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United ist tot – Es lebe United?!

Dieser Beitrag ist ein Versuch, herauszufinden, was den FC United of Manchester ausmacht, was seine Fans und Anhänger denken und fühlen. Zehn Jahre nach der Vereinsgründung ist vieles nicht so einfach, wie es scheint. Noch immer nicht.

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Annäherung

Was schreibt man über einen Club, einen Fußballclub, den man selber nie besucht hat, von dem man kein Spiel im Stadion, kein Spiel im Fernsehen gesehen hat? Einen Club, der eigentlich nichts Besonderes ist – schließlich gibt es Vereinsneugründungen jedes Jahr zu Beginn einer jeden neuen Fußballsaison. Noch dazu einen Club, der von den Fans gegründet und gelenkt wird; das ist kein Alleinstellungsmerkmal für den FC United. Schon seit 2002 ist der AFC Wimbledon ein Aushängeschild für Vereine, die von Fans neugegründet wurden. Sei es aus Protest, sei es aus Trotz.(1)  Weiterlesen

Durch die Kreisligen Europas

Im letzten Sommer hat mein Sohn (5) den Fußball für sich entdeckt. Das Halbfinale Brasilien gegen Deutschland wurde in den darauffolgenden Wochen wieder und wieder nachgestellt, wobei mein Sohn logischerweise Deutschland war und mir die Rolle Brasiliens zugeteilt wurde. Das hat verdammt Spaß gemacht. Es hat mich nebenbei auch an meine Karriere als Spieler auf der lokalen Fußballbühne erinnert. Dabei spielten Niederlagen selbstverständlich eine nicht unerhebliche Rolle und sind doch so nebensächlich.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Frank Willmann – Kassiber aus der Gummizelle

Frank Willmann dürfte den meisten als Kolumnist für den Berliner Tagesspiegel ein Begriff sein. Woche für Woche schreibt er 9783730701690_coverüber den Fußball, wie er ihn sieht und versteht oder ihn gern hätte. Eine Sammlung dieser Kolumnen ist jetzt im Werkstatt-Verlag unter dem Titel ‘Kassiber aus der Gummizelle’ erschienen. In 41 Kapiteln auf knapp 160 Seiten schreibt, greint und meckert Willmann über den Fußball.
Dabei nimmt er uns mit auf eine Tour vom Balkan über Brasilien, Essen, Jena, Dresden bis nach Brandenburg, Berlin und Lebus im Oderbruch. Zwischendurch gibt es biografisches aus seiner eigenen Karriere, die wohl die meisten Amateurfußballer nachvollziehen können. Oder Kommentare zum FC Bayern München, den Willmann einfach nicht leiden kann. Interessanterweise sieht er in RB Leipzig den einzigen dauerhaften Konkurrenten zu den Bayern. Eben weil diese das Geld haben, zwar kein Festgeldkonto wie der bayrische Behemoth aber immerhin doch soviel, dass sie als einzig wahrer Gegenpart für die Bayern herhalten müssen. Interessant ist beispielsweise auch das Gedankenspiel, dass sich im Jahre 2063 ein alternativer Fußballerverband gegründet hat, dessen Liga weitaus spannender und lebhafter ist als die des DFB. Dessen Vereine haben keine 1000 Zuschauer, weil die Tickets eh unerschwinglich sind und somit auch kein Bedarf an großen Stadien besteht (Kapitel 30).
Seine Liebe zu Jena ist eine schmerzvolle, weil der Club zwar die Nummer 1 in Thüringen, von der 1. Liga aber meilenweit entfernt ist. Schuld daran ist nicht der belgische Großinvestor, sondern die Versäumnisse der letzten Jahre; ein nur allzu bekannter Handlungsstrang in der Geschichte des Fußballs in der ehemaligen DDR. Der Vergleich mit dem BFC wird bemüht, um zu zeigen wie ein einst unbeliebter Club das Image komplett wandeln und somit quasi neu anfangen kann. Eigenartigerweise ist der 1.FC Magdeburg der nach Jena wohl am häufigsten erwähnte Club im Buche, was des Autoren Herz höher schlagen lässt. Beim Versuch, die Seele von Dynamo Dresden zu erklären, stimmt Willmann allerdings etwas zu leicht und schnell in den Kanon anderer Kommentatoren ein und fokussiert sich zu stark auf die Vergangenheit und das derzeitige durchaus bestehende Gewaltproblem in der Dresdner Anhängerschaft.
Die stärkste Geschichte kommt gleich zu Beginn. Eine Reise mit 4 Groundhoppern nach Belgrad zum Večiti Derbi, dem ewigen Derby zwischen FK Partizan und SD Crvena Zvezda (Roter Stern). Nebenbei wird noch das Lokalderby von Sarajevo mitgenommen. Man erfährt so einiges: über den Balkan, über das Leben als Groundhopper und über die Fans beider Belgrader Clubs, welches als gespannt durchaus positive beschrieben ist Am Ende des Spiels steht eine Strafe durch die UEFA für beide Belgrader Clubs. Warum diese, die stärkste dieser 41 Geschichten, allerdings gleich am Anfang des Buches steht und somit sehr früh schon einen Höhepunkt setzt, bleibt dem Verlag und dem Autoren überlassen zu erklären. Ebenso schließt das Buch mit einem kurzen Kommentar zum Spiel Serbien – Albanien im Herbst 2014, welches aufgrund einer Drohnenlandung abgebrochen werden musste.
Man behauptet ja immer, Journalismus solle unvoreingenommen sein. Diese Annahme wird in diesem kleinen, feinen Band gepflegt ignoriert und in die Ecke gestellt; Frank Willmann hat zu allem und jedem was zu sagen und eine Meinung. Und diese tut er auch in gewohnter Weise kund, direkt und ohne Umschweife. Alle Kolumnen vereint die Liebe zum Spiel, egal wo man es erlebt: im Stadion, auf der Fanmeile, in der Kneipe: es verbindet die Menschen. Das ist dann doch ein Trost, den Willmann uns spendet, trotz dem vorangegangenen Gemecker.

Autor: Christoph Wagner

Frank Willmann: Kassiber aus der Gummizelle. Geschichten vom Fußball. Göttingen: Verlag die Werkstatt, 2015. Das Buch ist erhältlich beim Verlag direkt.

Frank Willmann hat eine wöchentliche Kolumne zum Fußball im Berliner Tagesspiegel. Dort ist auch das Vorwort von Markus Hesselmann zu finden.

Fußballtexte in Langform

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Der Keim einer Idee

Patricia Highsmith schreibt, dass so ziemlich jede noch so kleine und unscheinbare Begebenheit, jedes Missgeschick oder Zufall den Keim einer Idee für eine Geschichte liefern könnte. In ihrem Falle als Krimiautorin bietet sie mehrere Beispiele für ihre Bücher an. Für mich entstand der Keim einer Idee etwa im Dezember des vergangenen Jahres als ich an einer Diskussionsrunde des Football Scholars Forum teilnahm. Gast war Jonathan Wilson, Autor solch großartiger Werke wie Inverting the Pyramide oder The Anatomy of England sowie Herausgeber des hervorragenden Magazins The Blizzard. Wilson sprach über die Einengung durch traditionelle Medien wie Zeitungen oder Magazinen, die sehr strikte Rahmenrichtlinien vorgeben für Texte. Natürlich haben diese Beschränkungen ihre Berechtigung, muss man doch neben den Standardkolumnen und Seiten, genügend Platz geben für Reporte und Recherchen. Werbung braucht natürlich auch ihren Platz. Online ist natürlich mehr möglich. Wilson sprach jedoch von seinem Wunsch, sich ebenfalls zu eher selten angesprochenen Themen äußern zu können, ohne dabei auf Wort- oder Zeilenzahl achten zu müssen. Das tut er auch im Blizzard sehr regelmäßig. Seine Texte drehen sich nahezu ausschließlich um Afrika oder den Fußball auf dem Balkan und sind lang. Seitdem dreht sich bei mir im Kopf die Frage: Funktioniert das auch in Deutschland? Würde so ein ähnliches Magazin oder auch nur ein Blog mit langen Fußballtexten, geschrieben auf deutsch, funktionieren? Wie sollte so etwas aussehen?  Das Beispiel OstDerby schreckt doch etwas ab. Braucht es so etwas in der deutschen Bloggosphäre? Sind Linksammlungen wie der Newsletter von Fokus Fußball ausreichend? Ist die Presseschau des Indirekten Freistoßes ergiebig? Für tagesaktuelle Informationen mag das sicher zutreffen. Wo aber gibt es einen Raum, sich mal zu einem Thema ausgiebigst auszulassen? Und sei es nur ein Essay zu einem Verein, einem Spieler, den vorher niemand entdeckt hat und über den wahrscheinlich danach auch so schnell nicht wieder berichtet werden wird. Dazu kamen ganz schnell weitere Fragen. Könnte man das allein stemmen? Vollzeit? Oder weiterer unbezahlter Nebenjob?  Weiterlesen