Webb bekam Morddrohungen, sogar von Polens Ministerpräsident Donald Tusk:

Ich wollte jemanden umbringen, wie alle Polen. Jeder kann sich denken, wen ich meine.

Für die Österreicher reichte der Punkt nicht. Man hätte dieses Spiel gewinnen müssen. Ganz nach „hätt i, war i“ (österreichische Redewendung „Hätte, wäre, wenn“) hätte Österreich somit bereits schon vier Punkte haben müssen. Aber der Fußballgott wollte ein Entscheidungsspiel. Wie damals in Cordoba. Erneut Deutschland. 30 Jahre später.

Österreich kämpfte hart, so auch Deutschland. Beide Mannschaften hatten einige Chancen, aber das Spiel wurde durch einen Fehler von Torwart Jürgen Macho entschieden. Er stellte die Mauer nicht richtig und ermöglichte es so Michael Ballack seinen berühmt gewordenen, gewaltvollen Freistoß ins lange Eck zu knallen. Es sollte das einzige Tor des Spiels bleiben und erneut hätte man mehr aus dem Spiel machen können. Zurückblickend muss man sagen, dass fünf Punkte drin gewesen wären, am Ende war es jedoch trotzdem nur ein Punkt und ein Tor. Der einzige Gewinner war Torschütze Ivica Vastic, ältester EM-Teilnehmer mit fast 39 Jahren. Eine Brauerei, Sponsor der österreichischen Nationalmannschaft, garantierte jedem Spieler, der ein Tor bei der EM erzielte, Bier bis ans Lebensende. Aber auch die jungen Talente Österreichs, die durch das Projekt „Challenge 08“ – später „Projekt 12“ in Vorbereitung der EM 2012 – gefördert wurden, können sich als große Gewinner bezeichnen.

Dominanz ohne Konzept

Zurück zum Vereinsfußball: Es musste sich was ändern bei Red Bull, die Bullen sollten attraktiver spielen. “Mehr Offensivfußball wagen”, hieß die Devise. So wurde Co Adriaanse als neuer Trainer vorgestellt. Aber auch er schaffte es nicht die Bullen in die Champions League zu bringen, geschweige denn in die Europa League. In der Saison 2008/09 schaffte es kein einziger österreichischer Verein in den Europapokal. Mit dem Neutrainer kamen viele Holländer nach Salzburg und auch der Offensivfußball, von dem viele Spieler profitieren sollten – vor allem Marc Janko. Der großgewachsene Stürmer erzielte in den ersten 19 Spielen unglaubliche 30 Tore und stellte damit einen neuen Bundesliga-Halbzeitrekord auf. Am Ende reichte es zwar nicht für einen Torrekord, doch immerhin für beeindruckende 39 Saisontore. Trotz erfolgreichen und offensiven Fußballs und dem zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte wurde Co Adriaanses Vertrag nicht verlängert. Ersetzt wurde er durch Huub Stevens und darüber hinaus Dietmar Beiersdorfer als Sportdirektor verpflichtet.


Marc Janko | ALLE 39 TORE der Saison 2008/2009 von 1985bestyear

Defensive, Offensive, nun wieder Defensive. Es schien als würde den Salzburgern ein Konzept fehlen. Die Form mancher Spieler schwankte stark, was natürlich auch durch die unterschiedlichen Spielstile der Trainer bedingt war. Zudem hatte man viele polarisierende Charaktere wie Somen Tchoyi, Leonardo und Johan Vonlanthen im Kader, die eher abseits des Spielfelds für Schlagzeilen sorgten. Stevens war dennoch erfolgreich. Vielleicht lag das auch einfach daran, dass 2009/10 der Fußballgott dem österreichischen Fußball wohlgesonnen war. Die Saison 2009/10 war die Österreich-Saison schlechthin. Austria Wien qualifizierte sich für die Europa League nach einem 2:3-Sieg gegen Metalurg Donezk durch ein Freistoßtor aus 30 Metern von Emin Sulimani in der 115. Minute. Rapid Wien schlug Aston Villa aufgrund der Auswärtstorregel mit 2:2. Sturm Graz schlug Metalist Kharkiv mit 2:1 und Red Bull Salzburg scheiterte in der Champions League-Qualifikation an Maccabi Haifa. Vier österreichische Teams in der Europa League, eigentlich schon Überraschung genug, aber die vier schlugen sich auch noch richtig gut. Red Bull Salzburg und Rapid Wien brachen alle Zuseherrekorde des österreichischen Fernsehens. Rapid schlug am ersten Spieltag den HSV mit 3:0 und holte ein 1:1 gegen Celtic Glasgow, in Wien sogar ein 3:3-Unentschieden gegen Celtic. Am Ende schied man dennoch mit 5 Punkten am letzten Platz aus. Sturm Graz hatte mit Galatasaray, Panathinaikos und Dinamo Bukarest auch keine einfache Gruppe, aber auch sie wussten zu überzeugen und holten gegen Galatasaray ein Unentschieden und gewannen in Graz sogar mit 1:0 gegen die Türken. Am Ende landete man mit vier Punkten ebenso auf dem letzten Platz. Austria Wien hatte Werder Bremen, Athletic Bilbao und Nacional Funchal in der Gruppe. Während man gegen die Portugiesen noch einen Punkt holen konnte und auch gegen die Bremer trotz guter Leistung nicht mehr als ein 2:2 erreichte, schied man mit 2 Punkten wiederum als Gruppenletzter aus. Red Bull Salzburg hingegen war die Überraschung schlechthin. Die Salzburger wurden in der Gruppe mit Villarreal, Lazio Rom und Lewski Sofia Gruppensieger und stellten alle in den Schatten. Im Sechzehntelfinale war gegen Standard Lüttich jedoch leider Endstation. Ein Tausend-Gulden-Schuss von Igor de Camargo erlegte die Roten Bullen und brachte die Belgier ins Achtelfinale.

Es war klar, dass es nach einer solchen Saison viele Abgänge geben würde. Bei Red Bull Salzburg wechselte Marc Janko für 7 Millionen Euro zu Twente und Somen Tchoyi verließ die Bullen für 3 Millionen Euro zu West Brom. Bei der Wiener Austria wechselte Aleksandar Dragovic zum FC Basel und die Altstars Milenko Acimovic und Jacek Bak hängten ihre Schuhe an den Nagel. Bei Rapid wechselte Nikica Jelavic für 4,9 Millionen Euro zu den Rangers nach Schottland und Branko Boskovic zu DC United in die USA. Und bei Sturm Graz Jakob Jantscher zu Red Bull, Mario Sonnleitner zu Rapid und Daniel Beichler zur Hertha nach Berlin.

Aber auch die darauffolgende Saison war ein tolles Jahr für Österreich. Es war wie ein Déjà-vu. Red Bull Salzburg traf erneut auf einen israelischen Verein. Und erneut schied man aus der Champions League-Qualifikation aus und trat in der Europa League an. Es schien so, als solle es einfach nicht sein. Red Bull Salzburg war in der Saison 2010/11 nicht die einzige österreichische Mannschaft die sich für die Europa League qualifizieren konnte. Während die Austria mit Pech mit 2:1 an Aris Thessaloniki scheiterte, verlor Sturm Graz mit 1:3 gegen Juve. Ähnlich wie Red Bull Salzburg kam es auch für Rapid zu einem Déjà-vu. Wie bereits in der vorigen Saison trafen die Grün-Weißen auf Aston Villa, aber auch dieses Mal hatten die Wiener die Nase vorne und warfen die Engländer mit 4:3 aus dem Turnier. In der Gruppenphase war aber für beide Vertreter weniger zu holen. Red Bull traf mit Manchester City, Juventus Turin und Lech Posen auf sehr namhafte Gegner und schied mit nur zwei Punkten als Gruppenletzter aus. Auch Rapid, die es mit Porto, Besiktas und ZSKA Sofia zu tun hatten, strichen als Gruppendritter mit nur drei Punkten die Segel.

Trotz der nationalen und internationalen Erfolge der letzten Jahre wurde Huub Stevens bei Red Bull Salzburg entlassen. Jara, Trapattoni, Adriaanse, Stevens, nun Moniz – die Liste war lang, ein wirkliches Konzept nicht zu erkennen. Anfangs schien es, als würde man versuchen, den holländischen Fußball zu imitieren, was jedoch nie wirklich gut gelang. Hinzu kamen Querelen mit Problemkindern wie Leonardo, der sich immer wieder mit Spielern oder Trainern anlegte, nicht zu Trainingseinheiten erschien oder auf dem Spielfeld auffiel und deshalb immer wieder aus dem Kader geworfen wurde.

Roger Schmidt macht Red Bull salonfähig

2012 wurde einiges geändert. Ralf Rangnick wurde als neuer Sportdirektor vorgestellt und es wurde ein Trainer aus der 2. deutschen Bundesliga verpflichtet. „Einer von Paderborn …“. Die Erwartungen waren nicht unbedingt hoch. Einer von vielen. Man fühlte sich als Österreicher auch schnell bestätigt, spätestens nach der blamablen Niederlage gegen F91 Düdelingen. Roger Schmidt hatte nicht den besten Einstand. Für ihn und Ralf Rangnick war klar: Es fehlt an Qualität in der Offensive. Während alle eingesetzten Defensivspieler auch später unter Schmidt eine wichtige Rolle spielten (Schwegler, Ilsanker, Hinteregger, Ulmer) wurden bis auf Leitgeb alle Spieler im Mittelfeld und im Angriff ausgetauscht. Wenig später folgten die ersten Neuzugänge, Abgänge und Abänderungen. Das Spiel der Salzburger wurde komplett verändert, viel Geld wurde in den Kader investiert um den Traum „Champions League“ endlich wahr werden zu lassen.

Aber auch im nächsten Sommer wollte es nicht klappen. Nach einer tollen Führung gegen Fenerbahce Istanbul endete das Spiel mit Pech 1:1, im Rückspiel in der Türkei wurden die Salzburger mit 3:1 nach Hause geschickt. Wie 2009 wurde man ungeschlagen Gruppensieger in der Europa League und schaffte es ins Sechzehntelfinale, wo man Ajax Amsterdam mit einem Gesamtscore und der womöglich besten Leistung der gesamten Red Bull-Ära mit 6:1 ausschalten konnte. Im Achtelfinale wartete der FC Basel, denen man in der Schweiz ein 0:0 abknüpfen konnte. Das Spiel in Salzburg war jedoch ein großes Streitthema. Zuerst sah Suchy vom FC Basel in der 9. Minute eine Rote Karte, wodurch Red Bull Salzburg groß aufspielen konnte und wenig später auch in Führung ging. Doch dann kam es zu Ausschreitungen. Schweizer Fans zündeten Bengalos, warfen Gegenstände und bedrohten Fans. Das Spiel stand vor dem Abbruch, aber nach Unterbrechung wurde das Spiel fortgesetzt. Die Salzburger kamen aus dem Rhythmus und so nutzten die Schweizer ihre Chance für zwei schnelle Tore und drehten das Spiel. Red Bull Salzburg schied mit 1:2 aus.

Roger Schmidt wurde dennoch vom Fehlstart-Trainer zum heimlichen Star der Salzburger. Er wurde Sympathieträger der Fans, ein angesehener Mann in Österreich und trug zu einem besseren Ruf der Bullen und des österreichischen Fußballs bei. Er blieb bis Mai 2014 Trainer und holte das Double aus Meisterschaft und Pokal zusätzlich zum beachtlichen Abschneiden in der Europa League.

Seit der Übernahme durch Red Bull dominiert Salzburg den österreichischen Fußball – das Team sammelte seit 2005/06 sechs Meistertitel, vier 2. Plätze und drei ÖFB-Cups. Die Dominanz ist nicht verwunderlich, ob der finanziellen Möglichkeiten des Red Bull Teams. In der Saison 2013/14 investierte Salzburg 41 Mio. Euro für Personalkosten – das entspricht in etwa dem Schnitt in der Bundesliga in der gleichen Saison. Austria Wien, die Salzburg 2014 auf den 2. Platz verweisen konnten, gab lediglich 18 Mio. Euro für sein Personal aus.

Umdenken in Salzburg?

Doch die Bullen verspielten ihren Vorteil. Nach Sadio Mané verließen auch Kevin Kampl, Alan, Stefan Ilsanker, Andre Ramalho und die beiden geliehenen Massimo Bruno und Marcel Sabitzer den Verein. Bis auf Jonathan Soriano, der sich zu einem der Lieblinge der Liga entwickelte, verloren die Bullen ihre gesamte Offensive bis zum Start der laufenden Saison. Zwar nahm Salzburg dadurch auch viel Geld ein, aber sportliche Qualität ging spürbar verloren. Als Ersatz wurden keine Stars gekauft, sondern junge, talentierte Spieler.

Es scheint, als würde Red Bull Salzburg einen neuen Weg gehen wollen. Trainer Adi Hütter verließ seiner Aussage nach aufgrund dieser Neuausrichtung den Verein. Er wurde durch Liefering-Trainer (das Amateur-Team der Bullen) Peter Zeidler ersetzt. Von offizieller Seite ließ Red Bull nichts über ein neues Konzept verlautbaren, doch es scheint, als sollten sich die Spieler von nun an amortisieren: Spieler teuer verkaufen und durch talentierten Nachwuchs ersetzen.

Und tatsächlich. Die Bullen haben einige sehr gute Spieler in einem nahezu komplett neu zusammengestellten Team. Mit neuem Trainer und vielen jungen, unerfahrenen Teenagern konnten Kampl & Co. bisher nicht vergessen machen. Der Druck ist groß, die Aufgabe schwer – Red Bull Salzburg hat gravierende Startprobleme.

Nachdem man im Vorjahr in der Champions League-Qualifikation mit Pech an Malmö scheiterte, traf man auch dieses Jahr ironischerweise auf die Schweden. Zuhause konnten die jungen Salzburger die Schweden mit 2:0 besiegen, doch die unerfahrene Mannschaft verlor im Rückspiel die Nerven und musste sich mit einem 3:0 vom Traum „Champions League“ verabschieden.

Besser lief es indes in Wien. Rapid machte das Unmögliche möglich und besiegte in der Champions League-Qualifikation Ajax Amsterdam – um später doch knapp an Shahktar Donetsk zu scheitern, womit es für die Hütteldorfer in die Europa League ging. Großen Anteil an der positiven Entwicklung haben die jungen Louis Schaub und Philipp Schobesberger, Kapitän Steffen Hofmann sowie Stürmerstar Robert Beric, der die Wiener jedoch nach der gescheiterten Champions League-Qualifikation Richtung St. Etienne verließ.

Auch beim Rivalen Austria Wien, wo im Sommer Thorsten Fink das Ruder übernahm, hat man einen Umbruch gemeistert. Gott sei Dank muss man sagen, denn eigentlich wollten die Veilchen Felix Magath holen. Doch aufgrund zu hoher Gehaltsforderungen scheiterten die Verhandlungen. Zwar braucht die Austria noch etwas Zeit, doch man ist auf einem guten Weg wieder zu einem der Top-Vereine in Österreich zu werden.

Doch ein großes Problem macht den Österreichern Sorgen: Red Bull Salzburg, Austria Wien, Rapid Wien, Sturm Graz, Wolfsberger AC – das neue Aushängeschild Kärntens und Sympathieträger der Liga, die SV Ried mit einer fantastischen Jugend, Altach – die ein Konzept auf die Beine gestellt haben langfristig der beste Verein in Vorarlberg zu werden, die Admira mit Kultstatus, Aufsteiger Mattersburg mit einem tollen, jungen Kader und die Grödiger, die eigentlich keiner in der Liga haben will, aber derzeit fantastisch in Form sind… Die Liga bietet nur Platz für 10 Vereine, bis auf Red Bull und Rapid ist der Rest der Liga bisher im Mittelfeld, nach den Spitzenplätzen beginnt direkt der Abstiegskampf. Planungssicherheit sieht anders aus. Und selbst die nachkommenden Vereine – derzeit spielen Wacker Innsbruck und der LASK um den Aufstieg – sind traditionsträchtige Vereine mit vielen Anhängern, doch jährlich muss ein Team runter. Die Debatte um ein neues Ligasystem hält sich seit Jahren, doch weiterhin gibt es keine Änderungen.

Ein Achtungserfolg auf internationaler Ebene

Doch es gibt auch Grund zur Freude: Ohne eine einzige Niederlage und mit nur einem einzigem Unentschieden haben sich die Österreicher als Tabellenerster in ihrer Gruppe vor Russland und Schweden zum ersten Mal sportlich für eine Europameisterschaft qualifiziert. Das letzte Mal war Österreich 2008 bei einem Großevent vertreten, damals nur als Gastgeber. Zuvor hatte man sich zuletzt für die Weltmeisterschaft 1998 qualifiziert, 18 Jahre später wird man wieder nach Frankreich reisen. Den größten Anteil daran hat Teamchef Marcel Koller. Der Schweizer übernahm die Österreicher im November 2011 als die Nationalmannschaft zwischen Platz 70 und 80 der Weltrangliste herumgurkte. Im öffentlich-rechtlichen ORF gab es sogar einen runden Tisch mit „Experten“ die über die hitzige Trainer-Entscheidung debattierten.

Der Schweizer wurde zum Publikumsliebling, machte die Nationalmannschaft zu solch einem Trend, dass Länderspiele inzwischen binnen Minuten ausverkauft sind, verbesserte die Stimmung in der Mannschaft und stellte ein Team zusammen, dass seit 2014 ungeschlagen blieb.

Wenn da nicht das unnötige Testspiel gegen Brasilien gewesen wäre…Österreich landete deswegen nur in Topf 2 für die Auslosung zur WM-Qualifikation 2018 und ist deswegen auch nicht in den Top 10 der FIFA-Rangliste. Dennoch: Die Österreicher rangieren derzeit in ungeahnten Höhen und sind ein toller Tipp für die Europameisterschaft.

Marcel Koller - vom Klinkenputzer zum gefragten Trainer

Die letzten beiden Spiele gegen Montenegro und Liechtenstein konnte Österreich ebenfalls gewinnen und musste in den 10 Quali-Spielen letztendlich nur einen Punktverlust durch ein Unentschieden hinnehmen.

Doch der Erfolg bleibt niemandem verborgen. Marcel Koller wurde zum Objekt der Begierde für namhafte Vereine auf Trainersuche. Aber wenn Koller selbst seiner Schweizer Heimat inzwischen zweimal abgesagt hat, weil er sich beim ÖFB so wohl fühlt, bleibt zu hoffen, dass er auch anderen Versuchungen widersteht.

Die ÖFB-Auswahl steht damit so gut da, wie lange nicht mehr und hat Österreich, zusammen mit den vielen im Ausland aktiven und aus der verbesserten Jugendarbeit hervorgegangenen Jugendspielern wieder auf die internationale Fußballlandkarte gebracht.

Die heimische Bundesliga profitiert von diesen Entwicklungen kaum. Der Vereinsfußball liegt am Boden. Viele Vereine haben finanzielle Probleme, die infrastrukturelle Entwicklung kommt erst langsam in Gang und die Zuschauerzahlen sind weiterhin niedrig. Und das obwohl Wien nach Berlin auf Platz zwei der deutschsprachigen Städten mit den meisten Einwohnern liegt – weder Rapid noch Austria haben auch nur annähernd einen Zuschauerschnitt von 15.000 – 25.000. Die Vielzahl an Dorfvereinen bzw Neuvereinen in Österreich trägt nicht gerade zur Attraktivität der Bundesliga bei. Auch der wirtschaftliche Gedanke mit der Entwicklung junger Spieler Geld durch Transfererlöse zu verdienen, wurde erst vor wenigen Jahren “entdeckt”. Während man früher einen Starspieler so lange genoss, bis er ablösefrei den Verein verließ, werden sie nun an den Höchstbietenden verkauft. Doch die Entwicklung in den letzten 2-3 Jahren lässt uns Österreicher hoffen. Bei Rapid und Austria Wien werden die Stadien derzeit erneuert und damit zeitgemäße Infrastruktur geschaffen. Falls das Ligasystem reformiert wird, kann man womöglich schon bald in eine bessere Zukunft blicken.

Saison Meister Vize Torjäger Größter Transfer
97/98 Sturm Graz Rapid Wien Geir Frigård (23) Alex Manninger zu Arsenal (1,5 Mio.)
98/99 Sturm Graz Rapid Wien Edi Glieder (22) Vidar Riseth zu Celtic (2,5 Mio.)
99/00 FC Tirol Innsbruck Sturm Graz Ivica Vastic (32) Mario Haas zu Straßburg (3,1 Mio.)
00/01 FC Tirol Innsbruck Rapid Wien Radoslaw Gilewicz (22) Charles Amoah zu Sturm Graz (3,9 Mio.)
01/02 FC Tirol Innsbruck Sturm Graz Ronald Brunmayr (27) Francisco Rojas zu Sturm Graz (2,7 Mio.)
02/03 FK Austria Wien Grazer AK Axel Lawaree (21) Sigurd Rushfeldt zu Austria Wien (1,8 Mio.)
03/04 Grazer AK FK Austria Wien Roland Kollmann (27) Peter Kabat zu FC Kärnten (0,7 Mio.)
04/05 Rapid Wien Grazer AK Christian Mayrleb (21) Sebastian Mila zu Austria Wien (2,0 Mio.)
05/06 Austria Wien Red Bull Salzburg Sanel Kuljic/Roland Linz (15) Andreas Ivanschitz zu RB Salzburg (4,0 Mio.)
06/07 Red Bull Salzburg SV Ried Alex Zickler (22) Filip Sebo zu Glasgow Rangers (2,5 Mio.)
07/08 Rapid Wien Red Bull Salzburg Alex Zickler (16) Ibrahim Sekagya zu RB Salzburg (2,0 Mio.)
08/09 Red Bull Salzburg Rapid Wien Marc Janko (39) Sebastian Prödl zu Werder Bremen (2,5 Mio.)
09/10 Red Bull Salzburg Austria Wien Steffen Hofmann (20) Erwin Hoffer zu SSC Neapel (5,0 Mio.)
10/11 Sturm Graz Red Bull Salzburg Roland Linz (21) Marc Janko zu Enschede (7,0 Mio.)
11/12 Red Bull Salzburg Rapid Wien Jakob Jantscher/Stefan Maierhofer (14) Nacer Barazite zu Monaco (4,5 Mio.)
12/13 Austria Wien Red Bull Salzburg Phillipp Hosiner (32) Sadio Mane zu RB Salzburg (4,0 Mio.)
13/14 Red Bull Salzburg Rapid Wien Jonatan Soriano (31) Ante Roguljic zu RB Salzburg (2,0 Mio.)
14/15 Red Bull Salzburg Rapid Wien Jonatan Soriano (31) Sadio Mané zu Southampton (15 Mio.)
Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

2 Kommentare

  1. Pingback: #Link11: The Friday One | Fokus Fussball

  2. ich kann’s nitpicken nicht lassen:
    die akademie der wiener austria ist mittlerweile nicht mehr in hollabrunn. die ehemalige austria-akademie ist jetzt trainingszentrum des drittligisten sv horn, der mit einem finanzstarken japanischen investor den angriff auf die bundesliga plant.

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