Der letzte Leitwolf

Am 3. März 2010 war es noch nicht absehbar, doch ein Großer verließ die Nationalmannschaft. München bereitete im Testspiel gegen Argentinien die Bühne für den letzten Auftritt Michael Ballacks im schwarz-weißen Dress. Der Abgang selbst sollte sich elendig lang hinziehen. Der dritte Teil einer Retrospektive (hier geht es zu Teil 1, Teil 2 ist hier zu finden).

Autor: Sebastian Kahl, yyfp.rocks

Das Ende nahm in Wien seinen Anfang. Auch bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz liefen die Fäden des deutschen Spiels bei Michael Ballack zusammen. Erneut trieb der nun 31-Jährige sein Team mit wichtigen Treffern an. Im letzten Gruppenspiel gegen Österreich erzielte er das einzige Tor der Partie. Ballacks brachialer Freistoß wurde anschließend in Deutschland zum Tor des Jahres gewählt. Im Viertelfinale gegen Portugal stellte er per Kopf auf 3:1. Nach einem Anschlusstreffer von Helder Postiga gereichte das zum Siegtreffer. 

Es war allerdings keine Ein-Mann-Vorstellung mehr. Der 2008er Kader ist der wohl beste, in dem Ballack zu einem Turnier antrat. Die Achse Lehmann, Metzelder, Frings, Ballack, Klose brachte die nötige Erfahrung mit, während Talente wie Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger und Podolski nicht mehr blutjung waren. In der Folge sollten es diese vier auf insgesamt 467 Länderspiele bringen. Die Allrounder Friedrich, Fritz, Jansen und Hitzlsperger sowie der im Turnier glücklose Gomez ergänzten das Aufgebot, das mit einer ungewohnt offensiven Mentalität, nervenaufreibender defensiver Naivität und einer Portion Glück das Endspiel erreichte.

Dort fiel die Niederlage gegen Spanien mit 0:1 noch gnädig aus. “Deutschland, Holland, Italien”, lautet zukünftig die Antwort auf eine Fußball-Quizfrage. Es sind die Finalgegner einer der besten Mannschaften aller Zeiten. Zu groß war die Kluft zur Furia Roja.

„Ballack, ein verwünschter Kapitän.“

Le Parisien (FRA), nach dem verlorenen EM-Finale 2008

 

Für Ballack ergab sich eine bittere Parallele zu 2002. Lagen damals knapp sieben Wochen zwischen verlorenem CL- und WM-Finale, waren es nun kaum mehr sechs zwischen CL- und EM-Finale. Lagen damals noch realistischerweise vier bis sechs Spielzeiten auf einem ähnlichen Weltklasse-Niveau vor ihm, waren es nun mit etwas Glück bei möglichen Verletzungen noch zwei oder drei Spielzeiten in der internationalen Klasse.

Was sich knapp ein Jahrzehnt danach nüchtern aufrechnen lässt, dürfte am Abend selbst im Spielerkopf auf einer ganz anderen Gefühlsebene rumort haben. Der immens wetteifernde Ballack wirkte nie wie jemand, der sich darüber freut, im Anschluss an ein solches Finale bei der Siegerehrung eine Medaille für den zweiten Platz entgegennehmen zu müssen. Es ist wenig verwunderlich, dass sich in dieser Gemengelage ein Konflikt Bahn brach, der wohl schon seit Wochen im Camp schwelte.

Im ersten Turnier unter der Ägide von Joachim Löw wurden die Machtverhältnisse neu ausgelotet, innerhalb des Teams wie auch im Verhältnis zwischen Trainerstab und Mannschaft. Die Altvorderen um Ballack und Frings reklamierten diese Vormachtstellung für sich, sollen so z.B. eine Reduzierung des Fitnessprogramms im Trainingslager durchgesetzt haben. Ballack sprach sich gegen die Besuche der Frauen und Freundinnen im Camp aus, betitelte diese als “unprofessionell”. Ein Novum: Neben den Lebensgefährtinnen der Spieler waren erstmals auch Familienangehörige des Trainerstabs regelmäßig im Camp zu Besuch.[1]

Besonders nach der 1:2-Niederlage gegen Kroatien im zweiten Gruppenspiel schien die Stimmung auf der Kippe. Kapitän Ballack hatte sich Einwechsler Odonkor zur Brust genommen und dessen gezeigte Leistung kritisiert. Lahm und Friedrich gingen dazwischen, Odonkor sei als Ergänzungsspieler die falsche Gewichtsklasse. Während die ältere Generation in unmissverständlicher Sprache ihre Meinung kundtat, störten sich die Jüngeren vor allem am fehlenden Mannschaftsgeist und negativen Vorbildern.[2]

Als Herbergsvater der Sippschaft fungierte Oliver Bierhoff. Der 70-fache Nationalspieler wurde zum Amtsantritt von Jürgen Klinsmann im Sommer 2004 als Teammanager installiert. Die neu geschaffene Position diente als Bindeglied und Blitzableiter zwischen dem Trainerstab der Nationalmannschaft und dem DFB-Präsidium. Teammanager Bierhoff verantwortete neben der Planung und Durchführung der Trainings- und Turnierlager ebenfalls die Marketingstrategie der DFB-Auswahl.

So war es dann auch Bierhoff, der nach Abpfiff des verlorenen EM-Finales wagemutig Ballack ein Spruchband in die Hand drückte, mit dem sich das Team bei den Fans für die Unterstützung bedanken sollte. Als nette Geste gedacht, mutierte die Szene zum unrühmlichen Schauspiel. Neben den unflätigen Ausdrücken, die Ballack Bierhoff dabei entgegen geschleudert haben soll (FAZ: “Pisser”, “Obertucke”), drohte der aufgebrachte Kapitän seinem Teammanager laut kicker-Bericht auch Schläge an. Kevin Kuranyi konnte ihn von Schlimmerem abhalten.[3][4]

Unmittelbar nach der Partie wurde die Situation kleingeredet. Bierhoff zeigte sich verständnisvoll ob der erneuten Enttäuschung und vermutete ein Missverständnis. Ballack schwieg. Wohl auch intern, denn da wurde die Situation nicht aus der Welt geräumt, bevor sich die Auswahlspieler in den Urlaub empfahlen.

Erst im September folgte die Aussprache und eine Entschuldigung seitens Ballack für seine Wortwahl. Trotz Verletzung und Nicht-Nominierung für den Auftakt zur WM-Qualifikation gegen Liechtenstein erschien Ballack im Trainingslager in der Sportschule Oberhaching. Und trotz angenommener Entschuldigung konnte sich Bierhoff eine weitere Spitze gegen Ballack nicht verkneifen. Angesprochen auf das verletzungsbedingte Fehlen des Kapitäns stellte Bierhoff trocken fest, die Nationalmannschaft habe sowohl mit als auch ohne Ballack gute Spiele gemacht und sei nicht so abhängig von ihrem Star, wie häufig angenommen. Dieser wiederum entgegnete, dass die Nationalmannschaft Erfolg hatte, bevor Bierhoff Teammanager war und auch zukünftiger Erfolg nicht von Bierhoff abhängen werde. Einig waren sich die beiden wohl nur, dass sie gut aufeinander in der Nationalmannschaft verzichten könnten.[5][6]

Derweil wusste die BZ, wie die Sympathien in der Mannschaft verteilt waren: Team Ballack umfasste Frings, Schweinsteiger, Podolski, Hitzlsperger, Gomez und Fritz. Auf Seiten Bierhoffs standen Lahm, Metzelder, Klose, Friedrich und Jansen. Der Rest sei neutral – oder froh, überhaupt dabei zu sein.[7]

Kapitän und Adjutant

Der größte Ballack-Befürworter in Mannschaftskreisen war sicherlich Torsten Frings. Beileibe nicht als Frohnatur bekannt, wird auch der eine oder andere jüngere Spieler mit dem knorrigen Bremer aneinander geraten sein. Spätestens seit der EM 2004 gehörte der Lutscher zum Stammpersonal der Nationalmannschaft, gab neben Ballack im zentralen defensiven Mittelfeld den Aufräumer und Wasserträger. Zwei vom selben Schlag bildeten ein Duo, das funktionierte.

Auch bei der EM 2008 bestritt Frings alle Gruppenspiele, ehe ihn eine Rippenverletzung aus der Österreich-Partie im anschließenden Viertelfinale zur Pause zwang. Mit einer Einwechslung im Halbfinale und einem Startelf-Einsatz im Finale bestritt Frings also fünf von sechs Partien. Allerdings war Frings auch einer von sechs Spielern über 30 im Kader und entsprach damit nicht dem Jugendtrend. Die Optionen im zentralen Mittelfeld hießen nun Schweinsteiger, Hitzlsperger und bald darauf Khedira. Die Konkurrenz um den Posten neben Ballack war jünger, handlungsschneller, formbarer.

“Ich weiß, dass er seine Leistung noch bringen kann und bringen wird”, kommentierte Löw Frings’ Status im Oktober 2008. Die Aussage stand am Ende eines Länderspielwochenendes, bei dem Frings sechs von 180 Minuten gespielt hatte.

Am Vorabend des ersten Spiels, gegen Russland, habe Löw seinem Mittelfeldmann gegen 20 Uhr mitgeteilt, dass er mit ihm reden müsse. Erst nach Mitternacht habe er Frings dann auf sein Zimmer bestellt, um ihm “lapidar” mitzuteilen, dass er nicht in der Startelf stehen würde. Frings empfand die Art der Übermittlung als “Unverschämtheit”. Dass er sich im zweiten Spiel gegen Wales nicht einmal warmlaufen sollte, war eine “Demütigung”. Einen Rücktritt wollte er danach nicht ausschließen, denn das Wochenende habe ihm die Augen geöffnet.

Frings müsse “diese Pille eben auch mal schlucken”, befand Löw. Und schob einen Satz nach, den er über die Jahre noch so manchem Spieler ins Poesiealbum schreiben würde: “Ich setze weiter auf ihn.”[8][9]

Ballack sprang für seinen alten Kumpanen öffentlich in die Bresche. Nur wenige Wochen nach der überstandenen, aber sicherlich nicht überwundenen, Spruchbanner-Saga öffneten sich nun alle Schleusen.

In der FAZ kritisierte der Kapitän die Form des Konkurrenzkampfes. Gestandene Leistungsträger, Frings, Klose und auch er, würden plötzlich in Frage gestellt und öffentlich angegriffen. Vom Bundestrainer forderte er ehrlichere Ansagen, wenn Spieler nicht mehr in die Pläne passen sollten. Und zählte flugs Beispiele auf, nannte so Kahn, Kuranyi und Wörns, die ebenfalls mehr schlecht als recht aus der Mannschaft hinauskomplimentiert wurden.

Die Abgänge Kahn und Wörns fallen zwar noch unter die Amtszeit Klinsmanns. Ballack sah aber Löw in derselben Tradition. Kuranyi hatte sich während des vorgenannten Russlandspiels unerlaubterweise von der Mannschaft entfernt, nachdem er trotz Nominierung nur auf der Tribüne Platz nehmen durfte. Löw erklärte hernach die Nationalmannschaftskarriere Kuranyis für beendet. Auch Ballack kritisierte Kuranyis Aktion, sah darin aber vielmehr eine forcierte Handlung. Löw habe ihm schlichtweg keine Chance gegeben.[10]

Löw zeigte sich, verständlicherweise, verwundert und enttäuscht über die öffentlich vorgetragene Kritik. Ballacks Kommentare waren kein simples Rückenstärken eines verdienten Mitspielers. Vielmehr glich der Rundumschlag einer Kampfansage, denn wie Löw in seiner Replik richtig feststellte, waren “Aufstellung und Personalpolitik das Hoheitsgebiet des Bundestrainers und seines Trainerstabs”.

Eines verwundert: Löw betonte, Ballack sei als Kapitän ein wichtiger Ansprechpartner für ihn. Tatsächlich saßen die beiden im September bei Ballacks Besuch in Oberhaching mehrere Stunden zusammen. Auch der Plan für Südafrika stand: Das Spiel sollte schneller, die jungen Talente integriert werden. Allein 2009 würden Neuer, Boateng, Khedira und Özil debütieren. Selbst wenn Frings seine Form zwei weitere Jahre halten sollte, war doch nur noch eine WM-Teilnahme als – dann 33-Jähriger – Ergänzungsspieler realistisch. War es kein Thema? An welchem anderen Punkt sollte ein Trainer denn seinen Kapitän einschalten, wenn nicht um dessen besten Freund im Team auf eine veränderte Rolle oder einen möglichen Abgang vorzubereiten? Ein Reservespieler Frings würde nur funktionieren, wenn sich der Bremer darauf einließ.

Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer rügte, dass sich der Kapitän auf dieselbe Stufe wie der Trainer zu stellen versuchte. Letzterer sei “immer etwas Außergewöhnliches”. Karl-Heinz Rummenigge und Jürgen Klinsmann befanden, Ballack müsse sich entschuldigen. Während Lothar Matthäus das gegenseitige Vertrauen erloschen sah, appellierte Klaus Allofs, damals Werder-Manager, an die Vernunft aller, sich an einen Tisch zu setzen. DFB-Präsident Theo Zwanziger monierte zum wiederholten Male binnen mehrerer Wochen, die schmutzige Wäsche der Nationalmannschaft doch bitte nicht in der Öffentlichkeit zu waschen.[11][12][13]

Ballacks Gesundheitszustand verkomplizierte die Posse nur noch. Der 32-Jährige war kurz zuvor an beiden Füßen operiert worden, befand sich in der Reha. Eine Woche schwelte die Geschichte bereits, als ausgerechnet Uli Hoeneß Löw zur Aktion forderte. Bei aller Zeit, die der Bundestrainer ja habe, hätte er “selbst längst nach London fliegen und die Sache aus der Welt räumen können”. Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld pflichtete ihm bei. Wer den beiden zur gemeinsamen Bayern-Zeit einen solchen Vorschlag gemacht hätte, wäre nie wieder auch nur in die Nähe der Säbener Straße gekommen.[14]

Löw dürfte sich der Symbolkraft eines solchen “Besuchs” bewusst gewesen sein. Der Bundestrainer hatte sich in dieser Situation nicht auf den Störenfried zuzubewegen. Daher wurde telefoniert. Was die Angelegenheit nur schlimmer machte.

Anders als beim Treffen im September dürfte es über die Inhalte keine Missverständnisse gegeben haben, wohl aber über die Interpretation. Ballack kam einer Erklärung des DFB zuvor und ließ bereits am selben Abend eine Erklärung veröffentlichen. Er wolle sich “in kürzester Zeit” mit Löw zusammensetzen und sich entschuldigen. Wohlgemerkt dafür, den Weg über die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Während sich Ballack für die Form der Kritik entschuldigen wollte, erwartete Löw eine komplette inhaltliche Kehrtwende.[15]

Ballacks Zukunft in der Nationalmannschaft schien nun wirklich ungewiss. Selbst ein kompletter Rausschmiss war denkbar. Die Abendzeitung wollte von einem Ablasshandel erfahren haben, wonach Ballack zwar weiter Teil der Mannschaft bleiben würde, jedoch nicht mehr ihr Kapitän wäre. Der Favorit auf die Nachfolge: Philipp Lahm.[16]

Drei Tage nach dem Telefonat trafen sich die Parteien zum Friedensschluss. Ballack reiste im Privatjet nach Frankfurt, trotz Reha. Zwei Stunden trafen sich Bundestrainer und Kapitän unter vier Augen. Danach gab der DFB in einer Pressemitteilung zu erklären, Ballack habe seinen Fehler eingesehen: An die Öffentlichkeit zu gehen, habe den Eindruck erweckt, Ballack wolle Löw in seiner Position als Bundestrainer kritisieren. Er blieb Kapitän. Wenige Wochen später sollte er in einem Interview mit dem Pay TV-Sender Premiere zu Protokoll geben, dass er die Öffentlichkeit bewusst gesucht habe, “um ein bisschen wachzurütteln”. Was er da auf der anderen Seite im letzten halben Jahr erweckt hatte, sollte die Zeit zeigen. Die Auflösung des Disputs bestätigte nur, dass Ballack fußballerisch noch zu wichtig für die Nationalmannschaft war. Der Gegenbeweis sollte bei der Weltmeisterschaft 2010 erbracht werden.[17][18]

Meanwhile in London

Währenddessen hatte in London in Folge des verlorenen Champions League Finales 2008 Luis Felipe Scolari die Zügel in die Hand genommen. Und wohl recht schnell schleifen lassen. Denn an der Stamford Bridge war niemand so wirklich mit dem Weltmeistertrainer warm geworden, zu fremd die Methoden, zu schlecht die Ergebnisse. Nach wenigen Monaten war die Amtszeit des Brasilianers beendet. Auch Ballack soll seinem Unmut über den Trainer Luft gemacht haben.[19]

Als Nachfolger wurde Guus Hiddink auserkoren, ein Glücksgriff sowohl für den Verein als auch den deutschen Mittelfeldspieler. Hiddink stabilisierte das Team und brachte den Erfolg zurück, Ballack war gesetzt. Der holländische Coach nutzte ihn so defensiv wie sonst wohl keiner. Ballack agierte teilweise als einziger defensiver Mittelfeldspieler vor der Abwehr. In anderen Phasen teilte er sich die Aufgaben mit Michael Essien. Ein Ligator bei 29 Einsätzen sind Ausdruck für seine offensiv harmloseste Saison in England. Vorne brillierten Frank Lampard, Florent Malouda und der unter Hiddink ebenfalls neu aufblühende Didier Drogba.

Neben seinem Engagement bei Chelsea war Hiddink zugleich Trainer der russischen Nationalmannschaft. Er arbeitete von vornherein mit geborgter Zeit. Da die Konkurrenz aus dem Norden in der Liga bereits enteilt war, musste ein Pokal her, um den Coach am Saisonende mit einer Trophäe zu verabschieden. Wieder einmal ist es gerade der Wettbewerb, in dem es nicht klappte, der in Erinnerung bleibt. Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League hatte Chelsea Guardiolas Barcelona ein 0:0 abgetrotzt. An der Stamford Bridge führten sie lange mit 1:0. Mehrere berechtigte Elfmeter wurden den Hausherren nicht zugesprochen. Unvergessen, wie Ballack Schiedsrichter Tom Henning Øvrebø mit wutverzerrtem Gesicht und ausgestreckten Armen über den Platz verfolgt. Die unrühmliche Szene zeigt, unter was für einem Druck er und sein Team standen. Andres Iniesta besorgte schließlich in der dritten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich und somit den Finaleinzug Barcas.[20]

Chelseas Triumph sollte wenige Wochen später in Wembley folgen. Dieses Mal bogen sie den Rückstand um, Evertons Louis Saha hatte bereits nach 25 Sekunden getroffen. Drogba antworte nach 20, Lampard nach 70 Minuten. Im Sommer zog Ballack die Option, seinen Vertrag um ein Jahr zu verlängern und mahnte, dem neuen Trainer Carlo Ancelotti die nötige Zeit zu geben. Mit Mourinho, Grant, Scolari und Hiddink würde Ancelotti Chelseas fünfter Cheftrainer in nur drei Jahren werden.

Aber auch der baute auf den Deutschen, der 2009/10 auf 45 Pflichtspieleinsätze (fünf Tore) kam. In der Champions League war überraschend früh Schluss. Bereits im Achtelfinale mussten sich die Blues gegen Internazionale geschlagen geben, verloren sowohl Hin- als auch Rückspiel. In der zweiten Begegnung wurden auf beiden Seiten je vier Spieler verwarnt, Drogba flog nach einem Tritt gegen Thiago Motta vom Platz. Die zynische Spielweise der Mourinho-Truppe sollte u.a. noch Barcelona zur Verzweiflung treiben und am Ende zum Titelgewinn verhelfen. Chelsea war in diesem Sinne einmal mehr schicksalsbehaftet, schieden die Londoner doch bereits zum dritten Mal in Folge gegen den späteren CL-Sieger aus.

In England war die Saison jedoch ein voller Erfolg. Chelsea wurde mit einem Punkt Vorsprung auf Manchester United Meister. Das war vor allem ihrer überragenden Offensive zu verdanken: Nie hatte ein Premier League-Team mehr als 100 Tore geschossen, Chelsea schaffte 103. Dabei schossen sie gleich vier Teams mit sieben oder mehr Buden ab. Drogba wurde mit 29 Treffern Torschützenkönig, Lampard steuerte grandiose 22 Tore bei. Auch den FA Cup konnte Chelsea verteidigen und so das nationale Double klarmachen.

Das Foul und die Folgen

Der 15. Mai 2010: Gegner im Finale von Wembley war Portsmouth, die in der Liga aufgrund finanzieller Probleme abgeschlagen den letzten Tabellenplatz belegt hatten. Trainer Avram Grant wusste die Frustrationen immerhin in einen guten Pokallauf zu lenken. Mit Sunderland, Birmingham und Tottenham wurden drei Premier League-Teams ausgeschaltet.

Für eine Spielzeit hatte auch Kevin-Prince Boateng seine Zelte im Süden Englands aufgeschlagen. Der Deutsch-Ghanaer schaffte zuvor bei Hertha den Durchbruch und erarbeitete sich dort sowie bei seinen Stationen Tottenham und Dortmund den Ruf des Bad Boys. Nach gut einer halben Stunde gerieten er und Ballack im FA-Cup-Finale aneinander. Letzterer hatte sich mit Boatengs Mitspieler Brown ein sehr aktives Kopfballduell geliefert. In der anschließenden Auseinandersetzung wischte Ballack Boateng durchs Gesicht. Referee Chris Foy beließ es bei einer Ermahnung.

Boateng nicht. Nur wenige Minuten später räumte er Ballack resolut ab. Ob vorsätzlich oder nicht, Rücksicht auf Verluste nahm der damals 23-Jährige in der Situation nicht. Wohlwollend ging es ihm darum, den ballführenden Spieler und den gegnerischen Angriff zu stoppen. Zimperlich war Portsmouth aufgrund des Klassenunterschieds ohnehin nicht ins Spiel gegangen. Auf der anderen Seite wirkte es so, als hätte hier einer seine Chance zur Revanche gesehen und genutzt.

Letztere Auslegung entsprach dem geltenden Tenor in Deutschland. Boateng wurde auf Jahre zur persona non grata, denn Ballack schleppte sich im Finale zwar noch einige Momente über den Platz, wurde dann aber noch vor der Halbzeitpause ausgewechselt.

Mit der Diagnose kam der Schock: Teilriss des Syndesmosebandes im rechten Sprunggelenk. Die WM in Südafrika würde ohne den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft stattfinden.

Ein solcher Wegbruch der Gallionsfigur war unvorstellbar. “Das Gerüst steht auf sehr wackligen Beinen”, befand der mittlerweile geschasste Torsten Frings im Hinblick auf die Kadersituation. Auf der Position im zentralen Mittelfeld fehlten neben Ballack auch Simon Rolfes und Christian Träsch verletzt. Frings spielte keine Rolle mehr in den Überlegungen des Bundestrainers. Im Februar 2009 war der Bremer noch einmal zu einem letzten Einsatz für die Nationalmannschaft gekommen. Bis zur finalen Absage von Löw, dass er nicht mehr mit ihm plane, sollte ein weiteres Jahr vergehen.[21]

Das Problem mit all den Grünschnäbeln, der “Fraktion Schwiegersohn” (Frings), die ihn und andere Altgediente im Kader ersetzen sollten, waren laut Frings die mangelnde Wettkampfhärte und die fehlende Turnier-Erfahrung. “Gegen England, Argentinien oder Spanien wird es somit eng werden”, prophezeite Frings.[22]

Mit 8:2 Toren in den Spielen gegen England, Argentinien und Spanien zog sich die unerfahrene Truppe dann aber achtbar aus der Affäre. Es sind die K.o.-Spiele, die in der Erinnerung herausstechen. Gerade weil sie in zwei von drei Fällen eben nicht im Desaster endeten. Und weil der Fußball kaum mehr wieder zu erkennen war. Hinten heraus leitete Neuer mehrere Treffer mit schnellen Abschlägen und -würfen ein. Die Abwehr um Mertesacker und Lahm war gefestigt. Schweinsteiger und Khedira ergänzten sich in der Zentrale, ließen Özil davor zur Entfaltung kommen. Der unbekümmerte Thomas Müller wurde zur Entdeckung des Turniers. Vorne schloss Klose unwiderstehlich die Angriffe ab.

Der bemühte Ballbesitzfußball, der auch in der Zeit unter Klinsmann noch notgedrungen gespielt wurde, gehörte der Vergangenheit an. Das Spiel war nun auf Vertikalität und überfallartige Konter ausgelegt. Lagen 2005 zwischen Ballannahme und Weiterleitung im Schnitt noch 2,5 Sekunden, waren es nun nur 1,1. Gegen England und Argentinien wurde die Sekunden-Marke sogar noch unterboten.[23]

Begünstigte Ballacks Ausfall die Spielweise? Selbstverständlich wäre es mit einer solch dominanten Figur nicht dasselbe Spiel gewesen. Die Entwicklung hin zum schnelleren Stil fand aber nicht ausschließlich im Trainingslager von Erasmia nahe Johannesburg statt. Ballack machte den Prozess mit, auch bei den Spielen der EM 2008 war schon ein Unterschied erkennbar. Das Tempo lag dort bei 1,8 Sekunden zwischen Annahme und Verarbeitung. Im englischen Liga-Alltag kam er zurecht, die vertikale Bewegung zwischen den Strafräumen war seine Stärke. Das richtige Gespür, wann er beim Konter aus dem Mittelfeld den Lauf in den Strafraum anbieten müsste, hatte er jahrelang perfektioniert.

Ballack wäre auch in einer erfolgreichen 2010er Mannschaft denkbar. Als einer, der “auf den Ball treten” und “Tempo rausnehmen” als strategische Mittel einsetzen kann. Nicht als Altgedienter, den es durchzuschleifen gilt.

Begünstigte Ballacks Ausfall nicht viel eher die Stimmung im Camp und somit indirekt die Spielweise?

Während der Kader 2008 unter dem “Generationenkonflikt” litt und 2012 von den Grabenkämpfen zwischen Bayern- und Dortmund-Spielern bestimmt wurde, glich die Situation in Südafrika allen Angaben nach eher dem ersten sturmfreien Abend eines Haufens Zwölfjähriger. Viele Spieler vom gleichen Schlag, die die Erfahrung des ersten oder zweiten Turniers eher mit großen Augen aufsaugten als sich die nötige “Wettkampfhärte” abzuholen. Ein guter Teil der Truppe kannte sich eh aus den Junioren-Auswahlmannschaften. 2009 gewann die U21-Auswahl die Europameisterschaft. Fünf Spieler, die dort das Finale bestritten, kamen im Jahr darauf auch in Südafrika zum Einsatz. Die “Fraktion Schwiegersohn” machte die Nationalelf zu ihrer Elf, schneller, als dem einen oder anderen lieb war.

Ein Kapitän ohne Team

“Natürlich ist das nicht einfach”, gab der zugeschaltete Kapitän zu Protokoll. Im Vorbericht der ARD zur Achtelfinal-Partie hatte Ballack den England-Experten gemimt. Wie denn die Stimmung sei, ob Capello aus den Einzelspielern ein Team formen könne. (Durchwachsen. Nein.) Nun sollte es aber um den Capitano gehen. So bejahte der Verletzte die Frage, ob er denn als Fußballer und obendrein Kapitän nicht lieber bei der Nationalmannschaft sei und die WM mitspiele, statt sie vor dem Fernseher zu verfolgen. Fünfzehn Jahre im Stahlbad der Medien hatten Ballack längst zum Profi werden lassen, und doch sind Frustration und Bitterkeit zu erahnen. Bei einem Weiterkommen würde er zur Mannschaft reisen, der Plan stünde. Der Viertelfinal-Einzug fehle zwar noch, aber da mache er sich keine Sorgen.

Auf den moralischen Support schien in Südafrika allerdings niemand gesteigerten Wert gelegt zu haben. Das Viertelfinale verfolgte Ballack im Stadion. In einer Szene fangen ihn die Kameras im Innenraum ein, dem Eingang zu den Katakomben näher als dem Spielfeldrand. Er wirkt vielmehr wie der Ritter von der traurigen Gestalt denn als Kapitän, der seine Mannschaft anfeuert. Und vielleicht liegt hier in der Nachbetrachtung auch schon eine vertane Chance. Es muss verdammt schwer sein, das womöglich letzte Turnier in international hochklassiger Form in solch einer Weise zu verpassen. Dann aber mit den Gegebenheiten zu arbeiten und, nicht im Camp, aber doch vor Ort, den ersten Cheerleader der Mannschaft zu geben, hätte ihm wohl viele Sympathien eingebracht. Oliver Kahn setzte sich bei der WM 2006 auf die Bank, nachdem er den Zweikampf um die Position als Stammtorhüter gegen Jens Lehmann verloren hatte. Der Handschlag zwischen beiden vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gehört zu den Szenen des Turniers.

Ballack zog sich zurück und reiste nach einer Partie wieder ab, um sich selbst besser auf die neue Saison vorbereiten zu können und die Mannschaft in Ruhe arbeiten zu lassen. Dass im Halbfinale erneut gegen Spanien Schluss war, geriet dank des erfrischenden Stils fast zur Nebensache. Diese Elf habe noch Zeit, daraus würde sie lernen. Unter schlechten Vorzeichen hatte die Mannschaft eine doch erfolgreiche Weltmeisterschaft gespielt. Sogar das Spiel um Platz 3 gewann sie gegen Uruguay mit 3:2. An diesem 10. Juli 2010 sah die Zukunft der Nationalelf vielversprechend aus. Erstmals seit knapp einem Jahrzehnt schien darin auch eine erfolgreiche Variante ohne Ballack denkbar.

Noch im Mai hätte das niemand für möglich gehalten. Nicht einmal Philipp Lahm. Zumindest sprach der Interimskapitän es nicht öffentlich aus, als er gegenüber der SZ davon ausging, “dass Michael nach der WM wieder unser Kapitän sein wird”. Der Wind drehte noch während des Turniers. Lahm dürfte schon während der EM 2008? und zur Causa Frings als Rädelsführer der jungen Garde gegolten haben. Angespornt von den guten Leistungen seiner Mannschaft, schien die Zeit reif, auch extern Ansprüche zu stellen.[24][25]

Die erste Kampfansage lancierte der Münchner ausgerechnet vor dem Halbfinale gegen Spanien. Ballack war soeben abgereist, da warf Lahm am selben Abend in der BILD die Frage auf, warum er das Amt “freiwillig abgeben” sollte. Es sei doch klar, dass er die Kapitänsbinde gerne behalten möchte. In der folgenden DFB-Pressekonferenz befand Bierhoff den Zeitpunkt für “unglücklich”. Ein klares Bekenntnis blieb aus.[26]

Auch die Kritik von außen an Lahm, etwa von Effenberg oder Andi Herzog, störte sich eher am Zeitpunkt. Uli Hoeneß hatte Ballack bereits im Juni zum Rücktritt geraten, befand es für unklug, die EM 2012 mit dann 35 Jahren als großes Ziel ins Auge zu fassen. Lothar Matthäus sprach aus eigener Erfahrung, bereute sein Comeback Ende der 90er und gab die wohl vernünftigste Einschätzung zwischen allen Aufgeregten: Ballacks Fokus sollte auf der eigenen Gesundheit liegen, sodass er überhaupt im Verein noch einmal angreifen könne. Die Nationalmannschaft sei auch ohne ihn gut genug. Die Zeichen der Zeit zu erkennen und nun abzutreten, würde Größe beweisen.[27][28][29]

Schrödingers Kapitän

“Ich bin Kapitän der Nationalmannschaft”, verlautbarte Ballack beim Antritt in Leverkusen. Acht Jahre nach der dreifachen Vize-Saison war der Weltstar auf Bestreben von Bayers Sportdirektor Rudi Völler an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Im Hinblick auf Lahm pochte er auf die Hierarchien. Die Kapitänsfrage sei kein Wunschkonzert, bei Ansprüchen müsse er sich an den Trainer wenden. Oder direkt an ihn, denn beim nächsten Länderspiel werde Ballack “noch das eine oder andere Wort [mit Lahm] sprechen”.[30]

Beim ersten Länderspiel nach der WM waren allerdings beide nicht dabei, so wie viele andere Stammkräfte. Für die Statistiker: Im Testspiel gegen Dänemark im August 2010 führte Hitzlsperger die Mannschaft als Kapitän aufs Feld. Ballack fehlte auch Anfang September gegen Belgien und Aserbaidschan beim Auftakt zur EM-Qualifikation aufgrund von Fitnessrückständen. Das ersparte Löw erneut die Entscheidung. Der Bundestrainer wollte ohnehin zunächst mit beiden Spielern reden und “die Frage in aller Ruhe analysieren”. Auch “konzeptionelle Überlegungen” würden dabei eine Rolle spielen. Das legt den Schluss nahe, dass die Entscheidung schon gefallen war. Der offizielle Wechsel auf dem Posten des Kapitäns wäre der logische Endpunkt einer Entwicklung, die konsequent vorangetrieben wurde. Auch wenn die Umsetzung teilweise holpriger war als nötig, siehe Frings. Bierhoff ließ die Haltung der Verantwortlichen durchschimmern, als er bereits im Rahmen des Testspiels gegen Dänemark einen Appell nach Leverkusen schickte. So spüre Bierhoff aus Ballacks Aussagen, dass dieser noch “große Lust auf die Nationalelf” habe, die 100 Länderspiele voll machen und “eine starke EM spielen” wolle. Möglich wären die, dann aber nur nach den Regeln der Teamleitung. Bierhoff: “Ich glaube, das wird er nicht davon abhängig machen, ob er Kapitän bleibt.”[31][32]

So angriffslustig Ballack sich zum Antritt in Leverkusen gezeigt hatte: Sein zweiter Stint bei der Werkself stand unter einem schlechten Stern. Am 3. Spieltag musste er bereits nach einer halben Stunde verletzt ausgewechselt werden. Diesmal war es eine Schienbeinverletzung, die sich als hartnäckig erweisen sollte. Ballack fiel beinahe die komplette Hinrunde aus. In der Saison 2010/11 bestritt er nur 20 von 48 Leverkusener Pflichtspielen, wobei er 14 Mal in der Startelf stand. Glänzen konnte er selten.

Sein Team war allerdings trotzdem gut unterwegs. Leverkusen überwinterte auf Platz drei, punktgleich mit dem Tabellenzweiten Mainz, allerdings zehn Punkte hinter Dortmund. Mit seinem Vereins-Comeback zu Beginn 2011 wurde Ballack dann auch wieder, zumindest medial, ein Thema für die Nationalelf. Und bekam kurioserweise auch von Löw Rückendeckung. “Ballack ist der Kapitän, wenn er wieder dabei ist”, erklärte der Bundestrainer Ende Dezember in der Welt am Sonntag ohne Not. Ballack brauche nur Spielpraxis, dann regle sich alles andere schon.[33]

Die Devise lautete also: Aussitzen und hoffen, dass sich das Problem von allein erledigt. War es bei der ersten Länderspielreise im Februar 2011 durchaus sinnig, abzuwarten und zu schauen, wie sich Ballacks Fitnesszustand entwickelt, wurde mit fortschreitender Rückrunde einfach das Zeitfenster verschoben. Im Rahmen der anstehenden Nominierungen im Frühjahr wurde Ballack vertröstet, die Fitness… Aber man wolle sich in Kürze zusammensetzen und reden. Im Mai lautete der Tenor dann, man wolle “mal sehen, was in der nächsten Saison passiert”.[34]

Dabei war es ungewiss, ob Ballack diese noch in Leverkusen bestreitet, wechselt oder gar ganz aufhört. Denn auch im Verein hatte er beileibe keinen guten Stand. Der dreifache Fußballer des Jahres wurde weniger als heimkehrender Sohn betrachtet, denn mit Argwohn. Der Transfer ging vor allem auf Völler zurück, der seinen alten Weggefährten mit einem Zweijahresvertrag ausstattete. Das kolportierte Grundgehalt belief sich dabei auf sechs Millionen Euro im Jahr. Da hilft es nicht, auch noch Sonderbehandlungen einzufordern. Mit Trainer Jupp Heynckes war Ballack mehrfach aneinander geraten, da er sich halbfit nicht auf die Bank setzen wollte. Andererseits herrschte ohnehin ein Überangebot im zentralen Mittelfeld, defensiv wie offensiv. Das 4-2-3-1 als Grundlage ließe sich mit Simon Rolfes, Arturo Vidal und Renato Augusto sowie dem jüngeren Trio aus Stefan Reinartz (21 Jahre), Lars Bender (21 J.) und Gonzalo Castro (21 J.) eine ordentliche Doppelbesetzung ausmachen. Hinzu kam noch Routinier Hanno Balitsch, der zumindest den Vorteil hatte, fit zu sein und fit zu bleiben.[35][36]

Es war schon kaum mehr realistisch, dass sich Ballack noch einmal zum Leistungsträger eines Champions League-Klubs aufschwingen würde. In Leverkusen war kein Stammplatz zu haben, somit war auch eine leistungsbezogene Nominierung für die Nationalmannschaft in weite Ferne gerückt. Seit März hatte es rumort, dass Ballack noch eine Abschiedsspiel-Nominierung erhalten solle. Im Juni 2011 hatte Fußball-Deutschland schließlich Gewissheit, jedoch nicht ohne eine letzte Episode im Ballack-Löw’schen Rosenkrieg.

Vier Tage des Nachtretens

Am 16. Juni ließ der DFB über eine Pressemitteilung wissen, dass die Nationalmannschaft zukünftig ohne Michael Ballack plane und seinen Jugendkurs fortsetze. Ende März habe ein Treffen zwischen Löw und Ballack stattgefunden, zudem standen Bundestrainer und Kapitän a.D. regelmäßig telefonisch im Austausch. Löw habe dabei den Eindruck erhalten, dass Ballack durchaus Verständnis für die Sichtweise der Teamleitung hat. Im Interesse aller sei daher “eine ehrliche und klare Entscheidung angebracht” gewesen. Ein bereits angesetztes offizielles Freundschaftsspiel gegen Brasilien im August sollte als Abschiedsspiel dienen.[37]

Das Angebot schlug Ballack einen Tag später öffentlich aus. Im Nachhinein ein Test- zum Abschiedsspiel zu deklarieren, sei eine “Farce”. Ferner sei es scheinheilig zu behaupten, mit ihm und seiner Rolle sei “jederzeit offen und ehrlich umgegangen” worden.[38]

Das unwürdige Schauspiel nahm seinen Lauf. Die Reaktionen des DFB reichten von Gleichgültigkeit bis Entrüstung. Während Löw genau wusste, “was in den Gesprächen besprochen wurde”, zeigte Präsident Niersbach für Begriffe wie “Scheinheiligkeit” und “Farce” kein Verständnis. Die Gespräche seien aus seiner Sicht korrekt und fair verlaufen. Zudem soll im März bereits die Entscheidung über die Ausbootung/Abdankung kommuniziert und Stillschweigen vereinbart worden sein. Neben der Partie gegen Brasilien stand auch eine Nominierung im Mai für das Testspiel gegen Uruguay im Raum. So sollte die Marke von 100 Länderspielen erreicht werden. Dies habe Ballack ausgeschlagen.[39]

Ballack behielt am 19. Juni das letzte Wort, wohl aber nicht die Deutungshoheit. In einer Erklärung traf er Aussagen, die denen des DFB scheinbar diametral gegenüber stehen. Beim Treffen im März hätte Löw klar gesagt, dass er Ballack auf einem guten Weg sehe. Die Möglichkeit zur Rückkehr in die Nationalmannschaft wäre nicht versperrt. Vielmehr habe Ballack im Mai entschieden, selbst seinen Auswahl-Rücktritt zu verkünden. Als Zeitpunkt dafür schien ihm der Sommer angemessen. Dies sei so auch mit Löw und Niersbach abgestimmt worden. Während seines Urlaubs habe er dann lediglich eine Stunde vor ihrer Veröffentlichung von der Pressemitteilung erfahren.[40]

Letztlich verlief es wie schon mit Frings. An eine Wunderheilung, dass Ballack mit Mitte 30 nun endlich von Verletzungen verschont bleiben und nochmal an alte Glanztaten anknüpfen würde, wird niemand mehr geglaubt haben. Das Fass nicht während der WM 2010 aufzumachen, ist verständlich. Zumal Löws Vertrag mit dem Turnier auslief und eine Verlängerung an ein gutes Abschneiden geknüpft war. Die Frage, wo ein Spieler, der nicht zum Kader der 23 vor Ort gehört, gerade in der Hierarchie steht, dürfte nicht zu den pressierendsten des Bundestrainers gehört haben.[41]

Das mag und wird in der Mannschaft anders gewesen sein. Bei Ballacks Besuch dürfte dann wohl zu erkennen gewesen sein, dass er eben nicht mehr zu seinem Team kommt. Peter Ahrens brachte den Unterschied zwischen altem und neuen Kapitän auf den Punkt: Lahm ist Klassensprecher, nicht Leitwolf. Darauf sprang die Mannschaft in dieser Konstellation eher an. Und wollte diesen Weg weiter mitgehen. Lahm dürfte sich, ganz Klassensprecher, einer breiten Unterstützung im Team bewusst gewesen sein, die öffentliche Ansage in dieser Art und Weise während des Turniers zu lancieren. Das Ganze lässt sich beklagen oder bejubeln, als Fraktion Schwiegersohn schlecht reden oder zu flachen Hierarchien stilisieren. Es waren, wertfrei, einfach die Zeichen der Zeit.[42]

Und es waren andere Gegebenheiten, mit denen Ballack Mitte der Neunziger zwischen Chemnitz und Kaiserslautern als Jungprofi konfrontiert und in denen er sozialisiert wurde. “[Junge Spieler] hatten sich unterzuordnen, einzuordnen”, erzählte er 2009 in einem Interview mit der 11Freunde. Rechte und Freiheiten hätten junge Spieler nicht gehabt. Dafür konnten sie “innerhalb des Gerüsts wachsen”. Das zu vermitteln, ist Ballack nicht gelungen, wenn er es denn versucht hat.[43]

Nach der von Zwistigkeiten begleiteten EM 2008 soll der Bundestrainer seinem Kapitän ans Herz gelegt haben, seine Kritik an die Mannschaftskollegen doch moderater vorzutragen. Die dafür nötige Einfühlsamkeit mag ihm völlig abgegangen sein. Die Nuller Jahre hindurch verbrachte er in größtenteils “fertigen” Vereinsmannschaften. Bereits die Bayern hatten wenig Raum für junge entwicklungsfähige Spieler, solche die angelehrt werden mussten. Bei Chelsea war der Verdrängungskampf nur noch größer. Gestandene Spieler wurden für teures Geld geholt und, wenn sie nicht die erhoffte Leistung erbrachten oder in die Jahre kamen, durch andere gestandene Spieler ersetzt. Ballack war es im Sommer 2010 nicht anders ergangen. Alle zwei Monate zur Nationalmannschaft zu reisen, mit einer völlig ungewohnten Spielergeneration konfrontiert werden und diese dann in Reih und Glied bringen zu wollen, funktionierte nicht. Bzw. nur bis zu dem Punkt, wo die anderen nicht an der unabstreitbaren spielerischen Klasse vorbeikamen. Und irgendwann fehlten ihm die Kempen, die es auch noch so kannten, von Kahn und Lehmann über Nowotny und Metzelder hinzu Schneider und Frings.[44]

Nach der Weltmeisterschaft hätte die Entscheidung, die intern wohl gefallen war, auch kommuniziert werden können. Oder nach dem Treffen im März, bei dem jeder das rausgehört hat, was er hören wollte. Ballack mag der Letzte sein, der sich in diesem Fall Lahm kampflos geschlagen gegeben hätte, es wäre allemal ehrenwerter gewesen, als die Geschichte ein Jahr lang hinauszuzögern.

Und so schließlich Matthäus zu bestätigen, denn der hatte es am besten gewusst: Selber abtreten, Kräfte schonen, im Verein einen guten Abschluss finden. Auch Ballacks Saison 2011/12, in Diensten von Bayer Leverkusen, blieb von Verletzungen geplagt. Nur dieses Mal lief es chronologisch umgekehrt zur Vorsaison: Die beste Phase hatte Ballack von Oktober bis Dezember. Ein Muskelfaserriss verdarb dann die Rückrunde. Insgesamt machte Ballack 25 von 45 Pflichtspielen mit, stand 20 Mal in der Startelf. Nebenkriegsschauplatz in der zweiten Saisonhälfte war die Entscheidung, wie es weiterging. Wollte Ballack, dessen Vertrag auslief, in die MLS? Sollte Leverkusen verlängern? Dieses Mal entschied er selbst. Und hörte auf.

Unvollendet. Unvergessen?

Während großer Turniere gibt es einige Regelmäßigkeiten in Deutschland: Fatalismus zu Beginn, unangenehmer Patriotismus währenddessen und bei Problemen oder nach dem Ausscheiden die ewige Debatte um Führungsspieler der Marke Lautsprecher – eben Einer, der das Weiterkommen mit schierem Willen sichert.

Bei der EM 2016 war das nach dem zweiten Gruppenspiel nicht anders. Die Auswahlen Deutschlands und Polens trennten sich in Saint-Denis nach müdem Ballgeschiebe in einem torlosen Remis. Aufgrund des Turnierformats half das Unentschieden beiden. Der Auftritt der DFB-Elf ließe sich auch unter dem Motto “ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss” verbuchen.

In den USA hatte der Sportsender ESPN die Partie übertragen. “Sie versuchen immer schön zu spielen, den Ball ins Tor zu tragen”, monierte der diensthabende Experte. Sein Fazit: “Dieser Mannschaft fehlen ein bisschen Persönlichkeit und Charakter.”[45]

Nachdem alle Gazetten den Kommentar aufgegriffen und weitergesponnen hatten, äußerte sich auch Löw. Und wies Kritik an der Mannschaft vehement ab: “Als Außenstehender wäre ich da ganz ruhig.” Der Bundestrainer arbeitete sich an der Debatte als solcher ab, schien aber auch mit seiner Geduld dem ursprünglichen Unruhestifter gegenüber am Ende. “Wenn da irgendjemand jetzt was sagt…”[46]

Dieser Irgendjemand absolvierte 98 Länderspiele, holte insgesamt fünf Meisterschaften und sechs nationale Pokale. In drei Spielzeiten wurde er zum besten Fußballer des Landes gewählt, ein Jahrzehnt hindurch war er stets in der Verlosung. Und einige Zeit lang war er der einzige Lichtblick im ansonsten düsteren Fußballdeutschland.

Was Joachim Löw spitzzüngig formulierte, wirft in leicht geändertem Kontext eine interessante Frage auf: Welchen Stellenwert besitzt Michael Ballack im deutschen Fußball? Ist er aufgrund des fehlenden großen Titels ein Außenstehender, wenn es um die Ikonen des Sports geht? Verschwindet er zwischen den Europameistern von 1996 und den Weltmeistern von 2014 in der Bedeutungslosigkeit, wird so zu „Irgendjemandem“?

Im November 2016 wurde Jürgen Klinsmann als Ehrenspielführer der Nationalmannschaft ausgezeichnet. Die wenigsten deutschen Fans werden die ausgezeichneten Spieler aus dem Stegreif runterbeten können. Dafür ist der Titel zu selten Thema. Auch bei Klinsmann wurde die Verleihung nur als Nachricht versendet, fertig. Als eigens vom DFB vergebener Titel ist es natürlich PR, aber in seiner Seltenheit markiert Ehrenspielführer doch die prägenden Akteure einzelner Epochen: Walter, Seeler, Beckenbauer, Matthäus, Klinsmann; Wiegmann und Prinz bei den Damen.

Als nächste Spielergeneration ist die Reihe bald an den frühen Nullern, wenn sie denn geehrt werden sollten. Einzig Oliver Kahn könnte Ballack hier den Titel streitig machen, führte die DFB-Auswahl 50 Mal an und hat mit dem WM-Finale 2002 einen ähnlichen tragischen Schlüsselmoment wie Uwe Seeler 1966: Kahn sitzend an den Pfosten gelehnt, Seeler erschöpft und enttäuscht vom Platz gehend.

Für Ballack findet sich eine entsprechende historische Parallele möglicherweise in den Achtzigern: Karl-Heinz Rummenigge erzielte in 95 Länderspielen 45 Tore, die fünftmeisten. 1980 bereits Europameister geworden, führte Rummenigge anschließend die Nationalmannschaft von ‘81 bis ‘86 als Kapitän in zwei WM-Endspiele. Dort musste sich Deutschland Italien respektive Argentinien geschlagen geben.

Wer nicht ins Finale kommt, kann es auch nicht verlieren. Zwischen DFB-Pokal, FA und League Cup, Champions League sowie EM stand Michael Ballack in zwölf Endspielen auf dem Platz. Sieben Mal ging er als Sieger vom Feld, fünf Mal als Verlierer. Es ist das Schicksal des Mannschaftssportlers, dass er das Ergebnis, im Guten wie im Schlechten, nur zum Teil beeinflussen kann. Kehrte man alle Resultate um, wäre der Trophäenschrank immer noch voll. Und hätte den verdammten internationalen Titel.

Teil 1 und 2 lesen:

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Michael Ballack gilt in Deutschland als Unvollendeter. Das klingt episch, verkauft seine Karriere aber unter Wert. Dem größten Fußballer der Nation in den Nuller-Jahren haftet immer noch das Stigma des… Weiterlesen

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Fußnoten und weiterführende Links

Beitragsbild: Michael Ballack on public viewing screen [_30th June 2008_]
/ Karl-Ludwig Poggemann via Flickr | CC-BY 2.0

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