Alle Artikel von Alex Schnarr

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR aufwachsen. Die im gleichen Viertel groß werden, sich aus dem Schutt des Krieges einen eigenen Fußballplatz an ihrer Straße bauen, dort die Spielansetzungen gegen die Teams aus den anderen Straßen an die Wände schreiben. Die schließlich als Klassenmannschaft 1954 den Titel des “Stadtmeisters der Magdeburger Schulen” erringen, um anschließend auf Bezirksebene erst im Finale zu unterliegen. Eine Handvoll Freunde, die nach der 8. Klasse geschlossen in einen Verein eintreten, dort die B-Jugend-Konkurrenz zwei Jahre lang nach Belieben dominieren und denen schließlich, als aus Jungen Männer werden, für eine Karriere im höherklassigen Fußball die damaligen Strukturen im Wege stehen. Einer dieser Jungs ist mein Vater. Das ist auch seine Geschichte.

Weiterlesen

Buchbesprechung: Ronny Blaschke – Gesellschaftsspielchen

Dass der Fußball längst ein Milliardengeschäft ist, in dem es mitunter ziemlich, naja, eigentümlich zugeht, wissen wir nicht erst seit Football Leaks, Geschichten über den nächsten aberwitzigen TV-Gelder-Deal oder Debatten um neue Anstoßzeiten, um endlich auch den enorm wichtigen Markt in Nordsüdwestost-Lampukistan gewinnbringend erschließen zu können. Die Summen, die im Profifußball bewegt werden, sind vom gesunden Menschenverstand längst nicht mehr zu greifen, die Zugzwänge, die dadurch in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung offenbar entstehen, sowieso nicht. Gleichzeitig treten Verbände, Akteure und Vereine gern auch mal als brave Samariter auf, werden Stiftungen gegründet, Charity-Events veranstaltet und klar, auch Entwicklungshilfeprojekte realisiert. “Recht so!”, würde man denken, weil es bei den Gewinnen, die der Sport augenscheinlich abwirft, eigentlich ja ein Leichtes sein sollte, der Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben. Die Frage ist dabei allerdings auch immer so ein bisschen, wie ernst es die Protagonisten mit ihrem Engagement wirklich meinen. Steht immer der soziale Gedanke im Mittelpunkt, oder dient Projekt X, Stiftung Y oder Initiative Z nicht vielleicht doch nur, überspitzt ausgedrückt, als Feigenblatt einer hochkorrupten Funktionärs- und Privilegierten-Elite?

Dem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Engagement im Fußball und potentiell heuchlerischen Maßnahmen, die eventuell ganz anderen Zwecken dienen, widmet sich Ronny Blaschke in seinem aktuellen Werk “Gesellschaftsspielchen”, das 2016 im Verlag Die Werkstatt aus Göttingen erschienen ist. In dem hervorragend recherchierten Buch gibt Blaschke in 18 Kapiteln, die auch gut für sich allein gelesen werden können, spannende und mitunter auch verstörende Einblicke in höchst unterschiedliche Aspekte des Themas. Liest man “Gesellschaftsspielchen” in einem Stück, fällt zunächst erst einmal die abwechslungsreiche Gestaltung auf: mal wird ein Ehrenamtlicher portraitiert, dann ein Projekt vorgestellt, ein Interview eingestreut, eine Stiftung kritisch hinterfragt oder eine Recherchereise dokumentiert. Ebenfalls auffällig: die Verknüpfung inhaltlicher Aspekte mit Hintergründen zu den Arbeiten am Buch selbst, aus denen man dann beispielsweise auch erfährt, wann Personen und Instanzen auf Interviewanfragen eben nicht reagiert haben. So erhält man nicht nur einen hintergründigen Einblick ins Thema, sondern auch in die Art und Weise, wie die “Gesellschaftsspielchen” im Profifußballgeschäft mitunter gespielt werden.

Auch wenn die einzelnen Kapitel notwendigerweise nur eine Auswahl möglicher Aspekte des Themas “gesellschaftliches Engagement im Fußball” darstellen können, wirken die Ausführungen ausgewogen. So wirft Blaschke beispielsweise einen kritischen Blick auf die widersprüchliche Gesellschaftspolitik des DFB oder die Medien als Katalysator und (Nicht-)Meinungsmacher in der Profi-Glitzerwelt, würdigt aber auch erfolgreiche Initiativen wie “Discover Football” oder “Champions ohne Grenzen”, blickt auf die gesellschaftlichen Aktivitäten von Bundesliga-Clubs wie Werder Bremen oder Mainz 05 und lässt politische (z.B. Claudia Roth), sportliche (z.B. Per Mertesacker) oder auf Funktionärsebene aktive Akteure (z.B. Reinhard Rauball) zu Wort kommen. Allgemeinplätze und glatt geschliffene 0815-Aussagen haben bei Blaschke keinen Platz, so werden Interviewpartner gern auch mal um konkrete Beispiele für allzu blumige Phrasen oder Ausführungen gebeten.

“Gesellschaftsspielchen” ist ein in allen Belangen wichtiges Buch. Es richtet sich an die über den reinen Fußballkonsum hinaus denkende, interessierte, kritische  Öffentlichkeit ebenso wie an Vereinsverantwortliche aller sportlichen Ebenen, Journalistinnen und Journalisten, ehren- oder hauptamtlich Engagierte und alle, die es vielleicht werden wollen. Darüber hinaus sei die Lektüre auch und besonders denjenigen ans Herz gelegt, die im Namen des Fußballs (sport)politische Entscheidungen treffen, sei es in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main oder anderswo.

Infos zum Buch
Ronny Blaschke: Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2016.
ISBN: 978-3-7307-0254-3.

Das Werk ist für 16,90 Euro in jedem gut sortierten Buchhandel und direkt über den Verlag erhältlich.
NB: Der Verlag hat uns freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

120minuten goes Audio!

Im letzten Blogpost machte sich Endreas Gedanken um die Frage, ob bzw. wann 120minuten zusätzlich zu den Longreads mit einem Audio-Format an den Start gehen soll. Seitdem ist bereits wieder einiges an Wasser die Elbe, die Lahn und die Seine heruntergeflossen und wurde hinter den berühmten Kulissen weiter fleißig herumüberlegt und an der Audio-Idee gewerkelt. Besonders Eure Meinungen als Leserinnen und Leser waren uns natürlich wichtig und so baten wir Euch um Feedback, ob und wenn ja, in welcher Form und Ausgestaltung Ihr Euch ein zusätzliches Format hier auf 120minuten.net wünscht. Und was sollen wir sagen? Aus dem Fragezeichen im Titel des letzten Blogposts ist inzwischen auch dank Eurer Rückmeldungen ein Ausrufezeichen geworden – wir starten in Kürze den 120minuten-Podcast!

Was haben wir darin vor? Nun, um ganz ehrlich zu sein: Einen 100%ig durchgestylten Plan haben wir noch nicht, dafür aber eine Idee. Einerseits soll es natürlich unsere vom Campusradio Dresden vertonten Texte zum Nachhören geben. Andererseits würden wir gern mit unseren Autoren über ihre Longreads ins Gespräch kommen und das Autorengeplauder, das es – mit überschaubarem Erfolg – bereits auf Twitter und Facebook gab, gewissermaßen vom Text- auf die Tonspur bringen. Analog der Texte, bei denen wir den Anspruch haben, in Ruhe hinter die eher schnelllebigen Themen zu schauen, die einem in der heutigen Zeit nahezu pausenlos präsentiert werden, interessieren uns im Podcast die Personen und Geschichten hinter den Geschichten.

Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet zu Thema xy einen längeren Text zu verfassen? Wie packt man ein größeres, komplexes, gegebenenfalls auch kontroverses Thema überhaupt an? Was passiert eigentlich beim Schreibprozess? Und welche Aspekte erscheinen lohnenswert, eventuell noch zusätzlich betrachtet zu werden? Diese und vermutlich noch ganz andere Dinge, die wir im Moment zwar vielleicht im Kopf, aber noch nicht auf der Zunge haben, sollen im Podcast Raum bekommen.

Den Anfang in unserer vorerst wohl unregelmäßig erscheinenden Reihe macht Lukas Tank, der bei uns im August 2016 seinen ersten Text veröffentlichte und sich darin mit der Komplexität im Fußball auseinandersetzte. Ein Beitrag, der bereits bei uns in der Redaktion Grundlage für einige spannende Debatten war und bei dem es sich daher aus unserer Sicht anbietet, auch mit dem Autor noch einmal ausführlicher ins Gespräch zu kommen. Allerdings wollen nicht nur wir unsere Gedanken, Ansichten und Meinungen loswerden, sondern auch Eure Fragen mit in die Gesprächsrunde nehmen. Daher unsere Bitte: Schickt uns Eure Fragen an Lukas und/oder seinen Text via Twitter an @120minuten mit dem Hashtag #fussballkomplex.

Die Premierenfolge hört Ihr dann ab 09.08.2016 über den Podcatcher Eurer Wahl. Damit Ihr keine weiteren Folgen verpasst, könnt Ihr den Podcast auch direkt hier (sowie perspektivisch via iTunes) abonnieren. Wir sind gespannt, aufgeregt und neugierig, wo uns das Abenteuer ‘Podcast’ wohl so hin verschlägt und hoffen, Ihr seid dabei, wenn es heißt “120minuten goes Audio!”.

Alex und die 120minuten-Redaktion

Die EM und ich

oder: Über die Sucht

Autor: Alexander Schnarr, nurderfcm.de

In Teil 2 unseres EM-Rückblicks beschreibt Christoph, der in Paris lebt, seine Eindrücke von der Euro vor der Haustür – seine Euro-Notizen könnt ihr hier lesen.

Mein Name ist Alex und ich bin ein Junkie. Ein Fußballjunkie. Und: Ich habe versagt. Gründlich, vollständig und auf ganzer Linie. Ein kritisches, alternatives EM-Tagebuch wollte ich schreiben. Dokumentieren, wie es sich im Schland-Wahn lebt, wenn man versucht, sich dem UEFA-Festival der Unmöglichkeiten, das auch “Fußball-Europameisterschaft 2016” heißt, vollständig zu verweigern. Die Zeit einfach sinnvoll nutzt, anstatt jeden verdammten Abend vor dem Fernseher zu sitzen und sich so illustre Paarungen wie Island-Ungarn anzuschauen. Und nein, ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob es diese Paarung überhaupt gab.

Weiterlesen

Besprechung: “Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten” (Ralf Heck)

Wer Begriffe wie “Gezi-Park” oder “Tahrir-Platz” hört, wird, sofern er oder sie in den letzten Jahren nicht völlig abgeschottet gelebt hat, vermutlich sofort an Konflikte, Ausschreitungen und das Aufbegehren von Menschen gegen die herrschenden Strukturen denken. Was einem tatsächlich aber auch in den Sinn kommen könnte, sind aktive Fußballfans, die bei Protesten wie denen in Istanbul oder Kairo mitunter eine wichtige Rolle gespielt haben. Genau diesen Aspekt beleuchtet Ralf Heck in seinem 2015 in der Zeitschrift “Kosmoprolet” erschienenen, 45seitigen Beitrag und schreibt einleitend:

“Der folgende Text versucht zu erklären, wie dieser oft im besten Fall als völlig unpolitisch oder kommerzabhängig bewertete Akteur [gemeint sind Ultras, AS] entstehen konnte und wie sein Wirken in den Klassenkämpfen einzuschätzen ist. Denn wenn es stimmt, dass wir uns gegenwärtig an der Schwelle zu einer neuen Epoche befinden, dann spricht einiges dafür, dass Teile dieses Milieus in den kommenden Revolten eine Rolle spielen werden.” (S. 159)

Die Wortwahl mag eigen erscheinen, erschließt sich aber über die Zeitschrift, in der der Beitrag veröffentlicht wurde und die am deutlich linken Ende des Medienspektrums einzuordnen ist. Lässt man die so notwendigerweise vorhandene politische Färbung beim Lesen des Textes außen vor, geht es aber vor allem um einen Überblick über die Wurzeln und die Entwicklung der Ultra-Bewegung und eben die Frage, in welcher Weise und Funktion organisierte Fußballfans bei verschiedenen gesellschaftspolitischen Protesten sichtbar wurden.

Dafür sucht Heck zunächst nach Zusammenhängen zwischen der Arbeiterklasse und dem Fußballsport, die sich, wie er anschaulich darstellt, bis ganz an die Anfänge des Spiels am Ausgang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Es schließt sich ein längerer, äußerst aufschlussreicher Abschnitt über die Entwicklung des Hooliganismus in England an, woran bereits früh eine ausgesprochene Stärke des Textes deutlich wird: Sämtliche Ausführungen zur Entstehung bzw. Entwicklung von Phänomenen und Gruppen werden immer zu den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Beziehung gesetzt. Abschnitte wie der nachfolgend zitierte rufen dabei schmerzlich in Erinnerung, dass Aspekte, die man als engagierter Fan heutigentags beklagt, alles andere als neu oder unbekannt sind:

“Ab Mitte der 1970er Jahre nahmen die Auseinandersetzungen zu. Vor allem gegen zu Auswärtsspielen reisende Fans ging die Polizei mit immer größerer Gewalt vor und trug so zu einem aufgeheizten Klima bei. Auch die Medienberichterstattung (viele Zeitungen publizierten Ligatabellen der Fangewalt und befeuerten so einen veritablen Ausschreitungswettbewerb) leistete ihren Beitrag dazu, dass sich immer mehr Jugendliche einer Bewegung anschlossen, bei der ihnen Spaß garantiert war.” (S. 167)

Wie sich Geschichte doch wiederholt…

“Prekäre Arbeiter, Schüler und unbeschäftigte Intellektuelle: Ultras in Italien” lautet dann ein Abschnitt des Textes, der für die heutige Ultra-Bewegung eigentlich Pflichtlektüre sein müsste, was für den nachfolgenden Teil zu “Ultramythen. Gemeinsamkeiten und Grenzen” ebenso gilt. Nicht nur stellt Heck überzeugend dar, aus welchen Beweggründen und vielerorts sicher auch Zugzwängen heraus sich Ultra in Italien entwickelte, er kritisiert vor dieser Hintergrundfolie auch – meines Erachtens zu Recht – bedenkliche Tendenzen, die man heute in so mancher Kurve feststellen kann. So hält er beispielsweise im Zusammenhang mit der gern genommenen und “zum Standardrepertoire gehörende[n] Kritik am passiven, konsumierenden Fan” fest: “Die Kritik verkommt zur Pseudo-Aktivität, wenn der erkämpfte Freiraum in der Kurve nicht Ausgangspunkt einer weitergehenden Revolte wird, sondern selbstreferenziell bleibt und damit im besten Falle an den schlimmsten Auswüchsen der Fußballindustrie herumkrittelt.” (S. 180) Gute Worte, die in der das Thema betreffenden Debatte leider im Schwarz-Weiß-Grundrauschen viel zu selten zu hören sind.

Mit einem (allerdings zur Hinführung notwendigen) ‘Anlauf’ von etwas mehr als 20 Seiten kommt Ralf Heck schließlich zum eigentlich als Kern seines Beitrags angekündigten Teil, in dem er sich mit der Entwicklung der Ultra-Bewegung in Ägypten, mit den “Hippie-Hools vom Gezi-Park” in Instanbul und mit den aktiven Fans in der Ukraine unter dem Titel “Vom Maidan an die Front” auseinandersetzt. Ohne an dieser Stelle bereits zu viel verraten zu wollen, eröffnen die Ausführungen eine spannende Perspektive auf die Rolle dieser Gruppen, die in der ‘regulären’, fußballbezogenen Berichterstattung oft genug nur eindimensional und häufig problembehaftet dargestellt werden und für die in Beiträgen über verschiedene internationale Krisenherde (wie den genannten) häufig genug überhaupt kein Platz ist.

Die Frage, ob die entsprechenden Aktivitäten der Ultras nun als Eigentor oder Aufstand zu beurteilen sind, reflektiert Heck im abschließenden Teil seines Textes. Dem Verfasser gelingt mit dem Beitrag insgesamt und abseits des einschlägigen politischen Vokabulars eine hervorragende Diskussion der eingangs aufgeworfenen Fragestellung, die in jedem Fall zum Nach- und Weiterdenken anregt. “Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten” richtet sich damit an alle, die auch abseits der spieltäglichen Fußballfolklore an Fankultur interessiert sind. Ein großartiger Text, der eine breite Leser*innenschaft verdient.

Ralf Heck (2015): Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten. In: Kosmoprolet, Heft 4, S. 158-203. Bezug über Syndikat-A.

Zur Besprechung des Textes wurde uns vom Autor freundlicherweise ein Exemplar des Heftes zur Verfügung gestellt. (as)

Ökonomie des Fußballs

Dass der Fußball die Massen bewegt, liegt auf der Hand. Dass unser aller Lieblingssport auch allerlei Stoff für interessante wissenschaftliche Fragestellungen und Untersuchungen bietet, mag den einen oder anderen dagegen erstaunen. Justus Haucap mit einer lesenswerten Kolumne für das Onlinemagazin des Stifterverbandes, der man unter anderem entnehmen kann, dass sich die Attraktivität eines Fußballspielers positiv auf sein Gehalt auswirkt und was es mit Big Data im Fußball-Geschäft auf sich hat.

Jetzt lesen!

Buchbesprechung: “Damals auf dem Waldsportplatz…”

Wer an das mittelhessische Gießen denkt, einigermaßen sportbegeistert ist und nicht aus der Gegend kommt, dem werden vermutlich zuerst die BBL-Basketballer der Gießen 46ers einfallen. Mit Fußball bringt man die Stadt – zumindest überregional – nicht unbedingt sofort in Verbindung, und das, obwohl mit dem “ewigen Hessenligisten” VfB 1900 ein ausgewiesener Traditionsverein dort beheimatet ist. Man dribbelte nicht nur von 1951 bis 1982 durchgängig in Hessens höchster Spielklasse (der heutigen 5. Liga) auf, sondern maß sich in dieser Zeit im heimischen Waldstadion auch mit Mannschaften wie dem SV Darmstadt 98 oder dem FSV Frankfurt im Punktspielbetrieb. Uwe Bein (1997-1998) schnürte einst für die Mittelhessen die Töppen, ein gewisser Sonny Kittel begann dort seine fußballerische Ausbildung und mit Matthias Hagner stand 2011/2012 sogar ein Ex-Bundesliga-Spieler als Trainer an der Seitenlinie.

Dass es beim VfB 1900 viel um die Vergangenheit geht, kommt nicht von ungefähr, liegen die großen Zeiten doch deutlich hinter dem Club, heißt die Realität heute Verbandsliga und tragen die Gegner Namen wie FV 09 Breidenbach, TUS Dietkirchen oder TSG Wörsdorf. Derzeit ist man dabei, eine neue und deutlich günstigere Mannschaft aufzubauen als die, die 2015/2016 lange um den Aufstieg in die Hessenliga mitspielte. Der Grund: Ein spürbar kleinerer Etat, nachdem in der Winterpause (mal wieder) Gerüchte über finanzielle Probleme die Runde machten, man sich nunmehr auf die gute Jugendarbeit und Spieler aus der Region mit einem hohen Identifikationspotential konzentrieren wolle.

Um die Fußball-Vergangenheit Gießens im Allgemeinen und die Geschichte des VfB 1900 im Speziellen geht es auch in Christian von Bergs 336 Seiten starken und ausgiebig bebilderten Werk “Damals auf dem Waldsportplatz…”, das deutlich mehr ist als einfach nur eine Chronik über einen Verein, der 1963 Landesmeister war und seit mehr als 30 Jahren versucht, sich auf die überregionale Fußballlandkarte zurück zu arbeiten. Wenn der Autor die Geschichte des schönen Spiels in Gießen bis in die 1950er Jahre nachzeichnet, die Zeit in der Hessenliga ausgiebig würdigt, Hessenauswahl-, Pokal- und Freundschaftsspiele bespricht und den Weg des Clubs nach 1982 aufzeigt, erfährt man immer auch etwas über die Stadtgeschichte, die Form der Sportberichterstattung in den einzelnen Jahrzehnten und darüber, wie eng der Fußballsport auch auf regionaler Ebene mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden sein kann. Von Berg, selbst gebürtiger Gießener, lässt in seine Darstellungen nämlich immer wieder Auszüge aus Spielberichten, Zeitzeugenaussagen und jede Menge Archivmaterial einfließen. Im Zuge der Aufarbeitung der Gießener Fußball- ist damit auch gleich ein äußerst interessantes Buch zur Regionalgeschichte entstanden, indem beispielsweise im über 100 Seiten starken Abschnitt zur Hessenliga-Zeit der Rückblick auf jede Spielzeit stets mit einem kurzen Schwenk darauf beginnt, was in jenem Jahr in Gießen und umzu sonst noch so wichtig war.

In ebenjener Verbindung von Stadt- und Fußballgeschichte liegt dann auch eine der Stärken des Werkes, wodurch es sich von manch anderer ‘reiner’ Vereinschronik deutlich unterscheiden dürfte. Eine andere liegt in der umfangreichen Darstellung des Spielbetriebs zwischen den Kriegen und während der NS-Zeit, über die man nicht nur einen guten Einblick in die Rolle des Sports in diesem eher düsteren Abschnitt der deutschen Geschichte erhält, sondern quasi nebenbei auch noch Wissenswertes darüber lernt, wie die politischen Verhältnisse und das Kriegsgeschehen die Ligenstrukturen und -zusammensetzungen immer wieder durcheinander wirbelten und wie es gerade auch der Fußball war, der den Gießenern nach der schlimmen Zerstörung der Stadt wieder ein wenig Hoffnung, Mut und Zerstreuung gab.

Auch wenn der Autor an der einen oder anderen Stelle etwas zu sehr ins Detail geht und – als Beispiel – der Mehrwert detaillierter Mannschaftsaufstellungen in Anekdoten über einzelne Spielzeiten und Begebenheiten nicht sofort ersichtlich ist, ist das Buch alles in allem interessant geschrieben und bietet auch Leserinnen und Lesern, die möglicherweise nicht aus dem mittelhessischen Raum stammen, ein anregendes Leseerlebnis. Empfohlen sei “Damals auf dem Waldsportplatz…” damit all jenen, die sich für die Entwicklung des Fußballs in Deutschland vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts bis heute interessieren und dabei nicht nur die großen Linien, sondern insbesondere auch den lokalen und regionalen Bereich in den Blick nehmen wollen. Auch Anhänger des Amateurfußballs kommen deutlich auf ihre Kosten, erzählt von Bergs Buch am Beispiel des VfB 1900 Gießen doch die Geschichte und die Entwicklung eines Traditionsvereins mit allen ihren Höhen und Tiefen, wie sie sich so oder so ähnlich mit einiger Sicherheit auch in anderen Regionen zugetragen haben könnte.

“Damals auf dem Waldsportplatz… Der VfB 1900 und der Fußball in Gießen” von Christian von Berg ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet im Hardcover 24,90 €. Bezogen werden kann das Buch unter anderem direkt über die Verlags-Homepage. (as)

Max-Jacob Ost – Mein Fußball-Medien-Menü XII

jacob

Wer sich für Fußball interessiert und gern Podcasts hört, kennt selbstverständlich den Rasenfunk. Und damit auch Max-Jacob Ost, der Woche für Woche als Moderator durch die Sendungen führt, in denen es darum geht, mit gleichermaßen kompetenten wie sympathischen Gästen den jeweils letzten Bundesliga-Spieltag zu besprechen. Auch außerhalb der Podcast-Szene ist Max-Jacob Ost in den Weiten des Internets unterwegs – auf Twitter zum Beispiel oder als Berater für Unternehmen und Agenturen im digitalen Bereich. Mehr Informationen gibt es auf maxost.de.

Max-Jacob Ost

Max-Jacob Ost

Welche Fußballmagazine/Zeitschriften liest Du regelmäßig?

Wie gerne würde ich jetzt schreiben: Der tödliche Pass, Transparent, Ballesterer, The Blizzard, 11Freunde und FourFourTwo. Die Wahrheit ist: Nichts von alledem. Mir entgehen grandiose Geschichten und toller Journalismus. Allein, mir fehlt leider derzeit absolut die Zeit für Zusatzlektüre zum täglichen Pensum. Und inzwischen bin ich so versaut, dass ich alles digital in Armlänge dabei haben muss, sonst wird es nicht konsumiert. 

Für welchen Text, den Du in den vergangenen Wochen gelesen hast, kannst Du eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen?

Das Reboot von Raphael Honigstein ist hervorragend, ich bin gespannt auf die deutsche Übersetzung. Dann habe ich das Privileg, das Erstlingswerk von Tobias Escher (spielverlagerung.de) schon vorab lesen zu dürfen und bin mehr als angetan. 

Wo und wie stößt Du auf lesenswerte Texte?

Twitter und Facebook sind die wichtigsten und einzigen Quellen. Was gut ist, schwimmt in der Timeline so oft vorbei, dass ich es trotz aller anderen Dinge nicht übersehen kann und dann auch gerne schnell weglese. Der Feedreader liegt leider seit Urzeiten brach und selbst blendle hat mein Leseverhalten nicht verändern können. Trotz der wirklich netten Mails, die sie mir immer mit Empfehlungen schicken.

Wie liest Du – am Tablet/Smartphone, am großen Bildschirm oder bist Du ein Internetausdrucker und Printliebhaber?

Eines vorweg: Ich habe Germanistik im Hauptfach studiert und eine große Liebe zu Büchern, am liebsten schön gebunden und nach dem Bücherregal meiner Eltern duftend. Doch diese Begeisterung konnte mit meinem Alltag nicht mehr Schritt halten. Wenn ich nun Zeit für Texte habe, dann meist im Dunkeln wenn nicht nur Smartphone sondern auch meine Zwillinge nur eine Armlänge entfernt sind. Eltern kennen das: Es gibt beim zu Bett bringen irgendwann eine reine Präsenzzeit. Man darf den Raum nicht verlassen, aber Singen oder beruhigend Zureden hält die Kinder mehr wach als es sie zum Schlafen bringt. Das sind für mich die Momente, in denen ich lese. Am Smartphone, in der Kindle-App (weiß auf schwarz, das ist dann nicht zu hell). Etwas traurig zwar, aber besser als im Sitzen einzuschlafen und mit den Kinderbettstäben als Abdruck auf der Stirn wieder aufzuwachen. Auch schon passiert. Mehrmals. 

Welches Fußballbuch kannst Du besonders empfehlen?

Ha! Da habt ihr eine Büchse der Pandora geöffnet. Was viele nicht wissen, weil es eigentlich auch nicht interessant ist, ich habe meine Magisterarbeit zum Fußball in der deutschsprachigen Literatur nach der WM 2006 verfasst. Dafür durfte ich mich in Primärliteratur wälzen und das habe ich voll ausgekostet. Fast unmöglich, sich hier zu beschränken, aber ich versuche es. Meine Top 5:

Otto A. Böhmer: Wenn die Eintracht spielt

Wer den Fußball als literarisches Objekt erlesen möchte, muss zu Böhmer greifen. Handke, Ror Wolff, Friedrich Christian Delius, alles schön und gut. Bei ihnen allen stört mich aber, dass der Metapherraum des Fußballs nur oberflächlich genutzt wird. Selbst Handke kratzt da meiner Meinung nach nur recht offensichtlich an der Schale. Böhmer hat mich dagegen bei jeder Lektüre gepackt. Der Fußball spielt hier eine literarische Rolle und das auf vielen Ebenen. Keine Ahnung, warum sonst nie jemand von diesem Buch spricht. Ich finde es grandios und habe es schon mehrmals verschenkt. 

Thomas Brussig: Schiedsrichter Fertig

Fast in einer Liga mit der Bedeutungstiefe von Böhmer, aber ein bisschen mehr auf die zwölf was die Metaphorik angeht. Die Bezüge zum Fußball sind leicht erkennbar und machen Spaß. Trotzdem sind sie nicht trivial und brechen manchmal andere Themenfelder auf. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Bezüge zur Kindheit des Protagonisten und seinem Hausmeister im Stile eines Blockwarts. Tolles Stück Literatur. 

Bönt, Ostermaier, Rinke (Hg.): Titelkampf. Geschichten der deutschen Autoren-Nationalmannschaft

Eine Anthologie ist immer nur so gut wie ihr schlechtester Text. Hat Reich-Ranicki mal gesagt und dann ist das halt so. In diesem Fall nicht besonders schlimm, denn die Texte in diesem Buch sind gleichzeitig grundverschieden und großartig. Ich hab mich in einzelne von ihnen regelrecht verliebt, nur um mich Wochen später von den alten Lieblingen zu trennen und andere noch toller zu finden. 

Ronald Reng: Robert Enke

Was könnte man an aktueller Fußballliteratur alles nennen. Doch keinem Werk täte ich mehr Unrecht, indem ich es hier nicht auflistete. Beeindruckend, bewegend, wunderbar formuliert. Man steht staunend da, schluckt den Klos im Hals herunter und dankt dem Schicksal dafür, dass einer der besten Schreiberlinge intime Einblicke in eines der tragischsten Schicksale des modernen Fußballs hatte. Alles um den Tod Robert Enkes ist unfassbar und das bleibt es auch – doch es wird begreifbarer durch dieses Buch. Wichtiger noch, es regt zum Nachdenken an und schärft den Blick für die eigene Umwelt. Und damit kann aus dieser Tragödie doch noch etwas Gutes entstehen.

Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell

Wenige haben meiner Meinung nach den Fußball gedanklich so durchdrungen wie Theweleit im Tor zur Welt. Er stellt kluge Querverbindungen zu Kultur, Geschichte und Soziologie her und hebt trotzdem nie ab. Eigentlich kaum zu glauben, dass das geht. Ich habe genügend abgehobene Pamphlete für meine Magisterarbeit lesen müssen, um dieses Buch gerade für seine Einfachheit zu lieben. Schaue immer noch gerne, aber viel zu selten, rein.

Welche Fußball-Podcasts verfolgst Du regelmäßig?

Wieviel Platz haben wir? Ich dürfte inzwischen als Podcast-Süchtiger bekannt sein. Im Tribünengespräch habe ich mal ein paar vorgestellt, die Rasenfunk-Podroll wächst wöchentlich. Machen wir es so: Ich öffne Pocket Casts und nenne diejenigen, in die ich in den letzten vier Wochen mindestens einmal reingehört habe. Was ich nicht empfehlen würde, lasse ich weg:

  • Textilvergehen
  • Reingemacht
  • Football weekly
  • Sportradio360
  • Erfolgsfans
  • Damenwahl
  • Millernton
  • Analytics FC Podcast
  • Bohndesliga
  • Eintracht Frankfurt Podcast
  • Mia san Rot
  • Auf die Zirbelnuss
  • Collinas Erben
  • Glückauf Pils Podcast

Sorry an alle, die ich hier nicht nennen konnte. Hatte nicht mehr Zeit.

Schaust Du noch die Sportschau, um Dich über den Spieltag zu informieren?

Als Ergänzung zur Vorbereitung auf die Rasenfunk Schlusskonferenz immer mal wieder, da ich von Spielen, die ich nicht über die vollen 90 Minuten gesehen habe, gerne mehr als eine Zusammenfassung sehe. Und immer wieder zieht es ein ganz klein wenig links in der Brust und ich wünsche mir, noch einmal wie früher alle Radios und Informationsquellen zu meiden und eine Sportschau zu sehen ohne die Ergebnisse zu kennen. Einmal wieder 12 sein. Wäre toll, ist aber dann doch nicht durchzuhalten.

Welche Website, welchen Podcast, welches Magazin kannst Du abseits des Fußballs empfehlen?

Bewegtbild: 

Youtube: Last Week Tonight, The Late Show with Stephen Colbert, David Hain, Fynn Kliemann (derzeit Favorit), LeFloid, Marie Meimberg, Patrick Wollny

TV: RocketbeansTV, Neo Magazin Royale, Die Anstalt

Netflix: Brooklyn Nine Nine war die Entdeckung des letzten Monats

Generell bin ich sehr dankbar für vieles, was Correctiv.org macht und stalke ein paar Journalisten wie den @hatr.

Der Slackbot schickt mir außerdem tolle Tech- und Digitalnews, die bei Reddit, Hacker News o.Ä. viele Upvotes in kurzer Zeit kriegen (via Fastvoted https://fastvoted.com/?ref=producthunt). Und einmal am Tag kommt das Producthunt Update, durch das ich mich so gerne klicke. 

Podcasts:

  • Gästeliste Geisterbahn
  • Sanft und Sorgfältig
  • Die Medien Kuh
  • Reply All
  • The Mystery Show
  • Online Marketing Rockstars
  • Radio Nukular
  • Startup
  • Täter gesucht / Wer hat Burak erschossen / Serial

In der Kategorie “Mein Fußball-Medien-Menü” fragen wir Fußballer und Fußballbegeisterte, Sportjournalisten und -autoren nach ihren persönlichen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten zum Thema Fußball. Die Idee dazu entstand unübersehbar in Anlehnung an Christoph Kochs Medien-Menü, das inzwischen bei den Krautreportern zu finden ist.


Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn… Weiterlesen

0 comments

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR… Weiterlesen

0 comments

Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf… Weiterlesen

2 comments

Teaserbild: B O O K by RkRao via flickr – CC BY 2.0

Buchbesprechung: Werner Skrentny – Es war einmal ein Stadion – Verschwundene Kultstätten des Fußballs

“Es war einmal…” – so beginnen ja in aller Regel Märchen. Als bekennender Stadionnostalgiker, der gern auch mal eine Stadtliga-Partie verfolgt, nur weil die Anlage, auf der sie stattfindet, schon etliche Fußball-Jahrzehnte auf dem Buckel hat, würde ich auch das von Werner Skrentny vorgelegte Werk durchaus als Märchenbuch bezeichnen. Es bezeugt – wie bereits der Untertitel verrät – ehemalige Spielstätten, auf denen Fußballgeschichte(n) geschrieben wurde(n), und das auf eine Art und Weise, die die geneigte Leserschaft eintauchen lässt in das Berlin der 30er oder das Essen und Neubrandenburg der 50er Jahre. Auch Arenen, die erst vor relativ kurzer Zeit neuen Wohnungen (Bökelberg-Stadion/Mönchengladbach) weichen mussten und/oder zugunsten eines Stadionneubaus anderswo aufgegeben wurden (Jahnstadion/Regensburg), sind im Buch zu finden; neben allerlei Detailinformationen zur Stadiongeschichte sind die einzelnen Beiträge stets garniert mit zeitgeschichtlichen Einordnungen, sporthistorischen Anekdoten und: jeder Menge Bildmaterial.

Das Buch kommt dabei auch optisch eindrucksvoll daher: Hardcover, A4-Format, bunter Einband, 176 Seiten, dreispaltiger Text. Jener zeugt von viel Herzblut, akribischer Recherchearbeit und einer großen Leidenschaft für die ehemaligen Anlagen. Ein besonderer Mehrwert des Bandes besteht darin, dass sich in den nach Städten sortierten Beiträgen nicht nur bekannte Spielstätten wie das Berliner “Stadion der Weltjugend” wiederfinden, sondern (vorher zumindest mir) unbekannte Orte wie der VfR-Platz an der Hammer Landstraße in Neuss oder der Sportplatz am Gaskessel in Stuttgart. “Es war einmal ein Stadion” leistet damit einen ganz wichtigen Beitrag zum Erhalt der Fußballkultur, die bekanntermaßen ja nicht in der Bewahrung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers besteht. So schreibt Skrentny denn auch im Vorwort: “Doch war dieses Buchprojekt auch Anlass, anderswo nachzusehen, wo weniger bekannte Spielstätten identitätsstiftende Wirkung hatten und geografische Landmarken darstellten.”

Das Werk besteht insgesamt aus zwei Teilen, wobei sich der Anhang noch einmal in vier eigene Abschnitte untergliedert: Neben verschwundenen Spielstätten von Aachen bis Zwickau auf den ersten 135 Seiten findet man im besagten Anhang weitere Arenen, die heute verschwunden sind und solche, bei denen am selben Ort neue Spielstätten entstanden. Noch einmal deutlich höher schlägt das Stadionnostalgiker-Herz zum Ende des Buches, wenn man nach reichlich Fußball-Geschichte bei den “legendären Holztribünen” angekommen ist, die in ‘noch vorhanden’ und ‘inzwischen verschwunden’ eingeteilt werden.

Doch, “Es war einmal ein Stadion” ist ein Buch, in dem man sich verlieren kann. Fußballhistoriker*innen ist es ebenso zu empfehlen wie dem ganz normalen Fan, der sich für die Wurzeln des Fußballsports seiner Heimatstadt bzw. die ehemalige(n) Spielstätte(n) seines Herzensvereins interessiert oder der Anhängerin der guten, alten Fußballkultur, deren Blick über Multifunktionsarenen und Baukastenstadien hinausgeht und für die ein Kaltgetränk und eine Bratwurst im Leipziger Fortuna-Sportpark oder im Nobiskrug zu Rendsburg ebenso zu einem gelungenen Fußballnachmittag gehören können wie der Besuch in der hypermodernen <Hier Sponsorennamen einfügen>-Arena in München, Hamburg oder Dortmund. Kurzum: “Es war einmal ein Stadion” ist ein hervorragendes Werk, was in keinem fußball-affinen Bücherregal fehlen sollte.

Autor: Alexander Schnarr

Werner Skrentny: Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs.
176 Seiten, Format A4, gebunden
ISBN 978-3-7307-0192-8
Preis: 24,90 Euro
Erschienen im Verlag Die Werkstatt

Weiterlesen – unsere aktuellen Longreads:

Der Untergang des Orient

oder: Warum Leyton Orient erst einen dramatischen Absturz hinlegte und nun doch auf eine bessere Zukunft hofft Wohl selten gab es im Fußball einen solchen Absturz zu sehen, wie ihn… Weiterlesen

0 comments

Das vergessene Wunderteam

Es gibt Geschichten, die sind fast schon zu kitschig, um wirklich wahr zu sein. Diese hier handelt von einer Handvoll Jungs, Jahrgang 1940, die zusammen in der noch jungen DDR… Weiterlesen

0 comments

Bekämpft der DFB die Meinungsfreiheit?

Gesänge, Blockfahnen, Spruchbänder und Doppelhalter – seit jeher gehören diese und noch einige weitere Utensilien fest zur Fankultur in deutschen Stadien. Meist kreativ, manchmal daneben, häufig lustig, eigentlich immer auf… Weiterlesen

2 comments