Kategorie: a Alexander Schnarr

Buchbesprechung: Mirco von Juterczenka – Wir Wochenendrebellen

“Die Scheiße kannst du alleine fressen.”

Kapitel, die so beginnen, können nicht in schlechten Fußballbüchern enthalten sein – wobei “Wir Wochenendrebellen” von Mirco von Juterczenka eigentlich gar kein Fußballbuch im engeren Sinne ist. Der Untertitel (“Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa”) lässt zwar eine Aneinanderreihung von Groundhopping-Episoden erwarten, schnell wird beim Lesen allerdings deutlich, dass das eigentliche Thema ein ganz anderes ist. Es geht um Autismus (genauer: um das Asperger-Syndrom von Sohn Jason), darum, wie die Diagnose den Alltag der Familie von Juterczenka beeinflusst (hat) und um die Rolle, die die gemeinsamen Stadiontouren von Vater und Sohn in dieser Gemengelage nicht nur für die Protagonisten, sondern für die ganze Familie spielen.

Besagte Touren und die damit verbundenen Erlebnisberichte in 17 Kapiteln dienen dementsprechend eher als Rahmen denn als Haupthandlung, was gleichzeitig aber auch eine besondere Stärke des Buches ist. So erfährt man beispielsweise nach dem eingangs zitierten Einleitungssatz, warum bereits die Bestellung einer Mahlzeit in einem ICE-Bordbistro unter den gegebenen Umständen für Jason, aber auch für Vater Mirco eine besondere Herausforderung darstellen kann. Oder warum der Besuch einer Pizzeria in Kiel schon auch mal eine abendfüllende Veranstaltung wird, an deren Ende ein überzeugendes Argument des Sohnes und ein völlig übersättigter Vater stehen. Oder was eine Bierdusche in Freiburg mit einem Vierbett-Abteil im Nachtzug und einem, nun ja, etwas anderen Toilettengang im Hamburger Millerntor-Stadion zu tun hat.

Besonders großartig ist “Wir Wochenendrebellen” an den Stellen, an denen die Leser*innenschaft die Stadionbesuche in Dortmund, Gelsenkirchen, Aue oder Hoffenheim aus der Perspektive von Jason erlebt bzw. an denen deutlich wird, auf welch besondere Weise Jason die Stadionerlebnisse wahrnimmt. Da können dann – aus guten Gründen – die Betonstufen in Hoffenheim oder die Fangesänge in Aue schon auch mal deutlich interessanter sein als das Spiel an sich. Gleichzeitig stellen genau diese Episoden Vater Mirco immer wieder vor Herausforderungen, sei es, weil das Verhalten des Sohnes mitunter für unwissende Umstehende nicht immer plausibel erscheint und durchaus auch mal in unschönen Formen der Selbsterniedrigung enden kann oder weil über allem ja irgendwie auch noch die Aufgabe steht, Jason seinen Lieblingsfußballclub finden zu lassen. Alles nicht so einfach, dafür aber schonungslos ehrlich erzählt, was beim Lesen zu herzhaftem Lachen, ungläubigem Kopfschütteln, aufrichtiger Bewunderung und ja, auch dem einen oder anderen feuchten Auge führt.

Müsste man “Wir Wochenendrebellen” in drei Sätzen zusammenfassen, ginge das eigentlich nicht besser als mit den Worten von Juterczenkas auf Seite 209:

“Die Welt braucht keinen weiteren weißen Mann, der Minderheiten und behinderten Menschen sagt, was sie dürfen und können oder gar wert sind. Mir war es ein Bedürfnis, meinen wunderbaren Sohn vorzustellen, die Behinderungen und “Behilflichkeiten” aufzuzeigen, vielleicht mit unseren Erlebnissen zu unterhalten, zu überraschen und klarzustellen, dass Fußballstadien mit ihren Fans ein Mikrokosmos der Gesellschaft sind, in dem man unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder sexueller Orientierung sehr viele großartige Menschen kennenlernen kann. Fußballfans, die uns auf unserer Suche halfen, und von denen einige heute Freunde sind.”

Nach der äußerst kurzweiligen Lektüre des 242 Seiten starken Buches lässt sich kurz und knapp festhalten: Dieses Anliegen ist vollumfänglich geglückt, zumal die Berichte durch ein Vorwort und ein ausführliches Glossar von Jason gerahmt werden und die Leser*innenschaft so auch die Gelegenheit bekommt, seine Perspektive einzunehmen.

“Wir Wochenendrebellen” ist bei Benevento Publishing erschienen und ja, das ist eine Marke der Red Bull Media House GmbH. Eine klare Kaufempfehlung gibt es trotzdem, und wer die 20 Euro investieren möchte, tue dies am besten über diesen Link: http://www.wochenendrebellen.de/bestellen. Jeder Kauf unterstützt so die Neven-Subotic-Stiftung.

Ein Exemplar des Buches wurde uns zur Rezension vom Autor kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Beitragsbild: (c) Sabrina Nagel, www.siesah.de

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR aufwachsen. Die im gleichen Viertel groß werden, sich aus dem Schutt des Krieges einen eigenen Fußballplatz an ihrer Straße bauen, dort die Spielansetzungen gegen die Teams aus den anderen Straßen an die Wände schreiben. Die schließlich als Klassenmannschaft 1954 den Titel des “Stadtmeisters der Magdeburger Schulen” erringen, um anschließend auf Bezirksebene erst im Finale zu unterliegen. Eine Handvoll Freunde, die nach der 8. Klasse geschlossen in einen Verein eintreten, dort die B-Jugend-Konkurrenz zwei Jahre lang nach Belieben dominieren und denen schließlich, als aus Jungen Männer werden, für eine Karriere im höherklassigen Fußball die damaligen Strukturen im Wege stehen. Einer dieser Jungs ist mein Vater. Das ist auch seine Geschichte.

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Sicher gibt es bessere Zeiten

Fußballliteratur als Erinnerungsort in der DDR-Oberliga

Gern besinnen sich Fußballvereine ja auf ihre so genannten ‘Tradition’ – was interessanterweise offenbar vor allem dann passiert, wenn die richtig großen Erfolge der Vereinsgeschichte schon einige Jahre zurückliegen und die Gegenwart weit weniger glamourös daherkommt als die sportlich goldenen Zeiten, die man heute allenfalls noch aus verklärenden Erzählungen kennt. In der deutschen Fußballgeschichte sicher einzigartig ist dabei die Situationen der “Klasse von 1990/1991”, jener Gruppe von Mannschaften, die zum Ende der DDR die letzte Meisterschaft eines Verbandes ausspielten, der in ebendieser Saison und 32 Jahre nach seiner Gründung aufhörte, zu existieren. In welcher Form beziehen sich diese Clubs auf ihre eigene Geschichte, welcher Stellenwert kommt der ‘Tradition’ in diesem Zusammenhang heute noch zu und: welche Rolle spielt möglicherweise die Literatur als Erinnerungsort für Vereine, die sich Zeit ihres Bestehens mehr als nur einer tiefgreifenden Zäsur ausgesetzt sahen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt und Zentrum des folgenden Longreads.

Autoren: Alexander Schnarr (nurderfcm.de), Julien Duez (footballski.fr), Christoph Wagner, (anoldinternational.co.uk)

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Die EM und ich

oder: Über die Sucht

Autor: Alexander Schnarr, nurderfcm.de

In Teil 2 unseres EM-Rückblicks beschreibt Christoph, der in Paris lebt, seine Eindrücke von der Euro vor der Haustür – seine Euro-Notizen könnt ihr hier lesen.

Mein Name ist Alex und ich bin ein Junkie. Ein Fußballjunkie. Und: Ich habe versagt. Gründlich, vollständig und auf ganzer Linie. Ein kritisches, alternatives EM-Tagebuch wollte ich schreiben. Dokumentieren, wie es sich im Schland-Wahn lebt, wenn man versucht, sich dem UEFA-Festival der Unmöglichkeiten, das auch “Fußball-Europameisterschaft 2016” heißt, vollständig zu verweigern. Die Zeit einfach sinnvoll nutzt, anstatt jeden verdammten Abend vor dem Fernseher zu sitzen und sich so illustre Paarungen wie Island-Ungarn anzuschauen. Und nein, ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob es diese Paarung überhaupt gab.

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Hoch-professionelle Fußball-Romantik – revisited

Liga 3 – ein Saisonrückblick

Vor dem Beginn der Drittligaspielzeit 2015/2016 gingen wir hier bei 120minuten der These auf den Grund, ob die 3. Liga interessanter und relevanter wäre denn je. Wir beleuchteten die dritthöchste deutsche Spielklasse hinsichtlich ihrer fußballerischen Qualität, schauten auf die wirtschaftliche Situation und ließen natürlich auch die Fan-Perspektive nicht zu kurz kommen. Inzwischen ist die letzte Minute gespielt, das letzte Tor geschossen und die letzte Entscheidung hinsichtlich des Aufstiegs in die 2. Bundesliga gefallen – Zeit also, Bilanz zu ziehen.

In unserer Retrospektive auf die 3. Liga 2015/2016 gibt Sebastian Kahl eine sportliche Einschätzung der Spielklasse ab; Endreas Müller interviewte sowohl Fedor Freytag, der “Drittliga-Urgestein” FC Rot-Weiß Erfurt die Daumen drückt als auch Eric Spannaus, dessen SG Dynamo Dresden die Liga souverän in Richtung 2. Bundesliga verließ. Alex Schnarr sprach mit Frank Rugullis, seines Zeichens Leiter des Online-Bereichs bei MDR Sachsen-Anhalt, über die 3. Liga aus Medien-Perspektive, während Christoph Wagner die Spielzeit und insbesondere das hervorragende Abschneiden des 1. FC Magdeburg aus dem fernen Paris verfolgte und zum Abschluss des Textes seine Eindrücke schildert. Ist die 3. Liga also der Ort hoch-professioneller Fußballromantik?

Autoren: Sebastian Kahl (yyfp.rocks), Endreas Müller (endreasmueller.blogspot.de), Christoph Wagner (anoldinternational.co.uk) und Alex Schnarr (nurderfcm.de)

Die 3. Liga als Zweieinhalbklassengesellschaft

Das Klassement der 3. Liga lässt sich heuer in zweieinhalb Gruppen einteilen: An der Spitze zog Dynamo Dresden einsame Kreise. Am dritten Spieltag übernahm die SGD die Tabellenführung und gab sie nicht mehr ab. Nebenbei brach die Mannschaft von Uwe Neuhaus den vereinsinternen Rekord für den besten Saisonstart, blieb die ersten zwölf Partien ungeschlagen. Dresden stellt zwei der treffsichersten Stürmer, den (auch historisch) besten Vorlagengeber und insgesamt die beste Offensive der Liga. Der Aufstieg schien bereits frühzeitig gebucht. Einzig vor Weihnachten durchlebten die Schwarz-Gelben eine Schwächephase (fünf Unentschieden in Folge), wirkten etwas überspielt. Vier Spieltage vor Schluss war die Rückkehr in die 2. Bundesliga auch rechnerisch durch.  Weiterlesen

Buchbesprechung: Werner Skrentny – Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs

“Es war einmal…” – so beginnen ja in aller Regel Märchen. Als bekennender Stadionnostalgiker, der gern auch mal eine Stadtliga-Partie verfolgt, nur weil die Anlage, auf der sie stattfindet, schon etliche Fußball-Jahrzehnte auf dem Buckel hat, würde ich auch das von Werner Skrentny vorgelegte Werk durchaus als Märchenbuch bezeichnen. Es bezeugt – wie bereits der Untertitel verrät – ehemalige Spielstätten, auf denen Fußballgeschichte(n) geschrieben wurde(n), und das auf eine Art und Weise, die die geneigte Leserschaft eintauchen lässt in das Berlin der 30er oder das Essen und Neubrandenburg der 50er Jahre. Auch Arenen, die erst vor relativ kurzer Zeit neuen Wohnungen (Bökelberg-Stadion/Mönchengladbach) weichen mussten und/oder zugunsten eines Stadionneubaus anderswo aufgegeben wurden (Jahnstadion/Regensburg), sind im Buch zu finden; neben allerlei Detailinformationen zur Stadiongeschichte sind die einzelnen Beiträge stets garniert mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, sporthistorischen Anekdoten und: jeder Menge Bildmaterial.

Das Buch kommt dabei auch optisch eindrucksvoll daher: Hardcover, A4-Format, bunter Einband, 176 Seiten, dreispaltiger Text. Jener zeugt von viel Herzblut, akribischer Recherchearbeit und einer großen Leidenschaft für die ehemaligen Anlagen. Ein besonderer Mehrwert des Bandes besteht darin, dass sich in den nach Städten sortierten Beiträgen nicht nur bekannte Spielstätten wie das Berliner “Stadion der Weltjugend” wiederfinden, sondern (vorher zumindest mir) unbekannte Orte wie der VfR-Platz an der Hammer Landstraße in Neuss oder der Sportplatz am Gaskessel in Stuttgart. “Es war einmal ein Stadion” leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fußballkultur, die bekanntermaßen ja nicht in der Bewahrung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers besteht. So schreibt Skrentny denn auch im Vorwort: “Doch war dieses Buchprojekt auch Anlass, anderswo nachzusehen, wo weniger bekannte Spielstätten identitätsstiftende Wirkung hatten und geografische Landmarken darstellten.”

Das Werk besteht insgesamt aus zwei Teilen, wobei sich der Anhang noch einmal in vier eigene Abschnitte untergliedert: Neben verschwundenen Spielstätten von Aachen bis Zwickau auf den ersten 135 Seiten findet man im besagten Anhang weitere Arenen, die heute verschwunden sind und solche, bei denen am selben Ort neue Spielstätten entstanden. Noch einmal deutlich höher schlägt das Stadionnostalgiker-Herz zum Ende des Buches, wenn man nach reichlich Fußball-Geschichte bei den “legendären Holztribünen” angekommen ist, die in ‘noch vorhanden’ und ‘inzwischen verschwunden’ eingeteilt werden.

Doch, “Es war einmal ein Stadion” ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Fußballhistoriker*innen ist es ebenso zu empfehlen wie dem ganz normalen Fan, der sich für die Wurzeln des Fußballsports seiner Heimatstadt bzw. die ehemalige(n) Spielstätte(n) seines Herzensvereins interessiert oder der Anhängerin der guten, alten Fußballkultur, deren Blick über Multifunktionsarenen und Baukastenstadien hinausgeht und für die ein Kaltgetränk und eine Bratwurst im Leipziger Fortuna-Sportpark oder im Nobiskrug zu Rendsburg ebenso zu einem gelungenen Fußballnachmittag gehören können wie der Besuch in der hypermodernen <Hier Sponsorennamen einfügen>-Arena in München, Hamburg oder Dortmund. Kurzum: “Es war einmal ein Stadion” ist ein hervorragendes Werk, was in keinem fußball-affinen Bücherregal fehlen sollte.

Autor: Alexander Schnarr

Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs.
176 Seiten, Format A4, gebunden
ISBN 978-3-7307-0192-8
Preis: 24,90 Euro
Erschienen im Verlag Die Werkstatt

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Buchbesprechung: Paul Baaijens – MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London

17 Fußballspiele in 35 Tagen? Noch dazu im Mutterland des Fußballs, genauer: in der Millionenmetropole London? Und allesamt bei Vereinen, die mindestens in der League 2, der vierthöchsten Profispielklasse Englands an den Start gehen? Was sich anhört wie der kühne Traum eines jeden Groundhoppers, hat Paul Baaijens erlebt – und ein Buch darüber geschrieben. Der niederländische Überraschungserfolg “MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” ist nunmehr auch auf Deutsch erhältlich und 2015 beim Freiburger Verlag pretty good books erschienen.

Was als Besessenheit vom englischen Fußball begann und sich dann als Idee immer weiter verfestigte, nämlich einmal für einen längeren zusammenhängenden Zeitraum nach London zu reisen und dort vollständig in die Welt des (Profi-)Fußballs einzutauchen, ließ Paul Baaijens in der Saison 2013/2014 Wirklichkeit werden. Jedem der insgesamt dreizehn von ihm besuchten Fußballvereine ist ein eigenes Kapitel gewidmet, indem der Leserschaft durchaus humorvoll die kleinen und großen Geschichten präsentiert werden, die den jeweiligen Club und, besonders interessant, die jeweiligen Anhängerinnen und Anhänger ausmachen. Die einzelnen Texte sind dabei eine gelungene Mischung aus Vereinshistorie, Spielbericht, Randnotizen und Fangeschichten, die das Werk insgesamt nicht langweilig werden lassen.

Allerdings muss man dabei als Leserin bzw. Leser auch mit dem einen oder anderen skurrilen Exkurs leben: So erfährt man beispielsweise im Kapitel über Brentford nicht nur Interessantes über die englische Pub-Kultur (ein Thema, das sich übrigens durch das gesamte Buch zieht), sondern auch über Caroline: “Ihren Brustkorb zierten zwei prachtvolle Kugeln, während ihr Bauch verriet, dass sie mindestens zweimal in der Woche Pilates machte. Auch ihr Hinterteil war von Mutter Natur tadellos geschaffen worden.” Naja.

Überhaupt scheinen weibliche Personen in der Orientierung Baaijens in der Fußball- und Fankultur keinen besonders exponierten Platz einzunehmen, was unter anderem an seiner großen Verwunderung deutlich wird, bei Crystal Palace tatsächlich Frauen als echte Fans zu finden: “Ich fragte sie, wie sie zu diesem Verein gekommen sei. Wahrscheinlich war sie in diesem Viertel geboren und aufgewachsen und von ihrem Mann, Vater oder Opa mitgenommen worden. Das wäre nämlich die plausibelste Antwort für eine Frau.” (!) Das Buch richtet sich damit ziemlich deutlich an eine eher testosterongesteuerte Leserschaft.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Paul Baaijens insbesondere seine Begegnungen mit der Anhängerschaft der jeweils besuchten Vereine und deren Geschichten gut in den Reisebericht einbindet. Auf diese Weise erhält man nicht nur einen Einblick in den ‘Geist’ und die Besonderheiten englischer Proficlubs, sondern auch einen guten Eindruck von der Fankultur, die ebenso vielfältig ist wie die Stadt, in denen die Vereine zuhause sind.

“MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” richtet sich vor allem an all diejenigen, die sich einen guten ersten Überblick über die Londoner Profifußballszene verschaffen und sich dabei gleichzeitig angenehm unterhalten lassen wollen. Für Anhängerinnen und Anhänger des literarisch eher anspruchsvollen Fußballbuches hingegen ist “MATCHDAYS” weniger empfehlenswert.

Autor: Alexander Schnarr

Paul Baaijens: MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London. Freiburg: pretty good books, 2015.

250 Seiten, Paperback/Taschenbuch, 16,80 €. Das Buch kann hier direkt über den Verlag bezogen werden.

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Die andere WM

Bekanntermaßen findet alle vier Jahre die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Längst ist die Veranstaltung weit mehr als ein sportlicher Wettstreit der Auswahlspieler verschiedener Nationen; inzwischen werden Milliarden mit Infrastruktur- und Werbemaßnahmen umgesetzt  und die Partien mit riesigem medialem Aufwand begleitet. Die Top-Spieler sind fast schon selbstverständlich Fußball-Millionäre, die weniger bekannten Kicker hoffen über die Bühne “Fußball-WM” auf den großen Durchbruch und einen lukrativen Vertrag in einer der europäischen Topligen. Um als Fan dabei zu sein, muss man sich für Ticket-Verlosungen anmelden bzw. einen ‘Ticketantrag’ [PDF] stellen, nur um dann für einen halbwegs annehmbaren Platz, zum Beispiel  in einem Spiel der K.O.-Runde, ein kleines Vermögen hinzulegen. Was erstaunlicherweise aber kaum jemand weiß: Im Fußball gibt es noch eine andere Weltmeisterschaft. Eine, die jedes Jahr stattfindet, am jeweiligen Austragungsort eine große Anzahl an Zuschauer*innen begeistert und bei der es nicht einmal etwas kostet, die Spiele zu besuchen. Eine Weltmeisterschaft vor allem, bei der nicht der unbedingte Erfolg und definitiv nicht das große Geld im Fokus stehen, sondern ganz andere Werte. Die Rede ist vom Homeless World Cup, der Obdachlosen-Weltmeisterschaft im Straßenfußball.

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Hoch-professionelle Fußball-Romantik

Die 3. Liga startet mit der Saison 2015/2016 in ihre nunmehr achte Spielzeit und scheint sich inzwischen als dritte deutsche Profiliga weitgehend etabliert zu haben. Erstmals seit ihrem Bestehen weist sie außerdem acht ehemalige DDR-Oberligisten aus, die 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal in einer Profiliga um Punkte kämpfen. Hinzu kommen Traditionsvereine wie der SC Preußen Münster oder der SC Fortuna Köln – man könnte also meinen, dass die 3. Liga 2015/2016 interessanter und relevanter ist denn je. Der Frage, ob dem wirklich so ist, versuchen wir im folgenden Beitrag auf den Grund zu gehen.

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