Der Trainer meines Lebens

Autor: Cihan, Der Letzte Zehner

Fußball ist mehr als ein sportlicher Wettkampf. Manchmal begegnet man auf und neben dem Fußballplatz Menschen, die einen prägen, die einen mitreißen, die einen besonderen Platz im Leben einnehmen. Autor Cihan schreibt über eine solche Begegnung und das besondere Verhältnis zu seinem Trainer, von dem er Abschied nehmen musste. 

Für Ihn.

Vor einigen Wochen hatte ich mein Handy in der Hand und überlegte, ihn kurz anzurufen. Ich saß zuhause und hatte eben mitbekommen, dass der Verein, bei dem er mich zuletzt trainierte, ihn entlassen hatte. Wir hatten uns inzwischen ein halbes Jahr lang nicht gesehen, doch ich kannte ihn gut genug, um zu ahnen, dass ihn die Sache sehr getroffen haben musste.

Ein kurzes Hallo, ein aufrichtiges Mach-dir-nix-draus, zum Schluss noch ein Bis-bald-dann-mal, es hätte gereicht. Doch es ist ja immer so: Sobald man wirklich überlegt, ob man jemanden anrufen soll, ist es schon zu spät. Ich ließ es also bleiben. Ausreden hatte ich genug: Er hat bestimmt genug um die Ohren jetzt. Ich ruf ihn einfach in ein paar Tagen an. Irgendwo wird man sich schon über den Weg laufen.

Im Nachhinein ärgert es mich, denn ein Anruf wäre in einer solchen Situation und nach all dem, was wir zusammen durchgemacht haben, nur folgerichtig gewesen. Vielleicht ist es deshalb eine Art Trost für mein Bewusstsein, ein Ablenken in Richtung bessere Zeiten, dass ich in den letzten Tagen immer wieder an unser erstes richtiges Gespräch denken muss.

Es ist vier Jahre her. Ich war damals sehr gespannt auf ihn, denn sein Name hat bei uns in der Gegend einen besonderen Klang. Was vor allem daran liegt, dass er es einst als Fußballer in die Bundesliga schaffte. Das liegt zwar schon eine lange Zeit zurück, aber der lokale Ruhm eines Fußballprofis blättert ja nie so richtig ab, zumal es aus unserer Gegend nur sehr wenige zum Profi gebracht haben. Doch auch als Trainer eilte ihm sein Ruf voraus, spätestens seit er einen Verein aus der benachbarten Region in die Oberliga führte und dort als Vereinshelden galt. Und ich wusste bereits, dass er sehr viel von seinen Spielern fordert. Das hatte ich von einem früheren Spielertrainer mitbekommen, der mich bei meiner zweiten Station als Aktiver trainierte und für mich eine Art spielerisches Vorbild war. Weil er auf derselben Position wie ich spielte, und zwar genau so, wie ich es auch einmal beherrschen wollte: technisch stark, mit Übersicht, immer der entscheidende Mann. Nach einer Trainingseinheit nahm er mich damals zur Seite und sagte mir in vier Worten, was mir seiner Meinung nach noch fehle: “Ein echter Zehner grätscht.” Den Satz habe ihm „der beste Trainer, den ich je hatte“ immer und immer wieder eingetrichtert. So kannte ich also eines seiner fußballerischen Grundprinzipien, lange bevor ich ihn kannte.

Und jetzt saß mir dehabiger1r Mann mit dem guten Ruf und der großen Reichweite zum ersten Mal gegenüber. Er hatte mich schon in der ersten Trainingswoche nach einer Einheit in sein Zimmer gebeten, das gleich neben unserer Kabine war. Er war damals als neuer Trainer nach Bad Friedrichshall gekommen, wo ich schon seit einigen Jahren spielte. Wir waren gerade in die Bezirksliga abgestiegen, was im Vergleich zu seiner vorherigen Karriere eher niedrigeres Niveau war. Ich glaube sogar, dass er vorher nie so niedrig gespielt oder trainiert hatte. Doch er hatte vor dem feststehenden Abstieg für beide Ligen zugesagt und ging die Sache mit großem Engagement an, zumal er bei diesem Verein mit dem Fußballspielen begann.

“Du wirst bei mir immer spielen.”

Das war sein erster Satz. Er sagte, dass er mich für einen sehr guten Fußballer halte, dass er denke, dass ich eigentlich in einer höheren Liga spielen sollte, und dass er mir dabei helfen wolle, von nun an mein Potential auszuschöpfen. Und er sagte: „Denk immer dran: Bei mir darfst du auch Fehler machen. Mir ist egal, was die Leute denken oder sagen. Konzentrier dich einfach nur auf dein Spiel.“

Ich verstand das als Hinweis darauf, dass er über meine jüngste Vergangenheit informiert war. Ich war nämlich bei den Stammzuschauern ziemlich umstritten, was an meiner mangelnden Konstanz lag. An guten Tagen konnte ich als Zehner lässig die Fäden ziehen, hin und wieder mit entscheidenden Toren oder Pässen auch den Unterschied ausmachen. Manchmal kam ich aber schon nach den ersten zwei Fehlpässen zu sehr ins Grübeln und war für die restlichen 86 Minuten nicht mehr zu gebrauchen. Und da ich vom Spielertyp her nie zu der vor allem auf ländlichen Sportplätzen verehrten Sorte ‚grätschendes Kampfschwein‘ gehörte, kam bei der Rentnerfraktion an der Seitenlinie schnell der Verdacht auf, es mangle mir an Kampfgeist und der richtigen Einstellung. Das Ganze war vergleichbar mit dem ewigen Mesut-Özil-Dilemma, nur ein paar Ligen weiter unten.

„Was die da hinter mir rumbruddeln, interessiert mich als Trainer nicht“, sagte er und machte über seiner rechten Schulter eine abwinkende Geste nach hinten. Gleichzeitig machte er mir aber auch klar, dass seine hohe Meinung von mir kein Freifahrtschein sei, sondern dass er im Gegenzug vollen Einsatz von mir erwarte. Nur dann gelte sein Versprechen, und dann werde er immer hinter mir stehen.

Nach dem Gespräch saß ich wieder an meinem Platz in der Kabine, war inmitten von lauter Musik und johlenden Dialogen ganz mit meinen Gedanken beschäftigt und fasste das Gespräch nochmal für mich zusammen. So hatte noch nie ein Trainer mit mir gesprochen. So hatte vielleicht sogar noch nie ein Mensch mit mir gesprochen. Es kam mir sehr ungewöhnlich vor, dass mir jemand schon beim ersten Gespräch solch aufrichtige Komplimente machte. Seine Worte machten mich stolz und glücklich und aufgeregt.

Sein Vorgänger war ein eher reservierter und kühler Schullehrer, der zwar auch immer freundlich zu mir war, der aber – wie ich erst nach seinem Weggang erfuhr – beim Vorstand dafür plädierte, dass ich mir einen neuen Verein suchen solle. Er hielt mich für einen Trainingsweltmeister und sagte den Verantwortlichen, dass er nicht mehr mit mir arbeiten wolle. Und jetzt saß einer, der schon alles im Fußball gesehen hatte, vor mir und sprach mir von vornherein sein absolutes Vertrauen aus. Ich wusste nicht genau, wie ich das alles einordnen sollte. Eins wusste ich aber genau: Er hatte mich auf seiner Seite.

Die Ansprache, die er an mich gerichtet hatte, wurde sicher nicht jedem Dahergelaufenen zuteil, und sie kam ehrlich rüber. Er entschied sich dazu, einen Schritt auf mich zuzugehen. Und das wollte ich zurückzahlen, so gut ich konnte. An diesem Tag wurde er für mich also auf einen Schlag zum Verbündeten, egal was noch zwischen uns passieren sollte.

cihan1Er machte seine Ankündigung wahr und gestand mir sowohl taktisch als auch im persönlichen Umgang eine Sonderrolle zu. Er gab mir immer das Gefühl, dass es ihm persönlich wichtig war, dass ich guten Fußball spielte. Schon in der Vorbereitung nahm er mich sehr oft zur Seite, wies mich auf Fehler hin, gab Tipps:

„Du musst noch schneller spielen.“

„Zwei Ballkontakte, nicht mehr. Je einfacher du spielst, umso besser.“

„Ich will nicht mehr sehen, dass du nach einem Pass stehen bleibst.“

Ich fühlte mich gestärkt und spielte unter ihm befreiter als vorher. Doch wie angekündigt erwartete er im Gegenzug auch viel von mir. Als wir ein Testspiel gegen einen unterklassigen Gegner gewannen und ich zwei Tore erzielte, wollte ich nach dem Abpfiff gerade ziemlich zufrieden vom Platz. Er aber marschierte sofort aufs Feld, blieb vor mir stehen, drückte mir den Zeigefinger zwei Mal auf die Brust und sagte: „Wenn du irgendwann mal doch auf der Bank sitzen solltest, wird es allein deine Schuld sein.“ Ich wusste nicht, was los war. Er erklärte es: Das Ergebnis war ihm egal, meine Tore auch, ich hatte für seinen Geschmack viel zu viel gedribbelt und zu spät abgespielt.

Selbst als ich bei einem Testspiel verletzt war und von der Ersatzbank aus zusah, setzte er sich immer wieder neben mich und erklärte mir, welcher Spieler gerade welchen Fehler begangen hatte und wie man es hätte besser machen können. Er war wie ein laufendes Taktikbuch, er schien für jede Spielsituation eine Lösung zu haben.

Schon in den ersten Wochen fiel mir noch eine Sache auf, für die ich in die Klischeekiste greifen muss: Dieser Mann lebte Fußball. Er machte vor jedem Training das 5-gegen-2 mit und spielte noch immer genauere Pässe als wir alle. Er zog für jedes Spiel seine Kickschuhe an, und obwohl er bereits jenseits der 50 war, hatte er seinen eigenen Spielerpass und war für den Fall der Fälle immer einsatzbereit.

In jeder Spielsekunde stand er direkt an der Seitenlinie, dirigierte, schrie, gab Anweisungen mit ganz eigener Wortwahl:

„Alleine!“
=Versuche, irgendwie zum Abschluss zu kommen

„Fahr heim!“
=Spiele einen Rückpass

„Net über de Winkel!“
=Du sollst keinen ‚blinden‘ Pass spielen, ohne den Mitspieler im Blick zu haben

„Batsch!“
Das Wort war eines seiner Markenzeichen und stand als Vertonung für mehrere Vorgänge: Schießen, Kombinieren, prallen lassen, in den Zweikampf gehen usw.

habiger2Ich hatte noch nie einen Trainer erlebt, der jedes Spiel von außen so sehr miterlebte, mitfühlte, mitlitt. Als wir in der letzten Minute einer Partie eine Riesenchance zum 3:3 hatten, stand er bereits an der Eckfahne, als nehme er selbst am Angriff teil. Der Ball ging nicht rein. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er vor lauter Frust losrannte und ein paar Meter weiter – kein Scheiß – einen Purzelbaum schlug. Nach dem distanzierten Taktiker vor ihm war seine Art für uns alle ein kleiner Kulturschock, wir waren solch emotionalen Input von der Seitenlinie nicht gewöhnt. Doch wir liebten ihn. Als wir einmal mit der Mannschaft essen waren, drückte es ein Mitspieler so aus: „Für den will man sich einfach immer zerreißen.“

Sobald das Spiel vorbei war, wurde er immer sofort wieder zum Kumpeltyp. Schon in der ersten Trainingswoche erklärte er vor versammelter Mannschaft, dass es alle bitte unterlassen sollten, ihn zu siezen: „Dieses ‚Herr‘, das ich schon ein paar Mal gehört habe, das passt nicht zu mir“, sagte er. „Da wird mir ganz komisch. Nennt mich einfach Coach.“

Er hatte eine ganz eigene Art von Humor, eine Form der Kommunikation, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Alleine durch Betonung, Gestik und Mimik wurden einfache Sätze zu Klassikern, über die wir heute noch lachen. Taktische Ansprachen vor den Spielen, in denen er ein paar Sätze an jeden einzelnen Spieler richtete, waren immer Belehrung und Unterhaltung zugleich. Wenn er auf seiner Taktiktafel die runden Magnete hin- und herschob und bei jenem ankam, das meinen Landsmann und Nebensitzer darstellen sollte, der für seine rustikale Spielweise bekannt war, blickte er durch den Raum an und fragte grinsend: „So jetzt, wo isch er wieder, mein Bulle vom Bosporus?“ Wenn es um unseren Mittelstürmer ging, sagte er immer: „Spielt den Jungen an in der Box, da gibt‘s keinen Besseren!“ Beim Wort „Box“ wackelte er mit dem Zeigefinger schräg über Kopfhöhe in der Luft und sah grinsend zu ihm hoch. Als ein Mitspieler in der 90. Minute mit einem Schuss genau in den Winkel den Sieg besorgte, lobte Coach ihn danach in der Kabine: „Da ist dir aber einer abgerutscht!“

So sprach kein anderer. Deshalb lachte man an den richtigen Stellen und hörte gerne zu, folgte jedem Wort. Oder die Sache mit Mertesacker und ihm, auch unvergessen. Nach jedem Spiel der Nationalmannschaft meckerte er über dessen Spielweise: „Habt ihr gestern wieder den Langen gesehen? Der nimmt jeden Ball, sucht immer den Lahm und ist froh, wenn er die Kugel schnell wieder los ist. Da spiel ich ja heute noch bessere Pässe mit dem Außenrist!“ Jeder, der gesehen hätte, wie er Mertesacker dazu mit großen Ausholbewegungen und hölzernen Zuckungen imitierte, hätte sich genau wie wir vor Lachen nicht gekriegt.

Und er war ein großer Geschichtenerzähler. Vor allem nach Niederlagen wurde es zu einer Art Ritual, dass er das Warmmachprogramm mitmachte, danach eine Weile mit uns auf dem Rasen zusammensaß und uns von seiner Zeit als Profi in den achtziger Jahren erzählte. Wie er zum VfB Stuttgart kam und schon nach dem ersten 5-gegen-2 dachte, das alles sei eine Nummer zu groß für ihn. Wie er im nächsten Training dann Günther Schäfer von den Beinen holte und sich den Respekt der etablierten Spieler verdiente. Dass sein Trainer Jürgen Sundermann am Anfang fast nie mit ihm sprach, dann aber eines Tages ein Trikot auf seinen Platz in der Kabine legte und sagte: „Guck nich‘ so, du spielst heute.“ Dass er gegen Arminia Bielefeld eine Halbzeit lang von einem kleinen, schnellen Finnen überrannt wurde und in der Pause erschöpft um seine Auswechslung bat. Nur vom Höhepunkt seiner Karriere, dem Bundesliga-Treffer gegen die Bayern, wollte er nie viel erzählen. Wahrscheinlich hatte er es über all die Jahre schon zu oft erzählen müssen. Dank YouTube wussten wir aber immerhin, dass die Sache mit dem Purzelbaum nicht von ungefähr kam:

Um als Fußballer einem Trainer wirklich zu folgen, musst du ihn gleichzeitig mögen und fürchten. Wer als Trainer nur eines der zwei Extreme verkörpert und das andere vernachlässigt, wird irgendwann entweder nicht mehr ernstgenommen oder bringt seine Mannschaft gegen sich auf. Dieses notwendige Gleichgewicht aus Nähe und Autorität bekam er hin wie kein anderer. Denn bei all den Lachern und seiner Fürsorge war er auch ein harter Hund. Wenn er im Training etwas erklärte und sich zwei Spieler weiter miteinander unterhielten, schickte er uns alle zum Laufen. Als ein Spieler, der für viel Geld gekommen war, sich seinen Anweisungen ein paar Mal widersetzte, erfuhren wir vor einer Trainingseinheit, dass er nicht mehr unser Mitspieler war. Bei seinem letzten Verein hatte er einen Spieler abgesägt, weil der sich weigerte, in der zweiten Mannschaft auszuhelfen. Als der Spieler trotzdem auf den Sportplatz kam und Coach von der örtlichen Zeitung gefragt wurde, ob der Spieler eine zweite Chance bekäme, antwortete er nur: „Vielleicht wollte er mir ja seine neue Frisur zeigen. Das Thema ist durch.“

Er setzte also gleichermaßen auf Zuckerbrot und Peitsche. Und das vor allem bei mir.

Seine hohe Meinung von meinen Fähigkeiten brachte er immer wieder zum Ausdruck. In persönlichen Gesprächen, in Ansprachen vor der Mannschaft, selbst wenn er mit den anderen im Sportheim zusammensaß und ich einmal nicht dabei war, bekam ich es später mit: „Der Alte hat wieder nur von dir geschwärmt.“ Er gab mir und meiner Spielweise sogar einen Spitznamen und rief mich manchmal „Streichler“. Weil es mich jedes Mal aufs Neue stolz machte, weiß ich noch jedes Wort, das er dafür gebrauchte:

„Denk immer dran, du kannst alles.“

„Ich habe selten einen solchen Spieler gehabt.“

Und immer wieder:

„Du bist ein außergewöhnlicher Fußballer.“

Einmal sagte er auch: „Wenn ich deine Technik gehabt hätte, wäre ich Nationalspieler geworden.“ Es war in erster Linie ein weiteres Lob, zeigte mir aber gleichzeitig auch meine Schwächen auf. Denn wenn all das stimmte und ich von den Anlagen tatsächlich alles mitbrachte, trotzdem aber in der Bezirksliga spielte, hieß das ja im Umkehrschluss auch, dass ich zu wenig daraus machte. Und heute weiß ich: Hätte ich als Fußballer seinen Biss und seine Aggressivität, wäre viel mehr drin gewesen. Vielleicht war das auch der Grund für die besondere Wertschätzung zwischen uns. Wir bewunderten uns gegenseitig für Stärken, die wir selbst nicht hatten.

Da es mir nicht in jedem Spiel gelang, seine Vorgaben umzusetzen, entstand zwischen uns ein dauerhaftes Spannungsverhältnis. Manchmal fühlte ich mich wie der Sohn des Lehrers, der von seinem Vater strenger benotet wird als seine Mitschüler. Als wir in einem wichtigen Spiel zur Halbzeit 0:3 zurück lagen, ließ er in der Kabine eine Wutrede los. Als sie vorbei schien und alles leise war, fragte er mich vor allen anderen in ruhigem Ton: „Hast du heute schon einen Zweikampf geführt? Probier‘ es mal.“ Dazu kam ich aber nicht mehr, denn er wechselte mich noch in der Halbzeit aus. Manchmal rief er: „Noch ein Fehlpass, und ich hol dich runter!“ Einmal hörte ich ihn schreien: „Geh‘ endlich mit nach hinten, sonst reiß ich dir die Eier raus!“

Klingt böse, oder? War es aber nicht. Coach war eben oldschool. Sobald der Ball rollte, gab es keinen Platz für Empfindlichkeiten, damit musste jeder unter ihm zurechtkommen. Fand ich das häufige Anschreien gut? Nein. Nahm ich es ihm übel? Niemals. Seine persönliche Meinung von mir und seine Beweggründe, die er mir von Anfang an mitgeteilt hatte, relativierten und legitimierten jede Kritik. Wenn die anderen mich darauf ansprachen, wenn sie sogar nachmachten, wie er nach Fehlern meinen langgezogenen Vornamen über den ganzen Platz schrie, lachte ich zwar mit, dachte aber nur: Jungs, ihr versteht nicht. Er hat es mir am ersten Tag schon erklärt. Er will nur das Beste.

Einmal kam es aber doch fast zum Bruch.

Das Spitzenspiel stand an, die zwei Aufstiegsaspiranten im direkten Duell. Wir gegen Heilbronn. Alle redeten wochenlang nur von diesem Spiel. 800 Zuschauer waren da, für unsere Verhältnisse war das wie das ausverkaufte Olympiastadion. Wir hatten sie zuvor im Pokal geschlagen und gingen mit viel Selbstvertrauen ins Spiel. Und dann erwischte ich einen ganz miesen Tag. Nichts wollte klappen, ich brachte kaum einen Ball an den Mann. Ich hatte mich so sehr auf dieses Spiel vorbereitet, doch jetzt irrte ich über den Platz und fand einfach keinen Zugriff. Nach einer halben Stunde nahm er mich aus dem Spiel. Vor all den Zuschauern, vor meiner Familie und meinen Freunden. Sie schossen uns mit 4:0 ab, während ich auf der Bank saß und mir nicht anmerken ließ, wie sehr mich die Höchststrafe mitnahm. Zuhause aber legte ich mich sofort ins Bett, stand den ganzen Tag lang nicht mehr auf und war sauer auf alles. Auf mich, auf ihn, auf die Welt. Ich wusste ja, dass ich einen Stiefel gekickt hatte, aber hätte er die paar Minuten bis zur Halbzeit nicht warten können?

Vor dem nächsten Training wollte ich mit ihm darüber reden. Schon als er sah, dass ich in seine Richtung lief, kam er mir entgegen. Wir führten ein langes Gespräch und waren uns nicht in allem einig, aber es war kein Streit. Er erklärte seine Entscheidung und sagte: „Ich werd‘ dich nicht in Ruhe lassen, bis ich dich da habe, wo ich dich sehen will.“ Als er dann in einer langen Ansprache vor der Mannschaft auf das Spiel einging, sagte er über mich: „Jetzt hat er halt mal dran glauben müssen. Auch wenn er es jetzt nicht weiß, habe ich das auch für ihn gemacht. Und im nächsten Spiel wird er wieder spielen! Bis er es kapiert.“ Bei den letzten Worten schlug er mit einer Hand wiederholt vor sich in die Luft, wie ein Richter mit seinem Hammer nach der Urteilsverkündung.

Es war nicht immer leicht, sich in der Grauzone zwischen Schützling und Blitzableiter zurechtzufinden. Doch mit der Zeit zeigten seine Methoden ihre Wirkung. Als ich einmal im Training mit einem zu gewagten Pass einen Konter einleitete, stoppte er das Abschlussspiel mit einem lauten Pfiff und marschierte aufs Feld. Er wies mich an, bis zum Ende der Einheit um den Platz zu laufen und nahm meine Position ein. Danach schrie er nach jedem erfolgreichen Pass laut und deutlich: „So macht man das!“ – „Einfach spielen!“ – „Das ist Fußball!“ Jeder wusste, an wen die Ausrufe gerichtet waren. Nach dem Training kam er in die Kabine und gab mir wortlos einen kurzen, festen Handschlag.  Zwei Tage später gewannen wir auswärts mit 6:1, ich machte in den ersten zehn Minuten zwei Tore. Und so ging es dann in den folgenden Wochen weiter. Ich spielte, ich traf, wir gewannen, alles lief. Wir waren auf Aufstiegskurs.

Dann brach unsere Saison innerhalb von wenigen Wochen in sich zusammen. Der alte Vorstand ging, ein neuer Vorstand kam, zwischen Vorstand und Trainer kam es zu Unstimmigkeiten bezüglich seines Vertrags. Vor einer Trainingseinheit rief er mich in sein Zimmer und erklärte mir die Situation. Der neue Vorstand wollte die Kosten senken und erkannte seinen vorher geschlossenen Vertrag nicht mehr an. Das wiederum wollte er nicht akzeptieren, innerhalb weniger Tage kam es zum Bruch. Jetzt wollte er nur noch die Saison anständig zu Ende bringen, dann musste er weg, denn beide Seiten konnten nicht mehr zusammenarbeiten. „Und das gerade jetzt, wo ich dich endlich so weit hatte“, sagte er. Im nächsten Spiel machte ich ein Freistoßtor, rannte zu ihm an die Seitenlinie und sprang ihm in die Arme. Es war keine geplante Aktion, eher ein spontaner Abschied.

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Ein paar Tage danach war er weg. Was nach unserem Gespräch genau passierte, ob er doch sofort aufhören wollte oder entlassen wurde, erfuhren wir nicht. Ich war mir aber ziemlich sicher, dass es nicht freiwillig passiert war. Er hätte uns nicht mitten auf dem Weg zur Meisterschaft hängen lassen. Kurz darauf erfuhren wir aus der Zeitung, was er im Gespräch mit mir nicht erwähnte: Er hatte sich für die nächste Saison mit Heilbronn geeinigt, unserem größten Konkurrenten. Dass er ausgerechnet nach Heilbronn ging, war für uns zunächst ein Schock, viele waren enttäuscht. Ohne ihn ging nicht mehr viel zusammen, wir schlossen die Saison im Tabellenmittelfeld ab und verloren auch das Pokalfinale, auf das er mit uns hingearbeitet hatte, im Elfmeterschießen.

Als die Saison vorbei war und er mich anrief, war ich wenig überrascht. Ich hatte es irgendwie geahnt, irgendwie auch gehofft. Er fragte, ob ich Interesse hätte, mit ihm zu seinem neuen Verein zu wechseln, und lud mich zu sich nach Hause zu einem Gespräch ein. Es war das erste Mal, dass ich ihn außerhalb des Fußball-Alltags traf. Bis dahin wusste ich über sein Leben abseits des Fußballs eigentlich nur, dass er im Krankenhaus arbeitete. Jetzt bewunderte ich sein großes Haus mit Pool, lernte seine Frau kennen und saß mit ihm am großen Tisch im Wohnzimmer. Er erzählte mir, dass er uns nicht mitten in der Saison verlassen wollte, sondern gegangen wurde, ohne dass er sich von der Mannschaft verabschieden durfte. Wir waren uns einig, dass sein Weggang zum falschen Zeitpunkt kam, gerade als wir dabei waren, die Früchte unserer turbulenten Zusammenarbeit zu ernten.

Dann sagte er: „Lass uns da weitermachen, wo wir aufgehört haben.“ Ich erbat mir Bedenkzeit. Nach zwei Wochen und langem Überlegen sagte ich ihm ab, weil ich zu viele Freunde in meiner damaligen Mannschaft hatte und ich den dortigen Zusammenhalt nicht missen wollte. In der Saison ohne ihn sicherten wir den Klassenerhalt erst am letzten Spieltag, während er mit Heilbronn in der Aufstiegsrelegation scheiterte. Genau ein Jahr nach dem Treffen bei ihm zuhause saßen wir erneut zusammen, diesmal in der Pizzeria am Heilbronner Frankenstadion.

Ich wusste von Anfang an, dass ich mir mit dem Wechsel nicht viele Freunde machen würde, denn auf den ersten Blick sah die Sache für Außenstehende klar aus: Kaum spielt sein Verein ein schwächeres Jahr, haut er ab und rennt für mehr Kohle zum FC Hollywood der Umgebung. Und es fiel mir nicht leicht, meine alten Freunde zu verlassen und zur Konkurrenz zu gehen. Zwei meiner engsten Kumpels aus der Mannschaft etwa machten ihren Verbleib von meiner Entscheidung abhängig und schrieben mir in einer eigens dafür eingerichteten Whatsapp-Gruppe: „Wenn du bleibst, bleiben wir auch.“ Da hatte ich Coach aber bereits zugesagt.

Ich musste einfach herausfinden, wie meine weitere Entwicklung unter ihm  aussehen würde. Wir hatten uns in unserem gemeinsamen Jahr aneinander abgearbeitet, uns gegenseitig aufgebaut und frustriert, und gerade als wir die richtige Mitte gefunden hatten, war es vorbei. Und das sahen wir beide nicht ein. Wir wollten den gemeinsamen Weg weitergehen, auch wenn es nur an einem anderen Ort mit anderen Bedingungen ging. Auch diesmal spielte er mit offenen Karten und sagte: „Du weißt, dass du bei mir immer einen gewissen Vorsprung gegenüber anderen hast. Aber der Konkurrenzkampf bei uns wird größer sein. Dem musst du dich stellen.“ Ich fühlte mich bereit.

So kam ich also zum ambitioniertesten und kontroversesten Achtligisten der Welt. Ich hatte einige Jahre zuvor bereits in Heilbronn gespielt, doch die Umstände waren andere. Ganz früher war höherklassiger Fußball in Heilbronn normal und der VfR Heilbronn in Sachen Fußball der große Stolz der Region. Nach der Jahrtausendwende folgten aber die Insolvenz und die Umbenennung zum FC Heilbronn. Da aber auch der FCH nach einigen Jahren den Bach runterging, kam es 2012 zur Fusion mit der Union Böckingen. So hieß der Verein aus dem gleichnamigen Stadtteil, der über Jahrzehnte der große Rivale des VfR gewesen war. Die Fusion der zwei großen Traditionsklubs sollte den Weg zurück nach oben beschleunigen, in seinen ersten Jahren scheiterte der neue Verein aber jedes Jahr knapp am Aufstieg. Dass ein Verein, dessen Vorgänger es in den siebziger Jahren bis in die 2. Bundesliga schaffte und sich in den folgenden Jahrzehnten in der Oberliga etablierte, so tief gefallen ist, sorgt für viel Spott bei der Konkurrenz und für immer mehr Frust in den eigenen Reihen. Allein die Größe der Stadt und Erinnerungen an sportlich glorreichere Zeiten bescheren dem Verein aber eine Reichweite, die es auf diesem Niveau normalerweise nicht gibt. Er hat einen eigenen Fanclub mit treuen Mitgliedern, der in jedes noch so kleine Dorf fährt, um die Mannschaft dort mit Trommeln und Schlachtrufen zu unterstützen. Ein Kamerateam ist ebenfalls bei jedem Spiel vor Ort und zeichnet es auf, um die Zusammenfassung im Internet bereitzustellen.

Vor dem ersten Training begrüßte mich Coach per Handschlag und sagte nur ein Wort, als wollte er meine ganze kommende Saison unter ein Motto stellen: „Herausforderung!“ Auch diesmal gab er mir eine besondere Form der Starthilfe, und das nicht nur, weil er mich in einer seiner ersten Ansprachen vor der neuen Mannschaft als „mein Lieblingsspieler“ vorstellte. Als das erste Spiel der Vorbereitung anstand, hatten wir erst eine Woche Training hinter uns. Ich kannte den Großteil der Mannschaft noch kaum. Vor dem Spiel brachte ein Betreuer den Trikotkoffer in die Kabine, legte einen Zettel aus und rief: „Nachricht vom Trainer: Die Rückennummern auf dem Zettel gelten für die ganze Saison.“ Alle Spieler versammelten sich sofort um das Blatt, nach drei Sekunden drehte sich einer in meine Richtung und sagte halb überrascht, halb misstrauisch: „Krass, als neuer Spieler gleich die 10…“ Als wir vor Beginn der Saison ein Video drehten, in dem wir Neuzugänge nacheinander vom Kapitän angekündigt wurden und uns dann kurz vorstellen mussten (was nicht nur bei mir ziemlich unbeholfen rüberkam), wurde ich auch gleich auf die Sache mit der Rückennummer angesprochen.

Ein paar Wochen später, erstes Auswärtsspiel der Saison. Auf dem Weg zur Gästekabine blieb ich kurz vor der offenen Kabinentür des Gegners stehen, um sicherzugehen, dass ich richtig sah: In der Kabine hingen mehrere Zettel, auf denen zur Motivation unseres Gegners verschiedene selbstbewusste Aussagen und Prognosen aus unserem Interview-Video standen. Wir verloren das Spiel, ließen in den Wochen danach weitere Punkte liegen und waren weit von der Tabellenspitze entfernt. Schon kurz nach der Niederlage tauchte eine ziemlich gute Parodie unseres Videos aus der Vorbereitung im Internet auf.

In Heilbronn war alles anders. Der interne Konkurrenzkampf war stärker, der Druck von außen größer, die Stimmung im Umfeld aufgeladener. Der Verein drohte an allen Enden aus den Nähten zu platzen. Das Einzige, das den Laden noch irgendwie zusammenhielt, war die Hoffnung auf den Aufstieg. Nach Niederlagen wurde von Zuschauern und Fans sofort alles und jeder infrage gestellt. Der sportliche Leiter, der es sich mit dem Fanclub schon seit längerem verscherzt hatte, musste sich bei schlechten Leistungen der Mannschaft immer wieder Rufe anhören, bei denen sein Nachname von einem „Raus!“ gefolgt wurde. Das alles entging auch der Konkurrenz nicht. In einem Heilbronner Nachtclub, in den ich nach einem Training mit ein paar Freunden gegangen war, zählte mir ein angetrunkener Fußballer aus der Region, den ich bis dahin nicht kannte, verschiedene Gründe auf, warum ich zum schlimmsten Verein überhaupt gewechselt sei. Und am Ende sagte er: „Du weißt schon, dass ihr diese Saison unbedingt aufsteigen müsst? Sonst ist der Verein tot.“ Das wisse er von einem guten Freund, der beim Hauptsponsor arbeite.

Trotz all der Aufregung und Kritik im Umfeld kam Coach auch hier mit seiner Art sehr gut an. Der Fanclub, der den armen sportlichen Leiter fast wöchentlich zum Teufel wünschte, stimmte für ihn in jedem Spiel Sprechchöre an, die Spieler waren ebenso auf seiner Seite. Er nahm den Druck von der Mannschaft, schirmte uns ab, schützte uns vor äußeren Einflüssen. Als wir uns im Württembergischen Pokal gegen einen Landesligisten mit 1:8 völlig blamierten, versammelte er uns nach dem Spiel im Mittelkreis und sagte, nicht wir hätten das Spiel verloren, sondern er, da er uns viel zu offensiv aufgestellt habe. Einen Funktionär, der uns immer kettenrauchend zusah und zu den größten Kritikern von Trainer und Team gehörte, imitierte er vor uns in der Kabine, indem er zwei Finger vor den Mund hielt und mehrmals an der imaginären Kippe zog wie ein Kind an seinem Nuckel.

Er war also immer noch der Alte,  doch unter den neuen Bedingungen machte unser Verhältnis zwangsläufig Änderungen durch. Mein ewiger Freifahrtschein hatte in der Form keine Gültigkeit mehr, sondern war zeitlich begrenzt. Ich brauchte einige Zeit, um mich im neuen Team zurechtzufinden, und hatte in meinen ersten Einsätzen noch nicht die alte Sicherheit. Nach den ersten Misserfolgen baute er die Mannschaft auf mehreren Positionen um und ich fand mich öfter auf der Bank wieder. Da die Mannschaft dann eine Siegesserie hinlegte, musste ich mich an die Nebenrolle gewöhnen, denn sie hielt mehrere Wochen an.

Es war nicht die Rolle, die wir beide für mich vorgesehen hatten. Natürlich war ich zwischendurch frustriert, in manchen Momenten verfluchte ich ihn sogar dafür – Du weißt doch, dass ich dein Vertrauen brauche und es dir zurückzahlen kann! Warum werde ich ständig angebrüllt? Wer lässt seinen Lieblingsspieler auf der Bank? – und auch wenn er es mir gegenüber so nie zum Ausdruck brachte, kann ich mir vorstellen, dass auch er so manches Mal dachte:  Ich hab‘ dir so oft gesagt, dass du alles kannst, warum zeigst du es mir nicht in jedem Spiel?

Ich hätte das Gespräch mit ihm suchen können, tat es aber nicht. Im Grunde hatte ich auch wenige Argumente, er hatte ja vorher angekündigt, dass ich diesmal schneller Leistung zeigen musste. Vielleicht wollte ich auch nicht die Gefahr eingehen, dass unser persönliches Verhältnis irgendwie unter der sportlichen Situation leiden könnte.

Wie schon in Friedrichshall blieb das Auf und Ab zwischen uns meinen Mitspielern nicht verborgen. Es gab auch ein Video, in dem er mit einigen Spielern im Sportheim saß. Es stand viel Bier auf dem Tisch, die Stimmung war gut. Sie lachten und sprachen ihn auf mich und seine Schreierei an. Er lächelte nur kurz und sagte: „Ich kenn den gut. Der braucht das.“ Ich war mir manchmal nicht mehr so sicher, ob ich es wirklich brauchte. Richtig sauer konnte ich auf den Mann aber trotzdem nicht sein.

Erst in der Rückrunde war ich wieder öfter in der Stammelf. Und da war sie dann wieder, die alte Dynamik zwischen uns. Gegen einen Abstiegskandidaten führten wir zur Halbzeit nur knapp mit einem Tor, bei dem ich die Vorlage gab. Er ließ uns eine Weile in der Kabine sitzen, kam dann rein und sagte, er müsse sich erst einmal setzen. Dann fragte er in die Runde: „Jungs, was bietet ihr mir da an?“ Es folgte eine fünfzehnminütige Standpauke. In meine Richtung meinte er, dass ich bis auf den Pass beim „Zufallstor“ nichts gezeigt hätte und in der zweiten Halbzeit auf links spielen solle – „Vielleicht klappt’s da ja besser.“ Im nächsten Training hatte er als Entschuldigung einen Kasten Bier dabei und stieß als Erstes mit mir an.

Wochen später, noch ein schlechtes Spiel. Nach dem Abpfiff blieb ich eine Weile auf dem Rasen stehen und tat so, als würde ich gerade unsere Niederlage verarbeiten. In Wahrheit wollte ich aber nur Coach aus dem Weg gehen, der mich zuvor während des Spiels wieder besonders oft gemaßregelt hatte. Während ich also den Sportplatz mit meinem Blick nach ihm absuchte, gab mir jemand einen Klaps auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah Coach, der mit seinem Enkel im Arm vor mir stand. Er lachte erst den Kleinen an, dann mich, und sagte: „Kennt ihr zwei euch eigentlich schon? Sag mal hallo zum Onkel!“

So ging das im Wochentakt, wir schwankten immer wieder zwischen Seelenverwandtschaft und Eskalation. Vor einem Heimspiel machten wir in der Kabine einen Kreis. Er hielt eine kurze Ansprache und rief als Letztes in meine Richtung: „Und du machst heute zwei Tore, ganz einfach!“ Er behielt Recht, und es war Zeit für einen weiteren gemeinsamen Torjubel.

Im Derby empfingen wir den Stadtrivalen zum Spitzenspiel, mit dem wir uns gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft lieferten. Sie waren Erster, mit einem Sieg konnten wir sie überholen. Wir lagen lange Zeit mit 0:1 zurück, glichen dann aber aus. Drei Minuten vor Schluss stand ich vor dem Tor richtig, machte den Siegtreffer, hörte nur noch Jubelschreie von überall und sah, wie Coach in meine Richtung lossprintete. So eine Reaktion nach einem Tor hatte ich selbst bei ihm noch nie gesehen. Doch bevor wir uns zum gemeinsamen Jubel treffen konnten, wurde ich von Mitspielern an die Bande abgedrängt.

Nach dem Sieg fühlten wir uns mindestens wie die Könige der Welt. Denn jetzt hatten wir alles in der Hand. Nur noch ein paar Pflichtsiege, und der Aufstieg wäre endlich geschafft. Wir wollten alle diese Meisterschaft. Und wir wollten die von Coach dafür angekündigte Party in seinem Pool. In der Saison davor hatte er die Jungs nach dem Pokalsieg bereits eingeladen, von der legendären Feier hörte ich fast wöchentlich noch Geschichten.

Doch der Sieg im Spitzenspiel war dann doch bereits der Höhepunkt der Saison. Nach einigen unnötigen Punktverlusten blieben nur Platz 2 und die Aufstiegsrelegation, die ebenfalls erfolglos verlief. Gegen Ende der Saison entschied ich, ein Jahr Pause einzulegen. Ich wollte mir die Zeit nehmen, um ein Auslandspraktikum zu machen und eine schon länger benötigte Operation am Sprunggelenk nachzuholen. Als ich Coach davon erzählte, war er nicht begeistert, zeigte aber Verständnis. Er wollte, dass ich mir die Entscheidung gut überlege und wir uns eine Woche später beim Abschlusstraining wieder unterhalten sollten.

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Das wurde dann unser letztes ausführlicheres Gespräch. Während die anderen zum Abschluss der Saison ein lockeres Spiel auf zwei Tore machten, liefen wir einmal quer über die andere Feldhälfte und unterhielten uns, lehnten uns dann an der Seitenlinie an die Barriere und redeten weiter. Coach verriet mir, dass er auch nur noch ein Jahr in Heilbronn arbeiten wolle. Er erzählte von schwierigen Verhandlungen mit dem Vorstand, der nach dem erneut verfehlten Saisonziel am liebsten die halbe Mannschaft austauschen wolle. Als es um mich gegangen sei, habe er zu ihnen gesagt: „Der ist ein ganz eigener Spielertyp, glaubt mir! Der braucht nur das Vertrauen, vielleicht auch ein bisschen mehr als andere. Dann schießt der aber alles weg.“ Er sagte das mit einer Mischung aus Überzeugung und leichter Verzweiflung, als sei er selbst ein wenig traurig darüber, dass die Erwartungshaltung, der Druck von außen und die Dringlichkeit von schnellen Ergebnissen zu groß waren, als dass er seinen Lieblingsspieler so behutsam hätte aufbauen können wie zuvor.

Und auch ich fühlte ein wenig Wehmut, weil unser sportlicher gemeinsamer Weg erst einmal endete. Außerdem fühlte ich mich seltsam, da nach über 20 Jahren Fußball am Stück jetzt die erste richtige Unterbrechung anstand. Doch sie kam wohl zur rechten Zeit. Ich liebte und liebe Fußball mehr als alles andere, doch vielleicht brauchte ich einfach nur ein wenig Abstand, um dann irgendwann wieder einzusteigen und mich auf den Spaß am Spiel konzentrieren zu können, der bei all der Aufregung um Fußball manchmal sogar in den unteren Ligen in den Hintergrund rücken kann.

Wir standen noch lange an der Barriere und sprachen über alles Mögliche. Als das Training vorbei war, liefen wir mit den anderen los in Richtung Kabine. Er legte seinen Arm um meine Schulter, sah in die Ferne und sagte: „Hör bloß nicht für immer auf. Es wäre schade. Es wäre viel zu früh.“

Danach sahen wir uns nicht mehr. Ich ging für ein Praktikum nach Istanbul, bekam aber immer von meinen früheren Mitspielern mit, wie es in Heilbronn lief: Wieder den Saisonstart verhauen, immer lautere Kritik und Rufe nach Veränderungen im Verein, immer größere finanzielle Probleme. In der Winterpause dann der Eklat: Bei der Jahreshauptversammlung wurde der alte Abteilungsleiter gestürzt, an seine Stelle kam der Kettenraucher und belegte alle wichtigen Positionen mit eigenen Kandidaten. Am Tag nach seiner Wahl entließ er Coach, mit dem er nie besonders gut ausgekommen war. Der Putsch, das Chaos, die Entlassung, all das alles sorgte für viel Aufsehen in der Region.

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Die Anzeichen dafür, dass Coach gesundheitlich nicht im allerbesten Zustand war, hatten sich bereits in unserem gemeinsamen Jahr in Heilbronn gehäuft. Es kam in unregelmäßigen Abständen vor, dass er im Training oder am Wochenende aus gesundheitlichen Gründen nicht da war. Wenn ich ihn nach seiner Rückkehr darauf ansprach, ließ er keine Sentimentalitäten zu, wir klärten es immer im typischen Fußballer-Stakkato: „Hey, Coach, alles wieder gut bei dir?“ – „Ja ja, passt. Ich steh wieder, das langt.“ Er lachte, ich lachte, dann dachten wir ans nächste 5-gegen-2, ans nächste Training, ans nächste Spiel.

Wenige Tage nach der Nachricht von seiner Entlassung setzten die Schreckensnachrichten ein und hörten nicht mehr auf. Ich wollte morgens schon gar nicht mehr meine Whatsapp-Nachrichten lesen: Herzinfarkt. Koma. Diesmal sieht es schlecht aus. Zwischendurch doch Hoffnung: Jungs, es geht ihm besser, sie wollen ihn bald aufwecken.

Zwei Tage später aber das Ende.

Coach und ich kannten uns nur vier Jahre, davon hatten wir insgesamt zwei Jahre regelmäßig miteinander zu tun. Das ist relativ wenig, in den meisten Fällen reicht eine solche Bekanntschaft eher nicht dafür aus, eine außergewöhnliche Bedeutung für den anderen einzunehmen. Trotzdem hat er mich geprägt wie nur wenige vor ihm. Er war einer der Menschen, die man schon nach den ersten Treffen und Gesprächen nie mehr vergisst. Ich könnte jetzt mit großen Begriffen um mich werfen und mit ihnen begründen, warum er mir so sehr ans Herz gewachsen ist, sie stimmen alle: Ehrlichkeit, Charisma, Humor. Energie, Freundlichkeit, Leidenschaft.

Doch es sind auch und vor allem die kleinen Momente, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Dass ich immer, egal wo, egal aus welchem Grund, ihn mit „Coach?“ ansprechen konnte, sofort ein schnelles und freundliches „Ja!“ zurückbekam und er sich in meine Richtung drehte, um zu erfahren, wie er mir helfen konnte. Dass er einmal mit denselben bunten Kickschuhen wie ich im Training erschien, wir beide deshalb von den anderen aufgezogen wurden, er mir aber nur zuzwinkerte und sagte: „Haja klar, Spielmacherschuhe.“ Oder dass ich einmal nach dem Training mit in die Gaststätte am Stadion ging, wo ich eher selten anzutreffen war, er mich zuerst erstaunt ansah und dann rief: „Du hier? Was ist denn heute los? Platz machen am Tisch, sofort!“ Dann zog er einen freien Stuhl neben sich, gab mir einen Klaps auf die Schulter und lachte mich an. Wie sollte ich diesen Mann nicht mögen?

Unser Verhältnis war vieles auf einmal: Trainer und Spieler, Lehrmeister und Schützling, Freund und Freund. Wir waren der Beweis dafür, wie sehr Fußball Menschen zusammenbringen kann, denn ohne ihn hätten wir uns wohl nie kennengelernt. Nur durch den gemeinsamen Nenner Fußball fanden wir zusammen, durch ihn entstand eine Bindung, die besonders war.

Eine Woche nach der bitteren Nachricht stand ich bei der Beerdigung mit meinen ehemaligen Mitspielern in einer Reihe. Jeder von uns hielt eine Rose in der Hand, auf denen Schleifen mit den Farben des Vereins angebracht waren, bei dem er uns zuletzt trainiert hatte. Wir standen vor der Kapelle, die zur Seite offen war und in der seine Verwandten saßen. Die restliche Trauergemeinde stand hinter uns auf den schmalen Gängen des kleinen Friedhofs verteilt. Es waren sehr viele da. Überall Fußballer, überall bekannte Gesichter.

Der Pfarrer sprach einige gutgemeinte Worte und Gebete. Sie prallten an mir ab, weil sie keine Lösungen bereithielten. Die Tage davor waren vom Versuch geprägt, den Verlust irgendwie zu realisieren, ihn greifbar zu machen. Es ist wie bei jedem Tod einer Person, die einem wichtig war. Du bleibst zurück und überlegst und fragst dich nach dem Warum. Wohlwissend, dass es darauf keine endgültige, zufriedenstellende Antwort geben kann.

Es gab nur noch eine Antwort, und sie stand einige Meter von mir entfernt. Ich hatte lange vermieden, die goldene Urne anzusehen, die neben dem Pfarrer auf einem Tisch stand, konnte jetzt aber nicht mehr meine Augen von ihr nehmen. Mein alter Verbündeter, er war jetzt nicht mehr.

Nach der Rede des Pfarrers wurde die Urne in den Boden gelassen. Dann stellten sich alle Trauergäste in einer langen Schlange auf, jeder durfte nacheinander einen Moment lang persönlich Abschied nehmen.

Als ich an der Reihe war, legte ich die Blume an der Stelle ab, blieb stehen und schloss für einen Moment die Augen. Ich sah ihn wieder vor mir sitzen bei unserem ersten Gespräch. Ich hörte ihn loben. Ich hörte ihn schreien. Ich spürte seine Hand an meiner Schulter. Und ich hörte seine Stimme, die mir noch einige Male sagte:

„Du bist ein außergewöhnlicher Fußballer.“

Bevor ich weiterging, hatte ich nur noch einen Gedanken:

Du warst ein außergewöhnlicher Mensch.

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1 Kommentare

  1. Eine wirklich tolle Geschichte, die einen sowohl schmunzeln lässt, aber auch zu Tränen rührt.

    Danke für deine Geschichte Cihan und dass du uns daran teilhaben lässt.

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