Ein positiver Begriff von Fußball

Mal abgesehen von 22 Personen, die einem Ball hinterherjagen, um ihn möglichst oft in das jeweils andere Tor zu schießen: Was genau bestimmt eigentlich das, was wir “Fußball” nennen? Warum ist es so schwierig, über diese Frage Konsens zu erzielen? Und wie kommt es, dass in kommerzkritischen Diskussionen schnell klar wird, was man nicht möchte, es aber weitaus schwieriger zu sein scheint, einen positiven Fußballbegriff zum Ausgangspunkt zu machen? Ausgehend von einer Betrachtung des Trainerberufs, versucht sich der folgende Text an einer grundsätzlichen Untersuchung allgemeiner Strukturen im Fußball. Ein Debattenbeitrag.

von Mischa (Zerstreuung Fußball)

Die ursprüngliche Idee war es, einen Text über die Rolle des Trainers im modernen Fußball zu schreiben. Dabei sollte es weniger um die tatsächlichen Aufgaben und Herausforderungen gehen, mit denen diese Leute konfrontiert werden, sondern vielmehr um das Bild des Profitrainers, das von Fußballfans wahrgenommen wird. Doch der Gegenstand hatte sich ein bisschen gewehrt.

Während dieser Auseinandersetzungen ergaben sich Probleme, die eigentlich die Voraussetzung für das Thema darstellen. Es handelt sich dabei um eine gewisse Verunsicherung bei der Frage, was Fußball eigentlich ist oder sein soll. Verfolgt man die laufenden Debatten, wie zum Beispiel zu den Weltmeisterschaften in Russland und Katar, der Einführung des Videobeweises, steigenden Transfersummen, den Berichten im Umfeld von „Football Leaks“, RB Leipzig, den Vorwürfen an den DFB in Sachen Schiedsrichterei oder Korruption, sinkendes Interesse an der Nationalmannschaft, usw., scheint häufig Einigkeit darüber zu herrschen, was den Fußball angeblich zerstört, aber nicht darüber, was ihn ausmacht.

Der folgende Text kann als Versuch verstanden werden, nicht selbst in die Falle zu gehen, ein positives Bild des Fußballs nur passiv anzudeuten. Einerseits dadurch, dass die Frage gestellt wird, warum es keinen unmittelbaren Konsens unter Fußballinteressierten zu diesem Sport gibt, andererseits durch ein paar Überlegungen, wie man ihn beschreiben könnte.
Trotzdem soll die ursprüngliche Idee nicht ganz unter den Tisch fallen, sondern den Ausgangspunkt zu allgemeineren Fragen darstellen.

Daraus ergibt sich die Untersuchung folgender drei Themen:

  1. Eine nicht ausführlich entfaltete Darstellung grundsätzlicher Thesen zur Rolle des Trainers im modernen Profifußball.
  2. Die sich daraus ergebende Feststellung, wie schwer es ist, beim Thema Fußball allgemeine Aussagen zu treffen. Die weitestgehend bekannten Gründe dafür sollen systematisch angeordnet werden.
  3. Gerade durch das unübersichtliche Chaos der alltäglichen Berichterstattung braucht es ein gewisses Zurücktreten und eine Betrachtung allgemeiner Strukturen im Fußball. Bei diesem letzten Teil handelt es sich auch um ein Plädoyer, gerichtet an die kommerzkritische Szene, grundsätzliche Marxsche Begriffe mehr in den Fokus zu rücken.

1. Das Bild des Trainers

Die Figur des Trainers erfreut sich in letzter Zeit immer größerer Beliebtheit. Als Beleg dafür könnte man die Ausgabe #10 des Socrates Magazins zum Bundesliga-Saisonstart 2017/2018 anführen. Durch längere Texte und einige interessante Interviews werden darin alle 18 Bundesligatrainer porträtiert. Diese Berichte haben, schon allein durch ihre Länge, einen gewissen Tiefgang. Die Trainer, mit all ihren beschriebenen tollen Eigenschaften, kommen darin aber so gut weg, dass die einzelnen Porträts im Nachhinein ineinander zu verschwimmen scheinen.

Auch Fans der einzelnen Vereine fixieren sich mehr und mehr auf ihre Trainer und hoffen auf ein Profil, dass diese Person ihrem Verein geben könnte. Diese Hoffnung wird allerdings meistens enttäuscht. Obwohl die Eigenschaften des Söldners, ohne (Vereins-)Bindung und Loyalität, eher Profifußballern bösartig angehängt werden, verbleiben diese häufig längere Zeit im Verein als die Trainer. Zugegeben, im Gegensatz zu prägenden Spielern geht die Trennung meistens vom Verein und nicht von den Trainern selbst aus. Und trotzdem scheint die Hoffnung auf jemanden, der über mehrere Jahre im Amt bleibt, eher naiv zu sein. Arbeitet ein Trainer mehr als zwei Saisons bei einem Verein, kann man fast schon von einer prägenden Ära sprechen: Klopp, Tuchel (in Mainz), Stöger, Favre, Guardiola, Dardai oder Streich.

Die kurze Verweildauer der Trainer in einem Verein spricht eigentlich gegen dessen Beliebtheit. Die Verehrung einzelner Spieler hat durch jene Normalität des Vereinswechsels sehr gelitten. Durch die Erfahrung, dass Beständigkeit meist eine Illusion ist und sich der Abschied häufig schon in der Ankunft andeutet, wahren Fans eine gewisse emotionale Distanz zu ihnen. Es stellt sich also die Frage, wieso diese Unbeständigkeit bei Trainern nicht den gleichen Effekt hat wie bei Spielern. Offensichtlich muss es starke Gründe geben, die diesen überlagern.

Als Erstes fällt einem dabei die zunehmende Begeisterung für strategische und taktische Aspekte des Fußballs ein. Nebenbei gesagt ist dies eine durchaus sympathische Entwicklung der letzten Jahre. Nicht, weil Taktik an sich viel spannender wäre als andere Momente des Fußballs, sondern weil diese Texte, Beiträge oder Gespräche meist fundiert und recht unaufgeregt sind. Auch hat das Thema Taktik so viel Berührungspunkte, dass man von dort aus mit Leichtigkeit die meisten anderen Felder des Fußballs erreichen kann. Bespricht man Taktik als Wechselwirkung der Spieler einer Mannschaft unter Berücksichtigung des Gegners, ist damit schon einiges abgedeckt. Die Diskussion über einzelne Spieler mit ihren Stärken und Schwächen gehört praktisch dazu. Andersherum ist auch der Aspekt der Kaderplanung nicht weit, der wiederum die allgemeine Entwicklung eines Vereins mit der finanziellen Komponente des Fußballs enthält.

Wie das Thema Taktik auf der Ebene der Diskussion, so scheint auch der Trainer eine zentrale Rolle einzunehmen. Er ist das Verbindungsstück zwischen den verschiedenen Teilen des Vereins. Als Kopf des Trainerteams ist er einerseits in tagtäglicher Arbeit mit diesem Team und den Spielern, andererseits in Verbindung zu den Vereinsverantwortlichen. Die Interviews und Pressekonferenzen ergeben zusätzlich eine zwar einseitige, aber intensive Beziehung zu den Fans.

Durch diese zentrale Rolle des Trainers entsteht ein spezifisches Anforderungsprofil. Die Hauptthese dieses Abschnitts ist es, dass diese Anforderungen erklären könnten, warum Trainer einerseits so beliebt sind und gleichzeitig auch, warum sie trotzdem so häufig in Ungnade fallen.

Es ist es gerade die Überfrachtung an positiven Eigenschaften, die es dem Einzelnen unmöglich machen, diese Rolle dauerhaft befriedigend auszufüllen. Der Trainer soll langfristig wie kurzfristig ein überzeugendes taktisches Konzept ausarbeiten und umsetzen, muss dafür Führungsaufgaben gegenüber den Spielern übernehmen, eher auf Augenhöhe mit seinem Trainerteam zusammenarbeiten und ist in einem untergestellten Verhältnis zur Vereinsführung. Er muss medienwirksam sein, sollte zu dem Verein passen und auch die Fähigkeiten haben, Krisensituationen und andauerndem Druck standzuhalten. Für diese Rolle sollte er leidenschaftlich, aber nicht verbissen, menschenführend, aber nicht autoritär, kreativ und flexibel, aber nicht ohne festes Konzept, kompromissbereit, aber nicht unterwürfig, also selbstbewusst sein. Ein Tuchel, der sich und anderen keine Pause gibt, ist dabei als Trainer ebenso verdächtig wie ein Veh, der sich zu viele davon gönnt. Bei all diesen Forderungen wird aber immer wieder betont, es sei das Wichtigste, dass man authentisch und bei sich selbst und vor allem zur Selbstkritik fähig ist.

Nimmt man diese Anforderungen ernst, leuchtet es ein, dass so ein Konstrukt schon in kleineren Krisensituationen zusammenbricht. Man könnte meinen, die regelmäßigen Entlassungen haben die Einsicht zur Folge, dass niemand diese verschiedensten und viel zu hohen Ansprüche erfüllen kann. Doch im Gegenteil verstärken sie sogar noch diese Problematik.

Selbst wenn der Trainer gerade eine Anstellung hat, rechnet er praktisch schon mit seiner Entlassung in den nächsten Jahren. Er wird dadurch zum ständigen Arbeitssuchenden. Somit erhalten die medialen Auftritte den zusätzlichen Charakter einer öffentlichen Dauerbewerbungssendung. Und wie es bei Bewerbungen üblich ist, versucht der Bewerber sich, mit Blick auf das Anforderungsprofil, möglichst gut zu präsentieren.

Der Zwang, sich immer möglichst gut zu verkaufen, lässt einen nicht unberührt, was man in der sehr guten Dokumentation „Trainer!“ von Aljoscha Pause erahnen kann. André Schubert und Stephan Schmidt offenbaren darin prinzipiell sehr unterschiedliche Charakterzüge. Trotzdem erkennt man gleichermaßen die Selbstzurichtung, die von außen gefordert, mit der Zeit verinnerlicht und von ihnen selbst vollstreckt wird.

„Ich werde in der 1. Liga trainieren. Das ist Fakt.“ (S. Schmidt)

„Mein persönliches Zufriedenheitsgefühl darf einfach nicht mehr von Ergebnissen abhängig sein.“ (A. Schubert)

Das erste Zitat könnte man als Selbstbewusstsein einer zielstrebigen Person interpretieren. Das zweite als die Erkenntnis einer Reflexion nach dem Scheitern. Mit der Zeit ahnt man allerdings, dass es vielmehr Versuche sind, andere und sich selbst davon zu überzeugen, man sei den Anforderungen des Trainerberufs gewachsen. Solche Autosuggestion ist das Gegenteil von Selbstbewusstsein und Reflexion. Vielmehr ist es die Abwehr von gewissen Einsichten, um weiterhin durchzuhalten und sich stabil zu präsentieren. Es sind Mechanismen, die man aus esoterisch angehauchten Büchern für Manager kennt. Man verlegt das Bewerbungsgespräch nach innen, um sich selbst von seinen Stärken und der eigenen Tauglichkeit zu überzeugen. So fällt es leichter, diese Überzeugung auch nach außen zu transportieren. Der Preis dafür ist die Internalisierung der äußerlichen Forderungen des Arbeitsmarktes.

Dass die Trainer ihre Situation, mit dem zugehörigen Druck, selbst verändern könnten, bleibt eher unwahrscheinlich. Sie befinden sich zwar in einem gut bezahlten, aber ständig prekären Arbeitsverhältnis. Die potenziellen Nachwuchstrainer stehen immer schon in den Startlöchern. Hinzu kommt der Zwang, sich ständig gut darzustellen, was es erschwert, eine gewisse Distanz zu sich selbst zu wahren, welche es aber bräuchte, um die eigene Situation zu erkennen. Verstärkt wird dies mit der Vermischung von Professionalität und persönlichen Eigenschaften.

Ein Großteil der geforderten Fähigkeiten fallen in diesen persönlichen Bereich. Ein sympathisches Auftreten, der Umgang mit Erwachsenen und Jugendlichen, Empathie, sogenannte Authentizität und die Hoffnung, dass der ganze Typ zum Verein passt. Bei der möglichst erfolgreichen Suche nach der perfekten Besetzung des Postens ist kein Detail zu privat, um es nicht in die Sphäre des Berufs mit aufzunehmen. Der Trainer ist somit fast das Musterbeispiel des modernen Arbeitnehmers: flexibel, kreativ, belastbar, projektorientiert, teamfähig und ohne Anspruch auf die Trennung von Beruflichem und Privatem, sei es in der zeitlichen Aufteilung des Tages oder in den persönlichen Eigenheiten.

Es ist aber auch diese Vermenschlichung des Berufs – die vielmehr eigentlich umgekehrt das Eindringen der Arbeitssphäre in alle Bereiche der Persönlichkeit ist –, die die Rolle des Trainers bei vielen so beliebt macht. Gerade in einer Zeit, in der die meisten Vereine sich immer offener als das zeigen, was sie sind, nämlich Wirtschaftsunternehmen, hoffen die Fans auf eine persönliche Note. Diese soll mit dem Trainer gefunden werden, weswegen gerade seine individuellen Eigenheiten besonders hervorgehoben werden. Als Musterexemplar eines arbeitsamen Teils der Gesellschaft, das seine ganze Persönlichkeit mit in die Sphäre des Berufs aufnimmt, ist ihm der prinzipielle Zuspruch vieler Fans und der Medien sicher.

Die abschließende These zur Frage, warum die Figur des Trainers so beliebt ist, greift auf den letzten Teil des Textes vor. Darin wird ein sehr problematisches Bild vom Fußball kritisiert, in dem eine nicht existierende Trennung zwischen einer Art echtem Fußball und dem Fußball als Geschäft vollzogen wird. Auch der Trainer hat seine Rolle darin. In ihm wird die Möglichkeit gesehen, durch einen besonders klugen taktischen Kniff und eine außergewöhnliche Trainingsarbeit die Logik vom wirtschaftlich kleinen und großen Verein zu durchbrechen. Jede neue Trainerverpflichtung ist auch mit der Hoffnung verknüpft, sportlich überdurchschnittlich zu performen. Dies wäre die Grundlage, den dauerhaften Aufstieg auf ein anderes Niveau auch ohne die als fußballfremd angesehenen Investoren zu schaffen. Die Beliebtheit des Trainers ist wahrscheinlich auch mit dem Gedanken verbunden, er könne eine Gegenkraft zur Geschäftslogik im Fußball sein.

Doch zeigt diese letzte These auch, dass die Beliebtheit des Trainers im konkreten Fall immer an den Erfolg geknüpft ist. Daran wird besonders deutlich, wie vergänglich das Bild von ihm ist. Im Erfolgsfall wird er als professionell, aber menschlich, authentisch und sympathisch, zum Verein passend, usw. dargestellt. Bleibt dieser Erfolg aus, findet sich immer mindestens eine Differenz zwischen Anforderung und Realität. Diese wird dann als Grund angeführt, weshalb es nicht funktioniert hat. Denn auf Dauer ist es einem Trainer, den Fans und den Medien praktisch unmöglich, die Illusion aufrechtzuerhalten, die überzogenen Anforderungen seien jemals erfüllt worden.

2. Probleme mit allgemeinen Aussagen im Fußball

Der kritische, diskussionsfreudige und etwas spitzfindige Leser dieses ersten Teils hat ein paar Dinge einzuwenden. So zum Beispiel stellt er die Nachfrage, ob tatsächlich alle genannten Anforderungen in jedem Verein vorhanden sind. Ist es nicht eigentlich so, dass überall spezifische Trainerprofile ausgeschrieben werden? Können diese überhaupt miteinander verglichen werden? Dem FC Bayern geht es sicherlich nicht so sehr um eine sogenannte Identifikationsfigur auf der Trainerbank. Sie legen mehr Wert auf Erfolg und Professionalität. Fans und Vereinsverantwortliche in Dortmund kamen mit Thomas Tuchel, auch schon vor dem großen Drama zum Schluss, eher nicht zurecht. In München ist er trotzdem ein ernstzunehmender Nachfolgekandidat für Heynckes.

Die zweite Anmerkung ist fast schon etwas vorwurfsvoll. Es geht darum, dass es bei der Dokumentation „Trainer!“ auch noch eine dritte Hauptfigur gab: Frank Schmidt. In diesem ersten Teil wurde also ausgerechnet die Person ausgelassen, die nicht ständig den Arbeitgeber wechseln muss. Der langjährige Trainer Schmidt wäre ja auch kein Einzelfall. Auf Anhieb fallen einem mit Streich und Lieberknecht weitere aktuelle Beispiele ein. Beide Anmerkungen könnte man länger diskutieren.

Allerdings hat dieser Leser nicht nur berechtigte Spitzfindigkeiten auf Lager, sondern übt auch immanente Kritik. Aufmerksam geht er zurück zum Anfang des Kapitels, in dem behauptet wird, die Figur des Trainers erfreue sich immer größerer Beliebtheit. Dies stünde dem Ende des Kapitels entgegen, wo geschrieben steht, dass der Trainer bei Misserfolg gerne mal öffentlich an den Pranger gestellt wird.

Es gibt eine zusammenfassende Hauptthese des Kritikers, die allen drei Einwänden zugrunde liegt. Der Vorwurf, dass die Argumente in diesem Kapitel etwas zu pauschal und deswegen ungenau wären. Es lohnt sich, auf seine Anmerkungen einzugehen. Allerdings nicht, indem die Widersprüche und Auslassungen des vorherigen Kapitels weiter thematisiert werden. Vielmehr, indem die Frage gestellt wird, warum es eigentlich so schwer ist, beim Thema Fußball allgemeine Aussagen zu treffen?

Dabei ist die zunehmende Atomisierung der Gruppen und Individuen in der Gesellschaft, die auch ihre Auswirkung auf die Sphäre des Fußballs hat, nicht der einzige Grund. Sie ist nur ein verstärkendes Moment des Partikularismus, der grundsätzlich Teil dieses Sports ist. Zwar verschreiben sich im Fußball alle teilnehmenden Mannschaften den gleichen Regeln, unterwerfen sich im Spiel der Autorität des Schiedsrichters und streben alle nach demselben Ziel. Allerdings tun sie dies getrennt voneinander, in gegenseitiger Konkurrenz. Aus der Konkurrenz der einzelnen Vereine folgt die erste von drei Tendenzen, die allgemeine Überlegungen im Fußball erschweren.

Die Vereinsbrille

Dieses auseinanderstrebende Element ist im Fußball so stark, dass Neutralität und Objektivität einigen prinzipiell verdächtig erscheint. So kann kein Schiedsrichter ein Bundesligaspiel leiten, falls eine der beiden Mannschaften demselben Landesverband angehört wie er. Einen ähnlichen Charakter hatten die Vorwürfe gegen Hellmut Krug, er habe ein Spiel mit Schalker Beteiligung manipuliert. In dieser Diskussion ging es viel um seinen Heimatverein SG Eintracht Gelsenkirchen. Selbst überregionale Medien kritisierten, dass der Supervisor der Video-Schiedsrichter, der bei praktisch allen Spielen anwesend war, auch beim Verein seiner Geburtsstadt Entscheidungsbefugnis hatte.

Dabei könnte man von überregionalen Journalisten, Kommentatoren und Moderatoren etwas mehr Sensibilität bei diesem Thema erwarten, wird doch gerade ihnen immer wieder Parteilichkeit vorgeworfen, die sie bei der Bundesliga-Berichterstattung eigentlich nicht haben sollten. Häufig gibt es den Vorwurf, dass der nur angeblich neutrale Berichterstatter X in Wirklichkeit ein glühender Anhänger der Mannschaft Y ist. Manche glauben ihre These dadurch stärken zu können, dass man Wohnort oder Geburtsort des Betreffenden herausplaudert. Obwohl Fußballfans tatsächlich meistens schon als Kind an den Verein ihrer Herzen gebunden werden, ist diese Fixierung auf die Herkunft der Personen schon sehr befremdlich. Bei dem Kurzschluss, Syrer prinzipiell als Moslems wahrzunehmen, wird man vollkommen zu Recht von Freunden korrigiert. Einen Mann, der in München aufgewachsen ist, zu fragen: „Sechz’ger oder Bayern-Fan?“ scheint selbstverständlich zu sein. Der Vergleich hinkt natürlich, da das Thema Fußball nicht ansatzweise so aufgeladen ist wie das Thema Islam. Es ist trotzdem ein erster Hinweis, dass sich bestimmte Denkmuster im Fußball länger halten als in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Die im Fußball angelegte Partikularität, sich der Sache aus der Perspektive des eigenen Vereins anzunähern, gehört zu diesem Sport. Sie ist eigentlich kein großes Problem, solange bestimmte allgemeine Regeln akzeptiert werden. Es liegt darin allerdings das Potenzial, dass alle objektiven Elemente negiert werden könnten. Das Moment der sich absolut setzenden Subjektivität kennt man vor allem von Fans, die über den Schiedsrichter herziehen. Auch Vereinsangehörige geben gerne mal sehr unangebrachte Interviews. Man denke nur an die häufigen Aussetzer von Rudi Völler oder an Rummenigge, dem vor lauter Wut nach einem verlorenen Champions-League-Spiel die Sprache in Bildern etwas entglitt. Mit dem Ausspruch, Bayern sei im wahrsten Sinne des Wortes beschissen worden, hatte er sich etwas vertan. Das extremste Beispiel der letzten Zeit gab Roger Schmidt ab, der die Entscheidung des Schiedsrichters nach einem Innenraumverweis nicht anerkannte. Nur die Androhung eines Spielabbruchs konnte den Trainer dazu bewegen, sich den allgemeinen Regeln doch noch zu beugen und auf die Tribüne zu gehen. Solche Szenen sind allerdings relativ selten.

Denn man muss sagen, dass Spieler, Trainer oder Journalisten die Spannung zwischen Subjektivität und Objektivität in den meisten Phasen relativ gut aushalten.
Auch haben sich einige Redewendungen in der Fußballsprache eingebürgert, die aufzeigen, dass viele sich dieser Problematik bewusst sind. Man hätte diesen Teil auch etwas flapsiger mit dem beispielhaften Beitrag zusammenfassen können: „Man kann seine Vereinsbrille nicht immer absetzen. Aber so ist halt der Fußball.“
Darin versteckt sich grundsätzlich schon die Erkenntnis, dass man manchmal nur begrenzt für sinnvolle Argumente zugänglich ist, dies aber schon strukturell im Fußball angelegt ist.

Der Zerfall zentraler Berichterstattung

Die Schwierigkeit, allgemeine Aussagen im Fußball zu treffen, entsteht also auch mit der Aufteilung in verschiedene Vereinsperspektiven. Sie wird noch verstärkt durch die zunehmende Differenzierung der Berichterstattung. Diese könnte man in drei Ebenen unterteilen. 1. Die unmittelbare Übertragung der Spiele mit Vor- und Nachberichten; 2. Medien, die Zugang zu Spielern und Vereinen haben; und 3. die Podcast- und Bloggerszene, die gezwungen ist, auf die ersten beiden zurückzugreifen.

Schon bei der Übermittlung der primären Bewegtbilder ist die zunehmende Zersplitterung erkennbar. Man hatte sich seit längerer Zeit daran gewöhnt, dass 1. und 2. Bundesliga, DFB-Pokal und internationale Wettbewerbe komplett bei Sky liefen. ARD und ZDF zeigten Zusammenfassungen und ein paar ausgewählte Live-Spiele, während sich Sport1 das Montagsspiel der 2. Liga und den Europapokal gesichert hatte. Diese eine Zeit lang stabil wirkende Situation scheint sich gerade aufzulösen. Es wurden kleinere Pakete mit Übertragungsrechten geschnürt. Eurosport erstand zur Saison 2017/2018 die Möglichkeit, Freitagsspiele, Montagsspiele und die frühen Sonntagsspiele der 1. Bundesliga zu übertragen. Die restlichen Livebilder der 1. und 2. Bundesliga gibt es noch bei Sky.

Bei den Zusammenfassungen bewegt sich ebenfalls etwas. Das Konzept der Sportschau mit festem Sendetermin, ohne die Möglichkeit, Bilder in der Mediathek abzurufen, ist nicht mehr ganz zeitgemäß. Die kleinen Berichterstattungen zwischen den Zusammenfassungen werden von einigen nicht als Teil einer guten Übertragung angesehen, sondern eher als nerviges Aufblähen einer Sendung, die vier oder fünf Spiele der 1. Bundesliga überträgt, von denen häufig nur zwei oder drei interessieren. Die Konkurrenz mit Eurosport und DAZN zeigt Zusammenfassungen On-Demand, ohne Zwischenberichte und für einen überschaubaren Preis. Dies könnte ein Problem für die immer noch sehr zuschauerstarke Sportschau werden. Dabei ist sie aber eine wesentliche Klammer für 1., 2. und 3. Liga und versucht häufig rote Fäden durch das Treiben im Fußball zu ziehen. Noch ist sie eine der großen Fixpunkte der Fußballfans.

Die Auftrennung der Anstoßzeiten eines Spieltags geht mit der allgemeinen Zersplitterung der Berichterstattung einher. Sollten sich das dritte Sonntagsspiel und das Montagsspiel als feste Bestandteile der Bundesliga durchsetzen, ergäbe ein 18:00-Uhr-Termin am Samstag für die Sportschau immer weniger Sinn. Um den Untergang der Sportschau zu prognostizieren, ist es allerdings trotzdem zu früh. Aber sie wird sich anpassen müssen, möchte sie ihre außerordentliche Stellung in den nächsten Jahren aufrechterhalten.

Bei der sekundären Berichterstattung ergibt sich ein ähnliches Bild. Formate, die ohnehin schon auf starke Meinungen – also im Ton der Überzeugung, aber ohne große Begründung vorgetragene Aussagen – beruhen, wie zum Beispiel der Doppelpass, bekommen nun auch noch Konkurrenz durch Wontorra oder den Kicker-Talk. Dadurch, dass es noch mehr Sendungen gibt, geht der Bezug auf einen Termin und die dort entstehenden Meinungen verloren.

Die Auflagen des Kickers sind, wie bei den meisten Printmedien, eingebrochen. In den vergangenen acht Jahren gab es einen Rückgang der Verkaufszahlen um mehr als ein Viertel. Auch hier kann man die Frage stellen, ob diese feste Institution noch einen allgemeinen Bezugspunkt für Fußballfans darstellt oder nicht schon zu einer einfachen zusätzlichen Quelle für das eine oder andere spannende Interview geworden ist.

Gerade im Bezug auf die Vereinsperspektiven ist noch eine weitere Entwicklung zu berücksichtigen. Die Vereine haben in den letzten Jahren erkannt, dass sie sich in weiten Teilen unabhängig von den Medien machen können. Interviews, Spielberichte und Statements müssen nicht mehr über Zeitungen und Fernsehsendungen laufen, sondern können direkt über den eigenen Vereinskanal oder die Homepage an den Zuschauer gebracht werden.

Den schleichenden Zerfall dieser herkömmlichen Berichterstattung in verschiedenste, relativ unabhängige Einzelteile beobachtet man wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn man braucht auch nicht so zu tun, als ob der Doppelpass oder die Berichterstattung bei Sky eine so überzeugende Qualität hätten, dass sie für sich gesehen besonders schützenswert wären. Andererseits sind auch schlechte zentrale Institutionen Fixpunkte und bilden die Grundlage für allgemeine Diskussionen. Das beste Beispiel hierfür brachte Mehmet Scholl. Seine Aussagen über Laptoptrainer waren zwar sehr flach und teilweise falsch, gaben aber trotzdem den Anstoß für einige interessante Gespräche.

Besonders spannend wird es erst auf der letzten Ebene: der Podcast- und Bloggerszene. Hier ist es auf den ersten Blick besonders leicht, eine Auflösung in verschiedene Perspektiven – gerade mit sogenannter Vereinsbrille – nachzuweisen. Zu (nahezu) jedem Verein gibt es Blogs und zu einigen auch Podcasts. Allerdings ergibt sich gerade mit dem Aufschwung, den diese Szene in den letzten Jahren erfahren hat, auch eine gegenläufige Tendenz. Die drei erfolgreichsten Plattformen Spielverlagerung.de, Collinas Erben und Rasenfunk sind, zumindest für eine bestimmte Szene, zu festen Bezugspunkten geworden. Es wäre zu einfach, sie unter einen allgemeinen Prozess zu subsumieren.

Nimmt man die ersten beiden Beispiele, kann man aber noch etwas Weiteres feststellen: eine zunehmende Gleichzeitigkeit der Spezialthemen.

Egal ob Taktik, Klamottenstil der Fußballer, wirtschaftliche Entwicklung der Vereine, Transfergerüchte, Aktionen der Ultra-Gruppierungen, Fokus auf einzelne Spieler, Kuriositäten, Schiedsrichter, Bundesliga, Premier League, Statistiken, Geschichte des Fußballs, Nationalmannschaft, usw., zu allen Themen gibt es irgendwo eine Plattform, die sich damit beschäftigt. Diese vielseitigen Informationen werden in keiner zentralen Institution gebündelt oder gewichtet. Und trotzdem muss man festhalten, dass ausgerechnet in dieser Sphäre des Internets, die am allermeisten zur Partikularisierung neigt, sich noch am ehesten neue zentrale Bezugspunkte herausbilden, die eine informative Grundlage legen.

Doch Podcasts und Blogs bleiben immer noch eine Randerscheinung. Die kleinen Entwicklungen einer Szene täuschen nicht über die größere Tendenz hinweg, dass klare Bezugspunkte im Fußball mehr und mehr verloren gehen. In der Vergangenheit konnte man noch eine deutliche Veränderung des allgemeinen Charakters der Berichterstattung erkennen, wenn zum Beispiel die Spielzusammenfassungen nicht mehr von der ARD, sondern von RTL übertragen wurden. Heute scheint es fast unmöglich, solche Trends auszumachen. Vielmehr laufen Spaßberichterstattung, Taktikanalysen und alle Graustufen dazwischen gleichzeitig ab. Es fällt schwer zu bestimmen, was gerade dominant ist.

Fußball als Tagesgeschäft

Das letzte Problem, das mit für die Schwierigkeit verantwortlich ist, allgemeine Aussagen im Fußball zu treffen, scheint ebenso bekannt wie die beiden vorherigen.
Trainer wie Spieler werden an Ergebnissen der Mannschaft gemessen. Bei Erfolg hochgelobt, bei Misserfolg getadelt. Es wäre etwas zu einfach, den Grund dafür alleine in einer sehr aufgeregten, skandalorientierten Sportberichterstattung zu suchen. Sie ist zwar mit dafür verantwortlich, aber wahrscheinlich nicht der Ursprung davon.

Man kennt die Phrase, dass Fußball nun mal ein Ergebnissport sei. Schlussendlich bedeutet dies, dass es nach jedem Spiel Punkte für jenes Team gibt, dass mehr Tore geschossen hat und diese Punkte für eine Tabelle zusammenaddiert werden. Dieser einfachen Bestimmung stehen eine Vielzahl von komplexen Faktoren entgegen, die darüber entscheiden, ob eine Mannschaft Spiele gewinnt oder nicht: Kaderplanung, Saisonvorbereitung, Training unter der Woche, Gegneranalyse, Physis, Psyche, Taktik, Form, Spielplan, strukturelle Bedingungen im Verein, finanzielle Möglichkeiten, Trainerwechsel, Zufall, usw.

Es ist die Entgegensetzung von einem einfachen, abstrakten Ergebnis und komplexen Möglichkeiten, wie dieses Ergebnis zustande kommt, die das diffuse Unbehagen des Lesers erklärt, wenn in der Presse über Trainer, Spieler oder Vereinsverantwortliche nach einer Niederlagenserie vernichtend geurteilt wird. Das Argument, dass bei solchen Beurteilungen im konkreten Fall einige Faktoren nicht berücksichtigt werden, ist praktisch immer richtig. Andererseits ist der Verweis auf ausbleibende Ergebnisse, die nicht nur zufällig sein können, häufig ebenfalls schwer zu widerlegen.

Eine ausgewogene Beurteilung, die zum Beispiel einem Trainerteam gerecht wird, ist fast unmöglich. Man müsste die ganzen Zufälle, die langfristige Arbeit und gleichzeitig den kurzfristigen Misserfolg mit unter einen Hut bringen. Diese Schwierigkeit ist natürlich trotzdem keine Entschuldigung dafür, dass dem Trainer häufig alle Fähigkeiten abgesprochen werden, sobald es mal eine schlechtere Phase gibt. Das hat dann nichts mit einer spekulativen Analyse von Journalisten, Bloggern oder Kommentarschreibern zu tun, sondern vielmehr mit dem Bedürfnis, mal dabei sein zu wollen, wenn jemand aus dem Verein gejagt wird.

Die hektische Fußballberichterstattung ist nicht alleine auf den Wettbewerb um Aufmerksamkeit oder Clickbait zurückzuführen. Sie hat ihre Quelle auch in der Struktur des professionellen Fußballs. Für die Vereine geht es schon aus wirtschaftlichen Gründen darum, mit allen Mitteln einen Abstieg in der Saison zu verhindern oder das Erreichen der Champions League zu gewährleisten. Dies fördert häufig einen gewissen Aktionismus, der langfristige Überlegungen in den Hintergrund rücken lässt.

Wie gesagt, ist diese Eigenheit zwar keine Entschuldigung für jeden spekulativen und äußerst unfreundlich formulierten Mist, der publiziert wird, doch ganz unpassend sind Fußball und aufgeregter Journalismus auch nicht.

Überleitung zum letzten Teil

Erinnert man sich noch einmal an den spitzfindigen Leser, der den Vorwurf äußerte, die Aussagen des ersten Teils seien zu pauschal, so muss man ihm zustimmen und widersprechen zugleich.

Zustimmen, da seine Aussage als Analyse und Bestandsaufnahme einer sich verstärkenden Tendenz im Fußball richtig ist. Die Auftrennung in einzelne Vereinsperspektiven behindert den Blick auf Allgemeineres. Die Zersplitterung der Berichterstattung und Sendungen verunmöglichen den klaren Bezug auf feste Institutionen. Und die Tagesaktualität des Fußballs mit der einhergehenden skandalorientierten Presse erschweren eine Beschreibung langfristiger Entwicklungen. Widersprüche sind dabei fast unumgänglich. Wer allgemeine Aussagen zum Thema Fußball trifft, begibt sich auf sehr dünnes Eis.

Widersprechen müsste man ihm in dem Sinne, dass diese Tendenz des Zerfalls in einzelne, unabhängige Perspektiven durchaus problematisch ist. Diskutierte Themen und Meinungen erscheinen immer zufälliger und willkürlicher. Bei einer Kritik oder Analyse bleibt unsicher, ob man gerade einen wesentlichen Punkt trifft oder ein marginales Phänomen beschreibt. Auch, ob man sich gerade gegen eine tatsächlich weit verbreitete Meinung stellt oder im Einklang mit der Masse auf einem längst widerlegten Punkt herumtrampelt.

Für eine konsistente Diskussion bräuchte es eine grundsätzliche Verständigung wesentlicher Punkte zum Thema. Dies gilt nicht nur, aber auch für den Fußball.

3. Die Notwendigkeit einer allgemeinen und positiven Beschreibung des Fußballs

Wenn in der Überschrift des Textes von einer positiven Beschreibung die Rede ist, so hat dies wenig mit einer schönen und guten Beschreibung eines ursprünglichen oder idealtypischen Fußballs zu tun. Vielmehr steckt dahinter der schon erwähnte Gedanke, dass es momentan in der kommerzkritischen Fußballszene zwar einen Konsens darüber gibt, was den Fußball angeblich kaputt macht, aber nicht darüber, was er ist. Vergleichbare Entwicklungen könnte man auch beim Begriff der Gerechtigkeit oder bei sogenannten Werten einer Gesellschaft beobachten. Je weniger ein unmittelbarer inhaltlicher Konsens über einen Begriff besteht, desto eher wird dieser ausschließlich in negativer und verteidigender Form benutzt. Dieser Mangel wird meistens mit zusätzlichem Engagement und einer Selbstüberbietung an drastischen Vokabeln notdürftig überdeckt. So soll der Begriff zumindest passiv eine große Bedeutung erhalten.

Ich möchte kurz einschieben, dass es mir nicht darum geht, Kritik an Entwicklungen im Fußball generell als Quatsch abzutun. Gerade, wenn es um konkrete Forderungen wie niedrigere Eintrittspreise, keine Montagsspiele oder um den Protest gegen Sponsorendeals mit Katar geht, kann man dies nur unterstützen. Doch häufig vermischt sich Protest gegen eindeutige Missstände mit dem ganz großen Wurf, den Fußball an sich zu retten. Auch in dem aktuellen und häufig gelobten Buch “Football Leaks” findet sich diese Herangehensweise und ein weit verbreitetes, aber dennoch falsches Bild.

Die Zerstörung des wahren Fußballs

In diesem Buch von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger wird die Motivation der Macher von Football Leaks offengelegt:

„Unser Antrieb ist es, all denen das Handwerk zu legen, die sich zu Unrecht an dem Volkssport Fußball bereichern. Wir wollen zudem eine neue Ära im Fußball einläuten: die Zeit der Transparenz.“[1]

Beginnt man das Zitat von hinten, wäre daran nicht viel auszusetzen. Die Tatsache, dass es im Fußballgeschäft allgemein einige sehr undurchsichtige Verflechtungen, Steuerhinterziehung und Korruption gibt, kann nicht ernsthaft abgestritten werden. Diejenigen deutschen Fußballfans, die diese Vorgänge immer nur im Ausland verorten, wurden vielfach eines Besseren belehrt. Sie muss es besonders geärgert haben, dass ausgerechnet die US-Justiz und das FBI die Korruption der FIFA verfolgte und die Aufklärung des Sommermärchen-Skandals vorantrieb. Ein drastisches Beispiel, welches der ohnehin geringen Glaubwürdigkeit des DFB weiteren Schaden zufügte. Auf den ersten Blick ist also nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand versucht, der Öffentlichkeit gewisse Verflechtungen näherzubringen und dafür ein paar Spielerverträge enthüllt. Vielleicht wird dadurch nicht gleich eine neue Ära der Transparenz eingeleitet, aber man kann ja nie wissen.

Es ist vielmehr der erste Teil des Zitats, der einige Fragen aufwirft. Zum Beispiel, was es bedeutet, sich zu Unrecht am Fußball zu bereichern? Das bürgerliche Recht kann damit nicht gemeint sein. Die Grenze zwischen Steuerbetrug und der bürgerlichen List der Steuervermeidung wird in diesem Buch immer wieder verwischt. Meist werden gerade legale Methoden der Steuervermeidung als noch perfider und bösartiger beschrieben als die dreisten illegalen. Allein die Tatsache, dass Vereine sich mit Leuten einlassen, die ein wirtschaftliches Interesse am Fußball haben, gilt hier als Skandal. Hohe Spielergehälter werden mit der gleichen Empörung verurteilt wie Korruption. Recht und Unrecht sind hier moralische Begriffe.

Das Bild, das durch wenige Signalwörter wie Volkssport, bereichern oder Unrecht dem Leser erscheint, kennt man eher aus Verschwörungstheorien. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die den Fußball als pures Geschäft sehen. Sie quetschen ihn aus, bis nichts mehr davon übrig bleibt, da sie der Sport an sich gar nicht interessiert. Sie haben kein Recht darauf, da ihnen die richtige Gesinnung fehlt.

Wer auf der anderen Seite, also der guten Seite, steht, wird nur angedeutet. Da der Fußball als Volkssport bezeichnet wird, könnten es natürlich die so oft zitierten einfachen Leute aus dem Volk sein. Sie sind die Leidtragenden, da ihr Sport durch gierige Berater, mit Söldnern zu vergleichende Spieler und korrupte Funktionäre zerstört wird. Die Macher von Football Leaks erscheinen in diesem Bild als diejenigen, die sich in Gefahr begeben, um für eine größere Sache, den echten Fußball, zu kämpfen.

Die Auftrennung von wahrem Fußball und zerstörerischen, geldgierigen Funktionären ist in Football Leaks nicht explizit ausgeführt. Trotzdem möchte ich behaupten, dass mit diesem Bild, welches in der kommerzkritischen Fußballszene ohnehin sehr bekannt sein dürfte, immer wieder gespielt wird. Neben der Treffen mit dem Whistleblower und der Beschreibung journalistischer Arbeiten, ist es einer der Grundpfeiler des Buches. Diese Stellen sollten kritisiert werden. Folgende exemplarische Sätze sind wieder ein Zitat, das wohl aus einer Mail von „FL“ stammt:

„Diese Leute kontrollieren den europäischen Fußball und machen dabei unentwegt miteinander Geschäfte unter dem Tisch. Spieler und Vereine werden durch sie zu Marionetten. Wir haben Dokumente, die das belegen. Wenn Du sie liest, wirst Du Dir die Frage stellen, wie man überhaupt noch an diesen Sport glauben kann.“[2]

Welche Dokumente genau damit gemeint sind, wird nicht explizit ausgeführt. Auch lassen die Inhalte der Dokumente in diesem Buch nicht darauf schließen, dass eine einzelne Gruppe den europäischen Fußball kontrolliert. Vielmehr scheinen eine Menge verschiedener Kräfte miteinander zu konkurrieren. Spielerberater, Vereine oder Investoren mit ihren Firmen. Dabei setzt sich mal der eine, mal der andere durch.

Wie schon gesagt, kann man mit gutem Recht einige gängige Praktiken innerhalb des Fußballs scharf kritisieren. Die Third Party Ownership (Die Beteiligung Dritter an Spielerrechten) führt offensichtlich in Zwickmühlen, die den Handlungsspielraum der Vereine und Spieler stark einschränken. Auch wenn diese von der FIFA verboten wurde, scheint es immer noch einige Lücken zu geben, die geschlossen werden könnten. Die Frage, wie weit Verträge in das Privatleben von Spielern eingreifen dürfen, kann ebenfalls diskutiert werden. Der Umgang mit minderjährigen Talenten ist besonders unschön. Zwar bedeutet die frühe Verpflichtung eines größeren Vereins eine besondere Förderung und ermöglicht vielleicht den Durchbruch in den Profifußball. Für die große Masse an Jugendlichen, die diesen Durchbruch aber nicht schaffen, war der Umzug in eine andere Stadt oder ein anderes Land, der andauernde Druck in den Internaten usw., vollkommen sinnlos. Dass Vereine und Spielerberater damit viel Geld verdienen können, macht die Situation äußerst kompliziert. Der zwangsläufigen Tendenz, Talente immer früher entdecken und binden zu wollen, müssten noch klarere Regeln entgegengesetzt werden.

Trotzdem ist das Bild, das in der kommerzkritischen Szene des Fußballs herumgeistert und mit dem bei Football Leaks gespielt wird, problematisch. Es ist keine Zuspitzung einer Kritik, sondern verhindert vielmehr eine Analyse. Es verschleiert, dass im Profifußball selbst schon die Widersprüche angelegt sind, die sich mit der Zeit äußern. Erscheinungen des Fußballs, wie hohe Transfersummen, werden hier vom sogenannten wahren, echten oder ursprünglichen Fußball abgespalten und auf angeblich fußballfremde Mächte wie Investoren, Spielerberater oder Funktionäre projiziert. Daraus erwächst die falsche Vorstellung, dass man doch nur diese fußballfremden Personen aus dem Sport vertreiben müsste, um alle Probleme loszuwerden. Der Gedanke, dass Fußball Teil einer kapitalistischen Totalität in der Gesellschaft ist, die man als Ganzes kritisieren müsste, spielt dabei keine Rolle.

Deshalb entsteht aus dieser Abspaltung auch kein positiver Begriff vom Fußball. Die Forderung lautet, dass er genau so bleiben soll, wie er heute ist, nur ohne die gierigen Spielerberater, die korrupte FIFA und Investoren.

Eine küchenpsychologische These als Einschub: Bei Kommentaren, die in diese beschriebene Richtung gehen, fällt eines auf. Es ist der besonders häufige, positive Bezug auf die ersten Erfahrungen mit dem Fußball. Das Stadion- oder Fernseherlebnis durch die Augen des Kindes. Dabei ist es auch unwichtig, wie alt derjenige, der davon erzählt, heute ist, ob die Fußballsozialisation also in den Siebzigern oder den späten Neunzigern stattfand. Unabhängig davon, wie der Fußball tatsächlich aussah, erscheint er durch die Kinderaugen immer sehr beeindruckend und unmittelbar. Trainer, Manager und Vereinspräsidenten werden vom Kind gar nicht wahrgenommen. Es ist das Spiel, das im Vordergrund steht, und die Spieler, denen man zujubelt. Noch für Jugendliche ist ein Transfer kein genau geplanter Akt als Risikoabwägung einer Investition. Er ist allein die Hoffnung auf den neuen Superstar der Bundesliga.

Wahrscheinlich spielen Kindheitserfahrung eine große Rolle beim zwiegespaltenen Gefühl zum Fußball. Man hält immer noch an diesen ersten Erfahrungen fest, nun aber mit dem Bewusstsein, dass man damals betrogen wurde. Es gehört zu den Entdeckungen des Heranwachsenden, dass der Feuerwehrmann seinen Job nicht nur ausfüllt, um Leben zu retten, der Forscher nicht nur aus Neugierde und der Künstler nicht nur aus Leidenschaft. Beim Profifußball muss man ebenfalls lernen, dass die Spieler auch für Geld spielen[3].

Vor diesem Hintergrund hat die Abspaltung des kommerziellen Aspekts vom Fußball nichts mit einem wahren Kern oder realen vergangenen Zeiten zu tun. Vielmehr geht es um das naive Urbild der Kinderaugen. Zum Erwachsenwerden gehört der schmerzhafte Prozess, die kindlichen Vorstellungen durch die Anerkennung der Realität zu ersetzen. Dieser Prozess wird beim Fußball dadurch erschwert, dass es dabei ja auch darum geht, sich an das kindliche Bild zurückzuerinnern.

Bleibt der zum Scheitern verurteilte Versuch, sich einen Teil seiner Kindheit über den Fußball zu erhalten, unreflektiert, verfestigt sich damit auch die Wut über den Betrug, der an einem vollzogen wurde. Würde sich diese These bestätigen, könnte sie auch ein Erklärungsansatz für die Intensität sein, mit der sich einige für die Erhaltung eines angeblich wahren und schönen Fußballs einsetzen, der niemals existiert hat.

Die Ware Fußball

Kritik an den modernen Entwicklungen des Fußballs wird zumeist unter dem Stichwort Kommerzialisierung gefasst. Dabei passt dieser Begriff nicht wirklich zu der aktuellen Lage. Kommerzialisierung beschreibt einen Prozess, in dem sich die Ökonomie auf Güter oder gesellschaftliche Bereiche ausweitet, die zuvor frei davon waren. Spätestens mit der Einführung des Profisports ist dieser Prozess im Fußball abgeschlossen. In England also im Jahre 1885, in Frankreich 1932 und in Deutschland offiziell 1972. Es ist eine nette Anekdote, dass es im Jahre 1930 noch der FC Schalke 04 war, der mit geheimen Zahlungen an seine Spieler diesen Prozess des Fußballs vorantrieb.

Wer heute noch gegen die Kommerzialisierung kämpft, kommt in England über 100 Jahre und selbst im rückständigen Deutschland fast 50 Jahre zu spät. Als radikaler Kritiker davon ist man, wenn der Begriff ernst genommen wird, für die Abschaffung des Profifußballs. Es scheint recht typisch für Fußballdeutschland zu sein, sich an veraltete Begriffe zu klammern. Damit sind hier nicht die Kommentare innerhalb eines Spiels gemeint (Moral einer Mannschaft, Strategie, Wille zum Sieg, usw.). Es geht eher um die Vokabeln, mit denen der moderne Fußball momentan negativ beschrieben wird: der Verlust von Anstand und Moral, Sittenverfall, Illoyalität, Entwurzelung oder fehlendes Traditionsbewusstsein. Besonders unangenehm ist der Vorwurf gegenüber Spielern, ein Söldner zu sein. Denn das positive Gegenstück dazu ist der Soldat, der die Seiten eben nicht wechseln kann.

Vor diesem Hintergrund erklärt es sich auch, dass es als Zynismus wahrgenommen wird, wenn man vom Fußball als Ware spricht. Man möchte Kommerzialisierungskritikern nicht unterstellen, dass sie sich tatsächlich für die Abschaffung des Profisports stark machen, sondern sich nur gegen bestimmte Entwicklungen davon richten. Deswegen liegt bei der Ablehnung dieses Begriffs höchstwahrscheinlich ein Missverständnis vor. Denn eine Ware ist nicht ausschließlich Verkaufsprodukt, sondern fristet ein zwiespältiges Dasein.

Nach Marx (ein Autor, der doch eigentlich gerne von Kapitalismuskritikern gelesen wird) ist die Ware bestimmt durch ihren inneren Widerspruch von Gebrauchswert und Wert. Die Ware als Gebrauchswert ist für ihn „ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z.B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache.“[4] Weiter: „Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.“[5]

Den Wert einer Ware entdeckt Marx bei seiner Untersuchung des Tauschs. Eine Handlung, bei der er zunächst auf den Unsinn aufmerksam macht, dass man zwei qualitativ unterschiedliche Dinge miteinander gleichsetzen kann. Schon in der Grundschule wird einem beigebracht, man solle Äpfel nicht mit Birnen verrechnen. Im Austausch dieser beiden Produkte wäre aber genau diese Gleichung 2 Äpfel = 1 Birne möglich. Es muss also eine Eigenschaft geben, die alle Waren miteinander vergleichbar und somit austauschbar macht. „Das Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt, ist also ihr Wert.“[6]

Der Wert ist eine Abstraktion. Das Absehen von allen qualitativen Eigenschaften der Ware, die sie von anderen Waren unterscheidet. Man könnte eine Parallele zum Gewicht ziehen. Auch hier abstrahiert man von allen Eigenschaften bis auf eine quantitativ vergleichbare Größe, die man mit einer Waage feststellen kann. Der große Unterschied von Wert und Gewicht liegt darin, dass der Wert eine rein gesellschaftliche Größe ist. Sie hat nichts mit den natürlichen Eigenschaften einer Ware zu tun. „Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt.“[7]

Die Ware mit ihrem Doppelcharakter ist die Einheit der beiden Gegensätze: Gebrauchswert als konkrete Nützlichkeit zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, Wert, als leerer Rest, der übrig bleibt, wenn man von genau dieser Nützlichkeit abstrahiert. Gebrauchswert und Wert werden in der Ware immer zusammen gedacht. Die große Stärke von Marx ist, dass er sich nicht an Teilen dieser Bestimmungen festklammert. Die sinnlose Forderung, man müsse den Gebrauchswert vom Wert befreien, liegt ihm fern. Es geht darum, die kapitalistische Produktionsweise als Ganzes zu analysieren und zu kritisieren. Man kann die Ware deshalb isoliert nicht abändern, da die Warenförmigkeit der Produkte elementare Ausdrucksform der herrschenden Verhältnisse ist.

Dass der professionelle Fußball Ware ist, also Wert und Gebrauchswert zugleich, liegt auf der Hand. Der Konflikt, der daraus entsteht, ist typisch für eine widersprüchliche kapitalistische Gesellschaft. Der Verkäufer ist vor allem an der quantitativen Größe des Preises interessiert, der Käufer an der Qualität der bedürfnisbefriedigenden Nützlichkeit. Auch wenn Fußball ein Kulturprodukt ist und am ehesten noch mit Filmen, Musik oder Spielen verglichen werden könnte, bildet er dabei keine Ausnahme. Nochmal zum Gebrauchswert der Ware: „Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z.B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache.“[8]

Marx untersucht allerdings nicht nur die Bestimmungen des Kapitalismus, wie er ist, sondern auch, wie sich der Kapitalismus selbst darstellt. Dies könnte helfen, einen zweiten Erklärungsansatz dafür zu liefern, warum das falsche Bild vom wahren Fußball überhaupt existiert.

In der Veräußerung des inneren Gegensatzes der Ware, von Gebrauchswert und Wert, in den äußeren Gegensatz von Ware und Geld, wird der Doppelcharakter der Ware verschleiert. Fälschlicherweise erscheint ausschließlich das Geld als Wert und die Ware als reiner Gebrauchswert. Die Ware wird rein als nützliches Ding ausgemacht, während es so aussieht, als ob es das Geld ist, was die Dinge abstrakt, vergleichbar und austauschbar macht. Der Marxist Moishe Postone denkt diesen falschen Schein des Kapitalismus weiter. Er erklärt damit die verquere Vorstellung, es gäbe einerseits ein produktives schaffendes Kapital der Industrie und ein parasitär raffendes Kapital der Zirkulationssphäre mit Banken und Spekulanten. Ihm ist klar, dass natürlich in beiden Sphären – dieser Logik nach – gerafft wird[9].

Der Gedanke eines eigentlich innerlichen Widerspruchs, der sich als ein Äußerer darstellt, lässt sich leicht auf die gängigen Diskussionen im Fußball übertragen.
Beim allgemeinen Widerspruch des Fußballs, Sport, aber auch Geschäft zu sein, wird zweiteres vom Fußball abgespalten und auf fußballfremde Mächte projiziert. Wahrer Fußball und Geschäftemacherei. Die Fußballklubs, die alle einerseits an einem sportlichen Wettbewerb teilnehmen, aber auch Wirtschaftsunternehmen sind, werden aufgeteilt in Traditionsvereine und Retortenklubs. Der innere Widerspruch des Fußballbegeisterten, einerseits Fan, andererseits gezwungenermaßen Konsument und Käufer zu sein, wird aufgespalten in echten Fan und Eventi. Keine dieser Aufspaltungen lässt sich konsequent begründen, hält sich aber sehr hartnäckig in der Diskussion. Diese Aufspaltungen gilt es zu kritisieren, da sie die Verhältnisse verschleiern und somit einer tatsächlichen Kritik entgegenstehen.

Es ist erstaunlich, dass Marxsche Begriffe praktisch keine Rolle in einem eher linken und kapitalismuskritischen Fußballdiskurs spielen, wären sie doch die Grundlage für eine kritische Analyse des Fußballs, wie auch der verschiedenen ideologischen Formen, die daraus hervorgehen.

Kritik statt Pathos

Wie bereits angedeutet, bleiben einige Kritikpunkte, die es am heutigen Fußball gibt, vom bisher Geschriebenen unberührt. Es geht nicht darum zu sagen, dass alles gut ist, wie es ist.
Die Anerkennung, dass der Fußball auch Geschäft ist, bedeutet nicht, dass die Vereine sich mit bestem Gewissen in die Zusammenarbeit mit kruden Regimen stürzen können, ohne dafür scharf kritisiert zu werden. Mit der Forderung, das falsche Bild vom echten Fußball aufzugeben, ist vielmehr die Hoffnung verbunden, dass sich Diskussionen und Proteste nochmal konkreter und ohne großes Fußballpathos auf spezifische Punkte richten könnten.

Dabei ist der Einsatz für erschwingliche Eintrittspreise, billigeres Stadionbier, aber auch weniger teure Sportabonnements besonders sympathisch. Kritik an regionalen Presseerzeugnissen, die sich schwertun, genug Abstand zum Verein zu wahren, ist genauso angebracht wie an einer skandalorientierten, oft überregionalen Presse, die bei der Bewertung einzelner Spieler und Trainer gerne mal deutlich über die Stränge schlägt. Die Forderung nach mehr Transparenz in den verschiedenen Verbänden und Klubs ist gut. Weitere Diskussionspunkte könnten der Umgang mit Minderjährigen, die Vereinbarung von Stadionerlebnis und Fernsehübertragung, die Frage nach den Außenmikrofonen Richtung Trainer- und Ersatzbank sein usw.

Es gäbe weiterhin verschiedenste Ansatzpunkte für Diskussion und Kritik. Nur die Eindeutigkeit bei manchen Fragen, das klare Schlagwort, das angeblich alle Entwicklungen zusammenfasst und das ganz große Pathos im Stile von „die zerstören unseren Sport und ich werde für den Fußball kämpfen“ ginge verloren. Dies wäre allerdings sehr wünschenswert.

Indem man die Tatsache anerkennt, dass Fußball im Kapitalismus in verschiedenster Hinsicht einer kapitalistischen Logik unterworfen ist, eröffnen sich im Groben zwei Arten, moderne Entwicklungen des Fußballs zu kritisieren. Einerseits in der Form einer allgemeinen Kapitalismuskritik, die Prozesse im Fußball aber nicht als Ursprung, sondern eher als einen von vielen Indikatoren des gesamtgesellschaftlichen Prozesses wahrnimmt, andererseits innerhalb der kapitalistischen Logik, in der man dann aber die Warenförmigkeit des Fußballs als gegebenen Kern voraussetzten muss.

Banalität der positiven Beschreibung des Fußballs

Voraussetzung dieser fundierten Kritik müsste auch ein Bewusstsein für einen positiven Begriff des Fußballs sein. Zunächst gibt es einen sehr angenehmen Grund für dessen Ausbleiben. Im Vergleich zu vergangenen Zeiten sind die Leistungen der Nationalmannschaft größtenteils nicht mehr an einen plumpen deutschen Patriotismus gekoppelt. Allerdings sollte man bei dieser Entwicklung nicht verschweigen, dass es davon noch genügend Überreste gibt. Die Vorfälle rund um das Spiel Energie Cottbus gegen den SV Babelsberg 03, bei denen der Nordostdeutsche Fußballverband eine sehr fragwürdige Rolle einnahm, zeigen, wie aktuell die Probleme mit Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus sind. Die „Sieg Heil!“-Rufe deutscher Fans bei einem Auswärtsspiel in Tschechien im September 2017 sind ein weiteres Beispiel. Und die Probleme mit Sexismus und Homophobie im Fußball sind immer noch sehr weit verbreitet.

Trotzdem wurden die deutsch-nationalistischen Töne tendenziell zurückgedrängt und mit ihnen die unschönen identitären Tugenden eines Männerbundes, wie Gemeinschaft, Kameradschaft, Loyalität, usw. Ohne diese Tugenden bleibt aber nicht mehr viel übrig, was man seinen nicht fußballbegeisterten Freunden erzählen könnte, um ihnen zu erklären, warum man seine Wochenenden mit Fußballschauen verbringt. Es bleiben nur noch recht banale Gründe wie Spaß, eine schöne Art der Anspannung oder Emotionalität, Entladung der Spannung bei einem Tor, usw.

Natürlich gibt es auch ein soziales oder politisches Engagement im Umfeld des Fußballs. Das erklärt aber auch nicht, warum man ausgerechnet dort und nicht in der Kirche oder einer anderen Vereinigung gelandet ist. Was Fußballfans zu ihrem Sport treibt, ist mit den verschiedensten Formen der Zerstreuung benannt: ob singend im Stadion, angetrunken in der Kneipe, alleine vor dem Fernseher oder vielleicht sogar Notizen machend mit der Taktik Cam und Statistiken auf dem Second Screen.

Manchmal ist es schwierig anzunehmen, dass Fußball einfach nur Zerstreuung sein soll, da es sich häufig nach deutlich mehr anfühlt. Es klingt beliebig und passt nicht zu der enormen Menge an Zeit und Mühen, die viele hineinstecken. Andererseits liegt auch Schönes darin, dass man etwas mal nicht für die größere Sache oder eine langfristige Wirkung tut, sondern einfach, weil es eine aufregende und spannende Beschäftigung ist.

Es ist komisch, dass man sich als Fußballfan seine Freizeit ausgerechnet mit dem Zuschauen einer spielerischen Konkurrenz vertreibt. Ist es doch eigentlich die Zeit, in der man mal nicht in ein Konkurrenzverhältnis gezwungen wird. Man könnte ganz allgemein gegen das Fußballschauen einwenden, dass es keine schöne Eigenschaft ist, immer nur zu jubeln, wenn man über den anderen triumphiert. Aber immer konsequent zu sein und keine persönlichen Widersprüche zuzulassen ist eine wesentlich unschönere Eigenschaft als die irrationale Freude, dass die Lieblingsmannschaft gewonnen hat.

Ein Bewusstsein für diese Irrationalität und der Banalität dieses Sports gehört ebenfalls zur Grundlage einer Kritik an verschiedenen Entwicklungen des Fußballs und könnte zusätzlich die ganze Diskussion auch etwas versachlichen.

Fußnoten

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Beitragsbild: “Fußballfeld” von flöschen via Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

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