Die heimlichen Hüter der Regeln

Die Arbeit des International Football Association Board

Ein kleiner Personenkreis legt die Regeln fest, nach denen Fußball gespielt wird. Sie bestimmen über die Zukunft des Spiels. Die Strukturen und die Entscheidungsfindung folgt jahrzehntealten Mustern und man lässt sich nur ungern in die Karten schauen.

Autor: Endreas Müller (120minuten.net, endreasmueller.blogspot.de)

“[…] Außerdem denke ich, dass es Regeländerungen geben wird, die das Spiel beeinflussen, wie der Videobeweis oder Zeitstrafen. Aber auch da spielt Geld eine Rolle. Vielleicht eine Auszeit als Werbepause. Alles eine Frage der Vermarktung.”

Julian Nagelsmann im kicker, 02/2017

 

Wer macht eigentlich die Spielregeln im Fußball? Damit meine ich nicht die sportpolitischen und teils fragwürdigen Entscheidungen von Verbänden wie FIFA, UEFA oder DFB, wenn es um die Vergabe von Turnieren, Regeln für Transfers, Nachwuchsförderung oder Ähnliches geht. Ich meine die eigentlichen Regeln, die das Geschehen auf dem Platz bestimmen: also so allgemeine Dinge wie die Größe des Spielfelds oder die Anzahl der Spieler, aber auch so pikante Details wie die Einführung neuer Technologien oder wann der Schiedsrichter zwingend einen Platzverweis aussprechen muss.

Die erste Anlaufstelle ist der DFB, der für jede Saison Spielregeln herausgibt. Schon auf Seite 2 der aktuellen Regeln findet eine Organisation Erwähnung, die nur selten öffentlich in Erscheinung tritt, das IFAB, the International Football Association Board. Wer oder was ist das IFAB, was macht es und wie arbeitet es? Das ist nicht wirklich klar und mag einerseits mit der Metaebene zu tun haben, auf der das IFAB operiert, aber auch mit einer zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit, denn bis vor kurzem hatte das IFAB noch nicht mal eine eigene Internetseite.

IFAB?

Das IFAB trat das erste Mal im Juni 1886 zusammen. Vertreter des englischen, nordirischen, schottischen und walisischen Fußballverbands riefen die Institution mit dem Ziel ins Leben, ein einheitliches Regelwerk zu schaffen. Das sollte Länderspiele vereinfachen. Bis dahin wurde immer nach den Regeln des jeweiligen Gastgebers gespielt. Das IFAB konnte sich erfolgreich als Institution zur Weiterentwicklung und Überprüfung des Regelwerks etablieren und es wurden eine Reihe von allgemein gültigen Regeln beschlossen, die heute integraler Bestandteil des Spiels sind: z.B. Tornetze, Elfmeter oder die Spielzeit von 90 Minuten.

Die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründete FIFA machte sich die IFAB-Regeln zu eigen und trat 1913 dem IFAB bei. Seit ihrer Gründung bis heute hat das IFAB die Hoheit über alle Regeländerungen. Nationale Verbände wie der DFB setzen vom IFAB beschlossene Änderungen in ihren Spielregeln um.

Das Wichtigste und alles entscheidende Gremium innerhalb des IFAB ist die General Assembly. Sie entscheidet letztendlich über alle Veränderungen im Alleingang. Die General Assembly besteht aus Vertretern der obersten Entscheidungsträger des englischen, nordirischen, schottischen und walisischen Fußballverbands sowie aus Vertretern der FIFA. Jeder der Nationalverbände hat bei Abstimmungen eine Stimme, die FIFA hat vier. Für die Zustimmung zu einer Regeländerung bedarf es sechs Stimmen. Sind alle nationalen Verbände gegen eine Änderung, wird sie nicht beschlossen, ist die FIFA gegen eine Änderung, kann sie ebensowenig beschlossen werden. So einfach ist das.

Auf einem jährlichen Treffen, dem Annual General Meeting, werden der Assembly Vorschläge für Regeländerungen vorgelegt. Diese Vorschläge wurden vorab vom Board of Directors ausgearbeitet. Das Board besteht aus den Generalsekretären der vier Nationalverbände und der FIFA. Das so genannte Technical Subcommittee, ebenfalls bestückt mit Vertretern und Experten der britischen Nationalverbände und der FIFA, soll beratend zur Seite stehen. Vor Kurzem wurden zwei weitere beratende Gremien eingeführt, die erstmals auch die Mitarbeit durch andere National- und Kontinentalverbände ermöglichen. In diesen beiden Advisory Panels sitzen u.a. Anthony Baffoe (CAF), Andreas Rettig, Wynton Rufer (OFC) oder Pierluigi Collina.

“The idea of the panels is that they will be more proactive and they will be able to look at these things and debate them while the IFAB’s role will be as the final decision-makers.”

Jonathan Ford, Vorsitzender des walisischen Fußballverbands und IFAB-Mitglied im Jahr 2014, als die Panels eingeführt wurden

 

Dennoch: das Board und die General Assembly bilden den kleinen Kreis, der die Weiterentwicklung des Fußballregelwerks maßgeblich bestimmt.

Ist das IFAB schwerfällig?

Veränderungen des Regelwerks brauchen Zeit. Denn die Auswirkungen von Änderungen müssen sorgsam abgeschätzt und geprüft werden, wirken sie sich doch direkt auf alle Spiele weltweit aus. In Anbetracht des Milliardengeschäfts Fußball keine triviale Angelegenheit, denn die Fußballregeln sind einer der wichtigsten Garanten für die Attraktivität des Sports und damit auch für seine wirtschaftliche Position. Neue Regelungen wie die aktuell diskutierten Zeitstrafen werden besprochen, in einzelnen Ligen ausprobiert, die Testläufe ausgewertet und bei Eignung ein Textentwurf für die Umsetzung in einer Regel vorbereitet. Von der Idee bis zur Implementierung einer Regel vergehen mehrere Jahre.

Eine sorgfältige und bedachte Vorgehensweise ist wichtig, aber man muss dem IFAB attestieren, dass es eine stockkonservative Institution ist. Das behauptet sie sogar von sich selbst:

“The IFAB is a conservative body and needs to be when it comes to the laws of Association Football.”

Ray Ellingham, Mitglied eines IFAB Advisory Panels und der walisischen FA, 2015

 

Das Selbstverständnis des IFAB ist eher vom Bild des Bewahrers und Verteidigers bestehender Regeln geprägt als von Innovation. Progressiv denkende Fußballbeobachter seufzen wohl öfter innerlich, wenn sie von einem innovativen Vorschlag zur Verbesserung des Spiels lesen und wissen, dass es wohl Wunschdenken bleibt. Freunde des “guten, alten Fußballs” werden erleichtert aufatmen, da sie sich sicher sein können, dass das IFAB Neuerungen nur sehr langsam ins Spiel einsickern lassen wird.

In diesem Zusammenhang sollte man aber nicht vergessen, dass dem Fußball auch durch Unterlassen geschadet wird. Nämlich dergestalt, dass dringend notwendige Regeländerungen nicht vorgenommen werden. Wie lange dauerte es, bis sich die IFAB zur Einführung der Rückpassregel durchrang und damit dem langsamen Hintenherumgeschiebe von der Abwehr zum Torwart und zurück ein Ende bereitete? Der Fußball der 80er war weniger attraktiv, weil Mannschaften die nicht vorhandene Rückpassregel für Zeitspiel einsetzten. Auch das Aufweichen der viel diskutierten Dreifachbestrafung nahm viele Jahre in Anspruch. Eine schnellere Umsetzung hätte den Ausgang einer Vielzahl von Spielen, auch auf höchstem Niveau, wohl maßgeblich beeinflusst.

Bei aller Kritik am wenig progressiven Vorgehen des IFAB – Regeländerungen müssen auch umgesetzt werden. Und das nicht nur von Bundesliga-Referees, sondern auch von ehrenamtlichen Schiris bis hinunter in den Amateurbereich. Jede Änderung verlangt ein Umdenken, das Verinnerlichen der neuen Regel und die sichere Anwendung sowohl im WM-Finale als auch in der Kreisklasse. All das muss abgewogen werden, bevor man eine Regelanpassung auf Spieler und Schiedsrichter loslässt.

Ein Beispiel ist die Veränderung der Abseitsregel. Sie wurde in den letzten Jahren modifiziert, um angreifenden Mannschaften einen Vorteil zu verschaffen. Dass soll natürlich die Attraktivität des Spiels erhöhen, aber die Umsetzung stellte die Schiedsrichter vor Probleme. David Elleray, ehemaliger FIFA-Schiedsrichter und heute Technical Director des IFAB, sieht die Umsetzung der jüngsten umfangreicheren Regeländerungen positiv, weiß aber auch, dass die Veränderung für Diskussionen gesorgt hat und es im Fall der Abseitsregel durchaus Meinungsverschiedenheiten und verschiedene Interpretationen gibt.

Ist das IFAB korrumpierbar?

Um die Arbeit des IFAB wurde nie größeres Aufheben gemacht. Es gab keine größeren öffentlichen Skandale oder Gerüchte, wie man sie von FIFA, DFB und UEFA kennt. Problematisch ist jedoch die Struktur des IFAB. Ein kleiner Kreis von Personen/Institutionen bestimmt über das Regelwerk des beliebtesten und umsatzstärksten Sports weltweit. Die Beeinflussung der Vergabe von EM- und WM-Turnieren ist selbstredend viel interessanter für Manipulationsversuche, einfach wegen der Unmittelbarkeit der Auswirkungen erfolgreicher Einflussnahmen. Ein Einwirken auf das IFAB würde einem Verband/Funktionär nicht direkt einen Vorteil bringen, aber die weitreichenden Konsequenzen von Regeländerungen können langfristig den Fußballsport entscheidend verändern.

Fragen an und Antworten von David Elleray, Technical Director des IFAB

Zumal die meisten Nationalverbände quasi kein Mitbestimmungsrecht bei neuen Regeln haben. Vier Mitgliedsverbände der FIFA haben 50 % der Stimmrechte. Die restlichen Verbände sind nur indirekt durch die FIFA vertreten und haben kaum Einfluss auf die eigentlichen Abstimmungen. Die historisch gewachsene Struktur mit vier Vertretern aus dem Mutterland des Fußballs und einem kleinen elitären Entscheiderkreis erscheint bei näherer Betrachtung den Anforderungen an einen globalen Fußball, wie wir ihn heute erleben, nicht mehr gewachsen. Auch wenn der FIFA-Modus bei Abstimmungen zu Turniervergaben, eine Stimme je Verband, Bestechung Tür und Tor geöffnet hat, so erscheint er doch weitaus demokratischer als das Prozedere des IFAB.

Seit 2014 ist etwas Bewegung in die IFAB gekommen, David Elleray verweist auf eine eigenständige, von den IFAB-Mitgliedern unabhängige Verwaltung, die installiert wurde. Inzwischen hat das IFAB einen CEO sowie zwei Vollzeitangestellte und Experten, die auf Beraterbasis tätig sind und in der Regel Positionen bei der FIFA oder den britischen Verbänden bekleiden, wie David Elleray selbst. Insgesamt sind etwa 30 Personen direkt an der Arbeit des IFAB beteiligt.

Etwas mehr als zwei Dutzend Personen koordinieren und lenken also die Weiterentwicklung des Fußball-Regelwerks. Das wirft natürlich auch die Frage auf, wie die Arbeit des IFAB finanziert wird. David Elleray verweist auf Zuwendungen der fünf IFAB-Mitglieder. In den Statuten der Organisation sind dazu folgende Aussagen zu finden:

“In pursuit of its objective, the association can make use of the membership fees and of other kinds of contributions and proceeds, such as its annual budget, which is approved at the Annual General Meeting (AGM) of the previous year.”

sowie

“The membership fees should not exceed CHF 5,000 per year and should be paid by each member[…]”

Das jährliche Budget des IFAB beträgt also 5 x 5.000 Schweizer Franken + X. Es bleibt festzuhalten, dass das IFAB finanziell abhängig von seinen fünf Mitgliedern ist und die Mitgliedsbeiträge von 25.000 Schweizer Franken vermutlich nur schwerlich ausreichen, um die Arbeit des IFAB zu finanzieren. Jährlich werden Audits, auch bezüglich der Finanzen, durchgeführt, die Ergebnisse bleiben aber intern.

Muss sich etwas am IFAB ändern?

Grundsätzlich sollte die Frage erlaubt sein, ob eine eigene “Gewalt”, ein Gremium, das weitestgehend unabhängig von Verbänden und Vereinen agiert, nicht besser geeignet wäre, das Regelwerk voranzubringen. Eine eigene Instanz, bestehend aus Experten, wie sie jetzt in den sogenannten Advisory Panels sitzen, wäre wohl unabhängiger von Verbandsinteressen.

In Anbetracht der anstehenden Veränderungen im Fußball, die zwangsläufig zum Einsatz von mehr Technologien führen werden und damit die Arbeit des IFAB noch mehr in den Fokus rücken, bedarf es eines integeren Gremiums, dass die Belange aller Fußballverbände gleichermaßen vertritt. Liest man diesen Bericht über die mögliche Einführung des Videobeweises, wird die Absurdität des derzeitigen Prozedere augenscheinlich: Der niederländische Verband macht einen Vorschlag und muss Überzeugungsarbeit bei Engländern, Walisern, Schotten und Nordiren leisten, um seine Idee auf die Agenda zu bringen. Das klingt nach Gutsherrenart und Hinterzimmerarbeit und wird den Herausforderungen eines sich immer schneller entwickelnden Fußballs kaum gerecht. Der aktuelle Abstimmungsmodus trägt sein Übriges bei. Das Verfahren mit den sechs nötigen Stimmen für die Durchsetzung einer Änderung macht das Gestalten schwierig und erleichtert stattdessen das Blockieren.

Auf die Frage, ob das IFAB eine Notwendigkeit für mehr Mitbestimmung durch alle Fußballverbände sieht, verweist David Elleray auf die international besetzten oben angesprochenen Advisory Panels mit beratender Funktion und den regen Austausch mit Fußballverbänden. In den vergangenen Jahren hat das IFAB seine Arbeit transparenter gemacht und man beruft sich auf eine Abstimmung unter FIFA-Mitgliedern aus dem Jahr 2013, in der die Struktur des IFAB abgenickt wurde. Darüber hinaus plant man für 2017 eine großangelegte Umfrage aller Fußballverbände.

Durchaus Schritte in die richtige Richtung, aber keine Änderung der grundlegenden Struktur. Eine kleine Gruppe von Entscheidungsträgern, die zusätzlich weitere Ämter in nationalen Verbänden ausfüllt, ist vermutlich schwerlich vor der Verfolgung persönlicher und verbandsseitiger Interessen gefeit. Den Vorwurf, dass das IFAB die Innovation im Fußball verzögert und damit Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern und Stagnation Vorschub leistet, muss sie sich wohl gefallen lassen. Denn das Bewahren des Status Quo scheint ein nicht unerheblicher Teil ihres Auftrags zu sein.

Das 131. Annual General Meeting (AGM)

Auf dem AGM beschließt die General Assembly des IFAB einmal jährlich Regeländerungen und lässt sich über laufende Experimente zu geplanten Veränderungen informieren. Am 3. März findet das AGM 2017 in London statt. Thema werden u.a. Zeitstrafen, die Möglichkeit einer 4. Einwechslung und der Videobeweis sein. Die Agenda des Meetings kann man hier nachlesen. Im aktuellen IFAB-Rundschreiben sind die Themen auf Deutsch zusammengefasst

Dank: Vielen Dank an David Elleray vom IFAB für die schnelle Beantwortung unserer Fragen und an Alex Feuerherdt für sein fachliches Feedback.

Beitragsbild: Shadows / Boris Baldinger via Flickr | CC-BY-SA 2.0

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Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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