Die Angst pfeift immer mit?

Aggressionen gegen Schiedsrichter

Autor: Adrian Sigel, Endreas Müller

Immer wieder liest man über Angriffe auf Schiedsrichter im Amateurbereich. Selten stehen dabei die Unparteiischen und ihr Umgang mit Drohungen und Gewalt im Mittelpunkt. In seiner Masterarbeit hat sich Adrian Sigel genau dieser Frage gewidmet, eine Reihe aufschlussreicher Interviews geführt und eine großangelegte Umfrage unter Schiedsrichtern durchgeführt.

„Eeyyy!!!“ ein langgezogener Schrei vom Platz und von den Rängen. Kurz darauf legen die Zuschauer nach: „meine Fresse, du pfeifst sonst jeden Scheiß!“ Die Schreie gelten unmissverständlich dem Schiedsrichter, ein junger Mann in seinen Zwanzigern, der gerade entschieden hat, dass ein Rempler im Strafraum nicht eines Elfmeters würdig ist. Es ist ein x-beliebiges Spiel der Kreisoberliga Ende Mai. Der Tabellenerste ist zu Gast und die Saison so gut wie gelaufen. Nur etwa 50 Zuschauer haben sich bei bestem Wetter auf der großen Tribüne eingefunden. Die Ultras scheinen sich heute eine Auszeit zu nehmen. 

Trotzdem dauert es keine fünf Minuten, bis sich der Schiri die ersten Unmutsbekundungen gefallen lassen muss. Schiedsrichter sind eine Zielscheibe. Wie sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeit angegangen werden, kann jeder von uns nahezu täglich im Fernsehen beobachten. Profifußballer lamentieren, reklamieren, fluchen am laufenden Band. Die überwiegende Mehrheit der mehr als 70.000 Schiedsrichter in Deutschland pfeift jedoch außerhalb unseres Blickfelds im Amateurbereich, ehrenamtlich, für eine kleine Aufwandsentschädigung, aus Spaß an der Schiedsrichterei oder zum Wohle des eigenen Vereins. Denn je nach Größe müssen Fußballvereine eine bestimmte Anzahl an Schiedsrichtern stellen.

Verließe man sich lediglich auf die Berichterstattung der Medien über Schiedsrichter im Amateurbereich, so müsste man meinen, dass es in einem fort zu Drohungen und offener Gewalt gegen sie kommt. Immer wieder liest man von abgebrochenen Spielen, Ausschreitungen auf und neben dem Platz, Gewalt gegen Schiris durch Zuschauer, Spieler, Vereinsvertreter. Die hiesige Berichterstattung konzentriert sich auf Extremfälle, die eine ausreichende Relevanz aufweisen, um sie aus dem Kontext des Fußballs auf lokaler Ebene herauszuheben.

Was bei dieser Berichterstattung auf der Strecke bleibt, ist zweierlei: einerseits erfährt die breite Öffentlichkeit so in der Regel nur von negativen Beispielen, die eventuell nicht die tatsächliche Situation widerspiegeln. Schließlich finden jedes Jahr mehr als 1,5 Mio. Spiele in den deutschen Amateurligen statt. Andererseits wird die Rolle und das Selbstverständnis der Schiedsrichter, ihr Handeln auf dem Platz und der Umgang mit Gewalt und Aggression selten thematisiert. In der Berichterstattung bleibt meist keine Zeit, genaue Ursachen und Motive der handelnden Personen aufzudröseln.

Diese Lücke soll die Studie „Aggressionserfahrungen von Schiedsrichtern im Fußballamateurbereich“ von Adrian Sigel schließen. In seiner umfassenden Arbeit stellt Sigel die Schiedsrichter als handelnde Personen in den Mittelpunkt. Ziel der Studie ist ein Überblick über das tatsächliche Ausmaß von Beleidigungen, Drohungen und Gewalt gegen Schiedsrichter sowie Umgang, Meinungen und Handlungsstrategien der Schiris. Dafür hat Sigel eine ganze Reihe von Schiedsrichtern ausführlich interviewt und eine großangelegte Umfrage durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie möchten wir hier zusammenfassen.

Studie: „Aggressionserfahrungen von Schiedsrichtern im Fußballamateurbereich“
Im Rahmen der Studie wurden 915 Schiedsrichter befragt. 97% der Befragten sind aktive Schiedsrichter, 3% sind ehemalige Schiedsrichter. Das mittlere Alter beträgt 32,6 Jahre; der jüngste befragte Schiedsrichter war zum Zeitpunkt der Befragung 13 Jahre alt, der älteste 79. Der Fragenkatalog wurde auf Basis mehrerer Interviews mit Schiedsrichtern zusammengestellt. Die Namen der persönlich befragten Schiris wurden anonymisiert.

Der Autor: Adrian Sigel schloss sein Masterstudium Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt im Dezember 2015 ab. Die hier vorgestellte Studie ist seine Masterarbeit. Sigel schloss vor Kurzem darüber hinaus die Ausbildung zum Sportpsychologen ab und ist im sportpsychologischen Bereich tätig. 

Fußball – ein Aggressionssport?

„Das muss ja auch nicht Ziel sein, diese komplette Aggressivität wegzukriegen. Weil es im Endeffekt ja auch irgendwo den Fußball ausmacht.”

Schiedsrichter Knippe

Das Spiel in der Kreisoberliga plätschert vor sich hin. Die Sonne brennt. Ein Wassereimerspiel. Zum wiederholten Mal pfeift der Schiri einen Stürmer der Gastgeber zurück – Stürmerfoul am Torhüter. Der Mann zwischen den Pfosten sieht sich dennoch genötigt, den Schiedsrichter anzuschreien und seinen Unmut zu äußern.

Ist das schon Aggression oder kann das weg? Wenn man es genau nimmt, ist vieles, was auf dem Fußballplatz passiert – das Herumgeschreie, das Echauffieren, das Reklamieren, Beleidigungen – aggressive Verhaltensweise. Mit verbalen Beleidigungen geht es los. Man wird wohl kaum ein Fußballspiel finden, bei dem es nicht zu verbalen Entgleisungen auch und vor allem gegen den Schiedsrichter kommt. Dabei würde wohl kaum ein Sportler, Zuschauer, Funktionär auf die Idee kommen, im Alltag mit seinen Kollegen, der Familie oder Freunden ähnlich zu kommunizieren.

Nicht wenige der in der Studie befragten Schiedsrichter sehen den Fußball als einen Sport, der von Emotionalität geprägt ist.

„[…]wir reden ja von einer Kontaktsportart, bei dem es um Aggressionsbearbeitung geht und vor allem dann natürlich auch mit einer physischen Thematik.“

Schiedsrichter Rapp

Die persönlich befragten Schiedsrichter gehen teilweise soweit, dass sie die Aggressionen auf dem Platz mit dem Wesen des Fußballs erklären. Emotionen und die damit verbundenen Aggressionen sind für sie integraler Bestandteil des Fußballs. Die Auswertung der Umfrage vermittelt jedoch einen anderen Eindruck. Mehr als 83 % stimmen der Aussage in der anonymen Befragung überhaupt nicht oder eher nicht zu:

„dass man ein bisschen blöd angegangen wird, das passiert auf jeden Fall jedem in jedem Spiel fast, sage ich mal“

SCHIEDSRICHTER RAPP

Was die Beleidigungen angeht, so gibt es einen Tenor unter allen Befragten – sie sind an der Tagesordnung. 95 % der mehr als 900 befragten Schiedsrichter gaben an, in ihrer Laufbahn bereits beleidigt worden zu sein. Mehr als 20 % wurden „häufig“ oder „sehr häufig“ beleidigt. Etwa ein Drittel der Befragten sieht sich nur selten Beleidigungen ausgesetzt. Die Auffassung der befragten Schiris, dass Aggressionen in Form von Beleidigungen Teil des Geschehens auf dem Platz sind, verwundert also nicht.

Beleidigungen am laufenden Band

Auf dem Platz in der Kreisoberliga tut sich fußballerisch wenig. Ergebnistechnisch ist die Partie Mitte der ersten Halbzeit bereits entschieden. Von den Zuschauern kommen dennoch immer wieder laute Zwischenrufe: „Auf der anderen Seite pfeifst du alles!“ „Der soll sich nicht so wichtig machen.“

Beleidigungen und Anfeindungen schlagen den Schiedsrichtern fortwährend entgegen. Im Amateurbereich haben daran auch die Zuschauer einen nicht zu vernachlässigenden Anteil. Ein Teil des Publikums bleibt nicht passiv, sondern versucht, aktiv einzugreifen. In Bundesligastadien ist es für den einzelnen Zuschauer schwierig, sich Gehör zu verschaffen, im Amateursport ein Leichtes. Der Schiedsrichter kann auf die Rufe und Beleidigungen kaum reagieren und hat wenig Handhabe dagegen. Es ist nicht unüblich, dass Zuschauer nach dem Spiel die direkte Konfrontation mit den Schiris suchen. Aus den Interviews mit den Schiedsrichtern geht auch hervor, dass Aggressionen von Seiten des Publikums ganz besonders im Rahmen von Jugendspielen von den Eltern ausgehen.

Aber auch auf dem Platz müssen sich die Unparteiischen jede Menge anhören – auch wenn die Beleidigungen auf dem Rasen subtiler ausfallen. Allzu plumpe verbale Attacken können schließlich Konsequenzen für die Spieler nach sich ziehen:

„Tatsächlich wird man auch von Spielern beleidigt (.), wobei die Spieler so clever sind, in höheren Spielklassen wissen (..) du einen Beobachter draußen und wenn der an dir vorbeigeht und sagt ‘Schiri, du bist heute grottenschlecht’ oder ‘du bist der Schlechteste den wir dieses Jahr hatten’, dann wirst du dem niemals die rote Karte zeigen, weil das (.) weil das keine Außenwirkung hat[…]“

Schiedsrichter Brunning

Für Beleidigungen seitens der Spieler gilt also ebenfalls, dass Schiris sie oft hinnehmen müssen und nicht direkt sanktionieren können. Die Unparteiischen sind sich dennoch bewusst, dass ihnen auch Mittel und Wege abseits des Regelwerks zur Verfügung stehen, um Spieler zur Räson zu bringen:

„[…] kannst als Schiri dann schon irgendwo / das darf man ja gar nicht laut sagen, aber beim (..) / von Rache will ich gar nicht sprechen“

Schiedsrichter Brunning

Und nach dem Spiel ist noch nicht Schluss. Jeder, der schon mal auf einem Amateurfußballplatz war, wird solche Szenen nach Abpfiff kennen: in den Interviews schildern die Befragten, wie Zuschauer, Spieler, Funktionäre sich genötigt sehen, den Schiedsrichter auf dem Weg in die Kabine mit Sprüchen zu überziehen und mitunter die Kabine zu belagern. Und es geht noch weiter, nach dem Spiel, in den sozialen Netzwerken, wird weiter beleidigt:

„[…]zwei, drei Stunden später, wo ich dann zu Hause war, auch über Facebook. Haben dann mich auf das Übelste beschimpft.“

Schiedsrichter Hofer

Aus Beleidigungen werden Drohungen

Nach den Beleidigungen sind die Gewaltandrohungen, die nächste Eskalationsstufe, der sich die Studie zuwendet.

Beinahe zwei Drittel aller befragten Schiris sahen sich schon mindestens einmal Gewaltandrohungen ausgesetzt. Allerdings werden lediglich knapp 4 % häufig oder sehr häufig damit konfrontiert. Fast 40 % haben noch nie eine Erfahrung dieser Art gemacht. Auf unseren Fußballplätzen wird in einem fort beleidigt, aber bei Weitem nicht so oft offen gedroht. Es ist dennoch kein gutes Zeichen, wenn mehr als die Hälfte der befragten Schiris sich schon einmal Drohungen ausgesetzt sah. In den Interviews wurde jedoch auch deutlich, dass die Unparteiischen die Drohungen einzuordnen wissen:

„[…] also sagen wir mal von Spielerseite (.) waren das eigentlich immer so leere Phrasen. Also, klar, wenn ich bedroht werde, dann dementsprechend fliegt der Spieler auch runter. Aber (..) trauen tut sich dann keiner, irgendwie mal irgendwas zu machen. […]”

Schiedsrichter Zackel

Die Drohung wird wahrgenommen, aber gleichzeitig eingeordnet und nicht immer als reale Bedrohung aufgefasst. Es gibt Drohungen, die Tätlichkeiten ankündigen, jedoch eher ein harmloses Ritual darstellen, man denke an Sprechchöre wie “Schiri, wir wissen wo dein Auto steht!” Auch wenn so etwas in der Regel nicht in die Tat umgesetzt wird, prägen solche Äußerungen die Stimmung gegenüber dem Unparteiischen.

Ein interviewter Schiedsrichter macht deutlich, dass er Drohungen von Spielern und Trainern sanktioniert und diese danach für ihn erledigt sind. Eine Umsetzung der Drohungen in Taten erwartet er nicht. Androhungen von Zuschauern bewertet er als „so eine Fußballfloskel“. Das hört sich nach einem lockeren Umgang der Schiris mit möglichen Konfliktsituationen an. Die Ergebnisse der Umfrage legen jedoch nahe, dass Drohungen bei Schiedsrichtern generell mehr Spuren hinterlassen als Beleidigungen.

Mehr als ein Viertel der Befragten gibt an, sich nach Beleidigungen überhaupt nicht damit zu beschäftigen. 37 % stimmen der Aussage, dass sie sich nach Beleidigungen noch an den Tagen danach mit dem Vorfall befassen „völlig zu“ oder „eher zu“. Unter denjenigen, die schon einmal mit Drohungen konfrontiert wurden, sind es fast zwei Drittel.

Die Androhung von Gewalt ist für viele Schiedsrichter gleichzusetzen mit der Überschreitung einer imaginären roten Linie, wie die Auswertung der folgenden Fragen zeigt. Mehr als die Hälfte der Befragten hat sich mit der Zeit an Beleidigungen gewöhnt, bei Gewaltandrohungen liegt die Zustimmung lediglich bei 13,5 %:

Gewalt gegen Schiedsrichter

„Mir ist es zweimal passiert, dass ich von hinten eine mitgekriegt habe. Wenn zwei Spieler gleichzeitig an mir vorbeigerannt sind, aber es nicht klar war, wer es gewesen ist.“

Schiedsrichter Leitner

Gewalt gegen Schiedsrichter gibt es nicht nur in den immer wieder zirkulierenden Schreckensmeldungen über Gewaltexzesse auf Fußballplätzen. Zwar ist nur ein geringer Teil der im Rahmen der Studie befragten Schiedsrichter selbst Opfer von Gewalt geworden, aber das Wissen um tätliche Angriffe ist bei allen Interviewten vorhanden.

In den persönlichen Gesprächen zeigt sich, dass Gewalt, auch wenn sie durch Schutzmaßnahmen verhindert werden konnte, eine prägende Erfahrung ist.

Mehr als die Hälfte der Schiedsrichter (52%) benötigte bereits Hilfe, beispielsweise von Ordnern. Andererseits war das bei 40 % der Befragten nur selten notwendig. Die Schiedsrichter sind sich bewusst, dass Vorkehrungen der Verbände und der Schutz durch Ordner notwendig sind, um tätliche Angriffe zu verhindern. Einer der Befragten gab zum Beispiel an, sein Auto immer in Fahrtrichtung zu parken, um im Notfall den Sportplatz schneller verlassen zu können.

Die Befragung verdeutlicht es: Gewalt gegen Schiedsrichter ist nicht alltäglich. Mehr als 70 % der Befragten waren noch nie Opfer eines tätlichen Angriffs. Nur ein einziger unter den mehr als 900 Teilnehmern der Studie gibt an, “häufig” angegriffen zu werden. Andererseits wurden bereits mehr als ein Viertel der Befragten schon mindestens einmal Opfer von Gewalt. Es wäre also fahrlässig, den Schluss zu ziehen, dass auf Fußballplätzen in Deutschland Gewalt keine Rolle spielt. Die Zahlen zeigen jedoch auch, dass die angesprochene verharmlosende Einordnung von Drohungen seitens der Schiedsrichter ihre Berechtigung hat: die Anzahl an Drohungen ist um ein Vielfaches höher als die tatsächlichen Angriffe.

Spieler mit Migrationshintergrund – vermeintliches oder echtes Problem?

Wo liegt die Ursache für die vielen Beleidigungen, die regelmäßigen Drohungen und die relativ seltenen tätlichen Angriffe? Dieser Frage hat sich Adrian Sigel in seiner Studie ebenfalls gewidmet und einige Faktoren herausgearbeitet.

Immer wieder wird von den Schiedsrichtern in den persönlichen Gesprächen die Mentalität von Spielern, Funktionären und Zuschauern mit Migrationshintergrund als eine Ursache für Aggressionen genannt.

Jeweils mehr als 60 % der Befragten Schiris nehmen Spieler mit Migrationshintergrund als emotionaler wahr und geben an, dass es bei Spielen mit Vereinen mit großem Ausländeranteil öfter zu Aggressionen auf dem Platz kommt.

Mögliche Ursache für diese Wahrnehmung der Schiedsrichter, so die Einschätzung von Adrian Sigel, könnte auch eine dadurch leichtere Abgrenzung sein. Indem aggressive Verhaltensweisen mit einem Migrationshintergrund assoziiert werden, fällt es leicht, eine Grenze zu ziehen: auf der einen Seite die emotionalen und eher zu aggressivem Verhalten neigende Gruppe. Auf der anderen Seite der Schiedsrichter als ordnendes, erziehendes Element, der mit seinem Tun und objektivem Auftreten für Ordnung sorgen möchte. Einige der befragten Schiris begreifen sich als Korrektiv. Auf die Frage, ob er in Spielen ausländischer Vereine mehr Probleme habe, antwortet ein Befragter z.B.:

„Nee. Nee. Wenn Sie sich darauf einlassen, nicht. Ja. Wenn Sie einfach mit dem, mit dem nötigen Hintergrund da rein gehen und sagen, okay, das ist jetzt vielleicht nicht das erste Spiel, was ich habe mit gewissen Nationalitäten und / eigentlich nicht. Im Gegenteil, Sie können die dann auch / bei denen können Sie mehr mit verbaler Ansprache / wenn Sie sich da einen rausholen und den so ansprechen, dass Sie das Gefühl haben, Sie erreichen den, dann klappt das irgendwie.”

Schiedsrichter Heckbrenner

Die erzieherische Komponente klingt besonders bei dieser Aussage durch:

„Und man muss das dementsprechend auch anders, anders anpacken. Also, sage ich mal, es sind halt bisschen andere Spielertypen. In jeder Mannschaft gibt es gewisse Spielertypen. (.) Und (.) ja, dann muss man eben versuchen, auch ein bisschen psychologisch dementsprechend sie für sich zu gewinnen. Wenn man eigentlich so den Rädelsführer der Mannschaft dann auf seiner Seite hat, dann hat man normalerweise auch (..) Ruhe auf dem Platz.“

Schiedsrichter Zackel

Die Aussagen in den Interviews legen auch nahe, dass Schiedsrichter das Gefühl haben, dass sie selbst durch richtiges Verhalten, das Geschehen auf dem Platz unter Kontrolle halten können. Die Beleidigungen werten viele der befragten Schiedsrichter nicht als Angriff auf die eigene Person, sondern als einen festen Bestandteil des Spiels. Dahinter verbirgt sich natürlich auch eine Art Schutzmechanismus: wenn Beleidigungen einfach immer und überall vorkommen, kann sie der Unparteiische als nicht direkt gegen sich gerichtet, also nicht als Kritik, einordnen.

Wie damit umgehen?

“Ach komm!” “Andersrum!” Weiterhin prasseln auf dem Spielfeld bei der Kreisoberligapartie Rufe auf den jungen Schiri ein. Auf den Beobachter wirkt er gelassen und besonnen. Inwieweit ihn das auf dem Platz Erlebte beschäftigt, ob und wie er es verarbeitet, ist natürlich nicht erkennbar.

Um Erfahrungen auf dem Platz zu verarbeiten, suchen Schiedsrichter vor allem das Gespräch mit anderen Schiris. Der Austausch untereinander ist das meist genutzte Werkzeug.

Mehr als 95 %, derjenigen, die sich mit anderen Schiris austauschen, empfinden dies als fachlich hilfreich, auf emotionaler Ebene sind es fast 80 %. Aussagen aus den Interviews verdeutlichen, welchen Stellenwert informelle Gespräche mit anderen Unparteiischen haben und dass die psychische Verarbeitung des Erlebten dabei eine wichtige Rolle spielt:

„Es bringt was, ja. (..) Es ist sowas, man merkt eines: Situativ ist man ja häufig oder sind auch sehr viele Kollegen auch in den gleichen Situationen mal gefangen gewesen. Und der eine sagt halt ‘du, ich habe es halt so gemacht’, und du sagst ‘ich habe es so gemacht’, und dann tauscht sich schon mal aus. ‚Was hat es bei dir gebracht, was hat es bei mir gebracht?‘ So dass man mal miteinander spricht.“

Schiedsrichter Stockmann

„Also das hat mir auch geholfen damals. Also ich habe auch mit dem einen oder anderen, also eher vertrauteren Personen dann auch in dem Bereich, gesprochen. Und die haben mir dann auch ähnliche Fälle mal geschildert gehabt, in deren (.) jüngeren Zeit. Und ja, das hilft dann einem schon.“

Schiedsrichter Zackel

Der Austausch untereinander stellt für viele Schiedsrichter eine adäquate Handlungsstrategie dar. Schon das “Drüberreden” hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Denn auf dem Platz ist man meist auf sich allein gestellt. Psychologische Betreuung seitens der Verbände ist im Amateurbereich nur bedingt möglich. Andererseits suggerieren die Aussagen der Interviews auch, das gezielte psychologische Betreuung, also Hilfe von außen, ein Zeichen der Schwäche ist:

„unterbewusst würde das bei mir auslösen (.) du bist / du schaffst es nicht.“

„Und man sucht ja irgendwo starke […] Persönlichkeiten, die mit dem Druck umgehen können. […] Vielleicht entspricht das nicht so dem Bild dessen, was man für höhere Aufgaben sucht. (..) Jemanden, […] der Schwächen zeigt.”

Schiedsrichter Brunning

Die Studie zeigt auch, dass die Schiris weit davon entfernt sind, sich für unfehlbar zu halten. Bei Umgang und Verarbeitung von Aggressionserfahrung spielt auch die Reflexion eine Rolle. Viele der Unparteiischen stellten in den Interviews klar, dass sie nach Aggressionserfahrungen nicht in einfache Schuldzuweisungen verfallen, sondern auch ihre eigene Leistung hinterfragen.

Wie konnte es zu jenem Vorfall kommen und inwieweit habe ich zur Entstehung der Situation beigetragen? Die Suche nach eigenen Fehlern unterstreicht das Bestreben, ähnliche Situationen in Zukunft durch frühzeitiges Handeln vermeiden zu können.

„Ja, also (..) man sucht natürlich in erster Linie die Fehler bei sich. Einfach vielleicht (.) / also, bei uns ist es so, ich überlege immer, was kann ich machen, damit es nicht so weit kommt. Einfach richtig antizipieren.“

Schiedsrichter Finkert

Immerhin 30 % der Befragten sehen bei Aggressionen auf dem Platz eine Mitschuld bei sich selbst und mehr als 70 % reflektieren nach Aggressionserfahrungen ihre eigene Leistung.

Zum Abschluss soll eine banale, aber naheliegende Handlungsstrategie der Schiedsrichter nicht unerwähnt bleiben: Gewöhnung. Wie oben beschrieben, sind vor allem Beleidigungen an der Tagesordnung. In den Interviews klingt immer wieder an, dass nach einer Phase der Gewöhnung bestimmte Aggressionen einfach ignoriert werden:

„ […] ja, also ich muss sagen, ich kriege das (..) eigentlich gar nicht mehr mit, weil man schottet sich dagegen sowieso ab und hat eh irgendwann ein dickes Fell.“

Schiedsrichter Zackel

Die ständigen Beleidigungen sind also eine Art Hintergrundrauschen, das manch einer schon gar nicht mehr wahrnimmt. Das verbessert an der Situation auf den Sportplätzen landauf, landab zwar wenig, aber wer will den Schiris verdenken, wenn sie ob der ständigen Beschimpfungen desensibilisiert sind?

Die Schiedsrichter, die an den Interviews teilnahmen, gehen davon aus, dass ihr Handeln Einfluss auf (potentielle) Aggressionen auf dem Platz hat. Dementsprechend reagieren viele von ihnen, in dem sie die Art und Weise ihrer Spielleitung anpassen, um Aggressionen zu vermeiden. Wie das von den Unparteiischen umgesetzt wird, ist sehr unterschiedlich. Es läuft aber immer darauf hinaus, das Spielgeschehen besser unter Kontrolle zu haben und so Gewalt und Aggression im Keim zu ersticken. Besonders oft wurde in den Interviews genannt, dass dies in erster Linie die uneingeschränkte Konzentration des Schiris erfordert und die Spielkontrolle sichergestellt wird, indem man die Regeln eher streng auslegt. Zum Beispiel in Sachen Körperkontakt, wo das Regelwerk den Schiris unterschiedliche Auslegungen erlaubt:

„Ich bin dann selbst zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht besser, wenn ich das Spiel an der sehr kurzen Leine halte.“

Schiedsrichter Witter

Konkret dazu befragt, gab etwa ein Viertel der Schiris an, wegen negativer Erfahrungen strenger und kleinlicher zu pfeifen.

Darüber hinaus trafen einige Schiris die Aussage, dass sie bereits Entscheidungen getroffen haben, die dem Regelwerk zuwiderliefen, um auf aggressives Verhalten zu reagieren oder um Konsequenzen, die eine Entscheidung im Sinne der Regeln mit sich gebracht hätte, aus dem Weg zu gehen.

„Also es gab echt ein Spiel, da ging es mir so sehr auf die Nerven, da (.) haben die nur rumgeschrien von der einen Mannschaft und dann da habe ich auch mal echt (..) ein Foul nicht gegen die gepfiffen, obwohl es Foul war. Aber die haben mir zu sehr rumgeschrien. Da habe ich in der Situation gedacht ‘nee, das pfeifst jetzt nicht, die können mich mal‘.“

Schiedsrichter Feitger

Die Folgen der Aggression

„Ja, das gab es schon auch mal, dass ich mit Magenschmerzen zum Spiel gefahren bin oder so. […] Doch, gab es auch, ab und zu mal. War eher die Ausnahme, aber wenn mal echt absolut keinen Bock, gab es das schon. Ja, Magengrummeln oder so […].“

Schiedsrichter Feitger

Aggressionserfahrungen auf dem Platz hinterlassen Spuren bei den Befragten, das zeigen die Antworten in den Interviews. Andererseits werden gemachte Aussagen zur psychischen Belastung oft auch relativiert bzw. erklärt, dass diese nicht von großer Dauer sind. Niemand scheint den Eindruck erwecken zu wollen, nicht belastbar genug zu sein.

Als Konsequenz der Aggressionserfahrungen stellen viele Schiedsrichter fest, an den Erfahrungen auf dem Rasen persönlich gewachsen zu sein. Das Reflektieren der eigenen Leistung und der Umgang mit Aggression führen zu einer anderen Einstellung und Herangehensweise an Situationen und Probleme – sowohl auf als auch abseits des Platzes.

„Ja, ich denke, dass man da gerade auch so eine gewisse Selbstsicherheit oder so ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt, dadurch dass man vielleicht eine gewisse Zeitlang (..) an den Sachen zweifelt oder, ja, auch darüber nachdenkt. Aber dass man letztendlich aus diesen Situationen eigentlich auch dabei lernt und das man daraus eben auch einen Vorteil zieht, selbst wenn man so eine Entscheidung nicht richtig getroffen hat, und man im Nachhinein, am nächsten Tag oder Abends halt, ja, merkt, dass das irgendwie besser hätte machen können. Dass man einen Vorteil daraus zieht. […] Aber ich würde sagen, dass gerade so Entscheidungen, die auf ein großes Unverständnis treffen, einen persönlich eigentlich stärker machen.“

Schiedsrichter Knippe

 

In fast allen persönlichen Gesprächen gab es solche oder ähnliche Aussagen:

“Also ich bin hundert Prozent der Meinung, ich wäre nicht der, der ich jetzt bin, wenn ich das nicht gemacht hätte.“

Schiedsrichter Brunning

Die Ausübung des Schiedsrichteramts hat laut Aussage der Befragten prägenden Einfluss auf die eigene Persönlichkeit. Immer wieder kommt dabei auch zur Sprache, dass die Schiedsrichterei den eigenen Sinn für Objektivität und Fairness schärft.

Und mehr als 85 % der Befragten sind der Meinung, an den negativen Erfahrungen auf dem Platz persönlich gewachsen zu sein.

Die Ultima ratio für einen Schiedsrichter im Umgang mit Aggressionserfahrungen ist der Rücktritt. Man sollte meinen, dass dieser Schritt naheliegend ist, schließlich handelt es sich um ein Ehrenamt, für das man eine kleine Aufwandsentschädigung erhält. Dennoch kommt ein Rücktritt wegen erlebter Aggressionen nur für wenige Schiedsrichter in Frage.

„Also das war eigentlich für mich immer klar, dass ich mich (..) von (.) keiner Beleidigung oder keinem Gewaltakt mich dazu zwingen lassen würde, jetzt aufzuhören.“

Schiedsrichter Zackel

 

„Ich hatte da eigentlich (..) wenn überhaupt nur sehr, sehr kurz den Gedanken mit dem Rücktritt. Und habe mich eigentlich dann eher (..) ja, auf die Fehleranalyse konzentriert und wie ich das nächste Spiel zu bewältigen habe.“

Schiedsrichter Witter

In den Befragungen zeigte sich andererseits aber auch, dass es sehr wohl eine Grenze gibt, bei deren Überschreitung Schiris jedoch unterschiedlich handeln würden. Ganz konkret ist diese Grenze die eigene körperliche Unversehrtheit:

„Was mich nachdenklich werden lassen würde, ist tatsächlich, wenn ich körperlich angegriffen würde und mich in meiner Gesundheit bedroht sehe. Dann würde ich das weitere Handeln mir durchaus mal überlegen.“

Schiedsrichter Finkert

Für fast die Hälfte der befragten Schiedsrichter gibt es eine definierte Grenze, deren Übertretung einen Rücktritt nach sich ziehen würde. Jedoch haben nur knapp 8 % aufgrund negativer Erfahrungen bereits ernsthaft erwogen, die Schiedsrichterei aufzugeben. Nahezu 60 % haben sich noch nie mit konkreten Rücktrittsgedanken befasst.

Beleidigungen und Anfeindungen gegen Schiris sind auf unseren Fußballplätzen die Norm, zu tätlichen Angriffen kommt es relativ selten. Von einem Klima der Angst auf deutschen Fußballplätzen zu sprechen, wäre zu hoch gegriffen. Wobei die Wahrnehmung der Schiedsrichter ist, dass Aggressionen zunehmen.

Trotz der Erfahrungen üben viele Betroffene ihr Schiedsrichteramt weiter aus. Die Schiris fühlen sich dem Fußballsport und ihrem Amt verpflichtet und finden Wege, mit erlebten Aggressionen umzugehen. Überraschend an den Ergebnissen ist, dass die Unparteiischen kaum Kritik an den Verbänden üben – man wünscht sich aber härtere Strafen und eine bessere Begleitung und Betreuung von Schiedsrichteranfängern.

Wegdiskutieren kann man Aggressionen nicht. Was zählt, ist der richtige Umgang auf und abseits des Platzes mit ihnen. Und am Wichtigsten dafür sind eigene Erfahrungen und der Austausch mit anderen Schiris, das wird immer wieder deutlich.

Der Abpfiff in der Kreisoberliga. Der Favorit hat haushoch gewonnen. Der junge Schiedsrichter ist kaum aufgefallen, hat sich keine groben Schnitzer erlaubt. Von den Rängen, den Trainerbänken und von den Spielern gab es trotzdem den einen oder anderen Spruch. Im Spielbericht des Unparteiischen wird davon vermutlich Nichts zu lesen sein – keine besonderen Vorkommnisse.

Kategorie q 120minuten

Endreas Müller heißt in Wirklichkeit ganz anders und beschäftigt sich schon länger mit Fußball im Allgemeinen und dem Bloggen im Besonderen. Vor einiger Zeit stellte er sich gemeinsam mit Christoph Wagner die Frage, warum es eigentlich in der deutschen Blogosphäre noch keine Plattform für lange Fußballtexte gibt – die Idee von ‚120minuten’ war geboren.

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