Fußballtexte in Langform

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Der Keim einer Idee

Patricia Highsmith schreibt, dass so ziemlich jede noch so kleine und unscheinbare Begebenheit, jedes Missgeschick oder Zufall den Keim einer Idee für eine Geschichte liefern könnte. In ihrem Falle als Krimiautorin bietet sie mehrere Beispiele für ihre Bücher an. Für mich entstand der Keim einer Idee etwa im Dezember des vergangenen Jahres als ich an einer Diskussionsrunde des Football Scholars Forum teilnahm. Gast war Jonathan Wilson, Autor solch großartiger Werke wie Inverting the Pyramide oder The Anatomy of England sowie Herausgeber des hervorragenden Magazins The Blizzard. Wilson sprach über die Einengung durch traditionelle Medien wie Zeitungen oder Magazinen, die sehr strikte Rahmenrichtlinien vorgeben für Texte. Natürlich haben diese Beschränkungen ihre Berechtigung, muss man doch neben den Standardkolumnen und Seiten, genügend Platz geben für Reporte und Recherchen. Werbung braucht natürlich auch ihren Platz. Online ist natürlich mehr möglich. Wilson sprach jedoch von seinem Wunsch, sich ebenfalls zu eher selten angesprochenen Themen äußern zu können, ohne dabei auf Wort- oder Zeilenzahl achten zu müssen. Das tut er auch im Blizzard sehr regelmäßig. Seine Texte drehen sich nahezu ausschließlich um Afrika oder den Fußball auf dem Balkan und sind lang. Seitdem dreht sich bei mir im Kopf die Frage: Funktioniert das auch in Deutschland? Würde so ein ähnliches Magazin oder auch nur ein Blog mit langen Fußballtexten, geschrieben auf deutsch, funktionieren? Wie sollte so etwas aussehen?  Das Beispiel OstDerby schreckt doch etwas ab. Braucht es so etwas in der deutschen Bloggosphäre? Sind Linksammlungen wie der Newsletter von Fokus Fußball ausreichend? Ist die Presseschau des Indirekten Freistoßes ergiebig? Für tagesaktuelle Informationen mag das sicher zutreffen. Wo aber gibt es einen Raum, sich mal zu einem Thema ausgiebigst auszulassen? Und sei es nur ein Essay zu einem Verein, einem Spieler, den vorher niemand entdeckt hat und über den wahrscheinlich danach auch so schnell nicht wieder berichtet werden wird. Dazu kamen ganz schnell weitere Fragen. Könnte man das allein stemmen? Vollzeit? Oder weiterer unbezahlter Nebenjob? 

 Allein kann man ein Blog am Laufen halten, auf dem in unregelmäßigen oder mehr regelmäßigen Abständen Beiträge kommen. Aber so ein Unterfangen, selber regelmäßig Texte zu verfassen, Texte anderer lesen, auswählen und evtl. zu korrigieren. Das geht nicht allein. Deshalb sind wir auch zwei: Endreas Müller und ich, Christoph Wagner. Dieses Team ist aber noch nicht ausgereizt und sicher wird sich alsbald Bedarf einstellen für weitere Mitstreiter. Eine Frage bleibt aber noch. Muss es denn unbedingt sofort ein Magazin à la The Blizzard sein muss. Eine gut aussehende Seite mit ansprechenden Texten ist auch schön und ein lohnenswertes Ziel. Gelesen wird sowieso immer mehr auf dem kleinen mobilen Bildschirm; Gedrucktes dagegen seltener. In den Druck gehen, kann man später immernoch. Halbjährliche Veröffentlichungen sind spannend und eine interessante Alternative zur herkömmlichen Veröffentlichungsweise von 11Freunde, Ballesterer, Transparent oder Der Tödliche Pass. Endreas und ich hatten also beide einen Anlass, der Keim einer Idee gebar.

Alle oben erwähnten Magazine sind wichtig, haben sie doch den Weg geebnet für eine solche Diskussion. Allerdings können nicht alle Magazine jede und jeden gleichermaßen abholen bzw. mitnehmen. Persönlich finde ich den Großteil der Geschichten jeden Monat oder alle Vierteljahr sehr interessant.  Der Großteil der Texte sind gut und auch nach mehreren Jahren nochimmer interessant zu lesen. Selbiges kann man von vielen Blogs, die das Tagesgeschehen ihrer Lieblingsclubs beschreiben, nicht behaupten.

Was bedeutet lang?

Ein Spiel dauert 90 Minuten sagte einst Herberger. Stimmt. Wahr ist aber auch seit Alex Ferguson, dass noch Nachspielzeit hinzu addiert werden muss: die sogenannte ‘Fergie-Time.’ Bayern München haben dies 1999 schmerzhaft erfahren müssen und 2 Jahre später erfuhren es die Schalker auch. Die meisten Spiele enden nach 90 Minuten und der Nachspielzeit. Aber es sind gerade die Spiele bei großen Turnieren, die über 120 Minuten gehen, die jahre- wenn nicht gar jahrzehntelang Gesprächsstoff liefern. Allein die bemerkenswerten Spiele zwischen England und Deutschland 1966, 1970, 1990 und 1996 belegen das eindrucksvoll. Die aktuelle Ausgabe des Blizzard enthält einen Text von Rob Smyth über das Halbfinale von Turin 1990. Das WM-Finale 1966 wird in meiner Dissertation in einem eigenen Kapitel abgearbeitet.

Im Allgemeinen unterliegen Kapitel in akademischen Sammelbänden einer Wortzahlbegrenzung. Das hat sein Gutes, denn es gibt einen Rahmen vor, in dem sich die beitragenden Autoren zu einem Thema auslassen können. Es beugt Ausschweifungen und Wiederholungen vor und garantiert, dass ein Thema in der Tat ausgiebig erörtert wird. Solch einen Rahmen von 5000 Wörtern (dazu kommt noch ein Spielraum von +/- 10%, was Raum lässt für eine schöne Zusammenfassung) zu füllen, ist dann die Sache des Autors. Wir wollen hier niemandem einen Rahmen auferlegen, lediglich Richtlinien wollen wir aufstellen.

Diese Frage was lang sei allumfassend und zufriedenstellend zu beantworten, ist gar nicht so einfach. Denn lang ist nicht automatisch gut. Ein Bericht von einem Spiel kann in 500-700 Wörtern alles über Spielweise, Taktik und Höhepunkte enthalten. Sicher, das geht auch länger. Spielberichte sind sehr tagesaktuell und am nächsten Tag Schnee von gestern, zudem enthält jede Tageszeitung die Spielberichte der Bundesliga bzw. der lokalen Ligen. Solche Reporte sind obendrein zeitlich gebunden. Sie sind Teil der Geschichte eines Spieltages und nur selten passen sie in die Erzählung einer ganzen Saison. Einzelne Spiele und entsprechende Berichte können wiederum interessant sein für das Verfassen einer Anthologie, wie der bereits eingangs erwähnte Jonathan Wilson dies für England und nun auch für den FC Liverpool vorgelegt hat: 10 Spiele der Vereinsgeschichte bzw. der Geschichte des englischen Nationalteams werden analysiert und in einen fußballhistorischen Rahmen gepackt. Darin sind einzelne Berichte und Vor- sowie Nachberichte zusammengefasst, um verschiedene Entwicklungslinien von Clubs oder Nationalmannschaften aufzuzeigen oder zu verfolgen.

Meine Texte zur Geschichte der Bundesliga, die ich auf meinem Blog veröffentlicht habe aus Anlass der 50. Spielzeit, sind alle zwischen 1300 und 1800 Wörter lang. Klar, man kann nicht ein ganzes Jahrzehnt in dieser Wortzahl beschreiben. Die wichtigsten Aspekte gilt es herauszuheben, wobei dabei auch die Gewichtung eine Rolle spielt. Für mich war es die Entwicklung in Europa. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein Text zur Geschichte der Bundesliga in den 1980er Jahren in rund 1500 Wörtern erzählt ist. Müssen oder wollen wirklich alle wissen, wer in welcher Saison zwischen 1980 und 1989 die Torjägerkanone gewonnen hat? Braucht es die Torquote einer jeden Saison oder gar des Jahrzehnts? Statistikfreunde würden sich daran erfreuen, der allgemeine Leser eher weniger. Wichtig ist doch eher die Geschichte des Fußballs in den 80ern darzustellen und zwar so, dass es nicht langweilt, informativ ist, aber vor allem nicht mit Füllmaterial angereichert wurde zum Zweck einer hohen Wortzahl. Was bedeutet also lang? Ein Spiel kann man in 500 Wörtern beschreiben und zusammenfassen, vielleicht auch 700. Aber reicht diese Wortzahl, um einen Sachverhalt anschaulich und möglichst anschaulich darzustellen? In meinen Augen nicht. Lang ist nach oben offen, ohne den Verdacht des Aufkommens von langer Weile und Wiederholungen zu erwecken. Lang bedeutet Reportagen oder Berichte, die erfrischend zu lesen und dabei zeitlos sind und somit auch über den Verlauf einer Saison hinaus gelesen werden können. 

Wo und wie aber ist lang einzugrenzen? Die Untergrenze ist dabei sicher leicht zu definieren: 1500 Wörter sollten es schon sein. Das geben viele Themen her. Sogar ein Spielbericht kann auf dieses Niveau ausgedehnt werden. Gibt es eine Obergrenze? Latürnich nicht. Warum auch? Wenn jemand etwas zu erzählen hat, soll er das tun können. Wie bereits erwähnt, gut recherchierte Texte zu einem ohnehin interessanten Thema, werden sich immer in der Region um die 2000 oder 2500 Wörter bewegen. Das ist so. 

120 Minuten

Es gibt eine Reihe guter und sehr guter Blogs im deutschsprachigen Raum, die allwöchentlich über die Bundesliga schreiben, sei es als Clubbezogener Blog oder übergreifend. Das meiste jedoch bezieht sich unmittelbar auf den Spieltag oder den Saisonverlauf; nur wenige arbeiten sich Woche für Woche oder Monat für Monat an einem übergreifenden Thema ab. Dies bedeutet mehr Arbeit, weil mehr Recherche. In den meisten Fällen gibt die Zeit nicht her, tiefergehende und längere Texte zu verfassen. Aus eigener Erfahrung ist mir dieses Problem nur allzu gut bekannt. Arbeit, Familie et. al. verlangen berechtigtermaßen nach unserer Aufmerksamkeit. Das ist natürlich verständlich. Oftmals bleiben dabei aber auch unendlich viele Texte oder Ideen oder auch einfach nur Phrasen, Links auf der Strecke oder harren der Dinge die da kommen mögen in der Entwurfsmappe, egal wie diese aussieht. Das ist schade. Genau hier will 120 Minuten einsetzen. Was derzeit aussieht wie eine Linksammlung, soll in den nächsten Monaten ein ausgefeilter Blog werden, der ausschließlich lange Texte zum Thema Fußball bietet.

Inhalte

Was soll, was kann und was muss bei 120 Minuten stehen? Fußball, Fußball, Fußball. In allen literarischen Formen: Essays, Poesie, Prosa, Reportagen, Berichte oder auch einfach nur lange Gedanken… Dafür wird Raum sein. Historiker, Soziologen, Fans können sich daran beteiligen. Der geneigte Leser wird sich nun fragen, wie ein Gedicht auf 1500 Wörter kommen soll. Zur Beruhigung: Allen Ginsbergs ‘Howl’ umfasst nahezu ein ganzes Buch und kommt dabei auf stolze 2500 Wörter. Dass dies ein Extrembeispiel ist, sollte klar sein und gleichzeitig niemanden, der gern Gedichte verfasst zur Thematik Fußball oder zu einem bestimmten Gesichtspunkt des Spiels, entmutigen einen Text bei 120 Minuten zur Veröffentlichung zu geben.Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten. Manchmal dauern Spiele aber auch länger. Das ist dann die Nachspielzeit. Und dann gibt es manchmal auch eine Verlängerung. Das sind dann 120 Minuten. Ein langer Ball, flach oder hochgespielt, kommt an; lange Fußballtexte auch.

Der Keim einer Idee ist gesät, nun braucht das zarte Gewächs Nahrung und Licht.

Update 22. Januar 2015

Wir haben in den letzten Monaten viel geschafft: sind von Blogspot zu WordPress umgezogen und haben uns vermehrt. Seit Herbst 2014 sind wir jetzt zu dritt. Der dritte Mann an den Reglern ist kein geringerer als Alexander Schnarr, der Herausgeber von Nur der FCM. Damit ist aber unsere Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wir suchen weiterhin schreibwütige Autoren, die sich gern über das Thema Fußball auslassen möchten und bieten ihnen gern den Raum und die Plattform für ihre Ideen.

 

 


 

Beitragsbild: Books von Chris (shutterhacks) via Flickr

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