Jogo Politico

Fußball und Politik in Brasilien

Die Fußball-WM 2014 in Brasilien bot einen Einblick in das Land, welches für das schöne Spiel – jogo bonito – bekannt ist. Dass dabei nicht Alles glänzt, was Gold ist, versucht Rouven Ahl anhand zweier grundsätzlich verschiedener Fußballikonen Brasiliens darzustellen. Zum Einen Pelé, der Strahlemann und dreifacher Weltmeister 1958, 1962 und 1970, der das Gesicht des Turniers war. Zum Anderen Sócrates, der mit Corinthians versuchte, einen Gegenentwurf zur Militärdiktatur zu vorzuleben.

Autor: Rouven Ahl

Eigentlich sollte die Weltmeisterschaft 2014 ein Fest für alle Brasilianer werden. Arme und Reiche, Schwarze und Weiße: dem Fußball wurde dabei schon im Vorfeld eine Rolle zugeschrieben und mit Erwartungshaltungen überfrachtet, die er wohl unmöglich erfüllen konnte; nämlich das Überdecken der sozioökonomischen Spaltung des Schwellenlandes. Letztendlich vertiefte die WM im eigenen Land jedoch nur die bereits vorhandenen Gräben zwischen den verschiedenen Schichten und Kulturen. Und wäre es für die Ärmsten der Armen nicht schon schlimm genug gewesen, dass die Tickets für sie praktisch unbezahlbar waren oder ganze Siedlungen vom Militär zwangsgeräumt wurden, erlitt die Seleção obendrein noch diese epochale 1:7-Niederlage im Halbfinale gegen Deutschland. Wenn schon nicht die Rahmenbedingungen, hätten zumindest die sportlichen Ziele erfüllt werden müssen, um in Brasilien so etwas wie Aufbruch und Euphorie zu erzeugen, nimmt der Fußball innerhalb der Gesellschaft des Landes doch eine gewichtige Stellung ein. Dieser Beitrag betrachtet daher die Rolle des Fußballs, u.a. anhand des Verhaltens zweier brasilianischer Legenden dieses Sports, während eines besonders düsteren Kapitels der brasilianischen Geschichte: der Militärdiktatur von 1964 bis 1985.

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Sócrates 1984 als Redner bei einer Veranstaltung für mehr Demokratie, By Jorge Henrique Singh (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Niederlage gegen Deutschland, diese Demütigung, traf die brasilianische Seele schwer, steht doch wohl kein Land auf dieser Welt so für das „jogo bonito“, das schöne Spiel, wie der südamerikanische Riese. Frei nach dem Motto: Denk ich an Brasilien, denk ich an schönen Fußball. Aus einer stereotypischen Sichtweise betrachtet, hat man Bilder von am Strand kickenden Menschen im Kopf oder kleinen Kindern, die auf den Straßen barfuß spielen und dabei ihren Träumen von einer großen Karriere nachhängen. Dass diese Kinder einfach kein Geld für Schuhe haben, auf den Straßen der bettelarmen Favelas spielen, der Beruf des Profifußballers meist der einzige Ausweg aus dem Elend ist, darüber möchte man lieber nicht nachdenken.

Fußball und Diktatur

Natürlich steht trotz alledem außer Frage, wie sehr dieses Land den Fußball liebt, ihn atmet, ihn schmeckt. Wie sehr er auch Teil des Selbstverständnisses der brasilianischen Kultur ist, wie er in diesem zerrissenen Land eine Kraft entfalten kann, die Menschen der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Hintergründe, sei es Hautfarbe, Einkommen oder politische Gesinnung, zu verbinden vermag. Diese Kraft wurde in der Geschichte Brasiliens jedoch nicht nur für gute Zwecke eingesetzt, sondern auch für dunkle Machenschaften missbraucht. Gerade in Zeiten der Militärdiktatur musste das Spiel zur Einigung der Bevölkerung hinter einem korrupten und brutalen Regime herhalten, zur Identitätsstiftung in einem Land, dem die Identität jenseits von Gewalt, Folter und Verfolgung längst abhandengekommen war.

Bei der Betrachtung dieser Zeit muss man sich von einigen Brasilien-Stereotypen verabschieden. Auch im Hinblick auf das Aushängeschild in Sachen brasilianischer Fußball: dem ewigen Strahlemann Pelé, dessen Rolle während dieser Periode euphemistisch als zweifelhaft bezeichnet werden kann.

Nachdem das Militär 1964 den als zu linksgerichtet empfundenen Staatspräsidenten Joao Goulart mit Hilfe der USA unter Jimmy Carter entmachtete, wurden viele Oppositionelle (Journalisten, katholische Geistliche etc.) verhaftet und verschleppt. Die Unterstützung der USA konnten sich die Putschisten vor allem durch die Behauptung sichern, unter Goulart würde das Land dem Kommunismus anheimfallen. In Zeiten des Kalten Krieges ein absolutes Totschlagargument.[1]

Zu Beginn sollte das Militär nur als Übergangsregierung auf dem Weg zu demokratischen Strukturen fungieren. Lange hielt diese Zielsetzung jedoch nicht vor: bereits 1969 wurde aufgrund der Massenproteste gegen das Regime im vorherigen Jahr die Verfassung verschärft und eine Verantwortung jedes Bürgers für die nationale Sicherheit festgeschrieben. „Dieses Gesetz zeichnete sich vornehmlich durch die Unbestimmtheit der Tatbestände aus und öffnete der willkürlichen Verhaftung Andersdenkender und Oppositioneller Tür und Tor“ so Jürg Ackermann in „Fußball und nationale Identität in Diktaturen“. Verdächtige konnten ohne jegliche Rechtsgrundlage festgenommen, gefoltert oder ermordet werden. Es begannen die sogenannten „anos de chumbo“, die bleiernen Jahre der Diktatur.[2]

Besonderes Augenmerk richtete das neue Regime natürlich auf den Fußball. „Diktaturen benützen den Fußball, weil er ein Wir-Gefühl erzeugt und als Kulturform gilt, in der Widerstand schwer darstellbar ist“, schreiben Ursula Putsch und Enrique Rodrigues-Moura in ihrem Buch „Brasilien. Eine Kulturgeschichte“. Die Militärs wussten um die kulturelle Kraft des Fußballs, die dafür sorgte, dass sogar Regimegegner Siege der Seleção und somit auch Siege für das Regime, frenetisch bejubelten.[3]

Das schlechte Abschneiden Brasiliens während der Weltmeisterschaft 1966 in England war diesem Zweck daher natürlich nicht förderlich. Ganz im Gegenteil: nach dem Superstar Pelé das Turnier verletzungsbedingt beenden musste, hatte die überalterte Mannschaft keine Chance mehr und schied bereits in der Gruppenphase sang- und klanglos aus. Diese heftige Enttäuschung schlug schwer auf das nationale Gemüt. Besonders betroffen zeigten sich die Menschen, die bereits eh unter dem Regime zu leiden hatten. Selbstmorde, Nervenzusammenbrüche, Fahnen auf Halbmast, Trauerflors an Türen waren die stärksten Ausdrucksformen des Leidens der Nation.[4]

Die Reaktion auf die sportliche Enttäuschung beinhaltet einen wichtigen Aspekt, wenn es um die Rolle des Fußballs innerhalb einer Gesellschaft geht. Der Sport Fußball transzendiert praktisch zu etwas Höherem, wird mit mehr Bedeutung aufgeladen, als eigentlich vorhanden sein dürfte. Dabei nicht vergessen werden darf die Tatsache, dass der Fußball an sich nichts weiter ist als ein Spiel. Es sind die Menschen, die ihm diese Bedeutung verleihen. Das Spiel Fußball steht Recht, wie Unrecht neutral oder besser gesagt gleichgültig gegenüber. Somit kann man sich praktisch von allen Seiten aus, den Sport zu nutzen machen. Menschen benutzen ihn als Mittel zum Trost in schwierigen Zeiten, der aber, wie beschrieben, auch als Trigger wirken kann, um die schweren Zeiten als noch hoffnungsloser zu empfinden, vor allem dann, wenn der gewünschte sportliche Erfolg ausbleibt. Menschen können ihn als „Opium für das Volk“ missbrauchen, um ihre Interessen durchzusetzen. Der Fußball als Spiel lässt alles mit sich machen. Es sind die Menschen, die diesem Fakt gleichgültig oder kritisch gegenüber stehen können. Womit wir bei einem wunden Punkt wären: wie gehen Fußballer mit ihrer spezifischen Rolle in der Gesellschaft um? Wie beurteilen sie es, wenn der Sport den sie betreiben, innerhalb eines Unrechtsstaates missbraucht wird?

Ein Spiel der Gegensätze: Pelé und Sócrates

Werfen wir daher einen Blick auf das Verhalten zweier brasilianischer Legenden während der Militärdiktatur, welches unterschiedlicher nicht hätte sein können: Pelé und Sócrates. Der letzte von Pelés drei WM-Titeln fiel mit der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko in die Zeit der Militärregierung. Diese überließ im Vorfeld des Turniers nichts dem Zufall. Sie wollten den WM-Titel unbedingt, denn sie erkannten rasch die stabilisierende Funktion des Fußballs innerhalb der Gesellschaft. Im Gegensatz zu vergleichbaren Diktaturen, nahmen die Militärs in Brasilien sehr direkten Einfluss auf das sportliche Geschehen. So verlangte Staatschef General Medici von Nationaltrainer Joao Saldanha die Nominierung seines Lieblingsspielers Dario (Dada). Der politisch eher linksgerichtete Saldanha weigerte sich aber, diesem Befehl nachzukommen. Im Kreis seiner Mannschaft fand er dafür viele Unterstützer. Nur einer schlug sich auf die Seite des Regimes und schwächte damit drastisch die Position seines Trainers in der Öffentlichkeit: Volksheld Pelé. Daraufhin konnte sich Saldanha nicht mehr lange im Amt halten und wurde kurz vor dem Turnier durch Mario Zagallo ersetzt.[5]

Zum Dilemma der Linken und anderer Regimegegner während der WM 1970 schreibt Thomas Fatheuer in „Fußball und Brasilien: Widerstand und Utopie“ folgendes:

„Den Gegner_innen des Regimes fiel es offensichtlich nicht leicht, eine eindeutige Haltung zur Nationalmannschaft zu entwickeln. Viele linke Gruppen hatten die Devise ausgegeben, gegen Brasilien zu halten. Nach übereinstimmenden Aussagen aller Beteiligten hielt dies nur bis zum ersten Tor Rivelinos im Spiel gegen die Tschechoslowakei. Einen gespenstischen Moment lang jubelten Folterer und Gefolterte gleichzeitig für die Nationalmannschaft. Der Fußball – und in der tief gespaltenen Gesellschaft von 1970 wohl nur er – konnte zwar einen solchen Augenblick erzeugen, aber er produzierte keine Einheit oder Versöhnung. Die Folter ging ebenso weiter wie der Widerstand gegen das Regime. Es zeigte sich damit auch, dass die Nationalmannschaft etwas anderes und Größeres repräsentierte als die politische Macht. Der Fußball ist eben nicht die Nation, auch wenn ein Regime sich des Fußballs für seine Ideologie bediente. Und so konnte auch ein Gegennarrativ zur Vereinnahmung der WM 1970 durch die Militärs Bestand haben: dass es ein Kommunist war, der diese Mannschaft aufgebaut und zum Erfolg geführt hatte. In Mexiko konnten die Militärdiktatur und der Kommunismus gleichzeitig siegen.“[6]

Die Weltmeisterschaft wurde aber eben auch zum Triumph des Regimes, das sich dank des Fußballs kurzzeitig sogar an einer der seltenen Momente der Popularität erfreuen konnte. Brasiliens Offensivfußball begeisterte nicht nur das eigene Volk, das durch das rechtzeitig neueingeführte Farbfernsehen hautnah dabei war, sondern die ganze Welt. Nach einem rauschenden 4:1 – Sieg im Finale gegen ein chancenloses Italien, empfing General Medici die Mannschaft in der Hauptstadt Brasilia. Mediengerecht köpfte der Despot einen Ball vor laufender Kamera, erklärte obendrein die Hymne der Seleção zur neuen brasilianischen Nationalhymne. Und Pelé warb damit, dass niemand mehr Brasilien aufhalten könne. Der Superstar musste nun auch keine Steuern mehr zahlen. 1972 wurde Pelé von einem Journalisten der uruguayischen Tageszeitung „La Opinion“ über die Politik seines Landes befragt. Es gebe keine Diktatur, war die Replik von dem vermeintlichen Volkshelden. Brasilien sei ein liberales Land mit einem freien Volk, dessen Politiker wüssten, was für das Volk das Beste sei:

„Unsere Führer wissen, was das Beste für uns ist. Sie regieren uns im Geiste der Toleranz und des Patriotismus.“

Pelé apologetisierte mit diesen Aussagen ein System, das nach der Machtergreifung ca. 50.000 Menschen internierte, wobei ca. 300 Menschen den Tod fanden, viele gefoltert wurden oder ins Exil flohen.[7]

Den Hang, sich auf die Seite der Machthaber und gegen das Volk zu stellen, hat sich Pelé bis heute beibehalten. Im Zuge der Proteste gegen die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die gesellschaftliche Missstände und gravierende Ungerechtigkeiten anprangerten, kritisierte Pelé die Demonstranten und meinte, es sei nun genug protestiert: „Vergessen wir das ganze Chaos, das in Brasilien geschieht, und denken wir daran, dass das brasilianische Team unser Land, unser Blut ist.“ Man sollte also lieber die Mannschaft unterstützen, anstatt sich für Belanglosigkeiten, wie soziale Gerechtigkeit etc. einzusetzen. Ob dieses Verhalten nur von krasser Naivität, die regelrecht an Dummheit grenzt, zeugt oder vielmehr eine zutiefst opportunistische Haltung offenbart, muss wohl jeder für sich entscheiden.[8]

Vielleicht abschließend noch eine Anekdote zu Pelé: 2014 agierte die brasilianische Ikone in seinem Land als Werbebotschafter des Autokonzerns VW. Der Geschäftsführer des Dachverbandes der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner, äußerte sich sehr kritisch über diese Zusammenarbeit: „Der Volkswagen–Konzern sollte sich genau überlegen, wen er als Werbepartner anheuert. Markenbotschafter, die sich mit demokratischen Rechten nicht identifizieren, schädigen das Image von VW.“ Dufner weiter:

„Pelé war ein begnadeter Fußballer, aber was Menschenrechte anbelangt, ist er so sensibel wie Franz Beckenbauer.“[9]

Zum Glück gab und gibt es auch Fußballer, die um ihre Position in der Gesellschaft wissen und diese nutzen, um Dinge zum Positiven zu verändern. Bestes Beispiel hierfür ist einer der brasilianischen Stars der 80er Jahre, Sócrates. Der ehemalige Regisseur der Seleção und von Corinthians São Paulo stellt in Sachen Engagement für den gesellschaftlichen Wandel so etwas wie die Antithese zu Pelés Duckmäusertum da. Gleichzeitig ist Sócrates, aufgrund seiner Alkoholsucht und seines frühen Todes, eine der tragischen Figuren des Fußballs; nicht nur des brasilianischen, sondern des Fußballs allgemein.

Im Jahre 1982 befand sich Brasilien nach Jahren der Unterdrückung endlich im Aufschwung. Die blutige Militärjunta lag in den letzten Zügen. Dies wirkte sich auch auf den Fußball aus. Der damalige Präsident von Corinthians São Paulo Vicente Matheus, ein Anhänger des Regimes, wurde durch den linken Soziologen Adilson Alves ersetzt. Unter ihm und dem Superstar des Teams, Sócrates, begann ein einmaliges Experiment im brasilianischen Fußball: die komplett basisdemokratische Organisation – die „Democracia Corinthiana“. Der Begriff bzw. Slogan wurde dabei von dem jungen Werbefachmann Washington Olivetto entworfen.[10]

„Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Vereinsführung beteiligt“, so beschrieb es Sócrates.

„Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Vereins, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war alles sehr demokratisch.“

Corinthians etablierte sich schnell als ein Sprachrohr der Opposition. Auf den Trikots der Spieler prangten immer wieder Anti-Regime Botschaften, die dadurch in der Öffentlichkeit maximale Aufmerksamkeit erhielten. Der Leitspruch lautete: „Verlieren oder gewinnen, aber immer mit Demokratie.“ Neben dem jungen Stürmer Walter Casagrande, sowie Linksverteidiger und Kommunist Wladimir war es Sócrates, der dieses einmalige Kapitel der brasilianischen Fußballgeschichte prägte. Der Kinderarzt, wegen seines Berufs bekam er den Spitznamen „Doktor“, unterstützte als bekennender Linker zusätzlich ab 1983/84 die „Direitas ja“ – Kampagne für die Direktwahl des Präsidenten, die das Land mobilisierte und Demokratie forderte.[11]

Die „Democracia Corinthiana“ und das Engagement für mehr Demokratie blieb im brasilianischen Fußball leider einzigartig. Sie war weder Teil, noch Anstoß einer größeren Bewegung. So endete sie 1984 vor allem durch den Wechsel ihres Sprachrohrs Sócrates, der enttäuscht vom Scheitern der Direktwahlkampagne (für die entsprechende Gesetzesänderung kam im Parlament keine Mehrheit zustande), nach Italien, zum AC Florenz wechselte.[12]

1985 wurde die Direktwahl des Präsidenten jedoch durchgesetzt. Aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs durch das Ende des sogenannten brasilianischen Wirtschaftswunders, verloren die Militärs immer mehr an Ansehen und Legitimationsgrundlage innerhalb der Bevölkerung. Dementsprechend konnte sich ihr Kandidat bei der Direktwahl nicht mehr durchsetzen. Nach 21 Jahren kam es in Brasilien zum Systemwechsel. Drei Jahre später erhielt das Land eine neue, demokratische Verfassung.[13]

Sócrates kehrte nach nur einem Jahr in Italien 1985 nach Brasilien zurück und spielte fortan für Flamengo. Nach dem Ende seiner Karriere 1989, verdingte er sich als Arzt, Maler, Sänger und blieb vor allem ein politischer, sowie kultureller Quergeist. Seinen Ansichten verlieh er auch weiterhin als Kolumnist und Autor der linken Wochenzeitung „Carta Capital“ Ansehen.[14]

Am 4. Dezember 2011 verstarb Sócrates an den Folgen eines septischen Schocks. Er litt aufgrund seiner Alkoholsucht seit längerer Zeit an Leberzirrhose. Sein Einsatz für mehr Demokratie und gegen Unterdrückung wird, genau wie sein fußballerisches Können, in Brasilien nie vergessen werden.

Pelé ließ sich während seiner aktiven Zeit vom Militärregime und 2014 von der Politik für die Unterstützung einer, aus sozialer Richtung betrachtet, höchst fragwürdigen Weltmeisterschaft instrumentalisieren. Während er die Demonstranten für ihr politisches Engagement kritisierte, hätte Sócrates sie wohl unterstützt. Er setzte sich nicht nur während, sondern auch nach seiner Karriere für soziale Belange und Gerechtigkeit ein. Pelé verkörpert den politisch unkritischen Prototyp eines Fußballers, dessen zahlreiche Epigonen aktuell das Geschäft bevölkern. Sócrates hingegen für den eher seltenen Typ Sportler, der sich seiner Umwelt und deren Missstände gewahr ist und vor allem aktiv versucht gegen diese anzugehen. Pelé ist so gut wie jedem Menschen auf diesem Planeten ein Begriff. Sócrates kennen außerhalb Brasiliens wohl nur die Wenigsten. Was sagt das über den Fußball und vor allem unsere Gesellschaft aus?

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By Sergio Goncalves Chicago [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Fußnoten

[1]Prutsch, U., Brasilien 1889 – 1985: Die Militärdiktatur 1964 -1985: http://www.lateinamerika-studien.at/content/geschichtepolitik/brasilien/brasilien-81.html; Letzter Zugriff am 29. November 2016
[2]Ackermann, J., Fußball und nationale Identitäten in Diktaturen (Berlin: Lit-Verlag, 2011) S. 220-269.
[3]Prutsch, U.; Rodrigues – Moura, E., Fußball, TV und Telenovela: Kultur in der Diktatur, Prutsch, U.; Rodrigues – Moura, E.,(Hrsg.), Brasilien: eine Kulturgeschichte (Bielefeld: Transcript-Verlag, 2013) S. 186 – 191.
[4]Ibid.
[5]Ackermann, S. 220-269; Fatheuer, T., Jogo Bonito – Das Schöne Spiel: Brasilien vom Fußball aus denken. In: Dilger, G.; Fatheuer, T.; Russau, C.; Thimmel, S., (Hrsg.) Fußball und Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hamburg: VSA-Verlag, 2014) S. 48-81; Fatheuer, T., Fußball und nationale Identität. In: Widerständigkeiten im Land der Zukunft: Andere Blicke auf und aus Brasilien (Münster: Unrast-Verlag, 2013)
[6]Fatheuer, Fußball und nationale Identität.
[7]Ackermann, Fußball und nationale Identitäten in Diktaturen, 220-269; Fatheuer, Brasilien vom Fußball aus denken, S. 48-81; Prutsch; Rodrigues – Moura, Fußball, TV und Telenovela: Kultur in der Diktatur, 186 – 191.
[8]Ibid.
[9]Forschungs – und Dokumentationszentrum Chile – Lateinamerika e.V.: Kritische Aktionäre, KoBra und FCDL verlangen von VW fairplay in Brasilien: https://www.fdcl.org/pressrelease/2014-05-12-kritische-aktionaere-kobra-und-fdcl-verlangen-von-vw-fairplay-in-brasilien/; Letzter Zugriff am 29. November 2016
[10]Fatheuer, Thomas: Fußball und nationale Identität, in: Widerständigkeiten im Land der Zukunft: Andere Blicke auf und aus Brasilien. 2013; Franzen, Niklas: http://jungle-world.com/artikel/2014/24/50020.html; Letzter Zugriff am 29. November 2016
[11]Franzen, Niklas: http://jungle-world.com/artikel/2014/24/50020.html
[12]Fatheuer, Brasilien vom Fußball aus denken, S. 48-81; Franzen, Niklas: http://jungle-world.com/artikel/2014/24/50020.html; Letzter Zugriff am 30. November 2016
[13]Klein, N. M., Die brasilianische Wirtschaft (Hamburg: Diplomica-Verlag,2014) S. 6-11.
[14]Franzen, Niklas: http://jungle-world.com/artikel/2014/24/50020.html; Der Spiegel: http://www.spiegel.de/sport/fussball/zum-tode-socrates-doktor-demokratie-geht-vom-platz-a-801608.html, letzter Zugriff am 30. November

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