Kategorie: Blog

Auswärtssieg in Dortmund

Anfang September landete eine Einladung zum Campfire Festival für Journalismus und Neue Medien in Dortmund in unserem Posteingang. Wir hatten uns für ein Grow-Stipendium des Netzwerk Recherche e.V. und der Schöpflin Stiftung beworben und waren zusammen mit fünf anderen, spannenden Projekten auf der Shortlist gelandet.

Nun mussten wir mit einer kurzen Präsentation in Dortmund eine Jury von 120minuten überzeugen. Fünf Minuten standen für den Pitch der Projektidee zur Verfügung, weitere fünf Minuten waren der Jury für Fragen vorbehalten. Und was sollen wir sagen – es hat geklappt – wir konnten uns eines der drei ausgeschriebenen Stipendien sichern!  Weiterlesen

Auswärtsfahrt nach Dortmund

Am 7. September solltet ihr 120minuten die Daumen drücken. Dann müssen wir alles raushauen und mit unserer Präsentation beim Campfire-Festival in Dortmund überzeugen. 120minuten ist auf der Shortlist für ein Grow-Stipendium, das vom Netzwerk Recherche ausgeschrieben wird. Ziel des Stipendiums ist die Förderung von Non-Profit-Journalismus.

Mehr zu gegebener Zeit an dieser Stelle. Nun heißt es erst einmal, von Spiel zu Spiel zu denken und die Leistung in Dortmund auf den Platz, ähm, die Bühne zu bringen.

Bildnachweis: Seedling von Samuel, via flickrCC BY-NC 2.0

 

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Lang, hintergründig, facettenreich, werbefrei und unabhängig.

Das beschreibt ganz gut, was wir uns in der Redaktion bei 120minuten auf die Fahnen geschrieben haben.

120minuten soll deine Plattform für lange Texte über Fußball sein. Wir möchten anspruchsvolle, hintergründige Geschichten erzählen, abseits des Medien-Mainstreams, abgekoppelt von der Jagd nach den nächsten “Breaking News” und dem Streben nach Klickzahlen.

Bei uns stehen abwechslungsreiche Beiträge zu Themen mit einer gewissen Halbwertszeit im Mittelpunkt. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Zeitgeschichte, Fankultur, Fußball und Gesellschaft, “Fußball und Medien” oder dem Amateursport. Themen, die ein wenig mehr Raum brauchen als die üblichen Spaltenformate in der Tagespresse.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Helmut Schön – Eine Biografie

Nur selten bekommt man ein Buch zur Besprechung zugesandt, auf welches man sich freut und bei dem die Freude während des Lesens und nachher bleibt. Genau das ist Bernd M. Beyer mit seiner Biografie von Helmut Schön gelungen. Es wird alles beleuchtet: von früher Kindheit in Dresden bis zum Ende der Karriere als Nationaltrainer nach der WM 1978 in Argentinien. Dabei nutzt er sowohl private Aufzeichnungen Schöns, sowie seines Vorgängers im Amt des Bundestrainers, Sepp Herberger als auch Zeitungen und Magazine und zitiert aus TV-Interviews. Daraus entsteht ein sehr vielschichtiges Bild des Menschen, Spielers und Trainers Helmut Schön.

Helmut Schöns Leben lässt sich am besten mit der Vita des großen Historikers Fritz Stern (1926-2016) vergleichen, bzw. beschreiben: Fünf Deutschland und ein Leben. Genauso verhält es sich mit Helmut Schön. Geboren im Todeskampf des Deutschen Kaiserreichs, dem Ersten Weltkrieg, aufgewachsen in der Weimarer Republik und mit dem Fussball spielen begonnen zu einer Zeit als das Spiel in Deutschland an Popularität gewann. Während der Zeit des Nationalsozialismus kamen die ersten grossen Erfolge auch in der Nationalmannschaft und zwei Meisterschaften mit dem Dresdner SC 1943 und 1944. In der DDR war er Nationaltrainer, hatte Probleme mit der Parteiführung und verließ das Land. Danach war er Nationaltrainer des Saarlands und hätte um ein Haar seinem Mentor Sepp Herberger und der jungen Bundesrepublik das Wunder von Bern vermasselt; in der Qualifikation spielte die DFB-Auswahl gegen das Saarland. Schön war also Nationaltrainer aller Nachfolgestaaten des Dritten Reiches. Als Nachfolger von Herberger spielte die DFB-Nationalelf den besten und berauschendsten Fussball in der Nachkriegsgeschichte. Und war auch noch ziemlich erfolgreich dabei: WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974, Vize-Europameister 1976. Wohl kaum ein Trainer hat solch eine Liste an Erfolgen vorzuweisen. Es war ihm leider nicht vergönnt, 1996 den ersten Erfolg einer gesamtdeutschen Mannschaft bei einem Turnier zu erleben, er starb im Februar 1996 80-jährig. Dennoch, allein dieser kurze Abriss zeigt, dass eine umfassende Biografie zwingend notwendig ist und dass es bisher ein weißer Fleck in der einschlägigen Literatur war, der nun durch Bernd M. Beyers umfassende Biografie mit Leben und Farbe gefüllt wurde.

Es war der große Bruder Walter, der Helmut Schön zum Fußball brachte und wie so oft stand das Familienoberhaupt dem ablehnend gegenüber, die Mutter dagegen unterstützte ihn, sorgte sich aber um den Zustand der Schuhe. Der frühe Tod seiner Mutter trifft ihn hart, wohl auch weil ihn eine gewisse Mitschuld trifft. Immerhin ist es Helmut, der sie mitnimmt zu einem Fackelzug der Nationalsozialisten. Es ist dort, dass sich die Mutter erkältet hat und an deren Folgen sie kurze Zeit später starb. In seiner Autobiografie schrieb er später, wie sehr ihn dieser Verlust schmerzte und er sich deswegen Vorwürfe machte. Wie er das frühe Ableben der Mutter verarbeitet hat, ist nicht überliefert; Beyer spekuliert, dass der Fußball half.

Der Durchbruch kam in den 1930ern, als er beim Dresdner SC zum Stammspieler und auch zum Nationalspieler reifte. Das lag zum einen am Talent des ‘Langen’ aber auch an den Trainern, die ihn begleiteten. Als junger Fußballer schaute er sich einiges bei Jimmy Hogan ab, dem legendären Trainerpionier aus Lancashire. Er war es, der den DSC zu einem erfolgreichen Verein machte. Er war nur vier Jahre in Dresden aber seine Arbeit wirkte lange nach. Die Früchte kamen erst in den Kriegsjahren als Dresden je zweimal Pokalsieger und Deutscher Meister wurde. Ebenso Otto Nerz und Sepp Herberger hatten Einfluss auf Schön und dessen Entwicklung. Vor allem Herberger, der dafür sorgte, dass ‘seine Nationalspieler’ nicht an die Front mussten. So auch Schön, der erst im Oktober 1944 als Grenadier eingezogen wurde. War Schön also ein Nutznießer des Nationalsozialismus? Beyer wertet nicht. Schön war nicht in der Partei, weder vor dem Krieg noch in der jungen DDR nach 1945. Obwohl die Nationalsozialisten ebenso auf einen Eintritt beharrten wie die SED, hatte Schön kein Parteibuch. Natürlich wäre es ein Leichtes, Schön damit als Sympathisanten der Nationalsozialisten darzustellen. Schöns Beharren auf der Trennung von Politik und Sport, spricht jedoch dagegen.

In der DDR sah sich Schön mit Problemen konfrontiert, die er irritiert wahrnahm, die ihn aber schlussendlich zur Abwanderung brachten. Man möchte sagen, glücklicherweise, denn ohne Schön in den Diensten des Saarländischen Fußballvervands und später des DFB wäre der deutsche Fußball ein ganz anderer geworden, wäre Fritz Walter Bundestrainer geworden, so wie es sich Herberger vorgestellt hatte. Dabei war Schön nicht politisch; seine Auswanderung hatte einzig und allein dem Fußball gegolten. Hinzu kam, dass er in der DDR nicht so arbeiten konnte, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern wie die Parteispitzen es vorgaben.

Ein überraschender Aspekt ist die Rolle Dettmar Cramers. Weithin als Fußballlehrer bekannt und geschätzt, spielte er als Assistent von Schön einen nahezu teuflischen Part. Nimmermüde machte er deutlich, wen er für den besseren Bundestrainer hielt: sich selbst nämlich. Das war nicht fein und setzte Schön logischerweise zu. Auch sein Verhältnis zu Herberger war ambivalent. Fachlich schätzten sich beide, menschlich war es eher schwierig. Dies lag an Herberger, der Schön als aufdringlich bezeichnete. Auch nach der Stabübergabe maßte sich Herberger an, die Aufstellung zu kommentieren und sich munter einzumischen. Dies führte zwangsläufig zu einem Streit mit Herberger, welches eigentlich keiner war. Vielmehr ging es dabei um die Abnabelung des Einen bzw. das Loslassen des Anderen. Es war logischerweise ein schwieriger Prozess, der sich hinzog am Ende aber einschlief bzw. einvernehmlich beigelegt wurde. Der Erfolg gab Schön Recht. Bis heute ist seine Bilanz unerreicht. Nur ein erneuter Weltmeistertitel 2018 würde Jogi Löw auf Platz 1 der ewigen Liste deutscher Bundstrainer hieven. Da eine Titelverteidigung erst zwei Mannschaften gelungen ist, dürfte klar sein, wie schwer dieses Unterfangen wird.

Bernd-M. Beyer hat eine sehr lesenswerte und sehr gute Biografie verfasst, die sicher ohne Zweifel als Standardwerk zu bezeichnen ist. War bisher vieles bekannt über den Trainer, bietet Beyers Werk einen hervorragenden Einblick in das Leben des Spielers und des Menschen Helmut Schön. Eine Leseempfehlung nicht nur für den Sommer.

Infos zum Buch
Bernd-M. Beyer: Helmut Schön. Eine Biografie. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2017.
ISBN: 978-3-7307-0316-8

Das Werk ist für €28 in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sonderausgabe: Rückblick auf die Drittliga-Saison 2016/2017

 

Nach dem Hinrundenrückblick im Januar haben wir erneut alle Podcasts der 3. Liga eingeladen, um diesmal die gesamte Saison 2016/2017 Revue passieren zu lassen. In den etwas mehr als 3 Stunden und 45 Minuten, die am Ende zusammengekommen sind, erfahrt Ihr, wie die Spielzeit aus Sicht der Beteiligten gelaufen ist, wo in den jeweiligen Mannschaften mit Blick auf 2017/2018 die größten Baustellen liegen und wer aus Sicht der teilnehmenden Podcasts die Spieler der Saison waren. Außerdem wollten wir wissen, welchem Film die just abgeschlossene Spielzeit aus den jeweiligen Vereinsperspektiven am nächsten käme, wäre sie ein Drehbuch gewesen. Und wir sprachen über die TV-Rechte in Liga 3, mögliche alternative Aufstiegsregelungen und die Leistungsunterschiede zwischen Regional-, 3. und 2. Liga. Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei den folgenden Gäste:

Moderiert haben die aktuelle Ausgabe Endreas (@EndreasMueller) und Christoph (@wagnerc23) aus der 120minuten-Redaktion.

Die Kapitelmarken für die aktuelle Ausgabe sind die folgenden:

00:06:24 Rückblick Regensburg
00:37:15 Rückblick Wehen Wiesbaden
01:18:07 Rückblick Magdeburg
01:52:02 Rückblick Rostock
02:42:04 Rückblick Kiel, Frankfurt und Paderborn

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Episode 7: “Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?”

 

In Folge 7 des 120minuten-Podcasts diskutieren wir darüber, ob und inwiefern der Deutsche Fußball-Bund die Meinungsfreiheit im Stadion beschränkt. Und weil das Thema kein so ganz einfaches ist, besprechen wir es diesmal in größerer Runde. Mit dabei sind: 120minuten-Kollege Lennart (@slaukopp), Autor unseres aktuellen Longreads zum Thema, Ralf vom großartigen Blog “der ballreiter”, Alex aus dem 120minuten-Team sowie der Jurist Dr. Jan F. Orth. Wir reden nicht nur über die Frage, inwiefern das Pöbeln eigentlich zur Fankultur gehört, sondern denken u.a. auch über die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und harter Beleidigung nach. Außerdem werfen wir einen kritischen Blick auf die Sanktionen des DFB und fragen uns, wer eigentlich dafür zuständig ist, wie sich Fußballfans im Stadion zu benehmen haben. Moderiert wird die Diskussion von 120minuten-Neuzugang Oliver Leiste.

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Buchbesprechung: Marco Fenske (Hrsg.) – Diese eine Sekunde

Dieses Buch ist eine Sammlung von 50 Interviews, die allesamt den deutschen Fußball mehr oder weniger direkt betreffen. Der Begriff Sekunde wird dabei sehr weit gefasst. Vielmehr geht es um entscheidende Momente und Situationen: Triumphe, Tragögien und herbe Rückschläge. Große Spieler und Trainer werden zu ihren größten Momenten und schwersten Stunden befragt. Das ist natürlich ein leichtes Unterfangen, denn die deutsche Fußballgeschichte liefert reichlich Stoff für große Momente. So kommen beispielsweise Protagonisten aus den vier siegreichen WM-Finals zu Wort: Horst Eckel, Uwe Seeler, Andreas Brehme und Christoph Kramer. Letzterer fällt hierbei aus der Reihe als dass er sich nach seinem Knock-out beim Schiedsrichter erkundigen musste, ob er denn tatsächlich im Finale spiele. Oliver Bierhoff über sein Tor bei der EM 1996, Andreas Brehme und Paul Breitner über ihre Elfmeter in den Endspielen 1974 respektive 1990.
Bei den Trainern ist der Ansatz ein anderer, hier werden mehrere Punkte beleuchtet. Ottmar Hitzfeld spricht über die Kraftanstrengung als Trainer nach der Niederlage gegen Manchester United 1999. Ganz anders dagegen Christoph Daum, dem trotz reinen Gewissens Kokainkonsum nachgewiesen werden konnte und somit die Karriere abrupt endete.
Bei den Momenten aus Europa- und DFB-Pokal handelt es sich um Spiele, die in letzter Minute gewonnen oder verloren wurden. Die Bundesligamomente sind dann eher zusammenfassende Darstellungen einer Spielzeit, was dann wiederum gar nichts mit einer Sekunde oder einem Moment zu tun hat.
Das letzte Kapitel hat dann mit Fußball nichts mehr zu tun. Hier kommen Monika Lierhaus, Lutz Pfannenstiel, Ronald Reng und Rudi Assauer zu Wort. Das ist der interessanteste Abschnitt, denn es geht hier um sehr schwere Situationen, im Fall von Ronald Reng sogar um den Verlust seines Freundes, Robert Enke.
Ein durchaus interessantes Werk, welches unterhält und spannende Momente aus Sicht der Protagonisten festhält. Ob es dazu allerdings ein großformatiges Buch braucht, ist fraglich.

Infos zum Buch
Das Buch “Diese eine Sekunde” wurde von Marco Fenske in Zusammenarbeit mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland GmbH herausgegeben und kostet €18,90.

Episode 6: “Der letzte Leitwolf” mit Sebastian Kahl

 

In Ausgabe 6 des 120minuten-Podcasts besucht uns Sebastian Kahl. Wir sprechen mit ihm über die Karriere von Michael Ballack und seine Longread-Trilogie zum “Capitano”. Der abschließende Teil (“Der letzte Leitwolf”) erschien im März 2017 bei uns auf 120minuten.net. Sebastian twittert als @maltacalcio und ist regelmäßig im “Yesteryear Football Podcast” zu hören.

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Buchbesprechung: Ronny Blaschke – Gesellschaftsspielchen

Dass der Fußball längst ein Milliardengeschäft ist, in dem es mitunter ziemlich, naja, eigentümlich zugeht, wissen wir nicht erst seit Football Leaks, Geschichten über den nächsten aberwitzigen TV-Gelder-Deal oder Debatten um neue Anstoßzeiten, um endlich auch den enorm wichtigen Markt in Nordsüdwestost-Lampukistan gewinnbringend erschließen zu können. Die Summen, die im Profifußball bewegt werden, sind vom gesunden Menschenverstand längst nicht mehr zu greifen, die Zugzwänge, die dadurch in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung offenbar entstehen, sowieso nicht. Gleichzeitig treten Verbände, Akteure und Vereine gern auch mal als brave Samariter auf, werden Stiftungen gegründet, Charity-Events veranstaltet und klar, auch Entwicklungshilfeprojekte realisiert. “Recht so!”, würde man denken, weil es bei den Gewinnen, die der Sport augenscheinlich abwirft, eigentlich ja ein Leichtes sein sollte, der Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben. Die Frage ist dabei allerdings auch immer so ein bisschen, wie ernst es die Protagonisten mit ihrem Engagement wirklich meinen. Steht immer der soziale Gedanke im Mittelpunkt, oder dient Projekt X, Stiftung Y oder Initiative Z nicht vielleicht doch nur, überspitzt ausgedrückt, als Feigenblatt einer hochkorrupten Funktionärs- und Privilegierten-Elite?

Dem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Engagement im Fußball und potentiell heuchlerischen Maßnahmen, die eventuell ganz anderen Zwecken dienen, widmet sich Ronny Blaschke in seinem aktuellen Werk “Gesellschaftsspielchen”, das 2016 im Verlag Die Werkstatt aus Göttingen erschienen ist. In dem hervorragend recherchierten Buch gibt Blaschke in 18 Kapiteln, die auch gut für sich allein gelesen werden können, spannende und mitunter auch verstörende Einblicke in höchst unterschiedliche Aspekte des Themas. Liest man “Gesellschaftsspielchen” in einem Stück, fällt zunächst erst einmal die abwechslungsreiche Gestaltung auf: mal wird ein Ehrenamtlicher portraitiert, dann ein Projekt vorgestellt, ein Interview eingestreut, eine Stiftung kritisch hinterfragt oder eine Recherchereise dokumentiert. Ebenfalls auffällig: die Verknüpfung inhaltlicher Aspekte mit Hintergründen zu den Arbeiten am Buch selbst, aus denen man dann beispielsweise auch erfährt, wann Personen und Instanzen auf Interviewanfragen eben nicht reagiert haben. So erhält man nicht nur einen hintergründigen Einblick ins Thema, sondern auch in die Art und Weise, wie die “Gesellschaftsspielchen” im Profifußballgeschäft mitunter gespielt werden.

Auch wenn die einzelnen Kapitel notwendigerweise nur eine Auswahl möglicher Aspekte des Themas “gesellschaftliches Engagement im Fußball” darstellen können, wirken die Ausführungen ausgewogen. So wirft Blaschke beispielsweise einen kritischen Blick auf die widersprüchliche Gesellschaftspolitik des DFB oder die Medien als Katalysator und (Nicht-)Meinungsmacher in der Profi-Glitzerwelt, würdigt aber auch erfolgreiche Initiativen wie “Discover Football” oder “Champions ohne Grenzen”, blickt auf die gesellschaftlichen Aktivitäten von Bundesliga-Clubs wie Werder Bremen oder Mainz 05 und lässt politische (z.B. Claudia Roth), sportliche (z.B. Per Mertesacker) oder auf Funktionärsebene aktive Akteure (z.B. Reinhard Rauball) zu Wort kommen. Allgemeinplätze und glatt geschliffene 0815-Aussagen haben bei Blaschke keinen Platz, so werden Interviewpartner gern auch mal um konkrete Beispiele für allzu blumige Phrasen oder Ausführungen gebeten.

“Gesellschaftsspielchen” ist ein in allen Belangen wichtiges Buch. Es richtet sich an die über den reinen Fußballkonsum hinaus denkende, interessierte, kritische  Öffentlichkeit ebenso wie an Vereinsverantwortliche aller sportlichen Ebenen, Journalistinnen und Journalisten, ehren- oder hauptamtlich Engagierte und alle, die es vielleicht werden wollen. Darüber hinaus sei die Lektüre auch und besonders denjenigen ans Herz gelegt, die im Namen des Fußballs (sport)politische Entscheidungen treffen, sei es in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main oder anderswo.

Infos zum Buch
Ronny Blaschke: Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2016.
ISBN: 978-3-7307-0254-3.

Das Werk ist für 16,90 Euro in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich.
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.