Buchbesprechung: Mirco von Juterczenka – Wir Wochenendrebellen

“Die Scheiße kannst du alleine fressen.”

Kapitel, die so beginnen, können nicht in schlechten Fußballbüchern enthalten sein – wobei “Wir Wochenendrebellen” von Mirco von Juterczenka eigentlich gar kein Fußballbuch im engeren Sinne ist. Der Untertitel (“Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa”) lässt zwar eine Aneinanderreihung von Groundhopping-Episoden erwarten, schnell wird beim Lesen allerdings deutlich, dass das eigentliche Thema ein ganz anderes ist. Es geht um Autismus (genauer: um das Asperger-Syndrom von Sohn Jason), darum, wie die Diagnose den Alltag der Familie von Juterczenka beeinflusst (hat) und um die Rolle, die die gemeinsamen Stadiontouren von Vater und Sohn in dieser Gemengelage nicht nur für die Protagonisten, sondern für die ganze Familie spielen.

Besagte Touren und die damit verbundenen Erlebnisberichte in 17 Kapiteln dienen dementsprechend eher als Rahmen denn als Haupthandlung, was gleichzeitig aber auch eine besondere Stärke des Buches ist. So erfährt man beispielsweise nach dem eingangs zitierten Einleitungssatz, warum bereits die Bestellung einer Mahlzeit in einem ICE-Bordbistro unter den gegebenen Umständen für Jason, aber auch für Vater Mirco eine besondere Herausforderung darstellen kann. Oder warum der Besuch einer Pizzeria in Kiel schon auch mal eine abendfüllende Veranstaltung wird, an deren Ende ein überzeugendes Argument des Sohnes und ein völlig übersättigter Vater stehen. Oder was eine Bierdusche in Freiburg mit einem Vierbett-Abteil im Nachtzug und einem, nun ja, etwas anderen Toilettengang im Hamburger Millerntor-Stadion zu tun hat.

Besonders großartig ist “Wir Wochenendrebellen” an den Stellen, an denen die Leser*innenschaft die Stadionbesuche in Dortmund, Gelsenkirchen, Aue oder Hoffenheim aus der Perspektive von Jason erlebt bzw. an denen deutlich wird, auf welch besondere Weise Jason die Stadionerlebnisse wahrnimmt. Da können dann – aus guten Gründen – die Betonstufen in Hoffenheim oder die Fangesänge in Aue schon auch mal deutlich interessanter sein als das Spiel an sich. Gleichzeitig stellen genau diese Episoden Vater Mirco immer wieder vor Herausforderungen, sei es, weil das Verhalten des Sohnes mitunter für unwissende Umstehende nicht immer plausibel erscheint und durchaus auch mal in unschönen Formen der Selbsterniedrigung enden kann oder weil über allem ja irgendwie auch noch die Aufgabe steht, Jason seinen Lieblingsfußballclub finden zu lassen. Alles nicht so einfach, dafür aber schonungslos ehrlich erzählt, was beim Lesen zu herzhaftem Lachen, ungläubigem Kopfschütteln, aufrichtiger Bewunderung und ja, auch dem einen oder anderen feuchten Auge führt.

Müsste man “Wir Wochenendrebellen” in drei Sätzen zusammenfassen, ginge das eigentlich nicht besser als mit den Worten von Juterczenkas auf Seite 209:

“Die Welt braucht keinen weiteren weißen Mann, der Minderheiten und behinderten Menschen sagt, was sie dürfen und können oder gar wert sind. Mir war es ein Bedürfnis, meinen wunderbaren Sohn vorzustellen, die Behinderungen und “Behilflichkeiten” aufzuzeigen, vielleicht mit unseren Erlebnissen zu unterhalten, zu überraschen und klarzustellen, dass Fußballstadien mit ihren Fans ein Mikrokosmos der Gesellschaft sind, in dem man unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder sexueller Orientierung sehr viele großartige Menschen kennenlernen kann. Fußballfans, die uns auf unserer Suche halfen, und von denen einige heute Freunde sind.”

Nach der äußerst kurzweiligen Lektüre des 242 Seiten starken Buches lässt sich kurz und knapp festhalten: Dieses Anliegen ist vollumfänglich geglückt, zumal die Berichte durch ein Vorwort und ein ausführliches Glossar von Jason gerahmt werden und die Leser*innenschaft so auch die Gelegenheit bekommt, seine Perspektive einzunehmen.

“Wir Wochenendrebellen” ist bei Benevento Publishing erschienen und ja, das ist eine Marke der Red Bull Media House GmbH. Eine klare Kaufempfehlung gibt es trotzdem, und wer die 20 Euro investieren möchte, tue dies am besten über diesen Link: http://www.wochenendrebellen.de/bestellen. Jeder Kauf unterstützt so die Neven-Subotic-Stiftung.

Ein Exemplar des Buches wurde uns zur Rezension vom Autor kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Beitragsbild: (c) Sabrina Nagel, www.siesah.de

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