Alle Artikel von Alex Schnarr

Die EM und ich

oder: Über die Sucht

Autor: Alexander Schnarr, nurderfcm.de

In Teil 2 unseres EM-Rückblicks beschreibt Christoph, der in Paris lebt, seine Eindrücke von der Euro vor der Haustür – seine Euro-Notizen könnt ihr hier lesen.

Mein Name ist Alex und ich bin ein Junkie. Ein Fußballjunkie. Und: Ich habe versagt. Gründlich, vollständig und auf ganzer Linie. Ein kritisches, alternatives EM-Tagebuch wollte ich schreiben. Dokumentieren, wie es sich im Schland-Wahn lebt, wenn man versucht, sich dem UEFA-Festival der Unmöglichkeiten, das auch “Fußball-Europameisterschaft 2016” heißt, vollständig zu verweigern. Die Zeit einfach sinnvoll nutzt, anstatt jeden verdammten Abend vor dem Fernseher zu sitzen und sich so illustre Paarungen wie Island-Ungarn anzuschauen. Und nein, ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob es diese Paarung überhaupt gab.

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Besprechung: “Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten” (Ralf Heck)

Wer Begriffe wie “Gezi-Park” oder “Tahrir-Platz” hört, wird, sofern er oder sie in den letzten Jahren nicht völlig abgeschottet gelebt hat, vermutlich sofort an Konflikte, Ausschreitungen und das Aufbegehren von Menschen gegen die herrschenden Strukturen denken. Was einem tatsächlich aber auch in den Sinn kommen könnte, sind aktive Fußballfans, die bei Protesten wie denen in Istanbul oder Kairo mitunter eine wichtige Rolle gespielt haben. Genau diesen Aspekt beleuchtet Ralf Heck in seinem 2015 in der Zeitschrift “Kosmoprolet” erschienenen, 45seitigen Beitrag und schreibt einleitend:

“Der folgende Text versucht zu erklären, wie dieser oft im besten Fall als völlig unpolitisch oder kommerzabhängig bewertete Akteur [gemeint sind Ultras, AS] entstehen konnte und wie sein Wirken in den Klassenkämpfen einzuschätzen ist. Denn wenn es stimmt, dass wir uns gegenwärtig an der Schwelle zu einer neuen Epoche befinden, dann spricht einiges dafür, dass Teile dieses Milieus in den kommenden Revolten eine Rolle spielen werden.” (S. 159)

Die Wortwahl mag eigen erscheinen, erschließt sich aber über die Zeitschrift, in der der Beitrag veröffentlicht wurde und die am deutlich linken Ende des Medienspektrums einzuordnen ist. Lässt man die so notwendigerweise vorhandene politische Färbung beim Lesen des Textes außen vor, geht es aber vor allem um einen Überblick über die Wurzeln und die Entwicklung der Ultra-Bewegung und eben die Frage, in welcher Weise und Funktion organisierte Fußballfans bei verschiedenen gesellschaftspolitischen Protesten sichtbar wurden.

Dafür sucht Heck zunächst nach Zusammenhängen zwischen der Arbeiterklasse und dem Fußballsport, die sich, wie er anschaulich darstellt, bis ganz an die Anfänge des Spiels am Ausgang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Es schließt sich ein längerer, äußerst aufschlussreicher Abschnitt über die Entwicklung des Hooliganismus in England an, woran bereits früh eine ausgesprochene Stärke des Textes deutlich wird: Sämtliche Ausführungen zur Entstehung bzw. Entwicklung von Phänomenen und Gruppen werden immer zu den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Beziehung gesetzt. Abschnitte wie der nachfolgend zitierte rufen dabei schmerzlich in Erinnerung, dass Aspekte, die man als engagierter Fan heutigentags beklagt, alles andere als neu oder unbekannt sind:

“Ab Mitte der 1970er Jahre nahmen die Auseinandersetzungen zu. Vor allem gegen zu Auswärtsspielen reisende Fans ging die Polizei mit immer größerer Gewalt vor und trug so zu einem aufgeheizten Klima bei. Auch die Medienberichterstattung (viele Zeitungen publizierten Ligatabellen der Fangewalt und befeuerten so einen veritablen Ausschreitungswettbewerb) leistete ihren Beitrag dazu, dass sich immer mehr Jugendliche einer Bewegung anschlossen, bei der ihnen Spaß garantiert war.” (S. 167)

Wie sich Geschichte doch wiederholt…

“Prekäre Arbeiter, Schüler und unbeschäftigte Intellektuelle: Ultras in Italien” lautet dann ein Abschnitt des Textes, der für die heutige Ultra-Bewegung eigentlich Pflichtlektüre sein müsste, was für den nachfolgenden Teil zu “Ultramythen. Gemeinsamkeiten und Grenzen” ebenso gilt. Nicht nur stellt Heck überzeugend dar, aus welchen Beweggründen und vielerorts sicher auch Zugzwängen heraus sich Ultra in Italien entwickelte, er kritisiert vor dieser Hintergrundfolie auch – meines Erachtens zu Recht – bedenkliche Tendenzen, die man heute in so mancher Kurve feststellen kann. So hält er beispielsweise im Zusammenhang mit der gern genommenen und “zum Standardrepertoire gehörende[n] Kritik am passiven, konsumierenden Fan” fest: “Die Kritik verkommt zur Pseudo-Aktivität, wenn der erkämpfte Freiraum in der Kurve nicht Ausgangspunkt einer weitergehenden Revolte wird, sondern selbstreferenziell bleibt und damit im besten Falle an den schlimmsten Auswüchsen der Fußballindustrie herumkrittelt.” (S. 180) Gute Worte, die in der das Thema betreffenden Debatte leider im Schwarz-Weiß-Grundrauschen viel zu selten zu hören sind.

Mit einem (allerdings zur Hinführung notwendigen) ‘Anlauf’ von etwas mehr als 20 Seiten kommt Ralf Heck schließlich zum eigentlich als Kern seines Beitrags angekündigten Teil, in dem er sich mit der Entwicklung der Ultra-Bewegung in Ägypten, mit den “Hippie-Hools vom Gezi-Park” in Instanbul und mit den aktiven Fans in der Ukraine unter dem Titel “Vom Maidan an die Front” auseinandersetzt. Ohne an dieser Stelle bereits zu viel verraten zu wollen, eröffnen die Ausführungen eine spannende Perspektive auf die Rolle dieser Gruppen, die in der ‘regulären’, fußballbezogenen Berichterstattung oft genug nur eindimensional und häufig problembehaftet dargestellt werden und für die in Beiträgen über verschiedene internationale Krisenherde (wie den genannten) häufig genug überhaupt kein Platz ist.

Die Frage, ob die entsprechenden Aktivitäten der Ultras nun als Eigentor oder Aufstand zu beurteilen sind, reflektiert Heck im abschließenden Teil seines Textes. Dem Verfasser gelingt mit dem Beitrag insgesamt und abseits des einschlägigen politischen Vokabulars eine hervorragende Diskussion der eingangs aufgeworfenen Fragestellung, die in jedem Fall zum Nach- und Weiterdenken anregt. “Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten” richtet sich damit an alle, die auch abseits der spieltäglichen Fußballfolklore an Fankultur interessiert sind. Ein großartiger Text, der eine breite Leser*innenschaft verdient.

Ralf Heck (2015): Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten. In: Kosmoprolet, Heft 4, S. 158-203. Bezug über Syndikat-A.

Zur Besprechung des Textes wurde uns vom Autor freundlicherweise ein Exemplar des Heftes zur Verfügung gestellt. (as)

Ökonomie des Fußballs

Dass der Fußball die Massen bewegt, liegt auf der Hand. Dass unser aller Lieblingssport auch allerlei Stoff für interessante wissenschaftliche Fragestellungen und Untersuchungen bietet, mag den einen oder anderen dagegen erstaunen. Justus Haucap mit einer lesenswerten Kolumne für das Onlinemagazin des Stifterverbandes, der man unter anderem entnehmen kann, dass sich die Attraktivität eines Fußballspielers positiv auf sein Gehalt auswirkt und was es mit Big Data im Fußball-Geschäft auf sich hat.

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Buchbesprechung: “Damals auf dem Waldsportplatz…”

Wer an das mittelhessische Gießen denkt, einigermaßen sportbegeistert ist und nicht aus der Gegend kommt, dem werden vermutlich zuerst die BBL-Basketballer der Gießen 46ers einfallen. Mit Fußball bringt man die Stadt – zumindest überregional – nicht unbedingt sofort in Verbindung, und das, obwohl mit dem “ewigen Hessenligisten” VfB 1900 ein ausgewiesener Traditionsverein dort beheimatet ist. Man dribbelte nicht nur von 1951 bis 1982 durchgängig in Hessens höchster Spielklasse (der heutigen 5. Liga) auf, sondern maß sich in dieser Zeit im heimischen Waldstadion auch mit Mannschaften wie dem SV Darmstadt 98 oder dem FSV Frankfurt im Punktspielbetrieb. Uwe Bein (1997-1998) schnürte einst für die Mittelhessen die Töppen, ein gewisser Sonny Kittel begann dort seine fußballerische Ausbildung und mit Matthias Hagner stand 2011/2012 sogar ein Ex-Bundesliga-Spieler als Trainer an der Seitenlinie.

Dass es beim VfB 1900 viel um die Vergangenheit geht, kommt nicht von ungefähr, liegen die großen Zeiten doch deutlich hinter dem Club, heißt die Realität heute Verbandsliga und tragen die Gegner Namen wie FV 09 Breidenbach, TUS Dietkirchen oder TSG Wörsdorf. Derzeit ist man dabei, eine neue und deutlich günstigere Mannschaft aufzubauen als die, die 2015/2016 lange um den Aufstieg in die Hessenliga mitspielte. Der Grund: Ein spürbar kleinerer Etat, nachdem in der Winterpause (mal wieder) Gerüchte über finanzielle Probleme die Runde machten, man sich nunmehr auf die gute Jugendarbeit und Spieler aus der Region mit einem hohen Identifikationspotential konzentrieren wolle.

Um die Fußball-Vergangenheit Gießens im Allgemeinen und die Geschichte des VfB 1900 im Speziellen geht es auch in Christian von Bergs 336 Seiten starken und ausgiebig bebilderten Werk “Damals auf dem Waldsportplatz…”, das deutlich mehr ist als einfach nur eine Chronik über einen Verein, der 1963 Landesmeister war und seit mehr als 30 Jahren versucht, sich auf die überregionale Fußballlandkarte zurück zu arbeiten. Wenn der Autor die Geschichte des schönen Spiels in Gießen bis in die 1950er Jahre nachzeichnet, die Zeit in der Hessenliga ausgiebig würdigt, Hessenauswahl-, Pokal- und Freundschaftsspiele bespricht und den Weg des Clubs nach 1982 aufzeigt, erfährt man immer auch etwas über die Stadtgeschichte, die Form der Sportberichterstattung in den einzelnen Jahrzehnten und darüber, wie eng der Fußballsport auch auf regionaler Ebene mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden sein kann. Von Berg, selbst gebürtiger Gießener, lässt in seine Darstellungen nämlich immer wieder Auszüge aus Spielberichten, Zeitzeugenaussagen und jede Menge Archivmaterial einfließen. Im Zuge der Aufarbeitung der Gießener Fußball- ist damit auch gleich ein äußerst interessantes Buch zur Regionalgeschichte entstanden, indem beispielsweise im über 100 Seiten starken Abschnitt zur Hessenliga-Zeit der Rückblick auf jede Spielzeit stets mit einem kurzen Schwenk darauf beginnt, was in jenem Jahr in Gießen und umzu sonst noch so wichtig war.

In ebenjener Verbindung von Stadt- und Fußballgeschichte liegt dann auch eine der Stärken des Werkes, wodurch es sich von manch anderer ‘reiner’ Vereinschronik deutlich unterscheiden dürfte. Eine andere liegt in der umfangreichen Darstellung des Spielbetriebs zwischen den Kriegen und während der NS-Zeit, über die man nicht nur einen guten Einblick in die Rolle des Sports in diesem eher düsteren Abschnitt der deutschen Geschichte erhält, sondern quasi nebenbei auch noch Wissenswertes darüber lernt, wie die politischen Verhältnisse und das Kriegsgeschehen die Ligenstrukturen und -zusammensetzungen immer wieder durcheinander wirbelten und wie es gerade auch der Fußball war, der den Gießenern nach der schlimmen Zerstörung der Stadt wieder ein wenig Hoffnung, Mut und Zerstreuung gab.

Auch wenn der Autor an der einen oder anderen Stelle etwas zu sehr ins Detail geht und – als Beispiel – der Mehrwert detaillierter Mannschaftsaufstellungen in Anekdoten über einzelne Spielzeiten und Begebenheiten nicht sofort ersichtlich ist, ist das Buch alles in allem interessant geschrieben und bietet auch Leserinnen und Lesern, die möglicherweise nicht aus dem mittelhessischen Raum stammen, ein anregendes Leseerlebnis. Empfohlen sei “Damals auf dem Waldsportplatz…” damit all jenen, die sich für die Entwicklung des Fußballs in Deutschland vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts bis heute interessieren und dabei nicht nur die großen Linien, sondern insbesondere auch den lokalen und regionalen Bereich in den Blick nehmen wollen. Auch Anhänger des Amateurfußballs kommen deutlich auf ihre Kosten, erzählt von Bergs Buch am Beispiel des VfB 1900 Gießen doch die Geschichte und die Entwicklung eines Traditionsvereins mit allen ihren Höhen und Tiefen, wie sie sich so oder so ähnlich mit einiger Sicherheit auch in anderen Regionen zugetragen haben könnte.

“Damals auf dem Waldsportplatz… Der VfB 1900 und der Fußball in Gießen” von Christian von Berg ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet im Hardcover 24,90 €. Bezogen werden kann das Buch unter anderem direkt über die Verlags-Homepage. (as)

Max-Jacob Ost – Mein Fußball-Medien-Menü XII

jacob

Wer sich für Fußball interessiert und gern Podcasts hört, kennt selbstverständlich den Rasenfunk. Und damit auch Max-Jacob Ost, der Woche für Woche als Moderator durch die Sendungen führt, in denen es darum geht, mit gleichermaßen kompetenten wie sympathischen Gästen den jeweils letzten Bundesliga-Spieltag zu besprechen. Auch außerhalb der Podcast-Szene ist Max-Jacob Ost in den Weiten des Internets unterwegs – auf Twitter zum Beispiel oder als Berater für Unternehmen und Agenturen im digitalen Bereich. Mehr Informationen gibt es auf maxost.de.

Max-Jacob Ost

Max-Jacob Ost

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Wie gerne würde ich jetzt schreiben: Der tödliche Pass, Transparent, Ballesterer, The Blizzard, 11Freunde und FourFourTwo. Die Wahrheit ist: Nichts von alledem. Mir entgehen grandiose Geschichten und toller Journalismus. Allein, mir fehlt leider derzeit absolut die Zeit für Zusatzlektüre zum täglichen Pensum. Und inzwischen bin ich so versaut, dass ich alles digital in Armlänge dabei haben muss, sonst wird es nicht konsumiert. 

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Das Reboot von Raphael Honigstein ist hervorragend, ich bin gespannt auf die deutsche Übersetzung. Dann habe ich das Privileg, das Erstlingswerk von Tobias Escher (spielverlagerung.de) schon vorab lesen zu dürfen und bin mehr als angetan. 

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

Twitter und Facebook sind die wichtigsten und einzigen Quellen. Was gut ist, schwimmt in der Timeline so oft vorbei, dass ich es trotz aller anderen Dinge nicht übersehen kann und dann auch gerne schnell weglese. Der Feedreader liegt leider seit Urzeiten brach und selbst blendle hat mein Leseverhalten nicht verändern können. Trotz der wirklich netten Mails, die sie mir immer mit Empfehlungen schicken.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Eines vorweg: Ich habe Germanistik im Hauptfach studiert und eine große Liebe zu Büchern, am liebsten schön gebunden und nach dem Bücherregal meiner Eltern duftend. Doch diese Begeisterung konnte mit meinem Alltag nicht mehr Schritt halten. Wenn ich nun Zeit für Texte habe, dann meist im Dunkeln wenn nicht nur Smartphone sondern auch meine Zwillinge nur eine Armlänge entfernt sind. Eltern kennen das: Es gibt beim zu Bett bringen irgendwann eine reine Präsenzzeit. Man darf den Raum nicht verlassen, aber Singen oder beruhigend Zureden hält die Kinder mehr wach als es sie zum Schlafen bringt. Das sind für mich die Momente, in denen ich lese. Am Smartphone, in der Kindle-App (weiß auf schwarz, das ist dann nicht zu hell). Etwas traurig zwar, aber besser als im Sitzen einzuschlafen und mit den Kinderbettstäben als Abdruck auf der Stirn wieder aufzuwachen. Auch schon passiert. Mehrmals. 

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Ha! Da habt ihr eine Büchse der Pandora geöffnet. Was viele nicht wissen, weil es eigentlich auch nicht interessant ist, ich habe meine Magisterarbeit zum Fußball in der deutschsprachigen Literatur nach der WM 2006 verfasst. Dafür durfte ich mich in Primärliteratur wälzen und das habe ich voll ausgekostet. Fast unmöglich, sich hier zu beschränken, aber ich versuche es. Meine Top 5:

Otto A. Böhmer: Wenn die Eintracht spielt

Wer den Fußball als literarisches Objekt erlesen möchte, muss zu Böhmer greifen. Handke, Ror Wolff, Friedrich Christian Delius, alles schön und gut. Bei ihnen allen stört mich aber, dass der Metapherraum des Fußballs nur oberflächlich genutzt wird. Selbst Handke kratzt da meiner Meinung nach nur recht offensichtlich an der Schale. Böhmer hat mich dagegen bei jeder Lektüre gepackt. Der Fußball spielt hier eine literarische Rolle und das auf vielen Ebenen. Keine Ahnung, warum sonst nie jemand von diesem Buch spricht. Ich finde es grandios und habe es schon mehrmals verschenkt. 

Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig

Fast in einer Liga mit der Bedeutungstiefe von Böhmer, aber ein bisschen mehr auf die zwölf was die Metaphorik angeht. Die Bezüge zum Fußball sind leicht erkennbar und machen Spaß. Trotzdem sind sie nicht trivial und brechen manchmal andere Themenfelder auf. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Bezüge zur Kindheit des Protagonisten und seinem Hausmeister im Stile eines Blockwarts. Tolles Stück Literatur. 

Bönt, Ostermaier, Rinke (Hg.): Titelkampf. Geschichten der deutschen Autoren-Nationalmannschaft

Eine Anthologie ist immer nur so gut wie ihr schlechtester Text. Hat Reich-Ranicki mal gesagt und dann ist das halt so. In diesem Fall nicht besonders schlimm, denn die Texte in diesem Buch sind gleichzeitig grundverschieden und großartig. Ich hab mich in einzelne von ihnen regelrecht verliebt, nur um mich Wochen später von den alten Lieblingen zu trennen und andere noch toller zu finden. 

Ronald Reng: Robert Enke

Was könnte man an aktueller Fußballliteratur alles nennen. Doch keinem Werk täte ich mehr Unrecht, indem ich es hier nicht auflistete. Beeindruckend, bewegend, wunderbar formuliert. Man steht staunend da, schluckt den Klos im Hals herunter und dankt dem Schicksal dafür, dass einer der besten Schreiberlinge intime Einblicke in eines der tragischsten Schicksale des modernen Fußballs hatte. Alles um den Tod Robert Enkes ist unfassbar und das bleibt es auch – doch es wird begreifbarer durch dieses Buch. Wichtiger noch, es regt zum Nachdenken an und schärft den Blick für die eigene Umwelt. Und damit kann aus dieser Tragödie doch noch etwas Gutes entstehen.

Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell

Wenige haben meiner Meinung nach den Fußball gedanklich so durchdrungen wie Theweleit im Tor zur Welt. Er stellt kluge Querverbindungen zu Kultur, Geschichte und Soziologie her und hebt trotzdem nie ab. Eigentlich kaum zu glauben, dass das geht. Ich habe genügend abgehobene Pamphlete für meine Magisterarbeit lesen müssen, um dieses Buch gerade für seine Einfachheit zu lieben. Schaue immer noch gerne, aber viel zu selten, rein.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Wieviel Platz haben wir? Ich dürfte inzwischen als Podcast-Süchtiger bekannt sein. Im Tribünengespräch habe ich mal ein paar vorgestellt, die Rasenfunk-Podroll wächst wöchentlich. Machen wir es so: Ich öffne Pocket Casts und nenne diejenigen, in die ich in den letzten vier Wochen mindestens einmal reingehört habe. Was ich nicht empfehlen würde, lasse ich weg:

  • Textilvergehen
  • Reingemacht
  • Football weekly
  • Sportradio360
  • Erfolgsfans
  • Damenwahl
  • Millernton
  • Analytics FC Podcast
  • Bohndesliga
  • Eintracht Frankfurt Podcast
  • Mia san Rot
  • Auf die Zirbelnuss
  • Collinas Erben
  • Glückauf Pils Podcast

Sorry an alle, die ich hier nicht nennen konnte. Hatte nicht mehr Zeit.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Als Ergänzung zur Vorbereitung auf die Rasenfunk Schlusskonferenz immer mal wieder, da ich von Spielen, die ich nicht über die vollen 90 Minuten gesehen habe, gerne mehr als eine Zusammenfassung sehe. Und immer wieder zieht es ein ganz klein wenig links in der Brust und ich wünsche mir, noch einmal wie früher alle Radios und Informationsquellen zu meiden und eine Sportschau zu sehen ohne die Ergebnisse zu kennen. Einmal wieder 12 sein. Wäre toll, ist aber dann doch nicht durchzuhalten.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Bewegtbild: 

Youtube: Last Week Tonight, The Late Show with Stephen Colbert, David Hain, Fynn Kliemann (derzeit Favorit), LeFloid, Marie Meimberg, Patrick Wollny

TV: RocketbeansTV, Neo Magazin Royale, Die Anstalt

Netflix: Brooklyn Nine Nine war die Entdeckung des letzten Monats

Generell bin ich sehr dankbar für vieles, was Correctiv.org macht und stalke ein paar Journalisten wie den @hatr.

Der Slackbot schickt mir außerdem tolle Tech- und Digitalnews, die bei Reddit, Hacker News o.Ä. viele Upvotes in kurzer Zeit kriegen (via Fastvoted https://fastvoted.com/?ref=producthunt). Und einmal am Tag kommt das Producthunt Update, durch das ich mich so gerne klicke. 

Podcasts:

  • Gästeliste Geisterbahn
  • Sanft und Sorgfältig
  • Die Medien Kuh
  • Reply All
  • The Mystery Show
  • Online Marketing Rockstars
  • Radio Nukular
  • Startup
  • Täter gesucht / Wer hat Burak erschossen / Serial

In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Vom Gentlemen- zum Arbeitersport: England und der moderne Fußball

„Moderner Fußball“ ist ein Schlagwort. Ein Schlagwort, das in Zeiten von wankendem 50+1, zunehmender Kommerzialisierung, zerstückelter Spieltage etc. vorwiegend negativ konnotiert ist. Aber war der Fußball vorher alt? Antik? Natürlich… Weiterlesen

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Propaganda in kurzen Hosen

Die WM 1978 in Argentinien fand in einer Militärdiktatur statt, die 30.000 Leben kostete. Die Gleichgültigkeit von Verbänden wie dem DFB stärkte das Selbstbewusstsein des Folterregimes, doch die internationale Aufmerksamkeit… Weiterlesen

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Offensive im Verborgenen

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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0

Buchbesprechung: Werner Skrentny – Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs

“Es war einmal…” – so beginnen ja in aller Regel Märchen. Als bekennender Stadionnostalgiker, der gern auch mal eine Stadtliga-Partie verfolgt, nur weil die Anlage, auf der sie stattfindet, schon etliche Fußball-Jahrzehnte auf dem Buckel hat, würde ich auch das von Werner Skrentny vorgelegte Werk durchaus als Märchenbuch bezeichnen. Es bezeugt – wie bereits der Untertitel verrät – ehemalige Spielstätten, auf denen Fußballgeschichte(n) geschrieben wurde(n), und das auf eine Art und Weise, die die geneigte Leserschaft eintauchen lässt in das Berlin der 30er oder das Essen und Neubrandenburg der 50er Jahre. Auch Arenen, die erst vor relativ kurzer Zeit neuen Wohnungen (Bökelberg-Stadion/Mönchengladbach) weichen mussten und/oder zugunsten eines Stadionneubaus anderswo aufgegeben wurden (Jahnstadion/Regensburg), sind im Buch zu finden; neben allerlei Detailinformationen zur Stadiongeschichte sind die einzelnen Beiträge stets garniert mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, sporthistorischen Anekdoten und: jeder Menge Bildmaterial.

Das Buch kommt dabei auch optisch eindrucksvoll daher: Hardcover, A4-Format, bunter Einband, 176 Seiten, dreispaltiger Text. Jener zeugt von viel Herzblut, akribischer Recherchearbeit und einer großen Leidenschaft für die ehemaligen Anlagen. Ein besonderer Mehrwert des Bandes besteht darin, dass sich in den nach Städten sortierten Beiträgen nicht nur bekannte Spielstätten wie das Berliner “Stadion der Weltjugend” wiederfinden, sondern (vorher zumindest mir) unbekannte Orte wie der VfR-Platz an der Hammer Landstraße in Neuss oder der Sportplatz am Gaskessel in Stuttgart. “Es war einmal ein Stadion” leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fußballkultur, die bekanntermaßen ja nicht in der Bewahrung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers besteht. So schreibt Skrentny denn auch im Vorwort: “Doch war dieses Buchprojekt auch Anlass, anderswo nachzusehen, wo weniger bekannte Spielstätten identitätsstiftende Wirkung hatten und geografische Landmarken darstellten.”

Das Werk besteht insgesamt aus zwei Teilen, wobei sich der Anhang noch einmal in vier eigene Abschnitte untergliedert: Neben verschwundenen Spielstätten von Aachen bis Zwickau auf den ersten 135 Seiten findet man im besagten Anhang weitere Arenen, die heute verschwunden sind und solche, bei denen am selben Ort neue Spielstätten entstanden. Noch einmal deutlich höher schlägt das Stadionnostalgiker-Herz zum Ende des Buches, wenn man nach reichlich Fußball-Geschichte bei den “legendären Holztribünen” angekommen ist, die in ‘noch vorhanden’ und ‘inzwischen verschwunden’ eingeteilt werden.

Doch, “Es war einmal ein Stadion” ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Fußballhistoriker*innen ist es ebenso zu empfehlen wie dem ganz normalen Fan, der sich für die Wurzeln des Fußballsports seiner Heimatstadt bzw. die ehemalige(n) Spielstätte(n) seines Herzensvereins interessiert oder der Anhängerin der guten, alten Fußballkultur, deren Blick über Multifunktionsarenen und Baukastenstadien hinausgeht und für die ein Kaltgetränk und eine Bratwurst im Leipziger Fortuna-Sportpark oder im Nobiskrug zu Rendsburg ebenso zu einem gelungenen Fußballnachmittag gehören können wie der Besuch in der hypermodernen <Hier Sponsorennamen einfügen>-Arena in München, Hamburg oder Dortmund. Kurzum: “Es war einmal ein Stadion” ist ein hervorragendes Werk, was in keinem fußball-affinen Bücherregal fehlen sollte.

Autor: Alexander Schnarr

Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs.
176 Seiten, Format A4, gebunden
ISBN 978-3-7307-0192-8
Preis: 24,90 Euro
Erschienen im Verlag Die Werkstatt

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Buchbesprechung: Paul Baaijens – MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London

17 Fußballspiele in 35 Tagen? Noch dazu im Mutterland des Fußballs, genauer: in der Millionenmetropole London? Und allesamt bei Vereinen, die mindestens in der League 2, der vierthöchsten Profispielklasse Englands an den Start gehen? Was sich anhört wie der kühne Traum eines jeden Groundhoppers, hat Paul Baaijens erlebt – und ein Buch darüber geschrieben. Der niederländische Überraschungserfolg “MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” ist nunmehr auch auf Deutsch erhältlich und 2015 beim Freiburger Verlag pretty good books erschienen.

Was als Besessenheit vom englischen Fußball begann und sich dann als Idee immer weiter verfestigte, nämlich einmal für einen längeren zusammenhängenden Zeitraum nach London zu reisen und dort vollständig in die Welt des (Profi-)Fußballs einzutauchen, ließ Paul Baaijens in der Saison 2013/2014 Wirklichkeit werden. Jedem der insgesamt dreizehn von ihm besuchten Fußballvereine ist ein eigenes Kapitel gewidmet, indem der Leserschaft durchaus humorvoll die kleinen und großen Geschichten präsentiert werden, die den jeweiligen Club und, besonders interessant, die jeweiligen Anhängerinnen und Anhänger ausmachen. Die einzelnen Texte sind dabei eine gelungene Mischung aus Vereinshistorie, Spielbericht, Randnotizen und Fangeschichten, die das Werk insgesamt nicht langweilig werden lassen.

Allerdings muss man dabei als Leserin bzw. Leser auch mit dem einen oder anderen skurrilen Exkurs leben: So erfährt man beispielsweise im Kapitel über Brentford nicht nur Interessantes über die englische Pub-Kultur (ein Thema, das sich übrigens durch das gesamte Buch zieht), sondern auch über Caroline: “Ihren Brustkorb zierten zwei prachtvolle Kugeln, während ihr Bauch verriet, dass sie mindestens zweimal in der Woche Pilates machte. Auch ihr Hinterteil war von Mutter Natur tadellos geschaffen worden.” Naja.

Überhaupt scheinen weibliche Personen in der Orientierung Baaijens in der Fußball- und Fankultur keinen besonders exponierten Platz einzunehmen, was unter anderem an seiner großen Verwunderung deutlich wird, bei Crystal Palace tatsächlich Frauen als echte Fans zu finden: “Ich fragte sie, wie sie zu diesem Verein gekommen sei. Wahrscheinlich war sie in diesem Viertel geboren und aufgewachsen und von ihrem Mann, Vater oder Opa mitgenommen worden. Das wäre nämlich die plausibelste Antwort für eine Frau.” (!) Das Buch richtet sich damit ziemlich deutlich an eine eher testosterongesteuerte Leserschaft.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Paul Baaijens insbesondere seine Begegnungen mit der Anhängerschaft der jeweils besuchten Vereine und deren Geschichten gut in den Reisebericht einbindet. Auf diese Weise erhält man nicht nur einen Einblick in den ‘Geist’ und die Besonderheiten englischer Proficlubs, sondern auch einen guten Eindruck von der Fankultur, die ebenso vielfältig ist wie die Stadt, in denen die Vereine zuhause sind.

“MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London” richtet sich vor allem an all diejenigen, die sich einen guten ersten Überblick über die Londoner Profifußballszene verschaffen und sich dabei gleichzeitig angenehm unterhalten lassen wollen. Für Anhängerinnen und Anhänger des literarisch eher anspruchsvollen Fußballbuches hingegen ist “MATCHDAYS” weniger empfehlenswert.

Autor: Alexander Schnarr

Paul Baaijens: MATCHDAYS – Eine besondere Reise durch die Fußballmetropole London. Freiburg: pretty good books, 2015.

250 Seiten, Paperback/Taschenbuch, 16,80 €. Das Buch kann hier direkt über den Verlag bezogen werden.

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Vom Gentlemen- zum Arbeitersport: England und der moderne Fußball

„Moderner Fußball“ ist ein Schlagwort. Ein Schlagwort, das in Zeiten von wankendem 50+1, zunehmender Kommerzialisierung, zerstückelter Spieltage etc. vorwiegend negativ konnotiert ist. Aber war der Fußball vorher alt? Antik? Natürlich… Weiterlesen

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Propaganda in kurzen Hosen

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Die andere WM

Bekanntermaßen findet alle vier Jahre die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Längst ist die Veranstaltung weit mehr als ein sportlicher Wettstreit der Auswahlspieler verschiedener Nationen; inzwischen werden Milliarden mit Infrastruktur- und Werbemaßnahmen umgesetzt  und die Partien mit riesigem medialem Aufwand begleitet. Die Top-Spieler sind fast schon selbstverständlich Fußball-Millionäre, die weniger bekannten Kicker hoffen über die Bühne “Fußball-WM” auf den großen Durchbruch und einen lukrativen Vertrag in einer der europäischen Topligen. Um als Fan dabei zu sein, muss man sich für Ticket-Verlosungen anmelden bzw. einen ‘Ticketantrag’ [PDF] stellen, nur um dann für einen halbwegs annehmbaren Platz, zum Beispiel  in einem Spiel der K.O.-Runde, ein kleines Vermögen hinzulegen. Was erstaunlicherweise aber kaum jemand weiß: Im Fußball gibt es noch eine andere Weltmeisterschaft. Eine, die jedes Jahr stattfindet, am jeweiligen Austragungsort eine große Anzahl an Zuschauer*innen begeistert und bei der es nicht einmal etwas kostet, die Spiele zu besuchen. Eine Weltmeisterschaft vor allem, bei der nicht der unbedingte Erfolg und definitiv nicht das große Geld im Fokus stehen, sondern ganz andere Werte. Die Rede ist vom Homeless World Cup, der Obdachlosen-Weltmeisterschaft im Straßenfußball.

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Tobias Escher – Mein Fußball-Medien-Menu VI

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Wer sich für Fußball und Taktik interessiert, dazu noch auf Twitter aktiv ist und möglicherweise gerade die Saisonvorschau-Folge des hervorragenden Rasenfunk-Podcasts gehört hat, der kennt auch Tobias Escher. Als einer der Köpfe hinter Spielverlagerung.de analysiert er aus taktischer Sicht vor allem die Bundesliga und die Auftritte der Nationalmannschaft; darüber hinaus versorgt er als freier Journalist unter anderem auch die 11Freunde mit seinen Analysen. Seitdem ein Teil des 120minuten-Redaktionsteams seinem Vortrag über “Taktik für Einsteiger” auf dem Hamburger #Fubacamp beiwohnte, besteht auch für  uns die Welt immer häufiger aus Dreiecken.

Tobias Escher

TOBIAS ESCHER

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Meine Tante, die auch als Journalistin arbeitet, fragte mich vor einiger Zeit, welche Print-Magazine ich lese. Sie selbst hat zig Zeitungen und Zeitschriften im Abonnement. Dementsprechend schockiert war sie, als ich gestand: Ich lese praktisch kein Print mehr. Den kicker habe ich noch immer abonniert. Wirklich lesen tue ich aber nur die Donnerstagsausgabe, um mich fit zu machen für das Bundesliga-Wochenende – Aufstellungen, Verletzungen, Konfliktlinien, so ein Zeug. Ansonsten kaufe ich mir die 11Freunde am Kiosk. Das war’s aber auch schon.

Neunzehntel meiner Leseaktivitäten habe ich an den PC verlagert. Als digitales Magazin lese ich regelmäßig den Blizzard. Statistiken klaube ich mir bei WhoScored zusammen. Fußballblogs, die ich nahezu täglich abarbeite, sind Spielverlagerung (man muss ja wissen, was die Kollegen schreiben), Miasanrot, Zonal Marking und Bundesliga Fanatic. Das sind die einzigen fußballbezogenen Webadressen, die ich tatsächlich in die Adresszeile meines Browsers eingebe. Texte in „klassischen Medien“ entdecke ich fast ausschließlich, indem ich auf Links klicke, sei es auf Twitter, Facebook oder bei Fokus Fussball.

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Meine Frau behauptet, „Aber“ sei mein Lieblingswort. Aber das stimmt natürlich gar nicht. Ernsthaft: Ich tue mich mit dem Wort „uneingeschränkt“ schwer. Es gibt praktisch keine Texte, an denen ich nichts zu mäkeln habe – und sei es nur, dass mir aus Sicht eines Korrekturlesers Grammatikfehler auffallen. Dem Ideal nahe kam zuletzt ein Interview mit Roger Schmidt, das Christoph Biermann für die 11Freunde geführt hat. Das war einer jener Artikel, bei dem ich mir selbst gedacht habe: „Den hätte ich selber gerne gemacht.“

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

News greife ich praktisch nur noch über Twitter auf. Ich käme nie auf die Idee, kicker.de oder Sport1.de für Nachrichten anzusurfen. Auch längere Texte entdecke ich oft bei Twitter. Manchmal werden mir auch Leseempfehlungen zugeschickt, bspw. von meinen Spielverlagerung-Kollegen. Ansonsten ist die Link11 von Fokus Fussball eine sehr gute Anlaufstelle – und das sage ich nicht nur, weil ich selber dort arbeite.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Fürs Drucken bin ich ein Jahrzehnt zu jung. Ich lese hauptsächlich am Laptop, unterwegs auch mal auf dem Tablet.

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Das beste Fußballbuch ist und bleibt die Enke-Biographie von Ronald Reng. Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt hat. Für mich als Taktiknerd war jedoch kein Buch so wichtig wie Jonathan Wilsons ‘Revolutionen auf dem Rasen’. Das Buch hat meine Leidenschaft für Fußballtaktik erst so richtig entfacht.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Ich bin kein Radiomensch. So überhaupt nicht. Es gelingt mir einfach nicht, mich 90 Minuten hinzusetzen und konzentriert einer Stimme zu lauschen; nicht einmal, wenn ich Zug fahre oder Laufen gehe. Das Medium Podcast ist daher fast vollständig an mir vorbeigerauscht. Bei Collinas Erben und dem Rasenfunk höre ich regelmäßig rein, aber immer nur in homöopathischen Dosen. Das hat nichts mit der Qualität der Podcasts zu tun, die ist herausragend. Ich bin einfach der falsche Ansprechpartner. Daher nehmen die Jungs von Spielverlagerung auch nicht gerne mit mir Podcasts auf. Ich dränge immer darauf, dass sie sich kurz fassen sollen, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sich irgendjemand mehr als zehn Minuten Taktikgelaber am Stück anhören mag.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Mit einem Freund hatte ich früher ein Ritual: Einmal im Jahr sind wir ins Stadion gefahren und haben den Besuch mit viel Bier begossen, um dann abends vor der Sportschau zu versacken. Da wir mittlerweile beide am Wochenende berufstätig sind, hat sich dieses Ritual leider erledigt. Bleibt festzuhalten: In den vergangenen acht Jahren habe ich fünfmal die Sportschau gesehen, und jedes Mal war ich voll. Anders wäre das für mich auch nicht auszuhalten. Fußball dauert 90 Minuten. Da kenne ich keine Kompromisse.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Meine klassische Morgenrunde beginnt bei Zeit Online und führt mich über The Escapist und Gamepro hin zu Filmstarts und abschließend zu Allesaussersport. Erst dann werden die Fußballblogs und Twitter abgearbeitet.

Nicht täglich, aber regelmäßig besuche ich zudem Sportsscientists.com (Sportwissenschaften), Chess24.de (Schach), das Altpapier (Medienkolumne) und Rezensionen für Millionen (Brettspiele). Neu dazugekommen ist vor einigen Wochen der Twitter-Account „The Greek Analyst“, der sich mit der Griechenlandkrise beschäftigt. Das ist der einzige Twitter-Account, den ich direkt ansurfe. Der einzige Podcast, den ich zumindest ab und an in voller Länge höre, ist Stay Forever, ein Podcast über alte Videospiele. Eine wilde Mischung, aber ich denke, man kann die Themen herausfiltern, die mir wichtig sind: Viel Sport, viel Nerdkram, ein bisschen Film und ein bisschen Politik.


In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


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Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0