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Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft

Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn in den vergangenen drei Jahren Leyton Orient hingelegt hat. 2014 war man mit einem Bein schon in Englands zweiter Liga, der Championship. Drei Jahre später stieg der Club aus der 4. Liga ab und ist somit erstmals seit 112 Jahren nicht mehr der Teil der Football League, sprich Mitglied einer der vier obersten Ligen im englischen Fußball. Wie konnte es dazu kommen? Was ist passiert?

Autoren: Oliver Leiste und Christoph Wagner (120minuten.net)

Ein Fußballfeld in der Sonne, dahinter eine Tribüne mit dem Schriftzug Orient

Leyton Orient hat in den vergangenen Jahren einen dramatischen Absturz hingelegt.

London im Juni 2017: An einem sonnigen und ungewöhnlich warmen Tag ist der Treffpunkt die U-Bahn-Haltestelle Leyton. Dort wartet der 69-jährige Universitätsprofessor Dilwyn Porter und will uns seinen Fußballclub vorstellen: Leyton Orient. Nur wenige Gehminuten von der Haltestelle entfernt liegt, versteckt zwischen Wohnhäusern, das Matchroom Stadium – die Heimat der “O”s. So wird der Verein von seinen Fans genannt.

Am Stadion angekommen ist alles ruhig, fast schon gespenstisch. Logisch, es ist schließlich Sommerpause. Doch die Ruhe passt so gar nicht zur Situation des Vereins. Schließlich erlebt der kleine Club aus dem Osten Londons in jenen Tagen im Juni die wahrscheinlich gefährlichste Phase seiner Geschichte. Ein paar Wochen vorher wurde der Abstieg in die National League besiegelt. Erstmals seit 1905 gehört Leyton Orient damit nicht mehr zur Football League, dem vier Klassen umfassenden Profisystem des englischen Fußballs. Wenige Tage vor unserem Treffen war die Situation besonders heikel. Schließlich drohte dem Club aufgrund seiner Schulden die Auflösung. Die ausstehenden Zahlungen wurden von Besitzer Francesco Becchetti vor dem entscheidenden Gerichtstermin beglichen, die Zukunft der “O”s war danach jedoch ungewisser denn je. Becchetti hatte sich zuvor monatelang nicht im Stadion sehen lassen. Und als wir das Stadion besichtigten, konnte noch niemand abschätzen, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Ob es überhaupt weiter geht. In einer Phase, in der andere Vereine allmählich in die Vorbereitung starten, hatte Leyton Orient kaum mehr als eine handvoll Nachwuchsspieler unter Vertrag. Einen Trainer oder einen Sportdirektor gab es nicht. Selbst Geld, um die kleinen Traktoren zum Rasenmähen zu betanken, war nicht da. Tottenham Hotspur und Crystal Palace, zu denen der LOFC ein gutes Verhältnis pflegt, halfen mit ein paar Handrasenmähern aus.

Es ist noch gar nicht lange her, das stand Leyton Orient mit einem Bein in der Championship, Englands zweiter Liga. 2014 war das. Im Play-Off-Finale gegen Rotherham ging es ins Elfmeterschießen. Dort bewahrheitete sich einmal mehr eine der Grundregeln des Fanseins bei Orient: “Don’t follow Orient, they’ll break your heart.”

Auch in diesem Finale brachen die “O”s ihren Fans das Herz. Von fünf Versuchen traf Orient nur dreimal, Rotherham machte vier rein. Aus war der Traum von der 2. Liga. Doch viel schlimmer: Mit dem geplatzten Aufstieg begann der tiefe Fall des Vereins. Daran hatte der Italiener Francesco Becchetti, der den Club 2014 übernahm, sicher erheblichen Anteil. Für den Niedergang gibt es jedoch noch weitere Gründe, wie im Folgenden gezeigt wird. Um das Ausmaß des Absturzes zu verstehen, lohnt sich jedoch zunächst ein Blick in die Geschichte von Leyton Orient.

Historische Eckpfeiler

Gegründet wurde der Club von Mitgliedern des Glyn Cricket Clubs im Jahre 1881. Viele dieser Mitglieder waren einst Schüler am Homerton College im Londoner Bezirk Hackney. Der Tradition folgend findet auch heute noch alljährlich ein Spiel zwischen dem Leyton Orient Supporters Trust (LOST) und einer Mannschaft des Homerton College, das inzwischen in Cambridge angesiedelt ist, statt. Der Club erlebte eine Reihe von Namensänderungen. So hieß man zuerst Eagle Cricket (1886) und nur zwei Jahre später Orient Football Club.

Laut Clubhistoriker Neilson N. Kaufman geht der Name auf einen Mitarbeiter der P&O Peninsula & Orient Shipping Company zurück, der darauf drängte, Orient in den Namen aufzunehmen. Erst als man nach Leyton umzog, wurde aus Orient der Leyton Orient Football Club. Hier hat der Club nun seine Heimstatt gefunden und trägt seit 1937 seine Spiele im Matchroom Stadium in der Brisbane Road aus. Doch obwohl der Club sehr klein ist, sorgte er bisweilen für große Schlagzeilen. Am 30. April 1921 schrieb der Verein Geschichte, als kein Geringerer als der Prince of Wales – der zukünftige König Edward VIII. – dem Club einen Heimspielbesuch abstattete. Gegner Notts County wurde mit einer 0:3-Niederlage nach Hause in die Midlands geschickt. Es war das erste Mal, dass ein Mitglied der königlichen Familie einem Fußballspiel beiwohnte. Heute erinnert eine Gedenktafel am Clapton Stadium – auch bekannt als Millfields Road – an diesen Tag.

Im für England so wichtigen Jahr 1966 benannte man sich erneut um: aus Leyton Orient wurde, nachdem der Bezirk Leyton im größeren Bezirk Walthamstow aufging, Orient. In seiner Geschichte erlebte der Verein einige finanzielle Krisen, sportliche Höhepunkte waren dagegen selten. So war Orient genau eine Saison lang erstklassig: 1962/63. Mit einem Punktekonto von 21:63 wurde man abgeschlagen Letzter. Zumindest konnte man sich jedoch brüsten, den Lokalrivalen West Ham auf dessen Platz geschlagen zu haben. Danach ging es munter hoch und runter zwischen der vierten und der zweiten Liga im englischen Ligasystem, doch die Zuschauer kamen oft zu Zehntausenden. Die größten Erfolge gab es im FA-Cup: ein 3:2-Erfolg über Chelsea, nachdem diese bereits 2:0 führten und ein Halbfinale gegen Arsenal 1978 sind die herausragenden Ereignisse im Pokal. 1976/77 wurde man Zweiter im  Anglo-Scottish Cup.

Seit 1987 ist Leyton Orient Football Club wieder der offizielle Name. Die Auswirkungen der Kolonialgeschichte Großbritanniens führten 1994 erneut zu finanziellen Problemen Der Vereinsvorsitzende Tony Wood verlor sein Unternehmen durch den Bürgerkrieg in Ruanda und stand dem Verein nicht mehr zur Verfügung. Der Londoner Unternehmer und Sportpromoter Barry Hearn sprang ein und es folgte eine Zeit der relativen Stabilität in Liga drei und vier. 1999 und 2001 vergeigte Orient das Playoff Finale in der League Two, der vierten Liga. Erst 2005 gelang der Aufstieg in die League One, also Liga 3. Dort hielt sich der Verein bis 2015. Ein Jahr zuvor misslang der Aufstieg in die Championship und anschließend übernahm mit Becchetti der wahrscheinlich unfähigste Eigentümer der Clubgeschichte das Kommando. Der Einstieg des italienischen Geschäftsmanns sollte zu einem Schlüsselerlebnis für den Club werden.

Das Logo des Clubs Leyton Orient mit zwei Drachen.

Die Zukunft von Leyton Orient war im Sommer lange ungewiss.

2014-2017: Lange Krise und dramatische Wochen im Juni

Krise ist im Fußball ein häufig verwendetes Wort, das oft schon nach einer Serie von drei oder vier nicht gewonnenen Spielen bemüht wird. Bei Orient war die Negativentwicklung deutlich langwieriger. Seit dem Sommer 2014 gab es nahezu keine Woche, in der nicht negativ über den Club berichtet wurde. Das lag natürlich auch am sportlichen Verfall, vor allem aber an Clubbesitzer Becchetti. Das Playoff-Finale 2014 war der Höhepunkt der Mannschaft, die seit 2010 von Russell Slade trainiert wurde. Eine Chance, das Ergebnis zu verbessern, bekam er nicht. Am 24. September 2014 wurde er entlassen. Allein bis Weihnachten versuchten sich drei weitere Trainer im Matchroom Stadium. So begann der Abwärtsstrudel, der Orient langsam nach unten zog.

Francesco Becchetti ist ein Bau- und Abfallunternehmer, der zudem auch einen Fernsehkanal in Albanien unterhielt. Dieser wurde im Oktober 2015 eingestellt, nachdem die laufenden Kosten nicht gedeckt wurden. Zudem beantragte die albanische Staatsanwaltschaft einen Auslieferungsantrag, weil Becchetti Betrug vorgeworfen wurde. Kurz darauf folgte ein öffentlicher Ausraster, als er dem Cheftrainer Andy Hessenthaler nach dem Abpfiff eines Ligaspiels in den Hintern trat und dabei gefilmt wurde. Die Szene ist auch auf YouTube zu sehen. Becchetti gab später zu, sich unverhältnismäßig aufgeführt zu haben, was die Football Association (The FA) jedoch nicht davon abhielt, ihn für sechs Spiele zu sperren und eine Geldstrafe von 40.000 Pfund zu verhängen.

Personen, die Fußballclubs in England übernehmen wollen, müssen nachweisen, dass sie bestimmte Voraussetzungen und Eignungen mitbringen. Dazu gibt es den “fit and proper persons test”, der 2004 im Fußball eingeführt wurde und seither für Personen, die sich um Managementpositionen im Fußball in den obersten fünf englischen Ligen sowie der Conference und der schottischen Premier League bewerben, Pflicht ist. Um einen Club zu besitzen, ist es Voraussetzung, dass

  • der Eigentümer keine Anteile an anderen Vereinen hält, bzw. Einfluss auf einen anderen Club ausübt,
  • der Gesetzgeber die Ausübung der Rolle als Direktor eines Vereins nicht verbietet,
  • die Person sich nicht in einem Insolvenzverfahren befindet,
  • die Vereine, welche die Person/Personen vorher führte/n, während dieser Zeit nicht durch Insolvenzverfahren gegangen sind.

Für die Premier League gelten strengere Regeln. So muss ein Club jede Person nennen, die 10% oder mehr der Vereinsanteile hält. Die Football League sieht diesen Passus nicht vor. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass es keinen Passus gibt, der sich zu etwaigen kriminellen Vorbelastungen äußert. Die britische Anwaltskanzlei SpringLaw hat sich dazu in einem kurzen Text geäußert. So wurde der italienische Geschäftsmann Massimo Cellino nicht als Eigentümer von Leeds United zugelassen, weil er in Italien wegen Betrugs vorbestraft war. Der britische Journalist David Conn sieht noch ein weiteres Problem mit diesem Test. Er argumentiert, dass die Pläne und Ziele, die ein Investor oder neuer Eigentümer haben könnte, nicht genau hinterfragt werden. Ebenso wird auch nicht geprüft, ob der zukünftige Eigentümer auch wirklich die finanziellen Mittel hat, um den Club nicht nur zu erwerben, sondern auch die laufenden Kosten decken zu können. Es gab einige Fälle, in denen die Übernahme eines Clubs abgelehnt wurde, weil der potenzielle Investor die Kriterien nicht erfüllte.

Im Fall von Orient und Becchetti hat der “fit and proper person test” versagt. Die Übernahme wurde damals durchgewunken, was heute als Fehlentscheidung gesehen werden muss. Denn auch wenn ein Fußballverein ein Wirtschaftsunternehmen ist, unterliegt er doch anderen Regeln als die Firmen, in denen Becchetti bis dato involviert war. Auf dem Papier war Becchetti eine geeignete Person, um einen Club zu führen. Die Entwicklung von Leyton Orient bewies das Gegenteil.

Sportlich entpuppte sich der Eigentümer schnell als ziemlich inkompetent. Sein Vorgänger war der Sportpromoter Barry Hearn, der in den achtziger Jahren erfolgreich wirkte und der es schaffte, den Club über einen langen Zeitraum zu stabilisieren. Glaubt man verschiedenen Beobachtern, verfügte Becchetti dagegen über keine nennenswerten Kenntnisse des Clubs, der Liga oder des englischen Fußballs insgesamt. Auch fehlte es ihm an Kontakten im Mutterland des Fußballs. Wichtige Positionen im Verein besetzte er mit Vertrauten und Gefolgsleuten, Widerstand gegen sein Gebahren gab es deshalb kaum. Für Becchetti war es selbstverständlich, sich in Belange der Mannschaft einzumischen. Ein Umstand, der es den Trainern auf dem “heißesten Stuhl Englands” – so nannten Medien die oft vakante Position – nicht leichter machte. Insgesamt dreizehn Trainerwechsel in drei Jahren sprechen eine deutliche Sprache.

Durch sein Verhalten geriet der Verein mächtig in Schieflage. Im Frühjahr gab es eine Abwicklungsandrohung vom Finanzamt. Insgesamt waren mehr als 250.000 Pfund an Steuern zu zahlen. Hinzu kamen 5,5 Millionen Pfund Schulden. Becchetti bekam schließlich noch etwas mehr Zeit um die Schulden zu begleichen. Im Juni sollte dann die endgültige Entscheidung fallen. Der Italiener war ein Mysterium, der nur selten direkt mit der Öffentlichkeit kommunizierte. In den vergangenen Monaten sprach er fast ausschließlich über einen seiner Mittelsmänner. Die Fans sahen dem Treiben des Inhabers lange tatenlos zu. Erst im Frühjahr, als die Zukunft von Leyton Orient akut gefährdet war, formierte sich Widerstand. Dieser äußerte sich unter anderem in einem Platzsturm beim Spiel gegen Colchester Ende April. Die Fans auf dem Feld äußerten mit Transparenten und Sprechchören ihren Unmut. Das Spiel wurde daraufhin in 85. Minute scheinbar abgebrochen, zwei Stunden später unter Ausschluss der Öffentlichkeit aber doch beendet.

Am 12. Juni stand dann die entscheidende Gerichtsverhandlung an. Während Becchetti sich auch diesmal nicht sehen ließ, strömten die Fans in großer Zahl in den Verhandlungssaal und auf den Vorplatz. Dort gab es dann die erlösende Nachricht. Der Besitzer hatte die Schulden beglichen, die angedrohte Liquidation des Vereins wurde nicht vollzogen. Doch überstanden war die kritische Phase damit noch nicht. Denn anschließend begann die Zeit, in der niemand wusste, was die Gerichtsentscheidung tatsächlich wert war. Der Club schwebte tagelang zwischen tot und lebendig. Fans wie Dilwyn Porter wussten nicht, wer eigentlich gerade verantwortlich war. Auch Roy Cliffdon vom Supporters Club konnte nicht helfen. Der Supporters Club betreibt unterhalb der Haupttribüne einen Pub, ist Anlaufpunkt für Fans und sammelt Geld, was dem Verein zur Verfügung gestellt wird. Durch die Nähe zum Stadion und den Vereinsmitarbeitern sind Leute wie Cliffdon normalerweise besonders gut über die Vorgänge im Verein informiert. Doch diesmal war auch er völlig ahnungslos. Die Situation war ähnlich chaotisch wie bei 1860 München nach dem Abstieg aus der zweiten Liga. Zwischendurch gab es auch Überlegungen des Leyton Orient Fans’ Trust (LOFT) – ein weiteres Fanbündnis neben dem Supporters Club, dass sich deutlich mehr in die Vereinspolitik einmischen will – in in der untersten Liga neu zu beginnen. Dazu kam es letztendlich nicht, denn zwei Wochen nach der Verhandlung gab es die erlösende Nachricht. Becchetti hatte den Verein verkauft – und die neuen Besitzer lassen auf eine bessere Zukunft hoffen.

Eine Tafel am Stadion zeigt statt des nächsten Gegners ein leeres Feld.

Viele Fans befürchteten im Sommer, dass künftig keine Spiele mehr im Matchroom Stadium stattfinden werden.

Hoffnung für den Moment

Der neue Inhaber ist Nigel Travis, der den Club an der Spitze eines Konsortiums führen will. Sein Vermögen hat er unter anderem als Vorstandsvorsitzender von “Dunkin’ Donuts” gemacht hat. Geboren wurde er im Osten Londons und war deshalb schon als Kind ein Anhänger Orients. Bei seinem Antritt erklärte Travis, dass er künftig auch einen Fanvertreter im Vorstand installieren möchte. Beim LOFT sorgte diese Ankündigung für viel Vorfreude. Kurz nach der Übernahme wurde Martin Ling als Sportdirektor vorgestellt. Ling spielte früher selbst für Orient und war schon einmal Sportdirektor, als der Club 2006 den Aufstieg in die League One schaffte. Der neue Trainer Steve Davis hat eine Mannschaft zusammengestellt, die von Experten als vielversprechend eingeschätzt wird. Auch wenn nach den Wirrungen der jüngsten Vergangenheit von einer direkten Rückkehr in die League Two niemand etwas wissen will. Stattdessen ist von einer Mittelfeldplatzierung und Konsolidierung die Rede. Dass einige Spiele der “O”s in den ersten Saisonwochen live im Fernsehen gezeigt werden, zeigt jedoch, dass der Club eigentlich eine Nummer zu groß ist für seine jetzige Umgebung. Die Vorfreude bei den Fans jedenfalls ist riesig, es wurden deutlich mehr Dauerkarten verkauft als in den vergangenen Jahren. Auch Dilwyn Porter blickt optimistisch in nähere Zukunft.

Spannend ist jedoch ein Blick auf die langfristige Perspektive von Leyton Orient. Denn auch wenn der Niedergang durch Francesco Becchetti dramatisch beschleunigt wurde, gab es doch auch schon vorher Entwicklungen, die den Verein vor enorme Herausforderungen stellten. Diese sind, aller aktuellen Euphorie zum Trotz, nach wie vor aktuell. In London gibt es gleich fünf Premier-League-Teams. Arsenal und Tottenham spielen in relativer Nähe des Matchroom Stadiums, West Ham in direkter Nachbarschaft. Von der Leyton-Tube-Station sieht man das Olympiastadion, in dem die “Hammers” ihre Heimspiele austragen. Die großen Clubs bekommen medial deutlich mehr Aufmerksamkeit. Für Orient ist dann oft nur in den Randspalten Platz. Auch die Gelegenheitszuschauer in der Stadt werden im Zweifelsfall ein Erstligaspiel einer Partie in der vierten oder fünften Liga vorziehen. Von den Touristen ganz zu schweigen. Welchen Effekt der Umzug West Hams ins Olympiastadion hat, lässt sich nicht direkt beziffern. Einfacher ist es für Leyton Orient dadurch sicher nicht geworden.

Hinzu kommt, dass sich das Viertel verändert hat. Früher war der Osten Londons ein Arbeiterbezirk, der vornehmlich von weißen Engländern bewohnt wurde. Dilwyn Porter, Inhaber Nigel Travis oder Roy Cliffdon vom Supporters Club, alle um die 70 Jahre alt, verbrachten hier ihre Kindheit und Jugend. Sie repräsentieren eine Gruppe, die Leyton Orient seit vielen Jahrzehnten die Treue hält. Selbst wenn ihr Lebensmittelpunkt längst woanders liegt. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte das Viertel einen enormen wirtschaftlichen Abschwung, viele verließen Leyton. Erst mit Entscheidung, im benachbarten Stratford im Osten Londons die Olympischen Spiele auszurichten, begann die Modernisierung. Die Mieten und Hauspreise waren in Leyton lange Zeit sehr günstig, was zur Folge hatte, dass sich Menschen aus aller Welt dort ansiedelten. Mittlerweile sind zwei Drittel der Bewohner schwarz, asiatisch oder gehören zu einer ethnischen Minderheit. Mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Stadtteil sind unter 30. Durch Modernisierung und Gentrifizierung sind die Preise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aufgrund der Entwicklung wäre auch das Stadiongelände ein lukratives Grundstück für neue Wohnungsbauten.

An der Internationalität Leytons haben die höheren Preise wenig geändert. Wohl aber an der Bedeutung von Orient. Viele der insbesondere asiatischen Bewohner interessieren sich kaum für Fußball. Und schon gar nicht für eine Mannschaft aus einer unteren Spielklasse. Stattdessen steht Cricket bei ihnen hoch im Kurs.

Leyton Orient hatte in den vergangenen Jahren zwar meist recht ordentliche, vierstellige Zuschauerzahlen, lebte zuletzt aber vor allem von der Tradition. Von Leuten wie Porter, die schon immer hingegangen sind und die dann später ihre Familien mitgebracht haben. Doch diese Generation, der auch der neue Inhaber angehört, wird den Club nicht mehr ewig tragen können. Im Sommer ist Leyton Orient dem schnellen Tod von der Schippe gesprungen. Doch wenn der langsame Tod des Vereins verhindert werden soll, braucht der Club eine jüngere Fangeneration, die Verantwortung übernimmt. Und auch wenn sich das Viertel stark verändert, braucht der Verein gerade dort großen Rückhalt. Die gespenstische Ruhe aus dem Juni ist am Matchroom Stadium einer spürbaren Aufbruchsstimmung gewichen. Und vielleicht kann Leyton Orient die nutzen, um den Verein fit für die Zukunft und für die nächsten hundert Jahre im englischen Profifußball zu machen.

Zwei ältere Männer stehen vor einer TReppe in einem Stadion.

Dilwyn Porter (l.) und Roy Cliffcon können nun wieder hoffnungsvoller in die Zukunft schauen.

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Buchbesprechung: Helmut Schön – Eine Biografie

Nur selten bekommt man ein Buch zur Besprechung zugesandt, auf welches man sich freut und bei dem die Freude während des Lesens und nachher bleibt. Genau das ist Bernd M. Beyer mit seiner Biografie von Helmut Schön gelungen. Es wird alles beleuchtet: von früher Kindheit in Dresden bis zum Ende der Karriere als Nationaltrainer nach der WM 1978 in Argentinien. Dabei nutzt er sowohl private Aufzeichnungen Schöns, sowie seines Vorgängers im Amt des Bundestrainers, Sepp Herberger als auch Zeitungen und Magazine und zitiert aus TV-Interviews. Daraus entsteht ein sehr vielschichtiges Bild des Menschen, Spielers und Trainers Helmut Schön.

Helmut Schöns Leben lässt sich am besten mit der Vita des großen Historikers Fritz Stern (1926-2016) vergleichen, bzw. beschreiben: Fünf Deutschland und ein Leben. Genauso verhält es sich mit Helmut Schön. Geboren im Todeskampf des Deutschen Kaiserreichs, dem Ersten Weltkrieg, aufgewachsen in der Weimarer Republik und mit dem Fussball spielen begonnen zu einer Zeit als das Spiel in Deutschland an Popularität gewann. Während der Zeit des Nationalsozialismus kamen die ersten grossen Erfolge auch in der Nationalmannschaft und zwei Meisterschaften mit dem Dresdner SC 1943 und 1944. In der DDR war er Nationaltrainer, hatte Probleme mit der Parteiführung und verließ das Land. Danach war er Nationaltrainer des Saarlands und hätte um ein Haar seinem Mentor Sepp Herberger und der jungen Bundesrepublik das Wunder von Bern vermasselt; in der Qualifikation spielte die DFB-Auswahl gegen das Saarland. Schön war also Nationaltrainer aller Nachfolgestaaten des Dritten Reiches. Als Nachfolger von Herberger spielte die DFB-Nationalelf den besten und berauschendsten Fussball in der Nachkriegsgeschichte. Und war auch noch ziemlich erfolgreich dabei: WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974, Vize-Europameister 1976. Wohl kaum ein Trainer hat solch eine Liste an Erfolgen vorzuweisen. Es war ihm leider nicht vergönnt, 1996 den ersten Erfolg einer gesamtdeutschen Mannschaft bei einem Turnier zu erleben, er starb im Februar 1996 80-jährig. Dennoch, allein dieser kurze Abriss zeigt, dass eine umfassende Biografie zwingend notwendig ist und dass es bisher ein weißer Fleck in der einschlägigen Literatur war, der nun durch Bernd M. Beyers umfassende Biografie mit Leben und Farbe gefüllt wurde.

Es war der große Bruder Walter, der Helmut Schön zum Fußball brachte und wie so oft stand das Familienoberhaupt dem ablehnend gegenüber, die Mutter dagegen unterstützte ihn, sorgte sich aber um den Zustand der Schuhe. Der frühe Tod seiner Mutter trifft ihn hart, wohl auch weil ihn eine gewisse Mitschuld trifft. Immerhin ist es Helmut, der sie mitnimmt zu einem Fackelzug der Nationalsozialisten. Es ist dort, dass sich die Mutter erkältet hat und an deren Folgen sie kurze Zeit später starb. In seiner Autobiografie schrieb er später, wie sehr ihn dieser Verlust schmerzte und er sich deswegen Vorwürfe machte. Wie er das frühe Ableben der Mutter verarbeitet hat, ist nicht überliefert; Beyer spekuliert, dass der Fußball half.

Der Durchbruch kam in den 1930ern, als er beim Dresdner SC zum Stammspieler und auch zum Nationalspieler reifte. Das lag zum einen am Talent des ‘Langen’ aber auch an den Trainern, die ihn begleiteten. Als junger Fußballer schaute er sich einiges bei Jimmy Hogan ab, dem legendären Trainerpionier aus Lancashire. Er war es, der den DSC zu einem erfolgreichen Verein machte. Er war nur vier Jahre in Dresden aber seine Arbeit wirkte lange nach. Die Früchte kamen erst in den Kriegsjahren als Dresden je zweimal Pokalsieger und Deutscher Meister wurde. Ebenso Otto Nerz und Sepp Herberger hatten Einfluss auf Schön und dessen Entwicklung. Vor allem Herberger, der dafür sorgte, dass ‘seine Nationalspieler’ nicht an die Front mussten. So auch Schön, der erst im Oktober 1944 als Grenadier eingezogen wurde. War Schön also ein Nutznießer des Nationalsozialismus? Beyer wertet nicht. Schön war nicht in der Partei, weder vor dem Krieg noch in der jungen DDR nach 1945. Obwohl die Nationalsozialisten ebenso auf einen Eintritt beharrten wie die SED, hatte Schön kein Parteibuch. Natürlich wäre es ein Leichtes, Schön damit als Sympathisanten der Nationalsozialisten darzustellen. Schöns Beharren auf der Trennung von Politik und Sport, spricht jedoch dagegen.

In der DDR sah sich Schön mit Problemen konfrontiert, die er irritiert wahrnahm, die ihn aber schlussendlich zur Abwanderung brachten. Man möchte sagen, glücklicherweise, denn ohne Schön in den Diensten des Saarländischen Fußballvervands und später des DFB wäre der deutsche Fußball ein ganz anderer geworden, wäre Fritz Walter Bundestrainer geworden, so wie es sich Herberger vorgestellt hatte. Dabei war Schön nicht politisch; seine Auswanderung hatte einzig und allein dem Fußball gegolten. Hinzu kam, dass er in der DDR nicht so arbeiten konnte, wie er es sich vorgestellt hatte, sondern wie die Parteispitzen es vorgaben.

Ein überraschender Aspekt ist die Rolle Dettmar Cramers. Weithin als Fußballlehrer bekannt und geschätzt, spielte er als Assistent von Schön einen nahezu teuflischen Part. Nimmermüde machte er deutlich, wen er für den besseren Bundestrainer hielt: sich selbst nämlich. Das war nicht fein und setzte Schön logischerweise zu. Auch sein Verhältnis zu Herberger war ambivalent. Fachlich schätzten sich beide, menschlich war es eher schwierig. Dies lag an Herberger, der Schön als aufdringlich bezeichnete. Auch nach der Stabübergabe maßte sich Herberger an, die Aufstellung zu kommentieren und sich munter einzumischen. Dies führte zwangsläufig zu einem Streit mit Herberger, welches eigentlich keiner war. Vielmehr ging es dabei um die Abnabelung des Einen bzw. das Loslassen des Anderen. Es war logischerweise ein schwieriger Prozess, der sich hinzog am Ende aber einschlief bzw. einvernehmlich beigelegt wurde. Der Erfolg gab Schön Recht. Bis heute ist seine Bilanz unerreicht. Nur ein erneuter Weltmeistertitel 2018 würde Jogi Löw auf Platz 1 der ewigen Liste deutscher Bundstrainer hieven. Da eine Titelverteidigung erst zwei Mannschaften gelungen ist, dürfte klar sein, wie schwer dieses Unterfangen wird.

Bernd-M. Beyer hat eine sehr lesenswerte und sehr gute Biografie verfasst, die sicher ohne Zweifel als Standardwerk zu bezeichnen ist. War bisher vieles bekannt über den Trainer, bietet Beyers Werk einen hervorragenden Einblick in das Leben des Spielers und des Menschen Helmut Schön. Eine Leseempfehlung nicht nur für den Sommer.

Infos zum Buch
Bernd-M. Beyer: Helmut Schön. Eine Biografie. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2017.
ISBN: 978-3-7307-0316-8

Das Werk ist für €28 in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buchbesprechung: Marco Fenske (Hrsg.) – Diese eine Sekunde

Dieses Buch ist eine Sammlung von 50 Interviews, die allesamt den deutschen Fußball mehr oder weniger direkt betreffen. Der Begriff Sekunde wird dabei sehr weit gefasst. Vielmehr geht es um entscheidende Momente und Situationen: Triumphe, Tragögien und herbe Rückschläge. Große Spieler und Trainer werden zu ihren größten Momenten und schwersten Stunden befragt. Das ist natürlich ein leichtes Unterfangen, denn die deutsche Fußballgeschichte liefert reichlich Stoff für große Momente. So kommen beispielsweise Protagonisten aus den vier siegreichen WM-Finals zu Wort: Horst Eckel, Uwe Seeler, Andreas Brehme und Christoph Kramer. Letzterer fällt hierbei aus der Reihe als dass er sich nach seinem Knock-out beim Schiedsrichter erkundigen musste, ob er denn tatsächlich im Finale spiele. Oliver Bierhoff über sein Tor bei der EM 1996, Andreas Brehme und Paul Breitner über ihre Elfmeter in den Endspielen 1974 respektive 1990.
Bei den Trainern ist der Ansatz ein anderer, hier werden mehrere Punkte beleuchtet. Ottmar Hitzfeld spricht über die Kraftanstrengung als Trainer nach der Niederlage gegen Manchester United 1999. Ganz anders dagegen Christoph Daum, dem trotz reinen Gewissens Kokainkonsum nachgewiesen werden konnte und somit die Karriere abrupt endete.
Bei den Momenten aus Europa- und DFB-Pokal handelt es sich um Spiele, die in letzter Minute gewonnen oder verloren wurden. Die Bundesligamomente sind dann eher zusammenfassende Darstellungen einer Spielzeit, was dann wiederum gar nichts mit einer Sekunde oder einem Moment zu tun hat.
Das letzte Kapitel hat dann mit Fußball nichts mehr zu tun. Hier kommen Monika Lierhaus, Lutz Pfannenstiel, Ronald Reng und Rudi Assauer zu Wort. Das ist der interessanteste Abschnitt, denn es geht hier um sehr schwere Situationen, im Fall von Ronald Reng sogar um den Verlust seines Freundes, Robert Enke.
Ein durchaus interessantes Werk, welches unterhält und spannende Momente aus Sicht der Protagonisten festhält. Ob es dazu allerdings ein großformatiges Buch braucht, ist fraglich.

Infos zum Buch
Das Buch “Diese eine Sekunde” wurde von Marco Fenske in Zusammenarbeit mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland GmbH herausgegeben und kostet €18,90.

England – Deutschland: Eine Rivalität

England gegen Deutschland: man denkt sofort an Wembley 1966 oder an Turin 1990. Es werden Erinnerungen an einen Septemberabend in München 2001 oder an Bloemfontein 2010 wach. Es gibt aber auch Aspekte, die selten oder gar nicht betrachtet wurden.

Autor: Christoph Wagner, An Old International

Deutschland gegen England. Während diese Begegnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Säbelrasseln und Krieg nach sich zog, ist diese seit den 1950er Jahren ausschließlich mit Fußball verbunden. So sehr, dass viele bei dieser Spielansetzung von einem Klassiker sprechen. In der Tat haben einige Spiele das Zeug zum Klassiker und zur Legendenbildung. In England ist das schon geschehen: Keine Mannschaft wird mehr in den Fußballhimmel gelobt als jene, die 1966 den Weltmeistertitel im eigenen Land gewann. Dabei war die Mannschaft die 1970 im Viertelfinale an Deutschland scheiterte, weitaus besser und stärker als jene Helden von 1966. Das untermauert einmal mehr die These, dass nie die besten Mannschaften Turniere gewinnen, sondern die konstantesten.
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Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

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Pariser Euro-Notizen

Ein Turnier vor der Haustür

Autor: Christoph Wagner, anoldinternational.co.uk

Teil 1 unseres EM-Rückblicks von Alex, der sich an Fußball-Entzug versuchte, lest ihr hier.

Es ist Europameisterschaft und sie findet unmittelbar vor meiner Haustür statt. Die WM 2006 sah ich in England, was eine besondere Erfahrung war, weil die Engländer festgestellt haben, dass die Deutschen durchaus eine fröhliche Party organisieren können. Die Betonung hier liegt auf fröhlich; dass die Deutschen in der Regel gut im Organisieren sind, hat sich auch auf der Insel herumgesprochen. Nun also dieses Turnier in Frankreich. Unter durchaus besonderen Vorzeichen.

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Von der Kreisliga in die Nationalmannschaft

Vor einigen Monaten begann ich, meine Erfahrungen als Kreisligaspieler aufzuzeichnen und zu veröffentlichen. Teil 1 und 2 können hier und hier nachgelesen werden. Eigentlich sollte nun Teil 3 folgen, der die Zeit in Frankreich beleuchtet. Leider ist etwas dazwischen gekommen. Ich wurde in die Nationalmannschaft berufen. In die Autorennationalmannschaft. Wie es dazu kam, soll hier kurz umrissen werden.  Weiterlesen

Hoch-professionelle Fußball-Romantik – revisited

Liga 3 – ein Saisonrückblick

Vor dem Beginn der Drittligaspielzeit 2015/2016 gingen wir hier bei 120minuten der These auf den Grund, ob die 3. Liga interessanter und relevanter wäre denn je. Wir beleuchteten die dritthöchste deutsche Spielklasse hinsichtlich ihrer fußballerischen Qualität, schauten auf die wirtschaftliche Situation und ließen natürlich auch die Fan-Perspektive nicht zu kurz kommen. Inzwischen ist die letzte Minute gespielt, das letzte Tor geschossen und die letzte Entscheidung hinsichtlich des Aufstiegs in die 2. Bundesliga gefallen – Zeit also, Bilanz zu ziehen.

In unserer Retrospektive auf die 3. Liga 2015/2016 gibt Sebastian Kahl eine sportliche Einschätzung der Spielklasse ab; Endreas Müller interviewte sowohl Fedor Freytag, der “Drittliga-Urgestein” FC Rot-Weiß Erfurt die Daumen drückt als auch Eric Spannaus, dessen SG Dynamo Dresden die Liga souverän in Richtung 2. Bundesliga verließ. Alex Schnarr sprach mit Frank Rugullis, seines Zeichens Leiter des Online-Bereichs bei MDR Sachsen-Anhalt, über die 3. Liga aus Medien-Perspektive, während Christoph Wagner die Spielzeit und insbesondere das hervorragende Abschneiden des 1. FC Magdeburg aus dem fernen Paris verfolgte und zum Abschluss des Textes seine Eindrücke schildert. Ist die 3. Liga also der Ort hoch-professioneller Fußballromantik?

Autoren: Sebastian Kahl (yyfp.rocks), Endreas Müller (endreasmueller.blogspot.de), Christoph Wagner (anoldinternational.co.uk) und Alex Schnarr (nurderfcm.de)

Die 3. Liga als Zweieinhalbklassengesellschaft

Das Klassement der 3. Liga lässt sich heuer in zweieinhalb Gruppen einteilen: An der Spitze zog Dynamo Dresden einsame Kreise. Am dritten Spieltag übernahm die SGD die Tabellenführung und gab sie nicht mehr ab. Nebenbei brach die Mannschaft von Uwe Neuhaus den vereinsinternen Rekord für den besten Saisonstart, blieb die ersten zwölf Partien ungeschlagen. Dresden stellt zwei der treffsichersten Stürmer, den (auch historisch) besten Vorlagengeber und insgesamt die beste Offensive der Liga. Der Aufstieg schien bereits frühzeitig gebucht. Einzig vor Weihnachten durchlebten die Schwarz-Gelben eine Schwächephase (fünf Unentschieden in Folge), wirkten etwas überspielt. Vier Spieltage vor Schluss war die Rückkehr in die 2. Bundesliga auch rechnerisch durch.  Weiterlesen

Buchbesprechung und Verlosung: Imran Ayata – Ruhm und Ruin. Ein Roman in 11 Kapiteln.

Wir verlosen den Roman “Ruhm und Ruin” von Imran Ayata!

Der Verbrecherverlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar des Romans zur Verlosung bereitgestellt. Wie Ihr gewinnen könnt? Indem Ihr bis 28. Januar, 12 Uhr, über die unten eingebundene Box teilnehmt. Dann heißt es Daumen drücken. Zur Teilnahme genügt bereits ein Kommentar, Ihr könnt aber auch zusätzliche Lose verdienen. Was Ihr dafür tun müsst, erfahrt Ihr unten. Allen Teilnehmern wünschen wir viel Glück.

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Unsere Rezension zu “Ruhm und Ruin”

Das Thema ist derzeit in aller Munde: Migration und Flüchtlinge. Imran Ayatas Buch “Ruhm und Ruin”, welches im Verbrecher-Verlag erschienen ist, vereint zwei Themen, die Deutschland derzeit in Atem halten. Da ist zum Einen der Fußball, bei dem es zusehends klar wird, dass die WM 2006 nicht mit rechten Dingen nach Deutschland kam. Das Interview von Franz Beckenbauer in der Süddeutschen Zeitung im November ist ein guter Beleg für den Morast, in dem der DFB steckt. Und auch sonst liegt im Fußball einiges im Argen. Das Andere ist das Thema Migration. Jahrzehntelang wurde es totgeschwiegen beziehungsweise wurde so getan als ob das Thema nicht existierte, denn Migranten aus Jugoslawien, der Türkei, Griechenland, Makedonien waren keine Migranten, sondern Gastarbeiter. Die Problematik wurde linguistisch weggeschlossen, ehe sie in den 90ern und frühen Nullerjahren brachial zurückkam. Dabei war die alte Bundesrepublik sehr wohl ein Einwanderungsland, nur wollte es keiner wahr haben.

 

Dieses kleine Bändchen enthält 11 Kapitel, besitzt also Mannschaftsstärke, dreht sich dabei aber nur periphär um Fußball, sondern vielmehr um die Einbettung eines Fußballvereins in seine unmittelbare Umgebung. In jedem dieser 11 Abschnitte spricht eine andere Person über Fußball bzw. über die Beziehung zum eben jenem Kiezverein. Im Mittelpunkt steht dabei ein deutsch-türkischer Fußballer, Arda Toprak, der es schafft, vom Kiezclub zu einem Bundesligaverein zu wechseln und sogar in die Nähe der Nationalmannschaft rückt. Dann werfen ihn zwei Verletzungen zurück und die Laufbahn ist beendet. Dass seine Begabung ihn in seinem Kiez herausstellte, ist ihm bewusst:

“In unserer Hood träumten alle davon, entdeckt zu werden. Jeder wollte raus aus Elend und Mittelmaß … Mich traf es besser. Ich hatte das Ticket zum Glück gelöst.” (S.13)

In elf Kapiteln reden elf verschiedene Menschen über die Rolle des Vereins und ihre Sicht der Dinge auf den Club, das Schicksal Topraks, von dem vieles abhing, was ihm wiederum zu viel war und wie alles irgendwie zusammenhängt: Leben, Liebe, Fußball. Was passiert, wenn alles auf eine Karte, in diesem Fall auf die Karrierehoffnung des Sohnemanns, gesetzt wird, zeigt sich am Schicksal des Vaters, der sich als Manager in die totale Abhängigkeit seines Sohnes begibt und das größte Opfer bringt: er erleidet einen Zusammenbruch und muss ins Krankenhaus; aus Fikret Toprak wird Deli Fikret: der verrückte Fikret. In seinem Gespräch, eigentlich sind Selbstgespräche im Krankenhaus verboten, sagt er:

“Es sollte unseren Kindern anders ergehen. So haben Esra und ich uns das ausgemalt. Bei Allah, was ist daran falsch? Wir waren bereit, alles dafür zu tun, damit sie Erfolg haben. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert.” (S.29)

Da ist die Schwester, Yasemin, die gern die traditionellen Schubladen schließen möchte und ein eigenes Modelabel gründen möchte. Aber:

“Eine Frau, die Yasemin Toprak heißt, ist für andere Schubladen vorgesehen.”

Sie redet über Mode und Sex. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über die gescheiterten Modepläne. Sie hat die Nase voll und wer könnte es ihr verwehren? Hoffnung kommt auf für sie, als sie ein Angebot eines Praktikums in Paris erhält.

Das Schicksal der Familie ist aber nur eine Facette dieses gut geschriebenen Buches. Viel aufschlussreicher sind dagegen die Kapitel, in denen Vereinsmitglieder zu Wort kommen, also Vereinspräsidenten und solche, die es werden wollen, die Social-Media-Beauftragten, Trainer und anderen Leute, die alle irgendwie mit dem Verein zusammenhängen. Dabei kommt zutage, wie vielschichtig der Verein ist; längst sind nicht mehr nur türkischstämmige Spieler dabei und sogar ein Afrikaner mischt mit, genannt Türk Richard. Dieser mag keinen türkischen Tee, weil er so süß ist. Das Buch entlarvt den typischen deutschen Rassismus und so wird Kabul schon mal in die Türkei gelegt und ein Jugendtrainer des Kiezclubs wird Kollege Kebab genannt. Die Kurdenfrage ist problematisch und wird so gut es geht vermieden. Wenn aber jemand diese Frage in den Raum wirft auf einer Vereinssitzung – und das geschieht mit Regelmäßigkeit – ist schnell alles andere nebensächlich und Fußball sowieso. Wie für Türken ist es auch für afrikanisch-stämmige Deutsche schwierig oder gar unmöglich, als solche wahr genommen zu werden. So ergeht es Türk Richard, einem Lokalpolitiker, der im Vereinsvorstand sitzt, obwohl Fußball ihn “nicht sonderlich interessiert”. Er habe so viele Rollen bekleidet und alles dreht sich bei seinen Mitmenschen um die eine Frage:

“Warum tun sich die meisten damit schwer, dass ich Deutscher bin? Natürlich kenne ich die Antwort”. (S. 98)

Was dann folgt, ist eine Watsche an die Politik, die sich nur zu Wahlkampfzeiten blicken lässt, denn die meisten Mitglieder haben einen deutschen Pass und Pass = Wählerstimme.

Was ist ein Fußballverein? Eine Institution zur Identitätsbildung? Oder ein aus Ich-AGs bestehendes Gebilde? Genau diese Diskussion ist eines der zentralen Themen, die Komünist Yusuf, Türk Richard oder andere Vereinsmitglieder diskutieren. Hintergrund ist die Idee eines türkischen Geschäftsmannes, Şefik Aslan, den Verein als Präsident zu leiten und zu professionalisieren. Letzterer scheitert und die Tradition obsiegt. Verharrt der Fußball zu sehr im Überkommenen und wehrt sich gegen die Veränderung? Für Aslan ist es so und es kränkt ihn, dass er seine Ideen im Verein nicht wird umsetzen können. In wohl keinem anderen Bereich frönt man der Tradition so sehr in Deutschland wie im Fußball und dabei ist doch klar, dass Tradition erfunden ist.
Wie sehr der Volkssport Nr. 1 bereits wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist, tritt deutlich zutage in der Aussage des Schiedsrichters Herr Licht. Videobeweis? Da wurden die TV-Anstalten eher befragt als die Unparteiischen. Rassismus auf dem Platz? Nicht in Deutschland und die Polizei hat den Hitlergruß auch nicht gesehen, also keine Aufregung erzeugen. Bestechung? Suizidversuche eines Schiedsrichters? Morddrohungen? All das ist der wöchentliche Wahnsinn auf Deutschlands Plätzen, nur kümmert es keinen, wie es scheint. Irgendein großer Trainer postulierte einst, dass die Wahrheit auf dem Platze liege; nach Lektüre dieses Buches bleibt festzuhalten, dass dem nicht so ist.
Es bleibt “Türk Richard” überlassen, es auf den Punkt zu bringen, was den Verein ausmacht, für ihn und andere. Der Verein “ist eine hochpolitische Veranstaltung” sowie ein “Labor für Machtspiele”. Denn, “es geht um Fußball, es geht um unseren Alltag. Es geht um unser Leben”. Bill Shankly hätte seine Freude. Dieser Satz soll als Schlusspunkt dienen, denn er fasst es treffend zusammen, was dieses Buch und diesen Sport ausmacht.

NB: Der Roman basiert auf dem Theaterstück “Liga der Verdammten” welches 2013 im Berliner Ballhaus Naunynstraße aufgeführt wurde. Das Buch ist im Verbrecher-Verlag erschienen und kostet €19.-