Alle Artikel von Alex Schnarr

Max-Jacob Ost – Mein Fußball-Medien-Menü XII

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Wer sich für Fußball interessiert und gern Podcasts hört, kennt selbstverständlich den Rasenfunk. Und damit auch Max-Jacob Ost, der Woche für Woche als Moderator durch die Sendungen führt, in denen es darum geht, mit gleichermaßen kompetenten wie sympathischen Gästen den jeweils letzten Bundesliga-Spieltag zu besprechen. Auch außerhalb der Podcast-Szene ist Max-Jacob Ost in den Weiten des Internets unterwegs – auf Twitter zum Beispiel oder als Berater für Unternehmen und Agenturen im digitalen Bereich. Mehr Informationen gibt es auf maxost.de.

Max-Jacob Ost

Max-Jacob Ost

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Wie gerne würde ich jetzt schreiben: Der tödliche Pass, Transparent, Ballesterer, The Blizzard, 11Freunde und FourFourTwo. Die Wahrheit ist: Nichts von alledem. Mir entgehen grandiose Geschichten und toller Journalismus. Allein, mir fehlt leider derzeit absolut die Zeit für Zusatzlektüre zum täglichen Pensum. Und inzwischen bin ich so versaut, dass ich alles digital in Armlänge dabei haben muss, sonst wird es nicht konsumiert. 

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Das Reboot von Raphael Honigstein ist hervorragend, ich bin gespannt auf die deutsche Übersetzung. Dann habe ich das Privileg, das Erstlingswerk von Tobias Escher (spielverlagerung.de) schon vorab lesen zu dürfen und bin mehr als angetan. 

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

Twitter und Facebook sind die wichtigsten und einzigen Quellen. Was gut ist, schwimmt in der Timeline so oft vorbei, dass ich es trotz aller anderen Dinge nicht übersehen kann und dann auch gerne schnell weglese. Der Feedreader liegt leider seit Urzeiten brach und selbst blendle hat mein Leseverhalten nicht verändern können. Trotz der wirklich netten Mails, die sie mir immer mit Empfehlungen schicken.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Eines vorweg: Ich habe Germanistik im Hauptfach studiert und eine große Liebe zu Büchern, am liebsten schön gebunden und nach dem Bücherregal meiner Eltern duftend. Doch diese Begeisterung konnte mit meinem Alltag nicht mehr Schritt halten. Wenn ich nun Zeit für Texte habe, dann meist im Dunkeln wenn nicht nur Smartphone sondern auch meine Zwillinge nur eine Armlänge entfernt sind. Eltern kennen das: Es gibt beim zu Bett bringen irgendwann eine reine Präsenzzeit. Man darf den Raum nicht verlassen, aber Singen oder beruhigend Zureden hält die Kinder mehr wach als es sie zum Schlafen bringt. Das sind für mich die Momente, in denen ich lese. Am Smartphone, in der Kindle-App (weiß auf schwarz, das ist dann nicht zu hell). Etwas traurig zwar, aber besser als im Sitzen einzuschlafen und mit den Kinderbettstäben als Abdruck auf der Stirn wieder aufzuwachen. Auch schon passiert. Mehrmals. 

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Ha! Da habt ihr eine Büchse der Pandora geöffnet. Was viele nicht wissen, weil es eigentlich auch nicht interessant ist, ich habe meine Magisterarbeit zum Fußball in der deutschsprachigen Literatur nach der WM 2006 verfasst. Dafür durfte ich mich in Primärliteratur wälzen und das habe ich voll ausgekostet. Fast unmöglich, sich hier zu beschränken, aber ich versuche es. Meine Top 5:

Otto A. Böhmer: Wenn die Eintracht spielt

Wer den Fußball als literarisches Objekt erlesen möchte, muss zu Böhmer greifen. Handke, Ror Wolff, Friedrich Christian Delius, alles schön und gut. Bei ihnen allen stört mich aber, dass der Metapherraum des Fußballs nur oberflächlich genutzt wird. Selbst Handke kratzt da meiner Meinung nach nur recht offensichtlich an der Schale. Böhmer hat mich dagegen bei jeder Lektüre gepackt. Der Fußball spielt hier eine literarische Rolle und das auf vielen Ebenen. Keine Ahnung, warum sonst nie jemand von diesem Buch spricht. Ich finde es grandios und habe es schon mehrmals verschenkt. 

Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig

Fast in einer Liga mit der Bedeutungstiefe von Böhmer, aber ein bisschen mehr auf die zwölf was die Metaphorik angeht. Die Bezüge zum Fußball sind leicht erkennbar und machen Spaß. Trotzdem sind sie nicht trivial und brechen manchmal andere Themenfelder auf. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Bezüge zur Kindheit des Protagonisten und seinem Hausmeister im Stile eines Blockwarts. Tolles Stück Literatur. 

Bönt, Ostermaier, Rinke (Hg.): Titelkampf. Geschichten der deutschen Autoren-Nationalmannschaft

Eine Anthologie ist immer nur so gut wie ihr schlechtester Text. Hat Reich-Ranicki mal gesagt und dann ist das halt so. In diesem Fall nicht besonders schlimm, denn die Texte in diesem Buch sind gleichzeitig grundverschieden und großartig. Ich hab mich in einzelne von ihnen regelrecht verliebt, nur um mich Wochen später von den alten Lieblingen zu trennen und andere noch toller zu finden. 

Ronald Reng: Robert Enke

Was könnte man an aktueller Fußballliteratur alles nennen. Doch keinem Werk täte ich mehr Unrecht, indem ich es hier nicht auflistete. Beeindruckend, bewegend, wunderbar formuliert. Man steht staunend da, schluckt den Klos im Hals herunter und dankt dem Schicksal dafür, dass einer der besten Schreiberlinge intime Einblicke in eines der tragischsten Schicksale des modernen Fußballs hatte. Alles um den Tod Robert Enkes ist unfassbar und das bleibt es auch – doch es wird begreifbarer durch dieses Buch. Wichtiger noch, es regt zum Nachdenken an und schärft den Blick für die eigene Umwelt. Und damit kann aus dieser Tragödie doch noch etwas Gutes entstehen.

Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell

Wenige haben meiner Meinung nach den Fußball gedanklich so durchdrungen wie Theweleit im Tor zur Welt. Er stellt kluge Querverbindungen zu Kultur, Geschichte und Soziologie her und hebt trotzdem nie ab. Eigentlich kaum zu glauben, dass das geht. Ich habe genügend abgehobene Pamphlete für meine Magisterarbeit lesen müssen, um dieses Buch gerade für seine Einfachheit zu lieben. Schaue immer noch gerne, aber viel zu selten, rein.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Wieviel Platz haben wir? Ich dürfte inzwischen als Podcast-Süchtiger bekannt sein. Im Tribünengespräch habe ich mal ein paar vorgestellt, die Rasenfunk-Podroll wächst wöchentlich. Machen wir es so: Ich öffne Pocket Casts und nenne diejenigen, in die ich in den letzten vier Wochen mindestens einmal reingehört habe. Was ich nicht empfehlen würde, lasse ich weg:

  • Textilvergehen
  • Reingemacht
  • Football weekly
  • Sportradio360
  • Erfolgsfans
  • Damenwahl
  • Millernton
  • Analytics FC Podcast
  • Bohndesliga
  • Eintracht Frankfurt Podcast
  • Mia san Rot
  • Auf die Zirbelnuss
  • Collinas Erben
  • Glückauf Pils Podcast

Sorry an alle, die ich hier nicht nennen konnte. Hatte nicht mehr Zeit.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Als Ergänzung zur Vorbereitung auf die Rasenfunk Schlusskonferenz immer mal wieder, da ich von Spielen, die ich nicht über die vollen 90 Minuten gesehen habe, gerne mehr als eine Zusammenfassung sehe. Und immer wieder zieht es ein ganz klein wenig links in der Brust und ich wünsche mir, noch einmal wie früher alle Radios und Informationsquellen zu meiden und eine Sportschau zu sehen ohne die Ergebnisse zu kennen. Einmal wieder 12 sein. Wäre toll, ist aber dann doch nicht durchzuhalten.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Bewegtbild: 

Youtube: Last Week Tonight, The Late Show with Stephen Colbert, David Hain, Fynn Kliemann (derzeit Favorit), LeFloid, Marie Meimberg, Patrick Wollny

TV: RocketbeansTV, Neo Magazin Royale, Die Anstalt

Netflix: Brooklyn Nine Nine war die Entdeckung des letzten Monats

Generell bin ich sehr dankbar für vieles, was Correctiv.org macht und stalke ein paar Journalisten wie den @hatr.

Der Slackbot schickt mir außerdem tolle Tech- und Digitalnews, die bei Reddit, Hacker News o.Ä. viele Upvotes in kurzer Zeit kriegen (via Fastvoted https://fastvoted.com/?ref=producthunt). Und einmal am Tag kommt das Producthunt Update, durch das ich mich so gerne klicke. 

Podcasts:

  • Gästeliste Geisterbahn
  • Sanft und Sorgfältig
  • Die Medien Kuh
  • Reply All
  • The Mystery Show
  • Online Marketing Rockstars
  • Radio Nukular
  • Startup
  • Täter gesucht / Wer hat Burak erschossen / Serial

In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0

Buchbesprechung: Werner Skrentny – Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs

“Es war einmal…” – so beginnen ja in aller Regel Märchen. Als bekennender Stadionnostalgiker, der gern auch mal eine Stadtliga-Partie verfolgt, nur weil die Anlage, auf der sie stattfindet, schon etliche Fußball-Jahrzehnte auf dem Buckel hat, würde ich auch das von Werner Skrentny vorgelegte Werk durchaus als Märchenbuch bezeichnen. Es bezeugt – wie bereits der Untertitel verrät – ehemalige Spielstätten, auf denen Fußballgeschichte(n) geschrieben wurde(n), und das auf eine Art und Weise, die die geneigte Leserschaft eintauchen lässt in das Berlin der 30er oder das Essen und Neubrandenburg der 50er Jahre. Auch Arenen, die erst vor relativ kurzer Zeit neuen Wohnungen (Bökelberg-Stadion/Mönchengladbach) weichen mussten und/oder zugunsten eines Stadionneubaus anderswo aufgegeben wurden (Jahnstadion/Regensburg), sind im Buch zu finden; neben allerlei Detailinformationen zur Stadiongeschichte sind die einzelnen Beiträge stets garniert mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, sporthistorischen Anekdoten und: jeder Menge Bildmaterial.

Das Buch kommt dabei auch optisch eindrucksvoll daher: Hardcover, A4-Format, bunter Einband, 176 Seiten, dreispaltiger Text. Jener zeugt von viel Herzblut, akribischer Recherchearbeit und einer großen Leidenschaft für die ehemaligen Anlagen. Ein besonderer Mehrwert des Bandes besteht darin, dass sich in den nach Städten sortierten Beiträgen nicht nur bekannte Spielstätten wie das Berliner “Stadion der Weltjugend” wiederfinden, sondern (vorher zumindest mir) unbekannte Orte wie der VfR-Platz an der Hammer Landstraße in Neuss oder der Sportplatz am Gaskessel in Stuttgart. “Es war einmal ein Stadion” leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fußballkultur, die bekanntermaßen ja nicht in der Bewahrung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers besteht. So schreibt Skrentny denn auch im Vorwort: “Doch war dieses Buchprojekt auch Anlass, anderswo nachzusehen, wo weniger bekannte Spielstätten identitätsstiftende Wirkung hatten und geografische Landmarken darstellten.”

Das Werk besteht insgesamt aus zwei Teilen, wobei sich der Anhang noch einmal in vier eigene Abschnitte untergliedert: Neben verschwundenen Spielstätten von Aachen bis Zwickau auf den ersten 135 Seiten findet man im besagten Anhang weitere Arenen, die heute verschwunden sind und solche, bei denen am selben Ort neue Spielstätten entstanden. Noch einmal deutlich höher schlägt das Stadionnostalgiker-Herz zum Ende des Buches, wenn man nach reichlich Fußball-Geschichte bei den “legendären Holztribünen” angekommen ist, die in ‘noch vorhanden’ und ‘inzwischen verschwunden’ eingeteilt werden.

Doch, “Es war einmal ein Stadion” ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Fußballhistoriker*innen ist es ebenso zu empfehlen wie dem ganz normalen Fan, der sich für die Wurzeln des Fußballsports seiner Heimatstadt bzw. die ehemalige(n) Spielstätte(n) seines Herzensvereins interessiert oder der Anhängerin der guten, alten Fußballkultur, deren Blick über Multifunktionsarenen und Baukastenstadien hinausgeht und für die ein Kaltgetränk und eine Bratwurst im Leipziger Fortuna-Sportpark oder im Nobiskrug zu Rendsburg ebenso zu einem gelungenen Fußballnachmittag gehören können wie der Besuch in der hypermodernen <Hier Sponsorennamen einfügen>-Arena in München, Hamburg oder Dortmund. Kurzum: “Es war einmal ein Stadion” ist ein hervorragendes Werk, was in keinem fußball-affinen Bücherregal fehlen sollte.

Autor: Alexander Schnarr

Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs.
176 Seiten, Format A4, gebunden
ISBN 978-3-7307-0192-8
Preis: 24,90 Euro
Erschienen im Verlag Die Werkstatt

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Buchbesprechung: Paul Baaijens – MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London

17 Fußballspiele in 35 Tagen? Noch dazu im Mutterland des Fußballs, genauer: in der Millionenmetropole London? Und allesamt bei Vereinen, die mindestens in der League 2, der vierthöchsten Profispielklasse Englands an den Start gehen? Was sich anhört wie der kühne Traum eines jeden Groundhoppers, hat Paul Baaijens erlebt – und ein Buch darüber geschrieben. Der niederländische Überraschungserfolg “MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” ist nunmehr auch auf Deutsch erhältlich und 2015 beim Freiburger Verlag pretty good books erschienen.

Was als Besessenheit vom englischen Fußball begann und sich dann als Idee immer weiter verfestigte, nämlich einmal für einen längeren zusammenhängenden Zeitraum nach London zu reisen und dort vollständig in die Welt des (Profi-)Fußballs einzutauchen, ließ Paul Baaijens in der Saison 2013/2014 Wirklichkeit werden. Jedem der insgesamt dreizehn von ihm besuchten Fußballvereine ist ein eigenes Kapitel gewidmet, indem der Leserschaft durchaus humorvoll die kleinen und großen Geschichten präsentiert werden, die den jeweiligen Club und, besonders interessant, die jeweiligen Anhängerinnen und Anhänger ausmachen. Die einzelnen Texte sind dabei eine gelungene Mischung aus Vereinshistorie, Spielbericht, Randnotizen und Fangeschichten, die das Werk insgesamt nicht langweilig werden lassen.

Allerdings muss man dabei als Leserin bzw. Leser auch mit dem einen oder anderen skurrilen Exkurs leben: So erfährt man beispielsweise im Kapitel über Brentford nicht nur Interessantes über die englische Pub-Kultur (ein Thema, das sich übrigens durch das gesamte Buch zieht), sondern auch über Caroline: “Ihren Brustkorb zierten zwei prachtvolle Kugeln, während ihr Bauch verriet, dass sie mindestens zweimal in der Woche Pilates machte. Auch ihr Hinterteil war von Mutter Natur tadellos geschaffen worden.” Naja.

Überhaupt scheinen weibliche Personen in der Orientierung Baaijens in der Fußball- und Fankultur keinen besonders exponierten Platz einzunehmen, was unter anderem an seiner großen Verwunderung deutlich wird, bei Crystal Palace tatsächlich Frauen als echte Fans zu finden: “Ich fragte sie, wie sie zu diesem Verein gekommen sei. Wahrscheinlich war sie in diesem Viertel geboren und aufgewachsen und von ihrem Mann, Vater oder Opa mitgenommen worden. Das wäre nämlich die plausibelste Antwort für eine Frau.” (!) Das Buch richtet sich damit ziemlich deutlich an eine eher testosterongesteuerte Leserschaft.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Paul Baaijens insbesondere seine Begegnungen mit der Anhängerschaft der jeweils besuchten Vereine und deren Geschichten gut in den Reisebericht einbindet. Auf diese Weise erhält man nicht nur einen Einblick in den ‘Geist’ und die Besonderheiten englischer Proficlubs, sondern auch einen guten Eindruck von der Fankultur, die ebenso vielfältig ist wie die Stadt, in denen die Vereine zuhause sind.

“MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” richtet sich vor allem an all diejenigen, die sich einen guten ersten Überblick über die Londoner Profifußballszene verschaffen und sich dabei gleichzeitig angenehm unterhalten lassen wollen. Für Anhängerinnen und Anhänger des literarisch eher anspruchsvollen Fußballbuches hingegen ist “MATCHDAYS” weniger empfehlenswert.

Autor: Alexander Schnarr

Paul Baaijens: MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London. Freiburg: pretty good books, 2015.

250 Seiten, Paperback/Taschenbuch, 16,80 €. Das Buch kann hier direkt über den Verlag bezogen werden.

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Die andere WM

Bekanntermaßen findet alle vier Jahre die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Längst ist die Veranstaltung weit mehr als ein sportlicher Wettstreit der Auswahlspieler verschiedener Nationen; inzwischen werden Milliarden mit Infrastruktur- und Werbemaßnahmen umgesetzt  und die Partien mit riesigem medialem Aufwand begleitet. Die Top-Spieler sind fast schon selbstverständlich Fußball-Millionäre, die weniger bekannten Kicker hoffen über die Bühne “Fußball-WM” auf den großen Durchbruch und einen lukrativen Vertrag in einer der europäischen Topligen. Um als Fan dabei zu sein, muss man sich für Ticket-Verlosungen anmelden bzw. einen ‘Ticketantrag’ [PDF] stellen, nur um dann für einen halbwegs annehmbaren Platz, zum Beispiel  in einem Spiel der K.O.-Runde, ein kleines Vermögen hinzulegen. Was erstaunlicherweise aber kaum jemand weiß: Im Fußball gibt es noch eine andere Weltmeisterschaft. Eine, die jedes Jahr stattfindet, am jeweiligen Austragungsort eine große Anzahl an Zuschauer*innen begeistert und bei der es nicht einmal etwas kostet, die Spiele zu besuchen. Eine Weltmeisterschaft vor allem, bei der nicht der unbedingte Erfolg und definitiv nicht das große Geld im Fokus stehen, sondern ganz andere Werte. Die Rede ist vom Homeless World Cup, der Obdachlosen-Weltmeisterschaft im Straßenfußball.

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Tobias Escher – Mein Fußball-Medien-Menu VI

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Wer sich für Fußball und Taktik interessiert, dazu noch auf Twitter aktiv ist und möglicherweise gerade die Saisonvorschau-Folge des hervorragenden Rasenfunk-Podcasts gehört hat, der kennt auch Tobias Escher. Als einer der Köpfe hinter Spielverlagerung.de analysiert er aus taktischer Sicht vor allem die Bundesliga und die Auftritte der Nationalmannschaft; darüber hinaus versorgt er als freier Journalist unter anderem auch die 11Freunde mit seinen Analysen. Seitdem ein Teil des 120minuten-Redaktionsteams seinem Vortrag über “Taktik für Einsteiger” auf dem Hamburger #Fubacamp beiwohnte, besteht auch für  uns die Welt immer häufiger aus Dreiecken.

Tobias Escher

TOBIAS ESCHER

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Meine Tante, die auch als Journalistin arbeitet, fragte mich vor einiger Zeit, welche Print-Magazine ich lese. Sie selbst hat zig Zeitungen und Zeitschriften im Abonnement. Dementsprechend schockiert war sie, als ich gestand: Ich lese praktisch kein Print mehr. Den kicker habe ich noch immer abonniert. Wirklich lesen tue ich aber nur die Donnerstagsausgabe, um mich fit zu machen für das Bundesliga-Wochenende – Aufstellungen, Verletzungen, Konfliktlinien, so ein Zeug. Ansonsten kaufe ich mir die 11Freunde am Kiosk. Das war’s aber auch schon.

Neunzehntel meiner Leseaktivitäten habe ich an den PC verlagert. Als digitales Magazin lese ich regelmäßig den Blizzard. Statistiken klaube ich mir bei WhoScored zusammen. Fußballblogs, die ich nahezu täglich abarbeite, sind Spielverlagerung (man muss ja wissen, was die Kollegen schreiben), Miasanrot, Zonal Marking und Bundesliga Fanatic. Das sind die einzigen fußballbezogenen Webadressen, die ich tatsächlich in die Adresszeile meines Browsers eingebe. Texte in „klassischen Medien“ entdecke ich fast ausschließlich, indem ich auf Links klicke, sei es auf Twitter, Facebook oder bei Fokus Fussball.

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Meine Frau behauptet, „Aber“ sei mein Lieblingswort. Aber das stimmt natürlich gar nicht. Ernsthaft: Ich tue mich mit dem Wort „uneingeschränkt“ schwer. Es gibt praktisch keine Texte, an denen ich nichts zu mäkeln habe – und sei es nur, dass mir aus Sicht eines Korrekturlesers Grammatikfehler auffallen. Dem Ideal nahe kam zuletzt ein Interview mit Roger Schmidt, das Christoph Biermann für die 11Freunde geführt hat. Das war einer jener Artikel, bei dem ich mir selbst gedacht habe: „Den hätte ich selber gerne gemacht.“

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

News greife ich praktisch nur noch über Twitter auf. Ich käme nie auf die Idee, kicker.de oder Sport1.de für Nachrichten anzusurfen. Auch längere Texte entdecke ich oft bei Twitter. Manchmal werden mir auch Leseempfehlungen zugeschickt, bspw. von meinen Spielverlagerung-Kollegen. Ansonsten ist die Link11 von Fokus Fussball eine sehr gute Anlaufstelle – und das sage ich nicht nur, weil ich selber dort arbeite.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Fürs Drucken bin ich ein Jahrzehnt zu jung. Ich lese hauptsächlich am Laptop, unterwegs auch mal auf dem Tablet.

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Das beste Fußballbuch ist und bleibt die Enke-Biographie von Ronald Reng. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt hat. Für mich als Taktiknerd war jedoch kein Buch so wichtig wie Jonathan Wilsons ‘Revolutionen auf dem Rasen’. Das Buch hat meine Leidenschaft für Fußballtaktik erst so richtig entfacht.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Ich bin kein Radiomensch. So überhaupt nicht. Es gelingt mir einfach nicht, mich 90 Minuten hinzusetzen und konzentriert einer Stimme zu lauschen; nicht einmal, wenn ich Zug fahre oder Laufen gehe. Das Medium Podcast ist daher fast vollständig an mir vorbeigerauscht. Bei Collinas Erben und dem Rasenfunk höre ich regelmäßig rein, aber immer nur in homöopathischen Dosen. Das hat nichts mit der Qualität der Podcasts zu tun, die ist herausragend. Ich bin einfach der falsche Ansprechpartner. Daher nehmen die Jungs von Spielverlagerung auch nicht gerne mit mir Podcasts auf. Ich dränge immer darauf, dass sie sich kurz fassen sollen, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sich irgendjemand mehr als zehn Minuten Taktikgelaber am Stück anhören mag.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Mit einem Freund hatte ich früher ein Ritual: Einmal im Jahr sind wir ins Stadion gefahren und haben den Besuch mit viel Bier begossen, um dann abends vor der Sportschau zu versacken. Da wir mittlerweile beide am Wochenende berufstätig sind, hat sich dieses Ritual leider erledigt. Bleibt festzuhalten: In den vergangenen acht Jahren habe ich fünfmal die Sportschau gesehen, und jedes Mal war ich voll. Anders wäre das für mich auch nicht auszuhalten. Fußball dauert 90 Minuten. Da kenne ich keine Kompromisse.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Meine klassische Morgenrunde beginnt bei Zeit Online und führt mich über The Escapist und Gamepro hin zu Filmstarts und abschließend zu Allesaussersport. Erst dann werden die Fußballblogs und Twitter abgearbeitet.

Nicht täglich, aber regelmäßig besuche ich zudem Sportsscientists.com (Sportwissenschaften), Chess24.de (Schach), das Altpapier (Medienkolumne) und Rezensionen für Millionen (Brettspiele). Neu dazugekommen ist vor einigen Wochen der Twitter-Account „The Greek Analyst“, der sich mit der Griechenlandkrise beschäftigt. Das ist der einzige Twitter-Account, den ich direkt ansurfe. Der einzige Podcast, den ich zumindest ab und an in voller Länge höre, ist Stay Forever, ein Podcast über alte Videospiele. Eine wilde Mischung, aber ich denke, man kann die Themen herausfiltern, die mir wichtig sind: Viel Sport, viel Nerdkram, ein bisschen Film und ein bisschen Politik.


In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Zur weiteren Entwicklung des Fußballs – 95 Thesen

Den Fußball in all seinen Facetten abzubilden – das gleicht einem schwierigen, wenn nicht sogar unmöglichen, Unterfangen. Die unterschiedlichsten Bereiche machen diesen Sport aus, angefangen beim Profifußball, über Amateure, Fankultur,… Weiterlesen

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Der FC Bayern München und die Strategie der Kulturschule

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Warum der Fußball im Baltikum nicht auf die Beine kommt In der Champions League oder der Euro League sucht man nach Mannschaften aus dem Baltikum vergebens. Im Teilnehmerfeld der großen… Weiterlesen

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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0

Buchbesprechung: Dominic Bliss – Erbstein

The Triumph and Tragedy of Football’s Forgotten Pioneer

Die Fußballgeschichte der Zwischenkriegszeit hat ein neues Kapitel. Ernö Erbstein war seiner Zeit weit voraus und Dominic Bliss hat dieses neue Kapitel verfasst. Dabei konnte er auf viele Zeitzeugen zurückgreifen, so zum Beispiel hatte er Zugang zum Archiv der Familie sowie den Töchtern Erbsteins, Susanna und Marta. Hinzu kommen eine Reihe von Sportjournalisten, um das Bild abzurunden.

Ernö Erbstein war ein begabter, kein herausragender Verteidiger im Ungarn des frühen 20. Jahrhunderts. Seinen Namen machte er sich durch seine kompromisslose Spielweise. Das führte sogar so weit, dass nach einer Tätlichkeit Erbsteins einmal die Polizei anrücken musste. Er erreichte ebenso viele Spaltenmillimeter in den Sportteilen der Zeitungen wie die ungarischen Nationalspieler, schreibt Bliss. Erbsteins Geschichte ist ein Abbild der europäischen Geschichte. Als Jude war er ständigen Anfeindungen ausgesetzt, was ihn nach Italien führte. Dort erhielt er als ausländischer Spieler 1928 Berufsverbot, was ihn zwangsweise Trainer werden ließ. Eine glückliche Fügung, wie sich später herausstellen sollte. Weitere 10 Jahre später erhielt Erbstein aufgrund seines jüdischen Glaubens auch als Trainer Berufsverbot.

Ganz Italien wurde 1938 anti-semitisch? Nein! Eine große Stadt im Norden verweigerte den Faschisten Gehorsam und Ernö Erbstein fand Arbeit bei AC Torino. Ein Jahr später war er dann dennoch gezwungen, Italien zu verlassen. Ein Austausch der Trainer zwischen Roda Kerkrade und Torino, eingefädelt von Torinos Präsident Novo. Leider kam es nicht dazu, denn Erbsteins Zug wurde in Deutschland gestoppt und die ganze Familie in ein Lager in Kleve gebracht. Mit Glück und Bestechung konnte Erbstein seinen Clubpräsidenten per Telefon über seine Lage informieren. Ohne zu zögern beschwerte sich dieser in diplomatischen Kreisen. Ungarn und Italien waren Verbündete des Deutschen Reiches und somit standen die Aussichten auf Erfolg günstig. Die Erbsteinfamilie konnte zurückkehren nach Budapest, wo die Situation sich seit den 20er Jahren, als Erbstein seine Heimat verließ um in Italien als Profi zu spielen bzw. dem alltäglichen Antisemitismus zu entgehen, dramatisch verschlechtert hatte.

Zurück in Budapest war an Fußball nicht zudenken; das Überleben einer vierköpfigen Familie musste organisiert werden. Er arbeitete mit seinem Bruder bis 1944 in dessen Textilunternehmen, als die deutsche Besatzung die Familie in höchste Gefahr brachte. Bliss erzählt diese Periode sehr spannend und in der Tat entwickelt sich die Geschichte wie ein Krimi, bei dem viel vom Timing abhängt. Das ist einer der starken Punkte dieser Biografie. Bliss erwähnt viele Details, verliert sich aber nicht darin und hält den Leser bei der Stange. Es kommt keine Langeweile auf.

Nach dem Krieg geht Erbstein zurück nach Turin und beginnt erneut seine Arbeit bei Torino. Er fand vieles nach seinem Gutdünken vor, denn er und sein Präsident Novo schafften es bis auf wenige Ausnahmen, von 1939 bis 1945 in Kontakt zu bleiben. So arbeite Erbstein zunächst als technischer Direktor eher im Hintergrund, bevor er 1946 auf der Trainerbank Platz nahm. Zu dieser Zeit hatte Torino bereits zwei konsekutive Scudetti gewonnen, die letzte Meisterschaft während des Krieges und die erste Nachkriegsscudetto; bis 1949 sollten noch drei weitere folgen und aus Torino “Il Grande Torino” werden.

Allein diese Geschichte ist es wert aufzuschreiben. Nimmt man das Fußballerische hinzu, bleibt festzuhalten, dass Erbstein ein Pionier und seiner Zeit voraus war. Er legte Wert auf ein gepflegtes Kurzpassspiel mit dem Mittelfeld seiner Mannschaften als Herz und Motor auf dem Platz: tiki-taka wurde also schon im Italien der 30er und 40er Jahre gespielt! Wiederholt verpflichtete er Spieler, deren Karrieren einen Knackpunkt erlitten hatten oder die politisch in Ungnade gefallen waren.

Symptomatisch hierfür waren Aldo Olivieri und Bruno Scher. Ersterem wurde nach einer Kopfverletzung davon abgeraten, jemals wieder zwischen die Pfosten zurückzukehren. Erbstein ignorierte den medizinischen Rat und kontaktierte Olivieri. Dieser hatte nur auf ein solches Angebot gewartet! Um seine Agilität zurückzugewinnen wurde “die magische Katze” zum Tanzunterricht geschickt. Als Tanzpartnerin hatte er Erbsteins Tochter Susanna. Es zahlte sich aus. Olivieri wurde 1938 Weltmeister und wird mit  Dino Zoff und Gigi Buffon in einem Atemzug genannt. Ebenso wenig scherte Erbstein sich um politische Ansichten. Bruno Scher, ein Defensivspieler, den Erbstein sehr schätzte, wurde aufgrund seiner kommunistischen Einstellung zur persona non grata. Das hinderte den Trainer nicht daran, Scher zu verpflichten. Ein anderer Bruno, Neri, kämpfte auf Seiten der Partisanen und wurde im Juni 1944 von deutschen Soldaten getötet. Das Stadion seiner Heimatstadt Faenza trägt seit 1946 seinen Namen.

Im Mai 1949 flog Torino nach Lissabon, um dort gegen Benfica zu spielen. Anlass war das Abschiedsspiel von Benficas Francisco Ferreira. Das Spiel endete 4-3 für Benfica und es war das letzte Spiel für Torino. Auf dem Rückflug zerschellte das Flugzeug an den Stützmauern der Basilika von Superga in den Bergen über Turin.

Dominic Bliss hat mit Hilfe von Zeitzeugen, Zeitungsberichten sowie den Archiven der Töchter Erbsteins, Susanna und Marta ein wichtiges Kapitel der Fußballgeschichte geschrieben. Einzige Kritikpunkte sind die doch hohe Zahl an Tippfehlern sowie die Tatsache, dass die Seitenzahlen im Index mit denen im Buch nicht übereinstimmen. Aber das sollte den geneigten Leser nicht von der Lektüre abhalten.

Autor: Christoph Wagner

Dominic Bliss: Erbstein: The triumph and tragedy of football’s forgotten pioneer. Sunderland: Blizzard Media Ltd. Das Buch ist als eBook bei Amazon erhältlich und kann sowohl in Print als auch digital direkt über The Blizzard bezogen werden.

Dominic Bliss ist Journalist und Redakteur und schreibt u.a. für The Blizzard und The Inside Left.

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Hoch-professionelle Fußball-Romantik

Die 3. Liga startet mit der Saison 2015/2016 in ihre nunmehr achte Spielzeit und scheint sich inzwischen als dritte deutsche Profiliga weitgehend etabliert zu haben. Erstmals seit ihrem Bestehen weist sie außerdem acht ehemalige DDR-Oberligisten aus, die 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal in einer Profiliga um Punkte kämpfen. Hinzu kommen Traditionsvereine wie der SC Preußen Münster oder der SC Fortuna Köln – man könnte also meinen, dass die 3. Liga 2015/2016 interessanter und relevanter ist denn je. Der Frage, ob dem wirklich so ist, versuchen wir im folgenden Beitrag auf den Grund zu gehen.

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Autorengeplauder – FC United of Manchester

120minuten-Mitstreiter Christoph widmet sich in unserem aktuellen Longread dem Phänomen FC United of Manchester und steht unter dem Hashtag #120fcum

am Dienstag, den 07. Juli 2015 ab 20 Uhr

im Autorengeplauder auf Twitter zu seinem Text Rede und Antwort. Diskutiert mit und verfolgt die Diskussion gern auch hier im Blog. Wir freuen uns auf eine spannende Unterhaltung!


Filmbesprechung: “Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB”

Zugegeben, so richtig wusste ich nicht, was mich wohl erwarten würde, als die silberne Scheibe im Laufwerk des Blu-ray-Players verschwand und die ersten Bilder des Films von Jan-Henrik Gruszecki, Marc Mauricius Quambusch und Gregor Schnittker über die Mattscheibe flimmerten. Ein Film über den BVB, okay, soviel wusste ich. Und irgendwas mit ‚Wurzeln’, ‚Gründungsgeschichte’, ‚Dokumentation’ und ‚Crowdfunding’. Ansonsten aber war ich eher skeptisch, ob mich eine Dokumentation über die Dortmunder Borussia tatsächlich wird fesseln können und was man über die sympathischen Ruhrpottler wohl noch so erzählen kann, was man nicht ohnehin schon wusste. In einer Kneipe gegründet. Rote Erde. Gelbe Wand. Scheiß S04. Und Franz wer?

Es ging also los und ich fing an, mir eifrig Notizen zu machen – nur um etwa 25 Minuten später festzustellen, dass ich meinen Zettel und meinen Stift inzwischen total vergessen hatte und völlig im Film versunken war. Außerdem hatte ich bis dahin schon gelernt, was es mit diesem Herrn Jacobi auf sich hat und dass Borussia Dortmund in zwei Punkten erstaunliche Parallelen zu meinem eigenen Herzensverein aufweist: Der Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966, also in dem Wettbewerb, den auch mein Team acht Jahre später gewinnen sollte, war der erste Europapokalsieg einer westdeutschen Mannschaft überhaupt. Angetreten war man gegen den FC Liverpool als deutlicher Außenseiter – und gewann trotzdem. Solche Geschichten sind also offenbar nicht nur an der Elbe, sondern auch am Borsigplatz der Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden.

Originalaufnahmen ebenjenes Spiels in Glasgow dienen den Filmemachern direkt zu Beginn denn auch als Aufhänger, den Protagonisten ihres Werkes einzuführen: Den schon mehrfach angesprochenen Franz Jacobi, der als zentrale Figur bei der Gründung des Ballspielvereins Borussia 09 aus Dortmund gilt und mit dem Europapokalsieg wohl sein Lebenswerk gekrönt sah. Gruszecki, Quambusch und Schnittker aber fragen sich in diesem Zusammenhang: „Wo liegen die Wurzeln des Clubs – unsere Wurzeln?“ und setzen damit gleich einen Grundton, der den ganzen Film bestimmt. „Am Borsigplatz geboren“ ist vor allem die in bewegte Bilder gegossene Antwort auf diese Frage von Fans für Fans, wobei es der Geschichte aber schnell gelingt, auch fußball- und geschichtsinteressierte Nicht-BVBler wie mich in ihren Bann zu ziehen.

Großen Anteil daran haben zum einen die hervorragend ausgewählten Interviewpartner und Zeitzeugen (in dem Sinne, dass sie Franz Jacobi noch kennengelernt haben), denen man ihre Authentizität und ihre Verbundenheit mit dem Verein zu jedem Zeitpunkt absolut abnimmt und zum anderen die abwechslungsreiche Gestaltung des Films: Der Besuch von Original-Schauplätzen, Interviewsequenzen, vor dem Auge des Betrachters entstehende Sandmalereien, die mit Original-Zitaten Jacobis kombiniert werden und nachgespielte Szenen aus den Anfangsjahren der Borussia wechseln sich ab und tragen den Zuschauer in einer Weise durch den Film, die an keiner Stelle Langeweile aufkommen lässt. Was außerdem äußerst positiv auffällt: Den Geschichten, die unbedingt erzählt werden müssen, wird in ihrer jeweiligen Länge ebenso angemessen Raum gegeben wie Nebensträngen, die Zusatzinformationen und Rahmendaten liefern.

Eine dieser zentralen Geschichten ist der große Konflikt zwischen der katholischen Kirche in Person von Kaplan Dewald und den Gründungsvätern des Vereins – ein Aspekt, der mir bis dato ebenso unbekannt war wie die ziemlich großartige Tatsache, dass der Club seinen Namen einer Brauerei zu verdanken hat. Und das auch nur, weil in der hitzigen Diskussion um die Vereinsgründung niemand so recht an einen Namen für das Kind gedacht hatte und nun im „Wildschütz“, dem Gründungslokal, zufällig ein Schild der Borussia-Brauerei an der Wand hing. Auch die Erinnerungsarbeit kommt nicht zu kurz, als es darum geht, wie der Ausbruch des Ersten Weltkrieges natürlich auch den Club und das Vereinsleben massiv beeinflusste. Allerdings findet sich hier, wenn man denn unbedingt meckern muss, vielleicht auch die einzige kleine Schwäche im Film – die Inszenierung der Namen derjenigen, die im Krieg geblieben sind, hatte für mich als Nicht-Borusse dann doch eine Spur zu viel Pathos. Trotzdem hatte ich in der nachgestellten Szene mit einem der Dortmunder Gründungsväter im Schützengraben, der eine von ihm auf die Borussia umgemünzte Liedzeile singt, möglicherweise tatsächlich ein Tränchen im Auge. 

Wem kann man „Am Borsigplatz geboren“ also nun empfehlen? Dass der Film für alle, die es mit den Dortmundern halten, zum absoluten „Musst-Du-gesehen-haben“-Programm gehört, muss man sicher nicht extra erwähnen. Aber auch all denjenigen unter uns, die sich für die Geschichten hinter der Geschichte und für die Historie unseres Lieblingssports im Allgemeinen interessieren, sei der Film ans Herz gelegt. Und denjenigen, die liebevoll gemachte, sensationell gut recherchierte, ehrliche und mit viel Herzblut umgesetzte Fußball-Dokus lieben, denen sowieso.

Autor: Alex Schnarr

Hier geht es zur Homepage des Filmprojekts.

Der Film wurde uns von den Machern auf unsere Anfrage hin freundlicherweise zur Besprechung zur Verfügung gestellt.