Fernab der Champions League

Ortsbesuch beim FC Brasov. Die Schwergewichte des europäischen Fußballs sind für den kleinen Verein aus Siebenbürgen, der ums Überleben in der 1. rumänischen Liga kämpft, unerreichbar – das war nicht immer so. Ein Blick in die Vergangenheit und Gegenwart des Vereins erzählt viel über den Status Quo des rumänischen Fußballs.

Autor: Endreas Müller, endreasmueller.blogspot.com

Es ist kurz nach Mitternacht. Von Deutschland nach Brasov, in die mehr als 250.000 Einwohnern acht größte Stadt Rumäniens zu kommen, ist gar nicht so einfach. Am Flughafen in Sibiu wartet ein Fahrer auf unsere Reisegruppe. Er fährt uns die letzten 140 km unserer Reise. Der Vollmond hängt über den Karpaten. Wer möchte, darf an dieser Stelle einen Dracula-Scherz einfügen. Schon aus mehr als 20 km Entfernung sieht man ein Leuchten in den Bergen. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto größer wird es. In Hollywood-Manier prangen die Buchstaben “B R A S O V” über der Stadt. In der Vergangenheit stand an gleicher Stelle in großen Lettern “Stalin” – ein Name, den die Stadt schnell wieder ablegte. Heute ist Brasov ein Ort, der mit seiner historischen Altstadt und den Wintersportmöglichkeiten viele Touristen anzieht.

Als ich am nächsten Tag dem Taxifahrer sage, wo ich hin will, lese ich etwas Ratlosigkeit in seinem Gesicht. Das Stadion des FC Brasov, des größten Fußballklubs der Stadt, kennt er, aber die Geschäftsstelle? Dabei stellt sich auf der Fahrt heraus, dass er sich auskennt mit dem Fußball in Brasov. Er erzählt mir sogleich von den Heldentaten des Vereins im Europapokal, insbesondere vom Aufeinandertreffen mit Espanyol Barcelona in den 60ern. Drei Spiele hätten die Katalanen gebraucht, um den kleinen FC Brasov zu besiegen. Wir verlassen die Innenstadt und nähern uns einem riesigen Industriegebiet, in dem die Geschäftsstelle liegen soll – ganz in der Nähe des Nutzfahrzeugherstellers Roman, der, zu Ceauşescus Zeiten wie heute, Geldgeber des Vereins ist.

Geldgeber ist ein gutes (bzw. schlechtes) Stichwort im rumänischen Fußball. Einzelne Mäzene haben meist die Kontrolle über die Klubs. Je nach Wetterlage wird Geld investiert oder eben nicht. Vereine wie der CFR Cluj oder Unirea Urziceni erschienen innerhalb kürzester Zeit auf der Bildfläche, sammelten Titel und sorgten sogar in der Champions League für Schlagzeilen, um kurz darauf wieder in der Versenkung zu verschwinden. Der Fall von Unirea, bei dem der Verein sang- und klanglos aufgelöst wurde, nachdem man sich an ihm bereichert hatte, ging sogar durch die deutsche Presse.

In Brasov ticken die Uhren ein bisschen anders. Ioan Neculaie, dem auch die Roman-Werke gehören, ist seit 1998 Besitzer des Vereins. Nachdem man 1997 aus der ersten Liga abgestiegen war, schaffte der Verein am Ende der Saison 98/99 den Aufstieg und landete 2001 sogar auf Platz 3 der Abschlusstabelle. Von 2005-2008 war Brasov nochmals zweitklassig und kann sich seit der Saison 2008/09 in der Liga 1, der höchsten rumänischen Spielklasse behaupten. Meine Gesprächspartner werden mir den Verein als typischen Fahrstuhlklub vorstellen. In der Saison 2010/11 versuchte Brasov es ausnahmsweise mit ausländischen Trainern. Zunächst wurde Ende Juni 2010 Guiseppe Materazzi, Vater von Marco Materazzi, als neuer Übungsleiter vorgestellt. Der erfahrene Trainer überwarf sich jedoch innerhalb von wenigen Tagen mit Vereinseigner Neculaie und legte sein Amt schon am 1. Juli wieder nieder. Im Laufe der Saison wurde der Portugiese António Conceição als Trainer verpflichtet, konnte sich aber, wieder aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit Neculaie, nicht bis zum Saisonende auf dem Trainerstuhl halten. In den letzten 3 Jahren wurden mehr als 10 Trainer verschlissen. Ansonsten gibt man sich bescheiden in Brasov und leistet sich nur wenige Schlagzeilen.

Selbst der Taxifahrer muss sich jetzt durchfragen. Vor einem unscheinbaren Flachbau hält er an. Über der Eingangstür prangt das Vereinslogo. Drinnen erwartet mich eine kleine Hall of Fame mit großformatigen Mannschaftsfotos vergangener Zeiten und einem kleinen Trophäenschrank. Trotz Vorbereitung auf das Gespräch kenne ich keinen aktuellen oder ehemaligen Spieler aus Brasov genauer. Wenn man nach bekannten Spielerpersönlichkeiten fahndet, muss man schon etwas suchen – in der jüngeren Vergangenheit ließ z.B. der langjährige rumänische Nationaltorhüter Bogdan Stelea hier seine Karriere ausklingen. Aus der Bundesliga könnte Ionel Ganea dem ein oder anderen ein Begriff sein – er spielte in den frühen 90ern lange vor seiner Zeit beim VfB Stuttgart in Brasov.

Ilie Vâju, Pressesprecher des Vereins, erwartet mich. Bei ihm ist ein unscheinbarer älterer Herr um die siebzig. Es ist Csaba Györffi, ehemaliger Spieler, der eingeladen wurde, um aus dem Nähkästchen zu plaudern. Györffi war einer der prägenden Spieler der 60er und 70er. Als Flügelspieler konnte er mit seiner Geschwindigkeit fast jeden Verteidiger in Bedrängnis bringen. Einmal, so erzählt er mir, trat er gegen den nationalen 100 m-Champion an und konnte ihn zumindest über die Distanz von 60 m in Schach halten. Eine Leistung, die man Györffi, wenn man ihn heute vor sich sieht, schwerlich zutraut – ein älterer, gemütlich wirkender Herr, leger gekleidet mit Basecap.

Geboren 1946 in Cristuru Secuiesc (Siebenbürgen). Györffi kam im Alter von 20 Jahren zum FC Brasov und blieb dem Verein viele Jahre treu. In seinen fast 300 Spielen für den FC Brasov erzielte er 46 Treffer, 37 davon in der ersten rumänischen Liga. Im Europapokal lief er siebenmal für Brasov auf und wurde mehrmals in die Nationalmannschaft berufen. Nach dem Ende seiner Karriere blieb er dem Klub verbunden, u.a. als Trainer, und ist heute Ehrenbürger der Stadt Brasov.

Csaba Györffi:  Geboren 1946 in Cristuru Secuiesc (Siebenbürgen).
Györffi kam im Alter von 20 Jahren zum FC Brasov und blieb dem Verein viele Jahre treu. In seinen fast 300 Spielen für den FC Brasov erzielte er 46 Treffer, 37 davon in der ersten rumänischen Liga.
Im Europapokal lief er siebenmal für Brasov auf und wurde mehrmals in die Nationalmannschaft berufen.
Nach dem Ende seiner Karriere blieb er dem Klub verbunden, u.a. als Trainer, und ist heute Ehrenbürger der Stadt Brasov.

Der FC Brasov gehört von jeher zu den kleineren Vereinen im Land. Die Titel in Rumänien werden meist in Bukarest gewonnen. Steaua oder Dinamo teilten sich in der Vergangenheit meist die Titel, in den letzten Jahren konnten andere Teams, wie oben beschrieben, in diese Phalanx einbrechen, aber ohne dauerhaften Erfolg. Momentan ist Steaua Bukarest nach einigen bescheidenen Jahren wieder der unangefochtene Klassenprimus.

Beim FC Brasov kann man dennoch auf eine lange Geschichte im Oberhaus des rumänischen Fußballs und einige Achtungserfolge zurückblicken – mit wenigen Unterbrechungen spielt der Verein aus Siebenbürgen in der ersten rumänischen Liga. Als erster rumänischer Verein überhaupt konnte man einen Europapokal gewinnen – allerdings den hierzulande eher unbekannten Balkan-Pokal, dessen erste Auflage man 1961 für sich entscheiden konnte. In der Vorsaison war man in Brasov dem nationalen Titel mit der Vizemeisterschaft so nah wie nie zuvor und nie wieder danach gekommen – und das, obwohl der Verein erst Mitte der 50er-Jahre in die erste rumänische Liga aufstieg. Diese und kommende Erfolge waren der Verdienst des vielleicht einflussreichsten Trainers in Brasov, dessen Name das Stadion des Vereins viele Jahre trug – Silviu Ploeșteanu. Er prägte über fast 20 Jahre den Verein.

Csaba Györffi kommt 1966 zum Team. Zu dieser Zeit spielte man unter der Bezeichnung “Steagul Roșu Brașov” was übersetzt so viel wie “rotes Banner” heißt und der damaligen Bezeichnung des Trägerbetriebs (heute Roman) entsprach. Im Betrieb selbst mussten sich die Fußballer fast nie blicken lassen, oder besser gesagt – sie durften nicht. Die Spieler waren zwar offiziell beim Verein angestellt um ihren Amateurstatus zu wahren, mussten aber in der Praxis keine Arbeit neben dem Fußball leisten. Selbst die Lohntüte durften sich die Spieler nicht in der Fabrik abholen, erzählt Györffi. Die Werksleiter befürchteten zu große Ablenkung durch die Fußballspieler.

Alfredo Di Stéfano, 1959 [Public domain], via Wikimedia Commons

Alfredo Di Stéfano, 1959
[Public domain], via Wikimedia Commons

Eines seiner ersten Spiele für den neuen Verein soll gleich eines seiner größten werden. Im Achtelfinale des Messepokals wartete Espanyol Barcelona als Gegner. Im Kader der Katalanen standen auch zwei altgediente Stars, die zuvor bei Real Madrid und beim CF Barcelona spielten – László Kubala und Alfredo Di Stéfano. Györffi versichert mir immer wieder, dass er keine Angst vor großen Namen hatte. Er, und die ganze Mannschaft, waren immer nur auf das Geschehen auf dem Platz konzentriert. Trotz eines Tores von Györffi ließ sich eine 1:3-Niederlage im Hinspiel in Barcelona nicht vermeiden. Im Rückspiel gelang dem Roten Banner jedoch ein kleines Wunder – in Brasov besiegte man die Katalanen mit 4:2. Da es zu diesem Zeitpunkt noch keine Auswärtstorregel gab, hatte Brasov mit diesem Ergebnis ein Entscheidungsspiel erzwungen.

In beiden Spielen stand der fast 40-jährige Di Stéfano noch auf dem Platz, war aber schon eine Art Spielertrainer und wenn man den Überlieferungen von damals glaubt, dann hätte er Györffi am liebsten gleich mit nach Spanien genommen. Die Verhältnisse in Rumänien hätten einen solchen Wechsel jedoch niemals zugelassen. Ein Transfer ins Ausland kam für einen rumänischen Fußballer aus politischen Gründen nicht in Frage. Und so traf Györffi nur noch einmal auf die Spieler von Espanyol Barcelona – im Entscheidungsspiel. Das hätte eigentlich in Brasov stattfinden sollen, aber man trat das Heimrecht aus wirtschaftlichen Gründen an Espanyol ab. In Spanien schied man knapp mit einer 0:1-Niederlage aus. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, hätte man in Brasov gespielt.

wacklige Aufnahmen vom Brasover Sieg im Rückspiel gegen Espanyol Barcelona

Das gelbe Trikot

Zwei Jahre später war Györffi an einer Veränderung im Verein beteiligt, die noch heute für jeden gut sichtbar ist. Die damit verbundene Anekdote scheint einer seiner Lieblinge zu sein. Ein Lächeln huscht immer wieder über sein Gesicht, als er mir davon erzählt.

Györffi war Teil der Olympiaauswahl, die 1967 zwei Spiele in Südamerika bestreiten sollte. Im ersten Spiel ging es gegen Peñarol Montevideo – eines der damaligen Schwergewichte im südamerikanischen Fußball. Die Mannschaft aus der Hauptstadt Uruguays konnte in den 60ern 3 Mal die Copa Libertadores für sich entscheiden. Das Spiel gegen die Rumänen verlor man jedoch. Mit 1:2 musste man sich geschlagen geben. Alberto Spencer, einer der prägenden Spieler des Teams und bis heute einer der größten Fußballer, den Ecuador hervorgebracht hat, überreichte Györffi nach dem Spiel sein Trikot mit der Nummer 10. Zunächst hielt er es für einen Scherz, freute sich dafür später umso mehr über seinen Schatz.

Nicht nur diese Geste zeigte es – die Urus waren von den Rumänen beeindruckt. Eigentlich sollte das zweite Spiel in Rio stattfinden, aber der Agent, der die Länderspielreise organisierte, witterte ein gutes Geschäft. Das Spiel in Rio wurde kurzerhand abgesagt und ein Match gegen die Nationalmannschaft Uruguays angesetzt. Und wieder konnten die Rumänen nicht bezwungen werden – 1:1 trennte man sich und jeder der Spieler erhielt eine Prämie von 200 US Dollar. So viel Geld hatte noch keiner von ihnen in Händen gehalten.

Aus Südamerika zurück, präsentierte Györffi sein Mitbringsel Team und Trainer und alle waren fasziniert von dem Trikot, das ihm der ecuadorianische Spielmacher gegeben hatte. Trainer Ploeșteanu griff sich das Leibchen. Györffi sollte es nie wieder sehen. Ploeșteanu hatte einen Plan – er wollte, dass seine Mannschaft fortan in den gleichen schwarz-gelben Trikots wie Peñarol auflief. Schwarz-gelb, das in Europa zu diesem Zeitpunkt nur von Borussia Dortmund getragen wurde, sollte die blau-weißen Trikots ablösen. Ploeșteanu versprach sich mehr Aufmerksamkeit von den neuen Farben, sowohl auf als auch neben dem Platz. Die Mannschaft war einverstanden und so konnte Ploeșteanu seinen Plan in die Tat umsetzen. Noch heute sind die Farben des Vereins schwarz und gelb.

Transferversuche

Györffi in jungen Jahren im Trikot mit den Initialen des roten Banners.

Györffi in jungen Jahren im Trikot
mit den Initialen des roten Banners.

Die Anekdote zeigt natürlich auch, wie viel Einfluss Ploeșteanu auf den Verein hatte. Gleiches galt für den nationalen Fußball. Und dort war es auch bitter nötig, um den kleinen FC Brasov konkurrenzfähig zu halten. Regelmäßig wurden die besten Spieler zu den Klubs nach Bukarest delegiert. In solchen Situationen, hatte Ploeșteanu bspw. die Chuzpe, die Transfersumme eigenmächtig in die Höhe zu schrauben, um so als Ausgleich den ein oder anderen Jugendspieler mehr zu bekommen. Auch Csaba Györffi sollte mehrmals zu Steaua nach Bukarest wechseln. Mehrmals, weil der Klub 3 Mal versuchte, ihn zu verpflichten und jedes Mal scheiterte. In Brasov war Györffi ein Star. In Bukarest wäre er nur einer unter vielen gewesen. Heute denkt er, dass es aus fußballerischer Sicht besser gewesen wäre zu wechseln, aber die große Stadt schreckte ihn ab – zu viel Trubel für einen wie ihn.

Ein Versuch Györffi nach Bukarest zu lotsen, wäre dennoch fast erfolgreich gewesen. Man hatte ihn bereits auf den LKW, der ihn in die Hauptstadt bringen sollte verfrachtet, als es sich Györffi kurzerhand anders überlegte und vom LKW sprang. Diese Geschichte hatte erstaunlicherweise keine Konsequenzen. Trotz all dieser Freiheiten stand der Sport natürlich unter großem Einfluss der Funktionäre und der Politik. Nicht von ungefähr wurden die besten Spieler zu Steaua, dem Klub der Armee und zu Dinamo, dem Gunstverein der Securitate, des Geheimdienstes, gelotst. Und auch bei den Auslandsreisen wachten Geheimdienstler über die Fußballer.

Mir versichern Györffi und Vâju dennoch immer wieder, dass die Spieler, die Möglichkeit hatten, bei ihren Wechseln mit zu bestimmen. Die Funktionäre konnten zwar die Klubs zur Abgabe von Spielern zwingen, nicht jedoch die Spieler, wenn sie hartnäckig genug waren und sich bereits einen Namen gemacht hatten. Mehrmals kam es vor, dass diese sich einem Wechsel widersetzten oder nach kurzer Zeit zum alten Verein zurückkehrten. Grund dafür soll auch die große Zahl an Talenten im ganzen Land gewesen sein. Der Verband installierte ein flächendeckendes Scoutingsystem und setzte auf gezielte Jugendförderung.

Nachwuchsarbeit heute

Dinge, die heute nicht mehr selbstverständlich sind und an denen der rumänische Fußball krankt. Dieser Meinung sind nicht nur die Verantwortlichen in Brasov. So basierten die Erfolge des CFR Cluj u.a. auch auf einem funktionierenden Scouting – allerdings auf europäischer Ebene. Der Verein verstärkte sich sinnvoll mit vielen ausländischen Spielern und konnte sich so für einige Jahre die Vormachtstellung in Rumänien sichern. Andernorts regiert oft das Prinzip Trial and Error – Transfers aus dem Ausland schlagen selten ein. Bei Steaua ging dies so weit, dass der Vereinsmäzen Gigi Becali, dessen zwielichtige Machenschaften ein dickes Buch füllen könnten, verkündete, in Zukunft keine ausländischen Spieler mehr zu verpflichten.

Auf den Nachwuchs konnte man in Bukarest jedoch nicht setzen. Denn die Jugendarbeit bei Rumäniens größtem Klub ist ein Paradebeispiel für die Verhältnisse im Land. Zusammen mit der Champions League qualifizierte man sich 2013/14 auch für die UEFA Youth League und das eigene Jugendteam musste sich mit Chelsea, Schalke und dem FC Basel messen. Die Verantwortlichen bei Steaua hatten Angst, sich mit ihrer Jugendmannschaft auf europäischer Bühne zu blamieren. Selbst der U19-Trainer sprach offen davon, “Peinlichkeiten zu vermeiden”. Deshalb verstärkte man die U19 gleich mit sechs Spielern des landesweit besten Nachwuchsteams – mit überschaubarem Erfolg. Steaua ist kein Einzelfall: die Einsätze junger Talente in der ersten rumänischen Liga lassen sich an einer Hand abzählen. Bei Steaua setzt Gigi Becali deshalb auf die Verpflichtung gestandener rumänischer Spieler und hat damit Erfolg, der wiederum seinen Preis hat. Viele der Spieler könnten ihr Geld auch im Ausland verdienen, um sie nach Bukarest zu locken werden überdurchschnittlich hohe Gehälter gezahlt. Ein Modell, das kurzfristig Erfolg bringt und bei dem die Nachhaltigkeit auf der Strecke bleibt.

Letzte Sternstunde

Von Champions League und Millionengehältern ist man in Brasov weit entfernt. Das letzte Spiel auf internationaler Ebene bestritt man in der Saison 2001/02. In der ersten Runde des UEFA-Pokals watschte Inter Mailand Brasov 2 Mal mit 3:0 ab. An der letzten Sternstunde im Europapokal war Csaba Györffi noch selbst beteiligt. In der ersten Runde des UEFA-Pokals in der Saison 74/75 wartete Besiktas Istanbul, dass das Hinspiel mit 2:0 für sich entscheiden konnte. Im Rückspiel in Brasov versuchte Besiktas den komfortablen Vorsprung mittels Mauertaktik über die Zeit zu bringen. Die Rumänen rannten an und erspielten sich eine ganze Reihe von Chancen – allein ein Tor wollte nicht fallen – bis zur 87. Minute. Mit 3 Treffern in 3 Minuten drehte das rote Banner das Spiel in letzter Minute. Ein Triumph, an den man sich noch heute gern erinnert.

In Runde 2 musste man sich dem Hamburger SV stellen. Von 5 Pfostentreffern im Hinspiel in Hamburg und von Kuno Klötzer, dem HSV-Trainer, der nach dem Spiel sagte, dass die Rumänen das Zeug zum Weiterkommen hätten, erzählt mir Györffi. Zu Buche stand dennoch ein 0:8. Ein Sieg, der den Hamburgern zu Kopf stieg, denn nur wenige Tage später kassierte man in Eppingen die historische Niederlage im DFB-Pokal. Die Spieler aus Brasov wollten sich im Rückspiel anständig von der europäischen Bühne verabschieden. 15.000 Zuschauer pilgerten trotz der aussichtslosen Lage ins Stadion und sahen eine knappe Niederlage – 1:2 hieß es am Ende.

Csaba Györffi vor einem alten Mannschaftsfoto - in den 60ern feierte das Team unter Trainer Silviu Ploeșteanu seine größten Erfolge

Csaba Györffi vor einem alten Mannschaftsfoto – in den 60ern
feierte das Team unter Trainer Silviu Ploeșteanu seine größten Erfolge

Fucked Up

An die alten Zeiten denken Györffi und auch Vâju gern zurück. Fragt man sie nach dem Fußball der Gegenwart gibt es nicht viel Gutes zu hören. Früher habe er wegen der Freude am Spiel auf dem Platz gestanden – heute geht es nur noch um Geld, meint Györffi. Und auch der heutige Fußball gefällt ihm nicht mehr. Vâju greift zu drastischeren Formulierungen, heute sei man “fucked up”. Seiner Meinung nach wurde der rumänische Fußball um Jahrzehnte zurückgeworfen. In sozialistischen Zeiten gab es die bereits erwähnte landesweite Talentförderung – heute ist man anderen Ländern weit hinterher. Hinzu komme die veraltete oder fehlende Infrastruktur, viele Vereine spielen noch in Stadien aus Zeiten des Kommunismus. Und insgesamt ist man im Fußball weniger professionell aufgestellt – die 2. rumänische Liga der 80er sei besser als die Liga 1 heute.

Polemik, die nicht von ungefähr kommt. Steaua z.B. mischte in der 2. Hälfte der 80er-Jahre unter den Topklubs Europas mit und erreichte 2 Mal das Endspiel im Pokal der Landesmeister – 1986 konnte man sich den Titel im Finale gegen Barcelona sichern. Von 1990-1998 konnte sich die letzte herausragende Generation rumänischer Spieler um Georghe Hagi 3 Mal in Folge für eine WM qualifizieren und erlebte mit dem Viertelfinaleinzug in den USA 1994 ihren Höhepunkt. Der rumänische Fußball konnte in den 90ern noch von den Vorzügen der ehemals zentralen Jugendförderung zehren. Auch heute gibt es im rumänischen Fußball noch eine Vielzahl von talentierten Spielern, bestätigt mir ein weiterer Gesprächspartner. Ich treffe ihn zufällig, warte gerade auf ein Taxi, das mich vom Hotel wieder zum Flughafen bringt. Es scheint irgendein Missverständnis zwischen Taxifahrer und Hotel zu geben. Ich verwickle den Fahrer in ein Gespräch und er erzählt, dass er selbst mal Profi gewesen sei, nun aber nur noch Futsal spiele. Eine Knieverletzung hätte ihn zum Aufhören gezwungen. Sein Name, sagt er, tut nichts zur Sache. Er wurde in Rumänien ausgebildet und spielte in jungen Jahren bei schwedischen und italienischen Zweitligisten. Die Trainingsbedingungen in Schweden waren nicht mit denen in seiner Jugend vergleichbar. In Rumänien habe es einen Trainer gegeben, der sich um alles kümmern musste – in Schweden hatte er sechs. In seiner Jugend, so erzählt er mir, wurde zwar die Physis, nicht aber die Psyche geschult. Auf den Druck, der auf einem Profifußballer lastet, hat ihn niemand vorbereitet. Jetzt ist er 29 und kickt nur noch zum Vergnügen. Die veraltete Infrastruktur sieht auch er als großes Problem. Die, wenn man deutscher Berichterstattung glauben darf, um sich greifende Korruption im Fußball, ist zwar problematisch, aber nicht flächendeckend.

Mäßiges Zuschauerinteresse. Zu den Ligaspielen, wie hier gegen den FC Vaslui, verirren sich regelmäßig nur ein paar hundert Zuschauer ins kleine Stadion des FC Brasov.

Mäßiges Zuschauerinteresse. Zu den Ligaspielen, wie
hier gegen den FC Vaslui, verirren sich regelmäßig nur ein
paar hundert Zuschauer ins kleine Stadion des FC Brasov.

Aus allen Aussagen meiner Gesprächspartner höre ich heraus: Der rumänische Fußball könnte mehr leisten, wenn professionelle Strukturen geschaffen werden. Zumindest Csaba Györffi sollte wissen, wovon er redet: seit seiner Karriere als Spieler ist er dem Verein verbunden und hat so ziemlich jedes Amt bekleidet: er war Fahrer, Vizepräsident, Koch, Interims- und Jugendtrainer. Der FC Brasov kämpfte in der abgelaufenen Saison mit einem nach deutschem Maßstab besseren Drittliga-Kader gegen den Abstieg – ohne das große Geld, ohne große Spieler und mit überschaubarem Erfolg. Damit steht man in der nationalen Liga 1 nicht alleine da. Mit 38 Punkten landete Brasov auf dem 15. Platz und muss wohl den Gang in Liga 2 antreten – zum rettenden Ufer hätte ein Pünktchen gefehlt.

Kategorie a Endreas Müller, q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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