Ich möchte jetzt einen Spieltag töten!

Fußball ist ein einfaches Spiel, aber es ist alles gesagt und geschrieben worden. Keine neuen Blickwinkel. Versteht jemand, was ich meine?

Autor: Martin, Der Wochenendrebell

Fußball. Eigentlich ein recht einfaches Spiel. Elf Mann auf jeweils einer Seite eines Spielfelds versuchen, einen Ball durch die gegnerische Hälfte hindurch zu befördern, um ihn final in einem etwas über sieben Meter breiten Gehäuse zu versenken. Okay, es gibt zwei oder drei weitere Regeln und Dinge, die man beachten muss. Und Situationen wie Abseits, die komplex genug sind, um später im TV achtundzwanzig Zeitlupen und vierundsiebzig verschiedene Kameraperspektiven zu benötigen, um entscheiden zu können, ob tatsächlich eine Abseitsposition vorlag. 

Aber eigentlich ist Fußball ein einfaches Spiel. Und fast alles ist dazu schon mindestens einmal gesagt worden. Und weil das so ist, wusste ich zunächst nicht, welches Fußballthema außerhalb der Reisen mit meinem Sohn Grundlage dieses Blogposts werden soll. Denn wie bei der Abseitsregel und ihrer Anwendung gibt’s beim Thema Fußball mindestens drei Mal so viele Perspektiven wie verschiedene Kameraeinstellungen bei komplexesten Abseitsentscheidungsfindungen.

Das eigentlich recht einfache Spiel hat eine relativ vielschichtige Art von Betrachtungsweisen, was mich wiederum zu der Hoffnung geführt hat, dass es vielleicht eine Perspektive gibt, aus der heraus noch nicht über Fußball diskutiert und berichtet wurde.

Es gibt den Blickwinkel des Spielers, des Trainers, des Vereinsvorstands, des Sportmanagers oder des Sportdirektors. Es gibt den Blickwinkel des Schiedsrichters, des Stadionbesuchers, des Ordners vom Stadiondienst und den Blickwinkel der Polizei. Den Blickwinkel des Mannschaftsarztes, des Busfahrers, der Trainerfrau und des Intimus-Journalisten der Vereinsführung. Dazu noch den des Intimfeindes des Journalisten, der vielleicht ohne echte Interna aus der Vereinsführung heraus recherchieren muss.

Es gibt unter all diesen Blickwinkelgruppen auch noch einmal unzählige, ganz persönliche Prägungen, die die Perspektive eines jeden einzelnen Blickwinkelgruppenteilnehmers intensiv beeinflussen. Den tendenziell aggressiven Polizisten versus den besonnen Typen, der ein großes persönliches Interesse daran hat, seinen Job aufrichtig und ehrlich auszuführen, zu deeskalieren, statt Machtspielchen auszufechten. Es gibt den heißblütigen Ultra, der sein Leben dem Verein verschrieben hat und dessen Aufopferungsbereitschaft, sein Privatleben praktisch lahmzulegen, von Profifußballspielern selten ausreichend gewürdigt wird. Ihm gegenüber gibt es den gemütlichen Haupttribünenfan, der, vielleicht dem Gruppenzwang geschuldet, fleißig klatschpappt, brav den ein oder anderen fanlebensnotwendigen Artikel, wie z.B. einen BVB-Schnuller oder FC Bayern München-Weißwürstchendosenöffner im Fanshop kauft und eher als Eventfan, Modefan oder eben halt einfach als „kein echter Fan“, beurteilt wird. Es gibt den verantwortungsbewussten Ordner, der seine Aufgabe ganz bewusst durchführt, ohne durch übermäßigen Einsatz von Kleinkariertheit oder fehlendem Einfühlungsvermögen aufzufallen. Und es gibt den Ordner, dem zu Hause die Gattin seit Monaten das Dosenbier entzieht, um seinen Licherspoiler abzubauen, und der dieses Aufmerksamkeitsvakuum als Ordner durch teils fragwürdiges Verhalten kompensiert. Oder den Ordner, dessen Bildungsniveau es vielleicht einfach nicht zulässt, sich gegenüber einem Mensch wie ein Mensch zu verhalten.

Auch moderne Stadionarchitektur hält interessante Blickwinkel bereit.

Auch moderne Stadionarchitektur hält interessante Blickwinkel bereit.

Wie sie sehen, hat das eigentlich recht einfache Spiel eine relativ vielschichtige Art von Betrachtungsweisen, was mich wiederum zu der Hoffnung geführt hat, dass es vielleicht eine Perspektive gibt, aus der heraus noch nicht über Fußball diskutiert und berichtet wurde. Und seit Tagen zermartere ich mir den Kopf darüber. Aus mittlerweile jedem verdammten Blickwinkel betrachten wir dieses doch recht einfache Spiel von elf meist recht talentierten Profifußballern gegen elf weitere ebenfalls meist recht talentierte Profifußballer, die manchmal angeblich mit Herz bei der Sache sind und manchmal dies natürlich nur des Geldes wegen tun. Söldner quasi. Die Berichterstattung nimmt teils ziemlich abstruse Formen an, denn in so mancher Zeitung lese ich recht wenig über die langfristige Strategie eines Sportdirektors z.B. zur Jugendförderung. Oder über wahrheitsgetreue Details zu Vertragsinhalten, vielleicht sogar ganz transparent in einem Doppelinterview von Spieler und Vereinsverantwortlichen. Stattdessen lese ich von Mutmaßungen oder gezielt von Berater oder Verein lancierten Pseudoinfos, sowie wahnsinnig interessanten Neuigkeiten, angefangen bei Badeerlebnissen mit der Cousine und endend bei den immer skurriler anmutenden Statistiken, wie Ballkontakte, gelaufene Kilometer, Heatmaps oder der Anzahl an gewonnenen Zweikämpfen, dabei ist es doch DER EINE Pass oder DER EINE Zweikampf oder DER EINE Ballkontakt, der das Spiel entscheidet.

Selbst wenn ich professionelle Onlinemagazine dazunehme, lese ich kaum Themen mit bedeutsamer, echter Relevanz zum Spiel. Pressemitteilungen, die vor lauter Inhaltsarmut kurz vor der Bedeutungslosigkeit ihr Dasein fristen sollten, werden zu riesigen Breaking News hochgepusht, oder der Inhalt ist vielleicht schon Wochen vorher hinlänglich bekannt gewesen.

Wenn doch sowieso schon der Bezug zum Spiel fehlt, dann würde mich zum Beispiel interessieren, wie sich so ein Social-Media-Beauftragter fühlt, der sich morgens Manuel Neuers Tweets ausdenkt und der in Wirklichkeit heimliches Mitglied der Burschenschaft Gelsenkirchen-Buer ist. Spannend wäre vielleicht auch ein Interview mit einem der Top-Capos der ersten Fußballbundesliga, der dann im Anschluss in einem Interview beurteilen soll, wie die Mannschaft die vorher transparent und deutlich kommunizierten Aufgaben des Trainers umgesetzt hat. Ich finde, diese Art der Betrachtung hätte vielleicht ein klein wenig Aufmerksamkeit verdient. Schließlich ist der Capo ja jemand, der eventuell keine neunzig Minuten später auch die „Trainer raus“-Rufe befeuert. Sein Weg der Meinungsbildung in den letzten neunzig Minuten, mit dem Rücken zum Spielfeld gekehrt, hätte mich doch sehr interessiert.

Auf der Suche nach einem neuem Blickwinkel auf das Spiel und seinen Rahmen hatte ich ursprünglich die Idee für diesen Blogpost einmal mit jemandem zu sprechen, der unmittelbar an einem Stadion mit Wohngebietsnähe lebt, der jeden Pfiff, jeden Laut aus dem Stadion hört, sich aber überhaupt nicht für Fußball interessiert. Der Fußball vielleicht sogar hasst, weil er samstags um die Uhrzeit lieber ganz in Ruhe zu sanften Radioklängen fernab der NDR-Schlusskonferenz sein Auto wäscht. Ich stelle mir das spannend vor. Ihr nicht? Na ja, zumindest wäre es aufregend im Vergleich zu dem spannenden Content, welcher mir als aufgehypte, frisch durchs Dorf getriebene Sau in Vor-, Zwischen- und Nachberichterstattung serviert wird, dessen Inhaltsstoffe sowohl von öffentlich-rechtlichen Sendern, privaten TV-Unternehmen, sowie auch von allen anderen Sendern, Zeitungen und Magazinen so oft durchgekaut wurden und alle notwendigen medialen Verdauungsorgane durchlaufen haben, um dann final am Sonntagvormittag auf den mit Krombacher gedeckten Tisch geschissen zu werden. Zumindest in diesem Kontext wäre das Interview mit dem Fußballhasser mal frischer, fäkalfreier Input. Für mich ganz persönlich zumindest.

Versteht jemand, was ich meine? Fußball ist ein einfaches Spiel, aber es ist alles gesagt und geschrieben worden. Keine neuen Blickwinkel.

Vielleicht lassen sich ja wenigstens bestehende Störfaktoren beheben?
Ich verlange ja noch nicht einmal, dass jeder seinen Blickwinkel ändert. Das will ich gar nicht. Wenn der Polizist eine aggressive Grundeinstellung hat, juckt mich das nicht. Wenn der Fan neben mir im Stadion Quizduell spielt, ist mir das völlig egal. Wenn ein Erwachsener Mensch die Zahl 1860 nicht aussprechen mag und diese stattdessen nur 1859+1 nennt, dann darf ich das albern finden, aber es beeinflusst nicht meinen Genuss.

Es ist für mich nicht im geringsten wünschenswert, jemanden zu bitten, seine Verbundenheit zum Spiel aus seiner Perspektive heraus anders darzustellen und auszuleben, als sein Herz und sein Verstand ihm das sagt. Ganz im Gegenteil. Ich will diese Vielfalt. Ich will bunte Kurven und Geraden. Demonstrierte Meinungsvielfalt, die mir vielleicht auch hilft, mich deutlicher oder auch genauer zu positionieren.

Ich will kein durchweg uniformiert besetztes Stadion mit ganzheitlichem Rundumversorgungsprogramm, welches nach Plan vorgibt, wann ich Konfetti hoch zu schmeißen habe, ohne dass im gleichen Stadion jemand keinen Platz findet, der, ganz in sich gekehrt, hoch konzentriert und angespannt, aber mit keinem Fetzen weniger Leidenschaft und Herzblut, das Spiel genießt. Jeder, wie er es mag. Mal abgesehen von diesen Drecksnazis, die meinen oder deinen Verein, meinen oder auch deinen Fußball für ihre Zwecke missbrauchen. Verpisst euch einfach.

Das Einzige was ich mir noch wünschen würde, ist, dass jeder von euch seinen Blickwinkel gelegentlich mal überprüft. Seid ihr mit eurem Verhalten, mit eurem Auftreten, tatsächlich in einer so göttlichen Runde, dass es mindestens an Nonkonformität grenzt, sich anders zu verhalten, und ihr daher ausreichend Anlass habt für die Einleitung indoktrinierender Maßnahmen und vorschnelle Urteile zu der Wertigkeit eines Fans? Ist euer Schweigen bei rassistischen Zwischenrufen nicht auch als stille Zustimmung zu interpretieren? Befeuert ihr nicht selbst die Hemmungslosigkeit der Designabteilungen großer Sportartikelhersteller, wenn ihr ihnen in tausenden geposteten Fotos von und Kommentaren von und zu Trikot-„Fehltritten“ die Aufmerksamkeit schenkt, die sonst wertvollen Werbeetat verbrauchen würde?

Ich habe meine Probleme mit Gruppierungen, die mich ihre Erhabenheit spüren lassen. Ich solle mich freuen, das Interview mit Spieler X lesen zu können oder mit Fan Y das Stadion teilen oder mit ihm in der gleichen Kurve zu sitzen oder stehen zu dürfen. Schwierig machen es dann auch völlig zusammenhanglose Interpretationen, die man vermehrt in sozialen Medien lesen kann, was der Spieler eigentlich damit sagen will. Beschwert er sich, dass er keine Einsätze bekommt, ist er ein Quertreiber. Erträgt er still die Bank, hat er keinen Biss.

Du als Fan, Zuschauer oder Konsument kannst ja alle Schiedsrichter hassen, aber schreie es mir nicht ins Ohr, weil du zusätzlich deine Frustration über die vermeintlich ausländische Herkunft des Mannes in schwarz loswerden möchtest. Bei dir als Gruppe oder Einzelperson kann ich eine relativ klare Grenze zu dem ziehen, was inakzeptabel ist, was ich wiederum nicht in allen Fällen so behaupten kann. Darf man heute „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht“ singen, oder ist das ein Aufruf zur Sachbeschädigung und Vandalismus und wird strafrechtlich verfolgt? Man weiß es nicht, bzw. man weiß es eigentlich schon, und trotzdem werden Fangesänge harmloserer Art schon mal hypersensibel schnell in die Ecke der schweren Diskriminierung gestellt. Es ist nicht einfach als Fußball-Fan.

Du, als Profifußballer, kannst ja von deinem Berater oder nach dem 14-tägigen Interviewtraining genaueste Instruktionen bekommen haben, um in Interviews zum dutzendsten Mal die gleichen Floskeln rauszuhauen. Oder du führst dein Leben weniger als Profisportler mit Anstand und Niveau, sondern als effektiv Geld verdienendes Produkt, dessen Dank an seine treusten Fans regelmäßig über soziale Medien von findigen Mitarbeitern in Super-Super-Gewinnspielen verbreitet wird. Die richtig guten Social-Media-Heros arbeiten dann mit so cool-hippen Agenturen, die herzzerreißende, anteilnahmsvolle und haarscharf analysierte Statements liefern, wie:

„Hey Fans! Heute war mehr drin, aber euer Support war wie immer der Wahnsinn. Ihr hättet es verdient, dass wir gewinnen, aber wir konnten heute unsere Leistung auch mental nicht hundertprozentig abrufen. Wir müssen jetzt von Spiel zu Spiel denken, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass da nächste Woche eine andere Mannschaft……. blablabla………………. Ihr seid die Besten! Kauft auch jetzt meine neuen Nike X5734 Fußballschuhe in der ProX2015 Edition, die es zur optimalen Gegnerverwirrung auch in den unterschiedlichen, hippen, meist unauffälligen Signal-Trendfarben gibt.“

Immerhin setzt das Maßstäbe in Sachen PR-Limbo, aber selbst für den allerletzten Fan-Zombie dürfte da doch klar sein, wie der Hase läuft. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Es ist doch ein recht einfaches Spiel! Ich will ja gar nicht wissen, ob und wann ein Spieler mit welcher Freundin von welchem Mitspieler geknickknackt hat, ich will nicht wissen, wer in der Umkleidekabine der DJ ist und mit welcher Musikrichtung er vor oder nach dem Spiel die Herzen seiner Mitspieler erobert. Sagt dann lieber einfach gar nichts mehr. Das ist besser als dieses allgemeine Gelaber. Vielleicht hören dann auch Medien auf, das Ankommen eines Busses live zu zeigen oder mich über den Speiseplan des Teams zu informieren. Meine Fresse.

Du, als Liebhaber des Spiels, darfst auch der echte Fan sein. Also so der richtig echte. Nicht so ein halber oder ein falscher. Du darfst dein Fan-Leben genau so leben, wie es im Grundgesetzbuch für Fansein von dir oder deinen Urahnen gesetzlich verankert wurde. Das ist o.k. so. Und du bist der Einzige, der es richtig macht. Auch deine Perspektive möchte ich nicht ändern. Ich möchte überhaupt keine Perspektive ändern, denn ich habe ein wenig Bauchschmerzen damit, wenn es Gruppen gibt, die den eigenen Blickwinkel nach außen hin als den einzig korrekten Weg darstellen. Mir ist dabei letztendlich sogar egal, ob der Weg tatsächlich korrekt ist oder nicht. Ich habe grundsätzlich nur das Problem, dass ich Gruppen, gleich welcher Art, gleich welcher Größe, die ihre Perspektive als die einzig richtige erachten, für äußerst problematisch halte. Besonders problematisch ist es übrigens, wenn es sich um Gruppen handelt, die völlig grundlos eine andere Gruppe und ihre Perspektive in ihrem Dasein attackieren, behindern oder sie stören bei dem, was sie tun.

Natürlich wäre es schön, wenn es Spieler geben würde, die nur sagen, was sie denken und nicht das, was sie glauben, was der Fan oder auch der Trainer jetzt hören muss und möchte. Wenn, dann würde mich aber nur die Meinung oder die Einschätzung von Pep Guardiola selbst interessieren, warum seine Deutschkenntnisse nach so fulminantem Start sich doch scheinbar recht kläglich weiter entwickelt haben oder was sich Bremer Amateurspieler beim Jubeln wirklich gedacht haben oder eben warum es heute im Spiel nicht funktioniert hat, die Strategie des Trainers umzusetzen.

Egal welche Information, aus erster und einziger Quelle würde ich sie aufsaugen. So viel Leidenschaft ist dann wohl doch noch da. Da habe ich dann auch überhaupt keine Probleme damit, mich in hemmungsloser Reizüberflutung zu verlieren. Wenn Spieler X persönlich erzählt, mit welcher Spielergattin er verkehrte, oder wer nach dem Spiel welche Musik auflegt. Ganz im Gegenteil. Es gäbe der Nachberichterstattung eine wohlige Erfrischung, wenn Spieler X seine schwache Leistung mit dem außerehelichen Verkehr der Gattin von Spieler Y entschuldigt. Es müsste sich allerdings bei ihm schon auch um einen der beiden Teilnehmer des erotischen Stelldicheins gehandelt haben. Oder wenn sich ein Spieler in einem Interview noch weit vor der Mixed Zone, direkt am Spielfeldrand, äußert und als Besserungsmaßnahme für das nächste Spiel angibt, er freue sich jetzt erst einmal darauf, mit den anderen Jungs in der Kabine das neue Helene-Fischer-Album durchzuhören.

“Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.”

Karl Valentin (1882 – 1948)

Lacht nicht, ich meine das ernst. Das ist nicht die Art und Weise, wie ich möchte, dass sich ein Spieler äußert. Aber das, was ich möchte, darf ein Spieler vielleicht heutzutage gar nicht mehr äußern oder kann sich gar nicht mehr nach außen so darstellen, von daher wären mir diese Aussagen zwar nicht wichtig, aber interessanter als der gesamte Einheitsbrei, der da mittlerweile verwurstet wird. Es hätte etwas Erfrischendes. So aus erster Hand, frei von jeglichen Spekulationen.

Letztendlich geht es aber um die Perspektive und um meinen ganz persönlichen Wunsch, in meiner Art und Weise, Fußball zu sehen, zu fühlen oder zu konsumieren, in Ruhe gelassen zu werden. Ich will niemanden in seiner Art der Zuneigung zum Fußball ändern.

Aber es ist ja auch nun mal so, dass, wenn der Aggro-Proll, gleich welcher Gruppe, sein Gewaltpotential an einer Mauer oder an einem Punchingball los wird, wir gruppenübergreifend, gleich in welchem Lager, schon mal einen gehörigen Schritt weiter wären.

Dies ist kein „Ich fühl mich nicht sicher im Stadion“-Hilferuf, bevor dies von dieser Blickwinkelbetrachtungsgruppe zum Zwecke der Propaganda instrumentalisiert werden kann. Ich fühle mich sehr sicher im Stadion, aber ich habe trotzdem überhaupt keinen Bedarf, dem Schauspiel von angestautem Aggressionspotential beizuwohnen, und hasse es wenn das Stadion für diese Zwecke instrumentalisiert wird. Warum im Stadion? Es ist doch nicht zu viel verlangt, sich andernorts zu treffen um sich gegenseitig recht hohle Köpfe einzuschlagen. Gerne auch recht rechte Hohlköpfe.

Ich möchte dieses Spiel einfach genießen, ohne vom Stadionsprecher semiinteressante Spielinformationen um die Ohren geschlagen zu bekommen, da sie final mit einer doppelt so lauten, verwirrend-krank fußballaffinen Marketingbotschaft präsentiert werden:

„Was ein Drecksspiel. Waschen sie ihr Auto in der Autowaschanlage von Aral“.

Ich wehre mich ja schon so oft wie möglich gegen die feindliche, böswillige Zerstörung meines Blicks auf ein Spiel, indem ich der Halbzeitunterhaltung und dem Spiel-Vorgeplänkel fernbleibe, und zur Nachberichterstattung nur noch sehr wenig Medien konsumiere. Ich möchte mich nicht mit gewürfelten Noten auseinandersetzen müssen oder dem Geheule über eben diese Noten in sozialen Netzwerken beiwohnen.

Medien, die über den aufopferungsvoll kämpfenden Bayern-Gegner berichten, der bis zur 30. Minute mit seiner 9-1-1 Formation ansehnlich mitgehalten hat, sind mir ähnlich suspekt. Ich brauche das nicht. Ich lasse die einfach nicht mehr in meine kleine Fußballblase, sofern mir das möglich ist. Ich kann mir aber schlecht die Ohren zu halten, um diesen teils sexistischen, teils homophoben Dreckskack in manchen Stadien nicht hören zu müssen und man mag mir auch mangelnde Zivilcourage vorwerfen, aber ich sehe mich beim Kauf meiner mittlerweile völlig überteuerten Stadioneintrittskarte irgendwie nicht ständig mit einem offiziellen Auftrag der Maßregelung versehen. Ich muss nicht klatschpappen und ich muss nicht supporten. Ich muss mir auch keine Stadionwurst kaufen, selbst wenn sie nach unserem besten Mittelfeldspieler benannt wurde. Ich muss allerdings auch nicht eine Hand voll Idioten belehren, die im Stadion Schwachsinn singen – was nicht heißen soll, dass ich nicht sofort dabei wäre, selbst mit fünfundsiebzig weiteren Mitstreitern, notfalls auch gerne nur auf fünf kleine Nazi-Männlein einzuwirken, wenn es zu Äußerungen klar rassistisch geprägten Gedankenguts kommt.

Ups. Jetzt greife ich schon fast selbst in die Perspektive eines anderen ein. Aber das zählt nicht. Wir sprachen von dem Blickwinkel von Menschen, also normalen Menschen. Nicht von Nazis. Das ist alles, was ich verlange. Lasst mir meinen Blickwinkel. Ich will nur das einfache Spiel sehen. Nun sitze ich hier immer noch und versuche diesen verdammten Blogpost fertig zu bekommen und euch aus einem völlig neuem Blickwinkel über den schönsten Sport der Welt zu berichten. Aber ich habe keinen gefunden. Das tut mir leid.

Ich habe nicht einmal eine Überschrift, weil ich nicht spezifisch genug auf einen Blickwinkel eingegangen bin, mir selbst vielleicht sogar teils widerspreche, und keine klare Struktur für diesen Text gefunden habe zu sagen, was wir tun können, um die Probleme zu lösen. Sind es überhaupt unsere Probleme? Vielleicht sind es ja zumindest teilweise nur meine Probleme.

Ich könnte die Überschrift „Echte Liebe“ wählen und wir könnten uns alle ein wenig Gedanken machen, was es wirklich ist, was wir an diesem Spiel lieben und dementsprechend mit gesundem Menschenverstand handeln. Ich könnte den Blogpost auch „Miasanmia“ nennen und ich würde damit das Lebensgefühl der letzten kleinen Gruppe von Fans beschreiben wollen, die mit außerordentlicher Gelassenheit und Zielstrebigkeit Gewalt und politisch extreme Parolen sowie homophobe und sexistische Äußerungen im Stadion aktiv unterbindet und somit einen Beitrag leistet, dass unsere Rahmenbedingungen im Fußball, wenn wir sie schon nicht mehr besser machen können, wenigstens nicht mehr schlechter werden.

Wir wären eine selbstbewusste, präzise arbeitende und effektive Gruppe, die medial nicht beeinflussbar und vor keinen politischen Karren zu spannen ist. Der Blogpost könnte auch „Fußball – wir leben dich“ heißen und er würde stehen für die Liebe zum puren Spiel, ohne Marketing-Schnick-Schnack und ohne Sezierung der Rolle, die der auf der Ersatzbank sitzende Spieler X im 5-4-1 hätte spielen können, wenn der Schiedsrichter nicht dem Spieler Y Gelb gegeben und damit dieses perfekte Zweier-Team, welches dann bei null zu eins Rückständen, als diametral abkippendes Doppelrauten-Tandem mit achthundertsechsundzwanzig meist nutzlosen, aber statistisch wertvollen Ballkontakten, zum Einsatz gekommen wäre, verhindert hätte.

Wie ihr seht: Ich tue mich nicht nur schwer, einen Text über Fußball zu schreiben, der nicht mit mir und meinem Sohn zusammenhängt. Ich habe eigentlich auch keine Ahnung von Fußball. Ich lasse das Thema.

Es gibt Punkte, die ich nicht zwingend geändert sehen muss, aber die ich auch nicht vermissen würde, und es gibt einige Aspekte, deren Entwicklung ich für mehr als bedrohlich halte, aber einfach alles ausblenden, was mir nicht gefällt, ist nicht möglich. Oder?

Einfach mal einen Spieltag lang alles abschaffen, was nervt. Einen kompletten Spieltag alles, restlos alles störende, aus dem Rahmen des Fußballspiels entfernen. Das wäre toll. Aber es macht mir auch wieder Angst. Denn würden all meine Wünsche bezüglich eures Verhaltens und der Rahmenbedingungen im Stadion und der Rolle und der Qualität der Medien in Erfüllung gehen, habt ihr vielleicht nicht mehr den Spaß an dem, was an purem Spiel übrig bleibt. Einiges gehört vielleicht für euch dazu, und das muss ich lernen zu akzeptieren, denn sonst wäre vielleicht eure Liga tot und ich wäre der Mörder.

Plötzlich klingt das reizvoller als erwartet.

Ich möchte jetzt einen Spieltag töten!

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