Kategorie: a Alexander Schnarr

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR aufwachsen. Die im gleichen Viertel groß werden, sich aus dem Schutt des Krieges einen eigenen Fußballplatz an ihrer Straße bauen, dort die Spielansetzungen gegen die Teams aus den anderen Straßen an die Wände schreiben. Die schließlich als Klassenmannschaft 1954 den Titel des “Stadtmeisters der Magdeburger Schulen” erringen, um anschließend auf Bezirksebene erst im Finale zu unterliegen. Eine Handvoll Freunde, die nach der 8. Klasse geschlossen in einen Verein eintreten, dort die B-Jugend-Konkurrenz zwei Jahre lang nach Belieben dominieren und denen schließlich, als aus Jungen Männer werden, für eine Karriere im höherklassigen Fußball die damaligen Strukturen im Wege stehen. Einer dieser Jungs ist mein Vater. Das ist auch seine Geschichte.

Weiterlesen

Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

Weiterlesen

Die EM und ich

oder: Über die Sucht

Autor: Alexander Schnarr, nurderfcm.de

In Teil 2 unseres EM-Rückblicks beschreibt Christoph, der in Paris lebt, seine Eindrücke von der Euro vor der Haustür – seine Euro-Notizen könnt ihr hier lesen.

Mein Name ist Alex und ich bin ein Junkie. Ein Fußballjunkie. Und: Ich habe versagt. Gründlich, vollständig und auf ganzer Linie. Ein kritisches, alternatives EM-Tagebuch wollte ich schreiben. Dokumentieren, wie es sich im Schland-Wahn lebt, wenn man versucht, sich dem UEFA-Festival der Unmöglichkeiten, das auch “Fußball-Europameisterschaft 2016” heißt, vollständig zu verweigern. Die Zeit einfach sinnvoll nutzt, anstatt jeden verdammten Abend vor dem Fernseher zu sitzen und sich so illustre Paarungen wie Island-Ungarn anzuschauen. Und nein, ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob es diese Paarung überhaupt gab.

Weiterlesen

Hoch-professionelle Fußball-Romantik – revisited

Liga 3 – ein Saisonrückblick

Vor dem Beginn der Drittligaspielzeit 2015/2016 gingen wir hier bei 120minuten der These auf den Grund, ob die 3. Liga interessanter und relevanter wäre denn je. Wir beleuchteten die dritthöchste deutsche Spielklasse hinsichtlich ihrer fußballerischen Qualität, schauten auf die wirtschaftliche Situation und ließen natürlich auch die Fan-Perspektive nicht zu kurz kommen. Inzwischen ist die letzte Minute gespielt, das letzte Tor geschossen und die letzte Entscheidung hinsichtlich des Aufstiegs in die 2. Bundesliga gefallen – Zeit also, Bilanz zu ziehen.

In unserer Retrospektive auf die 3. Liga 2015/2016 gibt Sebastian Kahl eine sportliche Einschätzung der Spielklasse ab; Endreas Müller interviewte sowohl Fedor Freytag, der “Drittliga-Urgestein” FC Rot-Weiß Erfurt die Daumen drückt als auch Eric Spannaus, dessen SG Dynamo Dresden die Liga souverän in Richtung 2. Bundesliga verließ. Alex Schnarr sprach mit Frank Rugullis, seines Zeichens Leiter des Online-Bereichs bei MDR Sachsen-Anhalt, über die 3. Liga aus Medien-Perspektive, während Christoph Wagner die Spielzeit und insbesondere das hervorragende Abschneiden des 1. FC Magdeburg aus dem fernen Paris verfolgte und zum Abschluss des Textes seine Eindrücke schildert. Ist die 3. Liga also der Ort hoch-professioneller Fußballromantik?

Autoren: Sebastian Kahl (yyfp.rocks), Endreas Müller (endreasmueller.blogspot.de), Christoph Wagner (anoldinternational.co.uk) und Alex Schnarr (nurderfcm.de)

Die 3. Liga als Zweieinhalbklassengesellschaft

Das Klassement der 3. Liga lässt sich heuer in zweieinhalb Gruppen einteilen: An der Spitze zog Dynamo Dresden einsame Kreise. Am dritten Spieltag übernahm die SGD die Tabellenführung und gab sie nicht mehr ab. Nebenbei brach die Mannschaft von Uwe Neuhaus den vereinsinternen Rekord für den besten Saisonstart, blieb die ersten zwölf Partien ungeschlagen. Dresden stellt zwei der treffsichersten Stürmer, den (auch historisch) besten Vorlagengeber und insgesamt die beste Offensive der Liga. Der Aufstieg schien bereits frühzeitig gebucht. Einzig vor Weihnachten durchlebten die Schwarz-Gelben eine Schwächephase (fünf Unentschieden in Folge), wirkten etwas überspielt. Vier Spieltage vor Schluss war die Rückkehr in die 2. Bundesliga auch rechnerisch durch.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Werner Skrentny – Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs

“Es war einmal…” – so beginnen ja in aller Regel Märchen. Als bekennender Stadionnostalgiker, der gern auch mal eine Stadtliga-Partie verfolgt, nur weil die Anlage, auf der sie stattfindet, schon etliche Fußball-Jahrzehnte auf dem Buckel hat, würde ich auch das von Werner Skrentny vorgelegte Werk durchaus als Märchenbuch bezeichnen. Es bezeugt – wie bereits der Untertitel verrät – ehemalige Spielstätten, auf denen Fußballgeschichte(n) geschrieben wurde(n), und das auf eine Art und Weise, die die geneigte Leserschaft eintauchen lässt in das Berlin der 30er oder das Essen und Neubrandenburg der 50er Jahre. Auch Arenen, die erst vor relativ kurzer Zeit neuen Wohnungen (Bökelberg-Stadion/Mönchengladbach) weichen mussten und/oder zugunsten eines Stadionneubaus anderswo aufgegeben wurden (Jahnstadion/Regensburg), sind im Buch zu finden; neben allerlei Detailinformationen zur Stadiongeschichte sind die einzelnen Beiträge stets garniert mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, sporthistorischen Anekdoten und: jeder Menge Bildmaterial.

Das Buch kommt dabei auch optisch eindrucksvoll daher: Hardcover, A4-Format, bunter Einband, 176 Seiten, dreispaltiger Text. Jener zeugt von viel Herzblut, akribischer Recherchearbeit und einer großen Leidenschaft für die ehemaligen Anlagen. Ein besonderer Mehrwert des Bandes besteht darin, dass sich in den nach Städten sortierten Beiträgen nicht nur bekannte Spielstätten wie das Berliner “Stadion der Weltjugend” wiederfinden, sondern (vorher zumindest mir) unbekannte Orte wie der VfR-Platz an der Hammer Landstraße in Neuss oder der Sportplatz am Gaskessel in Stuttgart. “Es war einmal ein Stadion” leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fußballkultur, die bekanntermaßen ja nicht in der Bewahrung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers besteht. So schreibt Skrentny denn auch im Vorwort: “Doch war dieses Buchprojekt auch Anlass, anderswo nachzusehen, wo weniger bekannte Spielstätten identitätsstiftende Wirkung hatten und geografische Landmarken darstellten.”

Das Werk besteht insgesamt aus zwei Teilen, wobei sich der Anhang noch einmal in vier eigene Abschnitte untergliedert: Neben verschwundenen Spielstätten von Aachen bis Zwickau auf den ersten 135 Seiten findet man im besagten Anhang weitere Arenen, die heute verschwunden sind und solche, bei denen am selben Ort neue Spielstätten entstanden. Noch einmal deutlich höher schlägt das Stadionnostalgiker-Herz zum Ende des Buches, wenn man nach reichlich Fußball-Geschichte bei den “legendären Holztribünen” angekommen ist, die in ‘noch vorhanden’ und ‘inzwischen verschwunden’ eingeteilt werden.

Doch, “Es war einmal ein Stadion” ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Fußballhistoriker*innen ist es ebenso zu empfehlen wie dem ganz normalen Fan, der sich für die Wurzeln des Fußballsports seiner Heimatstadt bzw. die ehemalige(n) Spielstätte(n) seines Herzensvereins interessiert oder der Anhängerin der guten, alten Fußballkultur, deren Blick über Multifunktionsarenen und Baukastenstadien hinausgeht und für die ein Kaltgetränk und eine Bratwurst im Leipziger Fortuna-Sportpark oder im Nobiskrug zu Rendsburg ebenso zu einem gelungenen Fußballnachmittag gehören können wie der Besuch in der hypermodernen <Hier Sponsorennamen einfügen>-Arena in München, Hamburg oder Dortmund. Kurzum: “Es war einmal ein Stadion” ist ein hervorragendes Werk, was in keinem fußball-affinen Bücherregal fehlen sollte.

Autor: Alexander Schnarr

Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs.
176 Seiten, Format A4, gebunden
ISBN 978-3-7307-0192-8
Preis: 24,90 Euro
Erschienen im Verlag Die Werkstatt

Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn… Weiterlesen

0 comments

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR… Weiterlesen

0 comments

Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf… Weiterlesen

2 comments

Buchbesprechung: Paul Baaijens – MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London

17 Fußballspiele in 35 Tagen? Noch dazu im Mutterland des Fußballs, genauer: in der Millionenmetropole London? Und allesamt bei Vereinen, die mindestens in der League 2, der vierthöchsten Profispielklasse Englands an den Start gehen? Was sich anhört wie der kühne Traum eines jeden Groundhoppers, hat Paul Baaijens erlebt – und ein Buch darüber geschrieben. Der niederländische Überraschungserfolg “MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” ist nunmehr auch auf Deutsch erhältlich und 2015 beim Freiburger Verlag pretty good books erschienen.

Was als Besessenheit vom englischen Fußball begann und sich dann als Idee immer weiter verfestigte, nämlich einmal für einen längeren zusammenhängenden Zeitraum nach London zu reisen und dort vollständig in die Welt des (Profi-)Fußballs einzutauchen, ließ Paul Baaijens in der Saison 2013/2014 Wirklichkeit werden. Jedem der insgesamt dreizehn von ihm besuchten Fußballvereine ist ein eigenes Kapitel gewidmet, indem der Leserschaft durchaus humorvoll die kleinen und großen Geschichten präsentiert werden, die den jeweiligen Club und, besonders interessant, die jeweiligen Anhängerinnen und Anhänger ausmachen. Die einzelnen Texte sind dabei eine gelungene Mischung aus Vereinshistorie, Spielbericht, Randnotizen und Fangeschichten, die das Werk insgesamt nicht langweilig werden lassen.

Allerdings muss man dabei als Leserin bzw. Leser auch mit dem einen oder anderen skurrilen Exkurs leben: So erfährt man beispielsweise im Kapitel über Brentford nicht nur Interessantes über die englische Pub-Kultur (ein Thema, das sich übrigens durch das gesamte Buch zieht), sondern auch über Caroline: “Ihren Brustkorb zierten zwei prachtvolle Kugeln, während ihr Bauch verriet, dass sie mindestens zweimal in der Woche Pilates machte. Auch ihr Hinterteil war von Mutter Natur tadellos geschaffen worden.” Naja.

Überhaupt scheinen weibliche Personen in der Orientierung Baaijens in der Fußball- und Fankultur keinen besonders exponierten Platz einzunehmen, was unter anderem an seiner großen Verwunderung deutlich wird, bei Crystal Palace tatsächlich Frauen als echte Fans zu finden: “Ich fragte sie, wie sie zu diesem Verein gekommen sei. Wahrscheinlich war sie in diesem Viertel geboren und aufgewachsen und von ihrem Mann, Vater oder Opa mitgenommen worden. Das wäre nämlich die plausibelste Antwort für eine Frau.” (!) Das Buch richtet sich damit ziemlich deutlich an eine eher testosterongesteuerte Leserschaft.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Paul Baaijens insbesondere seine Begegnungen mit der Anhängerschaft der jeweils besuchten Vereine und deren Geschichten gut in den Reisebericht einbindet. Auf diese Weise erhält man nicht nur einen Einblick in den ‘Geist’ und die Besonderheiten englischer Proficlubs, sondern auch einen guten Eindruck von der Fankultur, die ebenso vielfältig ist wie die Stadt, in denen die Vereine zuhause sind.

“MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” richtet sich vor allem an all diejenigen, die sich einen guten ersten Überblick über die Londoner Profifußballszene verschaffen und sich dabei gleichzeitig angenehm unterhalten lassen wollen. Für Anhängerinnen und Anhänger des literarisch eher anspruchsvollen Fußballbuches hingegen ist “MATCHDAYS” weniger empfehlenswert.

Autor: Alexander Schnarr

Paul Baaijens: MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London. Freiburg: pretty good books, 2015.

250 Seiten, Paperback/Taschenbuch, 16,80 €. Das Buch kann hier direkt über den Verlag bezogen werden.

Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn… Weiterlesen

0 comments

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR… Weiterlesen

0 comments

Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf… Weiterlesen

2 comments

Die andere WM

Bekanntermaßen findet alle vier Jahre die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Längst ist die Veranstaltung weit mehr als ein sportlicher Wettstreit der Auswahlspieler verschiedener Nationen; inzwischen werden Milliarden mit Infrastruktur- und Werbemaßnahmen umgesetzt  und die Partien mit riesigem medialem Aufwand begleitet. Die Top-Spieler sind fast schon selbstverständlich Fußball-Millionäre, die weniger bekannten Kicker hoffen über die Bühne “Fußball-WM” auf den großen Durchbruch und einen lukrativen Vertrag in einer der europäischen Topligen. Um als Fan dabei zu sein, muss man sich für Ticket-Verlosungen anmelden bzw. einen ‘Ticketantrag’ [PDF] stellen, nur um dann für einen halbwegs annehmbaren Platz, zum Beispiel  in einem Spiel der K.O.-Runde, ein kleines Vermögen hinzulegen. Was erstaunlicherweise aber kaum jemand weiß: Im Fußball gibt es noch eine andere Weltmeisterschaft. Eine, die jedes Jahr stattfindet, am jeweiligen Austragungsort eine große Anzahl an Zuschauer*innen begeistert und bei der es nicht einmal etwas kostet, die Spiele zu besuchen. Eine Weltmeisterschaft vor allem, bei der nicht der unbedingte Erfolg und definitiv nicht das große Geld im Fokus stehen, sondern ganz andere Werte. Die Rede ist vom Homeless World Cup, der Obdachlosen-Weltmeisterschaft im Straßenfußball.

Weiterlesen

Hoch-professionelle Fußball-Romantik

Die 3. Liga startet mit der Saison 2015/2016 in ihre nunmehr achte Spielzeit und scheint sich inzwischen als dritte deutsche Profiliga weitgehend etabliert zu haben. Erstmals seit ihrem Bestehen weist sie außerdem acht ehemalige DDR-Oberligisten aus, die 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal in einer Profiliga um Punkte kämpfen. Hinzu kommen Traditionsvereine wie der SC Preußen Münster oder der SC Fortuna Köln – man könnte also meinen, dass die 3. Liga 2015/2016 interessanter und relevanter ist denn je. Der Frage, ob dem wirklich so ist, versuchen wir im folgenden Beitrag auf den Grund zu gehen.

Weiterlesen

Filmbesprechung: “Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB”

Zugegeben, so richtig wusste ich nicht, was mich wohl erwarten würde, als die silberne Scheibe im Laufwerk des Blu-ray-Players verschwand und die ersten Bilder des Films von Jan-Henrik Gruszecki, Marc Mauricius Quambusch und Gregor Schnittker über die Mattscheibe flimmerten. Ein Film über den BVB, okay, soviel wusste ich. Und irgendwas mit ‚Wurzeln’, ‚Gründungsgeschichte’, ‚Dokumentation’ und ‚Crowdfunding’. Ansonsten aber war ich eher skeptisch, ob mich eine Dokumentation über die Dortmunder Borussia tatsächlich wird fesseln können und was man über die sympathischen Ruhrpottler wohl noch so erzählen kann, was man nicht ohnehin schon wusste. In einer Kneipe gegründet. Rote Erde. Gelbe Wand. Scheiß S04. Und Franz wer?

Es ging also los und ich fing an, mir eifrig Notizen zu machen – nur um etwa 25 Minuten später festzustellen, dass ich meinen Zettel und meinen Stift inzwischen total vergessen hatte und völlig im Film versunken war. Außerdem hatte ich bis dahin schon gelernt, was es mit diesem Herrn Jacobi auf sich hat und dass Borussia Dortmund in zwei Punkten erstaunliche Parallelen zu meinem eigenen Herzensverein aufweist: Der Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966, also in dem Wettbewerb, den auch mein Team acht Jahre später gewinnen sollte, war der erste Europapokalsieg einer westdeutschen Mannschaft überhaupt. Angetreten war man gegen den FC Liverpool als deutlicher Außenseiter – und gewann trotzdem. Solche Geschichten sind also offenbar nicht nur an der Elbe, sondern auch am Borsigplatz der Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden.

Originalaufnahmen ebenjenes Spiels in Glasgow dienen den Filmemachern direkt zu Beginn denn auch als Aufhänger, den Protagonisten ihres Werkes einzuführen: Den schon mehrfach angesprochenen Franz Jacobi, der als zentrale Figur bei der Gründung des Ballspielvereins Borussia 09 aus Dortmund gilt und mit dem Europapokalsieg wohl sein Lebenswerk gekrönt sah. Gruszecki, Quambusch und Schnittker aber fragen sich in diesem Zusammenhang: „Wo liegen die Wurzeln des Clubs – unsere Wurzeln?“ und setzen damit gleich einen Grundton, der den ganzen Film bestimmt. „Am Borsigplatz geboren“ ist vor allem die in bewegte Bilder gegossene Antwort auf diese Frage von Fans für Fans, wobei es der Geschichte aber schnell gelingt, auch fußball- und geschichtsinteressierte Nicht-BVBler wie mich in ihren Bann zu ziehen.

Großen Anteil daran haben zum einen die hervorragend ausgewählten Interviewpartner und Zeitzeugen (in dem Sinne, dass sie Franz Jacobi noch kennengelernt haben), denen man ihre Authentizität und ihre Verbundenheit mit dem Verein zu jedem Zeitpunkt absolut abnimmt und zum anderen die abwechslungsreiche Gestaltung des Films: Der Besuch von Original-Schauplätzen, Interviewsequenzen, vor dem Auge des Betrachters entstehende Sandmalereien, die mit Original-Zitaten Jacobis kombiniert werden und nachgespielte Szenen aus den Anfangsjahren der Borussia wechseln sich ab und tragen den Zuschauer in einer Weise durch den Film, die an keiner Stelle Langeweile aufkommen lässt. Was außerdem äußerst positiv auffällt: Den Geschichten, die unbedingt erzählt werden müssen, wird in ihrer jeweiligen Länge ebenso angemessen Raum gegeben wie Nebensträngen, die Zusatzinformationen und Rahmendaten liefern.

Eine dieser zentralen Geschichten ist der große Konflikt zwischen der katholischen Kirche in Person von Kaplan Dewald und den Gründungsvätern des Vereins – ein Aspekt, der mir bis dato ebenso unbekannt war wie die ziemlich großartige Tatsache, dass der Club seinen Namen einer Brauerei zu verdanken hat. Und das auch nur, weil in der hitzigen Diskussion um die Vereinsgründung niemand so recht an einen Namen für das Kind gedacht hatte und nun im „Wildschütz“, dem Gründungslokal, zufällig ein Schild der Borussia-Brauerei an der Wand hing. Auch die Erinnerungsarbeit kommt nicht zu kurz, als es darum geht, wie der Ausbruch des Ersten Weltkrieges natürlich auch den Club und das Vereinsleben massiv beeinflusste. Allerdings findet sich hier, wenn man denn unbedingt meckern muss, vielleicht auch die einzige kleine Schwäche im Film – die Inszenierung der Namen derjenigen, die im Krieg geblieben sind, hatte für mich als Nicht-Borusse dann doch eine Spur zu viel Pathos. Trotzdem hatte ich in der nachgestellten Szene mit einem der Dortmunder Gründungsväter im Schützengraben, der eine von ihm auf die Borussia umgemünzte Liedzeile singt, möglicherweise tatsächlich ein Tränchen im Auge. 

Wem kann man „Am Borsigplatz geboren“ also nun empfehlen? Dass der Film für alle, die es mit den Dortmundern halten, zum absoluten „Musst-Du-gesehen-haben“-Programm gehört, muss man sicher nicht extra erwähnen. Aber auch all denjenigen unter uns, die sich für die Geschichten hinter der Geschichte und für die Historie unseres Lieblingssports im Allgemeinen interessieren, sei der Film ans Herz gelegt. Und denjenigen, die liebevoll gemachte, sensationell gut recherchierte, ehrliche und mit viel Herzblut umgesetzte Fußball-Dokus lieben, denen sowieso.

Autor: Alex Schnarr

Hier geht es zur Homepage des Filmprojekts.

Der Film wurde uns von den Machern auf unsere Anfrage hin freundlicherweise zur Besprechung zur Verfügung gestellt.