Kategorie: Blog

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Lang, hintergründig, facettenreich, werbefrei und unabhängig.

Das beschreibt ganz gut, was wir uns in der Redaktion bei 120minuten auf die Fahnen geschrieben haben.

120minuten soll deine Plattform für lange Texte über Fußball sein. Wir möchten anspruchsvolle, hintergründige Geschichten erzählen, abseits des Medien-Mainstreams, abgekoppelt von der Jagd nach den nächsten “Breaking News” und dem Streben nach Klickzahlen.

Bei uns stehen abwechslungsreiche Beiträge zu Themen mit einer gewissen Halbwertszeit im Mittelpunkt. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Zeitgeschichte, Fankultur, Fußball und Gesellschaft, “Fußball und Medien” oder dem Amateursport. Themen, die ein wenig mehr Raum brauchen als die üblichen Spaltenformate in der Tagespresse.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Helmut Schön – Eine Biografie

Nur selten bekommt man ein Buch zur Besprechung zugesandt, auf welches man sich freut und bei dem die Freude während des Lesens und nachher bleibt. Genau das ist Bernd M. Beyer mit seiner Biografie von Helmut Schön gelungen. Es wird alles beleuchtet: von früher Kindheit in Dresden bis zum Ende der Karriere als Nationaltrainer nach der WM 1978 in Argentinien. Dabei nutzt er sowohl private Aufzeichnungen Schöns, sowie seines Vorgängers im Amt des Bundestrainers, Sepp Herberger als auch Zeitungen und Magazine und zitiert aus TV-Interviews. Daraus entsteht ein sehr vielschichtiges Bild des Menschen, Spielers und Trainers Helmut Schön.

Helmut Schöns Leben lässt sich am besten mit der Vita des großen Historikers Fritz Stern (1926-2016) vergleichen, bzw. beschreiben: Fünf Deutschland und ein Leben. Genauso verhält es sich mit Helmut Schön. Geboren im Todeskampf des Deutschen Kaiserreichs, dem Ersten Weltkrieg, aufgewachsen in der Weimarer Republik und mit dem Fussball spielen begonnen zu einer Zeit als das Spiel in Deutschland an Popularität gewann. Während der Zeit des Nationalsozialismus kamen die ersten grossen Erfolge auch in der Nationalmannschaft und zwei Meisterschaften mit dem Dresdner SC 1943 und 1944. In der DDR war er Nationaltrainer, hatte Probleme mit der Parteiführung und verließ das Land. Danach war er Nationaltrainer des Saarlands und hätte um ein Haar seinem Mentor Sepp Herberger und der jungen Bundesrepublik das Wunder von Bern vermasselt; in der Qualifikation spielte die DFB-Auswahl gegen das Saarland. Schön war also Nationaltrainer aller Nachfolgestaaten des Dritten Reiches. Als Nachfolger von Herberger spielte die DFB-Nationalelf den besten und berauschendsten Fussball in der Nachkriegsgeschichte. Und war auch noch ziemlich erfolgreich dabei: WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974, Vize-Europameister 1976. Wohl kaum ein Trainer hat solch eine Liste an Erfolgen vorzuweisen. Es war ihm leider nicht vergönnt, 1996 den ersten Erfolg einer gesamtdeutschen Mannschaft bei einem Turnier zu erleben, er starb im Februar 1996 80-jährig. Dennoch, allein dieser kurze Abriss zeigt, dass eine umfassende Biografie zwingend notwendig ist und dass es bisher ein weißer Fleck in der einschlägigen Literatur war, der nun durch Bernd M. Beyers umfassende Biografie mit Leben und Farbe gefüllt wurde.

Es war der große Bruder Walter, der Helmut Schön zum Fußball brachte und wie so oft stand das Familienoberhaupt dem ablehnend gegenüber, die Mutter dagegen unterstützte ihn, sorgte sich aber um den Zustand der Schuhe. Der frühe Tod seiner Mutter trifft ihn hart, wohl auch weil ihn eine gewisse Mitschuld trifft. Immerhin ist es Helmut, der sie mitnimmt zu einem Fackelzug der Nationalsozialisten. Es ist dort, dass sich die Mutter erkältet hat und an deren Folgen sie kurze Zeit später starb. In seiner Autobiografie schrieb er später, wie sehr ihn dieser Verlust schmerzte und er sich deswegen Vorwürfe machte. Wie er das frühe Ableben der Mutter verarbeitet hat, ist nicht überliefert; Beyer spekuliert, dass der Fußball half.

Der Durchbruch kam in den 1930ern, als er beim Dresdner SC zum Stammspieler und auch zum Nationalspieler reifte. Das lag zum einen am Talent des ‘Langen’ aber auch an den Trainern, die ihn begleiteten. Als junger Fußballer schaute er sich einiges bei Jimmy Hogan ab, dem legendären Trainerpionier aus Lancashire. Er war es, der den DSC zu einem erfolgreichen Verein machte. Er war nur vier Jahre in Dresden aber seine Arbeit wirkte lange nach. Die Früchte kamen erst in den Kriegsjahren als Dresden je zweimal Pokalsieger und Deutscher Meister wurde. Ebenso Otto Nerz und Sepp Herberger hatten Einfluss auf Schön und dessen Entwicklung. Vor allem Herberger, der dafür sorgte, dass ‘seine Nationalspieler’ nicht an die Front mussten. So auch Schön, der erst im Oktober 1944 als Grenadier eingezogen wurde. War Schön also ein Nutznießer des Nationalsozialismus? Beyer wertet nicht. Schön war nicht in der Partei, weder vor dem Krieg noch in der jungen DDR nach 1945. Obwohl die Nationalsozialisten ebenso auf einen Eintritt beharrten wie die SED, hatte Schön kein Parteibuch. Natürlich wäre es ein Leichtes, Schön damit als Sympathisanten der Nationalsozialisten darzustellen. Schöns Beharren auf der Trennung von Politik und Sport, spricht jedoch dagegen.

In der DDR sah sich Schön mit Problemen konfrontiert, die er irritiert wahrnahm, die ihn aber schlussendlich zur Abwanderung brachten. Man möchte sagen, glücklicherweise, denn ohne Schön in den Diensten des Saarländischen Fußballvervands und später des DFB wäre der deutsche Fußball ein ganz anderer geworden, wäre Fritz Walter Bundestrainer geworden, so wie es sich Herberger vorgestellt hatte. Dabei war Schön nicht politisch; seine Auswanderung hatte einzig und allein dem Fußball gegolten. Hinzu kam, dass er in der DDR nicht so arbeiten konnte, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern wie die Parteispitzen es vorgaben.

Ein überraschender Aspekt ist die Rolle Dettmar Cramers. Weithin als Fußballlehrer bekannt und geschätzt, spielte er als Assistent von Schön einen nahezu teuflischen Part. Nimmermüde machte er deutlich, wen er für den besseren Bundestrainer hielt: sich selbst nämlich. Das war nicht fein und setzte Schön logischerweise zu. Auch sein Verhältnis zu Herberger war ambivalent. Fachlich schätzten sich beide, menschlich war es eher schwierig. Dies lag an Herberger, der Schön als aufdringlich bezeichnete. Auch nach der Stabübergabe maßte sich Herberger an, die Aufstellung zu kommentieren und sich munter einzumischen. Dies führte zwangsläufig zu einem Streit mit Herberger, welches eigentlich keiner war. Vielmehr ging es dabei um die Abnabelung des Einen bzw. das Loslassen des Anderen. Es war logischerweise ein schwieriger Prozess, der sich hinzog am Ende aber einschlief bzw. einvernehmlich beigelegt wurde. Der Erfolg gab Schön Recht. Bis heute ist seine Bilanz unerreicht. Nur ein erneuter Weltmeistertitel 2018 würde Jogi Löw auf Platz 1 der ewigen Liste deutscher Bundstrainer hieven. Da eine Titelverteidigung erst zwei Mannschaften gelungen ist, dürfte klar sein, wie schwer dieses Unterfangen wird.

Bernd-M. Beyer hat eine sehr lesenswerte und sehr gute Biografie verfasst, die sicher ohne Zweifel als Standardwerk zu bezeichnen ist. War bisher vieles bekannt über den Trainer, bietet Beyers Werk einen hervorragenden Einblick in das Leben des Spielers und des Menschen Helmut Schön. Eine Leseempfehlung nicht nur für den Sommer.

Infos zum Buch
Bernd-M. Beyer: Helmut Schön. Eine Biografie. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2017.
ISBN: 978-3-7307-0316-8

Das Werk ist für €28 in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sonderausgabe: Rückblick auf die Drittliga-Saison 2016/2017

 

Nach dem Hinrundenrückblick im Januar haben wir erneut alle Podcasts der 3. Liga eingeladen, um diesmal die gesamte Saison 2016/2017 Revue passieren zu lassen. In den etwas mehr als 3 Stunden und 45 Minuten, die am Ende zusammengekommen sind, erfahrt Ihr, wie die Spielzeit aus Sicht der Beteiligten gelaufen ist, wo in den jeweiligen Mannschaften mit Blick auf 2017/2018 die größten Baustellen liegen und wer aus Sicht der teilnehmenden Podcasts die Spieler der Saison waren. Außerdem wollten wir wissen, welchem Film die just abgeschlossene Spielzeit aus den jeweiligen Vereinsperspektiven am nächsten käme, wäre sie ein Drehbuch gewesen. Und wir sprachen über die TV-Rechte in Liga 3, mögliche alternative Aufstiegsregelungen und die Leistungsunterschiede zwischen Regional-, 3. und 2. Liga. Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei den folgenden Gäste:

Moderiert haben die aktuelle Ausgabe Endreas (@EndreasMueller) und Christoph (@wagnerc23) aus der 120minuten-Redaktion.

Die Kapitelmarken für die aktuelle Ausgabe sind die folgenden:

00:06:24 Rückblick Regensburg
00:37:15 Rückblick Wehen Wiesbaden
01:18:07 Rückblick Magdeburg
01:52:02 Rückblick Rostock
02:42:04 Rückblick Kiel, Frankfurt und Paderborn

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Episode 7: “Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?”

 

In Folge 7 des 120minuten-Podcasts diskutieren wir darüber, ob und inwiefern der Deutsche Fußball-Bund die Meinungsfreiheit im Stadion beschränkt. Und weil das Thema kein so ganz einfaches ist, besprechen wir es diesmal in größerer Runde. Mit dabei sind: 120minuten-Kollege Lennart (@slaukopp), Autor unseres aktuellen Longreads zum Thema, Ralf vom großartigen Blog “der ballreiter”, Alex aus dem 120minuten-Team sowie der Jurist Dr. Jan F. Orth. Wir reden nicht nur über die Frage, inwiefern das Pöbeln eigentlich zur Fankultur gehört, sondern denken u.a. auch über die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und harter Beleidigung nach. Außerdem werfen wir einen kritischen Blick auf die Sanktionen des DFB und fragen uns, wer eigentlich dafür zuständig ist, wie sich Fußballfans im Stadion zu benehmen haben. Moderiert wird die Diskussion von 120minuten-Neuzugang Oliver Leiste.

Wie immer freuen wir uns auf Euer Feedback zur aktuellen Podcast-Folge und natürlich auch über weitere Kommentare zum Thema DFB, Fußball und Meinungsfreiheit auf Facebook, Twitter oder direkt unter dem aktuellen Longread.

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Buchbesprechung: Marco Fenske (Hrsg.) – Diese eine Sekunde

Dieses Buch ist eine Sammlung von 50 Interviews, die allesamt den deutschen Fußball mehr oder weniger direkt betreffen. Der Begriff Sekunde wird dabei sehr weit gefasst. Vielmehr geht es um entscheidende Momente und Situationen: Triumphe, Tragögien und herbe Rückschläge. Große Spieler und Trainer werden zu ihren größten Momenten und schwersten Stunden befragt. Das ist natürlich ein leichtes Unterfangen, denn die deutsche Fußballgeschichte liefert reichlich Stoff für große Momente. So kommen beispielsweise Protagonisten aus den vier siegreichen WM-Finals zu Wort: Horst Eckel, Uwe Seeler, Andreas Brehme und Christoph Kramer. Letzterer fällt hierbei aus der Reihe als dass er sich nach seinem Knock-out beim Schiedsrichter erkundigen musste, ob er denn tatsächlich im Finale spiele. Oliver Bierhoff über sein Tor bei der EM 1996, Andreas Brehme und Paul Breitner über ihre Elfmeter in den Endspielen 1974 respektive 1990.
Bei den Trainern ist der Ansatz ein anderer, hier werden mehrere Punkte beleuchtet. Ottmar Hitzfeld spricht über die Kraftanstrengung als Trainer nach der Niederlage gegen Manchester United 1999. Ganz anders dagegen Christoph Daum, dem trotz reinen Gewissens Kokainkonsum nachgewiesen werden konnte und somit die Karriere abrupt endete.
Bei den Momenten aus Europa- und DFB-Pokal handelt es sich um Spiele, die in letzter Minute gewonnen oder verloren wurden. Die Bundesligamomente sind dann eher zusammenfassende Darstellungen einer Spielzeit, was dann wiederum gar nichts mit einer Sekunde oder einem Moment zu tun hat.
Das letzte Kapitel hat dann mit Fußball nichts mehr zu tun. Hier kommen Monika Lierhaus, Lutz Pfannenstiel, Ronald Reng und Rudi Assauer zu Wort. Das ist der interessanteste Abschnitt, denn es geht hier um sehr schwere Situationen, im Fall von Ronald Reng sogar um den Verlust seines Freundes, Robert Enke.
Ein durchaus interessantes Werk, welches unterhält und spannende Momente aus Sicht der Protagonisten festhält. Ob es dazu allerdings ein großformatiges Buch braucht, ist fraglich.

Infos zum Buch
Das Buch “Diese eine Sekunde” wurde von Marco Fenske in Zusammenarbeit mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland GmbH herausgegeben und kostet €18,90.

Episode 6: “Der letzte Leitwolf” mit Sebastian Kahl

 

In Ausgabe 6 des 120minuten-Podcasts besucht uns Sebastian Kahl. Wir sprechen mit ihm über die Karriere von Michael Ballack und seine Longread-Trilogie zum “Capitano”. Der abschließende Teil (“Der letzte Leitwolf”) erschien im März 2017 bei uns auf 120minuten.net. Sebastian twittert als @maltacalcio und ist regelmäßig im “Yesteryear Football Podcast” zu hören.

Wie immer freuen wir uns auf Euer Feedback zur aktuellen Podcast-Folge und natürlich auch über weitere Kommentare zu Michael Ballack und Sebastians Trilogie auf Facebook, Twitter oder direkt unter dem aktuellen Longread.

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Buchbesprechung: Ronny Blaschke – Gesellschaftsspielchen

Dass der Fußball längst ein Milliardengeschäft ist, in dem es mitunter ziemlich, naja, eigentümlich zugeht, wissen wir nicht erst seit Football Leaks, Geschichten über den nächsten aberwitzigen TV-Gelder-Deal oder Debatten um neue Anstoßzeiten, um endlich auch den enorm wichtigen Markt in Nordsüdwestost-Lampukistan gewinnbringend erschließen zu können. Die Summen, die im Profifußball bewegt werden, sind vom gesunden Menschenverstand längst nicht mehr zu greifen, die Zugzwänge, die dadurch in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung offenbar entstehen, sowieso nicht. Gleichzeitig treten Verbände, Akteure und Vereine gern auch mal als brave Samariter auf, werden Stiftungen gegründet, Charity-Events veranstaltet und klar, auch Entwicklungshilfeprojekte realisiert. “Recht so!”, würde man denken, weil es bei den Gewinnen, die der Sport augenscheinlich abwirft, eigentlich ja ein Leichtes sein sollte, der Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben. Die Frage ist dabei allerdings auch immer so ein bisschen, wie ernst es die Protagonisten mit ihrem Engagement wirklich meinen. Steht immer der soziale Gedanke im Mittelpunkt, oder dient Projekt X, Stiftung Y oder Initiative Z nicht vielleicht doch nur, überspitzt ausgedrückt, als Feigenblatt einer hochkorrupten Funktionärs- und Privilegierten-Elite?

Dem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Engagement im Fußball und potentiell heuchlerischen Maßnahmen, die eventuell ganz anderen Zwecken dienen, widmet sich Ronny Blaschke in seinem aktuellen Werk “Gesellschaftsspielchen”, das 2016 im Verlag Die Werkstatt aus Göttingen erschienen ist. In dem hervorragend recherchierten Buch gibt Blaschke in 18 Kapiteln, die auch gut für sich allein gelesen werden können, spannende und mitunter auch verstörende Einblicke in höchst unterschiedliche Aspekte des Themas. Liest man “Gesellschaftsspielchen” in einem Stück, fällt zunächst erst einmal die abwechslungsreiche Gestaltung auf: mal wird ein Ehrenamtlicher portraitiert, dann ein Projekt vorgestellt, ein Interview eingestreut, eine Stiftung kritisch hinterfragt oder eine Recherchereise dokumentiert. Ebenfalls auffällig: die Verknüpfung inhaltlicher Aspekte mit Hintergründen zu den Arbeiten am Buch selbst, aus denen man dann beispielsweise auch erfährt, wann Personen und Instanzen auf Interviewanfragen eben nicht reagiert haben. So erhält man nicht nur einen hintergründigen Einblick ins Thema, sondern auch in die Art und Weise, wie die “Gesellschaftsspielchen” im Profifußballgeschäft mitunter gespielt werden.

Auch wenn die einzelnen Kapitel notwendigerweise nur eine Auswahl möglicher Aspekte des Themas “gesellschaftliches Engagement im Fußball” darstellen können, wirken die Ausführungen ausgewogen. So wirft Blaschke beispielsweise einen kritischen Blick auf die widersprüchliche Gesellschaftspolitik des DFB oder die Medien als Katalysator und (Nicht-)Meinungsmacher in der Profi-Glitzerwelt, würdigt aber auch erfolgreiche Initiativen wie “Discover Football” oder “Champions ohne Grenzen”, blickt auf die gesellschaftlichen Aktivitäten von Bundesliga-Clubs wie Werder Bremen oder Mainz 05 und lässt politische (z.B. Claudia Roth), sportliche (z.B. Per Mertesacker) oder auf Funktionärsebene aktive Akteure (z.B. Reinhard Rauball) zu Wort kommen. Allgemeinplätze und glatt geschliffene 0815-Aussagen haben bei Blaschke keinen Platz, so werden Interviewpartner gern auch mal um konkrete Beispiele für allzu blumige Phrasen oder Ausführungen gebeten.

“Gesellschaftsspielchen” ist ein in allen Belangen wichtiges Buch. Es richtet sich an die über den reinen Fußballkonsum hinaus denkende, interessierte, kritische  Öffentlichkeit ebenso wie an Vereinsverantwortliche aller sportlichen Ebenen, Journalistinnen und Journalisten, ehren- oder hauptamtlich Engagierte und alle, die es vielleicht werden wollen. Darüber hinaus sei die Lektüre auch und besonders denjenigen ans Herz gelegt, die im Namen des Fußballs (sport)politische Entscheidungen treffen, sei es in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main oder anderswo.

Infos zum Buch
Ronny Blaschke: Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2016.
ISBN: 978-3-7307-0254-3.

Das Werk ist für 16,90 Euro in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich.
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Episode 5: “Der Fußball und das Fernsehen” mit Luca Schepers

 

Zu Gast in Ausgabe 5 des 120minuten-Podcasts ist Luca Schepers. Wir sprechen mit ihm über seinen Longread “Der Fußball und das Fernsehen”, der im Januar 2017 bei uns auf 120minuten.net erschienen ist. Ihr findet Luca auf Twitter als @ArafatsSohn und in mehr als 140 Zeichen auf seinem Blog “Pretty Little Movies” (http://prettylittlemovies.blogspot.de/)

Die im Podcast angesprochenen Leseempfehlungen findet Ihr hier:

Wie immer freuen wir uns auf Euer Feedback zur aktuellen Podcast-Folge und natürlich auch über weitere Kommentare zum Thema “mediale Inszenierung von Fußballspielen” auf Facebook, Twitter oder direkt unter Lucas Beitrag auf 120minuten.net!

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Klaas Reese – Mein Fußballmedienmenu XIV

 

Klaas arbeitet für die Sportredaktion des Deutschlandfunks und fasst für »11 Freunde« jeden Spieltag der Bundesliga in der Kolumne »GIF mich die Kirsche« pointiert zusammen. Dazu war er über Jahre Fußballperlentaucher für »Fokus Fussball«, ist Teil des Schiedsrichter-Podcasts »Collinas Erben« und schreibt unregelmäßig in seinem Blog »Reeses Sportkultur«.

Ihr könnt Klaas auf Twitter und Instagram folgen.

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Die einzige Fußballzeitschrift, die ich aktuell im Abo beziehe, ist das Zeitspiel. Ich mag die unaufgeregte Herangehensweise und die Akribie mit der die Macher sich an ihre Artikel machen – und ich bewundere auch ein wenig ihren Mut, dass sie sich getraut haben, ein eigenes Magazin mit den Themen Zeitgeschichte, Weltfußball und Fußballreisen herauszugeben.

Natürlich lese ich auch kicker und 11 Freunde regelmäßig. Dazu nutze ich allerdings meinen Zugang als Kurator bei Blendle.

Wenn ich vor Flügen oder Zugfahrten mal im Presseladen am Bahnhof lande, dann greife ich gern zu Ballesterer, zum Transparent Mag, Zwölf und in Zukunft sicher öfter mal zum noch recht frischen Socrates, das mir wie die anderen drei Magazine auch gut gefällt.

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Als Fan eines Zweitligavereins haben mir ein paar Texte zum Unterhaus gut gefallen: Zum Beispiel Daniel Roßbachs Text über Union Berlin unter Jens Keller bei spielverlagerung.  Und den »Klischeeabgleich« zur 2.Liga und die Zweitligahipster Elf von Niemals Allein! möchte ich empfehlen.

Fabian Held hat bei Zeit Online über den Beruf Fußballtrainer geschrieben, der Privilegien bereithält, aber auch Entbehrungen fordert und ungerecht sein kann.

»Als Sebastian Deisler die Zeit stehen ließ« von Steffen Meyer (Mia San Rot) erzählt die Geschichte des größten deutschen Talents der 00er Jahre. Leider ohne Happy End.

In der aktuellen 11 Freunde sind ein paar Texte, die mir sehr gut gefallen haben. Vor allem die Titelstory »Märtyrer aus der Kurve« (Blendle-Link) von Christoph Biermann, der über die Geschichte der Ultras während des Arabischen Frühlings in Ägypten schreibt, und der Selbstversuch von Ilja Behnisch, der mit Poncho im weißen T beim Heimspiel der Bayern saß (Blendle-Link), sind ganz hervorragend geschrieben.

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

Mittlerweile sind das viele verschiedene Wege. Zum Einen habe ich einen proppevollen RSS-Reader, der mir das Neuste aus den Blogs liefert. Leider wurde das in den letzten Monaten immer weniger, aber ich bin ganz zuversichtlich, dass wir 2017 eine Renaissance der Blogs erleben. Dann werden hoffentlich wieder mehr Leute einfach über ihren Lieblingssport schreiben, ohne dabei irgendwelche Monetarisierungsstrategien zu verfolgen.

Dazu nutze ich gern Twitter. Das heißt, ich lasse, wenn ich am Rechner sitze eigentlich immer Tweetdeck nebenher laufen und da werden dann durch meine Timeline oder durch verschiedene Listen, die ich mir zusammengestellt habe, die interessantesten Texte reingespült. Dazu nutze ich Nuzzel und Refind, die dabei helfen, gute Texte zu finden mit Hilfe der eigenen Social Media Kontakte.

Ab und zu kommt natürlich auch beim lauteren Nachbarn von Twitter, Facebook, ein guter Link zum Vorschein, aber ich muss sagen, dass das eher selten ist. Da werde ich deutlich öfter beim Stöbern in SZ, FAZ, Tagesspiegel, Zeit, Spiegel und Co. auf Blendle fündig.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Mittlerweile findet der alltägliche Medienkonsum fast nur noch am Bildschirm statt. Aber wenn ich die Wahl habe zwischen gedruckter SZ und Zeit oder dem Lesen am Bildschirm, dann lieber auf Papier. Ich lese auch Bücher bisher zu 100% in gedruckter Form. Ist schließlich augenschonend und man braucht nicht immer die Akkuladeanzeige im Blick zu haben.

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

»Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs« von Werner Skrentny find ich toll. Der Autor widmet sich unter anderem längst vergessenen Stadien wie der Glück-Auf-Kampfbahn in Herne oder dem Zerzabelshof in Nürnberg. Mit Fotos und Anekdoten wird hier das Vergessen verhindert.

Und wer sich selbst und/oder seinen fußballverrückten Kids eine Freude machen möchte, der sollte sich »Das goldene Buch des deutschen Fußballs« von Hardy Grüne und Dietrich Schulze-Marmeling gönnen.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst du regelmäßig?

Ich höre jede Folge vom Textilvergehen und vom Millernton. Auch wenn ich die meisten Union- oder St.Pauli-Spiele gar nicht schaue, mag ich die Menschen, die sich da über Fußball und das Drumherum bei ihrem Lieblingsverein unterhalten so gern (hören), dass ich keine Folge verpasse.

Ähnliches gilt unter anderem für den Eintracht Frankfurt Podcast, drei90 und den Bockcast – allerdings schaffe ich es da leider zeitlich nicht, jede Episode zu hören. Ebenfalls empfehlen möchte ich den Gut Sport Podcast, der – abseits eines aus meiner Sicht etwas langweiligen Tippspiels – sehr hörenswert über Sport im Allgemeinen und Fußball im Speziellen sprechen.

Auch die Rasenfunk-Schlusskonferenz höre ich sehr regelmäßig – auch wenn es da etwas von den Gästen abhängt, ob ich die ganze Sendung höre oder nur den Part, in dem sich der Gast zu dem Verein äußert, den sie oder er am Besten kennt.

Dazu sollte man natürlich die Podcasts von Deutschlandfunk Sport und Football Weekly abonnieren. Klar.

Wer noch mehr Empfehlungen haben möchte, dem sei ein Tribünengespräch ans Herz gelegt, bei dem Max, Maik und ich gut drei Stunden nur über Fußballpodcasts gesprochen haben.

Schaust du noch die Sportschau, um dich über den Spieltag zu informieren?

Das ist ziemlich unterschiedlich. Ich habe kein Wochenendritual mehr, in dem der Fußball im Mittelpunkt steht, sondern versuche mich da weniger abhängig vom Fußballterminkalender zu machen. Deshalb gucke ich schon manches Mal die »Sportschau« und versuche dann als Anhänger der »Sportschau Ultra«-Bewegung keine Informationen zu den Spielen oder den Ergebnissen zu bekommen, damit ich dann eine Art Sportschau-Erlebnis der 80er und 90er habe. Ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit sich den frühen Samstagabend etwas spannender zu machen. Hinterher dann Badewanne und dann im Bademantel auf YouTube alte »Wetten, dass…?« Folgen gucken…

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst du abseits des Fußballs empfehlen?

Ich möchte gern den Newsletter Correct!v empfehlen. Das »gemeinnützige Recherchezentrum« weist regelmäßig auf wirklich beachtenswerte Stücke hin. Zum Beispiel auf eine Recherche zu den Menschen, die an den Fluchtbewegungen in Niger, Italien, Türkei und Deutschland verdienen (“The 21st Century Goldrush”, Huffington Post) oder auf eine Serie zu den Medien der Neuen Rechten (“Futter für AfD-Wähler”, Correct!v).

Der Deutschlandfunk hatte Ende letzten, Anfang diesen Jahres eine starke Serie in seiner ohnehin fast immer sehr empfehlenswerten Reihe »Hintergrund«. Unter dem Überbegriff »Die verunsicherte Gesellschaft« untersuchten mehrere Autoren wichtige Aspekte öffentlicher Debatten des letzten Jahres. Der 1.Teil  zeigt die medialen Probleme bei der Terrorberichterstattung, Teil 2 beleuchtet das Phänomen Populismus und Teil 3 berichtet über die Angst vieler Menschen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Der 4. Teil behandelt die europäische Krise, Teil 5 die Kölner Silvesternacht und Teil 6 erklärt den Erfolg von Autokraten wie Putin und Erdogan.

Richtig gut haben mir dann noch zwei Produktionen bei 4000 Hertz gefallen: Hannah Kessler stellt in ihrer Serie »Einschnitte« für 4000 Hertz Leonie und Kathrin vor. Leonie erklärt, warum sie sich ein Leben ohne Rollstuhl nicht mehr vorstellen kann und Kathrin hat eine 30 Zentimeter lange Narbe auf dem Bauch, die sie jeden Tag an ein paar schlimme Tage in Italien erinnert. Beide Geschichten haben mich mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert und sind dazu wirklich toll erzählt.

Und die beste Audioserie des letzten Jahres, »Der Anhalter«, sollten alle hören. Fünf Teile. Krasse Geschichte. Spannend erzählt. 


In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn… Weiterlesen

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Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR… Weiterlesen

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Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf… Weiterlesen

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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0