Buchbesprechung: Die Helden von ’66

Während Fußballfans in England und sicher auch anderswo mit der Jahreszahl vor allem die WM 1966 in England assoziieren, gedenkt man in Dortmund im Mai dem Europapokalfinale der Pokalsieger 1966 gegen Liverpool. Dies wurde besonders deutlich vor dem Achtelfinalhinspiel gegen den FC Porto als auf der Südtribüne ein großes Banner mit dem Spruch

“Das Album vollenden – Ihr habt es in den Händen.”

hochgehalten wurde. Das spricht durchaus für Geschichstbewusstsein der Borussenfans, denn es dürfte den wenigsten bekannt, dass der BVB 1966 erstmals eine europäische Trophäe mit nach Hause brachte. Leider wird das Album auf unabsehbare Zeit weiterhin unvollendet bleiben und Borussia Dortmund wird dem erlauchten Kreis der Clubs nicht beitreten dürfen, die alle drei Europapokale gewonnen haben. Im Halbfinale hatten die Borussen mit West Ham den Titelverteidiger ausgeschaltet; diese wiederum hatten in der Runde davor den 1. FC Magdeburg in zwei durchaus packenden Spielen geschlagen. Im Finale dann war der BVB gegen Liverpool der krasse Außenseiter. So krass, dass selbst Billy Shankly der legendäre Trainer der Reds im Vorfeld sagte:

“Borussia Dortmund? Wer ist das schon? Das Finale in Glasgow ist für mich schon abgeschlossen. Mein neues Ziel ist das Finale der Landesmeister in der nächsten Saison.” (S. 119)

Wenn Die Dortmunder noch eine weitere Motivation benötigten, so hat Shankly sie ihnen frei Haus geliefert. Das Finale ist hart umkämpft, der Rasen durch Regen aufgeweicht. In der Verlängerung macht ausgerechnet der Spieler ein Tor, der sonst für seine Technik und seine Dribblings bekannt ist: Reinhard ‘Stan’ Libuda. Ein Torschuss von Held wird abgeblockt und fällt zu Libuda. Dieser, etwa 25m vom Tor entfernt, tut, was er sonst nie macht: er zieht ab. Die Bogenlampe wird lang und länger, geht gegen den Innenpfosten und die Hüfte von einem Verteidiger und vor dort ins Tor. Der Rest ist Geschichte und Libuda machte sich unsterblich. Vor der Saison von Schalke zum BVB gewechselt, um nach Schalkes Abstieg weiterhin in der 1. Liga zu spielen, ging er mit diesem Tor in die Annalen ein; sechs Jahre später gelang ihm dies mit den Knappen als er den DFB-Pokal gewann.
Das Buch von Gregor Schnittker beleuchtet die gesamte Saison im Europapokal, angefangen vom DFB-Pokalfinale 1965 gegen Alemannia Aachen, welches Dortmund 2-0 gewinnen konnte. Es folgen Kapitel für Kapitel die einzelnen Spiele in jeder Runde; insgesamt 4 Runden bis zum Finale im Hampden Park, der Heimspielstätte von Celtic. Soweit ist das auch gut.
In jedem Kapitel geht Schnittker auf den Gegner ein und beschreibt das Spielgeschehen. Jedoch, ehe es dazu kommen kann, werden wir mit Details überhäuft, die sich um Personalien oder Ereignisse in der Clubgeschichte des BVB drehen. Das ist etwas lang geraten und bedarf einer Kürzung bei einer zweiten Auflage.
Die interessanteste Frage wird gleich zu Beginn gestellt und soll hier kurz ausführlicher Platz finden. Kann man den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft 1954 mit dem der Dortmunder von 1966 vergleichen? Schnittker bejaht diese Frage, wird doch Erinnerung und damit Identität viel eher im Lokalen als im Nationalen gestiftet. Es war vor allem ein Achtungserfolg, dass der deutsche Fußball eben nicht nur in München, Hamburg oder Köln sein zu Hause hat, sondern auch im Ruhrgebiet, mit Ausnahme der Blau-Weißen Rivalen des BVB und sicher auch den Fans einiger anderer Clubs. Einer, der es wissen muss, ist Aki Schmidt, Kapitän der Dortmunder Elf von 1966. Er war 19 als Rahn Herbergers Elf 1954 zum Sieg schoss und 31 als er Dortmund zwölf Jahre später zum Titel führte. Er sagt:

“Der Sieg über Liverpool hat aber nicht nur uns gefallen, sondern auch Schalkern, Essenern, Duisburgern, Bochumern, den Menschen in Erkenschwick und was weiß ich noch wo.” (S. 8)

Dabei ist das Jahr 1966 in der Tat wichtig für die alte BRD. Adenauer war Geschichte und sein Nachfolger Ludwig Erhard hatte mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, die man fast gar nicht mehr kannte. Das Wirtschaftswunder kam zu einem Ende und es begann der Prozess der De-Industrialisierung und machte vor den Zechen und Stahlküchen keinen Bogen. Damit brach der Region ein wichtiges Standbein weg, was blieb war Fußball. Und Bier und die Erinnerungen. Somit half der Fußball als identitätsstiftendes Vehikel dem Pott in dieser Periode des Wandels. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist die These die Erfolge von 1954 und 1966 miteinander zu vergleichen, durchaus haltbar: beide Spiele wurden im Nachgang als Vehikel zur Identitätstiftung genutzt. Obschon auf sehr verschiedenen Ebenen, wird sowohl bei Deutschlands Sieg in Bern sowie Dortmunds Triumph in Glasgow, die Fähigkeit des Fußballs hervorgehoben, eine imaginäre Gemeinschaft zu kreieren: “Wir sind wieder wer.” Im dritten Anlauf einer deutschen Vereinsmannschaft schaffte es Borussia Dortmund, ein Finale zu gewinnen und somit den Stellenwert des deutschen Fußballs auch auf Vereinsebene zu untermauern.
Ein dickes Plus gibt es für die zahlreichen Zeitdokumente, seien es Fotos, Postkarten oder handschriftliche Notizen; dieses Buch füllt eine Lücke. Großer Kritikpunkt ist das unhandliche A4-Format des Buches, welches es nahezu unmöglich macht, es unterwegs zu lesen. Ein weiterer ist die Langatmigkeit der Kapitel. Weniger ist mehr, gilt einmal mehr. Es finden zu viele Nebensächlichkeiten Eingang in die Geschichte dieser Saison. Sicher sind das alles wichtige Puzzleteile im Gesamtbild dieser Saison, jedoch kommen diese Stücke oft zäh daher; die Protagonisten kommen ins Erzählen und dürfen das auch. Hier wäre ein etwas kritischerer Blick vom Lektor hilfreich gewesen.

Gregor Schnittker: Die Helden von ‘66. Erster deutscher Europapokalsieger Borussia Dortmund. Erschienen im Werkstatt-Verlag, 2016. ISBN: 978-3-7307-0250-5. Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar zur Besprechung zur Verfügung gestellt.

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